Als ich in den frühen 1980er Jahren anfing, mich für Dub zu interessieren, war es genau diese Musik, die auf meinem Plattenteller landete: saubere, technisch perfekte Channel One-Produktionen der Revolutionaries mit Sly & Robbie an Drum & Bass. Das verdarb mich für alle Zeiten, denn hinter diese Perfektion konnte und wollte ich nicht zurück fallen. Deshalb haben mich die – und seien sie noch so genial – Tubby-Produktionen früherer Jahre nie richtig begeistern können. Alles, was an Dub aus dem Studio der Hookims kam, war mir heilig. Das Album „ Dial M For Murder – In Dub Style“ (Pressure Sounds) ging damals zwar unbemerkt an mir vorbei (vielleicht war der Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, 1980, doch etwas zu früh), der Sound jedoch ist mir bestens vertraut und weckt schönste Erinnerungen. Aufgenommen wurde das Album 1979/1980 vom Recording Engineer Bunny Tom Tom und dem Produzenten Phil Pratt. Neben Sly & Robbie sind Rad Brian an der Gitarre, Bobby Kalphat und Ansell Collins an Keyboard und Klavier sowie Tommy McCook & Herman Marquis als Bläser-Sektion zu hören. Es gibt nur ganz selten Gesangsfragmente, weshalb es schwer fällt, die Originalaufnahmen zu identifizieren. Bei den vier Bonus-Tracks sieht es da schon anders aus. Hier sind unverkennbar Big Youth mit „Keep Your Dread“, I-Roy mit „My Food Is Ration“, Roman Steward mit „Fire At My Heel“ sowie Ken Boothe mit „Who Gets Your Love“ auszumachen. Natürlich war „Dial M …“, wie alle Rereleases von Pressure Sounds, als Vinyl-Scheibe äußerst rar und begehrt. Nun ist es als MP3-Download zu haben – und dadurch kein bisschen schlechter.
Okay, hier haben wir es mit einer etwas komplizierteren Angelegenheit zu tun. Im Mittelpunkt steht Bill Laswell. 2007 gründete er das Projekt „Methods Of Defiance“ (MOD), in dessen Rahmen er mit wechselnden Musikern mehrere Alben aufnahm. Im Oktober 2010 erschien (von mir gänzlich unbemerkt) das Album „Jahbulon“, eine Mischung aus Rock, Elektronik, Dub und Reggae mit dem aus „Word Sound“-Zeiten bekannten Vokalisten Dr. Israel. Einen Monat später veröffentlichte Laswell das Album „Incunabula“, das Jazz-Musiker wie Toshinori Kondo und Herbie Hancock mit Dub zusammen brachte. Nun liegt das Album „Dub Arcanum Arcandrum“ (M.O.D.-Technologies) vor – ein Remix der beiden erstgenannten. Alles klar? Gut. Logisch, dass wir es hier mit keinem gewöhnlichen Dub-Album zu tun haben, sondern eher mit einem Experiment, dessen Ausgang noch ungeklärt ist. Als Remixer hat Laswell jedenfalls zwei Überraschungsgäste rekrutiert: Scientist, der gleich zwei Stücke verdubben durfte (ein Stück sogar in zwei Versionen) und Mad Professor, der sich einen einzigen Track vorknöpfte. Der Rest der 12 Tracks wurde von Laswell himself, MRC Riddims, Dr. Israel und Perdurabo 6 durch den Dub-Wolf gedreht. Man mag es kaum glauben, aber das Ganze klingt ziemlich deutlich nach Reggae und ist in diesem Sinne echter, wahrhafter Dub, oft mit schönen, definierten Basslines und prägnanten Off-Beats. Wer hätte das erwartet? Die Tracks der beiden Promi-Remixer sind gut, stechen aber nicht besonders hervor – obwohl sich der Mad Professor schon ein seltsames Stück ausgewählt hat, das streckenweise ziemlich an seinen Massive-Attack-Remix erinnert. Insgesamt also ein interessantes Dub-Album, das mit Überraschungen nicht geizt und trotzdem mit einem Fuß stets auf bekanntem Terrain bleibt. So soll es sein.
Der Name „Roommate“ war mir gänzlich unbekannt – bis ich das Album „Studio Dub Transmissions“ (Avocaudio) entdeckte und sofort davon hingerissen war. Ich glaube, um etwas zu mögen, bedarf es stets eines ausgewogenen Verhältnisses von Bekanntem und Neuem. Überwiegt das Bekannte, so wird es schnell langweilig, überwiegt hingegen das Neue, so erscheint es zuweilen unzugänglich. Was als bekannt und was als neu gelten darf, ist von der persönlichen Erfahrung abhängig. In meinem Fall trifft Roommate das perfekte Verhältnis. Seine Musik liegt genau am Treffpunkt von klassischem Reggae-Dub und Dubstep, so dass sich hier Altbekanntes und Vertrautes wunderbar mit neuen Einflüssen mischt. Jedes Genre für sich genommen wäre vielleicht nicht der Rede wert, aber die so perfekt ausgeklügelte Mischung der beiden ist hoch interessant. Wobei zu erwähnen ist, dass die Qualität des Albums nicht lediglich aus der (sehr nahe liegenden und trotzdem bisher kaum umgesetzten) Idee entspringt, Dub und Dubstep zu mischen. Die Qualität liegt vielmehr auch in der handwerklichen Meisterschaft, dies so überzeugend zu tun. Bei Justin McCauley (aka Roommate) handelt es sich nämlich ganz offensichtlich nicht um ein Dubstep-Kid mit Computerkenntnissen, das sich ein paar Tubby-Alben heruntergeladen hat. Im Gegenteil: den „Studio Dub Transmissions“ ist in jedem Beat anzuhören, dass ihr Schöpfer über eine fundamentale Reggae-Ausbildung verfügt und ein phänomenales Gespür für Sound und Timing besitzt. Dub-Puristen sei also die Sorge genommen, es hier mit stupidem Dubstep-Gewummere zu tun zu bekommen. Weder dies noch altgedienten UK-Steppers gibt es hier zu hören. Die „Studio Dub Transmissions“ sind in jeder Hinsicht frisch und innovativ, stecken voller Ideen, ohne experimentell, verkopft oder abgehoben zu sein. Es ist Musik für Bauch und Kopf gleichermaßen (wobei ein wacher Geist einem zugekifften vorzuziehen ist). Musik, die Dub-Hörgewohnheiten geschickt bedient, nur um sie zugleich sanft herauszufordern. Das Ergebnis ist ein innovatives, schönes Album, das man immer dann auflegt, wenn es um mehr als bloße Hintergrundbeschallung des Alltags geht.
Auch andere Reggae-Protagonisten scheint es zu wurmen, am Erfolg des Dubstep nicht richtig teilzuhaben. Daher dachte man sich bei Greensleeves (bzw. VP), man könne doch das wiederholen, was sich früher schon bei Jungle bewährt hat: Reggae-Tunes einfach mal im angesagten Stil remixen lassen. Und schon finden sich Busy Signal, Ding Dong, Mavado, Vybz Kartel, aber auch Veteranen wie Yellowman, Admiral Baily oder Barrington Levy im falschen Kontext wieder. Was Roommate bravourös meistert (s. o.), nämlich Reggae und Dubstep kongenial zu verbinden, wirkt auf dem Greensleevs-Sampler schematisch, lieblos und unpassend. Letztlich haben wir es hier mit reinen Dubstep-Produktionen zu tun, die meist lediglich Fragmente der originalen Reggae-Vocals als Dekoration benutzen. Heraus kommt also die Kombination eines sterilen Bass-Wummer-Beats mit, zu hektischem Staccato zerschnippelten, Dancehall-Vocals. Nicht wirklich spannend. Allerdings gibt es Ausnahmen: Die Uptempo-Dubstep-Interpretation Yellowmans „ Zungguzungguguzungguzeng“ aus dem Studio der Housepower Productions ist schon reichlich abgefahren, während der V.I.V.E.K.-Remix von Johnny Osbournes „Fally Ranking“ vertraut dubbig klingt. Aber damit rettet man nicht ein ganzes Album. Während Roommate das Beste beider Welten zu etwas Neuem zusammen fügte, hat Greensleeves ein Hybrid geschaffen, in dem die Bestandteile der Genres unvermittelt nebeneinender stehen bleiben. Das wird voraussichtlich weder Freunde des Reggae noch Dubstep-Fans überzeugen können.
Auch der Mad Professor hat etwas zum Thema Dubstep zu sagen: „The Roots Of Dubstep“ (Ariwa) heißt sein neues Album. Mich erinnert der Titel frappierend an die „Bruce Lee“-Filme, die früher im Bahnhofskino liefen, mit Bruce Lee aber so viel zu tun hatten wie Dub mit deutschen Wanderliedern. Denn was der verrückte Professor hier präsentiert, ist 100% Reggae-Dub und 0% Dubstep. Schon klar, was Neil Fraser den Lononder Dubstep-Kids mit diesem Titel auf den Weg geben will: „Hey, ihr unwissenden Dubstep-Junkies, ihr Verehrer eines zu unrecht erfolgreichen Wummer-Sounds, der die Bezeichnung „Musik“ nicht verdient. Ihr haltet euren Krach für cool und innovativ, während Reggae für euch die Musik von vorgestern ist, die eure total uncoolen Eltern gut finden. Wisst ihr eigentlich, wo euer „Dubstep“ her kommt? Wisst ihr, dass euer „Dubstep“ nicht denkbar wäre, ohne die Musik, die früher, hier im UK, einmal sehr cool war? Dass euer „Dubstep“ – mit anderen Worten – eine degenerierte Abspaltung von einer wahren, guten und schönen Musik ist, die sich Dub nennt? Hört her, das hier ist die Wurzel von „Dubstep“!“ Recht hat der Mann, aber er erliegt einer Illusion, wenn er glaubt, dass jene Dubstep-Kids nur einmal Dub zu hören bräuchten, um solchermaßen erleuchtet dem Dubstep abzuschwören und fortan ihr Taschengeld in den Ariwa-Back-Katalog zu investieren. Es frustriert zweifelsohne zu sehen, dass sich Dubstep ordentlich verkauft, während die eigene Musik keine Abnehmer mehr findet und ein Reggae-Dealer nach dem anderen die Tore schließt. Aber diese ungerechte Welt bekehrt man nicht, indem man unverändert das tut, was man schon immer tat. Hier bräuchte es neue Ideen, neue Konzepte, mehr Kreativität. Etikettenschwindel ist sicher keine Lösung (auch wenn das Album – unter uns gesagt – als klassisches Dub-Album, gar nicht so schlecht ist).






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