Violinbwoy: Død

Dunkel, düster, Violinbwoy – bedrohlicher können Dubs nicht klingen, als die Werke dieses polnischen Dubheads. Schwer, zäh und bassgewaltig ist sein Steppers-Sound. Dubstep lässt grüßen. Wer nicht ohnehin schon zu Depressionen neigt, der höre sich sein Album „Død“ (Moonshine Recordings) an. Ist es nötig zu erwähnen, dass „Død“, „Tod“ bedeutet? Könnte – laut Wikipedia – aber auch die Abkürzung von „Dance of Dead“ oder „Dance or Die“ sein. Egal, passt alles gleich gut. Der Violinenjunge trägt seinen Namen übrigens nicht zu unrecht, da er tatsächlich das Violinenspiel studiert hat und nun statt Debussy lieber Dub spielt. Und auf dem Titelstück „Død“ ist tatsächlich seine Violine zu hören, eine traurige Melodie spielend. Passt kongenial zur niederschmetternden Bassschwere. Hätte Violinbwoy durchaus öfter bringen können. Ansonsten setzt er lieber auf exotische Samples, Sirenen und Dub Poetry oder auch mal richtig schönem Gesang, z. B. von Marina P oder Dan I. So gelingt ihm ein besonders Kunststück: dem nicht gerade innovationsfreudigen Genre „Steppers“ eine neue Seite abzugewinnen.

Victor Rice: Smoke

Okay okay, ich weiß: Nicht alles ist Dub. Auch nicht alles, was instrumental daher kommt. Aber dieses Album hier ist sooo gut, dass ich es erwähnen muss: „Smoke“ (Easy Star) von Victor Rice zumal Victor im Genre des Dub ein ausgesprochen gern gesehener Dub-Remixer ist. So haben u.a. auch schon die Senior All Stars, Dub Spencer & Trance Hill, Dubblestandart, Easy Star All-Stars und selbst Dubmatix auf seine Skills zurück gegriffen. Doch so viel der New Yorker, der seit mehr als 15 Jahren in Brasilien lebt, auch remixed und gedubbt haben mag, so wenig produziert er Musik unter seinem eigenen Namen. Sein neues Album ist erst das dritte in seiner über zwanzigjährigen Karriere. Wer sich so viel Zeit lässt, muss entweder faul oder Perfektionist sein. Ich glaube, letzteres ist der Fall, denn bei „Smoke“ gibt es keine einzige schwache Note. Es ist vielleicht die beste Fusion aus Reggae und Jazz der neueren Zeitrechnung, die mir bisher zu Ohren gekommen ist. Um präziser zu sein: eigentlich handelt es sich um Ska und „Samba-Rock“, eine sehr jazzige Form brasilianischer Pop-Musik aus den 1960er Jahren. Das gibt die Struktur vor: Ska-Offbeats legen die steady Basis für darüber frei flottierende Jazz-Groves, für schwadronierende Bläser-Melodien und funkiges Orgelspiel. Der Kontrast zwischen dem steifen Beat einerseits und dem freien Spiel der Melodie-Instrumente andererseits macht den unvergleichlichen Reiz aus. Alles ist natürlich glasklar produziert und virtuos gemischt. Äh, eines muss sicherheitshalber aber noch gesagt sein: Der Bass steht hier nicht in der ersten Reihe. Wer damit leben kann, sollte sich von Victor Rice mal mit ein wenig Smoke die Bass-verklebten Ohren durchpusten lassen. Tut richtig gut.

The Frightnrs: More to Say Versions

Letztes Jahr haben uns die Frightnrs mit ihrem Retro-Rocksteady-Album „Nothing More to Say“ überrascht. Jetzt schieben sie mit „More to Say Versions“ (Daptone Records) das Dub-Pendant nach. Dub-Pendant? Die Band aus Queens verwendet ja ganz bescheiden den Terminus „Versions“, was die Sache eigentlich ganz gut trifft, denn Produzent Victor „Ticklah“ Axelrod, ist hier äußerst behutsam zu Werke gegangen – genau so, wie man es von originalen Treasure Isle- oder Studio One-Dub-Releases kennt. Da jene Aufnahmen auf wenigen Spuren entstanden, waren virtuose Dub-Effekte ohnehin nicht möglich. Ticklah hat dem Rechnung getragen und beschränkt sich meist auf das Abschalten des Gesangs, die Reduktion auf Drum & Bass und natürlich auf Hall-Effekte. Nur wenn man ganz genau hin hört, fallen weitere liebevolle Details auf, wie z. B. das ganz leise Durchscheinen der Gesangsspur, wie es früher bei Bandaufnahmen unvermeidlich war. Wir haben es sowohl beim Original, als auch bei den Versions nicht mit einem eklektizistischen Zitat zu tun, sondern mit astreinen Retro-Produktionen. Hier geht es nicht um Brechung und Neuinterpretation, sondern um Reproduktion und Hommage. Mir gefällt’s trotzdem.

Sly and Robbie Meet Dubmatix: Overdubbed

Und schon wieder ein neues Sly & Robbie-Dub-Album. Aber was für eines! Nach den vielen Enttäuschungen der letzten Jahre, in denen Sly & Robbie irgendwie seelenlose Werke abgeliefert hatten, kommt nun das Altersmeisterwerk der Rhythm Twins! Oder? Tja, die Sache ist komplexer. Denn obwohl Sly Dunbar und Robbie Shakespeare vielleicht die aktuell größten (lebenden) Namen des Reggae sind, besitzen sie meist keine künstlerische Kontrolle über ihre Werke. So verrückt es klingt: nach fast fünfzig Jahren im Geschäft, sind die beiden immer noch bescheidene Dienstleister, die einem Produzenten genau das liefern, wofür er sie bezahlt: Drum & Bass. Den Rest bestimmt der Produzent. Und wenn dabei schließlich ein uninspiriertes Dub-Album heraus kommt, dann ist das gewiss nicht die Schuld der beiden Lieferanten. Dumm nur, dass diese mittelmäßigen Alben unter ihren Namen vermarktet werden und damit der „Marke Sky & Robbie“ nachhaltig schaden. Genau darin besteht die Irreführung: Ein Sly & Robbie-Album ist nur zu einem geringen Teil Sly & Robbie. Statt brav abzuliefern, hätten die beiden längst die künstlerische Kontrolle über ihr Werk übernehmen müssen und nur noch echte „Autorenalben“ veröffentlich dürfen – so wie es z. B. Bob Marley vor ihnen getan hat.

Wie um diese These zu belegen, hat Dubmatix nun dieses – soviel sei vorab gesagt – exquisite Sly & Robbie-Album produziert. Er führt damit unter Laborbedingungen vor, welch absolut bestimmenden Einfluss der Produzent besitzt und wie sehr er die Verantwortung dafür trägt, ob die Rhythms der Rhythm-Twins in Form wunderschöner Musik erstrahlen – oder als Langweiler verrecken. Oder, um es einmal bildlich auszudrücken, ob aus dem Rohdiamant der Beiden mittels Schliff und Fassung ein echtes Schmuckstück wird oder bloß Klunker. „It’s Sly & Robbie – two of the most accomplished, integral and forward-thinking drum and bass duos in history – I was honoured and really eager to have the opportunity to work with their music and see where I could take what they had already recorded and alter it as much, as possible.“, fasst Dubmatix das Konzept seines neuen Albums zusammen. Es trägt den vielsagenden Titel: „Sly & Robbie meet Dubmatix: Overdubbed“ (Echo Beach). Welch banal-genialer Titel, bringt er das Konzept doch perfekt auf den Punkt: Dubmatix ist NICHT mit Sly & Robbie ins Studio gegangen, sondern hat auf ältere Aufnahmen der Beiden zurück gegriffen und hat sie anschließend ebenfalls NICHT nur neu gedubmixt, sondern alles um die Drum & Bass-Spuren herum neu aufgenommen: „The first thing I did was NOT to listen to the tracks. I loaded up only the drums, bass and some of the percussion parts. It was like having a blank slate. The next step was to look at each track individually and think about where I could take it. As they had already been released as dub tracks I didn’t want to re-hash. I wanted to create something unique from each song. When you listen to the album, all 11 songs are different in sound, texture and style. That was intentional. What started out as a Re-Vision became something else entirely“, erklärt der kanadische Dub-Meister. Und jetzt kommt der Clou, weshalb es sich gelohnt hat, diese übermäßig lange Rezension bis hier hin zu lesen: Nach intensiver, investigativer Recherche ist es mir gelungen, die ursprünglichen Dub-Alben zu identifizieren, die Dubmatix erwähnt hat. Es sind: „Blackwood Dub“ (2012) und „Underwater Dub“ (2014). Damit beginnt der Spaß, denn wer sich nun die einzelnen Titel im Vergleich anhört, erkennt schlagartig den Wahrheitsgehalt meiner Eingangsthese: Zwei Mal das identische Spiel der Rhythm-Twins, doch musikalisch grundverschiedene Ergebnisse. Was 2012 und 2014 zwar „in handwerklicher Perfektion“ (wie ich damals schrieb) geboten wurde, aber letztlich blutleer blieb, dem haucht Dubmatix nun ein, was vorher fehlte: Eine Seele. Was ursprünglich vielleicht an drei Tagen routiniert runter produziert worden war, wurde nun Gegenstand einer ausgiebigen, künstlerischen Auseinandersetzung. Mit verschiedenen Musikern und stets neuen Ideen, nahm sich Dubmatix jedes einzelnen Tracks an, fügte gelegentlich sogar eine Gesangsspur hinzu und kreierte ein Album, das viel mehr ist als ein „Overdub“: Ein originäres Dub-Werk, das zeigt, wie der Diamant „Sly & Robbie“ noch immer zu funkeln vermag. „Sly and Robbie Meet Dubmatix“ erscheint heute, am 19. Januar 2018, und wird – so viel steht jetzt schon fest – das beste Dub-Album des Jahres.

Interessantes Interview mit Dubmatix über die Hintergründe von »Overdubbed«.

 

Frenchie & The Maximum Sound All Stars: Black Star Dub

Vor zwölf Jahren erschien Anthony Bs Album „Black Star“ auf Greensleeves. Nun begegnet mir plötzlich „Black Star Dub“ (Maximum Sound) von Frenchie & The Maximum Sound All Stars als digitales Release und ich frage mich, warum, um alles in der Welt, hat Frenchie damit zwölf Jahre gewartet? Die Rhythm-Basis ist fantastisch, die Produktionen – wie bei Maximum Sound gewohnt – absolut hochwertig und der Mix (von Russ D.) ist ebenfalls gut. Besonders geflasht hat mich „Sell out Dub“ auf der Basis von Aswads unglaublichem „Warrior’s Charge“ oder auch „Black History Dub“, ein lupenreiner Ska-Tune, hier im verfeinerten Dub-Remix. Überhaupt bediente sich Frenchie hier einiger Riddim-Klassiker wie z. B. Ini Kamozes „World a Music“, was ja generell den Unterhaltungswert von Dub-Alben nicht selten steigert. Also: Mein Tipp der Woche.

Dub Syndicate: Displaced Masters

Und da sind sie wieder: Die neuen On-U-Sound-Rereleases. Nachdem im letzten Jahr das Erbe von African Head Charge schick aufbereitet wurde, ist jetzt der frühe Back-Katalog des Dub Syndicates dran. Er umfasst folgende vier Studioalben: „The Pounding System“, „One Way System“, „North of the River Thames“ und „Tunes from the Missing Channel“. Als Bonus gibt es interessantes, bisher unveröffentlichtes Material, zusammengefasst auf einem fünften Album unter dem Titel: Dub Syndicate, „Displaced Masters“ (On-U Sound). Ziemlich minimalistische Aufnahmen, die aber gerade wegen ihres Unvollendetseins einen besonders rauen Charme besitzen und einmal mehr beweisen, wie weit Adrian Sherwood mit seinem On-U Sound der Zeit voraus war. Alle fünf Alben gibt es natürlich perfekt remastert und mit ausführlichen Linernotes als prächtige Vinyl-Releases und als CDs – letztere auch als 5-CD-Box mit extra-schönem Booklet. Wer auf das physische Objekt in der Sammlung verzichten kann, hört die Alben per Stream – muss dann aber auch auf den interessanten Lesestoff verzichten.

Meine Dub-Top Ten 2017

1. Lee Scratch Perry & Subatomic Sound System: Super Ape Returns to Conquer
2. Mad Professor Meets Jah9: In the Midst of the Storm
3. Irievibrations: Dub Station
4. International Observer: Escape From the Dungeons of Dub
5. Various: King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3
6. Zion Train: Versions
7. Riddim Research Lab: Research Programm #1
8. Dub’Ozone: From Root to Roots Dub
9. Violinbwoy: Død
10. The Frightnrs: More to Say Versions

Umberto Echo: Oneness in Dub

Anfang des Jahres feierte das Münchner Label Oneness Records mit einem hübschen Sampler („10 Years“) sein zehnjähriges Jubiläum. Nun wird die Party gedubbt: Umberto Echo, „Oneness in Dub“ (Oneness Records). Umberto hat hier ein Heimspiel und bedient sich großzügig beim Rhythm-Buffet. Darauf hat Oneness natürlich vor allem exquisiten, modernen Roots angerichtet, oft mit ebenfalls exquisiten Vocal-Artists on top: Luciano, Junior Kelly, Morgan Heritage, Sizzla, Jahcoustix, Sara Lugo, Iba Mahr oder Mark Wonder. Klingt nach einem Festschmaus. Den Teller also mit 12 Tracks schön voll gepackt und dann: Irgendwie fehlt das Salz. Natürlich dubbt Umberto Echo in vollen Zügen, garniert, arrangiert, sortiert und mischt, aber die Geschmacksexplosion bleibt aus. Super dichte, knackige Produktionen und Dubbing wie aus dem Schulbuch reichen offenbar nicht, um spannende Dubs hervor zu bringen. Außerdem fehlt das, was die Dub-Alben von Umberto Echo stets ausgemacht haben: Stilistische Vielfalt. Auf „The Name of the Dub“ und „Elevator Dubs“ bediente er sich einer Vielzahl an Quellen. Jeder Track ein anderer Sound, das wurde fast zum Markenzeichen des Münchners. Nun erleben wir das genaue Gegenteil: 21 vollkommen homogene Modern Roots-Produktionen. Produktionen, die als Backing hinter einem guten Sänger perfekt funktionieren, aber auf sich allein gestellt merkwürdig blass bleiben. Selbst das Remake von Perrys „Golden Locks“ fällt in sich zusammen, wenn Melodie und Gesang verhallen. Hier zeigt sich ein Phänomen, das sich ebenfalls für aktuellen Dub aus Jamaika beschreiben lässt (siehe Rezension von Alborosies „Freedom Dub“): Den Produktionen fehlt es an Intensität. Ich kann es nicht genauer analysieren. Vereinfachend und pauschalisierend ausgedrückt, scheinen mir jamaikanische Aufnahmen, genau so wie die Produktionen von Oneness, gleichförmig und leicht dahin zu fließen, während europäische Dub-Produktionen Erdenschwere und Magie besitzen und einer ganz eigenen, intensiven Dramaturgie zu folgen scheinen. Vielleicht ist das am Ende auch nur eine Geschmacksfrage, die jeder für sich selbst entscheiden muss. Ich habe mich in dieser Hinsicht entschieden, weshalb der von mir verehrte Umberto Echo mit diesem Album leider keine Chance hat. Ich freue mich auf euren Widerspruch.

Alpha Steppa: Dub Kingdom

Ups, da habe ich wohl etwas mißverstanden. Vor Kurzem habe ich doch tatsächlich das neue Album von Alpha Steppa „3rd Kingdom“ als Dub-Album bezeichnet. Oh mein Gott! Dabei kommt das Dub-Album doch erst jetzt: „Dub Kingdom“ (Steppas Records). Ich muss zugeben, dass ich nicht vermutet hatte, dass sich der Bass-Brutalismus von „3rd Kingdom“ noch steigern ließe, doch schon der erste Track macht klar, wohin bei „Dub Kingdom“ die Reise geht: Was im Original noch geradezu leicht und beschwingt klang, gleicht jetzt eher einem Grollen, das aus dem Mittelpunkt der Erde herauf klingt. Sonderlich komplex sind die Produktionen Alpha Steppas nie gewesen, hier, im Königreich des Dub, werden sie noch weiter reduziert, verdichtet und intensiviert. Was bei „3rd Kingdom“ einem Liter entsprach, tropft jetzt als Hundert-Milliliter-Konzentrat aus dem Äther. Doch, wenn das ganze Ear-Candy verdampft ist, dann zeigt sich im Extrakt, was an musikalischer Substanz übrig bleibt. Geschmack oder nur flüchtige Aromen? Ich würde mal sagen: Ein Würfel „Dub Kingdom“ sorgt für ein ausgiebiges Dub-Festmahl. Erst in der Reduktion zeigt sich, wie inspiriert die Musik des Sohns von Alpha und Neffen von Omega tatsächlich ist. Riddims und akustische Atmosphäre reichen, um glücklich zu sein. Sie sind perfekt. Die nur in kleinsten Dosen eingeblendeten Elemente des vollständigen Arrangements, wie instrumentale Melodien, Gesang-Parts oder Samples, zeigen, wie inspiriert und reichhaltig die Musik Alpha Steppas tatsächlich ist. Die Reduktion intensiviert den Geschmack. Wer den vollen Genuss will, greift zu „3rd Kingdom“, wer nur das Beste daraus möchte, entscheidet sich fürs „Dub Kingdom“.