Dub

Beam Up: Innerstand

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Von Beam Up, aka Brian May, hörte ich zuletzt 2010, als er sein Album „Terra Sonica“ veröffentlichte, das mich aber nicht wirklich überzeugen konnte. Nun folgt sein nächstes Werk: „Innerstand“ (BBE Records) und ich muss sagen: „Wow“! Das ist ein richtig gutes Album, angesiedelt zwischen Minimal-Elektronik und Dub, wobei letzterer zum Glück den Beat vorgibt. Insgesamt ein entspannter, reduzierter Sound, der trotz seiner stilistischen Nähe zum Minimal ziemlich handgespielt klingt und damit sogar manchmal ganz, ganz leicht an Jazz denken lässt. Es ist zweifellos Dub, der aber wegen seines dezenten Live-Sounds gar nicht typisch nach Dub klingt. Form und Inhalt passen nicht so richtig übereinander – und genau das macht „Innerstand“ verdammt spannend. Wenn sich dann noch genrefremde Sounds wie House, Funk oder indische Musik ins Geschehen mischen, ist das Ohrenkino perfekt. Acht der dreizehn Tracks sind zudem mit Gesang gewürzt. Mit von der Partie sind hier Terrence Alfonso Bowry, ein in Großbritannien geborener Kanadier, der sich vor allem in der Jazz- und Blues-Szene Shanghais einen Namen gemacht hat, (so behauptet es die Presseinfo), Jornick Joelick, Rastaman aus Französisch Guyana, sowie Katya Tasheva, polyglotte Sängerin, die auch schon mit Brian Mays Freunden Rotfront aufgetreten ist und sich quer durch die Pop-, Drum ’n’ Bass- und Weltmusikszene gesungen hat. Ganz großartig ist außerdem Daisuke Ichihara, der das Stück „Icchieban“ mit einem wunderbar dubigen Trompetensolo begleitet – fantastisch! Ganz klar ein Album, um das Soundsystems einen großen Bogen machen werden, entspannte Heim-Hörer allerdings werden es lieben. Allein schon die kunstvoll ausgetüftelten Arrangements machen es zur perfekten Kopfhörer-Unterhaltung.

Rating 4 Stars

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Dub

Zion Train: Land of the Blind

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Neil Perch ist einer der wenigen, unermüdlichen Sound System-Betreiber und Produzenten, die Ende der 1980er Jahre den UK-Dub aus der Taufe hoben und heute noch aktiv sind. Unter dem Motto „Dubwise – No Compromise“ hat er den Aufstieg des UK-Dub und dessen Niedergang erlebt, hat mit seinem Projekt Zion Train an der Spitze der Bewegung gestanden, einen Major-Deal in der Tasche und die Geschicke des Dub in der Hand gehabt. Ein wahrer Veteran und Dub-Aktivist, der nun mit „Land of the Blind“ (Universal Egg) sein vierzehntes Zion-Train-Album vorlegt. Just another Zion Train-album? Keineswegs! Auch wenn man es nach dreizehn Vorgängern nicht für möglich hält: Ich finde, es ist eines der Besten. Und das liegt nicht daran, dass sich Zion Train neu erfunden hätte. Im Gegenteil! Was ich früher als halsstarrig kritisierte, würdige ich heute als stolzen, ehrwürdigen Stil: Der Sound von Zion Train ist eine Marke. An ihm sind Jahrzehnte flüchtiger musikalischer Moden und Genres spurlos vorüber gegangen. Er steht wie ein Fels in der Basswellen-Brandung. Nein, was das neue Zion-Train-Album so einzigartig macht, sind die 25 Jahre musikalische Erfahrung, die in ihm stecken. Neil Perch hat einfach ein untrügliches Gespür für starke Melodien, unwiderstehliche Grooves und perfekte Arrangements entwickelt, das hier, im „Land of the Blind“, zur vollen Entfaltung gelangt. Mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit platziert er einen Hit nach dem anderen – wenn es so etwas wie „Hits“ in der Welt des Dub denn gäbe. Jeder einzelne der hier versammelten dreizehn Tracks, ist ein starkes Statement, einzigartig und unverwechselbar. Sei es durch ein spannungsvolles Arrangement, durch eine wunderschöne, melancholische Bläser-Phrase, durch einen unwiderstehlichen Rhythmus, durch eine geniale Bassmelodie oder durch den melodiösen Song eines der geschickt in der Playlist platzierten Gastvokalisten. Insbesondere Jazzmin Tutums strenge Dub-Poetry bietet einen reizvollen Kontrast zum treibenden Marsch der Beats. Hier hat Neil alles richtig gemacht und ein Album vorgelegt, das es mit neuen, hippen Dub-Produktionen locker aufnehmen kann – und zwar, in dem es fancy Effekten und dröhnenden Bassgewittern etwas ganz einfaches entgegensetzt: Style. Zion Train-Style! Habe ich schon erwähnt, dass mir das Album gut gefällt?

Rating 5 Stars

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Dub

Alborosie Meets King Jammy: Dub of Thrones

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Wenn es darum geht, der Reggae-Historie zu huldigen und den Sound der 1970er Jahre wiederauferstehen zu lassen, dann steht Alborosie stets in der ersten Reihe. Schließlich hat er sein Studio mit dem ganzen alten, analogen Equipment vollgestopft – Sammler und Fetischist, der er ist. Um die Prunkstücke seiner Sammlung gelegentlich mal so richtig auszuspielen, bringt er alle paar Jahre ein richtig schönes Retro-Dub-Album heraus. Man erinnere sich an „Dub Clash“, soundtechnisch eine perfekte Kopie der Revolutionaries. Vier Jahre später dann: „Dub the System“ über weite Strecken im Stile der Roots Radics gehalten. Nun landet er einen ganz besonderen Coup: Alborosie Meets King Jammy: „Dub of Thrones“ (Greensleeves). Wer denkt da nicht gleich an den „Big Showdown“ zwischen Prince Jammy und Scientist, der vor nunmehr 36 (!) Jahren statt fand. Alborosie liebt den Sound dieser Zeit und daher liegt es nahe zu vermuten, dass er den alleinigen noch amtierenden Master of Dub, King Jammy, zu einem Schlagabtausch überredete. Souverän und altmeisterlich mischte der King seine sechs Tracks in seinem Waterhouse-Studio. Als Grundlage bediente er sich offensichtlich einiger alter Rhythms aus seinem Oeuvre, wobei er neben handgespielten Oldies auch vor digitalen Produktionen nicht zurück schreckte. Da der Londoner Master-Meister Kevin Metcalfe seine Finger im Spiel hatte, ist es aber gar nicht so leicht zu bestimmen, wie alt die Aufnahmen wirklich sind. Sie klingen so frisch und crisp, als hätten sie gerade erst das Licht der Welt erblickt. Albos Tracks klingen dagegen uralt – aber wir wissen bei dem Burschen ja genau, dass die historische Patina nur Fake ist. Trotzdem: es ist immer wieder verblüffend, wie perfekt er den historischen Reggae-Sound zu reproduzieren im Stande ist. Doch was sich hier so schön analytisch auseinander dröseln lässt, klingt im Zusammenspiel (Jammys und Albos Tracks sind im Wechsel auf dem Album angeordnet) absolut homogen und authentisch. Bei einer „Blindverkostung“ würden gewiss selbst eingefleischte Dub-Heads auf ein Rerelease von Dubs der 70er und 80er Jahren tippen. Dabei wäre blind gar nicht nötig, denn das grandios-abgefahrene Cover stammt von Tony McDermott – also jenem Illustrator, der auch schon die alten Greensleeves-Alben von Jammy und Scientist gestaltet hatte. Bleibt die Frage, ob angesichts der unzähligen Revolutionaries- und Roots Radics-Dub-Alben, die Welt tatsächlich nach einem neuen Werk im alten Stil verlangt. Ich glaube: nein, das braucht kein Mensch. Aber jetzt, wo die Platte schon vorliegt, könnten wir doch eigentlich unseren Spaß damit haben, oder?

Rating 4 Stars

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Dub

Marter & Yony: Rhythm Matter

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Marter & Yony (Masateru Yamauchi und Yoshino Kabayashi) sind ein japanisches Dub-Duo, das hier sein erstes Album vorlegt: „Rhythm Matter“ (M.O.D. Technologies). Aufgenommen in Brooklyn und Nagano auf Audiocassette. Ja, richtig gelesen: die beiden Sound-Nerds wollten den „einzigartigen, rauen und doch warmen, analogen Klang“, der diesen Schmalspurbändern angeblich zueigen war. Klingt nach Basic Channel-Philosophie, und so hört sich die Musik manchmal auch ein wenig an. Allerdings ist von Minimal-Techno keine Spur. Die Dubs sind viel klassischer und stehen dem Jazz oft näher, als elektronischer Musik. Wie von den Beiden intendiert, klingt alles sehr analog und handgespielt und viel weniger differenziert und dynamisch, als man es von modernen Dub-Produktionen gewohnt ist. Veröffentlich wurde das Album auf M.O.D. Technologies, dem Label von Bill Laswell, das das Erbe des legendären AXIOM-Labels fortschreibt und heute Heimat eigenwilliger Sound-Experimente ist. Da sind die beiden Japaner mit ihren eigenwilligen Ideen perfekt aufgehoben.

Rating 3 Stars

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Dub

Imhotep: Kheper Dub

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In der Dub-Szene tummeln sich eine ganze Menge obskurer Gestalten. Sound-Nerds, die ihre Nächte vor dem Laptop oder im Studio verbringen, an ihrer Musik schrauben aus reinem Vergnügen am eigenen Tun, ohne die geringste wirtschaftliche Perspektive. Diese Typen sind mir die liebsten. Denn unter ihnen lassen sich immer wieder tolle Entdeckungen machen. Wie jetzt z. B. bei Imhotep. Der ägyptische Pharao heißt eigentlich Pascal Perez, stammt aus Algier und hat heute in Marseille ein Studio, in dem er vor allem elektronische Musik produziert. 2012 erschien sein Album „Kheper“, das stilistisch irgendwo zwischen Elektro, TripHop und Dub changiert. Nun hat er eine Dub-Version daraus destilliert: „Kheper Dub“ (Imhotep), die – anders als das Ausgangsmaterial – zu hundert Prozent im Reggae-Dub angesiedelt ist. Kraftvolle Beats, dunkle Atmosphäre und – was es besonders reizvoll macht – allerlei Einflüsse von arabischer Musik. Wie gut arabische Musik und Dub zusammen gehen können, hat uns ja bereits The Spy From Cairo gezeigt. Imhotep geht jedoch nicht so weit wie er. Der Pharao „würzt“ seine Dubs eher mit arabischen Zutaten, als dass er sie auf kompletten arabischen Melodien und Arrangements aufbaut. Aber genau dieser sensible Einsatz macht den Reiz der Kheper Dubs aus. Es ist genau die richtige Dosis von Exotik und Geheimnis, die seiner Musik diese intensive und magische Atmosphäre verleiht.

Rating 5 Stars

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Dub

Lendublikation: Dub it Ont!

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Letztens habe ich mir mal den kompletten Katalog von Lendublikation angehört und war ziemlich begeistert von Qualität und Ideenreichtum seiner Produktionen – und nicht zuletzt auch von deren Quantität. Unter zwei Alben pro Jahr scheint es der Italiener (über den im Web so gut wie keine Informationen aufzutreiben sind) nicht zu machen. Nun liegt schon wieder ein neues Werk von ihm vor: „Dub it Ont!“ (Lendublikation) und es ist noch etwas verrückter als seine vorherigen Alben. Eigentlich lässt sich sein Stil gar nicht klassifizieren. Es ist einfach moderner, verspielter und oft auch experimenteller Dub mit soliden Basslines, netten kleinen Melodien und immer wieder überraschenden Mixen. Auf „Dub it Ont!“ treibt er das Spiel (der Titel mag ein Hinweis darauf sein), noch etwas weiter. Er jongliert hier gekonnt mit Kontrasten und Disharmonien, lässt Dubstep-Einflüsse zu, vergnügt sich an unzähligen musikalischen Zitaten und Samples und hat zudem viel Spaß an unvorhersehbaren Stilbrüchen. Ist das jetzt pubertärer Quatsch oder ein modernes „Dub Revolution“? Angesichts seines durchaus beachtlichen Gesamtoeuvres, tendiere ich zu letzterem. Lendublikation hat einfach die nächste Stufe seiner ganz persönlichen Dub-Evolution gestartet. Ich bin gespannt, wie es (in Kürze) weitergeht.

Rating 4 Stars

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Dub

Gaudi: Dub, Sweat and Tears

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Daniele Gaudi, in London lebender Italiener, der sich seit Mitte der 1980er Jahre Dub, Worldbeat und elektronischer Musik verschrieben hat, läuft jedem Dub-Fan früher oder später einmal flüchtig über den Weg. Aber da Gaudi außerhalb des Reggae-Kosmos praktiziert, ist es ihm bisher nie gelungen, sich im Bewusstsein der Dub-Liebhaber festzusetzen. Vielleicht ändert sein neues, altes Album das nun: „Dub, Sweat & Tears” (Six Degrees). Es ist eine Überarbeitung seines vor zehn Jahren erschienenen und in der Worldmusic-Szene vielbeachteten Albums „Bass, Sweat & Tears“. Während das Original stilistisch durchaus vielgestaltig ist, steht die Überarbeitung ganz im Zeichen des Reggae-Dub. Gaudi lässt uns hier in warmen, ruhigen Rhythmen baden, die er phantasievoll mit Worldmusic-Elementen garniert hat. Und das ist eine gute Nachricht, denn die Kombination von soliden Reggae-Beats mit Worldmusic-Elementen ist immer eine lohnenswerte Sache. Nach meinem Geschmack gelingt dies am besten mit indischen Percussions und Melodien (was ja auch Adrian Sherwood schon erkannt hatte), und die gibt es auf „Dub, Sweat & Tears“ besonders reichlich. Dadurch bekommt das Album eine sehr angenehme, mystische Aura, ohne jedoch ins Esoterische zu kippen, wovor die kraftvollen Beats es zum Glück bewahren.

Rating 4 Stars

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