Jan 10

Dub The World

Nachdem Umberto Echo vor drei Jahren noch mit dem Dubtrain durch deutsche Lande brauste, begibt er sich mit seinem neuem Album nun auf Weltreise: Dub The World (Echo Beach). Laut eigener Aussage hat der junge Münchner Produzent und Multiinstrumentalist Phillip Winter aka Umberto Echo auf mehr als 80 Alben mitgewirkt, alle Genres von Rock über Klassik und Jazz bis Reggae durchmessen und mit Jahcoustix, Jamaram und Headcornerstone bayrische Reggae-Geschichte geschrieben. Anders als beim Vorgängeralbum Dubtrain, nimmt sich Herr Echo diesmal fremde Produktionen verschiedener Bands vor und unterzieht sie einer ausgeklügelten Verdubbungsprozedur. Unter den 15 Dub-Tracks finden sich Stücke aus 13 Ländern u. a. von Gentleman, Katchafire, Steel Pulse, Dub Inc., Up Bustle & Out, Dubblestandart, Stereo MCs, Seeed, Dub Spencer & Trance Hill. Sound und Spielweise variieren naturgemäß recht stark, was das Album vielleicht etwas inhomogen, zugleich aber auch wunderbar abwechslungsreich macht. Umberto Echos virtuose Mixe fügen letztlich alles zu einem großen, unterbrechungsfreien Dub-Opus zusammen, das fantastisch klingt und voller Ideen und Überraschungen steckt: Rhythmuswechsel, Stilwechsel, Klangwechsel, akustische Instrumente, dann wieder Echo-Kammer galore, Samples und eingestreute Original-Vocals – andere Produzenten machen aus dem Material fünf Alben. Umberto Echo packt alles in die 15 Tracks – jedoch so relaxed und kontrolliert, dass alles ganz selbstverständlich klingt, niemals bemüht, verkopft oder überproduziert. Eine überaus spannungsvolle wie angenehme akustische Weltreise, auf die der Hörer hier geschickt wird, angetrieben von tief im Schiffsrumpf pluckernden Bässen. Der Blick schweift über ein Meer sanfter Soundwellen in dem Delphine ihre Kunststücke vorführen. Und abends beim Captain‘s-Dinner wird Reggae gespielt!

Während Umberto Echo den Süden der Republik mit Dub-Vibes beschallt, vibriert Berlin unter den Schallwellen von Aldubb, laut eigener Aussage „einer der vielbeschäftigsten Dub-Remixer Deutschlands“. Vielbeschäftigt ist er in der Tat, denn wenn er nicht im Planet Earth Studio hinter dem Mischpult sitzt, dann spielt er bei der Digital Roots Band oder bei Dark Light Drums, tritt solo im „Dubwohnzimmer“ auf oder mischt mit beim Irieland Soundsystem, das jedes Jahr das „Berlin Dub Festival“ veranstaltet. Wer sich so sehr einer Musik verschreibt,  für die der Begriff „Special Interest“ fast schon eine Untertreibung darstellt, der muss zwangsläufig missionarisch motiviert sein. Und so verwundert es nicht, dass Aldubb sein neues Album Gottes Wort widmet: „Let There Be Dub“ (One Drop). And there was dub! 18 Tracks feinstes Material im Spektrum von Steppers zu Dubstep, feist abgemischt und schlicht groundshaking. Damit die Zuhörer beim Durchgeschütteltwerden nicht das Bewusstsein verlieren, hat Mr. Dub-It-All an strategischen Punkten schön melodiöse Vocal-Tracks untergemischt, heavy Steppers-Tunes mit sanfteren One-Drops abgewechselt und lässt gelegentlich auch mal einen verzerrten Dubstep-Bass für die Dröhnung sorgen. Hinzu gesellen sich nette Sound-Spielereien, Samples und Mini-Melodien. Zusammen eine perfekte Dramaturgie, die ein sehr vielfältiges, zugleich aber auch in sich geschlossenes, durchkomponiertes Album ausmacht – obwohl die 18 Tracks tatsächlich eine Best-Of-Werkschau der letzten vier Jahre sind und viele Stücke bereits auf Vinyl erschienen sind. Vier gute Jahre, wie es scheint. Doch die Aussicht auf vier Jahre Wartezeit bis zum nächsten Aldubb-Album ist eine Katastrophe.

Nov 28

1. Hey-O-Hansen: Sonn und Mond (Pingipung)
2. International Observer: Felt (Dubmission)
3. Sideshow: Admit One (Aus Music)
4. Noiseshaper: Satellite City (Cat‘n Roof)
5. Dubblestandart, Lee Scratch Perry & Ari Up: Return From Planet Dub (Collision)
6. Various Artists: Dub Echoes (Soul Jazz)
7. Various Artists: Dubvision II (Perkussion & Elektronik)
8. Umberto Echo: Dub The World (Echo Beach)
9. Various Artists: Evolution Of Dub Vol. 1 - 4 (Greensleeves)
10. Various Artists: Nothern Faction 4 (Balanced)

Nov 20

„Filz“. Welche Konnotationen begleiten dieses Wort? Wärme, Behaglichkeit, gedämpfter Schall, Weichheit? „Felt“ (Dubmission), das ist der Titel des neuen Dub-Albums von International Observer (hinter dem sich der britische Producer Tom Baily verbirgt, der in den 1980er-Jahren die Pop-Band „The Thomson Twins“ leitete). Die darauf zu hörende Musik ist die Klang gewordene Assoziation des Titels; wunderschöne, melodiöse, warme, behagliche Dub-“Songs“. „Songs“ deshalb, weil die Dubs sich wie vollwertige Songs „anfühlen“, ohne dass tatsächlich Gesang zu hören wäre. Es sind kunstvolle Kompositionen, in denen jeder Ton, jeder Beat sorgfältig abgewogen und austariert zu sein scheint. Alles fließt, blubbert, rollt – unendlich relaxed und doch höchst spannungsvoll. „Relaxed“ nicht „seicht“!: Die mit Filz ausgestopften Bässe wummern kraftvoll im 44-Herz-Keller und die Sogwirkung der synkopierten Beats saugt Ohren, Kopf und Bauch unaufhaltsam durch den Viervierteltakt. Es sind eingestreute Melodica-Melodien, Klänge einer akustischen Gitarre, kontrapunktisch laufende Percussions, Akkordeon-Harmonien oder die vielen anderen, sparsam aber effektvoll eingesetzten melodiösen Zutaten, welche die Musik so entspannt wirken lassen. Tom Baily versteht Dub nicht nur als Sound, sondern als komplexes musikalisches Gebilde, das mit Bauch und Kopf zugleich wahrgenommen werden will. Es ist ein Beispiel für die Kunst, Komplexität leicht und einfach erscheinen zu lassen. Alles ist evident, selbstverständlich, klar und folgerichtig – mit einem Wort: perfekt!

Die Evolution geht weiter – und zwar mit der natürlichen Auslese: „Evolution of Dub, Volume 4, Natural Selection“ (Greensleeves). Nachdem Greensleeves die Reihe mit der Joe Gibbs-Produktion „Dub Serial“ von 1971 eröffnete, steht nun die vierte CD-Box ganz im Zeichen des visionären Produzenten und seines genialen Toningenieurs Errol Thompson.

Die Auslese beginnt im Jahr 1976 mit dem Album „Joe Gibbs & The Professionals: State Of Emergency“ das uns 10 sehr angenehmen Dubs im locker gespielten„Rockers-Style“ präsentiert. Garniert mit schönen Bläser-Melodien –, was die Tracks eher nach Instrumentals denn nach Dub klingen lässt. Zitiert werden hier vor allem klassische Riddims wie John Holt‘s „Up Park Camp“, Jackie Mittoo‘s „Our Thing“ oder „Heavenless“. Jede Melodie eignet sich sich mitsummen und der militante Rockers-Drumstyle lässt die Musik fliegen – ich muss zugeben, dass ich sehr auf den Sound dieser Zeit stehe. Nach den eher trockenen Bunny Lee-Produktionen, bekommt der Reggae nun einen gewissen Swing und die Rhythmen fangen wieder an zu rollen - worauf sich vor allem die „Mighty Two“ (Gibbs & Thompson) prächtig verstanden. Übrigens: Das Cover, auf dem jamaikanische Sicherheitskräfte drei vermeintliche Delinquenten durchsuchen, wurde angeblich 1977 von The Clash für das Album „White Riot“ zitiert.

Album zwei der Box – „Majestic Dub“ von 1979 – stand stets im Schatten von Gibbs berühmter „African Dub“-Serie. Zu unrecht, wie sich hier zeigt, denn das Album enthält einige wirklich bemerkenswerte Stücke. Es unterscheidet sich sehr von „State Of Emergency“, ist ein echtes Dub-Werk mit abgespeckter Produktion und klassischem Dub-Mix. Doch Joe Gibbs gelang es wie stets, seine Tracks so zu arrangieren, dass sie nicht zu leer, zu minimalistisch klangen. Das lag nicht zuletzt daran, dass er sich nicht scheute, moderne (und ungewöhnliche) Synthie-Sounds einzufügen, während Thompson, der begnadete Dub-Mixer, seine Vorliebe für Samples auslebte. Letzterer zeichnet wohl auch für das gänzlich unpassende, aber in seiner elektronischen Fremdartigkeit auch wiederum typische Intro-Sample von Donna Summers „I Feel Love“ verantwortlich. Natürlich kommen auch hier wieder reihenweise bekannte Riddims und Sly Dunbars leichtfüßiger Drum-Style zum Einsatz – doch wer hätte etwas dagegen?

Ein weiter Sprung ins Jahr 1984 führt zum Unvermeidlichen, nämlich der „African Dub“-Serie, von der uns hier das eher unbekanntere, fünfte Kapitel zu Gehör gebracht wird. Lange nach den vorangegangenen vier Kapiteln der Serie veröffentlicht, erreichte es den Markt, als Dub in Jamaika bereits auf dem Sterbebett lag. Der Sound hatte sich stark verändert: statt „Rockers“ war nun „Dancehall“ der prägende Stil. Entsprechend langsam, schwer und bassorientiert waren die Stücke. Wir steigen direkt mit „Full Up“ ein, begegnen kurz darauf „Heavenless“, „Taxi“ und weiteren Classics. Schöne Melodien, satter Sound, gute Mixes – meiner Meinung nach das Beste Dub-Set der Box.

Doch Album vier harrt noch der Begutachtung: „Syncopation“ von Sly & Robbie und natürlich produziert von Mr. Gibbs. Es beschließ die Box, obwohl es aus dem Jahr 1982 stammt, also zwei Jahre vor „African Dub Chapter 5“ entstanden ist. Als Freund alter Sly & Robbie-Aufnahmen legte ich es vor den anderen dreien in den CD-Player – doch es enttäuschte mich! Zum einen, weil der Bass von Robbie kaum zu hören ist – unglaublich! Zum anderen, weil die Rhythm-Twins ihrem manchmal nicht ganz stilsicheren Faible für Pop-Songs freien Lauf ließen. So kommen wir z. B. in den Genuss des Beatles-Klassikers „Ticket To Ride“ (garniert mit einem grenzwertigen Rockgitarren-Solo) oder Leo Sayers „More Than I Can Say“. Dazwischen gibt es dann aber doch auch „ordentliches“ Material: auf „Space Invaders“ und „Laser Eyes“ hören wir Slys für diese Zeit typischen Syndrum-Shuffle-Rhythmus.
Wie gewohnt finden sich im Booklet der Box ausführliche Linernotes, die im ersten Teil die Evolutionsgeschichte des Dub fortschreiben und im zweiten Teil die Historie von Joe Gibbs minutiös referieren.

The Return of Dub Spencer und Trance Hill! Zwei Jahre wurde am neuen Album geschraubt, jetzt ist es fertig: „Riding Strange Horses“ (Echo Beach). Das vermeintlich italienische Duo, das aber tatsächlich ein Züricher Trio (rund um den Bassisten Marcel Stadler) war und nun zu einem Quartett angewachsen ist, nimmt den Titel offensichtlich wörtlich und präsentiert uns vornehmlich Cover-Versionen von Songs unterschiedlicher Genres. Wie bei Echo Beach guter Brauch, gibt es natürlich Versionen von The Ruts und Martha & The Muffins. Darüber hinaus hören wir (in diesem Kontext) wirkliche „strange horses“, die hier geritten werden, wie z. B. Metallica, Deep Purple oder Grauzone. Dazu gesellen sich gelegentlich kurze Vocal-Passagen von Lee Perry, Robin Scott, W. S. Burroughs, The Catch u. a. Das macht klar, dass wir es hier mit einem großen Rock-Remix zu tun haben, mit einer Echo-Chamber also, die aus Rock-Klassikern Reggae-Dubs macht. Faszinierend ist dabei, dass die Schweizer Jungs dazu das selbe Instrumentarium einsetzen wie die Rock-Größen in den Originalen. Und genau das ist der USP von Dub Spencer und Trance Hill: Sie spielen eigentlich Rock mit einem Reggae-Offbeat – was sie akustisch übrigens stark in die Nähe des New Yorker „Dub Trio“ bringt. Groove, Timing und One Drop stimmen, doch es sind Sound und Arrangements, die hier ihre Referenz zum Rock nicht leugnen können. Mich würde es nicht wundern, wenn alle Dub-Effekte zudem live gespielt wären, so dass die Musik genau das vermeidet, was Dub eigentlich ausmacht, nämlich die kreative Bearbeitung am Mischpult. Das Ergebnis ist jedenfalls eigenwillig und faszinierend – sofern man keine Probleme mit Hooklines wie „Smoke On The Water“ hat.

Finn the Giant ist ein Dub-Produzent aus Malmö, Schweden, der vor vier Jahren das „Heavyweight Roots Dub Reggae“-Netlabel „Giant Sounds“ gegründet hat (giantsounds.com). Nun ist die Zeit reif für die erste echte, physikalische CD-Veröffentlichung: „Dub Pon Top“ (Import). 14 Dubs hat der Gigant hier versammelt: Kraftvolle Steppers-Beats, deren digitale Herkunft unüberhörbar ist. Gelegentlich gibt es Melodica-Einsprengsel oder angerissene Synthie-Melodien, doch das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Grundrhythmen, die in stoischem, meditativem Takt voranschreiten.  Dabei ist es Finn durchaus gelungen, den Beat zu variieren und melodiöse und abwechslungsreiche Riddims zu bauen. Doch so inspiriert die Riddims auch sind, der Sound ist es leider nicht. Zwar sind die Tracks dynamisch abgemischt, so dass der Groove stimmt. Aber Finn gelingt es nicht, seinen synthetisch und irgendwie „eng“ klingenden Studiosound zu eliminieren. Seine Dubs könnten viel mehr Luft und Weite vertragen. Hoffen wir, dass die Erlöse von „Dub Pon Top“ für ein neues Mischpult reichen werden …

Nach den melodiösen Reggae-Basslines gibt es nun – zum Freiblasen der Ohren – eine Exkursion in die technoid wummernden Bass-Sphären des Dubstep. Mit „Steppas‘ Delight 2“ (Souljazz) liegt eine weitere wichtige Bestandsaufnahme der Szene vor. 26 Bass-gefüllte Tracks werden uns hier regelrecht um die Ohren gehauen und in die Magengrube gerammt. Bereits Track 1, „Grime Baby“ von Gemmy, macht klar, wohin die Reise gehen wird: In ein wütendes Bass-Inferno. Wer diesen Tune zu laut aufdreht, darf hinterher die Fetzen der Subwoofer-Membran vom Boden aufsammeln. Minimal aber gewaltig. Im Verlauf des Doppel-CD-Samplers begegnen wir auch weniger radikalen Statements sowie manchem angenehmen Garage-House-Groove, und werden ganz nebenbei feststellen, dass Dubstep sich inzwischen stärker differenziert hat und über ein größeres stilistisches Spektrum verfügt. Was sich übrigens auch an neuen Namen in der Szene ablesen lässt. So finden sich hier neben Benga und Appleblim kaum „Veteranen“. Doch das junge Gemüse macht einen guten Job und wir dürfen der Zukunft des Genres hoffnungsvoll entgegen sehen.

Ein weiterer, interessanter Dubstep-Release ist „Studio Rockers At The Controls“ (Studio Rockers). Auf diesem Sampler gibt es einige Reminiszenzen an Reggae wie z. B. Samples, Bläsermelodien oder ganze Reggae-Vocals. Die 23 Tracks sind von Tony Thorpe ineinander gemixt und stammen weitgehend aus dem Archiv des Studio-Rockers-Labels. Ich kann mich nicht erinnern, den Namen Tony Thorpe je gehört zu haben, angeblich ist er aber für seine Dub-Produktionen bekannt und hat sowohl Massive Attacks „Meltdown-Festival“ geleitet, als auch Remixes für Amy Whitehouse, Erykah Badu und Lee Perry geliefert. Wie dem auch sei – sein Parforce-Ritt durch die Welt des Dubstep zeugt von gutem Gespür für Bass & Beats. Wer eine erste, vage Exkursion in das neue Genre unternehmen will, der kann hier starten.

Nov 20

Aus der Box: Evolution of Dub, Volume 4, Natural Selection:

  • Joe Gibbs & The Professionals: Tribute To Donald aus dem Album State Of Emergency
  • Joe Gibbs & The Professionals: King Of Dub aus dem Album Majestic Dub
  • Joe Gibbs & The Professionals: Full Moon Iky aus dem Album African Dub Chapter 5
  • Sly & Robbie: Laser Eyes aus dem Album Syncopation

Internationale Observer: Popcorn Slavery aus dem Album Felt

Finn The Giant: Dub Pon Top aus dem Album Dub Pon Top

Gemmy: Grime Baby aus dem Album Steppas‘ Delight 2

Jazzsteppa: Taylor Rain aus dem Album Studio Rockers At The Controls

Download Mp3 (28 MB): dubmix_11_2009

Okt 01

Gute Dub-Alben kreuzen nicht selten meinen Weg. Aber Dub-Alben, die mich regelrecht begeistern, sind eher rar. Hey-O-Hansens „Sonn und Mond“ (Pingipung/Rough Trade) ist so ein Album. Das Cover hat mich zuerst an schräge Noisemucke à la Einstürzende Neubauten denken lassen, doch als die CD schließlich während des Frühstücks im Hintergrund lief, wechselten meine Freundin und ich einen verwunderten Blick, legten die Zeitung beiseite und drehten die Lautstärke hoch. Was für eine abgefahrene Musik! 100% Reggae, aber so gespielt, wie man ihn noch nicht gehört hat. Entfernt erinnert der Sound an Peter Presto (Rezension in Riddim August 2006), also an melodiöse Kompakt-Elektronik. Anders als Prestos Sound, sind die Dubs von Hey-O-Hansen aber merkwürdig vertrackt und doch ganz einfach. So als würde man Reggae auf den falschen Instrumenten spielen – das aber richtig virtuos. Dabei wirken einzelne Klangfolgen disharmonisch und fehlplatziert, nur um anschließend im Zusammenspiel wunderbar geschlossen und eingängig zu sein. So mündet z. B. ein schräges Akkordeon, das über einen warmen, pulsierenden Offbeat spielt, in ein sanft hingehauchtes Chanson, während anschließend detailreiche Lo-Fi-Spielereien die Regie übernehmen. In einem anderen Song hören wir ein schweres, träges Lee Perry-Black-Ark-Sample, das von einer Harfe begleitet wird, die schließlich einer weiblichen Stimme weicht, nur um danach wieder dem Akkordeon Platz zu machen. Jedes Stück ist eine Exkursion in eine faszinierende Sound-Landschaft, in der hinter jedem Hügel und jedem Baum eine Überraschung wartet. Die Linernotes sprechen ganz treffend von „Künstlerischer Widerborstigkeit“. Statt den Genre-Konventionen zu gehorchen, wird hier radikal mit ihnen gebrochen und damit die Tür zu einer ganz neuen Dub-Erfahrung aufgestoßen. Helmut Erler und Michael Wolf heißen die beiden kreativen Köpfe hinter Hey-O-Hansen, stammen aus Österreich, wo sie sich – laut eigener Aussage – vom Offbeat der Tiroler Volksmusik inspirieren ließen, in den 1980 Jahren in einer Rocksteady-Band spielten und Mitte der 1990er Jahre nach Berlin auswanderten. Dort frickeln sie seit nunmehr 14 Jahren im hauseigenen Studio ihre Sound-Eskapaden zusammen, die sie an unterschiedlichsten Stellen in unterschiedlichsten Formaten unter die Hörerschaft bringen. Was auf diese Weise in den Jahren seit 1995 entstanden ist, wird nun erstmals, schön sorgsam zusammengetragen und sortiert, auf einer CD veröffentlicht. Und diese CD – da bin ich mir jetzt schon sicher – wird in meinen Dub-Charts 2009 auf Platz eins landen.

Neil Perch, Mastermind von Zion Train, weist gerne darauf hin, dass sein Album „Live As One“ den Reggae-Grammy 2008 gewonnen hat. Bei genauerem Hinsehen, entpuppt sich der „Reggae-Grammy“, auf den Mr. Zion Train so stolz ist, tatsächlich als ein „Reggae Academy Award“, der in Kingston verliehen wird und nichts mit den US-Grammy-Awards zu tun hat. Trotzdem – wahrscheinlich vom Erfolg euphorisiert –, hat Neil Perch Dub-Akteure aus aller Welt um Remixes der Tracks des Albums gebeten, die nun, auf einer CD versammelt, als Zion Train, „Live As One Remixed“ (Universal Egg) erschienen sind. Die 15 Dubs stammen u. a. aus Italien, den Niederlanden, Brasilien, Frankreich, Kroatien, Griechenland, Polen, Mexiko und natürlich aus England (allerdings kein einziger Mix aus Deutschland!). Die bekanntesten Namen sind Rob Smith, Vibronics, Brain Damage und Weeding Dub. Einige Tracks sind gleich mehrfach vertreten („Boxes And Amps“ gleich vier mal), was es erlaubt, die Mixes miteinander zu vergleichen und damit dem Wesenskern von Dub nachzuspüren. Allerdings bleiben die Remixes dem Tenor des Originals allzu treu. Lediglich De Niro liefert einen wuchtigen Dubstep-Mix von „What A Situation“ ab und Dub Terror verwandelt „Boxes And Amps“ in einen schön nostalgisch anmutenden Jungle-Track.

Ebenfalls aus dem Hause Universal Egg stammt das Album „Dub Terror“ (Universal Egg) von: Dub Terror. Ich muss zugeben, dass die CD schon zwei, drei Monate bei mir herum liegt – was eine gewisse Aussagekraft hat. Mir fällt zu dem in Warschau produzierten Album nicht allzu viel ein. Die Tracks folgen dem klassischen UK-Dub-Schema und flirten gelegentlich mit Dubstep – gewinnen diesem Genre aber keine neuen Perspektiven ab. Eigentlich stimmen die Zutaten, wie gut ausgesuchte Samples, sauberer Sound und sechs gute Gast-Vokalisten, aber das Ergebnis ist nicht wirklich spannend. Es fehlt einfach an guten Kompositionen (wenn man bei Dub überhaupt davon sprechen will).

Aber noch mal zurück zum Thema „Remix“. 1982 nahmen die Punkrocker Ruts CD im damals frisch gegründeten Ariwa Studio von Mad Professor ihr Album „Rhtyhm Collision“ auf, das Punkrock mit Reggae und etwas Funk vermischte. Das Album erhielt nie viel Aufmerksamkeit, wurde jedoch eine Underground-Ikone, die sich bis heute, einschließlich aller Neupressungen und Re-Issues, rund 100.000 mal verkaufte. 2002 nahm sich Neil Perch von Zion Train des Albums an und produzierte ein Dub-Remix des Sets. Heute, wieder einige Jahre später, ist die dritte Generation am Werk: Dekonstruiert, rekonstruiert, frisiert, aufgemöbelt und ausgedubbt von den Bassjüngern dieser Tage, erscheint das Album unter Ruts DC, „Rhythm Collision Re>loaded“ (Echo Beach) jetzt ein weiteres Mal. Fünf der dreizehn Tracks remixte Rob Smith (den wir von Smith & Mighty und den More Rockers kennen), Dreadzone nahm sich zweier Stücke an, ebenso die Kölner Elektronik-Tüftler von Salz und Steve Dub (der Programmierer der Chemical Brothers). Alle Mitmischer am großen Ruts DC-Relaunch gingen den Weg, den African Headcharge einst den „Path Of Respect“ nannte und erhielten weitgehend die Identität des Originals. Obwohl wir es unverkennbar mit Reggae-Dub zu tun haben, bleibt der Sound von Punkrock allgegenwärtig und auch die Stimmen der Ruts stechen immer wieder crisp aus dem Meer an Bass hervor. Eine eigenwillige Mischung von Stilen, die in dieser Form aber perfekt funktioniert.

Unglaubliche 20 Jahre nach dem Album „Dubvision“ schickt der Dubvisionist Felix Wolter unter dem Titel „Dubvision II“ (Perkussion & Elektronik) ein Nachfolgealbum in die Welt hinaus. Versammelt hat er hier „wohlklingende Tracks von Freunden“, die mit ihm im Staccato- und im Time Tools-Studio ihre Aufnahmen machten. Zu diesen Freunden gehören neben The Vision und der Herbman Band auch Gentleman, Tamika & Mamadee und die Far East Band. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht auch die Jahrzehnte lange Erfahrung, Felix Wolter entschied sich jedenfalls für ausgesucht relaxte, melodiöse und wunderbar klassisch gespielte Tracks und hat sie in ebenso „wohlklingende“ Dubs verwandelt, zu denen man angenehm grooven kann, die sich aber auch aufmerksam anhören lassen und dann tausende kleine Spielereien und nette Ideen offenbaren. So beginnt z. B. das erste Stück „Andrés Dub“ mit einem schönen, melodiösen Bläsersatz, um dann nach zwei Strophen „in den Mix“ zu gehen, wo sich sanft virtuose Percussions in den Vordergrund spielen, die dann von einer netten Gitarrenmelodie abgelöst werden. Alles ganz selbstverständlich, logisch, folgerichtig. Natürlich hören wir hier keine musikalische Revolution oder Cutting Edge-Dubs an vorderster Front von Dubstep und Elektronik. Wir hören hier „nur“ richtig gutes Handwerk, Sounds mit Seele und Dubs mit Wärme. Und es ist so unglaublich wohltuend, einfach gute Musik zu hören und nicht progressiv und open minded sein zu müssen. Ich wünsche mir jedenfalls ausdrücklich mehr Dub-Works von Felix!

Jetzt kommt auch etwas sehr schönes – und zwar aus der Revival-Selection: King Tubby & The Clancy Eccles All Stars, „Sound System International Dub LP“ (Pressure Sounds). Dieses von Clancy Eccles produzierte Dub-Set ist so unglaublich obskur, dass niemand, „wirklich NIEMAND“ – wie das Presseinfo betont – jemals davon gehört hatte. Als Anfang 2009 eine alte Vinylkopie auftauchte, gerieten die Pressure-Sounds-Geeks völlig aus dem Häuschen, forschten, remasterten und rereleasen die LP nun im Original-Cover mit bisher ungesehenen Fotos von King Tubby (die CD enthält zudem fünf Bonus Tracks). Das Album dokumentiert Eccles damaligen Vorstoß in das Dub-Genre, wozu er zehn von den Dynamics eingespielten Tracks aus den frühen 1970er Jahren von King Tubby remixen ließ. Tubby mixte die Aufnahmen sparsam und transparent, entkleidete sie bis auf Drum & Bass und verzichtete nahezu vollständig auf Vocals. Früher Tubby-Style at it‘s best!

Dass Dub ein inzwischen wahrlich internationaler Stil ist, zeigt sich einmal mehr an dem Album „Like River To Ocean“ (Amaru Music) das von dem irischen Musikerduo Avatar eingespielt wurde und dessen Cover eine japanische Kalligraphie ziert. Hinter Avatar verbergen sich die beiden Instrumentalisten James Kennedy und Tony O‘Flaherty. Beide im Südwesten Irlands geboren und aufgewachsen, lassen sie sich nach eigener Aussage von der Irischen Landschaft, ihrer Schönheit und Einsamkeit inspirieren. Das klare Wasser, die frische Luft und die stoischen Berge bilden eine natürliche Harmonie, in der sich sitzen, kontemplieren und über Dub nachdenken lässt. Daher wundert es nicht, dass Ambient-Sounds wie Wellenrauschen immer wieder in den sehr entspannten Stücken auftaucht. Vor allem sind es die weichen Sounds der Blechbläser, die den Dub der beiden Iren prägt. Aber es gibt auch zwei Stücke, die befremden: „Joyfull Dub“ klingt so, als stamme das Schlagzeug aus dem Rhythmus-Repertoire einer Hammond-Orgel und „Kingdom I Dub“ – eigentlich ein nettes Stück – wird von Lobpreisungen Haile Selassies begleitet. Der Zusammenhang zur irischen Landschaft will sich mir hier nicht erschließen.

Abschließend geben wir uns jetzt noch eine richtige UK-Steppers-Dröhnung – auch wenn die Mucke aus Frankreich kommt: „World Wide Dub“ (Control Tower) von The Dub Machinist. Viel ist nicht von dem Herrn Dub-Maschinisten bekannt – aber eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Er nimmt seinen Namen ernst. Wie von einem großen, dampfgetriebenen Maschinenkoloss bewegt, stampfen seine Dubs durch Raum und Zeit und lassen Boden und Wände vibrieren. Brutal und minimalistisch. Nichts, aber auch gar nichts an diesen Dubs ist neu oder innovativ – und Ideen gibt es nur eine: Wumms! Aber die vollkommene Konsequenz, mit der diese Idee zu Ende gedacht wird, macht das Album zu einem Erlebnis. In Anlehnung an Heavy Metal lässt sich hier ohne Einschränkungen von puren „Heavy Dub“ sprechen. So etwas braucht man von Zeit zu Zeit, um sich das Trommelfell massieren zu lassen. Ah, das tut gut!