Mai 14

Obwohl der Maltese Manwel Tabone aka Manwel T bereits ein alter Knacker ist (geboren 1960 – also sogar noch älter als ich!), produzierte und mixte er seinen ersten Dub erst im Jahre 2006 und zwar komplett auf seinem PC – weshalb er sich auch als „digital dub remixer“ bezeichnet. Drei Jahre später, 2009, erschien sein erstes Album, nun 2012 liegt mit „Virtual Dub 4“ sein insgesamt viertes Werk vor. Da ich in meiner iTunes-Bibliothek auch „Virtual Dub 2“ gefunden habe, konnte ich sogleich einen historischen Vergleich anstellen, der mich nach aufmerksamem Studium von exakt 24 Stücken zu der Erkenntnis führte, dass Manwel T einen konstanten Stil pflegt: klassisch-moderner Dub mit Tendenz zum Steppers. Trotz seiner offensichtlich beschränkten Mittel, gelingt es ihm, ziemlich eigenständige Tracks zu bauen, von denen jeder seine unverwechselbaren Eigenheiten hat, sei es eine prägnante Hookline, eine melodiöse Bassline oder ein interessantes Arrangement. Nicht schlecht – wäre da nicht der etwas zu sterile, allzu synthetisch wirkende Sound. Vielleicht verwendet er einfach nicht wirklich gut gesampelte Instrumente oder kriegt es mit dem Mastering nicht hin. Vielleicht arbeitet er aber auch nur mit Windows ;-) Da ihm dieses Manko wahrscheinlich selbst bewusst ist, verschenkt er sein Album als freien Download – womit jede weitere Kritik hinfällig ist.

Mai 07

Wer dem ewigen, repetetiven, stumpfen und stupiden, ja geradezu hirnlosen Reggae-Offbeat endlich mal entkommen möchte, kann sein Ohr dem Label-Sampler „Uno“ des italienischen Labels „Aquietbump“ leihen, um hier in sphärischen „low end frequencies“ zu versinken. Der Sound liegt irgendwo bei Dub-House/Minimal-Elektronik und ist wirklich nicht schlecht. Wer einen voluminösen Subwoofer sein eigen nennt, kann mit diesem Album locker einen Bauschaden (oder Karosserieschaden, je nachdem) provozieren. Zwei der hier versammelten Minimal-Artists kenne ich sogar: Andreas Tilliander und Hieronymus (was euch jetzt aber auch nicht weiter hilft, oder?). Am besten mal reinhören, denn das Album ist kostenlos.

Apr 20

Am Anfang stand Dubullah – ein Mann mit einer Vision. Selbst begeisterter Dubhead (hätte man bei dem Namen kaum anders erwartet), Gründungsmitglied von Transglobal Underground und Syriana, hatte den Traum, Reggae und Dub mit der Musik Äthiopiens zu verbinden. So flog er 2006 nach Addis Abeba, lernte dort viele großartige Musiker kennen, gründete mit ihnen die Band Dub Colossus und nahm zwei Alben auf. Aber was so ein richtiger Dubhead ist, der nimmt nicht einfach so zwei Alben auf, ohne diese dann durch den Dub-Wolf zu drehen. „Dub Me Tender Vol. 1 + 2“ (Real World) ist Ergebnis dieses Vorgangs und man kommt nicht umhin, Dubullah die Beherrschung seines Handwerks zu attestieren. Was nämlich ursprünglich eine Mischung aus Ethiojazz und Reggae à La Abyssinians oder Mighty Diamonds war, ist nun – formal betrachtet – astreiner Dub. Sehr leichtfüßig gespielt, mit einem Sound, der an Live-Aufnahmen erinnert. Es mag vielleicht kein Album sein, das uns Hardcore-Dub-Maniacs vom Hocker reißt, aber die Zielgruppe des Real World-Labels dürfte nicht schlecht staunen, eine Musik präsentiert zu bekommen, die so viel spielerischer und musikalischer ist, als das, was sie bisher unter Reggae zu kategorisieren gewohnt war. Und genau diese Spielfreude, die aus der Musik förmlich heraus sprüht, ist es, die mit den Konventionen des (meist elektronisch produzierten) Dub bricht und hier eine ganz neue Erfahrung unseres Lieblings-Genres ermöglicht. Ob es aber eine rundum positive Erfahrung ist, wage ich bescheiden in Frage zu stellen. Mag sein, dass ich den klassischen Dub-Konventionen zu sehr hörig bin, mag aber auch sein, dass die Konventionen Ergebnis eines natürlichen und folgerichtigen Prozesses sind und somit zu Recht bestehen; in meinen Ohren entwickelt der Dub Colossus jedenfalls nicht jene Faszination, die dem „richtigen“ Dub-Sound inne wohnt. Nach meinem Verständnis bedeutet Dub stets „weniger“, also Minimalisimus, Repetition und puren Sound. Dub Colossus hingegen bietet „mehr“, musikalische Fülle statt Minimalismus, Variation und Spielfreude statt Repetition und instrumentale „Songs“ statt purem Sound. Der Mix hat hier nicht die Aufgabe der Destruktion, sondern ist selbst ein „mehr“, indem er sich zur Musik hinzu addiert und ihre Komplexität steigert. Trotz Dub haben wir es bei „Dub Me Tender“ also nicht wirklich mit Dub zu tun – davon abgesehen aber durchaus mit einer interessanten musikalischen Erfahrung.

Apr 16

Mein in Ehren gealtertes Buch “Do The Reggae” (1995) ist soeben in Apples iBook-Store erschienen. Wer Lust hat, die Geschichte des Reggae am iPad nachzulesen, kann es sich kostenlos herunterladen.

Apr 10

Wenn es in der Dub-Community einen Act gibt, der seinen Sound gefunden hat, dann ist es ohne jeden Zweifel, ganz und gar und zu 100% Alpha & Omega. Seit 1988 produzieren Bassistin Christine Woodbridge und Keyboard-Player John Sprosen ihren schweren, trägen, düsteren, ja mystischen Sound, der am ehesten mit Lee Perrys Black-Ark-Sound zu vergleichen ist. Ihre Aufnahmen sind einander so ähnlich, dass es mir oft nicht gelingt sicher zu entscheiden, ob die beiden neues Material präsentieren oder alte Rhythms recycled haben. Eigentlich strömt seit den über 20 Jahren ein ununterbrochener Strom dunkler Sound-Materie aus ihrem Londoner Chapel House Studio, ein Kontinuum das nur minimalen Variationen zulässt, ein Strom von Drum & Bass, dem man als Hörer verfällt wie einem Narkotikum. Ich schreibe hier nicht von brillanten Produktionen, krispem Sound oder gar musikalischen Innovationen. Alles, wovon ich schreibe, ist diese mystische Urwald-Atmosphäre, dieser Naturgewalt gleiche Sound, der seine Hörer einhüllt und zugleich mit wuchtigem Steppers-four-to-the-floor vorantreibt. Trotz meiner Verehrung für A & O, haben die letzten Produktionen wie „Trample The Eagle And The Dragon And The Bear“ oder „City Of Dub“ keinen nachhaltigen Eindruck auf mich hinterlassen. Das neue Album „Blessed Are The Poor“ (Control Tower) hingegen, das fünf Songs von Dan I im Showcase-Style (also mit angehängtem Dub) präsentiert, ist da von ganz anderem Kaliber. Denn neben Christines und Johns typischem Sound (der mir hier eine Spur aggressiver abgemischt erscheint), sind es vor allem die Songs von Dan I, die für Furore sorgen. Irgendwie hat dieser Bursche einen merkwürdig trägen, fast zeitversetzt wirkenden Gesangsstil entwickelt, der kongenial zum stoischen A & O-Sound passt. Über anderen Produktionen wird sich Dan I wahrscheinlich schrecklich anhören – hier aber würzt er die Musik in genau dem richtigen Maße. Doch auch die puren Dubs klingen interessant. Ich kann es nicht genau analysieren, aber irgendwie klingen die Mixe kraftvoller und dynamischer. Vielleicht ist es der merkwürdig verzerrte Sound, der hier die Bassline begleitet und entfernt an Dubstep erinnert. Vielleicht sind es aber auch die vielen Melodie-Samples aus älteren A & O-Produktionen wie z. B. aus Aswads „Warrior Charge“, das schon auf „City Of Dub“ zu hören war, hier aber, auf „Blessed Are The Poor“ erst seine ganze Kraft ausspielen darf.