Dub, Sonstige

Various Artists Glitterbeat: Dubs & Versions 1

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Schon der Titel des Albums weckte meine Neugier: Glitterbeat: Dubs & Versions (Glitterbeat). Weltmusik ist nach Dub meine zweite große Leidenschaft – wie genial, wenn ein Album verspricht, beides miteinander zu verbinden. Ein Blick auf die Tracklist ließ die Neugier in reine Gier umschlagen: Dennis Bovell und Mark Ernestus (Rhythm & Sound) wurden da neben sechs weiteren Namen als Remixer aufgeführt. Also: Play! Den Start machte sodann Dennis Bovells Remix des malischen Sängers Samba Touré. Ein großartiges, ultra-langsames Stück, von typisch malischen Gesangsharmonien geprägt und von Bovell mit einer sich träge wälzenden Bassline und versprengten Offbeats unterlegt. Was für ein Auftakt! Mark Ernestus hat sich eine Afrobeat-Aufnahme von Ben Zabo vorgenommen. Von Reggae keine Spur mehr, lediglich ein paar Hall-Effekte lassen an Dub denken. Seine Rhythm & Sound-Produktionen im Kopf, hatte ich mir da etwas Anderes versprochen. Der nächste Remix stammt von Schneider TM, der sich des gleichen Materials wie Bovell angenommen hat, aber zu einem absolut konträren Ergebnis gelangt ist. Sein Track ist geprägt von stark synkopiertem Elektro-Sound und verzerrtem Gesang. Nächster Track ist ein Remix des Shangaan-Electro-Produzenten Tamala. Wie Bovell hat er dem Original seinen Lieblingsbeat verpasst – in seinem Fall Shangaan. Ich mag diesen neuen Style aus Südafrika sehr – obgleich er mit Dub & Versions nicht viel zu tun hat. Und noch ein toller Track: Harmonius Thelonius präsentiert eine Fusion aus schneller elektronischer Tanzmusik und Afrobeat. Auch hier stellt sich die Frage: Wieso unter der Überschrift „Dubs & Versions“? Wir haben hier eine paradoxe Situation: ich rezensiere hier ein Afrika-Sounds-Remix-Album, weil ich auf den Etikettenschwindel „Dubs & Versions“ hereingefallen bin – aber ich finde das Album so gut, dass ich es nicht übers Herz bringe, den Text einfach zu löschen. Ich möchte es euch Dub-Enthusiasten da draußen, daher wärmstens ans Herz legen. Es muss ja nicht immer Dub sein – auch wenn’s draufsteht.

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Dub, Sonstige

Prince Fatty Meets Nostalgia 77: In the Kingdom of Dub

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Da schreibe ich unentwegt, dass Dub mehr sei als ein Style, mehr als ein Genre, nämlich eine Methode, eine Produktionsform, ein musikalischer Prozess – bin aber bisher den idealen Beweis für diese Behauptung stets schuldig geblieben. Doch nun hat ihn mir mein zur Zeit liebster Dub-Producer, Prince Fatty, ohne viel Tamtam, ganz unprätentiös, in den Briefkasten gelegt: Prince Fatty Meets Nostalgia 77: In the Kingdom of Dub (Tru Thoughts). Der Mischpult-Magier aus Brighton hat hier nicht – wie es eigentlich zu erwarten war – seine eigenen (genialen) Retro-Reggae-Produktionen gedubbt, sondern – welch Schock – die Jazz-Tunes seines Kumpels Benedic Lamdin und dessen Projekt-Combo Nostalgia 77. Richtig gelesen: In the Kingdom of Dub ist ein Jazz-Album. Reggae-Beats sucht man hier vergeblich (obwohl im ersten Track unverkennbar Dennis Browns Westbound Train-Thema anklingt und im zweiten Track Dennis Alcapone ein paar Toasts beisteuert). Statt dessen gibt es modernen, zugänglichen, ja sogar richtig schönen Jazz, Es gibt es eigentlich keinen Hinderungsgrund, sich ganz tapfer und aufgeschlossen mal auf dieses Album einzulassen. Doch Jazz und Dub, kann das gut gehen? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wie klassische Musik, versteht sich Jazz meist als Live-Performance, die es möglichst pur, unverfälscht und authentisch aufzunehmen gilt. Jazz ist grundsätzlich keine „produzierte“ Musik, wie Pop oder Reggae. Daher ist es eigentlich eine ausgemachte Sache, dass sich Dub – der Inbegriff von „Produktion“ – und Jazz nicht miteinander vertragen dürften. Nun, Prince Fatty und Benedic Lamdin beweisen hier ganz lässig und selbstverständlich das Gegenteil. Das virtuose Spiel mit den Tonspuren, die Addition minimaler Overdubs (mit Sounds aus dem Reggae-Universum) und vor allem der gefühlvoll dosierte Einsatz von Hall und Echo verbindet sich mit den Jazz-Tunes auf so unglaublich harmonische Weise, dass nur wenige Takte reichen, um die These von der Unvereinbarkeit von Dub und Jazz zu Staub zerfallen zu lassen. Dub und Jazz werden hier untrennbar zur Einheit, Groove und Mix durchdringen sich so organisch, so selbstverständlich, als würde Dub vom Jazz und nicht vom Reggae abstammen. Bleibt die Frage, ob man als Dub-Liebhaber bereit ist, zumindest für die Länge von zehn Tracks, Reggae gegen Jazz einzutauschen. Daher bringe ich mal eben eine weitere These ins Spiel: Wer Dub mag, kann nicht engstirnig sein. Und wer nicht engstirnig ist, dem wird diese kongeniale Dub-Jazz-Fusion den musikalischen Horizont noch weiter öffnen. Und wer einen weiten musikalischen Horizont hat, wird das Kingdom of Dub lieben.

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Interview

Dub Konferenz am Strand der Echos

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Echo Beach – das Hamburger Dub-Label wird 20 Jahre alt. 1994, auf dem Höhepunkt des UK-Dub gegründet, gehört es heute nicht nur zu den dienstältesten auf Dub spezialisierten Labels, sondern dürfte auch das produktivste weltweit sein. Für uns Grund genug, mit Labelgründer Nicolai Beverungen und ausgewiesenen Dub-Spezialisten über Dub, seine Entwicklungen und Trends und nicht zuletzt über die Faszinationskraft dieser Musik zu philosophieren.

Nicolai Beverungen: Ich bin über Punk zum Reggae gekommen, habe dann bei der inzwischen verblichenen Plattenfirma EFA als Labelmanager für On-U-Sound gearbeitet. Als ich 1993 bei EFA ausstieg, wollte ich eine CD veröffentlichen, die einen Rückblick auf die letzten Jahre meiner Arbeit sein sollte. Für mich kam nur eine Dub-Compilation in Frage, denn das war der Sound, der mich am meisten begeisterte. Daraus ist dann „King Size Dub Vol. 1“ entstanden, die von der Spex präsentiert wurde. Das war 1994 ein guter Start für mein Label „Echo Beach“.
Warum ich nach zwanzig Jahren noch immer da bin, liegt wahrscheinlich daran, dass das Labelkonzept „Dub“ so offen ist. Wenn ich mich nur auf Roots-Dub konzentriert hätte, dann wäre ich wohl heute Briefträger bei der Post. Aber ich war immer offen für andere Einflüsse. Nehmen wir zum Beispiel mal „William S. Borroughs in Dub“, das vor Kurzem auf Echo Beach erschienen ist. Da würde jeder Jamaikaner fragen: „Was hat das mit Dub zu tun“? Aber gerade so was ist für mich am interessantesten.

Markus Kammann: Ich komme aus der Club-Szene. In den achtziger Jahren habe ich die Beat Box in Wuppertal gegründet, den ersten ambitionierten Club, den es bundesweit gab. Ich bin aber gleichzeitig schon immer Musiker gewesen, was die wenigsten wissen. Ich fuhr damals oft nach London, um dort Platten für den Club einzukaufen. Nachdem die Platten im Club liefen, wollte sie jeder kaufen. Daher überlegten wir uns, einen Plattenladen zu gründen. Das war dann Groove Attack. Heute produziere ich verrückten Dub unter dem Namen Robo Bass HiFi.

Thomas Hoppe: Ich repräsentiere hier die handgemachte Musik, von der Band-Seite her. Ich bin Schlagzeuger der Senior Allstars. Mit der Band haben wir uns dem Dub schrittweise angenähert. Wir hatten ihn von Anfang an dabei, aber er ist für uns immer wichtiger geworden. Dass Dub heute auch Live auf der Bühne das Hauptelement ist, hatten wir gar nicht geplant. Das hat sich so entwickelt.

Felix Wolter: Genau wie Nicolai komme ich aus der Zeit, in der Punk und Reggae eine Liaison hatten. Stark geprägt durch Adrians On-U-Sound fühlte ich mich dem Londoner Dub näher, als dem jamaikanischen Reggae. Den habe ich erst im Laufe der Jahre meiner aktiven Laufbahn bei der deutschen Reggae-Band The Vision richtig kennen-, lieben- und schätzen gelernt. Ich bin neben meinen TVS- und Dubvisionist-Projekten auch noch im artverwandten Downtempo (PFL und Chin Chillaz) unterwegs und arbeite in unserer Firma Time Tools Recordings an der Zusammenstellung von Compilations im Bereich Lounge, Downtempo und House, die wir weltweit zum Download anbieten. Ich liebe Studioarbeit und einen balancierten Sound.

René Wynands: Ich habe den Reggae im zarten Alter von 15 Jahren für mich entdeckt, als ich mir mein erstes Bob Marley-Album kaufte. Ich hatte gelesen, dass es Musik mit viel Bass sei, was für mich schon damals offenbar ein wichtiger Kaufgrund war. Dub habe ich dann zum ersten Mal auf „LKJ in Dub“ gehört und mit dem Album „Pounding System“ vom Dub Syndicate erst richtig verstanden. Danach habe ich alles an Dub gekauft, dessen ich habhaft werden konnte. Heute betreue ich die Dub-Seite in der Riddim und schreibe mit dem dubblog.de einen kleinen deutschsprachigen Blog über meine Lieblingsmusik.

My Definition of Dub

René: Wir wollen über unsere Lieblingsmusik, über Dub sprechen. Doch was ist Dub genau? Ein Genre? Gar ein Sub-Genre? Oder eher eine universelle Produktionstechnik, die sich auf jeden Musikstil anwenden lässt? Ist Dub also ganz klein und scharf definiert, oder ist Dub das genaue Gegenteil: groß, offen und universell?

Nicolai: „Space is King“ – Der Raum ist der Oberbegriff von Dub, denn der Raum eröffnet Möglichkeiten. Reggae ist zwar meine Musik, aber dennoch würde ich den Begriff von Dub keinesfalls auf Reggae einschränken wollen. Ich sehe Dub viel offener.

Markus: Natürlich liegen die Wurzeln des Dub in Jamaika. Aber schon kurz nach der Erfindung von Dub hat es in Amerika bereits Dub-Versionen von Funk-und Disco-Stücken gegeben. Dub war also schon früher keineswegs auf Reggae beschränkt. Das klassische Prinzip von Dub besteht darin, dass der Toningenieur im Studio nicht nur für den Klang verantwortlich ist, sondern selbst zum Musiker wird, indem er sich die Freiheit nimmt, ein Stück mit den Mitteln der Studiotechnik neu zu interpretieren.

Thomas: Der Ursprung ist natürlich Jamaika und ich mag am liebsten die Sorte Dub, wo man den Ursprung noch raushört. Aber eigentlich sehe ich es wie Nicolai, würde aber dem Begriff „Raum“ noch „Atmosphäre“ hinzufügen. Der Raum entsteht durch die Reduktion, die Ausdünnung, die im Dub vorgenommen wird. Wir Dubber sind aus der Kirche der Substraktion. Das Weglassen reduziert einen Tune auf das Wesentliche.

Nicolai: Richtig. In vielen klassischen Reggae-Stücken gibt es magische Momente, während andere Teile eher uninteressant sind. Und da liegt das Wesen von Dub: Beim Dub lassen sich die magischen Momente eines Stückes herausgreifen und betonen. Dub ist die Essenz eines Stückes.

Thomas: Wir interpretieren allerdings ein Stück nicht unbedingt neu. Viele unserer Dubs werden von Anfang an als Dubs produziert. Da gibt es gar kein vorausgehendes „Original“ mehr.

Markus: Für mein neues Album „Nu School of Planet Dub“ hatte ich zwar „Originale“, bin aber beim Dub-Mix ganz anders vorgegangen, als die jamaikanischen Originators. Statt das Original neu abzumischen und mit Effekten zu versehen, nehme ich es komplett auseinander und baue ein ganz neues Stück daraus. Ich mache aus dem Material komplett neue Stücke. Die Konstante sind lediglich Schlagzeug und Bass – die Groove-Basis. Bei allem, was ich drüber mache, nehme ich mir ganz viele Freiheit. Warum sollte ich mich da limitieren?

Felix: Im Limitieren liegt für mich genau die Magie des Dubs. Mit weniger auskommen und musikalische Ressourcen essenzieren. Mein Ziel ist es, dabei so zeitlos wie möglich zu klingen. Ich liebe einen Sound, den es vor Jahren schon gab und den es in zig Jahren immer noch geben wird. Der aktuelle „Zeitgeistsound“ hat für mich einen großen Nachteil. Er hat zwar eine gewisse Tagesaktualität, aber eben auch nur eine begrenzte Halbwertzeit. In den 80ern war ich vorzeitgeistig (On-U-Sound infiziert) auch mit dem Konzept Dekonstruktion und Aufbrechen-der-Hörgewohnheiten angetreten. Doch da das nun in allen möglichen aktuellen Musikstilen gemacht wird, überkommt mich dabei inzwischen eine gewisse Langweile. Das Produzieren ist natürlich auch sehr einfach geworden durch den Computer. Dadurch werden die Ergebnisse inflationär und verlieren ihren Wert. Ich favorisiere inzwischen wieder einen qualitativen Sound. Es gibt eben einen Unterschied zwischen einer Platte wie „Sgt. Peppers …“ und einem auf dem Handy programmierten Dubstep. Ich orientiere mich lieber an Musik als an Technik.

René: Mich wundert, dass hier niemand sagt: „Dub ist Bass“. Denn obwohl Reggae ja bereits ein Musikstil ist, der dem Bass eine herausragende Stellung einräumt, so ist es doch der Dub, der durch das Weglassen des Gesangs und das Ausdünnen der rhythmisch-klanglichen Textur den Bass so stark betont, wie kein anderes Genre vor ihm. Ohne Dub wäre das, was heute als „Bass Music“ bezeichnet wird, gar nicht denkbar. Dub war die Blaupause für die Musik, die heute in angesagten Clubs zu hören ist.

Markus: Das stimmt. Drum & Bass, Dubstep, Trap, Moombahton – das hat sich alles aus Dub entwickelt. Praktisch die ganze moderne Dancefloor-Music.

René: Daher glaube ich auch, dass es der Bass ist, der ganz wesentlich für die Faszination von Dub verantwortlich ist.

Felix: Das physische Erleben von Musik geht mit Bass natürlich ganz einfach.

Markus: Sehe ich auch so. Diese tiefe, rollende Bassfigur erzeugt die hypnotische Wirkung von Dub. Das trancehafte, psychedelische, „trippige“ von Dub übt eine große Faszination aus. Man muss auch sagen: Das passt auch perfekt zu bestimmten Drogen.

Nicolai: Dub erinnert uns vielleicht an die Situation im Mutterbauch. Da ist man geborgen und behütet und von Flüssigkeit umgeben, durch die alle Geräusche der Umwelt gefiltert werden. Das rhythmische Schlagen des Herzens der Mutter ist ein steter Beat. Eigentlich müssten deshalb alle Menschen Dub-Fans sein.

René: Coole Theorie. Ich glaube allerdings, dass man eine besondere Disposition für Dub und Reggae braucht. Ich bin sicher jeder von uns hat das so erlebt: Man hört zum ersten Mal Reggae und es macht Klick. Da passt ein Schlüssel ins Schloss. Der Beginn einer lebenslangen Beziehung. In meinem Fall hat es dann bei Dub ein zweites Mal geklickt. Reggae und Dub gehören für mich untrennbar zusammen.

Felix: In der Ursprungsform sicher. Aber wie wir ja auch wissen, gibt es auch zahlreiche Parallelentwicklungen, die mit Reggae dann wieder nur begrenzt zu tun haben und Dub als eigenständige Kunstform propagieren, wie z.B. Downtempo, Dubhouse, Wiener Schule mit Kruder und Dorfmeister, Berliner Schule mit Rhythm & Sound etc.

Nicolai: Ich komme zwar ursprünglich vom Punk, doch heute höre ich mehr Reggae als alles andere. Deshalb ist mir beim Dub der Reggae-Flavour auch ganz wichtig. Wenn die Dub-Methode auf ein anderes Genre angewendet wird, dann finde ich das auch gut, aber es zieht mich nicht so in seinen Bann, als wenn Reggae enthalten ist. Wenn ich einen Offbeat-Skank höre, dann bin ich sofort dabei. Das wirkt bei mir wie Magie.

Thomas: Ja, Reggae und Dub gehören zusammen. Aber Dub braucht nicht unbedingt ein Reggae-Vocal-Stück als Original. Bei mir stehen Vocal-Version und Dub gleichberechtigt nebeneinander. Ich könnte und will mich gar nicht entscheiden, was ich da bevorzuge.

Exodus: Dub Goes International

René: Ich stimme Thomas voll und ganz zu. Dub ist inzwischen ein eigenständiges Genre und benötigt kein Reggae-Vocal-Original mehr. Moderner Dub basiert natürlich auf dem, was jamaikanische Studiotechniker im Laufe der 1970er Jahre entwickelt hatten. Doch mit der Übergabe des Staffelstabes des Dub von Jamaika nach England Mitte der 1980er Jahre, hat sich Dub grundlegend verändert. In Jamaika war Dub die „Version“ eines Vocal-Originals, bei der dem Mix und den Sound-Effekte die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die vorher der Stimme vorbehalten war. Dub war Zweitverwertung und an die Bedingungen des Originals gebunden. Das änderte sich erst, als Dub in Jamaika ausstarb und in Europa weiterentwickelt wurde. Man kann sagen: der Dub fand zu sich selbst. Er war nicht länger auf ein Vocal-Original angewiesen, sondern wurde direkt als Dub produziert. Das erlaubte es, die Musik auf bestimmte Qualitäten hin maßzuschneidern: auf hypnotische Repetition, auf eine dichte, magische Atmosphäre, auf Intensität und auf Bass, Bass und Bass. Dub ist nicht länger ein Derivat von Reggae, sondern ein eigenständiges Genre, das – um es mal überspitzt auszudrücken – in mancher Hinsicht heute mehr mit europäischer Club-Music zu tun hat, als mit klassischem Reggae.

Nicolai: Das, was in Europa als Dub gilt, wird von den Jamaikanern nur belächelt. Wir Europäer haben etwas Eigenes daraus gemacht. Wir haben viele Einflüsse europäischer Musik mit eingebracht.

Markus: Ich habe früher die ganzen jamaikanischen Dub-Alben gekauft. Heute sehe ich Dub aber ganz anders. Ich produziere auch meine Musik ganz anders. Ich gehe viel weiter, als nur an den Knöppen rumzudrehen.

Felix: Ich wage jetzt mal eine ganz steile These: Dass die Jamaikaner sich vom Dub entfernt haben, liegt vielleicht auch daran, dass sich der jamaikanische Dancehallsound ent-spiritualisiert hat. Es ist eben kein Rootsreggae mehr, der an die Herkunft erinnert. Eben war schon von atmosphärischem Dub, Magie und Intensität die Rede. Ich denke, wir meinen da dasselbe. So ein Zustand entsteht, wenn man „über seinen eigenen Tellerrand“ hinaus blicken kann. Das war beim 70ies Reggae mit seiner Message und den atmosphärischen Dubversions gegeben, der uns alle begeistert und beeinflusst hat. Homophobe Dancehall-Acts die in ihren Texten nur dissen und die Konsumschraube drehen, legen wahrscheinlich auch weniger Wert auf die Atmosphäre eines philosophischen Reasonings. Dass Dub dort aktuell ausgeblendet wird, ist für mich (und den Dub) eher erfreulich, weil auch sauber abgrenzend.

René: Felix’ These lautet: Dub ist in Jamaika ausgestorben, weil die Musik nicht mehr passte – „ent-spiritualisiert“ – wie du sagst. Das klingt logisch. Ist es aber nicht auch denkbar, dass es für jamaikanischen Dub einfach kein Publikum mehr gab? Höchst interessant ist ja, dass die ganzen berühmten, jamaikanischen Dub-Alben der 1970er Jahre im wesentlichen für den internationalen Markt gemacht wurden. In Jamaika wurden die Alben kaum verkauft. Dub stand in Jamaika zudem in einem ganz anderen Verwendungszusammenhang: die auf Singles gepresste Dub-Version diente als gepimpte Rhythm-Grundlage für die Live-Performance der Dancehall-Deejays. Ganz anders in Europa: Hier kauften Scharen weißer Reggae-Liebhaber die Dub-Alben und hörten sie sich ganz pur und ohne Live-Toasting auf ihren Stereo-Anlagen an. Dub ist in Europa also komplett anders rezipiert worden. Und das, was Europäer an Dub schätzen – die Atmosphäre, die Magie, das konnte der „Computerised Reggae“ und nachfolgend Dancehall nicht mehr bieten. Deshalb begannen Leute wie Mad Professor und vor allem Jah Shaka für den heimischen Markt zu produzieren und schlugen eine zum jamaikanischen Reggae konträre Richtung ein. Wurde der Reggae in Jamaika schneller, reduzierter und Vocal-dominierter, so verlangte das europäische Dub-Publikum nach langsamen, hypnotischen Beats und (durch elektronische Tanzmusik induziert) nach instrumentaler Musik. In Jamaika verschwand die gute alte Bassline aus dem Reggae, im neu entstehenden UK-Dub wurde sie hingegen bis ins unermessliche gesteigert. Kurz: der europäische Dub emanzipierte sich vollständig vom jamaikanischen Original. Von da aus entwickelten sich Drum & Bass, Garage, Dubstep und Trap.
Jetzt, wo diese Bass-Music so enorm populär ist, scheinen sich aber auch jamaikanische Produzenten wieder auf Dub zu besinnen. Das passt auch ganz gut zum Roots-Revival.

Felix: Ja klar, sobald die Musik wieder aus der Bedeutungslosigkeit erwacht und mit Inhalten gefüllt wird, funktioniert auch wieder das Raum-gebende des Dubs. Ich meine festzustellen, dass es ein vermehrtes Interesse an real gespieltem Roots-Reggae gibt. Die heutigen Youth sind – wie jede neue Generation – gelangweilt von ihren direkten Vorgängern. Sie suchen nach einem authentischen, eigenen Lebensgefühl. Das finden sie aktuell dann eher bei organischem Roots als bei den omnipräsenten, computergestützten Dancestyles. Das ist nur eine Beobachtung aus unserem Umfeld. Sicher gibt es auch andere junge Szenen, die sich gern mit Dubstep etc. beschäftigen, aber die kenne ich nicht.

Markus: Ich finde, die Jamaikaner produzieren im Moment sehr konventionell. Ganz klassisch auf Band-Ebene, so, wie man das früher schon gemacht hat. Für mich sind Produktionen aus dem Umfeld von Mad Decent und Diplo da viel interessanter, weil die alle Grenzen aufbrechen. Major Lazer mag ich teilweise auch. Trap ist fantastisch. Ich lasse mich sehr von deren Ideen inspirieren.

Felix: Major Lazer find ich auch sehr cool. Der ist frech und intelligent beim Programmieren und beim Mischen. Da stimmt es dann auch wieder mit der Qualität. Aber als Dub würde ich das nun nicht unbedingt bezeichnen, dann doch eher als gutgemachten Pop

Nicolai: Major Lazer ist mir auch zu poppig. Das letzte gute Dub-Album, das ich gehört habe, ist hingegen „Hurrican Dub“ von Grace Jones. Das ist vom Sound her phänomenal und sehr einfallsreich. Da waren gute Leute dran, ganz handgemacht. Ansonsten höre ich inzwischen wieder viele Drum & Bass-Einflüsse. Kann sein, dass dieser Sound in Zukunft wieder wichtiger werden wird. Der Wobble-Bass von Dubstep ist hingegen rückläufig. Für mich gilt: Je offener Dub ist, desto besser finde ich ihn. Ich halte es da mit Seeed: „Berliner Jungs auf Abwegen, kurz vorm Abheben, die erste Platte machen is’ wie’n extra dickes Ei legen, eigentlich müßt’s von Amts wegen mal richtig was auf’s Dach geben, Puristen, Stylepolizisten mit 7: 0 vom Platz fegen!“. Das Zitat ist wie ein Motto für mich. Mit Puristen hatte ich schon immer meine Probleme.

The Spirit of Dub

René: Puristen und Dogmatiker lassen sich unter Dub-Freunden eher selten finden – mit einer Ausnahme: die Steppers-Soundsystem-Szene ist einigermaßen orthodox und versteht sich als ausgesprochen spirituell. Was ich übrigens gut verstehen kann, denn so eine Dub-Soundsystem-Nacht hat schon etwas Metaphysisches.

Nicolai: Ich war mal bei Jah Shaka in London und muss sagen, das war wahnsinnig spirituell.

Felix: Ja, der erste Shaka Dance hat für viele Dubheads etwas von einer Einweihung. Wenn du das erste Mal mit dieser Intensität in Kontakt kommst, passiert was in dir.

Markus: Die Bässe, die einen Meter hoch im Raum stehen, die man geradezu anfassen kann, sind spirituell. Das nimmt einen körperlich ein.

Nicolai: Man kommt immer wieder auf den Bass.

Felix: Bass ist aber nur der „Treibstoff“, die Technik. Der viel zitierte „Positive Vibe“ wird meiner Meinung nach, ähnlich wie beim Gospel, durch die performte Überzeugung der Protagonisten hervorgerufen.

Nicolai: Dub ist schon spirituell. Aber nicht im religiösen Sinne. Daher ist es eigentlich ein Missbrauch, die Spiritualität von Dub allein auf das Thema Rasta zu reduzieren.

Thomas: Für mich persönlich ist Rasta und die religiöse Seite nicht bedeutsam. Das soll jeder mit sich selbst ausmachen, aber ich finde, dass der Spirit von Reggae und Dub auch ohne diese Seite fühlbar ist.

René: Ich denke, dass der Mensch eine biologisch begründete Sehnsucht nach Spiritualität hat. Bass & Space bedienen dieses Bedürfnis in meinem Falle recht gut. Ich kann aber verstehen, dass viele Fans mit einer so abstrakten Spiritualität nichts anzufangen wissen und sich dann, auch als weiße Europäer, Rastafari verschreiben. Darin liegt natürlich ein gewisser Widerspruch, an dem eines sehr deutlich wird: nämlich dass wir Fans einer Musik sind, die ursprünglich nichts mit unserer eigenen Kultur zu tun hatte. Ist das nicht merkwürdig? Eigentlich sind wir doch Kulturimperialisten.

Cultureclash

Nicolai: Die Wirkung der Musik ist allgemein menschlich. Sie wirkt auf uns unmittelbar und unabhängig von kultureller Zugehörigkeit. Es sind Töne und Schwingungen. Entscheidend ist, was mein Herz berührt. Ganz egal, aus welcher Kultur es stammt.

Markus: Ich habe mich immer schon durch rhythmische Musik angesprochen gefühlt, statt durch die Melodien klassischer europäischer Musik. Daher bin ich zwangsläufig bei Black Music gelandet. Das hat nichts mit Kultur zu tun, sondern mit dem persönlichen Empfinden.

Thomas: Wenn man anfängt, die Musik selbst zu machen, dann hat man ja die Möglichkeit, Aspekte, die nicht zur eigenen Lebenssituation passen, auszulassen. Wir lieben jamaikanische Musik, versuchen aber nicht so zu tun, als wären wir Jamaikaner. Man darf ruhig hören, dass es die kontinentaleuropäische Version ist, die wir spielen.

René: Ihr habt völlig Recht. So sehe ich die Sache eigentlich auch. Entscheidend ist das ästhetische Erlebnis, das beim Hören von Dub ausgelöst wird. Die Produktionstechnik, die kulturelle Herkunft, ja selbst die Artists sind eigentlich egal. Die Musik muss – auch ohne Vorwissen – für sich stehen und ästhetisch überzeugen können. Ich finde, dass sich Dub dazu besonders gut eignet, weil er instrumental ist. Die – der eigenen Lebenswirklichkeit fremden – Texte, bleiben außen vor.

Word, Sound & Power

Felix: Der Mainstream braucht für sein Verständnis noch immer einen Sänger, der zwischen dem Fan und der Musik vermittelt. Diese Klientel wird es mit Dub eh immer schwer haben. Dub ist dem durchschnittlichen Konsumenten viel zu abstrakt.

Nicolai: Wenn man sich die Charts (auch die Reggae-Charts) anhört, dann merkt man schnell, dass dort ausschließlich Vocal-Songs präsent sind. Die Musik steht dabei ganz im Hintergrund. Menschen lassen sich von der Stimme, dem Wort, dem Gesang leiten.

Thomas: Wir werden noch immer häufig gefragt, warum bei uns keiner singt. Dann sagen wir: Weil wir es so wollen. Das Fehlen von Gesang kann schon eine Hürde bei der Vermarktung von Dub sein. Aber wir machen es trotzdem!

Markus: Wenn du Pop-Musik wie von Lana Del Rey zum Beispiel, einmal bewusst anhörst, dann erkennst du, dass das ganz langsame, getragen Stücke sind, die komplett von der Stimme dominiert werden. Die Musik dahinter verschwindet regelrecht – und ist meist auch totaler Mist. Sie klingt sogar richtig schlecht. Die Videos sind hingegen aufwändig produziert. Mir ist das zu dünn, zu schlapp. Aber so verkauft man Musik. Das ist Mainstream. Dub ist das genaue Gegenteil.

René: Was Dub im Gegensatz zum Mainstream so spannend macht, ist die Tatsache, dass Dub deutlich vielschichtiger ist. So lässt sich Dub zum Beispiel rein körperlich wahrnehmen. Der Groove erfasst Körper und Geist und man lässt sich von ihm davontragen. Man kann Dub aber auch ganz bewusst und analytisch hören, fast so wie klassische Musik. Erst wenn er auf beiden Ebenen funktioniert, ist ein Dub wirklich gut.

Thomas: Genau. Wir spielen Konzerte, wo alle tanzen, aber auch sogenannte „Sofakonzerte“, wo das Publikum nur sitzt und zuhört. Klasse, dass das mit Dub möglich ist.

Who the Cap Fits

René: Nicht jeder weiß das zu schätzen. Mich wundert schon, dass Reggae und Dub größtenteils unterschiedliche Gefolgschaften haben. Die Szenen sind nicht identisch.

Felix: Die Reggae-Szene orientiert sich traditionsbewusst am jamaikanischen Original, während die Dub-Szene, wie wir ja schon festgestellt haben, doch eher eine internationale Sache ist. Dass sich in so einer weltoffenen Szene die Dinge in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln, empfinde ich als Bereicherung und Herausforderung, auch oder gerade weil es manchmal belustigend oder verstörend sein kann.

Thomas: Es gibt beim Reggae viele Leute, die die Faszination von Dub nicht teilen. Was aber auch okay ist. Unser Publikum besteht aus Dub-Liebhabern. Es ist nicht unbedingt das typische Reggae-Publikum. Wir spielen auch gerne in Clubs, wo eigentlich eher ein Jazz-Publikum zu finden ist. Das funktioniert sehr gut. Diese Leute haben vor allem Spaß daran, das musikalische Handwerk auf der Bühne zu betrachten.

Nicolai: Also, ich muss sagen: Das Dub-Publikum besteht vor allem aus älteren Männern und wenig Frauen.

René: Da sind meine Erfahrungen aber ganz anders. Z. B. beim Dub-Weekender in Wales, wo ich letztens war, ist das Publikum komplett gemischt. Jung und Alt und auch sehr viele Frauen. Das finde ich ja gerade gut an Dub: Anders als z. B. bei Techno oder Blues, können sich Menschen aller Altersgruppen und beider Geschlechter auf die Musik einigen.

Nicolai: Okay, die Steppers-Szene ist da anders. Da geht auch junges Publikum hin. Auch Frauen.

Markus: Dub spricht Frauen wie Männer an. Es kommt darauf an, ob Dub auf ein Reggae-Publikum hin produziert wird, oder ob man auch ein jüngeres, Club-orientiertes Publikum ansprechen will. Dann müsste man sich aber auch trauen, einen Dub-Act neben einen Techno-DJ zu stellen. Damit das funktioniert, müssten die Dubs aber ineinander gemischt werden, wie ein Club-DJ das machen würde.

Nicolai: Ich besorge dir mal auf dem Mayday einen Platz neben Westbam. Dann kannst du es beweisen.

Markus: Au ja!

Future-Dub

René: Egal ob jung oder alt, Männer oder auch Frauen: Für Dub sieht es im Moment gar nicht schlecht aus, oder? Ich habe den Eindruck, dass er wieder mehr Publikum anzieht.

Markus: Ich erlebe das momentan bei vielen jungen Leuten, die vom Dancehall kommen und den ganzen „Jump Up“-Karneval leid sind. Die kommen und entdecken die Dimension von Dub, den gewaltigen Bass.

Felix: Na, wenn das jetzt mal nicht das berühmte „Pfeifen im Walde“ ist. Für mich sind die letzten Äußerungen auch der Beweis meiner These, dass die Form allein nicht wirklich zum Ziel führt. Sonst bräuchten wir uns hier nicht gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und positive Ansätze zu suchen, dann wäre eine positive Entwicklung da. Ich setze da meine Hoffnung auf kommende Generationen, die mit Abstand die Entwicklungen und Dubvisionen für sich neu bewerten werden.

Nicolai: Ich bekomme immer noch Anfragen von Leuten, die Dub gerade erst für sich entdeckt haben und mich nach der King Size Dub Vol. 1 von 1994 fragen. Ich glaube daher, dass es Dub immer geben wird. Sound & Space sind unsterblich und werden bestimmt bald auch wieder populärer werden. Andererseits wird Dub trotzdem immer eine Nische bleiben. Geld lässt sich damit leider nur noch schwerlich verdienen. 2023 gehe ich in Rente. Was bis dahin noch passiert, muss man abwarten. Ich bin aber optimistisch, denn ich sehe nicht nur die materielle Seite. Ich liebe die Musik und die Menschen, die sie machen. Das ist es, was mir an meinen Job Spaß macht. Das wird so bleiben. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Der Bass rollt und wird weiter rollen.

Drei Dub-Alben, die den Weg in die Zukunft weisen:

Nicolai:
1. DeDuBros: Instigation
2. Dub Syndicate: Hard Food
3. Lee Scratch Perry vs. Robo Bass Hifi vs. Dubblestandart: Nu School of Planet Dub

Markus:
1. Lee Scratch Perry vs. Robo Bass Hifi vs. Dubblestandart: Nu School of Planet Dub
2. Diverse Produzenten: Dillon Francis, Etc! Etc!, Bro Safari, Elliphant, Flosstradamus

Felix:
1. White Noise: Electric Storm
2. Jimi Hendrix: Electric Ladyland
3. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Dlub Band

Thomas:
1. King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2
2. Umberto Echo: Elevator Dubs
3. Dubmatix: In Dub

René:
1. Hey-O-Hansen: Sonn und Mond
2. King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2
3. Dubmatix: In Dub

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Dub

Dub Club Meets The Lions: This Generation In Dub

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Hier haben wir ein schönes Beispiel für die alte Schule des Dub – transportiert und transformiert ins Hier und Jetzt. Klassisches Live-Mixing von handgespieltem Reggae – no laptop included. Pure & simple. Schauplatz des Geschehens: Los Angeles, home turf der Lions, einer Reggae Band, die mit „This Generation“ 2012 ihr Debut-Album vorgelegt hatte. Und: der Dub Club, wohlbekannte L.A.-Venue, vor der sich an Wochenenden Schlangen von Menschen bilden, die den guten, alten 70ies-Reggae-Sound schön laut und in Gesellschaft Gleichgesinnter hören wollen. Tom Chasteen, Betreiber des Dub Club, Plattensammler und Produzent der beiden (zuletzt hier besprochenen) „Signs & Wonders“-Retro-Alben, hat sich kurzerhand das Debut der Lions vorgeknöpft begeistert an den Knöpfen gedreht und mit „This Generation In Dub“ (Stones Throw) im Rekordtempo eine solide Dub-Version gezaubert. Die Stärke dieses Albums liegt allerdings weniger im Mix, der zweifellos völlig in Ordnung ist, als viel mehr in der von Chasteen verarbeiteten Vorlage, den Tunes der Lions. Die Band birst regelrecht vor Energie, Spielfreude, Ideen und virtuosem Spiel. Obwohl Dub dem Prinzip der Reduktion und Verdichtung gehorcht, ist der musikalische Reichtum des Debut-Albums in jedem Takt der Dub-Version spürbar. Abwechslungsreiche Arrangements, häufige Tempiwechsel, eingängige Melodien, angenehmer Live-Sound und ein klassischer, aber sehr inspirierter Mix – all das verbindet sich zu einem wunderbar musikalischen Dub-Abum, das richtig Freude macht.

Rating 4 Stars

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Mato: Homework Dub

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Das Konzept, bekannte Werke der Musikgeschichte einem Dub-Treatment zu unterziehen, scheint aus vielerlei Gründen momentan sehr populär zu sein: 1. Die Bekanntheit des Originals erweitert die Zielgruppe potentieller Käufer. Schlecht ist das nicht. 2. Nichts ist schwerer, als „from Scratch“ zu starten. Also ist eine gute Vorlage ein Segen. 3. Um gute Melodien muss man sich keinen Kopf machen, denn die liefert ja das Original. 4. Traditionell versteht sich Dub sowieso als Remix. Was liegt also näher, als ein vorhandenes Album zu dubben? 5. Es gibt tolle Musik außerhalb des Reggae, die nur einen einzigen Nachteil hat: es fehlt der Reggae-Beat. Mit einer Dub-Version lässt sich dieser Makel leicht beheben. 6. Das Spiel mit Zitaten hat seinen eigenen Reiz. Bekanntes in anderer Form wieder zu entdecken, löst wunderbare Aha-Effekte aus, die eine kleine Dosis Dopamin freisetzen. Ob der Franzose Thomas Blanchot aka Mato seine Beweggründe jemals analysiert hat, ist nicht zu klären. Aber Dub-Remixe bekannter französischer Hits aus dem Bereich Hip Hop und Pop sind seit Jahren sein Markenzeichen. Im vorliegenden Fall hat er sich dem Daft Punk-Klassiker „Homework“ gewidmet und ihn kurzerhand in „Homework Dub“ (Stix) verwandelt. Ganz akribisch ist er jedenTrack durchgegangen, hat einen Reggae-Beat unterlegt und ihn durch die Echo-Kammer gejagt. Selbst das Cover ist ein penibles Remake des berühmten, in Seide gestickten „Daft Punk“-Schriftzuges. Muss ich erwähnen, dass die Musik der French-Popper als Dub schlichtweg klasse ist? „Around the World“ mit fettem Bass und im One-Drop-Gewand ist einfach nur gut. Auch „Da Funk“ kommt perfekt. Kaum zu glauben, dass diese Tunes, die hier so organisch, so natürlich und selbstverständlich klingen, nicht schon immer Reggae-Nummern waren. Doch Mato sei Dank, sind sie es nun endlich, 17 Jahre später.

Rating 5 Stars

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