Pablo Raster: Forever Dub

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Okay, eine Dosis Steppers muss von Zeit zu Zeit sein. Diese hier wird von Pablo Raster verabreicht, der sein neues Album „Forever Dub“ (Elastica) präsentiert. Hier ist alles, wie von seinem letztjährigen Vorgänger „The Art of Dub“ gewohnt: brutalistische Basslines, militärische Four to the Floor-Drums und minimalistische Melodien. Eigentlich genau die richtige Mischung für einen zünftigen Soundsystem-Clash, wenn, ja wenn da nicht immer wieder die Gesangspassagen wären. Pablo hat sich nämlich ein ganze Reihe von Gästen ins Studio geholt, wie z. B. Antz-oni Rubio, der auf spanisch singt, oder Zaira Zen, Marcello Coleman und Fikir Amlak. Vielleicht lege ich hier den falschen Maßstab an, aber die Songs sind mir dann doch zu simpel und die Melodien überzeugen mich nicht. Viel besser gefallen mir dagegen die Gastmusiker, wie z. B. Balkandub, die hübsche Akkordeon-Harmonien zusteuern, oder Luigi Leoni und Alessandro Musco, die schöne Saxophon- und Gitarresoli abliefern. Aber am besten ist Pablo Raster, wenn er uns einfach nur Drum & Bass um die Ohren prügelt.

Rating 3 Stars

Quantic Presenta Flowering Inferno: 1000 Watts

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Nicht selten sind es gerade Genre-Außenseiter, von denen die spannendsten Genre-Alben kommen. Das liegt oft daran, dass sie aufgrund ihres musikalischen Backgrounds gewisse Konventionen entweder nicht kennen oder schlicht nicht akzeptieren. Ihr Sound- und Rhythmusverständnis ist nur teilkompatibel mit dem jeweiligen Genre, weshalb ihre Musik oft eigenwillig neu und ungehört klingt. Das gilt auch für Quantic, aber in sehr subtiler Weise. Hinter dem Namen verbirgt sich Will Holland, geboren in England, 2007 ausgewandert nach Kolumbien, ein Vollblutmusiker mit Hang zu Jazz, Soul & Funk, Afrobeat und Tropical Sounds. Vor allem im Bereich von Salsa und Cumbia tobte er sich aus und veröffentlichte wegweisende Alben. Mit „1000 Watts“ (Tru Thoughts) hat er sich nun unter dem Namen ”Quantic Presenta Flowering Inferno“ dem Reggae und Dub zugewandt – und das mit unfassbarer Akribie und Hingabe. Denn anders wäre er nicht in der Lage, diese großartigen Old School-Rhythms zu bauen und den jamaikanischen Sound der 1970er Jahre so originalgetreu zu reproduzieren. Seine Produktionen lassen unwillkürlich an Prince Fatty denken, der einen ähnlichen Ansatz pflegt. Eine offensichtliche Verbindung zu diesem ist auch Hollie Cook, die als Gastsängerin auf dem Album vertreten ist und den wunderbar melancholischen Song „Schuffle Them Shoes“ beisteuert. Außer ihr, gibt es noch U-Roy auf einem anderen Stück zu hören und Christopher Ellis auf zweien. Der Rest der 14 Tracks sind Dubs, meist garniert mit großartigen Bläser-Melodien. Alles perfekt ausgeklügelt und so verdammt authentisch. Oder auch nicht? Zwar sind Arrangements und Sound unglaublich oldschool, aber irgendwie schwingt da doch noch etwas anderes mit: Eine besondere Leichtigkeit, eine spielerische Qualität, vielleicht eine Feinheit bei den Bläser-Arrangements, die fremd anmutet und den Geist von Latin anklingen lässt. Beim Stück „Chambacú“ wird dann die Verbindung zur Cumbia offensichtlich, und mit „Macondo“ schleicht sich zwei Tracks später ein lupenreiner Cumbia-Titel in die Playlist. Welch schöne Synthese karibischer Sounds.

Rating 5 Stars

Dubblestandart: Dub Realistic

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„Dream Dub“ – diese Genrebezeichnung war mir bisher unbekannt. Sie steht in der Presseinfo zum neuen Album „Dub Realistic“ (Echo Beach) von Dubblestandart und ich muss sagen, sie passt nicht schlecht zu dem, was die vier Wiener da auf ihrem inzwischen sechzehnten Album abliefern. Irgendwie psychedelisch, surreal, trippig, mal elektro-frickelig, mal art-rockig, mal auch richtig klassisch dubbig – der Stil von Dubblestandart ist speziell und nicht leicht zu fassen. Es lässt sich aber durchaus konstatieren, dass er nicht allzu weit von On-U angesiedelt ist. Bei manchen Stücken auf „Dub Realistic“ muss man sich regelrecht bewusst machen, dass hier keine Produktion von Adrian Sherwood läuft. Das Album beginnt sofort mit einem Höhepunkt: einer Neuinterpretation von Massive Attacks „Safe from Harm“, das dem trippigen Charakter des Originals treu bleibt, mit den geschmachteten Lyrics von Amanda Bauman aber einen sehr eigenwilligen Akzent setzt. Ein weiterer Höhepunkt ist das Titelstück „Dub Realistic“, das im Kontrast zum Titel ganz und gar irreal klingt, sich in Synthie-Flächen, warmen Orgel-Akkorden und scheinbar endlos wabernden Echos verliert. In der 26 (!) Tracks umfassenden Digitalausgabe des Albums gibt es drei noch trippigere Dub-Versionen des Stückes. Den Abschluss des Albums bildet dann „Had to Have His Grass“, das gänzlich und auschließlich aus sich in Echos auflösenden Space-Sounds besteht. Irgendwie scheint es die Essenz das Albums zu sein: Dub als traumhafter Zustand, in einer Sphäre jenseits von Raum und Zeit.

Rating 4 Stars

The Aggrovators: Dubbing at King Tubby’s

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Label-Retrospektiven sind ja nichts ungewöhnliches. Wenn jedoch nun auch ein Retro-Label eine Retrospektive erhält, dann ist das schon durchaus einen genaueren Blick wert. Und dieser Blick ist bei der Compilation „Dubbing at King Tubby’s“ (VP) von den Aggrovators auch tatsächlich nötig, denn der Titel allein verrät nicht, worum es hier eigentlich geht. Der erste Blick gehört der Tracklist, die merkwürdig vertraut erscheint, der zweite Blick geht sodann in die ausführlichen Linernotes und offenbart das Geheimnis dieser Compilation: Sie ist die Wiederveröffentlichung dreier Tubby-Compilations, die Steve Barrow für sein legendäres Reissue-Label Blood & Fire Records zusammengestellt hatte – und zugleich eine Hommage an die Arbeit dieses bedeutenden Labels, das 1994 angetreten war, um Roots Reggae-, Dub- und Deejay-Alben in einer so wertschätzenden Art und Weise wiederzuveröffentlichen, wie es für Jazz-Editionen und klassischer Musik üblich war. Steve Barrow scheute dafür keine Mühen, reiste nach Jamaika, um in Bunny Lees Archiv (und in denen anderer Produzenten) nach verborgenen Schätzen zu graben, dokumentierte mit seinen fundierten und umfangreichen Linernotes Reggae-Geschichte, engagierte Kevin Metcalfe für das Mastering und mit Intro eines der besten britischen Designstudios fürs Coverdesign. Finanziert wurde der Aufwand von der Band Simply Red, die genug Geld übrig hatten, diesen selbstlosen Dienst am Reggae zu unterstützen. Das Ergebnis waren rund 130 hochwertige Veröffentlichungen – bis Blood & Fire 2007 seine Pforten leider schließen musste. Seitdem sind viele der Alben nicht mehr erhältlich. So auch „Dub Gone Crazy“, „Dub Gone 2 Crazy“ und „Dub Like Dirt“, jene drei Compilations, die nun unter dem Titel „ Dubbing at King Tubby’s“ zusammengefasst als Doppel-CD wieder vorliegen. Alle drei präsentieren Bunny Lee-Produktionen aus der Mitte der 1970er Jahre, die Steve Barrow von Singel B-Seiten zusammen gesammelt hatte. In den Linernotes, die die Geschichte des Labels nacherzählen, beschreibt Steve Barrow diesen Prozess sehr anschaulich und humorvoll. Ach so, eines sollte doch auch noch erwähnt werden: Neben Label-Geschichte und Reissue-Metageschichte, kann man hier einfach sehr schöne Musik hören – übrigens von Kevin Metcalfe erneut remastert.

Rating 4 Stars

Matic Horns: Spanish Town Rock

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Es braucht immer mal wieder Alben, die keine Experimente wagen, die keine Hörgewohnheiten irritieren wollen, die weder sozialkritisch noch provokativ sind, die sich nicht für den Nabel der Welt halten und auch keine Superstars versammeln, sondern einfach nur schlicht und ganz bescheiden, gute Musik bieten. Ein solches Album ist „Spanish Town Rock“ (H.A.T.) von Matic Horns. Im Widerspruch zum Plural des Namens, verbirgt sich hinter Matic Horns nur ein Mann: Henry Tenyue, Posaunist mit Wohnsitz in London. Sein Spiel ist auf unzähligen Reggae-Produktionen zu hören und nicht selten auch auf Live-Konzerten durch Europa tourender jamaikanischer Artists. Nun legt er mit „Spanish Town Rock“ eines seiner raren Soloalben vor. Produziert wurde es von Mafia & Fluxy und gemischt u. a. von Gussie P und Bitty McLean – Garanten für starke Rhythms und tighten Sound. Die meisten Stücke des Albums basieren auf existierenden Riddims und Songs, so dass sich Henry Tenyue und seine Crew einfach auf das Spielen ihrer Instrumente konzentrieren konnten. Und das ist superb. Die Backings (an denen außer Mafia & Fluxy u.a. auch Carlton „Bubblers“ Ogilvie mitgewirkt hat) sind supertight, crisp & rock solid. Ihr Sound ist fantastisch und der zurückhaltende Mix über jeden Zweifel erhaben. Darüber erklingt Tenyues Posaunenspiel – warm, majestätisch und zeitlos. Einfach schön.

Rating 5 Stars

Mato: Hollywood Dub

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Mato, der große Eklektizist unter den Dubbern wechselt das Referenzmedium: Hatte er sich zuletzt mit der Dub-Version des Daft Punk-Klassikers „Homework“ zwischen die Stühle gesetzt, so wendet er sich mit seinem neuen Album „Hollywood Dub“ jetzt dem Film zu. Das Konzept: Den Soundtrack von Filmklassikern in Dub zu übersetzen. Wer schon immer mal den Titelsongs von „The Good, the Bad and the Ugly“, das Darth Vader-Thema aus „Star Wars“ oder das Liebes-Thema aus „The Godfather“  – oder gar den 20th Century Fox-Vorspann in Dub hören wollte, wird auf Matos neuem Album „Hollywood Dub“ (Stix) fündig. Dabei handelt es sich natürlich nicht um echte Remixe, sondern um gänzlich neu eingespielte, auf soliden Reggae-Beats basierende Stücke, die mit den Melodien aus den Filmen und einigen Anleihen an das Originalarrangement garniert sind. Obwohl Mato im Titel von Dub spricht und an Hall, Echo und Kanal-Spielereien nicht spart, wirken die Tracks eher wie gut gelaunte Instrumentals. Die magisch-raumzeitliche Dimension von Dub fehlt gänzlich. An ihre Stelle tritt das virtuose Spiel mit den musikalischen Zitaten. Statt düsterer Basslines, scheinen Matos Beats beschwingt zu hüpfen, während dazu die berühmten Filmmelodien mal mit Melodika, mal mit Orgel, Gitarre, Trompeten, Synthie oder gar Mundharmonika intoniert werden. In jedem Takt scheint ein schalkhaftes Lächeln von Mato zu stecken. Richtig ernst nimmt er die Angelegenheit wohl nicht – obwohl er absolute handwerkliche Präzision walten lässt. Wahrscheinlich wird wohl kaum ein wahrer Dub-Freund das Album in seine Favoritenliste aufnehmen, – aber am Sonntagnachmittag mal durchlaufen lassen ist absolut angemessen.

Rating 4 Stars

King Tubby: The Best of King Tubby

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Schon wieder King Tubby! Gefühlt erscheint jede zweite Woche ein Album des Großmeisters – mit immer dem gleichen, nur jeweils anders nach Themen kombinierten Material. Ich bin überzeugt: jeder seiner Mixe wurde inzwischen bestimmt zwanzig mal veröffentlicht. Discogs.com listet allein 145 Alben unter seinem Namen – nicht mitgezählt sind hier die Rereleases, EPs, Singles sowie Bonus-Dubs auf Veröffentlichungen anderer Artists. Okay, der Mann ist eine Legende, sein Werk famos und überhaupt ist Dub – den er ja bekanntlich erfand – die Basis aller moderner Instrumentalmusikspielarten. Aber rechtfertigt das diese Inflation? Naja, solange sich Geld damit verdienen lässt wahrscheinlich schon. Und vielleicht ist ja die Doppel-CD „The Best of King Tubby“ (Trojan) nun der Versuch, die ultimative Tubby-Compilation heraus zu bringen und endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Hat das Release das Zeug dazu? Die CD zum Ramschpreis versammelt die angeblich 40 besten Tubby-Dubs aus dem riesigen Trojan-Konvolut und spannt einen Bogen von „Dub Organiser“ über „Stalag 17“, „Roots of Dub“, „A Ruffer Version“ bis zu „Dancing Roots“. Die zugrunde liegenden Produktionen sind aus der Zeit zwischen 1973 und 1976 und stammen von den damaligen Top-Produzenten wie Bunny Lee, Niney Holness, Lee Perry, Augustus Pablo, Rupie Edwards, Clancy Eccles, Derrick Harriot u. a. Lediglich die Linval Thompson Produktion „King Tubby at the Controls“ ist von 1978 und beschließt das Album – wahrscheinlich wurde sie wegen ihres passenden Titels gewählt, denn es handelt sich nicht um einen Dub. Remastert wurde hier nichts, doch der Sound ist absolut okay. Was also spricht gegen diese Kompilation? Vielleicht, dass man der endlos oft gehörten Tubby-Dubs einfach überdrüssig ist? Gewiss, ein Tubby-Album würde ich kaum mehr freiwillig aus dem Regal ziehen. Doch wenn ich dann doch mal unversehens in einen Dub des Meisters hinein gerate (z. B. wenn ich mal wieder ein Best-of-Album rezensiere), dann zieht mich seine Musik unvermittelt in ihren Bann. Dann fasziniert mich Tubbys eleganter, leichtfüßiger und doch irgendwie auch radikaler Stil genau so wie der reiche, analoge Sound des noch jungen Reggae. Ist ein bisschen wie im Museum: Ich gehe hin, um eine spektakuläre Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu sehen und letztlich verbringe ich dann doch die meiste Zeit im Raum der alten Meister. Ob mich ein „Best of Rembrandt“ begeistern würde? „The Best of King Tubby“ gelingt es wider Erwarten – auch, wenn die Compilation ohne Tubbys Signature-Tunes wie „King Tubby Meets Rockers Uptown“, „Waterhouse Rock“, „King Tubby’s Rock“ oder „In Fine Style“, ihrem großspurigen Titel letztlich nicht ganz gerecht werden kann. Das Gute daran: Es bleibt noch Potential für viele, viele weitere Tubby-Compilations.

Rating 4 Stars

Tackhead vs. Robo Bass HiFi vs. Fats Comet: The Message

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Und noch mehr Robo Bass HiFi: Tackhead vs. Robo Bass HiFi vs. Fats Comet: „The Message“ (Echo Beach). „Für meine Remix-Alben habe ich zwar „Originale“, gehe aber beim Dub-Mix ganz anders vor, als die jamaikanischen Originators. Statt das Original neu abzumischen und mit Effekten zu versehen, nehme ich es komplett auseinander und baue ein ganz neues Stück daraus. Ich mache aus dem Material komplett neue Stücke. Die Konstante sind lediglich Schlagzeug und Bass – die Groove-Basis. Bei allem, was ich drüber mache, nehme ich mir ganz viel Freiheit. Warum sollte ich mich da limitieren?“, fasst Markus Kammann seine Arbeitsweise zusammen. Wie das dann klingt, lässt sich anhand seiner Tackhead-Remixe herausfinden: wild und verrückt – aber tatsächlich weniger abgefahren, als auf seinem eigenen, zeitgleich erscheinenden Werk „King Size Dub Special“. Daher gefällt mir „The Message“ sogar etwas besser, obwohl wir es hier kaum mit Reggae zu tun haben. Elektro-Funk, HipHop und Industrial trifft es eher – was angesichts der musikalischen Herkunft der drei Tackheads (Doug Wimbish, Keith Leblanc und Skip McDonald) aus dem HipHop der 1980er und 1990er Jahre nicht verwundert. Ende er 1980er Jahre trafen sie auf Adrian Sherwood und produzierten mit ihm drei Alben. Ein viertes folgte dann 2014, 24 Jahre nach der letzen Zusammenarbeit. Eine Auswahl von Tracks dieses Albums, zusammen mit Dance-orientierten Aufnahmen, die Tackhead in den 1980er Jahren unter dem Namen Fats Comet aufnahmen, bilden nun das Material, dessen sich der Robo bediente. Allerdings wage ich die Prognose, dass Freunde rollender Basslines an dem Elektro-Funk nicht allzu viel Spaß haben werden. Wer sich allerdings mal gründlich dir Ohren durchpusten lassen möchte, ist hier goldrichtig.

Rating 4 Stars

Robo Bass HiFi: King Size Dub Special

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„Eine Priese EDM, ein wenig Bratzigkeit, ein bisschen Dream Synthies, auch Dubstep und Trap – auf jeden Fall Alarm, Blaulicht, Schwaden und: Dub“, so beschreibt Label-Manager Nicolai das neue Album von Robo Bass HiFi: „King Size Dub Special“ (Select Cuts). Und ich muss sagen: da liegt er verdammt richtig. Robo Bass HiFi ist der Major Lazer des Dub. Widmete er sich auf seinem letzten Album „Nu School of Planet Dub“ dem Remix (was aber letztlich auch nichts anderes als eine Neuerfindung des Originals war), so kreiert er auf dem King Size Dub Special wieder „from Scratch“, hat alle Freiheit und weiß sie auch zu nutzen. An Ideen, Beats und Sounds mangelt es ihm wahrlich nicht. Wer’s böse meint, würde hier sogar glatt von Überproduktion sprechen. Ich habe nix gegen gute Ideen, liebe es andererseits aber auch, wenn Bass und Space zueinander finden. Und von letzterem könnte das fast schon als hektisch zu bezeichnenden Werk am meisten gebrauchen. Heftig pulsierende Beats, Breaks in Überfülle und unzählige Schichten an Sounds übereinander gestapelt – nicht gerade das Rezept von Dub, oder? Ich bin mir nicht sicher, ob Marcus Kammann (der Mensch hinter dem Robo) hier nicht Opfer seines eigenen programmatischen Anspruchs geworden ist, mit den Konventionen des Genres möglichst brutal zu brechen. Die etwas weniger wilden, strukturierteren Tracks in der zweiten Hälfte des Albums zeigen, dass weniger hier vielleicht mehr gewesen wäre. Aber vielleicht werde ich auch nur alt.

Rating 3 Stars

Studio One Dub Fire Special

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Wie schon 2004 und 2007 haben die Coxsone Dodd-Nachlassverwalter von Soul Jazz das Studio One-Archiv nach Dub-Versions durchsucht, die im Laufe der 1970er Jahre meist unter dem Artist-Namen „Dub Specialist“ auf diversen Alben veröffentlicht wurden. Und sie sind natürlich fündig geworden. Erstaunlich: Obwohl die beiden früheren Alben schon insgesamt 35 Tunes aus dem Fundus gefischt haben, blieben noch satte 18 weitere, großartige Dubs für das Album „Studio One Dub Fire Special“ (Soul Jazz) übrig – was mal wieder eindrücklich beweist, welch unglaublich kreativen Output dieses kleine Studio in der Brentfort Road in den 1960er und 1970er Jahren hatte. Eingespielt wurden die Stücke von der eigentlich immer gleichen Inhouse-Band, die aber stets andere Namen trug wie z. B. The Sound Dimension, New Establishment, Soul Defenders und natürlich Brentford All-Stars. Den Dub-Mix absolvierte im Wesentlichen Sylvan Morris, aber auch Clement Dodd soll selbst gemischt haben sowie auch ein junger Scientist. Allerdings darf man hier nicht allzu große Dub-Kunst erwarten. Die technischen Mittel des Studios waren bescheiden und die verwendet Aufnahmen oftmals ziemlich alt, weshalb so mancher „Dub“ eigentlich eine bessere „Version“ ist. Aber nichts desto trotz: der Flow der hier versammelten Musik ist einfach wunderschön. Nahezu jeder Rhythm ist ein Klassiker und es macht Spaß (oder raubt den letzten Nerv), den jeweiligen Riddim zu identifizieren.

Rating 5 Stars