Dennis Capra Meets Dub Tree: 4 x 4 in Dub

Es gibt ihn noch, den ganz „normalen“ Dub: Dennis Capra Meets Dub Tree, „4×4 in Dub“ (Kapra Dubplates). Musik, die kein Statement sein, keine Grenzen überschreiten will, sich aber auch nicht in gefälligem Retro-Style ergeht. Ein bisschen Steppers, ein bisschen Soundsystem-Look & Feel, ein paar Vocals und ansonsten unaufgeregtes Dub-Mixing. 4 x 4 = 16 Tracks, auf der Basis von 4 Rhythms, bietet uns das Album der beiden Italiener, die hier ihre Kräfte bündeln. Mir gefällt der solide, angenehm warme Sound der beiden. Varianten eines Rhythms besitzen sowieso ihren eigenen Reiz, lediglich auf den nicht immer stilsicheren Gesang hätte ich verzichten können.

King Tubby & The Aggrovators: Dubbing in the Backyard

In schöner Regelmäßigkeit meldet sich Pressure Sounds zu Wort. Ganz leise und bescheiden befördert das Label Reggae-Geschichte in die Gegenwart. Zuletzt geschehen mit „Go Away Dream“ von Delroy Wilson (ein ziemlich schnulziges Album, übrigens) und King Tubby & The Aggrovators, „Dubbing in the Backyard“ (Pressure Sounds). Beide wurden 1982 von den Aggrovators eingespielt, die hier ihr Bestes gaben, möglichst so zu klingen, wie die Roots Radics – was übrigens gerade den Reiz des Dub-Albums ausmacht, denn ich bin der Meinung, dass sich kein Reggae-Stil besser zum Dubben eignet, als der ultra langsame Rub-a-Dub der frühen 1980er Jahre. Gemixt wurden die Dubs vom jungen Prince Jammy in King Tubbys Studio. Die wieder veröffentlichte Viny-LP enthält genau die zehn Tracks des Originals, der digitale Release zusätzlich drei Bonus Tracks und der CD wird das oben erwähnte Delroy Wilson-Album gratis bei gepackt (und kostet übrigens genau so viel wie die LP). „An excellent package“, wie Pressure Sounds meint.

Danman: Chant Down Babylon

Und noch ein fettes, fettes Showcase-Album: Danman, „Chant Down Babylon“ (Dubquake). Produziert von O.B.F.-Soundsystem, ist es wahrscheinlich das mächtigste Steppers-Album, das mir in letzter Zeit untergekommen ist. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, je ein Studio-Album gehört zu haben, das den Vibe einer Dub-Soundsystem-Session besser vermittelt hätte, als „Chant Down Babylon“. Heavy duty indeed – der Bass wiegt Tonnen schwer und die Drums stampfen stoisch durch den Echo-Dschungel, als gäbe es kein Morgen. Beim erste Track „Be Wise“, wurde mir die tiefere Wahrheit des Spruchs „Glück ist, wenn der Bass einsetzt“ gewahr. Was würde ich darum geben, dieses Album in maximaler Lautstärke zu hören. Leider erlaubt es der Statiker nicht, das zuhause auszuprobieren. Danman feiert übrigens bald vierzigjähriges Berufsjubiläum. In den letzten Jahren hat der MC das Iration Steppas-Soundsystem am Mikrophon begleitet. Nun bekommt er seine erste eigene Veröffentlichung, sechs Vocals und sechs Dubs, schön im Wechsel. Inhaltlich bleibt er auf dem Teppich, seine Kunst, den Rhythm zu reiten, ist jedoch überirdisch. Genug geschwärmt: Selber hören.

Dub Sheperds: Time to Reap

Showcase-Alben sind offenbar wieder en vogue. Und wenn’s kein astreiner Showcase-Style ist (Vocal gefolgt von Dub), dann gibt es mindestens eine fette Ladung Dub als Bonus Tracks. Schöne Entwicklung. Wurde auch Zeit, dass Dub in der Reggae-Szene wieder zu Aufmerksamkeit und Wertschätzung gelangt. Doch: Hat ein Showcase-Album ein Anrecht auf einen Platz im Dubblog? Gute Frage. Ich würde mal sagen: kommt drauf an. Und zwar darauf, ob die Dub-Versions a) zahlreich und b) von so herausragender Qualität sind, dass sie den Kauf des Albums rechtfertigen (denn aus unserer Sicht, liebe Leser, sind die Vocals die Bonus-Tracks, gell?!). Da hätte ich ein Album, das diese Kriterien erfüllt: Dub Sheperds: „Time to Reap“ (odgprod). Die Dub Sheperds sind zwei junge Dubheads aus Frankreich: Doctor Carty und Jolly Joseph, die vor vier Jahren damit begannen, ihr eigenes Material zu produzieren. Ihre Methode: Komponieren eines Riddims, Probe, Einspielen und Mixing – alles findet in einem Zug statt, denn es gilt, den unwiederbringlichen Vibe der ersten Session einzufangen. Der Dub-Mix wird übrigens auch „live“ produziert, direkt vom Mischpult auf Band. Kein langes Rumgefrickel. Daher besitzen die Vocal-Versionen ein wunderbares Live-Flair, während die Dubs Old School in Reinform sind. Wäre Tubby ein Franzose gewesen: seine Dubs hätten wahrscheinlich so geklungen. Also: Daumen rauf für die Dub Sheperds: Die Dubs lohnen den Kauf des Albums – was allerdings gar nicht nötig ist, denn „Time to Reap“ gibt’s kostenlos: odgprod.com.

Kingston All-Stars: Dubwise

Nach Inna de Yard sind die Kingston All-Stars der neuste jamaikanische Retro-Hype. Ein Club alter Herren, allesamt Veteranen des analogen Zeitalters, virtuose Handwerker und überhaupt, Protagonisten einer besseren Zeit. Da schwingt Reggae-Romantik mit. Mich erinnert es fatal an den Buena Vista Social Club der 1990er Jahre. Aber egal, wenn die Musik stimmt, kann auch das Marketing nicht böse sein. Deshalb danken wir dem kanadischen Musiker, Toningenieur und Produzenten Moss Raxlen, der das Projekt auf die Beine gestellt hat und von dem gesagt wird, er sei auch die treibende Kraft hinter dem Film „Rocksteady: The Roots Of Reggae“ gewesen, einer sehr schönen Hi-Fidelity-Filmdokumentation über die letzten lebenden Helden des Rocksteady (auch hier drängt sich eine Erinnerung an Wim Wenders Buena Vista Social Club-Film auf). Wie für „Rocksteady“ hat Raxlen auch für die Kingston All-Stars ein kleines, feines Who is Who der besten Musiker der 1970er Jahre zusammen getrommelt: Sly Dunbar, Mikey „Boo“ Richards, Jackie Jackson, Robbie Lynn, Ansel Collins, Mikey „Mao“ Chung und andere mehr. Vokalisten waren auch mit von der Partie: u. a. Stranger Cole, Cedric Myton und Prince Allah. Im April erschien dann das wirklich großartige Album „Presenting Kingston All-Stars“, von dem nun – auch das ist wunderbar Old School – die Dub-Version vorliegt: „Kingston All-Stars Dubwise“ (Roots & Wire). Dub-Version? Moment mal, da kann ich mir die Ohren wund hören, aber einige der Tracks lassen sich keinem Original zuordnen. Sehr schön, „dubwise“ ist hier offensichtlich musikalisches Konzept und nicht Zweitverwertung. Aber so sehr ich Dub liebe – ich muss gestehen, dass ich das Original-Album „Presenting Kingston All-Stars“ lieber mag als „Dubwise“. Und das keineswegs, weil die Dub-Versions schlecht wären. Im Gegenteil: Kebra Dub gefällt mir z. B. besser als das Original-Istrumental „Tribute to Kebra Hi-Fi“. Der Grund für die Überlegenheit von „Presenting“ besteht darin, dass dieses Album schlichtweg die besseren Stücke abbekommen hat – mehr von dem A-Material, während „Dubwise“ mit dem B-Material vorlieb nehmen musste. So fantastische Instrumentals wie z. B. „Swing Back“ oder „Eastern Ska“ von „Presenting“ sucht man auf „Dubwise“ vergeblich – was aber auch daran liegen könnte, dass einige der Stücke so sehr von ihrer fantastischen Instrumentierung und wunderschönen Lead-Melodien leben, von der Energie und Spielfreude der Musiker, dass ihnen eine Dub-Dekonstruktion einfach nicht bekommen ist, da sie genau das verloren haben, was ihren ursprünglichen Reiz ausgemacht hat. Okay, lange Rede, kurzer Sinn: Wer kann, hört einfach beide Alben.

Sly & Robbie: Dubocalypse

Hatte ich schon mal erwähnt, dass Sly Dunbar und Robbie Shakespeare meine absoluten, unantastbaren, All-time-Reggae-Heroes sind? Bestimmt. Aber wie das mit Helden so ist, hat man ihnen gegenüber eine große Erwartungshaltung. So groß, dass sie eigentlich nicht mehr einzulösen ist. Und obwohl man deshalb schon so manche Enttäuschung hinnehmen musste, so hofft man doch bei jedem neuen Werk aufs Neue. So geht es mir in den letzten Jahren stets mit den Alben der Rhythm-Twins. Cooles Cover, superber Sound, und ja, der unverwechselbare Sly & Robbie-Stil – aber irgendwie fehlt da trotzdem etwas. Atmosphäre? Der geniale Mix? Neue Ideen? Oder schlicht ein Stil-Update? I don’t know. Sly & Robbies neues Album: „Dubocalypse“ (Tabou1) macht da keine Ausnahme. Während mich der erste Track „Good Morning“ noch richtig flasht, fange ich danach schnell an mich zu langweilen. Zu hören gibt es hier neueres Material aus dem unendlichen Sly & Robbie-Fundus, gemischt von Dartanyan Winston. Dartan… who? Berechtigte Frage. Bei Dartanyan Winston handelt es sich um einen unabhängigen Sound-Mixer aus Detroit, der ein paar Sly & Robbie-Tracks durch Adobe Audition gejagt und bei Youtube online gestellt hat. Die Rhythm-Twins waren damit nicht einverstanden, baten ihn die Tracks zu löschen und dachten sich wohl: „Bevor der Bursche noch mehr zweifelhafte Remixes unauthorisiert verbreitet, kontrollieren wir Qualität und Output lieber selbst, indem wir ihn offiziell engagieren“. Und so erschien 2014 das Album „Dubmaster Voyage“, 2016 dann „Free Dub“ und nun die „Dubocalypse“ – allesamt von Winston gemischt und in perfekter Form auf Guillaume Bougards Tabou1-Label veröffentlicht. Allerdings pflegt Winston einen eher konventionellen Mixingstyle, so dass sich seine Arbeit nicht allzu sehr von dem anderen – üppigen! – Output der Zwillinge abhebt. Wer aber genau das mag: jamaikanischen Dub alter Schule in neuem, crispem Sound-Gewand, der ist in der Dubocalypse bestens aufgehoben.

Coldcut x On-U Sound: Outside The Echo Chamber

Ich muss zugeben: Ich bin ein Fachidiot. Über die Musik Ugandas weiß ich mehr als über Coldcut! Schande. Und außerdem bin ich verwirrt. Irgendwie hatte ich Coldcut immer als dem Hip Hop nahe stehende Elektroniker im Hinterkopf. Doch was mir jetzt von dem Album Coldcut x On-U Sound: „Outside The Echo Chamber“ (Ahead Of Our Time ) entgegenschallt, ist Reggae! Okay, Adrian Sherwood legt das nahe, aber ich dachte, er gibt hier nur den Dubmixer der letzten sechs (Dub-)Tracks. Weit gefehlt. Offenbar ist „Outside The Echo Chamber“ ein echtes Kollaborationsprojekt der beiden Ninja Tunes-Gründer Matt Black und Jon More und des On U-Sound-Masterminds. Immerhin kauften Black und More schon On-U-Platten, lange bevor es Coldcut gab: „The On-U Sound records were a unique and powerful influence on us. The whole Coldcut mash up thing was partly inspired by On-U“, erklärt Matt Black, „without On-U there would be no Ninja Tune.“ Was lange währt … Und so blicken nun drei ältere Herren vom Pressefoto – „sixty years of shared musical experience“, wie uns das Pressinfo beteuernd aufklärt – und sind stolz auf ihr neues Werk. Eine Mélange aus Reggae, Dancehall, ein klein wenig Hip Hop, Trap und Bhangra-Pop, an der eine durchaus illustre Musikerschar (meist aus dem On-U-Kontext) beteiligt war: Junior Reid, Lee ‚Scratch’ Perry und Ce’Cile, Gitarrist Skip McDonald und Bassist Doug Wimbish sowie der klassische Ninja Tune-Artist Roots Manuva. Abgesehen von dem Intro-Stück des Letztgenannten, gefällt mir das Album außerordentlich gut. Wirklich. Die vielen Köche haben hier einen absolut schmackhaften Brei zusammengerührt. Meine persönlichen Highlights: „Everyda Another Sanction“ – ein ganz klassisches Reggaestück (auf einem dem African Beat zum verwechseln ähnlichen Riddim) mit schöner Melodie von Chezidek, dann auf jeden Fall „Kajra Mohobbat Wala“, jener Bhangra-Klassiker, den Sherwood & Co hier kongenial re-interpretiert haben, und dann natürlich noch das wunderbar dubbige „Divide and Rule“ mit einem winzigen Lee Perry-Sample (die es erlauben, Perrys Namen in die Artist-Liste des Albums aufzunehmen). Tja, und dann wären da ja noch die sechs von Sherwood gemischten Dub-Versions – die eigentlichen Stars des Albums.

Various: King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3

Dub hat sich längst von seinen jamaikanischen Vätern emanzipiert und auch die zweite Dub-Generation, die der UK-Steppers, geht schon bald in Rente. Inzwischen haben viele kleine Home-Studio-Frickler das Steuer übernommen und basteln an mal schrägen, mal ordentlich steppenden Dubs. Wie wir alle wissen, ist Frankreich dabei ganz weit vorne, aber wer genau hinschaut erkennt, dass wir hier in Deutschland eine nicht minder kreative Dub-Szene haben – die es allerdings vorzieht, eher im Verborgenen zu werkeln. Also braucht es mutige Kuratoren, die sich auf die Suche begeben, ihre Seismographen auf subsonische Bass-Wellen ausrichten und Offbeat-Witterung aufnehmen. Zwei davon sitzen in Hamburg: Nicolai Beverungen, Echo Beach-Labelboss sowie Karsten Frehe, einer der Betreiber der Irieites-Website. Beide haben schon vor vier Jahren an Chapter 2 zusammen gearbeitet. Bei „King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3“ (Echo Beach) hat jedoch Karsten die Regie übernommen. „Bei der Auswahl war von Anfang an klar, dass die deutsche Dub-Szene möglichst vielfältig abgebildet werden sollte“, erklärt er. „Neben dem Versammeln altbekannter Strategen, wie Felix Wolter, Aldubb, The Senior Allstars, Umberto Echo u.a., war es mir wichtig, auch mal nach neuen Gesichtern und Sounds zu suchen.“ Okay, hören wir mal, wen Karsten so entdeckt hat: „Zum Beispiel Brian May aka Beam Up, den ich sehr schätze. Er hat einen neuen Dub von seinem erstklassigen Tune „Hanabi Dub“ beigesteuert. Oder Irie Worryah aus Detmold, der schon seit Jahren durch seine frischen Remixe auffällt. Ganz neu in meinen Fokus geraten sind Eddie Domingo und Jah Schulz. Eddie Domingo stammt aus dem Irieites-Umfeld. Er werkelt schon seit Jahren im Stillen vor sich hin und hat mit „Dub Coming“ feat. Italee einen großartigen One Take-Dub hingelegt. Jah Schulz hat interessanterweise bei seinem „Dubrise“ auf den Offbeat verzichtet. Trotzdem pumpt der Tune für meine Ohren ungemein. Mächtig umgehauen hat mich auch die Frost & Wagner Produktion mit Tetrack „In These Times“. Was für eine Stimme und was für ein Flow! Mir fielen sofort Verwandtschaften zu späten Bim Sherman-Tracks auf. Sehr gefreut hat mich auch, eine Jahtari-Produktion mit Roger Robinson dabei zu haben. Zusammen mit Disrupt hat er eine aktuelle Version von Dub Poetry zurück in die Zukunft gebracht, die äußerst kritisch den Finger in heutige Wunden legt.“ Soweit Karsten. Fehlt nur noch mein Urteil. Es lautet: Karsten hat zu hundert Prozent Recht.

Rico Rodriguez: Man from Wareika/Wareika Dub

Wieder mal so ein legendäres, ikonisches, ja heiliges Album der Reggae-Geschichte, dem man mit einer kleinen Rezension niemals gerecht werden kann. Zu sehr hat sich die Aura eines Meisterwerkes dieses Albums bemächtigt, als dass noch ein unvoreingenommener, vielleicht sogar kritischer, Blick darauf möglich wäre. Also versuche ich es erst gar nicht. Hier ist Rico Rodriguez’ Meisterwerk „Man from Wareika“ (Island) als hochwertige Wiederveröffentlichung, mit vielen Bonus-Tracks (zum Teil sogar bisher unveröffentlicht) und vor allem mit einem ganz besonderen Schmankerl: Der Dub-Version „Wareika Dub“, die 1977 in kleiner Stückzahl als White-Label erstmals das Licht der Welt erblickte. Also eine fette Doppelpackung, die dazu Anlass gibt, dieses – wahrscheinlich etwas in Vergessenheit geratene – Werk neu zu hören. Ich hab’s gemacht und war einigermaßen verblüfft. Ich hatte nicht erinnert, dass es von solch unfassbarem Jazz-Appeal beseelt ist. Zudem schwingen da noch eine Menge Ska-Anklänge mit (vor allem beim Titelstück). Jetzt verstehe ich auch, warum zeitgenössische Medien davon sprachen, Rico hätte ein neues Genre erfunden: Jamaican Jazz. So ganz abwegig ist diese Sicht nicht – zumal der trockene Sound der Aufnahmen auch Jazz-typisch ist. Rico – ein Absolvent der Alpha Boys School – war auf „Easy Snapping“, 1958 von Theophilius Beckford im Studio One aufgenommen, zum ersten Mal auf Platte zu hören. Noch bevor seine Karriere so richtig in Fahrt kam, emigrierte er 1961 nach England und begleitete die musikalische Revolution, die sich in den Folgejahren in seiner Heimat vollzog, vom Exil aus. 1976 nahm er dann ein Demo-Instrumental für Island Records auf: „Africa“, was ihm umgehend den Vertrag für ein ganzes Album einbrachte. War „Afrika“ noch in England produziert worden, so nutzte er jetzt die Gelegenheit, nach Jamaika zurück zu kehren und dort, bei Randy’s und Joe Gibbs mit den angesagten Studiomusikern der Zeit (u. a. Sly & Robbie, Ansel Collins, Lloyd Parks, Junior Marvin, Scully Simms) das komplette Album einzuspielen. Weil das Album so enorm erfolgreich war, wurde alsbald die Dub-Version bei Errol Thompson und Karl Pitterson in Auftrag gegeben. Eine Dub-Version? Es klingt zunächst nach einer ziemlich verrückten Idee, Ricos Posaunenspiel stummzuschalten, denn dass würde bei einem Dub-Mix unweigerlich über weite Teile der Fall sein. Und – was soll ich sagen – es war und ist in der Tat eine verrückte Idee. Ricos Posaune weicht Drum & Bass, auch wenn sie an entscheidenden Stellen immer mal wieder kurz zum Vorschein kommt. Aber merkwürdig: Die Abwesenheit des Lead-Instruments erzeugt eine eigentümliche Spannung, die gar nicht unattraktiv ist. Daher stelle ich mal die gewagte These auf, dass speziell dieses Dub-Album seine volle Stärke erst in der Kombination mit dem Instrumental-Album ausspielt. So gesehen ist diese Doppel-CD also das historisch ideale Format für Ricos Musik. Und dann wären da ja noch die 15 (!) Bonus-Tracks, die zwar ein wenig den Konzept-Ansatz des Doppelalbums verwässern, aber dennoch einen ordentlichen Mehrwert bieten. Mein Favorit findet sich übrigens auch unter dem Bonus-Material: „Take Five“, Ricos grandiose Interpretation von Dave Brubecks Jazz-Klassiker, als 12“-Showcase-Mix.

Kanka: Cool It

Kanka, bekannt als der Brutalo unter den Dubbern der Grande Nation, wird offenbar älter und gemäßigter. Fuhr er bisher mit einer Dampfwalze durchs Genre Dub, so sattelt er jetzt auf einen stilvollen 70ies-Oldtimer um – allerdings mit ordentlich Hubraum, versteht sich. Statt Steppers gibt’s jetzt kultivierten One-Drop, statt Highspeed entspanntes Tempo, statt Adrenalin: Genuss. Alles mit schönem Old-School-Vibe. Unglaublich wie nett sein neues Album klingt, fast schon perfekt für einen Sonntagnachmittag. „Cool It“ heißt es ganz passend und in der Tat, trägt es zur Entspannung bei, ohne dabei allerdings beliebig oder gar langweilig zu werden. Eigentlich ist noch alles vorhanden, was den Hansdampf bisher ausgemacht hat, nur jetzt viel ruhiger, relaxter: Satte Basslines – schön melodisch, elektronische Sounds, reduzierte Arrangements. Dub im besten Sinne also, jetzt allerdings nicht mehr fürs Sound System, sondern fürs heimische Sofa. Und da man bei dieser Gelegenheit ja meist einen Labtop auf den Knien hat, bietet es sich an, „Cool It“ kostenlos herunterzuladen: kanka-dub.bandcamp.com/album/cool-it.