Meine Reggae-Sozialisierung habe ich zu großen Teilen einem Mann zu verdanken: David Rodigan. Er schickte in den 1980ern seine zweistündige Radioshow “Rodigans Rockers” via BFBS in die Wohnzimmer hiesiger Reggae-Fans. Danach war er lange Zeit bei Kiss FM im Programm, das aber in Deutschland nicht empfangen werden konnte. Nachdem Kiss seine Reggae-Sendung auf immer unattraktivere Sendeplätze verschoben hatte (zum Schluss war es Sonntagnacht um 0 Uhr), kündigte Rodigan und heuerte bei der BBC an. Heute lief seine neue Sendung zum ersten Mal. Hier in Deutschland lässt sie sich via Internet verfolgen – und sollte man sie verpassen, so kann man sie auf der BBC-Seite nachholen. Da werden Erinnerungen wach. Welcome Back!
Rodigan auf BBC 1Xtra
Mittlerweile entsteht nahezu überall in Europa vorzüglicher Reggae: Frankreich, England, Italien, Deutschland: alles große Reggae-Nationen. Neudings gehört auch Polen dazu. Den Verdienst daran trägt allein ein Produzent aus Lodz: Marek Bogdanski a.k.a. Dreadsquad! Seit 2001 hat er einige wunderbare, vor Energie sprühende Rhythms zusammengeschraubt, die musikalisch irgendwo zwischen Ska, Early Reggae und Dancehall angesiedelt sind. Im Laufe der Zeit wurden sie von einer Vielzahl europäischer und jamaikanischer Artists gevoiced (Ward 21, Tenor Fly, Top Cat, General Levy, U Brown, Milion Stylez, Lady Chann, Tipa Irie, Jah Mason, Perfect, Dr Ring Ding) und in Form von wenigen Solo-Alben und vielen Singles (die allerdings zu One-Rhythm-Samplern kompiliert wurden) veröffentlicht. Letztes Jahr erschien mit “The Riddim Machine” ein Best Of Dreadsquad, das bei mir lange Zeit in Dauerrotation lief. Nun, ein Jahr später, erscheint – nein, leider nicht das dazu passende Dub-Album, sondern “nur” ein Version-Album, mit den weitgehend ungemixten Rhythms. Es trägt den passenden Titel “The Riddim Machine Versions” (Superfly Studio Poland) – und, was soll ich sagen: I’m loving it! Grandiose Instrumentals, bei denen es nicht verwundert, dass sie die oben genannten Artists zu hervorragenden Songs inspirierten. Neben Original-Kompositionen gibt es dort auch klasse Reworkings von Riddims wie Sleng Teng oder Stalag zu hören. Das macht Spaß! Jetzt warte ich nur noch auf das Dub-Album – oder wahlweise auf neues Material. Hauptsache Nachschub aus dem Osten.
Hörprobe bei Juno
Ich liebe die Musik aus Coxsones Studio One. Doch leider, leider habe ich meine nette, gar nicht so kleine Studio One-Kollektion im Laufe meiner nunmehr über dreißigjährigen Leidenschaft für Reggae so of gehört, dass mich die Songs – auch wenn sie noch so fantastisch sind – nicht mehr so richtig reizen. Doch nun hat das Souljazz-Label, dass sich in den letzten Jahren ja sehr um die Aufarbeitung des Studio One-Katalogs verdient gemacht hat, ein Album heraus gebracht, dessen Reiz ich vollkommen erlegen bin: “Studio One Ironsites”. Obwohl das Album auch einige der großen Studio One-Klassiker enthält, mischt es diese so geschickt mit rarem, nahezu ungehörtem Material, dass es für mich geradezu einer Neuentdeckung des guten alten Studio Ones gleichkommt.
Hörprobe bei iTunes
Vor 50 Jahren begann die musikalische Karriere von Freddie McGregor. Bereits als siebenjähriger nahm er im Studio One erste Stücke auf – zunächst als Background-Sänger, später unter seinem eigenen Namen. Nun legt er nach achtjähriger Wartezeit ein neues Album vor, weitgehend produziert von C. & R. McLeod und seinem Sohn Stephen “Di Genius” McGregor. Herausgekommen ist eine Mischung weniger mäßiger neuer Songs und einer Menge sehr schöner Cover-Versionen (George Benson, The Beatles, Bob Marley, Mighty Diamonds, Heptones und von sich selbst: F. McGregor). Insgesamt ein schönes Album. Die wenigen Schnulzen muss man einfach überhören.
Hörprobe bei iTunes
Normalerweise läuft es so: Jemand nimmt ein Album auf, veröffentlicht es, schickt anschließend die Tracks zu befreundeten Musikern, welche Remixes produzieren, die dann ca. ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Albums auf den Markt kommen. Es ist die gleiche Abfolge wie beim klassischen Dub-Album: erst die Gesangs-Version, dann die Dub-Versions. Doch ebenso wie der moderne Dub damit Schluss gemacht hat, das Derivat eines Gesangsalbums zu sein, so hat sich nun offensichtlich auch der Remix von einem bisher als zwingend vorausgesetzten „Original“ emanzipiert. Das Horace Andy-Album „Broken Beats“ (Echo Beach) ist nämlich direkt als Remix entstanden. Eine geniale Idee, die konsequent und bravurös umgesetzt wurde: Das Hamburger Label Echo Beach hatte Lust auf ein neues Horace Andy-Album mit einigen seiner klassischen Hits wie Skylarking, Money Money, Cuss Cuss sowie neuem Material und lud somit kurzerhand befreundete Dub-Acts und Remix-Produzenten wie Rob Smith, Dubblestandart, Fenin, Dub Spencer & Trance Hill, Felix Wolter u. a. ein, die Musik dazu beizusteuern. Doch statt auf alte Horace Andy-Aufnahmen zurückzugreifen, entstand das komplette Album neu. Der Clou: selbst Horace Andy sang seine Songs extra neu ein. Was als Kopf-Experiment hätte leicht in die Hose hätte gehen können, liegt nun als spannendes und betörendes Album vor, das konzeptuell wie musikalisch absolut State of the Art ist. Obwohl der individuelle Stil der beteiligten Musiker unverkennbar bleibt, fügen sich alle Tracks, die Vocal-Versions sowie die Dubs im zweiten Teil des Albums, zu einem geschlossenen Ganzen, das sich jenseits enger stilistischer Grenzen von Reggae und Dub bewegt. Vordergründig macht es das Album seinen Hörern nicht leicht. Beim flüchtigen Hineinhören wirken die Beats oft etwas sperrig, lassen sich keinen bekannten Kategorien zuordnen und bieten statt kraftvollem Wumms eher zurückhaltendes Understatement. Der wahre Schatz dieser Musik erschließt sich nämlich erst beim genauen Hinhören. Dann, wenn die ruhige Kraft der Beats und die in ihrer Komplexität verborgene Schönheit offenbar werden. Und genau dann ist man als Hörer unendlich dankbar, statt bekannte Styles wiedererkennend abzuhaken, in jedem der 15 Tracks neue Überraschungen zu erleben, neue akustische Entdeckungen zu machen und schließlich das (wieder) zu finden, wofür Dub eigentlich steht: Innovation.






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