Mad Professor: The Roots Of Dubstep

Auch der Mad Professor hat etwas zum Thema Dubstep zu sagen: „The Roots Of Dubstep“ (Ariwa) heißt sein neues Album. Mich erinnert der Titel frappierend an die „Bruce Lee“-Filme, die früher im Bahnhofskino liefen, mit Bruce Lee aber so viel zu tun hatten wie Dub mit deutschen Wanderliedern. Denn was der verrückte Professor hier präsentiert, ist 100% Reggae-Dub und 0% Dubstep. Schon klar, was Neil Fraser den Lononder Dubstep-Kids mit diesem Titel auf den Weg geben will: „Hey, ihr unwissenden Dubstep-Junkies, ihr Verehrer eines zu unrecht erfolgreichen Wummer-Sounds, der die Bezeichnung „Musik“ nicht verdient. Ihr haltet euren Krach für cool und innovativ, während Reggae für euch die Musik von vorgestern ist, die eure total uncoolen Eltern gut finden. Wisst ihr eigentlich, wo euer „Dubstep“ her kommt? Wisst ihr, dass euer „Dubstep“ nicht denkbar wäre, ohne die Musik, die früher, hier im UK, einmal sehr cool war? Dass euer „Dubstep“ – mit anderen Worten – eine degenerierte Abspaltung von einer wahren, guten und schönen Musik ist, die sich Dub nennt? Hört her, das hier ist die Wurzel von „Dubstep“!“ Recht hat der Mann, aber er erliegt einer Illusion, wenn er glaubt, dass jene Dubstep-Kids nur einmal Dub zu hören bräuchten, um solchermaßen erleuchtet dem Dubstep abzuschwören und fortan ihr Taschengeld in den Ariwa-Back-Katalog zu investieren. Es frustriert zweifelsohne zu sehen, dass sich Dubstep ordentlich verkauft, während die eigene Musik keine Abnehmer mehr findet und ein Reggae-Dealer nach dem anderen die Tore schließt. Aber diese ungerechte Welt bekehrt man nicht, indem man unverändert das tut, was man schon immer tat. Hier bräuchte es neue Ideen, neue Konzepte, mehr Kreativität. Etikettenschwindel ist sicher keine Lösung (auch wenn das Album – unter uns gesagt – als klassisches Dub-Album, gar nicht so schlecht ist).

Dub Evolution, Mai 2011

Zur Zeit beeindruckt mich am meisten das neue Werk von Chris Dubflow: „Echostream“ (myspace.com/chrisdubflow). Der Schweizer spielt meine heimliche Lieblingsvariante von Dub: repetitiven, treibenden, leicht technoiden, elektronischen Dub à la Zion Train, Dreadzone, Rhythm & Sound, Rockers HiFi …. Ich bin von dem minimalistischen Groove dieser Musik besessen: Getragen von warmen Akkorden und einer tiefen, tiefen, tiefen Bassline, shuffeln und synkopieren sich die Beats durch angenehm lange Tracks und lassen die Hörer in einen meditativen Zustand versinken – bis die Musik zu purem Bewusstseinszustand wird. Sie ist nicht länger ein akustisch wahrnehmbarer „Gegenstand“. Sie löst sich vielmehr auf und wird zur reinen Gegenwart. Dies ist ein faszinierender Prozess, der übrigens ganz und gar ohne den Einfluss bewusstseinserweiternder Hilfsmittel zu erleben ist. Musik, wie die von Christ Dubflow, reicht dafür vollkommen aus. Der „Flow“ seiner Musik ist überwältigend. Vielleicht liegt es daran, dass seine Tracks keine bis ins Letzte ausgeklügelten und fein justierten Kunstwerke sind, sondern mit reduziertem Equipment in einem Take aufgenommene Rhythms, die ohne Overdubbing und Postproduction auskommen. Direkt, analog und schlicht faszinierend.

Zu Chris Dubflows „Echostream“ passt ein anderes Album ganz gut: „Boudub“ (The Studio Stereo/Download) von Otis Reading, obwohl wir es hier nicht mit dem unentrinnbaren hypnotischen (Dub)Flow zu tun haben. Der Belgier geht viel experimenteller vor, bricht den Flow ab, sobald man beginnt, sich darin wohl zu fühlen. Ein wenig erinnert mich sein neues Album an Hey-O-Hansen, obwohl Readings Sound viel technoider ist. Er lässt sich nicht leicht einordnen, zumal er sein neues Werk teils nahe am Dubstep gebaut hat – ohne jedoch den Reggae-Offbeat gegen die typischen, schlimmen Synthie-Flächen einzutauschen. „Techno“, „Dubstep“ – das klingt jetzt nach brutaler, vordergründiger Musik, doch „Boudub“ ist das Gegenteil. Die Tracks sind komplex, stecken voller Breaks, voller Tempowechsel und nicht zuletzt voller Überraschungen. Das alles wirkt trotzdem recht entspannt und lebt von dem Kontrast zu den gelegentlichen härteren Passagen. Wer also seine grauen Zellen mal wieder mit einem intellektuellen Dub-Erlebnis bespaßen will, der sollte sich auf die faszinierende Boudub-Journey einlassen, sich zurück lehnen und die Ohren spitzen.

Und da isse wieder: Die neue King Size Dub-Compilation! Gestartet in den 1990er Jahren und inzwischen bei „King Size Dub, Chapter 15“ (Echo Beach) angelangt, ist es die meines Wissens dienstälteste Dub-Compilation-Reihe der Welt. Und Label-Betreiber Nikolai ist zu recht stolz auf insgesamt über 100.000 verkaufte Exemplare. Congratulations! War die Reihe in ihren jungen Tagen eher eine Bestandsaufnahme der damals turbulenten Dub-Szene der 1990er Jahre, so hat sie sich nun zu einem Echo Beach- und Collision-Label-Showcase entwickelt. Daher finden sich auf „Chapter 15“ die bekannten und hoch geschätzten Namen vom Strand des Echos: Ruts DC (als Rob Smith-Remix), Noiseshaper, Martha & The Muffins, Up, Bustle & Out, Tack>>Head, Dubblestandart, Dubmatix, Dub Spencer & Trance Hill, Umberto Echo, Jamaram u. a. Die Auswahl ist wunderbar harmonisch, entspannt und zugleich genügend abwechslungsreich. Der Dubmatix-Track „Deep Dark Dub“, der uns hier als Remix von Felix Wolter präsentiert wird (bereits eine kleine Preview auf das superbe, in Kürze erscheinende Remix-Album von Dubmatix), ist mein persönliches Highlight des Samplers, dicht gefolgt vom außerordentlich schwungvollen Track „Rootsman“ aus dem Dreadzone-Headquarter sowie Aldubbs Remix „Wa Doo Dubb“ – einer witzigen Version des Eek A Mouse-Klassikers im Dubstep-Style.

Und dann wäre da noch eine weitere Ausgabe der Greensleevesschen „Evolution Of Dub“ (Greensleeves), die sich mit „Volume 6“ dem Werk Prince Jammys verschrieben hat. Meine anfängliche Begeisterung für das „Evolution Of Dub“-Projekt ist inzwischen allerdings einer kleinen Frustration gewichen, da die Evolution bei Greensleeves doch etwas arg auf der Stelle tritt. Was zunächst nach einer fundamentalen Aufarbeitung der Geschichte des Genres aussah, entpuppt sich zusehends mehr als Vehikel zur bloßen Wiederveröffentlichung des Label-Back-Catalogues. Natürlich ist Jammy einer der wichtigen Protagonisten des Dub, aber sind alle vier Alben „Crucial In Dub“, „Kamikazi Dub“, „Uhuruh in Dub“ und „Osbourne In Dub“ gleichermaßen wichtige Meilensteine des Genres?  Meines Erachtens hat nur „Kamikazi Dub“ einen prominenten Platz in der Evolutionsgeschichte verdient. Das Album zeigt Jammy in Höchstform – sowohl was die Produktionen, als auch den fantastischen Mix betrifft. Der nach dem Kurosawa-Klassiker benannte Track „Throne Of Blood“ gehört für mich in die Galerie der zehn größten Meisterwerke des Dub. Dieser Track rettet die ganze 4-CD-Box.

Ein Mann, der mit seinen Dub-Werken zu Recht ein wesentliches Kapitel der Dub-Evolution schreiben könnte, ist Neil Perch. Mit seinem 1991 gegründeten Dub-Projekt Zion Train erfand er Mitte der 1990er Jahre (fast!) im Alleingang (Dreadzone war ja auch noch da) Dub-House und erschloss dem Genre damit eine Hörerschaft weit jenseits von Reggae und Dub. Nun widmet ihm das Label Nascente unter dem Titel „Dub Revolutionaries: Zion Train – The Very Best Of“ (Nascente) eine zwei CDs umfassende Werkschau, die von den eher traditionell orientierten Anfängen über die Dub-House-Phase bis hin zum heutigen Status als Wächter des originären UK-Dub-Sounds reicht. Das Zion Train-Oeuvre in so komprimierter Form zu hören, macht deutlich, wie unglaublich progressiv Neil Perch seinerzeit war. Im Kontrast dazu ist es fast schade, dass er bei seinen jüngeren Arbeiten zu sehr am klassischen UK-Sound kleben bleibt.

Bill Laswell ist so etwas wie der Eastcoast Godfather of Bass. Wenn in New York und Umgebung Musik jenseits des Mainstream gemacht wird – in deren Zentrum der Bass steht – dann hat Laswell mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Finger im Spiel. Im vorliegenden Fall mussten sich seine rührigen Finger allerdings auf die Knöpfe und Regler des Mischpults beschränken: David Solid Gould & Bill Laswell, „Dub Of The Passover“ (Tzadik.com) ist die Dub-Version des Instrumentalalbums „Feast Of The Passover“ von David Gould, das – ungewöhnlich für ein Reggae-Album – auf dem Label von John Zorn erschienen ist. „Feast Of The Passover“ ist der Versuch, jüdische Festtagslieder mit Reggae zu kreuzen, was auch gar nicht so schlecht gelungen ist, da die leicht melancholischen, jüdischen Melodien ausgesprochen schön sind und gut mit den langsamen Reggae-Beats harmonieren. Doch so schön die Stücke des Originalalbums auch sind – der für US-Reggae typische, trockene und etwas hölzerne Sound ist es nicht. Und hier kommt Laswell ins Spiel und mixt aus der drögen Vorlage ein wunderbar fluffiges Dub-Album. Immer wieder faszinierend, wie sehr sich der Charakter von Musik allein mit Hilfe des Mischpults verwandeln lässt. Dabei ist Laswells Mix ganz unaufgeregt und klassisch – aber der Mann weiß um die Bedeutung des Sounds und ist in der Lage, diesen virtuos zu beherrschen. So ist „Dub The Passover“ zu einem wunderschönen, entspannten Dub-Werk geworden, das vor allem durch wohlklingende Melodien und einen wunderbar warmen, harmonischen Sound besticht.

Zum Schluss seien noch kurz die „Berlin Sessions“ (Irie-Ites) von Aldubb, Dubmatix und Mighty Howard erwähnt. Die drei hatten sich während der letzten Dubmatix-Tour für ein Wochenende im Berliner Studio Aldubbs eingeschlossen und drei Songs, inklusive Dub-Version produziert. Diese sind nun als EP bei Irie-Ites erschienen und beweisen, dass sich Reggae auch bei uns in jamaikanischem Tempo produzieren lässt.

 

Jarring Effects Dubstore

Das französische Label Jarring Effects hat einen Online-Dubstore eröffnet, der sich als ein Angebot von Musikern an Musikern versteht. Alle hier zu kaufenden Dubs, werden als unkomprimierte .wav- oder .aif-Dateien geliefert, damit sie ohne Qualitätsverlust im Soundsystem gespielt werden zu können. Es handelt sich dabei ausschließlich um heftige, schwergewichtige Steppers-Dubs, produziert von der crème de la crème französischer Dubheads wie OBF, Pilah, Roots Massacre, AntiBypass (Dub Addict), Fabasstone, Natural High, Twelve, Led Piperz, Roots’n Future Hi-Fi aka d.Dino, Aku-Fen (High Tone / Dub Invaders), Uzul (Kaly Live Dub). Happy Shopping!

Dub Evolution Januar 2011

Die interessanteste Dub-Neuerscheinung des noch frischen Jahres kommt aus Münster, von den Senior Allstars, und trägt den schlichten aber dafür umso trefferenden Titel „In Dub“ (Skycap). Es ist gewissermaßen ein Geburtstagsgeschenk, das sich die Jungs gegönnt haben, denn als das Projekt 2009 geboren wurde, waren die Senioren 10 Jahre und fünf eigenständige Alben (also ohne Dr. Ring Ding) alt. „Von Anfang an ist Dub zwar ein wichtiges Element unserer (Instrumental-)Musik gewesen“, erklärt Thomas Hoppe, Schlagzeuger der Band, „aber ein richtig ordentliches Dub-Album war schon lange mein Traum“. Wie schön, dass sich so ein Traum auch umsetzen lässt. Mein lieber Riddim-Autorenkollege Karsten Frehe steuerte Kontakte zu einigen der zur Zeit interessantesten Dub-Produzenten bei, so dass sich eine illustre Schar an Sound-Tüftlern und Dub-Maniacs einfand, die insgesamt 14 Tracks der Senior Allstars in „richtig ordentliche“ Dubs zu verwandeln. Karsten hat jedem der 9 Dub-Meister im Booklet einen kleinen, informativen Text gewidmet: Umberto Echo (München), Alldub (Berlin) und Dubvisionist (Hannover), Webcam HiFi (Frankreich), Dubolic (Kroatien), Victor Rice (Brasilien), Crazy Baldhead (USA), El Bib (England) und Avatar (Irland). Alle haben ihre Arbeit sehr gut gemacht und saubere Dub-Mixes abgeliefert – Dub Mixes wohlgemerkt, keine Remixes. Es ging um das gute alte Tontechniker-Handwerk und nicht darum, neue Spuren einzuspielen und aus einem relaxten, Jazz-inspirierten Instrumental eine düstere Dubstep-Nummer zu zaubern. Daher ist es nicht ganz leicht, stilistische Unterschiede der verschiedenen Akteure herauszuhören. Der leichte, lockere Uptempo-Sound der ehemaligen Ska-Band bleibt auch für die Dub-Version prägend. Im direkten Vergleich einiger Tracks vom letzen Senior Allstars-Album „Hazard“ mit ihren Dubs fällt allerdings auf, dass die Originale wahrscheinlich besser gemastert wurden. Die Präsenz und Klarheit des Original-Sounds ist schlicht fantastisch. Dafür erhalten die Dubs mehr Tiefe und Schwere, der Sound wirkt konzentrierter. Insgesamt also ein schönes Dub-Reworking, das gerade im Vergleich zu den Originalen faszinierend anzuhören ist.

Ein ähnliches Konzept verfolgt das britische Reggae-Kollektiv Pama International mit dem neuen Album „Pama International Meet Mad Professor: Rewired! In Dub“ (Rockers Revolt). Auch hier wurde ein bekannter Dub-Produzent, nämlich der verrückte Professor himself, eingeladen, bestehende Tracks zu dubben, und zwar die des 2009 erschienenen Pama-Albums „Outernational“. Der Professor hat hier alles gegeben, aber was kann er retten, wenn schon die Basis nicht richtig stimmt? Anders als die Senior Allstars hat Pama International nämlich keine so guten Rhythms gebaut, keine melodischen Basslines komponiert und keine wirklich spannenden Arrangements kreiert. Daher plätschern die Tracks einigermaßen uninspiriert daher, auch wenn Mad Professor viel Hall draufgegeben und sich am Mischpult die Finger wundgeschraubt hat. Dass mich das Dub-Album so wenig zu beeindrucken weiß, wundert mich schon, denn „Outernational“ gefiel mir eigentlich gar nicht so schlecht. Aber im direkten Vergleich wird deutlich, dass das Original sehr vom Gesang profitiert, der eine schöne Mischung aus James Brown, Desmond Dekker und Jimmy Cliff ist. Ist doch interessant zu sehen, dass die Effekte des Dub nicht geeignet sind, mangelnde musikalische Qualität zu kaschieren. Das Gegenteil ist der Fall: Dub konzentriert sich auf das Wesentlich und lässt Mängel dadurch um so deutlicher hervortreten.

Noch so ein Fall: Wieder geht es um den Dubmix vorhandenen Materials, nur ist der Dub-Master in diesem Fall niemand anderes als der wiederauferstandene Scientist: „Scientist Launches Dubstep Into Outer Space“ (Tectonic). Dem armen Kerl blieb zwar das Pama-Album erspart, aber dafür musste er Dubstep remixen. Gibt es eine Musik, die sich weniger für einen Dub-Mix eignet als Dubstep? Was will man bei dieser Minimal-Music noch mixen? Scientist wusste das offensichtlich auch nicht, weshalb sich seine Dubs nicht sonderlich von den Originalen unterscheiden – die übrigens in Form einer Doppel-CD praktischer Weise direkt beigelegt wurden. Anders jedoch als bei Mad Professor, ist das „Rohmaterial“ in diesem Falle gar nicht so übel. Bisher unveröffentlicht, stammen die Tracks von Dubstep-Koryphäen wie Kode 9, Shackleton, Distance, Digital Mystikz u.a. Wer einer Exkursion in Dubstep-Gefilden nicht abgeneigt ist, kann ja mal reinhören. Wer jedoch erwartet, den Scientist zu hören, den er aus den frühen 1980er Jahren kennt, wird eine herbe Enttäuschung verdauen müssen.

Aus Japan kommt ein von Glen Brown produziertes und von King Tubby gemischtes Dub-Album zu uns: „Big Dub – 15 Dubs From Lost Tapes“ (Rock A Shacka). Dub Vendor in England verkauft das gute Stück für 22 Pfund (26 Euro) zuzüglich Versandkosten. Ein exklusives Vergnügen also, der (zudem noch limitierten) CD zu lauschen. Und mit welchen Sensationen wartet die Luxus-Cd auf? Zum Beispiel mit Dubs zu Stücken wie „Never Too Young To Learn“, „Father Of The Living“, „Away With The Bad“, „Merry Up“, „As Long As There Is You“, „When I Fall In Love“ – aber auch mit Dubs von bisher unbekannten Stücken (schließlich reden wir hier von „lost Tapes“). Wie zu erwarten, ist der Glen Brown-Sound auch hier eher trocken und spröde und Tubby verfährt in bekannter Manier damit: Das Wenige reduziert er noch weiter, lässt gelegentlich Gitarre oder Keyboards anklingen, jubelt kräftig Echo drüber, nur um es dann wieder den mächtigen Zwei, Drum & Bass, zu opfern. Wir haben es hier mit einem wahrhaft minimalistischen Werk zu tun und ich muss zugeben, dass ich mich beim Hören durchaus gelangweilt habe – großem Meister und großer Kunst zum Trotz. Mir ist der Sound eine Nummer zu karg und die Dub-Mixes zu klassisch. Nach meinem Geschmack eher ein Album für die Sammlung, als fürs Hörvergnügen.

So, damit wäre ich mit der Jahresauftakt-Kolumne durch, die – wie ich gerade feststellen muss – fast vollständig aus Verrissen besteht. Das fängt ja gut an!

Dub Evolution, November 2010

Ich bin ein großer Freund des Minimalen, was vielleicht meine Vorliebe für Dub erklärt, denn Dub ist eine minimalistische Musik. Das Großartige an Dub ist aber, dass dieser Minimalismus nicht langweilig wird, denn innerhalb seiner engen Grenzen, bietet Dub einen wahren Kosmos an Möglichkeiten. In einer Komposition aus wenigen Elementen, hat die Veränderung eines einzelnen der Elemente eine viel größere Relevanz fürs Ganze, als in einer Komposition, die aus sehr vielen Elementen besteht. Dub zu produzieren heißt daher, die musikalischen Elemente sehr präzise zu komponieren und zu manipulieren. Statt ein vorhandenes Musikstück mit Effekten aufzupeppen, geht es um das genaue Gegenteil, nämlich darum, Musik so weit zu reduzieren, dass jeder einzelne Bestandteil, jedes Instrument, jeder Ton, dessen Klang und Kontext Bedeutung gewinnt. Aus diesem Grund, ist das Anhören von Dub eine andere Erfahrung als der Genuss eines „normalen“ Musikstücks. Während wir einem normalen Musikstück folgen wie einer Erzählung, also gewissermaßen „gegenständlich“ mit einem klaren Fokus auf Gesangsmelodie und Text, betreten wir bei Dub einen abstrakten akustischen Raum, in dem sich unsere Aufmerksamkeit nicht an einem bevorzugten Gegenstand festhalten kann, sondern vielmehr jedem Einzelnen sowie zugleich dem Ganzen gilt. Vielleicht rührt daher der meditative Charakter von Dub: Er evoziert beim Hörer einen Zustand der vollständigen Offenheit und Achtsamkeit.

Beim Hören von Alborosies neuem Album „Dub Clash“ (Shengen/Import) erging es mir wieder genau so. Es ist eine Musik, in deren Tiefe man als Hörer eintaucht und sie in fast meditativem Zustand, aber mit hellwachem Geist, erlebt. Hier ist jedes Detail sorgsam ausgewählt, platziert und arrangiert. Alles ist am richtigen Platz, nichts dürfte fehlen, ohne dass das austarierte Gleichgewicht der Komposition zerstört würde. Hier haben wir den glücklichen Fall, dass hervorragende Produktionen einer kongenial ausgeklügelten Dub-Prozedur unterzogen wurden, mit dem Ergebnis, dass die Dubs besser sind als die Vocal-Originale. Während Albos Songs zweifellos gut sind, so bleibt es doch den Dubs vorbehalten, das musikalische Erlebnis zu einer wirklich faszinierenden, reichen Erfahrung werden zu lassen. Ein wichtiger Grund für das Zustandekommen dieser Erfahrung ist Alborosies Vorliebe für gute, alte, analoge Studiotechnik, der seine Musik einen unglaublich reichen, warmen und harmonischen Sound verdankt, voller Komplexität und Tiefe. Seine andere Vorliebe gilt klassischen Riddims wie z. B. „Bobby Babylon“, „Full Up“ oder „When I Fall In Love“, was nicht nur schöne Basslines garantiert, sondern ebenfalls ein interessanten Aspekt des dem Dub eingeschriebenen Minimalismusprinzips darstellt. „Analoge Studiotechnik“ und „klassische Riddims“ klingt nach Old School – und das ist es auch und zwar volle Kanne. Nicht ohne Grund widmet Albo das Album King Tubby. Vor allem das erste Stück, das bezeichnender Weise mit „Tribute To The King“ betitelt ist, könnte von eben jenem gemischt worden sein. Doch im weiteren Verlauf emanzipiert sich Alborosie von der Vorlage und findet zu seinem eigenen Sound, der mit einem Bein in der Klassik, mit dem anderen aber im Hier und Jetzt steht. Je weiter das Album voranschreitet, desto reduzierter und hypnotisierender werden die Dubs, gewinnen an Erdung und Intensität und ziehen den Hörer immer tiefer in ihren Bann, bis schließlich die letzten Töne des sechzehnten Tracks verklingen und man aus der musikalischen Meditation erwacht – erfrischt und befriedigt und ein wenig verwundert darüber, warum diese großartige Musik Dub in Jamaika ausgestorben ist und erst ein Europäer sie dorthin zurück bringen muss.

Aus dem Heimatland Alborosies, Italien, kommt auch die Wicked Dub Division, ein typischer Vertreter der sehr starken Dub- und Roots-Szene jenseits der Alpen. Soeben ist das erste Album der Division erschienen: „The Singles Collection“(WDD/Download). Darauf bieten sie in gewisser Hinsicht ein echtes Kontrastprogramm zu Albos „Dub Clash“, denn statt ausgeklügelter Kompositionen und feinfühliger Mixe, geht‘s hier dubtechnisch voll auf die 12: Steppers galore, wuchtig, brutal, kompromisslos. Aufgebaut als Showcase-Album, gibt‘s stets zuerst die A-Seite der Single und dann den Dub. Doch nicht selten ist die Vokalversion ebenfalls ein Dub und der Gesang eher rudimentär vorhanden. Wer auf diese Art von UK-Steppers-Neuinterpretation steht, der könnte sich auch mal das etwas ältere Album von R.estistence in Dub, „Avampuest Dub“ (Alambic Conspiracy/Download) anhören.

2003 erschien das Pink-Floyd-Remake „Dub Side Of The Moon“. Damals schrieb ich in dieser Kolumne (ja, so lange gibt es sie schon!): „Schade, dass hier eine Menge Energie und eine noch größere Menge Innovationswillen auf das falsche Projekt verschwendet wurden. Vielleicht musste es aber mal versucht werden, um das Thema abhaken zu können – denn auch im Scheitern liegt die Chance zur Erkenntnis“. So kann man sich irren. Was ein Urteil hinsichtlich des Scheiterns im musikalischen Sinne betrifft, nehme ich nichts zurück. Im kommerziellen Sinne ist das Projekt jedoch alles andere als gescheitert. Unzählige (wahrscheinlich) Rock-Fans, stürzten sich auf das Album und ließen es zu einem der erfolgreichsten der Dekade werden. Anlass genug für die Easy Star All-Stars um Lem Oppenheimer, den Relaunch zu relaunchen. Dazu haben die Amis vor allem britische Dubber wie Groove Corporation, Dreadzone, Adrian Sherwood oder Mad Professor angeheuert, um Remixe von „Dub Side“ zu erstellen. Das Ergebnis ist nun „Dubber Side Of The Moon“ (Easy Star/Broken Silence) betitelt und krankt nach meiner Auffassung an den gleichen Unzulänglichkeiten wie „Dub Side“, nämlich daran, dass die Pink Floyd-Rock-Songs einfach nicht mit Reggae harmonieren. Die Produktionen sind oft gar nicht so schlecht, doch unverständlicher Weise haben viele Remixer die Gesangspassagen in ihre Dubs übernommen und damit das Ergebnis ungenießbar gemacht. Aber vielleicht stehe ich mit meiner Meinung auch alleine da. Meine Reggae-Facebook-Freunde haben sich jedenfalls ziemlich positiv über das Album geäußert und vor allem Mad Professor gelobt, der hier angeblich zu alter Größe zurück findet. Na ja, ich wollte es nur erwähnt haben …

Easy Star bedient den amerikanischen Markt übrigens auch mit den Produktionen der neuseeländischen Band The Black Seeds, die nun – wie passend – auch ein Remix-Album vorlegen: „Specials – Remixes And Versions From Solid Ground“ (Best Seven). Wie der Titel bereits klar stellt, haben wir es hier mit einem Remix ihres letzten Albums zu tun, wobei zu erwähnen ist, dass es sich bei den Remixes keineswegs ausschließlich um Dubs handelt. Überhaupt ist den Black Seeds mit dem klassischen Begriff von Dub nicht wirklich beizukommen. Ihr musikalischer Mix aus Reggae, Funk, Soul, Afro-Beat und recht untypischem (und witziger Weise stark an Fat Freddy‘s Drop erinnernden) Gesang, lässt einfach keinen deepen Dub-Mix zu. Die Musik klingt zu luftig, zu gutgelaunt und ist stets mehr Song statt Sound. Wer also auf der Suche ist nach einem eher unkonventionellen, souligen Reggae-Album mit gelegentlichen Dub-Exkursionen, der sollte sich die Specials mal zu Gemüte führen. Ansonsten reicht „Solid Ground“ als Begleitmusik zum Sonntagsfrühstück vollkommen aus.

Das dänische Chill-Out-Label Music For Dreams hatte ich bisher nicht auf dem Schirm, obwohl Labelchef Kenneth Bager schon seit geraumer Zeit EPs mit Dub-inspirierter elektronischer Musik veröffentlicht. Nun ist die Compilation der EP-Compilations erschienen: „World Dub Pastry Vol. 1-5“ (Music For Dreams/Download). Auf ihr finden sich 20 Tracks, die sich vielleicht am besten als Ibiza-Chill-Out-Dubs bezeichnen lassen und sich stilistisch irgendwo zwischen Minimal-House und Reggae-Dub mit gelegentlichen Worldmusic-Einsprengseln einordnen lassen. Die Musik hat einen schönen warmen Klang, sanfte Beats und einen entspannten Flow. Gefällt mir eigentlich ganz gut, obwohl es mir nicht gelingt, mich länger als zehn Minuten auf die Musik zu konzentrieren. Ich habe das Album jetzt bestimmt schon fünf mal gehört und kann mich darin immer noch nicht orientieren. Den durchweg sehr feinfühlig produzierten Stücken fehlt es schlicht und ergreifend an Ecken und Kanten. Statt nach vorne ins Bewusstsein zu dringen, streben die Tracks in den Hintergrund, bilden einen Soundtrack, der eher gefühlt statt bewusst wahrgenommen werden will. Was fast schade ist, denn die Beats, Sounds und Samples, die hier zum Einsatz kommen, sind für sich genommen richtig gut, nur im Zusammenspiel verlieren sie an Prägnanz und werden zur Klangtextur. Da aber genau das der Anspruch von Chill-Out-Music ist, gibt es hier eigentlich rein gar nichts zu meckern. Es gibt immer Situationen im Leben, wo man genau solche Musik gebrauchen kann.

So ziemlich das Gegenteil von Chill Out bietet das Netlabel Subbass (http://www.subbass.blogsport.de), das sich Dubsptep aus Deutschland verschrieben hat. Bereits im August veröffentlichte Label-Chef Uwe Heller die erste Labelcompilation „Subbass – Dubstep Made In Germany“. Darauf finden sich durchgängig hochwertige, klasse produzierte, energiegeladene Tracks, die voller Ideen stecken und zusammen ein äußerst abwechslungsreiches Album ergeben. Statt länger darüber zu lesen, hört es euch doch selber an. Es steht kostenlos zum Download bereit: http://subbass.blogsport.de/releases/

Lustre Kings in Dub, Vol. 1

Ein Dub-Album aus Amerika! Wer es nicht weiß, erkennt es sofort am Sound: fette Beats sind Sache der Amerikaner nicht. Trocken und gut abgehangen müssen die Rhythms klingen, handgespielt und ein bisschen wie Rock ,n‘ Roll. Das Luste Kings-Produktionsteam aus Kalifornien mach da keine Ausnahme. Seit 1995 produzieren Andrew Bain und Corrin Haskel Reggae nach diesem Muster und lassen ihre Riddims mit Vorliebe von unbekannten jamaikanischen Artists voicen. In 15 Jahren ist natürlich eine schöne Rhythm-Sammlung entstanden, aus der nun 11 Tunes in den Genuss eines Dub-Treatments gekommen und auf das Album „Lustre Kings in Dub, Vol. 1“ (Lustre Kings/Import) gepackt wurden. Weitere 6 Tunes sind als reine Versions mit von der Partie – zusammen also 17 Tracks. Abgesehen vom eher trockenen Sound, ist es doch erstaunlich, welch große stilistische Bandbreite die Stücke abdecken. Da gibt es ultra-softe Lovers-Nummern, handgespielten Roots, digital Dancehall, und sogar halbwegs deepe Dubs nach europäischem Vorbild. Wüsste man es nicht besser, würde man hier eine Compilation unterschiedlicher Produzenten vermuten. Die Frage, ob diese Variationsbreite nun eine Stärke oder Schwäche ist, stellt sich allerdings nicht, denn für fast alle Stücke gilt, dass die Beats etwas kraft- und saftlos bleiben – egal, welchen Stil sie gerade bedienen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen („Proverbs Dub“, „Takling Drum Version“), haben die Rhythms nicht genug Präsenz, um als Dub oder gar Version bestehen zu können. Sie bleiben schön im Hintergrund, fordern keine Aufmerksamkeit und alles ist nice & easy – perfekte Wohlfühlmusik als Hintergrundbeschallung fürs Büro. Ich weiß, dass die beiden Lustre Kings ihre Musik mit viel Herzblut produzieren, weshalb mir die Kritik nicht leicht fällt. Aber auch wenn‘s mit viel Liebe gemacht ist, ein gutes Album wird dadurch nicht garantiert. Vielleicht sollten die beiden Kalifornier ganz einfach bei Vocal-Tunes bleiben – darin sind sie viel besser.

Dub Evolution, August 2010

Wer glaubte, die Evolution des Dub wäre mit der „Natural Selection“ abgeschlossen, irrte, denn nun präsentiert uns Greensleeves den „Missing Link“, also Vol. 5 der „Evolution Of Dub“-CD-Box-Serie (Greensleeves). Trotz fortgeschrittener Evolution befinden wir uns zunächst immer noch in Mitten der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und zwar beim Musiker und Produzenten Ossie Hibbert. Er steuert zwei der vier Alben der Box bei: „Earthquake Dub“ und „Crueshal Dub“ (sic!).

„Earthquake Dub“ erschien auf dem Label von Joe Gibbs, nachdem Ossie es ihm im Tausch gegen ein Auto (Errol Thompsons Auto!) überlassen hatte. Im „Reggae: The Rough Guide“ wird es als „militantere Fortführung der „African Dub“-Serie“ beschrieben, was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft. Zu hören gibt es den klassischen, wohlbekannten und allseits beliebten Professionals/Aggrovators/Revolutionaries-Sound, dominiert von Sly Dunbars immer wieder faszinierenden Drumpatterns. Uptempo, leicht und doch auch zielstrebig, bestimmt und geradeaus. Ganz im Stile der Zeit, gibt es vornehmlich Wiederauflagen klassischer Rhythms zu hören wie z. B. „Pick Up The Pieces“ von den Royals oder „Declaration of Rights“ der Abyssinians.

Das zweite Ossie-Album der Box, „Crueshal Dub“, ist so obskur, dass selbst Ossie himself sich kaum noch erinnern kann, wie es zu Stande kam. Soundtechnisch liegt es eindeutig vor „Earthquake Dub“ und konzentriert sich auf die Wiederbelebung alter Studio One-Rhythms. Weniger stark und eigenständig als „Earthquake“, weiß es jedoch durch schöne, kunstvolle Dub-Mixes zu überzeugen.

Die anderen beiden Alben der Box sind ein Novum der Serie, da mit ihnen der Sprung nach England gewagt wird: „King Of The Dub Rock Part 1“ und „Part 2“. Insofern ist der Box-Titel „The Missing Link“ ja verdammt clever gewählt. Produzent beider Alben ist der britische Sound-Man Lloyd Blackford a.k.a. Sir Coxsone Sound. In den sechziger Jahren benannten sich viele britische Sound Systems nach ihren jamaikanischen Vorbildern. Und da Blackfords ärgster Widersacher sich nach Duke Reid benannt hatte, wählte Blackford folgerichtig den Namen von Clement Coxsone Dodd. „King Of The Dub Rock Part 1“ erschien 1975 und enthielt Rhythms von Dennis Bovell und Gussie Clarke. Blackford mischte die Dubs selbst und verlieh den recht unterschiedlichen Sounds so eine gewisse Einheitlichkeit. Das Album ist aus historischen Gründen als „Missing Link“ durchaus interessant, bleibt aber hinsichtlich des Hörvergnügens weit hinter „Part 2“ zurück, der erst sieben Jahre später erschien (und damit den Sprung in die 1980er Jahre vollzog). Ich hatte mir das Album im Jahr seiner Erstveröffentlichung gekauft und war einerseits fasziniert von dem satten Klang, den starken Bläsersätzen und den schönen Melodien, andererseits war ich aber auch ziemlich irritiert von den Space-Invaders-8-Bit-Sounds, die wahllos in die Tracks gemischt waren. Zum Glück wurden diese Overdubs inzwischen entfernt, so dass sich die originalen Dubs hier in ihrer ganzen ungetrübten Schönheit genießen lassen. Nach meinem Geschmack war der Old School Dub zur Entstehungszeit dieses Albums auf seinem künstlerischen Höhepunkt – nur um kurze Zeit später in Jamaika auszusterben. Ich bin gespannt, ob die Boxenserie nun mit Jah Shaka und Mad Professor in England weiter geführt wird. „Escape To The Asylum Of Dub“ wäre doch eine perfekte Fortsetzung …

Wie wäre es mit ein wenig Dub aus Australien? Der gebürtige Brite Brian May werkelt down under an diversen Musikstilen herum, die alle eines verbindet: Dub. Unter dem Pseudonym Beam Up hat er nun das Album „Terra Sonica“ (beamingproductions.com) veröffentlicht auf dem er Dubs präsentiert, die sich stilistisch nicht in ein Genre packen lassen, aber alle den Gesetzen des Dub gehorchen. Das Spektrum reicht von Worldmusic über Reggae bis Dubstep. Nach meinem Geschmack sind genreübergreifende Experimente ja prinzipiell spannend, hier aber will der Funke nicht so recht überspringen. Die Mixe sind brillant, allein an den Rhythms hapert‘s. Die könnten etwas mehr Groove gebrauchen.

Angenehm traditionell geht es hingegen auf dem neuen Album von Aldubb zu: „Aldubb Meets Ras Perez“ (MKZwo Records). Da weiß man, was man hat! Schöne Roots-Dubs, ganz unaufgeregt, ohne Anspruch auf einen Innovationspreis, einfach nur fette Basslines, große Echo-Chambers und ein schöner Old-School-Sound. Entstanden sind die Aufnahmen während vieler Probe-Sessions im hauseigenen Berliner Studio von Aldubb. Drums und Percussion hat der Dub-Meister himself eingespielt, Ras Perez übernahm den Rest. Ein Album, das gewissermaßen unbeabsichtigt entstanden ist. Beim Jammen ließen die Beiden einfach das Band mitlaufen: „Irgendwann waren es so viele Dubs, dass es einfach mal auf CD musste.“ Richtige Entscheidung! Ist ein gutes Album geworden.

Dubstep darf nicht fehlen – vor allem nicht, wenn er von Kanka kommt, jenem französischen Steppers-König, der zuletzt mit seinem Album „Don‘t Stop Dub“ unsere Nachbarn aus dem Bett katapultierte. Unter dem Pseudonym Alek 6 hat er nun das Dubstep-Album „Inside“ (Hammerbass.fr) vorgelegt, das kompromisslos hält, was wir uns von Kanka versprechen, nämlich Bass, Bass und Bass. Drum herum erklingen jetzt allerdings, anders als gewohnt, nur wenige Offbeats – statt Warrior-Style gibt es düstere Elektronik und rigiden Minimalismus. Gelegentlich lodern ein paar Jungle-Breakbeats auf, ansonsten hält sich der Ideenreichtum allerdings in Grenzen. Doch wer braucht für eine betäubende Bass-Dröhnung schon Ideen? Hauptsache die Hose flattert.

Zum Abschluss noch etwas leicht obskures, nämlich ein polnisches Dub-Album von einer Band namens DUP!: „Dup! Session In Something Like Studio“ (dupmusic.com). Das gesamte Presseinfo besteht aus diesen zwei Sätzen: „Wir heißen Dup und präsentieren stolz unser erstes Album. Wir spielen Dub-Musik und unser wichtigster Einfluss ist der Oldschool-Sound alter jamaikanischer Aufnahmen“. Knapp, aber präzise. „Old-School-Dub“ trifft die Sache ganz gut: Dubs, die fast live gespielt klingen, voller Atmosphäre, mit virtuosen Percussions und richtig schönen Basslines. Und natürlich mit Tubby-mäßigen Mixen und extra-sauberem Sound.

Dub Evolution, Juni 2010

Und da sind sie wieder. Nach 14 Jahren Stille, gab‘s vor acht Monaten mit „Sonn und Mond“ das definitiv spannendste Dub-Album des Jahres zu hören. Und nun folgt mit „We So Horny“ schon ein weiteres Werk von Hey-O-Hansen! Was ist in die beiden Tiroler und Wahl-Berliner gefahren? Sind Michael Wolf und Helmut Erler von der Muse geküsst worden? Wenn man den kreativen Gehalt ihrer Alben zu Grunde legt, dann muss diese Frage zwingend bejaht werden. Etwas so Ungewöhnliches, Schräges und doch absolut Stimmiges ist mir ist schon seit langer Zeit nicht mehr untergekommen. Keine Sorge, wir haben es hier nicht mit verkopften Studio-Experimenten zu tun, sondern mit, wenn auch merkwürdig verschroben, so doch ganz wunderbar groovenden Dubs. Es sind Dubs, die mit Nachdruck zeigen, welch enorme kreative Spielräume das Genre bietet, und wie diese überzeugend genutzt werden können. Anders als „We So Horny“ war der Vorgänger „Sonn und Mond“ das Destillat aus 14 Jahren Dub-Forschungsarbeit und hinsichtlich des Ideenreichtums kaum zu überbieten. „We So Horny“ enthält hingegen gänzlich neues Material und opfert zwangsläufig die Vielfältigkeit des Vorgängers einer größeren stilistischen Geschlossenheit. Während „Sonn und Mond“ mit jedem Track eine andere Überraschung bot, ermöglicht es „We So Horny“, sich in den merkwürdigen (angeblich von Tiroler Volksmusik und ihrem eigenwilligen Offbeat beeinflussten) Dub-Sound der beiden Studio-Frickler einzuhören. Und was macht den Sound so eigenwillig? Gar nicht so einfach zu sagen. Vielleicht lässt es sich mit dem Begriff der „Künstlerischen Widerborstigkeit“ am besten beschreiben. Hier klingt nichts „glatt“ oder konventionell. Im Gegenteil. Die Frage lautet: Wie viel Dub-Konvention darf man über Bord werfen, ohne dass die Musik aufhört Dub zu sein? Hey-O-Hansens Antwort lautet: alles außer Echo, Bass und Offbeat. Und das Erste, was hier über Bord geht, ist das klassische Instrumentierungsschema. Deshalb hören sich die Hey-O-Hansen-Dubs zunächst falsch gespielt an, nur um im nächsten Moment folgerichtig und zwingend zu klingen. Allein schon der massive Einsatz von Blasinstrumenten ist außergewöhnlich. Hinzu kommt eine eigenwillige Mischung aus elektronischen Sounds (à la Basic Channel) und handgespielten, akustischen Instrumenten sowie eine simple, aber doch irgendwie vertrackte Polyrhythmik. Wirklich beschreiben lässt sich Hey-O-Hansens Musik nicht. Nur eines lässt sich ganz klar sagen: Sie ist großartig.

Machen wir direkt weiter mit schräger Dub-Mucke: „Japanese Dub“ (30 Hertz) von Jah Wobble & The Nippon Dub Ensemble. Das letzte, was ich von Mr. Wobble gehört habe, war sein „Chinese-Dub“-Album „Mu“ von 2005. Mit „Japanese Dub“ knüpft er nahtlos an, wo er mit „Mu“ aufgehört hat. Er ist lediglich ein kleines Stückchen weiter gen Osten gezogen. Statt des chinesische Zeichens „Mu“ prangt nun das japanische „Ma“ auf dem Cover. Die Bedeutung ist die selbe: Leere, Abwesenheit – ein in der Zen-Meditation wesentlicher Begriff – und da Dub per se meditative Qualität hat, ist er natürlich prädestiniert für Jah Wobbles esoterische Exkursionen. Diesmal führt sie uns zu ritueller Shinto-Musik, Taiko-Trommeln und Shamisen-Klängen. Die Basis aller Stücke des Albums ist stets Wobbles grollender Bass und nicht selten auch von ihm programmierte Beats (natürlich auf japanischem Equipment). Das funktioniert gar nicht schlecht, zumal Wobble sich des öfteren auf Reggae-Beats stützt. Richtig abgefahren ist der traditionelle japanische Gesang. Wer hier nicht open minded ist, der dürfte einen Schock davon tragen. Dabei ist das intonierte Lied („Kokiriko“ – angeblich das älteste Lied Japans) eigentlich sehr schön und hat eine – selbst für westliche Ohren – unglaublich eingängige Melodie. Jah Wobble war so besessen von diesem Lied, dass er es gleich vierfach, gewissermaßen als Version Excursion, aufs Album gepackt hat. Außer diesem Lied, gibt es aber noch andere nette Dinge zu entdecken: Pentatonische und chromatische Tonleitern, Kabuki-Gesang und dröhnende Trommeln zum Beispiel. Jah Wobble schont seine Zuhörer nicht – aber genau das bietet ja die Chance auf neue Entdeckungen. Und dafür danken wir Mr. Wobble-bass.

Letztes Jahr erschien das Debutalbum von Dubkasm, „Transform I“ (Sufferah‘s Choice), ein dunkles, geheimnisvolles Dub-Roots Werk mit Gastvokalisten wie African Simba, Dub Judah und, interessanter Weise, auch brasilianischen Sängern jenseits der Reggae-Szene. Nun liegt mit „Transformed in Dub“ (Sufferah‘s Choice) die Dub-Version des Albums vor. Diese ist noch dunkler, noch intensiver, noch schwerer und – nach meinem Gefühl – auch noch interessanter geworden, denn hier gilt alle Aufmerksamkeit der Musik, dem Sound, den Finessen des Mixes. Hinter Dubkasm stecken zwei Jungs aus Bristol, Digidub und DJ Stryda, die sich schon seit Kindestagen (nach dem Besuch einer Show von Jah Shaka) ganz dem „orthodoxen“ Roots-Dub verschrieben haben. Daher darf man von den beiden keine neuen Dub-Erkenntnisse erwarten, sondern eher die liebevolle Pflege der guten, alten Dub-Tradition. Wie sehr sich die beiden Bristol-Dubber über ihr neues, analoges Mischpult freuen, lässt sich auf dubcasm.com in einem netten, kleinen Filmportrait sehen.

Ok, Dreadzone. Bei diesem Namen erwachen in mir Erinnerungen an die frühen 90er Jahre, Erinnerungen an ein riesengroßes Aha-Erlebnis, als ich auf dem Dreadzone-Album „360 Degrees“ zum ersten Mal das Crossover von Leftfield und Roots-Dub hörte. In der Folge erschienen von Dreadzone weitere sagenhafte Alben, die nicht nur die nächst höhere Evolutionsstufe von Dub präsentierten, sondern auf denen auch grandiose Songs und wahnsinnig eingängige Melodien erklangen. Daher muss ich wohl kaum erwähnen, dass ich die neue CD „Eye On The Horizon“ (Dubwiser Records/Soulfood) mit zitternden Fingern auspackte. Was dann kam, lässt sich vielleicht als eine Folge von Verwirrung, Enttäuschung und schlussendlich Gefallen beschreiben. Fest steht, dass das neue Album die gigantische Erwartungshaltung nicht einlösen kann. Es schließt zwar – vor allem was Songmelodien und Arrangements betrifft – an „Second Light“ oder „Biological Radio“ an, schafft es aber nicht auf das Niveau dieser Alben. Während diese auf virtuose Weise Techno/Dance, Leftfield und Pop unter der Vorherrschaft von Dub vereinten, steuert „Eyes On The Horizon“ ganz klar durch Pop- und nicht selten sogar durch Rock-Gewässer. Auch wenn der Titel „Eyes On The Horizon“ anderes vermuten lässt, haben sich Greg Dread & Co seit den vorgenannten Alben aus den 90er Jahren, aber auch seit dem 2005 erschienenen „Once Upon A Time“, nicht wirklich weiterentwickelt. Es ist zwar böse, so etwas zu schreiben, aber ich habe das Gefühl, dass Dreadzone bei ihrem neuen Album ein wenig zu sehr in Richtung Chart-Erfolg geschielt haben. Sicherlich ist diese Kritik ein Klagen auf hohem Niveau. Unzählige Dub-Producer würden dem Himmel danken, wenn sie nur annähernd ein Album in der Qualität von „Eye On The Horizon“ fabrizieren könnten. Denn: lässt man alle Erwartungshaltungen und Vorurteile über Pop und Rock hinter sich, so wird plötzlich offensichtlich: Das neue Dreadzone-Werk ist gut. Und woran merkt man es? Schlicht und einfach daran, dass man es immer wieder auflegt und Spaß hat, es anzuhören.

Nachdem wir nun schon einige Male das „absolut letzte Volume“ der King Size Dub-Serie hinter uns haben und letztes Jahr mit „Vol. 69“ ein Sampler „außerhalb der Reihe“ ins Haus flatterte, gibt es nun: „King Size Dub Chapter 13“ (Echo Beach) – und, das ist das Schöne an Traditionen, wieder mit einem Ruts DC-Remix. Aber – jetzt mal ganz im Ernst –, ich bin froh, dass Echo Beach die legendäre Serie fortführt, denn die Sampler (Vol. 1 erschien 1995!) bieten stets eine höchst geschmackssichere Auswahl aktueller Produktionen. So auch Chapter 13, wo uns diesmal, neben einer Menge hauseigener Artists wie Noiseshaper, Up, Bustle & Out, DubXanne, Dub Spencer & Trance Hill oder Dubblestandart, auch Tracks von Dreadzone, The Vision, Aldubb oder Herbst in Peking zu gehör gebracht werden. Eine hervorragende Selection – Echo Beach weiß eben, wo der Bass spielt.

Dub Evolution, April 2010

Hinter dem schönen Namen Jahtari verbirgt sich ein kleines Label aus Leipzig, das vor einigen Jahren als Experiment gestartet ist und sich zunächst – wie der Name vermuten lässt – dem 8Bit-Sound früher Computer wie Atari und dem C64 mit seinem berühmten dreistimmigen SID-Soundchip verschrieben hatte. Das Experiment bestand darin, eine so beseelte Musik wie Reggae mit Hilfe von mathematischen Algorithmen zu spielen. Ein Experiment übrigens, das King Jammy und Steely & Cleevie bereits Mitte der 1980er Jahre gelungen war. Doch während Jammys „Computerized Reggae“ aufgrund des Unvermögens damaliger Computertechnik retortenmäßig „digital“ klang und dieses Stadium mit der Verfügbarkeit besserer Soundchips alsbald überwunden wurde, ist für Jan Gleichmar, dem Gründer und Chef von Jahtari, genau dieser Sound das Ziel allen Strebens. Er hat ihm das Jahtari-Label auf den Leib geschneidert und sammelt hier seine eigenen Produktionen wie auch die Gleichgesinnter Laptop-Frickler. Die „Jahtarian Dubbers“-Alben, dessen zweites Kapitel jetzt ganz frisch vorliegt, sind so etwas wie die Manifeste dieses Sounds. „Jahtarian Dubbers, Vol. 2“ (jahtari.org/) präsentiert uns nun 13 Tracks vollsynthetischen „Digital Laptop Reggaes“, durch etliche Software-Echo-Chambers gejagt und mit Space-Invaders-Sounds angereichert. Manche Stücke bieten zudem grundsolide Vocals wie z. B. „Puff That Weed“, auf dessen pluckernden Bit-Folgen die virtuose Soom T reitet wie auf einem rasenden Bobby-Car. Vor dem geistigen Auge sieht man billige Netbooks heißlaufen und China-iPhone-Clones vibrieren. Und genau hier liegt der Reiz dieser schrägen Musik: Das (absichtlich) primitive Instrumentarium sondert richtig echte, wirkliche und wahrhaftige Reggae-Tunes ab. Fetter Bass, steifer Offbeat, solide Drums und groovender Beat. Der ganze Klangkosmos „Reggae“ schrumpft hier auf seine minimalen, konstruktiven Elemente – und klingt dabei auch noch richtig gut. Super Mario trifft auf Basic Channel, reggaewise. Nur ein interessantes Experiment, oder gelungene Musik, die auch ohne mitgelieferte Theorie bestehen kann? Die Antwort lautet: 42!

Dub-Reworkings bekannter Pop-Songs sind offensichtlich en vogue. Easy Star Records hat sich bereits Pink Floyd, die Beatles und Radiohead vorgenommen, Echo Beach unterzog The Police einer eingehenden Verdubbung und nun trifft es mit „Shatter The Hotel“ auch den ehemaligen Clash-Sänger Joe Strummer. Ausgelöst wurde diese Welle von „Dub Side Of The Moon“, einem Album, das seit 2003 unglaubliche 90.000 mal verkauft wurde. Je bescheuerter das Konzept, desto erfolgreicher, scheint es. Und da Konzepte dieser Art leicht zu erdenken sind, versucht jeder mal sein Glück. Dies ungefähr waren meine Gedanken, als ich „Shatter The Hotel“ (www.strummerville.com) in die Finger bekam. Fast schon widerwillig hörte ich rein. OK, das war passabel. Nach dem zweiten Hören war es dann schon ganz in Ordnung. Beim dritten Hören ertappte ich mich dann schon beim Mitsingen. Mittlerweile – muss ich zugeben – bin ich ganz angetan von Joe Strummers posthumem Dub-Tribute. Das große Plus des Albums ist schlicht und ergreifend die solide Songbasis. Richtige Ohrwürmer sind das! Umgesetzt in saubere, funktionale und unaufgeregte Dub-Versions kann man nichts dagegen sagen. Angetrieben durch die eingängigen Melodien und häufigere Gesangsbegleitung ist hier so etwas wie guter Pop-Dub-Reggae entstanden. Anders als bei den oben genannten Alben, wurden die Stücke auf „Shatter The Hotel“ nicht alle von einer Band eingespielt, sondern von bekannten wie unbekannten Produzenten der internationalen Reggae-Szene beigesteuert.  So macht der unfehlbare Dubmatix aus Kanada mit „London Calling“ den Anfang, wird dann von Dub Antenna, den Creation Rockers und den Dub Cats sowie einer Reihe weiterer unbekannter Produzenten/Bands gefolgt. Sound und Style gleichen sich aber so sehr, dass sich alles zu einem homogenen Album verbindet – um es positiv auszudrücken. Die Verkaufserlöse gehen übrigens an die Joe Strummer-Stiftung, die junge Musiker fördert.

Anfang des neuen Jahrtausends veröffentlichten Mafia und Fluxy eine Albenserie unter dem Titel „Reggae Heights“, in der sie alte Vocals auf von ihnen neu eingespielte Backings kopierten. Ein Album der Serie war Barry Browns Oeuvre gewidmet und präsentierte sieben Dubs als Bonus-Material. Wem das zu wenig war, der hat jetzt die Möglichkeit mit dem Album „Barry Brown In Dub“, das nur als digitaler Release erhältlich ist, weitere sechs Dubs zu erwerben. Und da die beiden britischen Rhythm-Brothers wirklich grundsolide Instrumental- und Mixarbeit geleistet haben, ist diese Anschaffung wärmstens zu empfehlen. Und wer dann noch mehr Dub-Stoff braucht, der kann mit „Dub Anthems“ gleich zur vollen Dröhnung greifen. Hier bieten Mafia & Fluxy gleich 15 ihrer besten Dubs aus jener Zeit. Fette, fette, fette Tracks, deren massive Basslines die Teller vom Tisch vibrieren. Einen Innovationspreis gibt es zwar nicht aber die Dub-Handwerkskammer vergibt eine Auszeichnung für herausragende Verarbeitungsqualität (gesponsert von der Porzellanindustrie). Hier wird so mancher alte, gut bekannte und lieb gewonnene Riddim zu Gehör gebracht („Anthems“ halt) wie z. B. „King Tubby Meets Rockers Uptown“, Marleys „Forever Loving Jah“, „Open The Gate“, „Warriors Charge“ und natürlich „Realrock“.

Bevor unsere vergnügliche Dub-Stunde zu Ende geht, werfen wir noch einen Blick in die Revival-Selection und finden hier wieder einmal ein ultra-rares Album, das (wie sollte es anders sein) das Pressure Sounds Label für uns ausgegraben hat: „Prince Jammy Presents Strictly Dub“ (www.pressure.co.uk). Aufgenommen in den späteren 1970er Jahren und Anfang der 1980er in Kleinstauflage in New York erschienen, bietet es uns einen Einblick in Jammys Frühwerk, das noch an Tubbys Mischpult in der Dromilly Avenue entstanden ist. Produziert, arrangiert, gemixt und geremixt wurde es vom Prince himself, eingespielt von Jamaikas Cream der Session-Musiker jener Zeit: Sly & Robbie, Ansel Collins, Gladstone Anderson, Bobby Ellis, Deadly Hedley, Sticky Thompson (u. a.). Eine illustre Combo, die hier schöne Versionen klassischer Rhythms wie etwa „Baba Boom“, Ali Baba“ oder „Shenk I Sheck“ zum Besten geben. Interessant sind die Titel der Stücke: „Brookly Dub“, „Bronx Fashion Dub“, „Immigrant Dub“ oder „42nd Street Dub“. Marketing jamaica-wise, denn die Veröffentlichung des Album war schließlich für New York vorgesehen. Und wie hört es sich an? Gut! Nicht spektakulär, aber sehr schön. Dank der Klassiker stimmt die Basis und Dank der brillanten Musiker stimmt auch die Umsetzung. Locker, uptempo gespielt, luftiger Klang, volle Arrangements mit sehr, sehr schöner Percussion. Jammys Mix ist nett und angemessen. Richtig spannend wird es dann bei den beiden Bonus-Tracks, die aus einer – laut Presseinfo – „etwas späteren Periode“ stammen. Sie klingen geradezu experimentell im Vergleich zum Rest. Heftigerer Sound, ordentlich Druck und ein charmanter Distortions-Effekt, der zwischen die Beats fährt. Da hat Jammy in kurzer Zeit offenbar viel dazu gelernt.

Dub Evolution November 2009

„Filz“. Welche Konnotationen begleiten dieses Wort? Wärme, Behaglichkeit, gedämpfter Schall, Weichheit? „Felt“ (Dubmission), das ist der Titel des neuen Dub-Albums von International Observer (hinter dem sich der britische Producer Tom Baily verbirgt, der in den 1980er-Jahren die Pop-Band „The Thomson Twins“ leitete). Die darauf zu hörende Musik ist die Klang gewordene Assoziation des Titels; wunderschöne, melodiöse, warme, behagliche Dub-“Songs“. „Songs“ deshalb, weil die Dubs sich wie vollwertige Songs „anfühlen“, ohne dass tatsächlich Gesang zu hören wäre. Es sind kunstvolle Kompositionen, in denen jeder Ton, jeder Beat sorgfältig abgewogen und austariert zu sein scheint. Alles fließt, blubbert, rollt – unendlich relaxed und doch höchst spannungsvoll. „Relaxed“ nicht „seicht“!: Die mit Filz ausgestopften Bässe wummern kraftvoll im 44-Herz-Keller und die Sogwirkung der synkopierten Beats saugt Ohren, Kopf und Bauch unaufhaltsam durch den Viervierteltakt. Es sind eingestreute Melodica-Melodien, Klänge einer akustischen Gitarre, kontrapunktisch laufende Percussions, Akkordeon-Harmonien oder die vielen anderen, sparsam aber effektvoll eingesetzten melodiösen Zutaten, welche die Musik so entspannt wirken lassen. Tom Baily versteht Dub nicht nur als Sound, sondern als komplexes musikalisches Gebilde, das mit Bauch und Kopf zugleich wahrgenommen werden will. Es ist ein Beispiel für die Kunst, Komplexität leicht und einfach erscheinen zu lassen. Alles ist evident, selbstverständlich, klar und folgerichtig – mit einem Wort: perfekt!

Die Evolution geht weiter – und zwar mit der natürlichen Auslese: „Evolution of Dub, Volume 4, Natural Selection“ (Greensleeves). Nachdem Greensleeves die Reihe mit der Joe Gibbs-Produktion „Dub Serial“ von 1971 eröffnete, steht nun die vierte CD-Box ganz im Zeichen des visionären Produzenten und seines genialen Toningenieurs Errol Thompson.

Die Auslese beginnt im Jahr 1976 mit dem Album „Joe Gibbs & The Professionals: State Of Emergency“ das uns 10 sehr angenehmen Dubs im locker gespielten„Rockers-Style“ präsentiert. Garniert mit schönen Bläser-Melodien –, was die Tracks eher nach Instrumentals denn nach Dub klingen lässt. Zitiert werden hier vor allem klassische Riddims wie John Holt‘s „Up Park Camp“, Jackie Mittoo‘s „Our Thing“ oder „Heavenless“. Jede Melodie eignet sich sich mitsummen und der militante Rockers-Drumstyle lässt die Musik fliegen – ich muss zugeben, dass ich sehr auf den Sound dieser Zeit stehe. Nach den eher trockenen Bunny Lee-Produktionen, bekommt der Reggae nun einen gewissen Swing und die Rhythmen fangen wieder an zu rollen – worauf sich vor allem die „Mighty Two“ (Gibbs & Thompson) prächtig verstanden. Übrigens: Das Cover, auf dem jamaikanische Sicherheitskräfte drei vermeintliche Delinquenten durchsuchen, wurde angeblich 1977 von The Clash für das Album „White Riot“ zitiert.

Album zwei der Box – „Majestic Dub“ von 1979 – stand stets im Schatten von Gibbs berühmter „African Dub“-Serie. Zu unrecht, wie sich hier zeigt, denn das Album enthält einige wirklich bemerkenswerte Stücke. Es unterscheidet sich sehr von „State Of Emergency“, ist ein echtes Dub-Werk mit abgespeckter Produktion und klassischem Dub-Mix. Doch Joe Gibbs gelang es wie stets, seine Tracks so zu arrangieren, dass sie nicht zu leer, zu minimalistisch klangen. Das lag nicht zuletzt daran, dass er sich nicht scheute, moderne (und ungewöhnliche) Synthie-Sounds einzufügen, während Thompson, der begnadete Dub-Mixer, seine Vorliebe für Samples auslebte. Letzterer zeichnet wohl auch für das gänzlich unpassende, aber in seiner elektronischen Fremdartigkeit auch wiederum typische Intro-Sample von Donna Summers „I Feel Love“ verantwortlich. Natürlich kommen auch hier wieder reihenweise bekannte Riddims und Sly Dunbars leichtfüßiger Drum-Style zum Einsatz – doch wer hätte etwas dagegen?

Ein weiter Sprung ins Jahr 1984 führt zum Unvermeidlichen, nämlich der „African Dub“-Serie, von der uns hier das eher unbekanntere, fünfte Kapitel zu Gehör gebracht wird. Lange nach den vorangegangenen vier Kapiteln der Serie veröffentlicht, erreichte es den Markt, als Dub in Jamaika bereits auf dem Sterbebett lag. Der Sound hatte sich stark verändert: statt „Rockers“ war nun „Dancehall“ der prägende Stil. Entsprechend langsam, schwer und bassorientiert waren die Stücke. Wir steigen direkt mit „Full Up“ ein, begegnen kurz darauf „Heavenless“, „Taxi“ und weiteren Classics. Schöne Melodien, satter Sound, gute Mixes – meiner Meinung nach das Beste Dub-Set der Box.

Doch Album vier harrt noch der Begutachtung: „Syncopation“ von Sly & Robbie und natürlich produziert von Mr. Gibbs. Es beschließ die Box, obwohl es aus dem Jahr 1982 stammt, also zwei Jahre vor „African Dub Chapter 5“ entstanden ist. Als Freund alter Sly & Robbie-Aufnahmen legte ich es vor den anderen dreien in den CD-Player – doch es enttäuschte mich! Zum einen, weil der Bass von Robbie kaum zu hören ist – unglaublich! Zum anderen, weil die Rhythm-Twins ihrem manchmal nicht ganz stilsicheren Faible für Pop-Songs freien Lauf ließen. So kommen wir z. B. in den Genuss des Beatles-Klassikers „Ticket To Ride“ (garniert mit einem grenzwertigen Rockgitarren-Solo) oder Leo Sayers „More Than I Can Say“. Dazwischen gibt es dann aber doch auch „ordentliches“ Material: auf „Space Invaders“ und „Laser Eyes“ hören wir Slys für diese Zeit typischen Syndrum-Shuffle-Rhythmus.
Wie gewohnt finden sich im Booklet der Box ausführliche Linernotes, die im ersten Teil die Evolutionsgeschichte des Dub fortschreiben und im zweiten Teil die Historie von Joe Gibbs minutiös referieren.

The Return of Dub Spencer und Trance Hill! Zwei Jahre wurde am neuen Album geschraubt, jetzt ist es fertig: „Riding Strange Horses“ (Echo Beach). Das vermeintlich italienische Duo, das aber tatsächlich ein Züricher Trio (rund um den Bassisten Marcel Stadler) war und nun zu einem Quartett angewachsen ist, nimmt den Titel offensichtlich wörtlich und präsentiert uns vornehmlich Cover-Versionen von Songs unterschiedlicher Genres. Wie bei Echo Beach guter Brauch, gibt es natürlich Versionen von The Ruts und Martha & The Muffins. Darüber hinaus hören wir (in diesem Kontext) wirkliche „strange horses“, die hier geritten werden, wie z. B. Metallica, Deep Purple oder Grauzone. Dazu gesellen sich gelegentlich kurze Vocal-Passagen von Lee Perry, Robin Scott, W. S. Burroughs, The Catch u. a. Das macht klar, dass wir es hier mit einem großen Rock-Remix zu tun haben, mit einer Echo-Chamber also, die aus Rock-Klassikern Reggae-Dubs macht. Faszinierend ist dabei, dass die Schweizer Jungs dazu das selbe Instrumentarium einsetzen wie die Rock-Größen in den Originalen. Und genau das ist der USP von Dub Spencer und Trance Hill: Sie spielen eigentlich Rock mit einem Reggae-Offbeat – was sie akustisch übrigens stark in die Nähe des New Yorker „Dub Trio“ bringt. Groove, Timing und One Drop stimmen, doch es sind Sound und Arrangements, die hier ihre Referenz zum Rock nicht leugnen können. Mich würde es nicht wundern, wenn alle Dub-Effekte zudem live gespielt wären, so dass die Musik genau das vermeidet, was Dub eigentlich ausmacht, nämlich die kreative Bearbeitung am Mischpult. Das Ergebnis ist jedenfalls eigenwillig und faszinierend – sofern man keine Probleme mit Hooklines wie „Smoke On The Water“ hat.

Finn the Giant ist ein Dub-Produzent aus Malmö, Schweden, der vor vier Jahren das „Heavyweight Roots Dub Reggae“-Netlabel „Giant Sounds“ gegründet hat (giantsounds.com). Nun ist die Zeit reif für die erste echte, physikalische CD-Veröffentlichung: „Dub Pon Top“ (Import). 14 Dubs hat der Gigant hier versammelt: Kraftvolle Steppers-Beats, deren digitale Herkunft unüberhörbar ist. Gelegentlich gibt es Melodica-Einsprengsel oder angerissene Synthie-Melodien, doch das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Grundrhythmen, die in stoischem, meditativem Takt voranschreiten.  Dabei ist es Finn durchaus gelungen, den Beat zu variieren und melodiöse und abwechslungsreiche Riddims zu bauen. Doch so inspiriert die Riddims auch sind, der Sound ist es leider nicht. Zwar sind die Tracks dynamisch abgemischt, so dass der Groove stimmt. Aber Finn gelingt es nicht, seinen synthetisch und irgendwie „eng“ klingenden Studiosound zu eliminieren. Seine Dubs könnten viel mehr Luft und Weite vertragen. Hoffen wir, dass die Erlöse von „Dub Pon Top“ für ein neues Mischpult reichen werden …

Nach den melodiösen Reggae-Basslines gibt es nun – zum Freiblasen der Ohren – eine Exkursion in die technoid wummernden Bass-Sphären des Dubstep. Mit „Steppas‘ Delight 2“ (Souljazz) liegt eine weitere wichtige Bestandsaufnahme der Szene vor. 26 Bass-gefüllte Tracks werden uns hier regelrecht um die Ohren gehauen und in die Magengrube gerammt. Bereits Track 1, „Grime Baby“ von Gemmy, macht klar, wohin die Reise gehen wird: In ein wütendes Bass-Inferno. Wer diesen Tune zu laut aufdreht, darf hinterher die Fetzen der Subwoofer-Membran vom Boden aufsammeln. Minimal aber gewaltig. Im Verlauf des Doppel-CD-Samplers begegnen wir auch weniger radikalen Statements sowie manchem angenehmen Garage-House-Groove, und werden ganz nebenbei feststellen, dass Dubstep sich inzwischen stärker differenziert hat und über ein größeres stilistisches Spektrum verfügt. Was sich übrigens auch an neuen Namen in der Szene ablesen lässt. So finden sich hier neben Benga und Appleblim kaum „Veteranen“. Doch das junge Gemüse macht einen guten Job und wir dürfen der Zukunft des Genres hoffnungsvoll entgegen sehen.

Ein weiterer, interessanter Dubstep-Release ist „Studio Rockers At The Controls“ (Studio Rockers). Auf diesem Sampler gibt es einige Reminiszenzen an Reggae wie z. B. Samples, Bläsermelodien oder ganze Reggae-Vocals. Die 23 Tracks sind von Tony Thorpe ineinander gemixt und stammen weitgehend aus dem Archiv des Studio-Rockers-Labels. Ich kann mich nicht erinnern, den Namen Tony Thorpe je gehört zu haben, angeblich ist er aber für seine Dub-Produktionen bekannt und hat sowohl Massive Attacks „Meltdown-Festival“ geleitet, als auch Remixes für Amy Whitehouse, Erykah Badu und Lee Perry geliefert. Wie dem auch sei – sein Parforce-Ritt durch die Welt des Dubstep zeugt von gutem Gespür für Bass & Beats. Wer eine erste, vage Exkursion in das neue Genre unternehmen will, der kann hier starten.