Ich habe ein neues Naturgesetz entdeckt! Ich bin sehr stolz auf diese Entdeckung und ich publiziere sie hier zum ersten Mal. Also: immer, wenn man den hiesigen Worldmusic-Sender anschaltet, folgt spätestens nach dem dritten Lied ein Reggae-Stück. Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine echte Reggae-Produktion handeln. Es kann auch z. B. ein Cumbia-Digital-Track mit deutlichem Reggae-Offbeat sein, oder ein Nouvelle Chanson mit Reggae-Backing. Dieses Gesetzt bestätigt sich nun kontinuierlich seit ca. fünf Jahren. Was lässt sich daraus ableiten? Ganz einfach: Die Worldmusic-Szene ist vom Reggae-Rhythmus durchsetzt. Egal, aus welchem Winkel der Welt ein Stück kommt, ein Reggae-Beat passt immer dazu. Die Nähe von Reggae zu Bhangra haben Sly & Robbie schon vor fast zwanzig Jahren bewiesen, dass Balkan-Beats und Reggae perfekt zusammen passen, hört jedes Kind, und dass Tecno Brega oder Cumbia Digital Reggae mit anderen Mitteln sind, liegt auf der Hand. Daher ist es nur konsequent, dass die rumänische Gypsy-Band Mahala Rai Banda den Remix ihrer letzten Single „Balkan Reggae“ in die Hände von Reggae-Dub-Koryphäen gelegt hat und ganz stilecht in den gleichnamigen One-Riddim-Dub-Sampler „Balkan Reggae“ (Asphalt Tango) verwandeln ließ. So bekamen u.a. Nick Manasseh, Mad Professor, Vibronics oder gar Kanka die Gelegenheit, Balkan-Funk in wuchtige, instrumentale Reggae-Dub-Tunes zu verwandeln. Das kann nix werden? Völlig falsch! Auch wenn single-minded Reggae-Puristen die Nase rümpfen, ich liebe das Album, gerade weil es Konventionen über den Haufen wirft und unverschämt postmodern zwei musikalische Welten miteinander vermischt. Das Ergebnis ist jedenfalls echter Reggae, mit hervorragenden Balkan-Bläsersätzen, einer coolen Bassline und wirklich schönen Melodien. So habe ich Dub noch nie gehört – aber ich will unbedingt mehr davon.
Dub Poetry ist ein paradoxer Hybrid aus zwei gegensätzlichen Bestandteilen. Erstens Dub: Eine Instrumentalmusik, welche die Aufmerksamkeit der Zuhörer ganz auf Rhythmus und Sound konzentriert. Zweitens Poetry: Gesprochene Gedichte, eine anspruchsvolle Textform also, die vom Zuhörer höchste Aufmerksamkeit fordert. Dub und Poetry – eigentlich können die beiden Konkurrenten um das Ohr der Zuhörer nicht zusammen passen. Und da wäre noch ein Problem: Dub ist ebenfalls anspruchsvoll, und nicht zuletzt deshalb very special interest. Gleiches gilt für Poesie. Auch sie ist kein Bestseller. Minus und minus ergibt in diesem Fall nicht plus, sondern minus zwei, was – poetisch gesprochen – die perfekte Erklärung für die beinahe Nichtexistenz des Genres Dub Poetry ist. Umso erstaunlicher, dass nun, gefühlte 200 Jahre nach dem Wirken eines Linton Kwesi Johnson und 300 Jahre nach dem eines Mutabaruka, tatsächlich, wahrhaftig und wirklich ein neues Dub-Poetry-Album erscheint: „Share the Flame“ (Universal Egg) von Jazzmin Tutum. Es klingt ganz so, als würde die in Japan als Kind einer jamaikanischen Mutter und eines gabunesischen Vaters geborene, in Jamaika aufgewachsene und nun in Freiburg lebende Poetin ein Genre, das trotz (oder gerade wegen) seiner impliziten Widersprüche so faszinierend ist, im Alleingang reanimieren. Na gut, „Alleingang“ stimmt nicht ganz, denn sie hat sich, mit überaus sicherer Hand, die exakt richtigen Partner für ihr Projekt ausgewählt: Neil Perch (auch ausführender Produzent), Ralf Freudenberger (Jazzmins langjähriger, musikalischer Kollaborateur), Madtone, Brain Damage und – kongenialer geht es nicht – Hey-O-Hansen! Fünf unterschiedliche Styles – zusammen gehalten von Jazzmins eindringlicher Sprechstimme und ihren cleveren, engagierten, manchmal rätselhaften aber stets assoziationsstarken Lyrics. Wie zur Bestätigung meiner oben erwähnten These, dass Dub und Poetry um die Aufmerksamkeit der Zuhörer konkurrieren, trägt dabei mal der Dub und mal die Poetry den Sieg davon. Bei den drei Hey-O-Hansen-Stücken – die definitiv meine Favoriten sind – ist es der Dub: der schräge Tirol-Dub-Sound der beiden Exil-Österreicher ist so eigenwillig, dass Jazzmins Stimme sich zwangsläufig ins Gesamtkunstwerk einfügen muss. Das von ihr in steter Wiederholung rezitierte deutsche Volkslied „Hejo, spann den Wagen an“ wird so zu einem teils surrealen, teils magisch-mystischen, auf jeden Fall aber grandios einzigartigen Hörerlebnis. Bei den anderen Produktionen müssen die Dubs der charismatischen Poetin den Vortritt lassen. Z. B. bei dem beeindruckenden, von Madtone & Neil Perch aufgenommenen, „Dis Ya Time“ – einer sehr viel einfacheren aber musikalisch wie textlich äußerst faszinierenden Produktion, der eine eigentümlich fatalistisch-aggressive Stimmung innewohnt. Auch Braind Damages orientalisch anmutender Titel „New World Order“ mit einer, für Jazzmins Verhältnisse, geradezu explizit und im Klartext formulierten, politischen Anklage, zählt zu meinen Lieblingsstücken des Albums. Selbst Jazzmins Rezitationen ohne Musikbegleitung sind, dank ihrer eindringlichen Intonation, faszinierend und spannend. Wer Lust verspürt, sich mal wieder so richtig in ein Album zu vertiefen, jeder Note und jedem Wort genau zuzuhören, wird mit „Share the Flame“ reich beschenkt.
Ich hatte schon befürchtet, dass Jesse King, der Mr. Dubmatix, uns in Richtung Mainstream verlassen würde. Nach dem etwas lieblichen „System Shakedown“ und den Club-orientierten Remixen auf „Clash of the Titans“ lag diese Vermutung nicht so fern. Aber nein! Das Gegenteil ist der Fall. Sein neues Album „Rebel Massive“ (Echo Beach), das am 19. April erscheinen wird, ist genau so, wie wir Dubheads es uns wünschen: kompromisslos, pur, ehrlich, solide und vor allem: rebellisch und massiv. Dubmatix bleibt seinem kraftvollen Sound nicht nur treu, sondern legt sogar noch eine Schippe drauf. Statt Dancehall-Spaß und Lovers-Gemütlichkeit, scheint Dubmatix – in bester Rebellen-Manier – den Globus mittels wuchtiger Bass-Wellen kräftig in den Hintern treten zu wollen (wo genau der ist, darf jeder für sich selbst bestimmen). Die Musik hat etwas ausgesprochen Militantes an sich – auch wenn Tenor Fly vom Showdown in der Dancehall toastet, so bleibt kein Zweifel daran, dass Dubmatix mit seinem heftigen Beat an einen ganz anderen Showdown denkt. Horace Andy hingegen scheint den tonnenschweren Rhythm seines Songs intuitiv richtig verstanden zu haben, wenn er eindringlich vom Weltuntergang singt. Es ist unüberhörbar: „Rebel Massiv“ ist kein „schönes“ – es ist vielmehr ein im wahrsten Sinne des Wortes „erschütterndes“ Album.
Dubmatix spielt virtuos mit dem Steppers-Sound, ohne in die abgenutzten Klischees dieses Genres zu verfallen. Er beherrscht es virtuos, Rhythms zu bauen, die sowohl konzentriert und auf den Punkt, als auch reich und voller Details sind. Atemberaubend ist dabei immer wieder die unbändige Kraft der Dubmatixschen Beats. Das Timing seiner Tracks ist so perfekt, dass die Wirkmacht jedes einzelnen Instrumentes sich in absoluter Synchronität zu den anderen entlädt. Der aufrechte, hochdynamische Dubmatix-Groove ist schlicht einzigartig. Und das erklärt auch, warum seine Alben trotz aller beteiligten Sänger sehr gut in der Schublade des Dub aufgehoben sind. Denn anders als bei „normalen“ Songs, bei denen Musik die Funktion eines „Backings“ erfüllt, geht es bei Dubmatix immer zuerst um die Musik. Stimme bzw. Gesang sind hier lediglich gleichrangiges Instrument – wozu auch der Mix, der den Gesang niemals in den Vordergrund stellt, beiträgt.
In der zweiten Hälfte des Albums wird der Dubmeister aus Toronto allerdings etwas versöhnlicher, die Beats klingen etwas weicher und Vokalisten wie Manchez, U-Roy und Cornell Campbell kommen ausführlicher zu Wort. Statt elf Tracks lang Prügel einzustecken, darf der Zuhörer auf den letzten Metern wieder zur Besinnung kommen, auf dem Luciano-Track „Seeds Of Love“ den Klängen einer lieblichen Flöte lauschen und etwas Hoffnung schöpfen. Wenn, ja, wenn da nicht noch der finale Track „Liberation“ wäre, der ihm, einem Boxer gleich, der gerade mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen die Fäuste sinken lässt, eine brutale gerade Rechte verpasste und ihn damit auf direktem Wege zu Track 1 zurück beförderte. Okay, mir soll‘s recht sein.
Als ich Anfang der 1990er Jahre die Dub-Version von „Warm The Nation“ hörte, war es wie eine Offenbarung für mich. UK-Dub war in das Zentrum meines Blickfeldes getreten und dieser Track verkörperte den neuen Sound wie kein zweiter. Noch heute kann ich diese Faszination beim erneuten Hören wieder spüren. Die Bassline ist schlichtweg grandios, und trägt den stoisch treibenden Steppers-Beat, der in überaus reizvollem Kontrast zum betont langsamen Spiel der Melodika steht. Und dann wäre da noch diese winzige Melodie, die immer wieder sporadisch anklingt. Ein großer Wurf – wie auch Anthony Cummins, Adam Holden, Mark Evans und Hamish Brown erkannten, nachdem sie den Track als Dubplate an verschiedene UK-Soundsystems gegeben hatten. Die Reaktion darauf war so überwältigend, dass die Vier direkt beschlossen, ein eigenes Label zu gründen – das sie Sound ,n‘ Pressure tauften – „Warm The Nation“ als reguläre 12“-Single zu veröffentlichen und sogleich weitere Tracks aufzunehmen. Bis das Label 1995 seine Pforten wieder schloss, entstanden insgesamt fünf 12“-Singles, von denen allerdings nur vier veröffentlicht wurden. Reggaearchive-Records, das neue Label, das sich die Pflege des Erbes des UK-Reggae auf die Fahnen geschrieben hat und zuletzt mit einer schönen Label-Kompilation von Fashion Records auf sich aufmerksam machte, hat nun alle vier Singles sowie die lediglich als Dubplate in Umlauf gebrachte fünfte 12“ schön chronologisch auf der CD “Sound ‘n’ Pressure Story” (Reggaearchive-Records) zusammen gestellt und mit umfangreichen Linernotes versehen. In dieser Zusammenstellung wird deutlich, wie eigenständig der Sound des Labels seinerzeit war. Sein ureigendstes Charakteristikum war es, einen relativ schnellen Steppers-Beat mit der absoluten Langsamkeit des restlichen Arrangements eines Stückes zu kontrastieren. So scheint sich die Bassline kaum von den Tieftönern lösen zu wollen, die Echos schallen endlos zwischen rechtem und linkem Kanal hin und her und die von Melodika oder Keyboard intonierten Melodien fließen zäh wie Honig, während das Schlagzeug in schnellem Schritt durch den Track marschiert. Auch nach über 15 Jahren UK-Dub, haben die fünf Sound ,n‘ Pressure-Stücke wenig von ihrer Faszination verloren. Wie schön, dass sie nun den Sprung ins Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit geschafft haben.
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Im Dub gibt es zwei extreme Positionen: die eine wird markiert von stoisch repetitiven Beats, rigorosem Minimalismus und einer fast hypnotischen Wirkung auf die Hörer. Die entgegengesetzte Position versteht Dub als großes Experimentierfeld, als offenen Raum, als Forschungslabor, in dem den Geheimnissen des Sounds nachgespürt wird. Jedes hier seit 2001 besprochene Album befindet sich irgendwo zwischen diesen Polen. Die Alben von Rhythm & Sound verkörpern in bisher unübertroffener Weise die erste Position. Für die zweite Position kann es kein einziges, ikonisches Album geben, denn auf einem weiten Feld haben logischerweise viele Werke Platz. Ein Album, das sich aber zweifellos einen prominenten Platz auf diesem Feld sichern wird, ist „Elevator Dubs“ (enja) von Umberto Echo. Die Website „House Of Reggae“ verurteilte das Album etwas vorschnell als „Jazz-Platte mit Effekten“. Ein (Fehl-)urteil, das sich beim flüchtigen „Reinhören“ schnell einstellt, durch konzentriertes „zuhören“ aber schnell widerlegt werden kann. Obwohl jeder Track des Albums für sich leicht verständlich und zugänglich ist, so ist es das Album als Gesamtheit keineswegs. Das liegt vor allem an dem von Umberto Echo ausgewählten, ziemlich disparatem Material. Da der Münchner Dub-Wizzard für viele Bands aus einem weiten musikalischem Spektrum als Produzent und Toningenieur arbeitet und außerdem vielfältige musikalische Vorlieben jenseits des Reggae hat (siehe Interview auf dubblog.de), verwundert es nicht, dass sein neues Dub-Album ein vor unterschiedlichen musikalischen Stilen nahezu überquellendes Füllhorn ist. Neben Reggae gibt es hier auch Afrobeat, Popsongs, Dubstep, Elektronik, und ja, auch Jazz zu hören. Was mich begeistert, ist die Tatsache, dass diese Vielfalt in keinster Weise beliebig wirkt. Das Gegenteil ist der Fall: egal ob Jazz oder Reggae, Umberto Echos Bearbeitung macht aus der Vielfalt ein konsistentes, schlüssiges und spannendes Werk. Obwohl ich kein ausgesprochener Jazz-Fan bin, folge ich ihm hier gebannt bei jeder Note, bin fasziniert von dem Ideenreichtum seines Mixes, bewundere den durchgängigen Flow der Stücke, schätze die Ausgewogenheit der Effekte und liebe vor allem den mal eleganten, mal geradezu hypnotischen Groove der Musik. Ich kenne Musik nur vom Zuhören, nicht vom Machen, aber bei den Elevator Dubs bilde ich mir ein, die Entwicklung der Tracks, ihre andauernde Verbesserung von Version zu Version bis hin zum ausgewogenen Ergebnis regelrecht nachfühlen zu können. In Reggae und Dub begegnet man selten so perfekten, so sorgfältigen, in ihrer stilistischen Bandbreite so außergewöhnlichen und doch vollkommen harmonischen und zugänglichen Produktionen. Well done, Mr. Echo!






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