Pablo Raster: Dub Addicted

Pablo Raster nimmt keine Gefangenen. Ich glaube, der Titel seines neuen Albums „Dub Addicted“ (ODGprod) bezieht sich auf seinen eigenen Zustand. Im Stakkato jagt er neue Alben raus, eines härter als das andere, rapid stampfende Steppers-Beats und brutale Basslines. Ganz eindeutiges Suchtverhalten. Bei diesem Output kann natürlich nicht alles Gold sein, aber wenn’s knallt, dann ist doch schon mal ein wichtiges Qualitätskriterium erfüllt. Bei seinem neuen Werk hat er großzügig Sanges-Gäste aus ganz Europa eingeladen. Mit darunter: Fikir Amlak, der hier mit einem seiner mystischen Tracks den Höhepunkt des Albums abliefert. Erstaunlicherweise verlegte der Italiener Pablo Raster sein neues Studio nach Breslau in Polen. „Dub Addicted“ ist die erste Produktion aus dem neuen Studio. Laut Pablos Aussage, basieren die Produktionen auf vielen live-gespielten Aufnahmen, was löblich, aber nicht wirklich zu hören ist. Für mich klingen die Dubs nach digitalen Produktionen, jedoch angereichert mit gelegentlichen instrumentalen Soli. Das Album steht übrigens zum kostenlosen Download bereit.

Meine Wertung:

Jah Schulz: A Railroad Session

„Jah Schulz“ – was für ein Name! Ist doch eigentlich Satire, oder? Stil-Zitat und Genre-Bekenntnis und zugleich eine absolute Distanzierung davon. Eine Haltung, die Jah Schulz’ (aka Michael Fiedlers) Musik prägt. Einerseits ist sie hundertprozentiger Reggae-Dub – andererseits hält sie trotzdem große Distanz zu den Genre-Klischees. Vielleicht liegt diese merkwürdig distanzierte Nähe an Michael Fiedlers langjähriger Auseinandersetzung mit Dub: „Als junger Kerl von 12 Jahren (ich bin 39) bin ich auf Mad Professor und Lee Perry Platten aufmerksam geworden. Mit Reggae hatte ich nicht viel am Hut, aber die Dub-Technik hat mich begeistert. Seitdem hat alles, was ich musikalisch mache auf irgendeine Art mit Dub zu tun“, erklärt er. Seine Künstlerpersönlichkeit „Jah Schulz“ existiert seit 2015 und steht für seine straighten Dub-Produktionen, die stets live eingespielt sind: „Der Plan war immer, wenn ich mal ein Dub-Album mache, dann muss das live entstehen. Ich mag die Ecken und Kanten im Dub, den „Schmutz“ und die Zufälle“. Nun ist das Debut-Dub-Album da: „A Railroad Session“ (Railroad Records). Auf ihm formuliert er seine ganz eigene Vision von tiefgründigem, hypnotischen, minimalistischen Dub. Stoische Rhythmen, reduzierter und doch – dank der Live-Instrumente – in den Details üppiger Sound, schlankes, aber effektives Mixing und kompletter Verzicht auf Vocals machen aus den Railroad Sessions ein absolut starkes und eigenständiges Dub-(Under-)Statement. Der Minimalismus der Tracks, ihre unbeirrt-repetitiv durchlaufende Bassline und die marschierende Bassdrum lassen manchmal eher an elektronische Musik oder gar Minimal als an Dub denken und sind gleichermaßen Club- wie Soundsystem-kompatibel. Gemastert wurden die Tracks übrigens von Dougie Wardrop (Conscious Sounds).

Meine Wertung:

Weeding Dub: Another Night Another Day

Mir geht es oft so, dass ich Steppers-Produktionen mit latenter Geringschätzung begegne. Zu vordergründig, nur auf den Effekt hin produziert, keine Verfeinerung, keine Komplexität, kurz: meiner Kennerschaft nicht angemessen. Und dann ertappe ich mich dabei, dass ich immer wieder genau diese Produktionen anklicke, wenn sich meine Mediathek vor mir öffnet. Das neue Album von Weeding Dub, „Another Night Another Day“ (Wise & Dubwise Recordings) ist genau so ein Fall. Eine Sammlung von elf Produktionen, neun davon in zwei oder mehr Versionen, allesamt straight forward und four to the floor, natürlich bass-heavy und oft erstaunlich schnell. Kurz: perfektes Dub-Soundsystem-Fuel und nichts, was man zuhause zum Kaffe hören würde … – Irrtum! Unerklärlicherweise sind diese durchaus harten Dubs alltagskompatibel. Vielleicht liegt die Verträglichkeit auch an den gelegentlichen Gast-Vokalisten, wie z. B. Dixie Peach (Jah Tubby’s), Shanti D (O.B.F.) oder Oulda, die sehr eingängige Melodien beisteuern oder – wie im Fall von Nish Wadada – sogar schönste Harmonien in den Track zaubern. Das Dub-Mixing ist ebenfalls durchaus harmonisch, ohne allzu extravagante Ecken und Kanten, ja fast schon traditionell. Romain Weeding macht hier also insgesamt einen wirklich guten Job – auch wenn die Aufregung, das Adrenalin und die warmen Schauer ausbleiben.

Meine Wertung:

Kemar „Flava“ McGregor: Traditional Dub

Sorry, aber mit dem Oeuvre von Produzent Kemar „Flava“ McGregor bin ich nicht vertraut. Im Web wird er als „Jamaican-american pop reggae producer“ geführt und in seiner Discographie tauchen unzählige Namen von Foundation Artists auf. Sein größer Coup ist wohl seine (recht schnulzige) Produktion für Sinead O’Connor. Auch Dubwise ist McGregor tätig. 2016 erschien sein Album „Veterans in Dub“, von dem er selbst sagt: „Der Mix ist mehr so Pop-Reggae. Die Platte ist seicht. Sie entspricht nicht der traditionellen Art, eine Reggae-Platte zu mixen.“ Kann sein, dass er dieses Defizit mit seinem neuen Dub-Album nun ausgleichen will, warum sollte er es sonst so nennen: „Traditional Dub“ (Kingston Songs)? Für meinen Geschmack ist seine traditionelle Art immer noch etwas seicht – was teilweise an den zugrunde liegenden Mainstream-Reggae-Produktionen liegen mag. Technisch handelt es sich allerdings in der Tat um sehr traditionelles Dub-Mixing. Es klingt uneingeschränkt nach „Made in Jamaica“. Die Rhythms sind unfassbar tight und das Mastering superb. Ebenfalls typisch jamaikanisch ist der Rückgriff auf bekannte Riddims. Spontanes Mitsummen der passenden Songs geschieht hier absolut unwillkürlich. Wenn ich es mir recht überlege, dann ist „Traditional Dub“ der perfekte Kandidat, um als idealtypisches, zeitgenössisches Dub-Album aus Jamaika angeführt zu werden. Es verkörpert alle Tugenden aktueller jamaikanischer Dub-Produktion und ist handwerklich über jeden Zweifel erhaben. Mich hingegen verlangt es dennoch nach mehr Spannung, Tiefe und Atmosphäre, weshalb meine Lieblings-Dubs schon seit Jahren aus Europa kommen. Aber es erfüllt mich mit Freude, dass Jamaika das viele Jahre vergessene Genre inzwischen wiederentdeckt, ihm neue Wertschätzung entgegen bringt und sich mit großen Schritten auf den Weg macht, der Musik zu neuem Glanz zu verhelfen.

Meine Wertung:

Alpha & Omega: One by One

Christine Woodbridge (Bass) und John Sprosen (alles andere) firmieren seit den späten 1980er Jahren unter dem Namen Alpha & Omega. Wie kaum ein anderer Dub-Act (King Tubby und Lee Perry nicht mitgezählt), sind Alpha & Omega zu der vielleicht stärksten Dub-Marke aller Zeiten geworden. Warum? Das liegt einerseits an der schieren Dauer ihrer Produktionstätigkeit: 30 Jahre. Und andererseits liegt es daran, dass sie ihrem eigenwilligen Dub-Sound die komplette Zeit über absolut treu geblieben sind. Und genau das macht eine starke Marke aus: Kontinuität und Konsistenz. Soeben ist ihr neues Album „One by One“ (Steppas Records) erschienen. Und man glaubt es kaum: es klingt hundert Prozent nach Alpha & Omega! Interessanter wäre vielleicht zu erfahren, ob es hörenswert ist. Obwohl ich als ewiger Alpha & Omega-Fan vorbelastet bin, glaubt mir: „One by One“ ist wieder mal groß! Es besteht – wie zu alten Vinyl-Zeiten – aus lediglich zehn Tracks: fünf Vocal-Versionen und fünf Dubs. Dass die abgrundtiefen Dubs superb sind, versteht sich von selbst, aber auch die Vocals u. a. von Joe Pilgrim und Ras Tinny sind richtig gute, melodiöse Songs. Besonders gut gefällt mir Nai-Jah (er war mir schon auf Alpha Steppas Album „Kingdom“ so positiv aufgefallen), der hier den Titel-Track „One by One“ präsentiert. Neben den tiefgründig-poetischen Texten, zeichnen sich seine Songs durch betörend magische Melodien aus – was kongenial zu den Dschungel-Sounds der beiden Dub-Urgesteine passt. Also: Auch wenn schon zehn A&O-Alben in der Mediathek liegen: „One by One“ gehört dazu.

Meine Wertung:

Tru Moses: Messages from the Rocket

Traditionalisten mögen digitale Releases und Music-Streaming verteufeln, aber einen ganz entscheidenden Vorteil dürfen sie dabei nicht ignorieren: für Wohnzimmer-Produzenten und Kleinst-Labels bieten digitale Vertriebswege eine erschwingliche Möglichkeit, die eigenen Werke unters Volk zu bringen. Wurden in den vergangenen 30 Jahren die musikalischen Produktionsmittel demokratisiert, so zieht nun auch der Vertrieb nach. Ich halte das für eine Bereicherung. Das Problem ist nur, die Perlen in der Überfülle an musikalischen Bits und Bytes zu finden. Eine davon habe ich jüngst entdeckt: Tru Moses, „Messages from the Rocket“ (Guardidub). Über den wahren Moses sind keine Infos aufzutreiben, ebensowenig wie über das obskure Musiklabel. Nur eines ist eindeutig: Die Musik schallt aus Spanien herüber. Warme, vollmundige Dub-Sounds mit fetten Bläsern, entspannt und easy, fast lounge-artig und natürlich hundert Prozent digital. Die Sound-Ästhetik – wie auch das Cover – widersprechen daher klassischer Reggae-Stilistik und setzen schon ein wenig Aufgeschlossenheit voraus. Hier scheiden sich die Geister: Wem beim Dub-hören die Reggae-(Geistes-) Haltung wichtig ist, wird sich schütteln, wer die Musik hingegen als das nimmt, was sie ist: Eine ästhetische Klangerfahrung um ihrer selbst Willen, wird mit den Messages from the Rocket wahrscheinlich Spaß haben.

Meine Wertung:

Scientist Meets Hempress Sativa in Dub

Anfang letzten Jahres legte Hempress Sativa ihr viel beachtetes Debut-Album „Unconquerebel“ vor – eine faszinierende Old-School-Produktion, die dem Sound der frühen 1980er Jahre huldigte. Was nicht zuletzt auch daran lag, dass einige der Studio-Heroen jener Zeit maßgeblich beteiligt waren: Earl „Cinna“ Smith, Robby Lynn und Errol „Flabba“ Hold zum Beispiel. Und dann war da noch ein gewisser Scientist, der die Hälfte der Tracks gemixt hatte und damit ganz wesentlich zur Qualität des Albums beitrug. Der Dub-Meister war hier ganz in seinem Element. Was lag also näher, als das zu tun, was vor vierzig Jahren noch übliche Praxis war, nämlich dem Hit-Album ein Dub-Album folgen zu lassen. Hier ist es nun: „Scientist Meets Hempress Sativa in Dub“ (Conquering Lion Records). Abgesehen von der Problematik, dass es durchaus Fragen aufwirft, ob es sinnvoll ist, antiquarische Musik zu produzieren, lässt sich bei „Scientist Meets Hempress Sativa in Dub“ nur konstatieren, dass es ein schlicht superbes Dub-Album geworden ist. Es vereint alle Tugenden guter alter Dub-Music: wunderschöner, warmer Ambience-Sound, klassisch jamaikanisch groovende Beats und wirklich spannendes, inspiriertes Dub-Mixing. Trotz langer Berufspause hat Scientist es noch drauf – viel besser als das, was zuletzt an Dubs z. B. von King Jammy aus Jamaika herüber geschallt war. Und dann wäre da noch diese absolut brillante Sound-Qualität! So fein aufgelöst dürfte man 80ies-Dub noch nie gehört haben. Und das allein ist ja schon ein Grund, dem 2018er Remake ein Ohr zu leihen.

Meine Wertung:

Richie Phoe: Kingston Connection in Dub

Mich erstaunt es immer wieder, wie unterschiedlich die von Dub-Produktionen evozierten Stimmungen sein können. Die Spannweite reicht von mystisch-spirituell, dunkel und schwer über hoch energetisch und kraftvoll, weiter über laid back, chillig-entspannt bis hin zu uptempo, fröhlich-beschwingt, hell und offen. Dazwischen gibt es unzählige Schattierungen – und genau in der Mitte liegt das große Feld der Langeweile. Richie Phoes „Kingston Connection in Dub“ (Kingstone Express) gehört glücklicherweise ganz klar in die Kategorie: uptempo, fröhlich beschwingt – von Langeweile keine Spur. Im Gegenteil: Die EP ist mit ihren sechs Tracks viel, viel zu kurz. Von den pulsierenden, reich und ausgelassen arrangierten Old-School-Rhythms, den großartigen Orgel-Akkorden, dem unglaublich tighten Groove und nicht zuletzt dem inspirierten Mixing von Richie Phoe kann ich nicht genug bekommen. Produziert wurden die Tracks übrigens von Sticky Joe aus Birmingham. Sie erschienen letztes Jahr als Vocal-Versionen auf der EP „Kingston Connection“, u. a. mit Horseman, Johnny Clarke, Horace Andy, Earl 16, und Macka B. Aus der „Kingston Connection“ wurde nun die „Birmingham (Sticky Joe)-Brighton (Richie Phoe)-Connection“. Ein bisschen Toronto ist auch noch dabei, denn das Mastering stammt von the one and only Dubmatix. Außerdem klingt das Ganze total nach Prince Fatty, der ja bekanntermaßen auch in Brighton lebt und arbeitet. Entwickelt sich hier womöglich ein wegweisender Brighton-Dub-Style? Egal, entscheidend ist, was hinten (bei den Lautsprechern) raus kommt. Und das ist so gut, dass ich diese dürftigen sechs Tunes inzwischen bestimmt schon zwanzig mal gehört habe. Bald brauche ich wirklich neuen Stoff …

Meine Wertung:

Violinbwoy: Død

Dunkel, düster, Violinbwoy – bedrohlicher können Dubs nicht klingen, als die Werke dieses polnischen Dubheads. Schwer, zäh und bassgewaltig ist sein Steppers-Sound. Dubstep lässt grüßen. Wer nicht ohnehin schon zu Depressionen neigt, der höre sich sein Album „Død“ (Moonshine Recordings) an. Ist es nötig zu erwähnen, dass „Død“, „Tod“ bedeutet? Könnte – laut Wikipedia – aber auch die Abkürzung von „Dance of Dead“ oder „Dance or Die“ sein. Egal, passt alles gleich gut. Der Violinenjunge trägt seinen Namen übrigens nicht zu unrecht, da er tatsächlich das Violinenspiel studiert hat und nun statt Debussy lieber Dub spielt. Und auf dem Titelstück „Død“ ist tatsächlich seine Violine zu hören, eine traurige Melodie spielend. Passt kongenial zur niederschmetternden Bassschwere. Hätte Violinbwoy durchaus öfter bringen können. Ansonsten setzt er lieber auf exotische Samples, Sirenen und Dub Poetry oder auch mal richtig schönem Gesang, z. B. von Marina P oder Dan I. So gelingt ihm ein besonders Kunststück: dem nicht gerade innovationsfreudigen Genre „Steppers“ eine neue Seite abzugewinnen.

Meine Wertung:

Victor Rice: Smoke

Okay okay, ich weiß: Nicht alles ist Dub. Auch nicht alles, was instrumental daher kommt. Aber dieses Album hier ist sooo gut, dass ich es erwähnen muss: „Smoke“ (Easy Star) von Victor Rice zumal Victor im Genre des Dub ein ausgesprochen gern gesehener Dub-Remixer ist. So haben u.a. auch schon die Senior All Stars, Dub Spencer & Trance Hill, Dubblestandart, Easy Star All-Stars und selbst Dubmatix auf seine Skills zurück gegriffen. Doch so viel der New Yorker, der seit mehr als 15 Jahren in Brasilien lebt, auch remixed und gedubbt haben mag, so wenig produziert er Musik unter seinem eigenen Namen. Sein neues Album ist erst das dritte in seiner über zwanzigjährigen Karriere. Wer sich so viel Zeit lässt, muss entweder faul oder Perfektionist sein. Ich glaube, letzteres ist der Fall, denn bei „Smoke“ gibt es keine einzige schwache Note. Es ist vielleicht die beste Fusion aus Reggae und Jazz der neueren Zeitrechnung, die mir bisher zu Ohren gekommen ist. Um präziser zu sein: eigentlich handelt es sich um Ska und „Samba-Rock“, eine sehr jazzige Form brasilianischer Pop-Musik aus den 1960er Jahren. Das gibt die Struktur vor: Ska-Offbeats legen die steady Basis für darüber frei flottierende Jazz-Groves, für schwadronierende Bläser-Melodien und funkiges Orgelspiel. Der Kontrast zwischen dem steifen Beat einerseits und dem freien Spiel der Melodie-Instrumente andererseits macht den unvergleichlichen Reiz aus. Alles ist natürlich glasklar produziert und virtuos gemischt. Äh, eines muss sicherheitshalber aber noch gesagt sein: Der Bass steht hier nicht in der ersten Reihe. Wer damit leben kann, sollte sich von Victor Rice mal mit ein wenig Smoke die Bass-verklebten Ohren durchpusten lassen. Tut richtig gut.

Meine Wertung: