Dub Evolution Januar 2011

Die interessanteste Dub-Neuerscheinung des noch frischen Jahres kommt aus Münster, von den Senior Allstars, und trägt den schlichten aber dafür umso trefferenden Titel „In Dub“ (Skycap). Es ist gewissermaßen ein Geburtstagsgeschenk, das sich die Jungs gegönnt haben, denn als das Projekt 2009 geboren wurde, waren die Senioren 10 Jahre und fünf eigenständige Alben (also ohne Dr. Ring Ding) alt. „Von Anfang an ist Dub zwar ein wichtiges Element unserer (Instrumental-)Musik gewesen“, erklärt Thomas Hoppe, Schlagzeuger der Band, „aber ein richtig ordentliches Dub-Album war schon lange mein Traum“. Wie schön, dass sich so ein Traum auch umsetzen lässt. Mein lieber Riddim-Autorenkollege Karsten Frehe steuerte Kontakte zu einigen der zur Zeit interessantesten Dub-Produzenten bei, so dass sich eine illustre Schar an Sound-Tüftlern und Dub-Maniacs einfand, die insgesamt 14 Tracks der Senior Allstars in „richtig ordentliche“ Dubs zu verwandeln. Karsten hat jedem der 9 Dub-Meister im Booklet einen kleinen, informativen Text gewidmet: Umberto Echo (München), Alldub (Berlin) und Dubvisionist (Hannover), Webcam HiFi (Frankreich), Dubolic (Kroatien), Victor Rice (Brasilien), Crazy Baldhead (USA), El Bib (England) und Avatar (Irland). Alle haben ihre Arbeit sehr gut gemacht und saubere Dub-Mixes abgeliefert – Dub Mixes wohlgemerkt, keine Remixes. Es ging um das gute alte Tontechniker-Handwerk und nicht darum, neue Spuren einzuspielen und aus einem relaxten, Jazz-inspirierten Instrumental eine düstere Dubstep-Nummer zu zaubern. Daher ist es nicht ganz leicht, stilistische Unterschiede der verschiedenen Akteure herauszuhören. Der leichte, lockere Uptempo-Sound der ehemaligen Ska-Band bleibt auch für die Dub-Version prägend. Im direkten Vergleich einiger Tracks vom letzen Senior Allstars-Album „Hazard“ mit ihren Dubs fällt allerdings auf, dass die Originale wahrscheinlich besser gemastert wurden. Die Präsenz und Klarheit des Original-Sounds ist schlicht fantastisch. Dafür erhalten die Dubs mehr Tiefe und Schwere, der Sound wirkt konzentrierter. Insgesamt also ein schönes Dub-Reworking, das gerade im Vergleich zu den Originalen faszinierend anzuhören ist.

Ein ähnliches Konzept verfolgt das britische Reggae-Kollektiv Pama International mit dem neuen Album „Pama International Meet Mad Professor: Rewired! In Dub“ (Rockers Revolt). Auch hier wurde ein bekannter Dub-Produzent, nämlich der verrückte Professor himself, eingeladen, bestehende Tracks zu dubben, und zwar die des 2009 erschienenen Pama-Albums „Outernational“. Der Professor hat hier alles gegeben, aber was kann er retten, wenn schon die Basis nicht richtig stimmt? Anders als die Senior Allstars hat Pama International nämlich keine so guten Rhythms gebaut, keine melodischen Basslines komponiert und keine wirklich spannenden Arrangements kreiert. Daher plätschern die Tracks einigermaßen uninspiriert daher, auch wenn Mad Professor viel Hall draufgegeben und sich am Mischpult die Finger wundgeschraubt hat. Dass mich das Dub-Album so wenig zu beeindrucken weiß, wundert mich schon, denn „Outernational“ gefiel mir eigentlich gar nicht so schlecht. Aber im direkten Vergleich wird deutlich, dass das Original sehr vom Gesang profitiert, der eine schöne Mischung aus James Brown, Desmond Dekker und Jimmy Cliff ist. Ist doch interessant zu sehen, dass die Effekte des Dub nicht geeignet sind, mangelnde musikalische Qualität zu kaschieren. Das Gegenteil ist der Fall: Dub konzentriert sich auf das Wesentlich und lässt Mängel dadurch um so deutlicher hervortreten.

Noch so ein Fall: Wieder geht es um den Dubmix vorhandenen Materials, nur ist der Dub-Master in diesem Fall niemand anderes als der wiederauferstandene Scientist: „Scientist Launches Dubstep Into Outer Space“ (Tectonic). Dem armen Kerl blieb zwar das Pama-Album erspart, aber dafür musste er Dubstep remixen. Gibt es eine Musik, die sich weniger für einen Dub-Mix eignet als Dubstep? Was will man bei dieser Minimal-Music noch mixen? Scientist wusste das offensichtlich auch nicht, weshalb sich seine Dubs nicht sonderlich von den Originalen unterscheiden – die übrigens in Form einer Doppel-CD praktischer Weise direkt beigelegt wurden. Anders jedoch als bei Mad Professor, ist das „Rohmaterial“ in diesem Falle gar nicht so übel. Bisher unveröffentlicht, stammen die Tracks von Dubstep-Koryphäen wie Kode 9, Shackleton, Distance, Digital Mystikz u.a. Wer einer Exkursion in Dubstep-Gefilden nicht abgeneigt ist, kann ja mal reinhören. Wer jedoch erwartet, den Scientist zu hören, den er aus den frühen 1980er Jahren kennt, wird eine herbe Enttäuschung verdauen müssen.

Aus Japan kommt ein von Glen Brown produziertes und von King Tubby gemischtes Dub-Album zu uns: „Big Dub – 15 Dubs From Lost Tapes“ (Rock A Shacka). Dub Vendor in England verkauft das gute Stück für 22 Pfund (26 Euro) zuzüglich Versandkosten. Ein exklusives Vergnügen also, der (zudem noch limitierten) CD zu lauschen. Und mit welchen Sensationen wartet die Luxus-Cd auf? Zum Beispiel mit Dubs zu Stücken wie „Never Too Young To Learn“, „Father Of The Living“, „Away With The Bad“, „Merry Up“, „As Long As There Is You“, „When I Fall In Love“ – aber auch mit Dubs von bisher unbekannten Stücken (schließlich reden wir hier von „lost Tapes“). Wie zu erwarten, ist der Glen Brown-Sound auch hier eher trocken und spröde und Tubby verfährt in bekannter Manier damit: Das Wenige reduziert er noch weiter, lässt gelegentlich Gitarre oder Keyboards anklingen, jubelt kräftig Echo drüber, nur um es dann wieder den mächtigen Zwei, Drum & Bass, zu opfern. Wir haben es hier mit einem wahrhaft minimalistischen Werk zu tun und ich muss zugeben, dass ich mich beim Hören durchaus gelangweilt habe – großem Meister und großer Kunst zum Trotz. Mir ist der Sound eine Nummer zu karg und die Dub-Mixes zu klassisch. Nach meinem Geschmack eher ein Album für die Sammlung, als fürs Hörvergnügen.

So, damit wäre ich mit der Jahresauftakt-Kolumne durch, die – wie ich gerade feststellen muss – fast vollständig aus Verrissen besteht. Das fängt ja gut an!

Meine Wertung:

4 Gedanken zu „Dub Evolution Januar 2011“

  1. Heute habe ich mal eine kleine Zeitreise in die längst vergangenen „Abgründe“ musikalischer Aktivitäten gemacht. Ich kann mich noch gut an die „Verrisskolumne“ aus dem Jahre 11 erinnern. Was mich daran sehr erfreute, war vor allem wieder mal die „Einigkeit“ die ich dabei mit Dir empfand. Diese Pama-scheibe fand ich trotz Mad Professor auch einfach nur „gäääähnend“. Ganz schwache riddims. Da kann man so viel an den Nippeln schrauben wie man will, es entsteht einfach keine Reaktion. da kommt kein Feeling auf.
    Scientist ist ja inzwischen nicht nur bei Dubstep Produktionen ein uninspirierter Langweiler geworden. Generell gehen mir Deine Dubstep-Verrisse aber sowieso runter wie Öl. DubStepDub ist dann allerdings doch schon wieder ganz brauchbar finde ich. Außerdem weiß ich jetzt, warum ich mich getraut habe hier irgendwo zu schreiben, King Tubby Dubs finde ich langweilig. Wie ich hier lese hast auch Du dich schon bei King Tubby gelangweilt. Kleine Sünden bestraft der Liebe Gott bei mir allerdings immer sofort. Kaum hatte ich geschrieben, King Tubby finde ich langweilig, habe ich bei YouTube eine Scheibe mit Namen „Fever Dub“ entdeckt und war Punktum begeistert. Ich fand die Scheibe so gut, daß ich immer noch nicht glauben kann, daß die wirklich von King Tubby sein soll.
    Die Senior All Stars waren mir immer egal. Seit Senior All Stars In DUB bin ich Fan !!! Allerdings …………………….. ich habe bisher nur wenige Live-Auftritte im Netz gefunden und muss sagen, ich kann mir nicht vorstellen, das da so richtig der Funke , vor allem beim jüngeren Publikum, überspringt. Die Dubs sind da doch sehr sehr ( wie soll ich sagen ?! ) introvertiert. Da fehlt mir ein wenig die Tanzbarkeit. Ich habe das Gefühl, das man deren Live-Konzerte tatsächlich mal lieber im Sitzen oder gar im Liegen hören möchte. Gerade weil sie eine Ska – Band waren, bzw. weil sie sich doch mit Ska sehr gut auskennen, sollten sie auch viel mehr Ska-Dubs live auf der Bühne zelebrieren. Auch auf der zukünftigen Scheibe würde ich mir noch mehr Dub auf Ska-Riddims wünschen. Es kann sein, daß das hier wider völliger Blödsinn ist, was ich schreibe, denn ich hatte selbst leider noch nicht das Vergnügen, die Senior Allstars als Dub-Band live zu erleben. Mein Eindruck entstand lediglich durch die Wahrnehmung bzw. Darstellung im Internetz.
    Nun, ich habe hier meinen Job und im Moment mache ich den auch nicht richtig, denn ich schreibe ja hier ……
    Die leute, die hier in Göttingen für Kultur verantwortlich sind, machen ihren Job aber noch schlechter. Die letzte Band, die hier ganz entfernt was mit Reggae zu Tun hatte, war Jamaram vor etwa 4 Jahren. 2 Reggae-Tunes während des ganzen Konzerts. Verräter !!! …. Wir sind ja ne Studenten-Stadt aber ich habe den Eindruck, Studenten wollen in erster Linie nur Labern und Heavy Metal hören. Der rest ist in Sachen punk unterwegs. Das lässt hoffen, denn in Frankreich sind aus expunk-bands sehr geile Dub-Bands erwachsen. Naja, für uns mache ich mir da dennoch keine Hoffnung. Egal, nix gegen Studenten ( „diese ollen Streber“ ) aber ich labere hier wohl auch gerade wieder etwas zu viel.

    Ach, eigentlich wollte ich gerade tschüss sagen aber das wichtigste habe ich ja noch gar nicht erwähnt. Ich konnte es nämlich echt nicht glauben, daß Mad Professor DUB als Vorläufer von dubstep „anerkannt“ hat. Und in einem Interview auf YouTube habe ich das eigentlich auch so verstanden, daß er das doch sehr ironisch meinte. Mein Englisch ist allerdings schlecht, deshalb würde ich dafür nicht meine Hand ins Feuer legen. Seine Äußerung ……. „them like the word Dub“ ….. und das damit verbundene leicht erhabene grinsen in Verbindung mit dem Thema zeigt mir doch, daß der Professor den Unterschied schon noch kennt. Hier wäre jetzt natürlich ne Quellenangebe dringend angesagt aber „ich habe nix Student“.

    Dafür habe ich jetzt aber wenigstens ( erst mal ) fertig ……………………. lemmi

    1. Also nicht, dass du mich missverstehst: Dubs von King Tubby & Co. sind nicht per se langweilig. Im Gegenteil: er ist der Originator. Seine Innovationsleistung kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Seine Dubs waren in seiner Zeit unendlich kreativ und aufregend. Allerdings sind inzwischen 45 Jahre ins Land gezogen, seine Arbeitens sind heute bekannt und hoch geschätzt – aber „aufregend“ sind sie heute natürlich nicht mehr. Dafür hat man sie zu oft gehört und sich an seinen Sound und Stil gewöhnen können. Spannend sind heute neue Ideen, neue Konzepte, neue Sounds – weshalb ich mein Augenmerk im Dubblog auch fast ausschließlich auf neue Produktionen lege. Ja, bei Tubby langweilige ich mich gelegentlich – aber nicht, weil seine Arbeit schlecht ist, sondern nur, weil ich sie inzwischen so oft und ausgiebig gehört habe.

      Mad Profs nonchalantes Statement, dass Dubstep ohne Dub nicht denkbar wäre, finde ich ganz witzig. Implizit sagt er ja: Hey kids, hört euch mal das wahre, originale Zeug an! Öffnet mal euren musikalischen Horizont.

      1. Hey Rene´,

        habe jetzt gar nicht so schnell mit ner Antwort von Dir gerechnet. Ja, Missverständnisse entstehen leider immer wieder. Mein Problem mit King Tubby ist, das ich nur die langweiligen Sachen von ihm auf Platte habe. Die guten Sachen sind im Internet verstreut. Seine Arbeit war auf keinen Fall schlecht und ich glaube ich würde heute noch durchdrehen, wenn ich auf einem seiner Dances zum erstem mal ein Echo mit Hall gehört hätte. Zudem hat er die Sachen auch noch selbst zusammengelötet. Einfach nur Genial !!! Deshalb verstehe ich mich selbst nicht, wenn ich seine Dubs als langweilig bezeichne. Asche auf mein Haupt !!!
        Warum der Großteil der Kids lieber scheiße frisst, werde ich nie begreifen. Das war aber in meiner Kindheit nicht anders.
        Fast alle wollten die ärtzte und die toten hosen hören ……. ich hingegen wollte lieber BOB MARLEY !!! Mag ja sein , das es am Ende doch Geschmacksache ist aber wer gern alkoholfreies Bier trinken will, soll das meinetwegen auch tun …..

        Aber lasst mich mit sonem kram in ruhe !!! Dub …… Musik …….. alkoholfreies Bier !??? ….. ich wäre jetzt nicht verwundert, wenn das zu Missverständnissen führt …..

        Was solls, Hauptsache es groovt ……………………. lemmi

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