Dub Evolution, Mai 2011

Zur Zeit beeindruckt mich am meisten das neue Werk von Chris Dubflow: „Echostream“ (myspace.com/chrisdubflow). Der Schweizer spielt meine heimliche Lieblingsvariante von Dub: repetitiven, treibenden, leicht technoiden, elektronischen Dub à la Zion Train, Dreadzone, Rhythm & Sound, Rockers HiFi …. Ich bin von dem minimalistischen Groove dieser Musik besessen: Getragen von warmen Akkorden und einer tiefen, tiefen, tiefen Bassline, shuffeln und synkopieren sich die Beats durch angenehm lange Tracks und lassen die Hörer in einen meditativen Zustand versinken – bis die Musik zu purem Bewusstseinszustand wird. Sie ist nicht länger ein akustisch wahrnehmbarer „Gegenstand“. Sie löst sich vielmehr auf und wird zur reinen Gegenwart. Dies ist ein faszinierender Prozess, der übrigens ganz und gar ohne den Einfluss bewusstseinserweiternder Hilfsmittel zu erleben ist. Musik, wie die von Christ Dubflow, reicht dafür vollkommen aus. Der „Flow“ seiner Musik ist überwältigend. Vielleicht liegt es daran, dass seine Tracks keine bis ins Letzte ausgeklügelten und fein justierten Kunstwerke sind, sondern mit reduziertem Equipment in einem Take aufgenommene Rhythms, die ohne Overdubbing und Postproduction auskommen. Direkt, analog und schlicht faszinierend.

Zu Chris Dubflows „Echostream“ passt ein anderes Album ganz gut: „Boudub“ (The Studio Stereo/Download) von Otis Reading, obwohl wir es hier nicht mit dem unentrinnbaren hypnotischen (Dub)Flow zu tun haben. Der Belgier geht viel experimenteller vor, bricht den Flow ab, sobald man beginnt, sich darin wohl zu fühlen. Ein wenig erinnert mich sein neues Album an Hey-O-Hansen, obwohl Readings Sound viel technoider ist. Er lässt sich nicht leicht einordnen, zumal er sein neues Werk teils nahe am Dubstep gebaut hat – ohne jedoch den Reggae-Offbeat gegen die typischen, schlimmen Synthie-Flächen einzutauschen. „Techno“, „Dubstep“ – das klingt jetzt nach brutaler, vordergründiger Musik, doch „Boudub“ ist das Gegenteil. Die Tracks sind komplex, stecken voller Breaks, voller Tempowechsel und nicht zuletzt voller Überraschungen. Das alles wirkt trotzdem recht entspannt und lebt von dem Kontrast zu den gelegentlichen härteren Passagen. Wer also seine grauen Zellen mal wieder mit einem intellektuellen Dub-Erlebnis bespaßen will, der sollte sich auf die faszinierende Boudub-Journey einlassen, sich zurück lehnen und die Ohren spitzen.

Und da isse wieder: Die neue King Size Dub-Compilation! Gestartet in den 1990er Jahren und inzwischen bei „King Size Dub, Chapter 15“ (Echo Beach) angelangt, ist es die meines Wissens dienstälteste Dub-Compilation-Reihe der Welt. Und Label-Betreiber Nikolai ist zu recht stolz auf insgesamt über 100.000 verkaufte Exemplare. Congratulations! War die Reihe in ihren jungen Tagen eher eine Bestandsaufnahme der damals turbulenten Dub-Szene der 1990er Jahre, so hat sie sich nun zu einem Echo Beach- und Collision-Label-Showcase entwickelt. Daher finden sich auf „Chapter 15“ die bekannten und hoch geschätzten Namen vom Strand des Echos: Ruts DC (als Rob Smith-Remix), Noiseshaper, Martha & The Muffins, Up, Bustle & Out, Tack>>Head, Dubblestandart, Dubmatix, Dub Spencer & Trance Hill, Umberto Echo, Jamaram u. a. Die Auswahl ist wunderbar harmonisch, entspannt und zugleich genügend abwechslungsreich. Der Dubmatix-Track „Deep Dark Dub“, der uns hier als Remix von Felix Wolter präsentiert wird (bereits eine kleine Preview auf das superbe, in Kürze erscheinende Remix-Album von Dubmatix), ist mein persönliches Highlight des Samplers, dicht gefolgt vom außerordentlich schwungvollen Track „Rootsman“ aus dem Dreadzone-Headquarter sowie Aldubbs Remix „Wa Doo Dubb“ – einer witzigen Version des Eek A Mouse-Klassikers im Dubstep-Style.

Und dann wäre da noch eine weitere Ausgabe der Greensleevesschen „Evolution Of Dub“ (Greensleeves), die sich mit „Volume 6“ dem Werk Prince Jammys verschrieben hat. Meine anfängliche Begeisterung für das „Evolution Of Dub“-Projekt ist inzwischen allerdings einer kleinen Frustration gewichen, da die Evolution bei Greensleeves doch etwas arg auf der Stelle tritt. Was zunächst nach einer fundamentalen Aufarbeitung der Geschichte des Genres aussah, entpuppt sich zusehends mehr als Vehikel zur bloßen Wiederveröffentlichung des Label-Back-Catalogues. Natürlich ist Jammy einer der wichtigen Protagonisten des Dub, aber sind alle vier Alben „Crucial In Dub“, „Kamikazi Dub“, „Uhuruh in Dub“ und „Osbourne In Dub“ gleichermaßen wichtige Meilensteine des Genres?  Meines Erachtens hat nur „Kamikazi Dub“ einen prominenten Platz in der Evolutionsgeschichte verdient. Das Album zeigt Jammy in Höchstform – sowohl was die Produktionen, als auch den fantastischen Mix betrifft. Der nach dem Kurosawa-Klassiker benannte Track „Throne Of Blood“ gehört für mich in die Galerie der zehn größten Meisterwerke des Dub. Dieser Track rettet die ganze 4-CD-Box.

Ein Mann, der mit seinen Dub-Werken zu Recht ein wesentliches Kapitel der Dub-Evolution schreiben könnte, ist Neil Perch. Mit seinem 1991 gegründeten Dub-Projekt Zion Train erfand er Mitte der 1990er Jahre (fast!) im Alleingang (Dreadzone war ja auch noch da) Dub-House und erschloss dem Genre damit eine Hörerschaft weit jenseits von Reggae und Dub. Nun widmet ihm das Label Nascente unter dem Titel „Dub Revolutionaries: Zion Train – The Very Best Of“ (Nascente) eine zwei CDs umfassende Werkschau, die von den eher traditionell orientierten Anfängen über die Dub-House-Phase bis hin zum heutigen Status als Wächter des originären UK-Dub-Sounds reicht. Das Zion Train-Oeuvre in so komprimierter Form zu hören, macht deutlich, wie unglaublich progressiv Neil Perch seinerzeit war. Im Kontrast dazu ist es fast schade, dass er bei seinen jüngeren Arbeiten zu sehr am klassischen UK-Sound kleben bleibt.

Bill Laswell ist so etwas wie der Eastcoast Godfather of Bass. Wenn in New York und Umgebung Musik jenseits des Mainstream gemacht wird – in deren Zentrum der Bass steht – dann hat Laswell mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Finger im Spiel. Im vorliegenden Fall mussten sich seine rührigen Finger allerdings auf die Knöpfe und Regler des Mischpults beschränken: David Solid Gould & Bill Laswell, „Dub Of The Passover“ (Tzadik.com) ist die Dub-Version des Instrumentalalbums „Feast Of The Passover“ von David Gould, das – ungewöhnlich für ein Reggae-Album – auf dem Label von John Zorn erschienen ist. „Feast Of The Passover“ ist der Versuch, jüdische Festtagslieder mit Reggae zu kreuzen, was auch gar nicht so schlecht gelungen ist, da die leicht melancholischen, jüdischen Melodien ausgesprochen schön sind und gut mit den langsamen Reggae-Beats harmonieren. Doch so schön die Stücke des Originalalbums auch sind – der für US-Reggae typische, trockene und etwas hölzerne Sound ist es nicht. Und hier kommt Laswell ins Spiel und mixt aus der drögen Vorlage ein wunderbar fluffiges Dub-Album. Immer wieder faszinierend, wie sehr sich der Charakter von Musik allein mit Hilfe des Mischpults verwandeln lässt. Dabei ist Laswells Mix ganz unaufgeregt und klassisch – aber der Mann weiß um die Bedeutung des Sounds und ist in der Lage, diesen virtuos zu beherrschen. So ist „Dub The Passover“ zu einem wunderschönen, entspannten Dub-Werk geworden, das vor allem durch wohlklingende Melodien und einen wunderbar warmen, harmonischen Sound besticht.

Zum Schluss seien noch kurz die „Berlin Sessions“ (Irie-Ites) von Aldubb, Dubmatix und Mighty Howard erwähnt. Die drei hatten sich während der letzten Dubmatix-Tour für ein Wochenende im Berliner Studio Aldubbs eingeschlossen und drei Songs, inklusive Dub-Version produziert. Diese sind nun als EP bei Irie-Ites erschienen und beweisen, dass sich Reggae auch bei uns in jamaikanischem Tempo produzieren lässt.

 

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