Apr 10

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Als ich Anfang der 1990er Jahre die Dub-Version von „Warm The Nation“ hörte, war es wie eine Offenbarung für mich. UK-Dub war in das Zentrum meines Blickfeldes getreten und dieser Track verkörperte den neuen Sound wie kein zweiter. Noch heute kann ich diese Faszination beim erneuten Hören wieder spüren. Die Bassline ist schlichtweg grandios, und trägt den stoisch treibenden Steppers-Beat, der in überaus reizvollem Kontrast zum betont langsamen Spiel der Melodika steht. Und dann wäre da noch diese winzige Melodie, die immer wieder sporadisch anklingt. Ein großer Wurf – wie auch Anthony Cummins, Adam Holden, Mark Evans und Hamish Brown erkannten, nachdem sie den Track als Dubplate an verschiedene UK-Soundsystems gegeben hatten. Die Reaktion darauf war so überwältigend, dass die Vier direkt beschlossen, ein eigenes Label zu gründen – das sie Sound ,n‘ Pressure tauften – „Warm The Nation“ als reguläre 12“-Single zu veröffentlichen und sogleich weitere Tracks aufzunehmen. Bis das Label 1995 seine Pforten wieder schloss, entstanden insgesamt fünf 12“-Singles, von denen allerdings nur vier veröffentlicht wurden. Reggaearchive-Records, das neue Label, das sich die Pflege des Erbes des UK-Reggae auf die Fahnen geschrieben hat und zuletzt mit einer schönen Label-Kompilation von Fashion Records auf sich aufmerksam machte, hat nun alle vier Singles sowie die lediglich als Dubplate in Umlauf gebrachte fünfte 12“ schön chronologisch auf der CD “Sound ‘n’ Pressure Story” (Reggaearchive-Records) zusammen gestellt und mit umfangreichen Linernotes versehen. In dieser Zusammenstellung wird deutlich, wie eigenständig der Sound des Labels seinerzeit war. Sein ureigendstes Charakteristikum war es, einen relativ schnellen Steppers-Beat mit der absoluten Langsamkeit des restlichen Arrangements eines Stückes zu kontrastieren. So scheint sich die Bassline kaum von den Tieftönern lösen zu wollen, die Echos schallen endlos zwischen rechtem und linkem Kanal hin und her und die von Melodika oder Keyboard intonierten Melodien fließen zäh wie Honig, während das Schlagzeug in schnellem Schritt durch den Track marschiert. Auch nach über 15 Jahren UK-Dub, haben die fünf Sound ,n‘ Pressure-Stücke wenig von ihrer Faszination verloren. Wie schön, dass sie nun den Sprung ins Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit geschafft haben.
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Apr 05

Umberto Echo

Im Dub gibt es zwei extreme Positionen: die eine wird markiert von stoisch repetitiven Beats, rigorosem Minimalismus und einer fast hypnotischen Wirkung auf die Hörer. Die entgegengesetzte Position versteht Dub als großes Experimentierfeld, als offenen Raum, als Forschungslabor, in dem den Geheimnissen des Sounds nachgespürt wird. Jedes hier seit 2001 besprochene Album befindet sich irgendwo zwischen diesen Polen. Die Alben von Rhythm & Sound verkörpern in bisher unübertroffener Weise die erste Position. Für die zweite Position kann es kein einziges, ikonisches Album geben, denn auf einem weiten Feld haben logischerweise viele Werke Platz. Ein Album, das sich aber zweifellos einen prominenten Platz auf diesem Feld sichern wird, ist „Elevator Dubs“ (enja) von Umberto Echo. Die Website „House Of Reggae“ verurteilte das Album etwas vorschnell als „Jazz-Platte mit Effekten“. Ein (Fehl-)urteil, das sich beim flüchtigen „Reinhören“ schnell einstellt, durch konzentriertes „zuhören“ aber schnell widerlegt werden kann. Obwohl jeder Track des Albums für sich leicht verständlich und zugänglich ist, so ist es das Album als Gesamtheit keineswegs. Das liegt vor allem an dem von Umberto Echo ausgewählten, ziemlich disparatem Material. Da der Münchner Dub-Wizzard für viele Bands aus einem weiten musikalischem Spektrum als Produzent und Toningenieur arbeitet und außerdem vielfältige musikalische Vorlieben jenseits des Reggae hat (siehe Interview auf dubblog.de), verwundert es nicht, dass sein neues Dub-Album ein vor unterschiedlichen musikalischen Stilen nahezu überquellendes Füllhorn ist. Neben Reggae gibt es hier auch Afrobeat, Popsongs, Dubstep, Elektronik, und ja, auch Jazz zu hören. Was mich begeistert, ist die Tatsache, dass diese Vielfalt in keinster Weise beliebig wirkt. Das Gegenteil ist der Fall: egal ob Jazz oder Reggae, Umberto Echos Bearbeitung macht aus der Vielfalt ein konsistentes, schlüssiges und spannendes Werk. Obwohl ich kein ausgesprochener Jazz-Fan bin, folge ich ihm hier gebannt bei jeder Note, bin fasziniert von dem Ideenreichtum seines Mixes, bewundere den durchgängigen Flow der Stücke, schätze die Ausgewogenheit der Effekte und liebe vor allem den mal eleganten, mal geradezu hypnotischen Groove der Musik. Ich kenne Musik nur vom Zuhören, nicht vom Machen, aber bei den Elevator Dubs bilde ich mir ein, die Entwicklung der Tracks, ihre andauernde Verbesserung von Version zu Version bis hin zum ausgewogenen Ergebnis regelrecht nachfühlen zu können. In Reggae und Dub begegnet man selten so perfekten, so sorgfältigen, in ihrer stilistischen Bandbreite so außergewöhnlichen und doch vollkommen harmonischen und zugänglichen Produktionen. Well done, Mr. Echo!

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Mrz 30
Jah Shaka auf dem Unod-Weekender

Jah Shaka auf dem Unod-Weekender

Letztes Wochenende fand in dem Badeort Prestatyn in North Wales/UK der „United Nations Of Dub-Weekender“ statt. Organisiert von dem umtriebigen Dub-Tausendsassa I-mitri, war es das erste mehrtägige Festival des Dub, das je im United Kingdom statt fand. Das Lineup war beeindruckend: Jah Shaka bestritt mit eigenem Sound System den ersten Abend, den zweiten Abend teilten sich – ebenfalls mit eigenen Soundsystems – die Iration Steppas, King Earthquake und Kibir La Amlak. Für den Abschluss am Sonntag stand Aba Shanti-I auf dem Schedule, der aber krankheitsbedingt absagen musste. So spielten statt dessen Jah Tubby‘s, Young Warrior und Channel One um die Gunst der versammelten Dub-Gemeinde. Jeder, der schon einmal ein britisches Dub-Soundsystem live erlebt hat, wird wissen, das die Musik hier (trotz aller proklamierten Spiritualität) zu einer durch und durch körperlichen Angelegenheit wird. Die Bass-Druckwellen, die sich von den ca. vier Meter hohen Lautsprechertürmen der Soundsystems lösen, sind so gewaltig, dass sie nicht nur die Hosenbeine flattern lassen und die Lungenflügel in Schwingungen versetzen, sondern buchstäblich jeden Hohlraum des Körpers wie einen Resonanzkörper zum vibrieren bringen. So habe ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Nasennebenhölen wahrgenommen – nicht unbedingt schön, aber eindrucksvoll.

Alle Soundsystems waren großartig. Sie spielten abwechselnd je drei Tracks zzgl. Rewinds und Versions. Während in der jeweils ersten Stunde alte Roots-Scheiben ihren Weg auf die Plattenteller fanden, gehörte der Rest der Nächte dem UK-Steppers-Sound, ohrenbetäubend laut, gewaltig und hypnotisch. Wird das erste Drittel eines Tracks mit weitgehend ausgewogenem Frequenzverhältnis gespielt, so gehört es zum Dub-Soundsystem-Ritual, dass unweigerlich der Punkt kommt, an dem der Soundman die Bassfrequenz zu hundert Prozent aufdreht und den Tänzern damit geradezu körperlich einen Tritt in den Hintern verpasst. Selbst die coolsten Dreadlocks können dann nicht mehr ruhig stehen.

Ort des außergewöhnlichen Geschehens war ein Veranstaltungshallen-Komplex im Zentrum eines typischen Feriencamps, wie sie im Laufe der 1950er Jahren die britische Westküste überzogen. Ursprünglich boten sie britischen Durchschnittsfamilien preiswerte All-Inclusive-Ferien mit Fünfbettzimmern in Reihen-Bungalows, direktem Zugang zum Strand und abends Entertainment im Spielkasino oder einer der Hallen. Da die goldenen Zeiten dieser Camps längst vorbei sind, öffnen sie ihre Pforten inzwischen liebend gerne auch so absonderlichen Gästen wie langhaarigen Dub-Jüngern aus aller Welt und stellen ihre Hallen in den Dienst einer Musik, welche die ursprünglichen Gäste solcher Anlagen schreiend hätten das Weite suchen lassen. So kam es, dass sich schätzungsweise 800 Dubheads, überwiegend aus dem UK, aber auch aus Frankreich, Italien, der Schweiz und sogar Japan (ich hatte den Eindruck, wir waren die einzigen Gäste aus Deutschland) in einer geradezu surreal wirkenden Szenerie, zwischen ungezählten Geldspielautomaten, Pommesbude, Campingshop, Jugendheim-Ambiente und türkis bestuhlten Mehrzweckhallen wieder fanden.

Neben der Soundsystem-Arena gab es noch zwei weitere „Floors“: die U. N. O. D.-Arena, in der verschiedene Dub-Artists (allerdings mit einer fest installierten PA) auftraten und der „Selector‘s Arena“, dem einzigen Raum mit Club-Feeling, in dem diverse Selectors sich in stündlichen Wechsel den Tonarm weiterreichten. Besonders beeindruckt hat mich der Auftritt von Alpha & Omega, bei dem Christine Omega live Bass spielte. Manassehs Gig mit Kenny Knotts litt unter der Konkurrenz der Soundsystems in der großen Arena und wurde – obwohl er absolut hörenswert war – nur von wenigen Zuhörern verfolgt, wo hingegen Steve Vibronics, Mungo‘s Hifi und die Bush Chemists den Soundsystems mit ihren eindrucksvollen Auftritten locker Paroli bieten konnten. Bei den Selectors hat mich vor allem Marek Bogdanski Dreadsquad mit seinem kunstvollen DJ-Set überzeugt.

Für 2014 ist bereits eine Fortsetzung des Weekenders geplant. Wir werden da sein!

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Mrz 28

Live_In_Dub

Dub Spencer und Trance Hill stehen für einen sehr rockigen, psychedelischen und manchmal an Rockabilly erinnernden Dub-Sound. Dass sie diesen mit Hilfe von Umberto Echo auch mühelos live auf die Bühne transferieren können, beweist das soeben erschienene Live-Album „Live In Dub“ (Echo Beach). Da allerdings der Studio-Sound der vier Schweizer Jungs auch schon verdammt live klingt, leuchtet mir die Notwendigkeit eines echten „Live-Albums“ nicht unmittelbar ein – aber es schadet natürlich auch nicht. Der wahre Wert dieses Albums liegt jedoch viel mehr in den sechs Bonus-Tracks. Hier hat sich nämlich niemand Geringeres als Victor Rice einige Lieblingsstücke aus dem inzwischen recht umfangreichen Repertoire der Band vorgeknöpft und richtig spektakuläre Dub-Mixe daraus gezaubert. Der Mann versteht sein Handwerk. Ich hätte nicht wenig Lust, ein ganzes DS&TH-Remix-Album aus seiner Feder zu hören.

Mrz 24

Tribulation in Dub

Ashley ist ein anderer, interessanter, auf Dubkey vertretener Dub-Artist. Vor rund einem Jahr hatte ich an dieser Stelle sein Album „Land Of Dub“ sehr gelobt. Nun legt er sein zweites Album vor: „Tribulation In Dub“ (Dubkey). Dieses Album hat genau das, was Mind‘s Eye Dubs neuem, ebenfalls auf Dubkey veröffentlichtem Album „Uhuru“ fehlt, nämlich Ecken und Kanten und guten Sound. Aber andererseits fehlt Ashleys Werk wiederum das, was „Uhuru“ auszeichnet, nämlich schöne Melodien und solide Rhythms. Daher wird das Hören von „Tribulation In Dub“ von einem permanenten Defizit-Gefühl begleitet. Irgendwie fehlt hier der Kern der Sache, die Form ist zu groß für den eher spärlichen Inhalt. Schade, „Land Of Dub“ war da um Längen besser. Wer trotzdem selbst urteilen will: http://dubkey.com/dubkey011.html