Dubblestandart: Marijuana Dreams

Freude: wieder ein neues Album von Dubblestandart: „Marijuana Dreams“ (Collision/Groove Attack). Das nunmehr zwölfte und das mit kaum einem Jahr Abstand zum letzten, zu Recht hochgelobten „Return From Planet Dub“. Die Wiener Jungs haben haben wirklich Hummeln im Hintern. Die wollen nur spielen! Und das hört man ihrer Musik auch an. Denn vom Gros der programmierten, synthetischen Dub-Musik unserer Tage, setzt sich die vierköpfige Kombo mit ihrem virtuosen, handgespielten Sound wohltuend ab. Ein Sound übrigens, der mich nicht selten an Adrian Sherwoods Style der 1990er Jahre erinnert. Es ist ein drängender, schneller, in gewisser Weise sogar aggressiver Sound, der seine Nähe zum Industrial nicht verleugnen kann. Kraftvolle Beats, gespickt mit Vocal-Fetzen von so illustren Gästen wie Lee Perry oder David Lynch – womit „Marijuana Dreams“ nahtlos an das Vorgängeralbum anknüpft, denn einige der Tracks, wie z. B. der Jean Michel Jarre-Remix oder Perrys „I Do Voodoo“ und „Chase The Devil“, stammen vom Planet Dub und werden hier in remixter Form erneut auf die versammelte Hörerschaft abgefeuert. Zieht man noch die vier Bonus-Dub-Versions ab, dann entpuppt sich die Sammlung neuen Materials mit sieben Stücken als einigermaßen übersichtlich – was aber nicht als negative Kritik verstanden werden darf, denn bei Dub ist der Remix ja bekanntlich eine Tugend. Womit wir bei der zweiten Qualität der Wiener wären, nämlich ihren Dub-Mixing-Skills. Das machen sie wirklich gut. Ihre Dubs haben eine gute Dramaturgie, sind abwechslungsreich instrumentiert, durchaus üppig arrangiert und mit vielen FX und Samples gespickt. Minimalismus ist das nicht gerade – aber die Tracks erst eigenhändig einzuspielen, nur um sie dann auf Drum & Bass zu strippen, würde mir auch keinen Spaß machen. Spaß machen mir jedoch die wenigen, aber herausstechenden Vocal-Tunes. Während Dubblestandart es hervorragend verstanden haben, das Non-Stop-Geblabber von Mr. Scratch auf kleine Vocal-Schnipsel zu beschneiden, kommen in ihren Marijuana-Träumen auch zwei „richtige“ Sänger bzw. Deejays vor: Anthony B und Elephant Man. Ich muss zugeben, dass ich mir Elephant Man nicht wirklich auf dem Dubblestandart-Sound hatte vorstellen können – muss aber zugeben, dass Ele ein richtig guter Dienstleister ist und den Wienern ein perfekt passenden Song auf die Dub-Beats gezimmert hat. Anthony B ist sogar noch eine Spur besser. Dann wäre da noch David Lynch, der allerdings eher als Marketing-Gag, denn als echter Vokalist mit von der Partie ist. Cool ist allerdings der Dubstep-Remix seines „Songs“, fabriziert vom New Yorker Subatomic Sound System, der das Album beschließt. Fassen wir also abschließend merkfähig zusammen: Album = gut!

Dub Evolution, August 2010

Wer glaubte, die Evolution des Dub wäre mit der „Natural Selection“ abgeschlossen, irrte, denn nun präsentiert uns Greensleeves den „Missing Link“, also Vol. 5 der „Evolution Of Dub“-CD-Box-Serie (Greensleeves). Trotz fortgeschrittener Evolution befinden wir uns zunächst immer noch in Mitten der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und zwar beim Musiker und Produzenten Ossie Hibbert. Er steuert zwei der vier Alben der Box bei: „Earthquake Dub“ und „Crueshal Dub“ (sic!).

„Earthquake Dub“ erschien auf dem Label von Joe Gibbs, nachdem Ossie es ihm im Tausch gegen ein Auto (Errol Thompsons Auto!) überlassen hatte. Im „Reggae: The Rough Guide“ wird es als „militantere Fortführung der „African Dub“-Serie“ beschrieben, was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft. Zu hören gibt es den klassischen, wohlbekannten und allseits beliebten Professionals/Aggrovators/Revolutionaries-Sound, dominiert von Sly Dunbars immer wieder faszinierenden Drumpatterns. Uptempo, leicht und doch auch zielstrebig, bestimmt und geradeaus. Ganz im Stile der Zeit, gibt es vornehmlich Wiederauflagen klassischer Rhythms zu hören wie z. B. „Pick Up The Pieces“ von den Royals oder „Declaration of Rights“ der Abyssinians.

Das zweite Ossie-Album der Box, „Crueshal Dub“, ist so obskur, dass selbst Ossie himself sich kaum noch erinnern kann, wie es zu Stande kam. Soundtechnisch liegt es eindeutig vor „Earthquake Dub“ und konzentriert sich auf die Wiederbelebung alter Studio One-Rhythms. Weniger stark und eigenständig als „Earthquake“, weiß es jedoch durch schöne, kunstvolle Dub-Mixes zu überzeugen.

Die anderen beiden Alben der Box sind ein Novum der Serie, da mit ihnen der Sprung nach England gewagt wird: „King Of The Dub Rock Part 1“ und „Part 2“. Insofern ist der Box-Titel „The Missing Link“ ja verdammt clever gewählt. Produzent beider Alben ist der britische Sound-Man Lloyd Blackford a.k.a. Sir Coxsone Sound. In den sechziger Jahren benannten sich viele britische Sound Systems nach ihren jamaikanischen Vorbildern. Und da Blackfords ärgster Widersacher sich nach Duke Reid benannt hatte, wählte Blackford folgerichtig den Namen von Clement Coxsone Dodd. „King Of The Dub Rock Part 1“ erschien 1975 und enthielt Rhythms von Dennis Bovell und Gussie Clarke. Blackford mischte die Dubs selbst und verlieh den recht unterschiedlichen Sounds so eine gewisse Einheitlichkeit. Das Album ist aus historischen Gründen als „Missing Link“ durchaus interessant, bleibt aber hinsichtlich des Hörvergnügens weit hinter „Part 2“ zurück, der erst sieben Jahre später erschien (und damit den Sprung in die 1980er Jahre vollzog). Ich hatte mir das Album im Jahr seiner Erstveröffentlichung gekauft und war einerseits fasziniert von dem satten Klang, den starken Bläsersätzen und den schönen Melodien, andererseits war ich aber auch ziemlich irritiert von den Space-Invaders-8-Bit-Sounds, die wahllos in die Tracks gemischt waren. Zum Glück wurden diese Overdubs inzwischen entfernt, so dass sich die originalen Dubs hier in ihrer ganzen ungetrübten Schönheit genießen lassen. Nach meinem Geschmack war der Old School Dub zur Entstehungszeit dieses Albums auf seinem künstlerischen Höhepunkt – nur um kurze Zeit später in Jamaika auszusterben. Ich bin gespannt, ob die Boxenserie nun mit Jah Shaka und Mad Professor in England weiter geführt wird. „Escape To The Asylum Of Dub“ wäre doch eine perfekte Fortsetzung …

Wie wäre es mit ein wenig Dub aus Australien? Der gebürtige Brite Brian May werkelt down under an diversen Musikstilen herum, die alle eines verbindet: Dub. Unter dem Pseudonym Beam Up hat er nun das Album „Terra Sonica“ (beamingproductions.com) veröffentlicht auf dem er Dubs präsentiert, die sich stilistisch nicht in ein Genre packen lassen, aber alle den Gesetzen des Dub gehorchen. Das Spektrum reicht von Worldmusic über Reggae bis Dubstep. Nach meinem Geschmack sind genreübergreifende Experimente ja prinzipiell spannend, hier aber will der Funke nicht so recht überspringen. Die Mixe sind brillant, allein an den Rhythms hapert‘s. Die könnten etwas mehr Groove gebrauchen.

Angenehm traditionell geht es hingegen auf dem neuen Album von Aldubb zu: „Aldubb Meets Ras Perez“ (MKZwo Records). Da weiß man, was man hat! Schöne Roots-Dubs, ganz unaufgeregt, ohne Anspruch auf einen Innovationspreis, einfach nur fette Basslines, große Echo-Chambers und ein schöner Old-School-Sound. Entstanden sind die Aufnahmen während vieler Probe-Sessions im hauseigenen Berliner Studio von Aldubb. Drums und Percussion hat der Dub-Meister himself eingespielt, Ras Perez übernahm den Rest. Ein Album, das gewissermaßen unbeabsichtigt entstanden ist. Beim Jammen ließen die Beiden einfach das Band mitlaufen: „Irgendwann waren es so viele Dubs, dass es einfach mal auf CD musste.“ Richtige Entscheidung! Ist ein gutes Album geworden.

Dubstep darf nicht fehlen – vor allem nicht, wenn er von Kanka kommt, jenem französischen Steppers-König, der zuletzt mit seinem Album „Don‘t Stop Dub“ unsere Nachbarn aus dem Bett katapultierte. Unter dem Pseudonym Alek 6 hat er nun das Dubstep-Album „Inside“ (Hammerbass.fr) vorgelegt, das kompromisslos hält, was wir uns von Kanka versprechen, nämlich Bass, Bass und Bass. Drum herum erklingen jetzt allerdings, anders als gewohnt, nur wenige Offbeats – statt Warrior-Style gibt es düstere Elektronik und rigiden Minimalismus. Gelegentlich lodern ein paar Jungle-Breakbeats auf, ansonsten hält sich der Ideenreichtum allerdings in Grenzen. Doch wer braucht für eine betäubende Bass-Dröhnung schon Ideen? Hauptsache die Hose flattert.

Zum Abschluss noch etwas leicht obskures, nämlich ein polnisches Dub-Album von einer Band namens DUP!: „Dup! Session In Something Like Studio“ (dupmusic.com). Das gesamte Presseinfo besteht aus diesen zwei Sätzen: „Wir heißen Dup und präsentieren stolz unser erstes Album. Wir spielen Dub-Musik und unser wichtigster Einfluss ist der Oldschool-Sound alter jamaikanischer Aufnahmen“. Knapp, aber präzise. „Old-School-Dub“ trifft die Sache ganz gut: Dubs, die fast live gespielt klingen, voller Atmosphäre, mit virtuosen Percussions und richtig schönen Basslines. Und natürlich mit Tubby-mäßigen Mixen und extra-sauberem Sound.

Dub Evolution November 2009

„Filz“. Welche Konnotationen begleiten dieses Wort? Wärme, Behaglichkeit, gedämpfter Schall, Weichheit? „Felt“ (Dubmission), das ist der Titel des neuen Dub-Albums von International Observer (hinter dem sich der britische Producer Tom Baily verbirgt, der in den 1980er-Jahren die Pop-Band „The Thomson Twins“ leitete). Die darauf zu hörende Musik ist die Klang gewordene Assoziation des Titels; wunderschöne, melodiöse, warme, behagliche Dub-“Songs“. „Songs“ deshalb, weil die Dubs sich wie vollwertige Songs „anfühlen“, ohne dass tatsächlich Gesang zu hören wäre. Es sind kunstvolle Kompositionen, in denen jeder Ton, jeder Beat sorgfältig abgewogen und austariert zu sein scheint. Alles fließt, blubbert, rollt – unendlich relaxed und doch höchst spannungsvoll. „Relaxed“ nicht „seicht“!: Die mit Filz ausgestopften Bässe wummern kraftvoll im 44-Herz-Keller und die Sogwirkung der synkopierten Beats saugt Ohren, Kopf und Bauch unaufhaltsam durch den Viervierteltakt. Es sind eingestreute Melodica-Melodien, Klänge einer akustischen Gitarre, kontrapunktisch laufende Percussions, Akkordeon-Harmonien oder die vielen anderen, sparsam aber effektvoll eingesetzten melodiösen Zutaten, welche die Musik so entspannt wirken lassen. Tom Baily versteht Dub nicht nur als Sound, sondern als komplexes musikalisches Gebilde, das mit Bauch und Kopf zugleich wahrgenommen werden will. Es ist ein Beispiel für die Kunst, Komplexität leicht und einfach erscheinen zu lassen. Alles ist evident, selbstverständlich, klar und folgerichtig – mit einem Wort: perfekt!

Die Evolution geht weiter – und zwar mit der natürlichen Auslese: „Evolution of Dub, Volume 4, Natural Selection“ (Greensleeves). Nachdem Greensleeves die Reihe mit der Joe Gibbs-Produktion „Dub Serial“ von 1971 eröffnete, steht nun die vierte CD-Box ganz im Zeichen des visionären Produzenten und seines genialen Toningenieurs Errol Thompson.

Die Auslese beginnt im Jahr 1976 mit dem Album „Joe Gibbs & The Professionals: State Of Emergency“ das uns 10 sehr angenehmen Dubs im locker gespielten„Rockers-Style“ präsentiert. Garniert mit schönen Bläser-Melodien –, was die Tracks eher nach Instrumentals denn nach Dub klingen lässt. Zitiert werden hier vor allem klassische Riddims wie John Holt‘s „Up Park Camp“, Jackie Mittoo‘s „Our Thing“ oder „Heavenless“. Jede Melodie eignet sich sich mitsummen und der militante Rockers-Drumstyle lässt die Musik fliegen – ich muss zugeben, dass ich sehr auf den Sound dieser Zeit stehe. Nach den eher trockenen Bunny Lee-Produktionen, bekommt der Reggae nun einen gewissen Swing und die Rhythmen fangen wieder an zu rollen – worauf sich vor allem die „Mighty Two“ (Gibbs & Thompson) prächtig verstanden. Übrigens: Das Cover, auf dem jamaikanische Sicherheitskräfte drei vermeintliche Delinquenten durchsuchen, wurde angeblich 1977 von The Clash für das Album „White Riot“ zitiert.

Album zwei der Box – „Majestic Dub“ von 1979 – stand stets im Schatten von Gibbs berühmter „African Dub“-Serie. Zu unrecht, wie sich hier zeigt, denn das Album enthält einige wirklich bemerkenswerte Stücke. Es unterscheidet sich sehr von „State Of Emergency“, ist ein echtes Dub-Werk mit abgespeckter Produktion und klassischem Dub-Mix. Doch Joe Gibbs gelang es wie stets, seine Tracks so zu arrangieren, dass sie nicht zu leer, zu minimalistisch klangen. Das lag nicht zuletzt daran, dass er sich nicht scheute, moderne (und ungewöhnliche) Synthie-Sounds einzufügen, während Thompson, der begnadete Dub-Mixer, seine Vorliebe für Samples auslebte. Letzterer zeichnet wohl auch für das gänzlich unpassende, aber in seiner elektronischen Fremdartigkeit auch wiederum typische Intro-Sample von Donna Summers „I Feel Love“ verantwortlich. Natürlich kommen auch hier wieder reihenweise bekannte Riddims und Sly Dunbars leichtfüßiger Drum-Style zum Einsatz – doch wer hätte etwas dagegen?

Ein weiter Sprung ins Jahr 1984 führt zum Unvermeidlichen, nämlich der „African Dub“-Serie, von der uns hier das eher unbekanntere, fünfte Kapitel zu Gehör gebracht wird. Lange nach den vorangegangenen vier Kapiteln der Serie veröffentlicht, erreichte es den Markt, als Dub in Jamaika bereits auf dem Sterbebett lag. Der Sound hatte sich stark verändert: statt „Rockers“ war nun „Dancehall“ der prägende Stil. Entsprechend langsam, schwer und bassorientiert waren die Stücke. Wir steigen direkt mit „Full Up“ ein, begegnen kurz darauf „Heavenless“, „Taxi“ und weiteren Classics. Schöne Melodien, satter Sound, gute Mixes – meiner Meinung nach das Beste Dub-Set der Box.

Doch Album vier harrt noch der Begutachtung: „Syncopation“ von Sly & Robbie und natürlich produziert von Mr. Gibbs. Es beschließ die Box, obwohl es aus dem Jahr 1982 stammt, also zwei Jahre vor „African Dub Chapter 5“ entstanden ist. Als Freund alter Sly & Robbie-Aufnahmen legte ich es vor den anderen dreien in den CD-Player – doch es enttäuschte mich! Zum einen, weil der Bass von Robbie kaum zu hören ist – unglaublich! Zum anderen, weil die Rhythm-Twins ihrem manchmal nicht ganz stilsicheren Faible für Pop-Songs freien Lauf ließen. So kommen wir z. B. in den Genuss des Beatles-Klassikers „Ticket To Ride“ (garniert mit einem grenzwertigen Rockgitarren-Solo) oder Leo Sayers „More Than I Can Say“. Dazwischen gibt es dann aber doch auch „ordentliches“ Material: auf „Space Invaders“ und „Laser Eyes“ hören wir Slys für diese Zeit typischen Syndrum-Shuffle-Rhythmus.
Wie gewohnt finden sich im Booklet der Box ausführliche Linernotes, die im ersten Teil die Evolutionsgeschichte des Dub fortschreiben und im zweiten Teil die Historie von Joe Gibbs minutiös referieren.

The Return of Dub Spencer und Trance Hill! Zwei Jahre wurde am neuen Album geschraubt, jetzt ist es fertig: „Riding Strange Horses“ (Echo Beach). Das vermeintlich italienische Duo, das aber tatsächlich ein Züricher Trio (rund um den Bassisten Marcel Stadler) war und nun zu einem Quartett angewachsen ist, nimmt den Titel offensichtlich wörtlich und präsentiert uns vornehmlich Cover-Versionen von Songs unterschiedlicher Genres. Wie bei Echo Beach guter Brauch, gibt es natürlich Versionen von The Ruts und Martha & The Muffins. Darüber hinaus hören wir (in diesem Kontext) wirkliche „strange horses“, die hier geritten werden, wie z. B. Metallica, Deep Purple oder Grauzone. Dazu gesellen sich gelegentlich kurze Vocal-Passagen von Lee Perry, Robin Scott, W. S. Burroughs, The Catch u. a. Das macht klar, dass wir es hier mit einem großen Rock-Remix zu tun haben, mit einer Echo-Chamber also, die aus Rock-Klassikern Reggae-Dubs macht. Faszinierend ist dabei, dass die Schweizer Jungs dazu das selbe Instrumentarium einsetzen wie die Rock-Größen in den Originalen. Und genau das ist der USP von Dub Spencer und Trance Hill: Sie spielen eigentlich Rock mit einem Reggae-Offbeat – was sie akustisch übrigens stark in die Nähe des New Yorker „Dub Trio“ bringt. Groove, Timing und One Drop stimmen, doch es sind Sound und Arrangements, die hier ihre Referenz zum Rock nicht leugnen können. Mich würde es nicht wundern, wenn alle Dub-Effekte zudem live gespielt wären, so dass die Musik genau das vermeidet, was Dub eigentlich ausmacht, nämlich die kreative Bearbeitung am Mischpult. Das Ergebnis ist jedenfalls eigenwillig und faszinierend – sofern man keine Probleme mit Hooklines wie „Smoke On The Water“ hat.

Finn the Giant ist ein Dub-Produzent aus Malmö, Schweden, der vor vier Jahren das „Heavyweight Roots Dub Reggae“-Netlabel „Giant Sounds“ gegründet hat (giantsounds.com). Nun ist die Zeit reif für die erste echte, physikalische CD-Veröffentlichung: „Dub Pon Top“ (Import). 14 Dubs hat der Gigant hier versammelt: Kraftvolle Steppers-Beats, deren digitale Herkunft unüberhörbar ist. Gelegentlich gibt es Melodica-Einsprengsel oder angerissene Synthie-Melodien, doch das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf den Grundrhythmen, die in stoischem, meditativem Takt voranschreiten.  Dabei ist es Finn durchaus gelungen, den Beat zu variieren und melodiöse und abwechslungsreiche Riddims zu bauen. Doch so inspiriert die Riddims auch sind, der Sound ist es leider nicht. Zwar sind die Tracks dynamisch abgemischt, so dass der Groove stimmt. Aber Finn gelingt es nicht, seinen synthetisch und irgendwie „eng“ klingenden Studiosound zu eliminieren. Seine Dubs könnten viel mehr Luft und Weite vertragen. Hoffen wir, dass die Erlöse von „Dub Pon Top“ für ein neues Mischpult reichen werden …

Nach den melodiösen Reggae-Basslines gibt es nun – zum Freiblasen der Ohren – eine Exkursion in die technoid wummernden Bass-Sphären des Dubstep. Mit „Steppas‘ Delight 2“ (Souljazz) liegt eine weitere wichtige Bestandsaufnahme der Szene vor. 26 Bass-gefüllte Tracks werden uns hier regelrecht um die Ohren gehauen und in die Magengrube gerammt. Bereits Track 1, „Grime Baby“ von Gemmy, macht klar, wohin die Reise gehen wird: In ein wütendes Bass-Inferno. Wer diesen Tune zu laut aufdreht, darf hinterher die Fetzen der Subwoofer-Membran vom Boden aufsammeln. Minimal aber gewaltig. Im Verlauf des Doppel-CD-Samplers begegnen wir auch weniger radikalen Statements sowie manchem angenehmen Garage-House-Groove, und werden ganz nebenbei feststellen, dass Dubstep sich inzwischen stärker differenziert hat und über ein größeres stilistisches Spektrum verfügt. Was sich übrigens auch an neuen Namen in der Szene ablesen lässt. So finden sich hier neben Benga und Appleblim kaum „Veteranen“. Doch das junge Gemüse macht einen guten Job und wir dürfen der Zukunft des Genres hoffnungsvoll entgegen sehen.

Ein weiterer, interessanter Dubstep-Release ist „Studio Rockers At The Controls“ (Studio Rockers). Auf diesem Sampler gibt es einige Reminiszenzen an Reggae wie z. B. Samples, Bläsermelodien oder ganze Reggae-Vocals. Die 23 Tracks sind von Tony Thorpe ineinander gemixt und stammen weitgehend aus dem Archiv des Studio-Rockers-Labels. Ich kann mich nicht erinnern, den Namen Tony Thorpe je gehört zu haben, angeblich ist er aber für seine Dub-Produktionen bekannt und hat sowohl Massive Attacks „Meltdown-Festival“ geleitet, als auch Remixes für Amy Whitehouse, Erykah Badu und Lee Perry geliefert. Wie dem auch sei – sein Parforce-Ritt durch die Welt des Dubstep zeugt von gutem Gespür für Bass & Beats. Wer eine erste, vage Exkursion in das neue Genre unternehmen will, der kann hier starten.

Dub Evolution Juni 2009


Mit höchsten Erwartungen sah ich dem Dub-Dokumentarfilm von Bruno Natal entgegen. Mit zu hohen Erwartungen, wie es scheint, denn statt die Musik, ihre faszinierende Art der Produktion und Aufführung zu portraitieren, erging sich der Film in der Aneinanderreihung oft nicht allzu substantieller Interviews. Vielleicht war das der Grund für Souljazz‘ Entscheidung, dem Film eine CD gleichen Titels zu widmen – die allerdings nicht im Bundle mit dem Film vertrieben wird, sondern extra gekauft werden muss. Ein Kauf, der sich durchaus lohnt, da die CD „Dub Echoes“ (Soul Jazz/Indigo) keineswegs den „Soundtrack“ der Doku enthält, sondern eine gänzlich eigenständige und zudem äußerst kompetente und geschmackssichere Zusammenstellung von Dubs aus der langen Geschichte des Genres. Das Spektrum erstreckt sich von Lee Perry-Produktionen über King Tubby-Mixen zu Sly & Robbie, Rhythm & Sound bis hin zu aktuellen Dubstep-Tracks von Kode9 oder Harmonic 313. Und wie es bereits die Dynamite-Kompilationen zeigen, hält man bei Souljazz nichts von Chronologie. Weshalb der C64-Sound von Disrupt hier nahtlos auf das Dub Syndicate mit Bim Shermans einschmeichelnder Stimme prallt, nur um danach von einem Dubstep-Wumms hinweggefegt zu werden, der schließlich von einem nicht weniger kraftvollen King-Tubby-Dub kontrastiert wird. Orthodoxe Musikhistoriker werden bei diesem Durcheinander Ausschlag bekommen. Einen Vollrausch hingegen dürften Musikhedonisten erleben, denn die ungewöhnliche Mischung der Tracks ergibt eine faszinierend ganzheitliche Dub-Experience, in der die spezifischen Eigenheiten und zugleich die Universalität von Dub ganz und gar evident vor Augen treten. Eine sinnliche Einsicht, die nur von dem Werk selbst und nicht durch eine sachliche Dokumentation geleistet werden kann. Vielleicht hatte der Film daher nie eine Chance, sein Thema in den Griff zu bekommen. Die CD schafft es hingegen mit traumwandlerischer Sicherheit. Ich würde mir eine ganze Kompilationsreihe nach diesem Muster wünschen. Und überhaupt: Eigentlich ist es doch mal wieder an der Zeit für Dub-Compilations – Dubstep sei Dank!

Wo wir gerade von Dubstep reden. Die Doppel-CD „I Love Dubstep“ (Rinse/Groove Attack) ist mit einem Jahr Verspätung auch in Deutschland gelandet. Rinse bürgt nach Compilations von Skream und Plastician für ausgesuchte Dubstep-Qualität. Mit „I Love Dubstep“ hat das Pirate-Radio nun eine Sammlung des Best Of der letzten 5 Jahre des jungen Genres versammelt. Die 23 Tracks der Disc 1 wurden vom vielleicht meist beschäftigten Compilation-Mixer Youngsta zusammengestellt und präsentieren das Who Is Who des Dubstep: Skream, Caspa, Loefah, Skream, Benga, Distance und – hatte ich ihn schon erwähnt: Skream. Wobble-Bass-Tracks haben hier die Oberhand, schön technoid und minimalistisch. Der Disc 2 hat sich hingegen Geeneus angenommen und führt uns eher zur dunklen Seite des Dubstep. Bezeichnenderweise beginnt er seine Kollektion mit Shackleton und beendet sie mit Burial. Dazwischen versammelt er Digital Mystikz, The Bug, Fat Freddy‘s Drop (die man hier eher nicht erwartet hätte) und natürlich Skream. Wer dein Einstig in Dubstep wagen möchte, ist mit den 45 Tracks bestens bedient.

Weiter geht‘s mit dem zweiten Dubstep-CD-Release des Monats: Caspa, „Everybody‘s Talking – Nobody‘s Listening“ (Sub Soldiers/Rough Trade). Gleich beim Intro wurde es mir so richtig warm ums Herz: Die Stimme des guten alten David Rodigan, der hier zu einem Lobgesang auf Caspa anhebt, hatte ich schon lange nicht mehr im Radio gehört. Die 12 Tracks, die dann folgen, haben mit Reggae allerdings nichts zu tun. Dafür umso mehr mit einem Großraumdisco-Rave. Verglichen mit den Produktionen auf „I Love Dubstep“ sind Caspas Dubs häufig gnadenlos überproduziert, pendeln zwischen Techno und Pop und nerven nicht selten durch ausufernde Grime-Raps und Voiceovers (wie passend bei dem Albumtitel). Es gibt aber auch reduziertere – und dafür umso schlagkräftigere – Tracks wie z. B. „Terminator“, der ganz von einem bestialisch brutalen Wobble-Bass dominiert wird, oder „I Beat My Robot“ – mechanisch kalt, rücksichtslos und böse.

Da wünscht man sich die warmen Beats des klassischen Reggae-Dubs zurück. Und wer liefert sie uns? Natürlich wieder unser heimatliches Lieblingslabel Echo Beach. Dieses Mal wird ein extraterrestrisches Dub-Artefakt präsentiert: Dubblestandart, Lee Scratch Perry & Ari Up, „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack). Zurück vom Planeten Dub, packen die vier Wiener Jungs von Dubblestandart aus, was sie uns von dort mitgebracht haben: Fundstücke, Trophäen und die akustischen Aufzeichnungen zweier Aliens mit den Namen Lee „Scratch“ Perry und Ari Up. Okay, Alien Nr. 1 hat eine abschreckende Wirkung, ich weiß! Perrys Gebrabbel ist in der Tat kaum erträglich. Aber die Dubblestandarts haben seinen Redeschwall wohltuend auf einen Bruchteil beschnitten, so dass seine Songs eher Dubs mit eingesampelten Vocals ähneln. Nur beim „Fungus Rock“ darf Perry nach Belieben über Pilzerkrankungen der Vagina fabulieren – diesen abgefahrenen Text zu kürzen, brachte wohl niemand übers Herz. „Fungus Rock“ ist aber aus einem weiteren Grund interessant, denn hier experimentieren die Wiener Dubheads ganz virtuos mit Dubstep. Überhaupt muss man konstatieren, dass die Dubblestandarts wahrlich auf der Höhe der Zeit sind. Jeder Song steckt voller guter Ideen, der Mix ist spannend, die Basslines swingen und der Sound ist überwältigend. Und damit sich diese Virtuosität auch richtig auskosten lässt, bietet CD 2 des Doppelalbums alle Tracks noch einmal als Dub-Versions – was nach einer absurden Idee klingt, da jedes Stück auf CD 1 ja schon ein Dub ist. Egal, ich würde auch noch eine dritte CD mit Remixen der Remixe begeistert anhören. Zumal es hier von unsterblichen Melodien nur so wimmelt. So gibt es sehr, sehr coole Neuinterpretationen von „Chase The Devil“ und „Blackboard Jungle“ – warum ist bei Lee Perry als Studiogast sonst noch niemand auf diese grandiose Idee gekommen? Mein persönlicher Favorit ist jedoch die Jean-Michel Jarre-Hommage „Oxygen pt. 4“ mit Regisseur David Lynch am Mikrophon. Da kann man nur sagen: Welcome back! Wir sind froh, dass ihr wieder da seid!

Nicht vom Planeten Dub sondern aus dem schönen Norditalien erreichte mich das neue Album der R. B. Stylers, „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import). In bester Old School-Manier präsentiert es 12 Tracks als Showcase, also je ein Song gefolgt von seinem Dub-Mix. Handgespielte, wuchtige Rhythms prägen den Sound, der irgendwo zwischen Zion Train und Draedzone liegt. Besonders erwähnenswert sind die melodiösen und zugleich kraftvollen Songs von Sängerin Michela Grena, die einerseits einen schönen Komplementär zu den Rhythms bildeen, andererseits aber – wie auf Startsong „Let The Shine“ gut zu hören – in perfektem Einklang mit der Musik stehen. Nahtlos gehen die Vokalversionen in den Dub-Mix über, so dass ein Stück fast 8 Minuten dauert. Das Beste an dem Album ist aber, das es – kaum zu glauben – kostenlos (und legal) auf der Homepage der B. R. Stylers (www.brstylers.com) heruntergeladen werden kann.

Dubmix zur Dub Evolution Juni 2009

Tracklist:

King Tubby & The Aggrovators: „Ruffer Version“ aus dem Album “Dub Echoes” (Soul Jazz/Indigo)
Dubblestandart: „Blackboard Jungle Dub (Featuring Lee „Scratch“ Perry)“ aus dem Album „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack)
Skream: „Dutch Flowerz“ aus dem Album „I Love Dubstep“ (Rinse/Groove Attack)
Caspa: „I Beat My Robot“ aus dem Album „Everybody‘s Talking – Nobody‘s Listening“ (Sub Soldiers/Rough Trade)
B. R. Stylers: „Let Them Shine“ aus dem Album „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import)
B. R. Stylers: „Let Them Shine Dub“ aus dem Album „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import)
Dubblestandart: „Chrome Optimism – Oxygen Pt.4 Dub (Featuring David Lynch)“ aus dem Album „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack)

Download mp3 (27 MB): dubmix_6_2009

Dub Evolution April 2009

 

Dass Dub in Deutschland überlebt hat, haben wir einzig und allein einem Label zu verdanken: Echo Beach. Gegründet während der Blütezeit des UK-Dub, hat es die Fahne des Dub in all den Jahren der Dürre und Entbehrungen hoch gehalten und feiert heute seinen unglaublichen 15. Geburtstag. 1,5 Dekaden First Class-Dub aus Deutschland und dem Rest der Welt (mit bahnbrechenden und Dub-Geschichte schreibenden Alben u. a. von Black Star Liner, The Groove Corporation, Manasseh, Seven Dub, Dubblestandart, Noiseshaper, Cool Hipnoise und den More Rockers), da hätte man mit gutem Recht einen Best Of-Sampler erwarten können. Doch nein, Mr. Beverungen from outta Hamburg überrascht uns mit einer neuen Ausgabe seiner legendären King Size Dub-Serie – der dreizehnten, wenn ich richtig gezählt habe (Echo Beach/Indigo). Und weil das ein schlechtes Omen ist, hat man einfach zu einer anderen Zahl gegriffen, deren Symbolgehalt weitaus vielversprechender ist, der 69! Darauf hat unser hanseatischer Dub-Ritter (und -Retter) 14 exklusive Tracks von seinen Lieblings-Label-Artists versammelt und den Mark Viddler-Dubmix von Martha & The Muffins Song „Echo Bach“ programmatisch an den Anfang gestellt. Es folgt ein reichlich spaciges Dub-Cover des Special-Hits „My Rasist Friend“, dargeboten von Deepchild feat. Andy B. Hohe Dub-Mix-Kunst! Dann ein Track, mit dem man nie und nirgends etwas falsch machen kann: „Peace & Love“ von Dubmatix feat. Linval Thompson (vom aktuell bei Echo Beach erschienenen Album „Renegade Rocker“). Geht es um die New School des Old School-Dub, dann macht Dubmatix aka Jesse King zurzeit niemandem etwas vor. (Ich höre aktuell zwei großartige neue Dubmatix-Singles, die in Kürze bei irieites.de erhältlich sein werden – nicht Echo Beach, aber trotzdem klasse). Ebenfalls groß: Junglehammer vs. Daktari, ein kraftvoller, schneller Dub. Die perfekte Wahl nach dem Dubmatix-Kracher. Weiter geht‘s mit Smoke (vom aktuellen Album „Addicted“), dann (zum x-ten Mal – aber beim Jubiläumssampler drücken wir mal ein Ohr zu) mit The Ruts DC. Es folgen vier grandiose Dub-Cover: „House Of The Rising Sun“ (Animals), „Walking On The Moon“ (Police), „Private Life“ (Pretenders) und „Jeanny“, eine richtig deepe Dub-Version von Falcos kontroversem 80er-Hit. Den Abschluss bilden Dubblestandart mit Lee Perry, das Dub Syndicate, Sugar Sugar (von Seven Dub) und Ari Up vs. X. A. Cute, die einen interessanten Crossover von Cutty Ranks und Dubstep fabriziert haben. Mit anderen Worten: Ein richtig gutes, fettes Jubiläumspräsent, das Echo Beach uns und sich selbst zum Geschenk gemacht hat. Auf die nächsten 15 Jahre!

Ich lebe in dem sehr befriedigenden Bewusstsein, mich zumindest in einem musikalischen Kosmos wirklich gut auszukennen: Dub. Doch in letzter Zeit mache ich immer wieder die – allerdings keineswegs unangenehme – Erfahrung, dass es noch einige unentdeckte Winkel und mir unbekannte Protagonisten gibt. Wie z. B. Sideshow, deren Debut-CD „Admit One“ (Aus Music/Alive) letztens auf meinem Schreibtisch landete. Der Name sagte mir gar nichts und ein Blick ins Presseinfo nährte den Verdacht, dass diese CD womöglich nur fehlgeleitet worden war. Die Rede war dort nämlich vom Singer/Songwriter Fink, der seit 2003 Alben auf Ninja Tune veröffentlicht, auf denen er sich beim Singen mit der akustischen Gitarre begleitet. Also so ungefähr das Gegenteil von Dub. Egal, ich beschloss die Musik sprechen zu lassen und legte die CD in den Player. Immerhin hörte ich nicht einen Mann mit seiner Gitarre, sondern einen waschechten Indi-Popsong mit weiblicher Sängerin (Cortney Tidwell, wie sich später herausstellte) – aber letztlich auch nicht meine Tasse Tee. Fast hätte ich die CD schon gestoppt, als der zweite Track begann und mir eine Bassline entgegenschallte, die meine Eingeweide erbeben ließ. Wow – was war das? Four to the floor stampfte der Beat durch Raum und Zeit und hinterließ Spuren lang nachhallender Echos. Dabei – und das passte perfekt zu dem ungewöhnlichen Einstiegssong – klang alles so wunderbar analog und menschlich, hatte Wärme und Atmosphäre. Beim dritten Track dann erklang die vertraute Stimme von Paul St. Hilaire, womit dann auch klar war, wohin die Reise bei den verbleibenden sieben Tracks gehen sollte: Zu einer der schönsten und spannendsten Dub-Exkursionen der letzten Monate. Fink aka Fin Greenall hat dieses Album mit seiner Tour-Band live eingespielt, gewissermaßen zur Entspannung: „Im Dub geht es für mich nicht um rationales Denken, sondern eher um emotionales Handeln, um Freiräume, eine gewisse Beschaffenheit,“ sagt Greenall: „Dub ist für mich wie die Kirche der Musik, eine gewisse Unschuld mit riesiger Kraft.“ Sehr schön poetisch – und man glaubt es ihm spätestens, wenn auf „If Alone“ die klagenden Streicher ertönen, in denen der Weltschmerz über unablässig heranströmenden Bass-Wogen ausgebreitet wird, nur um dann in einer höchst eigenwilligen Version von Kraftwerks „Modell“ zu münden. Wer so etwas als Entspannungsübung betreibt, muss schon ein begnadeter Musiker sein – von denen es in den verschiedenen musikalischen Genres ja eine Menge gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihr Herz für Dub entdecken und dafür sorgen, dass noch so manche obskure CD auf meinem Schreibtisch landet.

Das genaue Gegenteil von „handgespielter“, analoger Musik liefert das Label Jahtari, das sich – wie der Name vermuten lässt – dem 8Bit-Sound früher Computer wie Atari und vor allem dem C64 mit seinem (damals) überragenden Soundchip verschrieben hat. Labelchef Disrupt legt nun mit „The Bass Has Left The Building“ (Jahtari/Cargo) sein zweites, „echtes“ Album vor, auf dem er die Verbindung von Dub und 80er-Jahre Computergame-Sounds weiter auslotet. Damit tritt er unweigerlich in die Fußstapfen von King Jammy, der 1985 mit Sleng Teng den ersten vollsynthetischen Reggae-Sound produzierte. Doch während Jammys Epigonen heute mit modernster Software wie Logic und Cubase arbeiten, beschränkt sich Disrupt bewusst auf das minimale Soundrepertoire des dreistimmige SID-Chips, der seinerzeit im C64 steckte. Was lässt sich mit diesem beschränkten Instrumentarium anstellen? Ehrlich gesagt: nicht sehr viel – obwohl, andererseits, auch wieder mehr als gedacht. Im schlechtesten Fall klingen die Stücke nach den simpel gestrickten Soundtracks alberner Jump & Run-Spiele, im besten Fall gelingt es Disrupt komplexere Shuffel-Beats zu komponieren, die gelegentlich sogar in die Nähe von Rhythm & Sound-Tracks kommen. Letztlich lässt sich diese Musik mit gewöhnlichen Qualitätskriterien aber nicht fassen. Dubs aus C64-Sounds sind ein Experiment, das, egal ob es scheitert oder gelingt, unseren musikalischen Horizont erweitert – und damit seine Berechtigung hat.

Wahre Reggae-Buffs kennen Clinton Fearon. Auch wenn sie ihn in dieser Kolumne nicht erwartet hätten, denn Fearon ist als Mitglied der Gladiators und somit als Sänger bekannt. Doch nun hat der Reggae-Veteran, der nicht nur Sänger sondern auch Bassist ist und bereits im Studio One und im Black Ark-Studio spielte (und mittlerweile in Seattle (USA) lebt), ein waschechtes Dub-Album aufgenommen. „Waschecht“ bedeutet, dass es nicht nur der Dubmix eines vorliegenden Vokal-Albums ist. Nein, „Faculty Of Dub“ (Boogie Brown/Import oder iTunes) ist ein originäres, „handgespieltes“ Dub-Album. Und ein sehr gutes dazu, mit wunderbarem Old School-Flair, klassischer Besetzung, sanften, harmonischen Rhythms und einfachem, aber sehr angenehmen Mix. Solche Musik kann man wunderbar im Büro laufen lassen. Sie verbreitet Wärme und Wohlbefinden, wirkt beruhigend aber keineswegs langweilig. Die Faculty Of Dub ist schlicht und ergreifend das, was man ein „solides Dub-Album“ nennt. Und genau davon gibt es in den letzten Jahren viel zu wenig. Auch jenseits musikalischen Engagements scheint Mr. Fearon aktiv zu sein. Eine Google-Suche nach seinem Namen fördert einen Blog mit dem Titel „Boogie Brown and the Baby Notes“ zutage, in dem Fearon Geschenkideen (meist Geschenkkörbe) anpreist. Die Geschenkkörbe gibt es dann auf einer kanadischen Shopping-Site. Na ja, seit mit Musik kaum noch Geld zu verdienen ist, müssen Musiker auch alternativen Einnahmequellen gegenüber aufgeschlossen sein.

Aber da wir gerade im Netz herum surfen, muss ich noch einen Tipp für einen richtig guten Dub-Podcast loswerden: thedubzone.blogsome.com. Produziert wird er von Pete Cogle, der bis zu drei mal monatlich eine ca. halbstündige Show ins Netz stellt. Dafür greift er ausschließlich auf im Netz frei verfügbare Downloads zurück und nimmt somit seinen Hörern die Mühe ab, selbst Musik-Community-Sites wie reggaedubwise.com nach gutem Material zu durchforsten. Ich bin jedenfalls immer wieder sehr erstaunt, welch gute Dubs Mr. Cogle sich so zusammen klickt (und vor allem bin ich darüber erstaunt, welch gute Qualität „Hobby“-Dub-Produzenten so ins Netz stellen).

Dubmix zur Dub Evolution April 2009

Tracklist:

Deepchild feat. Andy B: „Racist Friend“ vom Album „King Size Dub Chapter 69“ (Echo Beach/Indigo)

Sideshow: „Sequential Dub“ aus dem Album „Admit One“ (Aus Music/Alive)

Disrupt: „Impossilbe Mussion III“ aus dem Album „The Bass Has Left The Building“ (Jahtari/Cargo)

Clinton Fearon: „Kingston Walk“ aus dem Album  „Faculty Of Dub“ (Boogie Brown/Import oder iTunes)

Download mp3 (17MB) dubmix_4_2009

Dub Evolution, Januar 2009

 

Dub ist ein internationaler Style und die besten Dub-Produktionen kommen schon lange nicht mehr allein aus dem UK (ganz zu schweigen von Jamaika). Doch haben wir hier je über Kanada als Dubbin-Ground gesprochen? Abgesehen von Dubmatix, der hier lebt und arbeitet, schallten aus dem Norden des amerikanischen Kontinents bisher keine Echos zu uns herüber. Doch wie sich nun zeigt, lag das daran, dass wir nicht aufmerksam genug hingehört haben, denn bereits seit einigen Jahren veröffentlicht das kleine Label „Balanced Records“ eine hoch interessante musikalische Mixtur, in der Dub einige Volumenanteile ausmacht. Im Wesentlichen geht es bei „Balanced“ um Downtempo, Nu Jazz, Electro und Dub, das Ganze zusätzlich mit globalen Sounds gewürzt. Doch nun –  wahrscheinlich weil der Dub-Virus sich unaufhaltsam ausbreitet, hat er sein Opfer erst einmal infiziert – ist der Label-Sampler „Nothern Faction 4“ (balanced-records.com) ausgesprochen dublastig ausgefallen. Die Labelmacher haben sich dazu nicht nur ihres eigenen Musiker-Stalles bedient, sondern passende Tracks rund um den Globus lizensiert. Dabei sind 14 Artists zusammen gekommen, von denen ich bisher nur Noiseshaper, Dubmatix und das Subatomic Sound System kannte. Die meisten anderen sind im engeren Sinne auch keine Dub-Artists, was die Sache aber umso interessanter macht. Denn so finden sich die straighten Dubs eines Dubmatix z. B. in spannungsvollem Kontrast zu einem melancholischem Nu Jazz-Stückes oder einem harten Elektro-Track. Statt 70 Minuten stoisch im Offbeat-Tackt zu wippen, eignet sich „Nothern Faction 4“ eher zum aufmerksamen Hinhören und zum Einlassen auf unterschiedliche Stimmungen. Mit anderen Worten: Es ist ein etwas intellektuelleres, dafür aber gerade besonders erlebnisreiches Album, das sich mit Bauch und Kopf gleichermaßen genießen lässt.

Statt gradliniger, hypnotischer Dub-Alben, häufen sich diesmal eher etwas ungewöhnliche und vertrackte Werke auf meinem Tisch, Alben, die mehr am Rande des Genres, statt in dessen One-Drop-Zentrum zu operieren. Da wäre zum Beispiel das neue Album „Visions In Sonic Sense“  (Malicious Damage/Cargo) von Analogue Mindfield, das – wenn man es als physischen Datenträger kauft – mit psychedelischem Cover und beiliegender grün-roten 3D-Brille kommt. Während man im Raum fliegende 3D-Augen betrachtet, gibt es eine Musik zu hören, die sich dem Leftfield-Spektrum zuordnen lässt und ein wenig wie unveröffentlichte Dreadzone-Tracks klingt. „Akustische Klanglandschaften bestehend aus herausvordernder, aber trotzdem zugänglicher Musik“ sind das Ziel der irischen Band. Was sich hier so abstrakt anhört, lässt sich auch als eine Mischung aus Reggae-Dub (auch Old-School), Pop und Elektronik bezeichnen. Dabei gibt es (übrigens auch wie bei Dreadzone) überaus eingängige, fast schon chartstaugliche Stücke, aber auch experimentelle und schräge Dubs zu hören. Kennzeichnend sind stets mal kleine, mal große Melodien, die sich in den Gehörgängen einnisten. Dazu kommen schnelle und vielfach synkopierte Beats und ein ganzes Universum diverser kleiner Sounds, kleiner Synthie-Melodiefolgen und Vocal-Samples – manches grenzt schon an Überproduktion. Insgesamt herrscht eine leichte, gut gelaunte Stimmung und es macht unzweifelhaft Spaß, sich auf die „Visions In Sonic Sense“ einzulassen.

Weiter geht‘s mit einer Expedition an die Grenzen des Dub. Unser Guide heißt Harmonic 313 und unser Forschungsgebiet ist die Zeit, „When Machines Exceed Human Intelligence“ (Warp/Roughtrade). Jene futuristischen Sphären sind nämlich das Lieblingsbeschäftigungsfeld vom Marc Pritchard, jenem Elektro-Künstler, der sich seit Beginn der 1990er Jahre der so genannten „UK-Bass-Music“ verschrieben hat. Damit dürfte klar sein, worin der Bezug zum Dub hauptsächlich besteht: im Bass. „Bass! How Low Can You Go?“ fragte Public Enemy vor 20 Jahren. Pritchard liefert mit seinem neuen Album nun eine beeindruckende Antwort auf diese Frage. Seiner Auffassung nach wird die Tanzmusik Englands seit fast 20 Jahren vom Bass regiert: Dub, Jungle, Drum & Bass, Garage, Dubstep – und bei allen Styles hatte er ein Wörtchen mitzureden gewusst. Und so verwundert es nicht, dass die futuristisch-düsteren, aber auch harten und rationalen Sounds auf „When Machines Exceed Human Intelligence“ am ehesten an Dubstep erinnern (mit deutlichen Referenzen an Detroit Techno und 80er-Elektro). Reggae sucht man hier (abgesehen vom Intro-Sample) vergeblich, aber das Übermaß an Bass dürfte trotzdem jeden Freund des Dub in einen glückseligen Zustand versetzen. 

Da wir uns gerade schon so weit vom klassischen Dub-Terrain entfernt haben, bleiben wir noch ein wenig in diesem Grenzgebiet und hören mal in das Album „Underground Wobble“ (Jarring Effects/Alive!) von High Tone. Unter diesem Titel firmiert eine Gruppe von Dub-Alchemisten aus Lyon, die eine eklektizistische Musik aus Dub, Industrial, Hip-Hop, Trip-Hop und Ethno Samples zusammen basteln und das Ganze „Novo-Dub“ nennen. Zu hören gibt es teils schwere, teils wilde Break- und Offbeats, kreischende Synthies, orientalische Melodieornamente und hypnotische Keyboardsounds. Das richtige Material, um sich die vom Harmonic 313-Bass zugedröhnte Ohren freipusten zu lassen. Wer genau hinhört und den vollen, reichen Sound der Tracks durchdringt, der entdeckt faszinierende Details, wie z. B. sanfte Jazz-Einlagen, die von wildem Sirenengeheul kontrastiert werden, Synthie-Eskapaden (die ebenso gut Samples von Oper-Gesang sein könnten), sowie stets undeutliche, geheimnisvolle Funksprüche (in denen wahrscheinlich eine Verschwörungstheorie diskutiert wird). Statt eines durchgehend brachialen Sounds, folgen die einzelnen Stücke einer ausgeklügelten Dramaturgie voller Kontraste und Überraschungen.

Zum versöhnlichen Abschluss gibt‘s noch mal richtigen Reggae: „Infinite Dub“ von Midnite/Lustre Kings (Lustre Kings/Import). Dabei handelt es sich um die Dub-Version des Albums „Infinite Quality“, einer Zusammenarbeit von Midnite-Sänger Vaughn Benjamin mit dem Lustre-Produzenten Digital Ancient. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist – zumindest in Dub-Form – einigermaßen langweilig. Die Riddims doch recht durchschnittlich, der Gesang ist nur in winzigen Fetzen zu hören (ist ja Dub!) und die Produktion ist, nunja, sagen wir: wenig inspiriert. Irgendwie hört sich der Sound merkwürdig dumpf an. Tja, man sieht, das ich dem Album wenig Positives abgewinnen kann. Die Vocal-Version war gewiss besser, denn die wenigen Melodiefetzen, die das Dub-Treatment überstanden haben, hören sich vielversprechend an.

Dubmix zur Dub Evolution, Juli 2008

Tracklist:

1. Sam Ragga Band: „Wasser Dub“ aus dem Album: „In Dub“ (Echo Beach/Indigo)
2. Roots Radics Meets King Tubbys: „The Highest“ aus dem Album „More Dangerous Dub“ (Greensleeves/Rough Trade)
3. Scientist: „Mr. Babylon Dub“ aus dem Album „Scientist At The Controls Of Dub – Rare Dubs 1979-1980“ (Jamaican Recordings/Import)
4. Casualty: „I Want You To Get Mad“ aus dem Album „Version 5.2“ (Hammerbass/Import)
5. Seventeen Evergreen: „Ensonique“ aus dem Album „Steppas‘ Delight“ (Souljazz/Indigo)
6. Michael Rose & Shades Of Black: „Dub Expectations“ (Nocturne/Rough Trade)
7. Haaksman & Haaksman: „Na Lathina“ aus dem Album „Best Seven Selections 3“  (Best Seven/Sonar Kollektiv/Rough Trade)
8. Vibronics: „Congo Natty (Dubplate Version)“ aus dem Album „Lead With The Bass 3“ (Universal Egg/Cargo)

Download mp3 (25 MB): dub-evolution-7_2008

Dub Evolution, Juli 2008

Und wieder veröffentlicht das nimmermüde Hamburger Dub-Label Echo Beach ein neues Dub-Album aus deutschen Landen: Sam Ragga Band, „In Dub“ (Echo Beach/Indigo). Wer die Sam Ragga Band nur für die Backing-Band von Jan Delay hält, der kennt nur die halbe Arbeit. Seit Jan Eißfeld sich vom Reggae ab und dem Funk zuwandte, agiert die Sam Ragga Band nämlich auf eigene Kosten und hat in der Zwischenzeit drei (!) eigene Alben aufgenommen. „In Dub“ ist nun die Dub-Synthese aus diesen drei Werken, gemixt, remixed und gedubbt von drei Freunden der Band: QP Laboraties, Pensi und Martin Rothert. Als Mr. Delays Backing Band konnte mich Sam Ragga nicht wirklich überzeugen. Irgendwie stimmte das Timing nicht, die Rhythms waren nicht tight und die Basslines hatten keinen Groove. Die folgenden Sam-Ragga-Alben hatte ich mir deshalb gar nicht mehr angehört. Vielleicht ein Fehler, wie ich jetzt denke, denn die Dubs, die auf vorliegendem Album zu hören sind, klingen gar nicht so schlecht. Vor allem jene, die von dem letzten Album „Situations“ stammen wie z. B. „Why Dub“ – ein schöner deeper Dub-Tune mit einer satt gespielten Bassline, minimalen Effekten und sehr puristischem Mix. Dubs, die auf das erste Album „Loktown Hi-Life“ zurück gehen, leiden hingegen unter den wenig druckvoll eingespielten Tracks und der fehlenden Spannung in den tendenziell etwas poppigeren Arrangements. Aus dem zweiten Sam Ragga-Album „The Sound Of Sam Ragga“ stammt nur der Track „Schade Dub“. Dieser ist jedoch so poppig arrangiert, dass der Verdacht nahe liegt, dass die Remixer auf dem wohl allzu poppigen Album nicht sehr fündig geworden sind. Egal! Trotz kleinerer Ausrutscher ist „Sam Ragga In Dub“ ein gutes Album, nicht gerade Avantgarde, aber solide Dub-Kost aus Hamburg. Ahoi.

Hören wir in ein zweites Album vom Echo Beach: „Dubstars – From Dub To Disco & From Disco To Dub“ (Echo Beach/Indigo). Wer hier einen klassischen Dub-Sampler erwartet wird spätestens beim Track-Listing staunen. Statt Tubby, Perry, Mad Prof & Co. findet er hier Namen wie: Terence Trent D‘Arby, Simply Red, Stereo MC‘s, Brian Eno & David Byrne, New Order oder Cabaret Voltaire. Was uns diese Compilation bietet, ist ziemlich außergewöhnlich, nämlich Dub-Mixes von Disco-Stücken aus den 1980er und 1990er Jahren, die aber fast alle in der Zeit ihrer Originalaufnahme entstanden sind. Für mich lüftet sich mit dieser CD ein bisher unergründliches Geheimnis: Wieso liefen früher in der Disco die Madonna- und Grace Jones-, Gloria Estefan- (etc.) Hits nicht in der aus dem Radio bekannten Fassung? Ganz einfach: Weil die Disco-Produzenten sie auf den Rhythmus reduzierten – und damit tanzbarere und zudem leichter zu mixende Dub-Versions gebastelt hatten. Solche Disco-Versions sind auf „Dubstars“ versammelt – allerdings keine obskuren Schnippel-Arbeiten damaliger Disco-Produzenten, sondern die Werke (seinerzeit) ernst zu nehmender Remixer wie Chris Blackwell, Adrian Sheerwod oder Dennis Bovell (neben anderen, dem Reggae-Connoisseur unbekannte Mischpult-Virtuosen). Mit Reggae-Dub hat das Ganze natürlich wenig zu tun und ein Stück von z. B. Terence Trent D‘Arby durchzustehen kostet schon etwas Selbstbeherrschung. Ausgeglichen wird dies von richtig spannenden Entdeckungen wie etwa dem Chris Blackwell-Remix des Grace Jones-Stückes „She‘s Lost Control“ oder Will Powers „Adventures In Success“ von 1983, das so klingt, als sei es soeben dem Sequenzer eines angesagten Dancehall-Produzenten entsprungen. Weil das musikalische Phänomen fast interessanter ist als die Musik, bietet die CD ausführliche und sehr amüsante Liner Notes.

Es ist längst überfällig, dass ich in dieser Kolumne auf „Lead With The Bass 3“ (Universal Egg/Cargo) zu sprechen komme. Immerhin wurde dieser Sampler in Jamaika zum Dub-Album des letzten Jahres gekürt (und ist außerdem bereits im April erschienen). Wie schon bei den beiden Vorgängern, hat Label-Chef Neil Perch hier eine Bestandsaufnahme des UK-Dub zusammen gestellt und Tunes von u. a. Vibronics, Dubdadda, Abassi All Stars, Ital Horns, Dub Terror oder Zion Train zusammen gestellt. Jeder Track ist als Originalaufnahme und als Remix (Dubplate-Version oder Dub) ein zweites Mal vorhanden. So macht man aus 8 Stücken ein ganzes Album! Obwohl soundtechnisch miserabel produziert, sind bereits die beiden ersten Tracks der Vibronics ein Knaller. Was für eine Bassline! Dazu die kräftig synkopierenden Percussions und schon ist da einer der stärksten Rhythms, die der UK-Dub in letzter Zeit zu bieten hatte. Interessant wird es noch mal bei Track 11 von Prince David, der hier eine hübsche Melodie zum Besten gibt (die mich irgendwie an Lieder der Globalisierungsgegner erinnert). Das Niveau dieser Tracks kann der Sampler leider nicht halten. Die restlichen Stücke sind nicht schlecht, aber auch in keiner Weise herausragend oder gar wegweisend. UK-Dub, wie man ihn kennt und wie er zunehmend mehr das Interesse seiner Hörer verliert.

Sehr viel interessanter ist das neue Album von Casualty: „Version 5.2“ (Hammerbass/Import). Es ist das zweite Album der französischen Sound-Tüftlers und es lässt die engen Grenzen des UK-Dub weit hinter sich. Als hätte ein frischer Wind durch die Beats geblasen, vermeidet das Album (fast) alle Klischees des Dub und überzeugt mit neuen, spannenden Ideen. So gibt es fast jazzig anmutende Tunes mit schönen Saxophonklängen, die mal neben schnellen Dub-House-Tracks und ein anderes mal neben fast spirituell-arabisch anmutenden Dub-Grooves stehen. In zwei Fällen wird sogar der Sprung zu Drum & Bass und Techno gewagt. Kein Wunder, dass Dub in Frankreich floriert, während er in England zusehends Anhänger verliert.

In England extrem angesagt ist hingegen Dubstep. Obwohl die formale Nähe zum klassischen Reggae-Dub nicht allzu ausgeprägt ist, so wäre Dubstep ohne Reggae und Dub nicht denkbar. Die DNA des Dub zeigt sich natürlich im kompromisslosen Fokus auf die Bassline. Außerdem ist Dubstep, ebenso wie Reggae-Dub, auf Sound Systems angewiesen und Dubplates gehören unabdingbar zum Business. Damit hören die Ähnlichkeiten aber auch schon auf. Onedrop, Echos und Mixpult-Zaubereien sucht man im Dubstep vergebens. Angeblich aus Garage entstanden, klingt Dubstep in meinen Ohren viel mehr nach nach einem Derivat aus Jungle und Drum & Bass – allerdings ohne die halsbrecherisch schnellen Drum-Loops. Elektronisch knarrende (übrigens wie bei Scientist!), subsonische Basslines, ebenso coole wie kalte elektronische Beats: präzise, rational, hart und scharf. Im Kontrast dazu das Meer aus Bass. Wer diesen, mittlerweile weitgehend definierten, Sound näher kennen lernen möchte, dem sei die Doppel-CD „Steppas‘ Delight“ (Souljazz/Indigo) ans Herz gelegt. Die Souljazz-Compilatoren zeichnen hier in umfangreichen Linernotes die (kurze) Geschichte des Dubstep nach und versammeln alle wichtigen Protagonisten mit insgesamt 19 Tunes.

Zurück zum klassischen One-Drop. Paul Fox hat auf Basis von Michael Roses „Great Expectations“ ein ziemlich schönes Dub-Album gemixt: „Michael Rose & Shades Of Black: Dub Expectations“ (Nocturne/Rough Trade). Es ist nicht gerade eine Ausgeburt an Innovationsdrang und Avantgardistentum. Im Gegenteil: Es ist einfach ein gutes, traditionelles Dub-Album, das man einfach so, ohne jede Ambition und Forscherdrang, genießen kann. Die Rhythms sind kraftvoll und satt, die Mixes auf Tubby-Niveau und Michael Roses Vocals ein schön auflockerndes Element. Zum Glück verzichtet Fox auf die typischen UK-Dub-Sound-Klischees und mixt einen sauberen, neutralen Sound voller Dynamik. Irritierend ist nur, dass fast alle Tunes nicht ausklingen, sondern mitten im Takt abgeschnitten sind. In Anbetracht der sorgfältigen Produktion erstaunt dieser Lapsus schon – es sei denn, Fox hält den „Band-zu-Ende“-Effekt für Stil.

Der Berliner DJ Daniel W. Best betreibt eine florierende Booking-Agentur und leistet sich nebenbei ein kleines Label mit dem Namen „Best Seven“, das er der Musik „irgendwo zwischen Reggae, Soul und Dub“ widmet. Die auf Best Seven erscheinenden Stücke erblicken in der Regel als Vinyl-Singles das Licht der Welt, was der Labelchef zum Anlass nimmt, sie von Zeit zu Zeit gebündelt auf CD zu veröffentlichen. Mit „Best Seven Selections 3“ (Best Seven/Sonar Kollektiv/Rough Trade) geschieht dies nun zum dritten Mal. Abgesehen von den Black Seeds und Tosca waren mir die Namen der hier vertretenen Artists (Sisters, Kabuki, Cat Rat, Ladi 6, Jah Seal u.a.) absolut unbekannt. Dem entsprechend erwartete ich nicht viel. Doch welch‘ Überraschung beim Anspielen der ersten Tracks! Die hier versammelten Stücke sind wunderschön. Wunderbar sanfter, relaxter Reggae mit eingängigen Melodien und richtig gutem Gesang. Manchmal klingt es ein wenig nach Lovers Rock, dann wieder nach Fat Freddies Drop. Obwohl alle Stücke mit Vocals sind, passt die Platte irgendwie doch in diese Dub-Kolumne. Vielleicht liegt es an dem warmen, entspannten Sound, an den verhaltenen Dub-Effekten mancher Stücke – oder es liegt einfach daran, dass mir diese Compilation ausnehmend gut gefällt.

Letztens fiel mir ein eigenwilliges Album in die Hände: Tuff Lion, „Ten Strings“ (I Grade/Import). Zu hören gibt es darauf instrumentellen Reggae mit der Gitarre als Lead-Instrument. Logisch, dass so eine Platte aus Amerika kommen muss. Label-Chef und -Produzent Tippy I trug für das Album 14 Rhythm-Tracks aus dem I Grade-Back-Katalog sowie 4 neue Rhythms zusammen und ließ den Gitarristen Tuff Lion darüber improvisieren. Statt kreischender Rock-Soli spielt der Löwe sanfte, jazzige Klänge, die nicht selten an Ernest Ranglin erinnern. Sehr entspannt das Ganze – und auf Dauer leider auch etwas langweilig. Als Hintergrundbeschallung beim Lesen oder Arbeiten aber perfekt!

Kommen wir zur Revival-Selection. Roots Radics Meets King Tubbys, „More Dangerous Dub“ (Greensleeves/Rough Trade) heißt das nun erschienene Nachfolge-Album zu dem ursprünglich 1981 erschienenen und 1996 wiederveröffentlichtem Album „Dangerous Dub“. Bei dem Namen „Roots Radics“ dürfte eigentlich ziemlich klar sein, welcher Sound den Hörer hier erwartet: Ultra langsame, mit viel „Luft“ gemischte Rhythms, in deren Mittelpunkt stets eine schön melodiöse Bassline steht. Als Mixing-Engineers waren hier Jah Screw (der auch produziert hat), Soldgie sowie King Tubby tätig (letzterer hat wahrscheinlich nur „Regie“ geführt). Wie bei „Dangerous Dub“ so stammen auch die Aufnahmen auf „More Dangerous Dub“ aus dem Jahr 1981 und natürlich gibt es viele Studio-One-Interpretationen zu hören, wie z. B. „African Beat“, ein fantastischer Dub, mit dem das Album auch beginnt. Angeblich wurde keine der hier versammelten Aufnahmen je veröffentlicht – was bei der Qualität des Material schwer fällt zu glauben.

Nicht unveröffentlichte, jedoch „rare“ Dubs gibt es auf „Scientist At The Controls Of Dub – Rare Dubs 1979-1980“ (Jamaican Recordings/Import) zu hören. Produziert hat sie Ossie Thomas und aufgenommen wurden sie im Tuff Gong und Channel 1 Studio, gemixt bei Tubby‘s. Verglichen mit den Aufnahmen von „Dangerous Dub“, klingen die Scientist-Tunes rauer, atmosphärischer, weniger clean und sind definitiv ambitionierter gemixt. Auch blitzen hier gelegentlich – vor allem am Anfang jedes Tunes – die original Vocals durch, so dass man immer wieder kleine Melodiefetzen von Dennis Brown, Tony Tuff, Tristan Palmer und anderen hören kann. Ein sehr schönes Album, das locker dazu angetan ist, die Begeisterung für den guten alten Jamaikanischen Dub wieder zu erwecken.