King Jammy: Waterhouse Dub

Da wird der King wieder zum Prince: Mit „Waterhouse Dub“ (Greensleeves/VP) liefert King Jammy ein lupenreines Dub-Album ab, so als wären die letzten 30 Jahre Regentschaft nicht geschehen. Das Album ist so dermaßen Old School, dass es wie aus der Zeit gefallen scheint. Es beginnt schon beim musikalischen Material, das ganz überwiegend aus den 1970ern und den frühen 1980ern stammt (zum Beispiel Earl Zeros „Please Officer“, Junior Reids „Shack A Lack Rock“ und „Jailhouse“, sowie eine neue Version von Jammys Signature Tune „Jammy’s a Shine“). Ein Retro-Konzept, das sich ziemlich nahtlos beim Mixing fortsetzt: So wie hier hat Jammy schon als Tubbys Lehrling Dubs gemixt. Die wenigen zeitgemäßeren Momente dürften von Jammys Söhnen Jam Two, John John und Baby G stammen, die ihren Lehrmeister bei der Arbeit an dem neuen Album unterstützt haben. Doch unabhängig davon, ob man diesen Ansatz für authentisch und einzig wahr oder für hoffnungslos veraltet hält, es stellt sich doch die Frage, warum Jammy überhaupt Interesse an einem solchen Projekt zeigt und offenbar eine verstärkte Zuneigung zu Dub entwickelt? (2015 bestritt er bekanntlich schon die eine Hälfte des Albums „Dub of Thrones“ (mit Alborosie). Wo kommt diese neue jamaikanische Wertschätzung für Dub her? Der Markt dürfte nicht sonderlich gewachsen sein. Mit Dub lässt sich kein großes Geld verdienen. Vielleicht liegt die Antwort schlicht in einer neuen Wertschätzung der musikalischen Qualitäten vollwertiger (meist historischer) Reggae-Produktionen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist in den letzten Jahren ein Stück des akustischen Reichtums von Reggae auf der Strecke geblieben. Die absolute Konzentration auf Gesang und Stimme ließ die Musk dahinter immer einfacher, glatter und reduzierter werden, bis sie schließlich nur noch der Unterstützung der Stimme diente, aber keinerlei Eigenwert mehr besaß. Im Dub ist es genau umgekehrt. Hier zählt die Musik und die Stimme verhallt im leeren Raum. Aus den aktuell typischen Reggae-Produktionen Jamaikas lassen sich deshalb auch keine überzeugenden Dubs mehr mischen. Der Musik fehlt die Kraft dafür. Aber genau das könnte der Grund sein, warum ein Studio-Veteran wie Jammy plötzlich wieder Lust auf Dub bekommt, auf seine musikalische Komplexität, auf Ecken und Kanten und auf die aurale Spannweite vollwertiger Produktionen. Und dafür sollten wir ihm dankbar sein, sein Album kaufen oder unablässig streamen und darauf hoffen, dass seine Einstellung Schule macht und eine Trendwende in Jamaika anstößt. Auch wenn mir die Dub-Experimente Europas deutlich mehr zusagen, als Jammys alte Schule, so wünsche ich mir von ganzem Herzen, eine richtig große, hoch qualitative Dub-Renaissance in Jamdown. Ob ich das noch erleben darf?


Meine Wertung:

Wrontom Meets Ragga Twins: In Dub

Für Produzenten, die etwas auf sich halten, scheint es inzwischen zum guten Ton zu gehören, auf ein Vocal-Album ein Dub-Pendant folgen zu lassen. Wie schön, dass diese alte Reggae-Tradition eine Renaissance feiert (leider jedoch kaum in Jamaika). Kein Wunder, dass der Londoner DJ und Produzent Wrongtom, der sich soundtechnisch ohnehin in den 80er und 90er Jahren verortet, seinem vor kurzem erschienenen Album „Wrongtom Meets the Ragga Twins: In Time“ nun „Wrongtom Meets the Ragga Twins in Dub“ (Tru Thoughts) folgen lässt. Und – ehrlich gesagt – ohne das Stakato-Deejaying der Jungle-sozialisierten Ragga-Twins, kommen Toms Produktionen überhaupt erst richtig zur Geltung. Schöne Old-School-Produktionen, einige handgespielt, andere voll digital, ein Shank I Sheck-Remake und viele originäre Rhythms, crisp und auf den Punkt. Nicht so perfekt, wie Prince Fatty, aber dennoch qualifiziert, um mit dem Prinzen in einem Atemzug genannt werden zu dürfen. Ach ja, dann wäre da ja noch der Dub-Mix. Auch schön altmodisch, abwechslungsreich und inspiriert – die Vocals der Twins hätten nach meinem Geschmack auch vollständig eliminiert werden dürfen. Cool, wie es Tom gelingt, selbst 90er-Ragga-Rhythms im Mix-Down-Style virtuos zu dubben.

 

Meine Wertung:

Alpha Steppa: 3rd Kingdom

Der Sohn von Alpha und der Neffe von Omega emanzipiert sich zusehends von seiner übermächtigen Dub-Verwandtschaft. Mit „3rd Kingdom“ (Steppas) legt er sein inzwischen zweites Solo-Album vor (nebenbei produziert er allerdings noch mit Tantchen Christine unter dem Namen Dub Dynasty). Dabei entspricht die Tonalität seiner Solo-Werke zwar immer noch in weiten Teilen dem schleppend-trägen, mystisch-magischen Alpha & Omega-Sound, doch sind seine Produktionen erheblich klarer und dynamischer. Was bei Alpha & Omega (ganz Black-Ark gemäß) im mystischen Rauschen des Dschungels untergeht, klingt bei Alpha Steppa ganz analytisch und transparent. Während A&O-Dubs wie Meereswellen fließen, sind die Dubs des Nachwuchs aus klaren, dynamischen Beats gebaut. Doch das lässt sie nicht weniger magisch klingen. So pflegt er eine Liebe zu kleinen, hypnotisierenden Melodie-Loops, oft gespielt von einer Flöte oder gar von Streichern, die seiner Musik eine besondere, metaphysische Note verleihen. Überhaupt zelebriert der junge Mann, der optisch als Banklehrling durchgehen könnte, einen esoterischen Habitus, der nicht selten von Gast-Vokalisten sehr reizvoll mit schonungslosen Reality-Lyrics kontrastiert wird. Eine weitere Abgrenzung zum A&O-Sound besteht darin, dass Alpha Steppa nicht vor eindeutig digitalen Sounds zurück schreckt. Auf „3rd Kingdom“ sind mehrere „elektronische“ Dubs zu hören, wie etwa das massive „Concrete Meditation“, in der ein digitaler Bass auf eine wunderbar einfühlsam spielende Horn-Sektion trifft, oder auch „Liberation“, das er locker beim Kölner Kompakt-Label hätte veröffentlichen können. Doch Alpha Steppa kann auch komplett anders: gleich als zweiten Track präsentiert er eine wunderbare Interpretation von „Heart Made of Stone“ der Viceroys, hier dargeboten von Sista Awa. Das Backing ist klassischer Reggae, ohne Bass-Wunder, Echo-Mystik und digitale Brutalität. Vielleicht ist das der größte Unterschied zu Alpha & Omega: Alpha Steppa liefert eine Bandbreite, die bei A&O undenkbar wäre. Und genau das macht ihn auch für die Zukunft so interessant. Während er mit einem Bein noch fest im Erbe der älteren Generation steht, holt das andere schon zu einem großen Schritt in neue Dub-Dimensionen aus. Ich bin schon gespannt auf das „4th Kingdom“.

Meine Wertung:

Dub Gabriel: ADSR Dub

Der Synthesizer hat im Reggae nichts verloren. Das muss gar nicht erst extra erwähnt werden, es versteht sich einfach von selbst. Aber da gibt es diesen DJ aus Brooklyn, Dub Gabriel, der hat dieses Dogma offenbar nicht mitbekommen und legt uns nun mit „ADSR Dub“ (Six Degrees) ein astreines Synthie-Dub-Album vor. Okay, ganz so astrein ist es vielleicht nicht, denn zwei der zehn Tracks haben definitiv keinen Reggae-Rhythmus. Bei anderen ließe sich darüber streiten, denn hier ist der Reggae-Vibe immerhin unverkennbar. Und dann gibt es noch die perfekten Reggae-Dubs, zwei davon sogar mit Melodikaspiel von Addis Pablo. Melodika und Synthie? Ja, das geht – und zwar erstaunlich gut. Dub Gabriel setzt den Synthie vielseitig ein, mal als Rhythmus-Instrument, mal als unterstützendes Melodie-Instrument, welches das Melodikaspiel begleitet und akzentuierend umspielt und nicht zuletzt auch als gleichrangiges Solo-Instrument, das im reizvollen Kontrast zur Melodika steht. Als Fusionskraft wirken hier super solide Rhythms, von denen der lang gediente Global Pop- und Elektronik-DJ wirklich Plan hat. Würden die Synthie-Spuren komplett gelöscht, bliebe immer noch ein sehr kraftvolles Instrumentalalbum übrig. Doch dem ist ja nicht so: der Synthie spielt bei ADSR vielmehr sogar die Hauptrolle. Die „spaceige“ Anmutung seines Klanges verleiht den Tracks akustische Fülle sowie eine charmante Wärme und Weichheit, die in starkem Kontrast zu den dynamischen Beats stehen. Wer hier übrigens an „Synthie-Flächen“ denkt, wie sie u. a. aus Drum ‚n‘ Bass oder Dubstep bekannt sind, liegt (zum Glück) völlig daneben. Auch die „Space Night“ (für ältere Radiohörer ein Begriff) liegt in einer anderen Dimension – noch hinter dem Wurmloch. Nein, Dub Gabriel verwendet den Synthesizer hier ganz pur und authentisch, ohne die Genre-Klischees gleich mit zu importieren. Das Ergebnis ist ein geglücktes Experiment, das den beherzten Schritt über die Grenzen der Konvention gewagt hat und damit den Anspruch von Dub im besten Sinne erfüllt.

Meine Wertung:

Alborosie: Freedom Dub

Es ist doch immer wieder das Gleiche mit Alborosie: Retro bis in die (langen) Haarspitzen, liefert er wunderbaren, altmodisch analog produzierten Reggae, der unsere Herzen öffnet und sentimentale Erinnerungen wach ruft. Und natürlich pflegt er auch mit absoluter Zuverlässigkeit die (inzwischen leider weitgehend in Vergessenheit geratene) Tradition, einem Vocal-Album ein passendes Dub-Album nachfolgen zu lassen. Daher war es nur eine Frage der Zeit, wann nach „Freedom & Fyah“, „Freedom Dub“ (Greensleeves) folgen würde. Nun liegt es vor und ist – naja – , genau so, wie zuvor auch schon „Dub Clash“, „Dub the System“ und „Dub of Thrones“. Ich darf mich selbst zitieren: „Wenn Alborosie an den Reglern sitzt, dann ist es keine Frage, wohin die Reise geht: Das Album ist in jeder Note eine Huldigung an den Roots-Sound der späten 1970er Jahre, analog aufgenommen und durchweg handgespielt. Hall, Echo und das Ab- und Anschalten von Tonspuren sind hier die einzig erlaubten Effekte. Ein puristisches Setting, das allerdings schon einiger Ideen bedarf, um mehr als nur die bloße Reinkarnation des 70er-Dub zu sein.“ Diese Sätze sind inzwischen drei Alben alt und immer noch zu hundert Prozent gültig. Und leider muss ich auch meine Kritik wiederholen: Die Kompositionen sind gut, die Arrangements sind auch gut und letztlich ist auch das Dub-Mixing nicht schlecht (ja, sogar noch besser als bei den Vorgängern). Aber dennoch fehlt da noch etwas, um mich wirklich glücklich zu machen. Wenn das Wesen des Dub wirklich darin besteht, einen Track vollständig in seine Bestandteile zu zerlegen und zu seinem Kern vorzudringen, um den Dub von dieser Basis aus neu aufzubauen, „Hörgewohnheiten aufzubrechen, Bekanntes in neuen Verhältnissen darzustellen und bislang Unerhörtes in den Fokus zu rücken“, wie der Dubvisionist es so schön auf den Punkt gebracht hat, dann ist Alborosie nur die Hälfte des Weges gegangen. In dem Versuch „original“ zu sein, wagt er es nicht, die tradierten Regeln zu brechen und einen radikalen Schritt zu neuen, überraschenden Hörerlebnissen zu machen – und damit den Weg des Dub zu Ende zu gehen.

Meine Wertung:

Ton Steine Scherben: In Dub

„Ton Steine Scherben in Dub“ (Echo Beach) – das kann nix werden, dachte ich. Krautrock zu dubben ist unmöglich. Wo soll der Bass herkommen? Rockgitarren – igitt! Und dann noch die politischen Texte von Rio Reiser – bestimmt viel zu sakrosankt, um sie im Dub verhallen zu lassen. Warum war Nicolai von Echo Beach so versessen darauf, eine Ikone der deutschen Rockgeschichte der 1970er und frühen 1980er Jahre durch die Echokammer zu schicken? Was versprach er sich davon? Ein Album zwischen allen Stühlen? Sieht er den Flop nicht kommen? Okay, ich gebe zu: es waren Vorurteile, denn die Scherben hatte ich nie zuvor bewusst gehört. Jetzt weiß ich: Bass ist da – muss man nur lauter drehen. Die Gitarren lassen sich im Dub ausblenden und überhaupt ist die Musik der späten Scherben (aus den 1980ern) gar nicht so trocken krautrockig, wie befürchtet. Nur der Gesang, nun, da hatte ich Recht. Außerdem hatte ich keine Ahnung, dass Nicolai zwei Trümpfe im Ärmel hatte: Aldubb und den Dubvisionist. „Unser Konzept bestand darin, echte Dub-Versionen zu kreieren und keine Remixe“, erklärt Dubvisionist, „also möglichst viel Originalmaterial zu verwenden und auf Overdubs zu verzichten“. Womit die Beiden ein eindrucksvolles Lehrstück in Studio-Mischkunst abgeliefert haben. Denn hört man im Vergleich die Scherben-Original-Songs, dann ist es schier unglaublich, was mit Studio-Dub-Techniken soundtechnisch da heraus zu holen war. Es klingt, als wären die Stücke neu eingespielt worden – was aber tatsächlich nur für ein einziges Stück, das ikonische „Keine Macht für Niemand“, tatsächlich zutrifft. Hier hat Gentlemans Evolution-Band ein wunderbares Reggae-Backing aufgenommen und Nina Hagen Gast-Vocals abgeliefert. Alles andere ist wirklich Krautrock-Dub! Wüsste ich es nicht persönlich aus dem Munde des Dubvisionisten, ich würde es nicht glauben. Deshalb noch eine Frage an den Meister: Ist es nicht generell kompliziert, Musik anderer Genres als Reggae zu dubben? „Um lupenreinen Dubreggae ging es bei diesem Projekt in der Tat nicht,“ antwortet er, „hier stand eher die Philosophie des Dubs im Vordergrund, das Aufbrechen von Hörgewohnheiten, Bekanntes in neuen Verhältnissen darzustellen und bislang Unerhörtes in den Fokus zu rücken.“ Was so erstaunlich gut gelungen ist, dass sich jeder Dub-Freund dieses Album als akustische Pflicht-Lektüre zu Gemüte führen sollte, um die Macht der Dub-Kunst wirklich zu begreifen.

Hier gibt es übrigens einen rbb-Radiobeitrag mit Aldubb zum Thema.

Meine Wertung:

Lee Scratch Perry & Subatomic Sound System: Super Ape Returns to Conquer

Erst war ich skeptisch, sehr skeptisch. Warum ein Meisterwerk nachspielen? Was bringt ein Remake, wenn das Original so leicht verfügbar ist? Lee Perrys „Super Ape“-Album, mit dem er 1976 via Island Records der Welt das definitive Manifest des Dub offenbarte, wurde wahrscheinlich Millionen Male verkauft, steht im Plattenregal eines jeden Reggae-Fans und Spotify & Co. streamen es täglich hinaus in den digitalen Äther. Warum also jetzt Lee Scratch Perry and Subatomic Sound System: „Super Ape Returns to Conquer“ (Echo Beach)? Eine sehr theoretische Frage, wie ich mir beim ersten Hören des Albums eingestehen musste. Doch bevor ich sie ausführlich beantworte, schauen wir uns erst einmal das Projekt und seine Protagonisten genauer an. Im Zentrum steht vermeintlich ein Mann: Lee Perry. Doch der Schein trügt (auch, wenn die PR-Kampagne, wie schon so oft, auf das alleinige Genie von Perry abhebt). Der Mann im Zentrum des Geschehens ist tatsächlich John Emch, der auch hinter dem New Yorker Subatomic Sound System steht, das sich seit seiner Gründung im Jahr 1999 in einer ganzen Reihe elektronischer Musikgenres getummelt hat. Bereits 2001 begann das Sound System mit Perry durch die Welt zu touren und Live-Instrumente mit elektronischen Beats zu kombinieren. Sieben Jahre später fusionierte John Emch klassische Perry-Stücke mit Dubstep und veröffentlichte 2014 mit „Black Ark Vampires“ einen sehr erfolgreichen Song für Perry, der von heftigem Sub-Bass und elektronischen Drums geprägt war – und trotzdem irgendwie nach Black Ark klang. Das Konzept war damit definiert: Wir katapultieren Perrys Black Ark-Sound in die Gegenwart, indem wir ihn mit ordentlich Wumms untenrum ausstatten. Oder – mit John Emchs Worten: „It sounds like the classic Black Ark vibes in the high frequencies but in the low end, it has the weight and punch of electronic music, dubstep and hip hop, that gets people moving“. Keine Ahnung wie Emch das gemacht hat, ob er ein Champion-Soundengineer ist, ein begnadeter Musiker oder einfach Sample-Wizzard: Der Black Ark-Sound stimmt zu hundert Prozent. Wer das Remake nebenbei hört, könnte glauben, der DJ spiele das Original. Doch ein direkter Vergleich offenbart den Unterschied: Das glorreiche Original von 1976 klingt erstaunlich schlapp. Das hatte ich noch nie so wahrgenommen, aber „Super Ape“ ist ganz schön schwach auf der Brust. Vor allem auch am Arsch, da wo der Bass sitzt, fehlt dem Original Substanz. Und genau hier fährt das Remake schweres Geschütz auf – aber ohne es zu übertreiben. Eigentlich klingt der „Return“ genau so, wie ich den „Super Ape“ mental abgespeichert hatte – obwohl die Unterschiede bei genauem Hinhören eklatant sind. Was jetzt allerdings eine Frage von philosophischer Dimension aufwirft: Kann ein relativ unkreatives Remake besser sein als ein genial innovatives Original von vor 40 Jahren? Wer das Remake des Films „Ghost in the Shell“ gesehen hat, weiß wovon ich rede. Visuell fantastisch, kopiert es das Original fast in jeder Szene (und vereinfacht zudem noch die Story). Die Kritiker waren sich einig und haben das Remake abgestraft. Fans hingegen waren von der visuellen Opulenz schwer beeindruckt. Wie lässt sich das Dilemma lösen? Gar nicht. Es muss eine klare Entscheidung für eine der beiden Seiten her. Deshalb würde ich jetzt mal ganz selbstverleugnend behaupten: Die Aura des Originals ist unantastbar. Wer käme auf die Idee, Rembrandts „Nachtwache“ durch eine neu gemalte Kopie zu ersetzen, weil die Farben des Originals nicht mehr die volle Leuchtkraft haben? Das Original ist ein historisches Dokument von großem kulturellen Wert – auch, wenn wir heute lieber Fernsehserien in 4K-HD anschauen, statt patinaverdunkelte Ölgemälde in Museen. Also ist auch Perrys original „Super Ape“ unantastbar und für immer ein Meisterwerk – auch, wenn wir heute lieber Dub mit heftigem Sub-Bass anhören. Daraus folgt: „Super Ape Returns to Conquer“ ist ein Sakrileg von Teufelshand. Lasst die Finger davon! Verzichtet auf das sinnliche Vergnügen von Black Ark-Magie in Bass-Wonderland! Entbehrt der Sinneslust an großartigen Mixen und crispen Sounds. Und vor allem: Wagt nicht, es auf einem echten Sound System zu hören, euch lustvoll in den Bass-Wellen zu suhlen und lasziv dazu zu bewegen! Jah sieht alles.

Meine Wertung:

Mad Professor Meets Jah9: In the Midst of the Storm

Der verrückte Professor ist doch immer noch für eine Überraschung gut. In den letzten Jahren hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass er zu alter Größe zurück finden würde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. „Black Ark Classics in Dub“), sind seine jüngeren Dub-Werke eher uninspiriert heruntergemixte Alben, basierend auf oft mäßigem Ausgangsmaterial. Doch nun hat er meinen vollen Respekt mit einem Schlag zurück erobert. Mit „Mad Professor Meets Jah9 In the Midst of the Storm“ (VP) liefert er sein amtliches Alterswerk ab – auf dem Niveau von (ja, sagen wir es ruhig) „Massive Attack vs. Mad Professor: No Protection“. Hier schließt sich der Kreis, Neil Fraser könnte jetzt guten Gewissens in Rente gehen – ungeschlagen und auf der Höhe seiner Kunst. Schon die Ausgangslage ist perfekt: Jah9 trifft auf Mad Professor. Da würde man selbst nicht drauf kommen, obwohl die Kombination schlicht genial ist. Zwei Nonkonformisten, beide ein wenig verrückt, Fanatiker leicht schräger Sounds jenseits des Mainstreams und besessen von maximalem Qualitätsanspruch machen gemeinsame Sache. War es die Meistersängerin mit den eigentümlichen Melodien, die auf die Idee kam? Jedenfalls hätte Neil Fraser kein besseres musikalisches Material bekommen können, als die kunstvoll-komplexen Produktionen von Jah9. Wie großartig diese sind, war auf ihrem Album „9“ gar nicht so offensichtlich. Vielleicht, weil sie von ihrem Gesang überstrahlt wurden. Erst jetzt, in der Dub-Interpretation von Mad Professor werden ihre Komplexität, ihre fragil-spröde, wunderschöne Konstruktion und ihr akustischer Reichtum so richtig deutlich. Ein musikalischer Schatz, den Neil Fraser mit Ehrfurcht zu würdigen wusste. Deshalb hat er ihn nicht einfach „dekonstruiert“, ihm Effekte verabreicht und Bass rein gedreht. Ganz im Gegenteil. Vielmehr legte er den tieferen musikalischen Kern eines jeden Stückes ganz sensibel offen, indem er es entschlackte, mit kongenialem Sound-Gespür einzelne Aspekte herausgriff und betonte und ihm schließlich eine spannende, kontrastreiche und höchst kunstvolle neue Dramaturgie verlieh. Das Ergebnis ist ein Dub-Album für den Kopf und für Kopfhörer, das im Sound System zweifellos sofort den Saal leer spielen würde, denn das natürliche Habitat dieser Dub-Kunst liegt zwischen den Ohren, nicht im Bauch.

Meine Wertung:

Riddim Research Lab: Research Programm #1

Ich liebe diese schrägen Dub-Produktionen von Genre-Außenseitern. Sei es, dass sie mit den Dub- und Reggae-Konventionen nicht vertraut sind, sei es, dass sie sie absichtlich ignorieren oder sei es, dass sie lediglich ihren eigenen Konventionen treu bleiben, das Ergebnis ihres eklektizistischen Tuns ist genau und gerade deshalb sehr oft faszinierend. Hier haben wir wieder so einen Fall: Riddim Research Lab, „Research Lab #1“ (Gamm). Das Research Lab ist das Projekt der beiden Londoner Gordon Brown Jr. und DJ Neeet, das wahrscheinlich niemals an die Wahrnehmungsschwelle des Underground gelangt wäre, hätte der angesagte russische House-DJ Lay-Far nicht eines Tages im Londoner Reckless Record Store beim Stöbern in der Dub-Sektion einen Typen getroffen, der ebenfalls dort nach schwarzen Dub-Perlen suchte. Gleich zwei Typen in der ansonsten eher verwaisten Ecke des Plattenladens? Da kommt man ins Gespräch und schließlich drückte der Brite dem Russen eine CD-ROM mit den Worten in die Hand: „Some dub-influenced beats I’m working on with my friend. If you like King Tubby and house – you may enjoy it“. Erst ein Jahr später purzelte die längst vergessene CD zufällig aus Lay-Fars Plattenkoffer und entpuppte sich beim Anhören als wahrer Schatz. Schräge Dub-Sounds, vertrackt und doch unglaublich groovy, mit Ecken und Kanten und doch absolut rund. Wer hören will, kann hören, wer lieber tanzt, der tanzt – beides geht gleichermaßen gut. Manche Rhythms gerieren sich gelegentlich leicht funky, bleiben aber dank Hall und Echo doch stets Dub-kompatibel. Sind die Ohren vom Steppers-Bass verklebt, dann hilft es, sie sich vom Research Lab frei blasen zu lassen.

Meine Wertung: