Dub Revolution, Juli 2006

Richard H. Kirk ist wohl am besten bekannt als Gründer der Punkband Cabaret Voltaire. Obwohl sich Punk und Reggae in den 1970er Jahren nahe standen, dauerte es rund drei Jahrzehnte, bis der talentierte und experimentierfreudige Kirk Reggae und Dub für sich entdeckte. 2002 erschien unter dem Namen Sandoz sein Dub-Debut „Chant To Jah“ auf dem – eigentlich den Rare Grooves verschriebenen – Label Soul Jazz, das jedem Studio One-Liebhaber als zurzeit profiliertestes Reissue-Label ein Begriff sein dürfte. Doch „Chant To Jah“ war – trotz des prestigeträchtigen Labels – kein gutes Dub-Album. Die Tracks waren zu vertrackt, der Bass geriet permanent ins stocken und die Beats wollten einfach nicht grooven. Irgendwie steckte darin noch zuviel „Industrial“ (wie es auch bei manchen Produktionen von Adrian Sherwood der Fall ist) – wahrscheinlich das Erbe früherer musikalischer Vorlieben Kirks. Inzwischen hatte Kirk vier lange Jahre Zeit, um viele klassische Dub-Platten zu hören, um das britische Dub-Revival der 1990er Jahre aufzuarbeiten und nicht zuletzt, um an eigenen Basslines zu werkeln, Rasta-Vocals zu sampeln und die Synthies zu tunen. Nun liegt sein neues Dub-Album, „Live In The Earth“ (Soul Jazz/Indigo) vor und es lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Lektionen gut gelernt hat. „Live In The Earth“ ist ein faszinierendes Dub-Album geworden, mit starken, hypnotischen Tracks, die den Hörer förmlich in sich aufsaugen. Endlose Loops des immer gleichen Vocal-Samples, der stoisch durchlaufende, stark betonte Offbeat und die warmen, pulsierenden Bass-Frequenzen steigern das repetetive Moment des Dubs in bisher nur von Mark Ernestus und Moritz von Oswald erreichte Dimensionen. Dabei ist sein Sound keineswegs karg oder verkopft. Im Gegenteil: die Beats stecken voller Wärme und Leben. Jedes Detail in ihnen dient dazu, den Hörer zu vereinnahmen, seinen Rhythmus mit dem der Musik zu synchronisieren, mit ihr zu schwingen und sich schließlich in ihr zu verlieren. „Live In The Earth“ ist daher zweifellos als akustische Droge einzustufen und jeder, der die Platte auflegt, sollte sich der Gefahr bewusst sein, als Dub-Addict zu enden. Ein Risiko, das man jedoch gerne eingeht.

Hoffnungslose Dub-Adddicts sind auch die beiden Berliner Produzenten Mark Ernestus und Moritz von Oswald (aka Rhtyhm & Sound). Daher war zu erwarten, dass sie ihrem One-Rhythm-Album „See Mi Yah“ eine Dub-Version folgen lassen würden. Diese ist nun unter dem Titel „See Mi Yah Remixes“ (Burial Mix/Indigo) erschienen. Da ein reines One-Rhythm-DUB(!)-Album sogar die Geduld des härtesten Minimal-Dub-Liebhabers auf die Probe stellen würde, entschloss sich das Produzententeam, eine ausgewählte Schar weitgehend Dub-fremder Musiker um Remix-Versionen zu bitten und sich damit ein schönes Spektrum aktueller Club-Sounds zu erschließen. Folgerichtig griffen Minimal-Elektroniker, Disco-House-Vertreter und Techno-Prouzenten wie Carl Craig, Villalobos, Vladislav Delay oder Hallucinator in die Tastaturen und kreierten oft gänzlich neue und sehr spannende, Club-taugliche Stücke. Nicht selten blieben dabei neben Instrumentierung und Genre, auch die Vocals auf der Strecke. So stellt sich die berechtigte (wenn auch nicht sonderlich sinnvolle) Frage, was die Remixes denn eigentlich noch mit dem Original zu tun haben? Streng genommen ist das verbindende Element meist nur noch die dunkle Atmosphäre und der konsequente Minimalismus – und natürlich das Prinzip des Dub, das die unterschiedlichen Genres unter dem Primat des Sound vereint.

Bleiben wir noch ein wenig in Club-Gefilden, auch wenn sich der Sound jetzt radikal ändert: „Schön, dass du mal wieder reinhörst“ (Pingipung/Kompakt) heißt das Debutalbum von Peter Presto aka Nils Dittbrenner und bietet die wohl verrückteste Sound-Mixtur, die je in dieser – an Ungewöhnlichem nicht armen – Kolumne Erwähnung gefunden hat. Und das ganz unspektakulär und lässig im Gewand eines durchweg entspannten Sommer-Soundtracks voller sympathischer Synthie-Hooklines und Ohrwurm-Melodien. Es ist ein Album voller Sonnenwärme, das unschuldig zwischen Schunkelstimmung und Albernheit hin- und herspringt. Ein Album, das zu gleichen Teilen Club-Elektronik, Pop-Kitsch, Reggae und Dub sowie unverkennbar Schlager ist. Es ist unentscheidbar, ob dieses Album pure Ironie, Reggae-Verarsche, eine ultracoole Rückbesinnung auf die Werte des Kitsch oder schlicht ein schönes Elektronik-Album ist, gewissermaßen die konsequente Dub-Fortsetzung von 2Raumwohnung. Doch wer braucht Gewissheit, wenn die Musik macht einfach richtigen Spaß macht. Eigentlich wollen wir doch alle schöne Melodien und einen groovenden Reggae-Soundtrack. Wenn dazu die Sonne scheint, wie diesen Sommer, dann ist das kleine Lauben-Glück doch perfekt.

Dennis Bovell ist vielleicht die einflussreichste Reggae-Größe Englands. In den frühen 1970ern gehörte er mit seiner Band Matumbi zu den Pionieren des britischen Reggae und begann Mitte des Jahrzehnts als erster britischer Musiker mit Dub zu experimentieren. Später erfand er im Alleingang den Lovers Rock und verhalf Dub-Poet Linton Kwesi Johnson zu internationaler Bekanntheit. Anfang dieses Jahres hat er sein – bei uns komplett übersehenes – Vocal-Album „All Over The World“ beim Major EMI veröffentlicht. EMI/Virgin-Recods hat das zum Anlass genommen, auch einige alte Werke des Meisters aus den 1970er und 1980er Jahren wieder zu Gehör zu bringen. Die Wahl fiel auf folgende sieben Alben: „Strickty Dub Wize“ von 1978, „Brain Damage“ von 1981, „Audio Active“ von 1986 sowie die vier Alben, die Bovell unter dem Namen „The 4th Street Orchester“ in den 1970er Jahren aufgenommen hat: „Scientific, Higher Ranking Dubb“, „Yuh Learn!“, „Ah Who Seh? Go Deh!“, sowie „Leggo! Ah-Fi-We-Dis“. Die beiden Letzteren beiden wurden tatsächlich von Matumbi eingespielt, was Bovell jedoch verschwieg, weil er sie als „Jamaika-Importe“ an den Markt bringen wollte. Da britischer Reggae damals noch nicht viel galt, war dies eine geschickte Marketingstrategie, deren Erfolg im Übrigen auch viel über die authentische Qualität der Bovell-Produktionen aussagt. Auch heute noch macht es viel Spaß, diese klassischen Old-School-Dubs zu hören, die problemlos als Tubby-Mixe durchgehen könnten. Präzise gespielt, sehr inspiriert arrangiert und gemischt, sind diese Aufnahmen die Highlights der Reissue-Serie. Sehr schön sind aber auch die Dubs auf  „Scientific, Higher Ranking Dubb“/ „Yuh Learn!“, die auf Bovellschen Lovers-Rock-Produktionen basieren und seinerzeit hoch im Kurs der britischen Soundsystem standen. Bovells Leistung bestand darin, die soften Lovers-Rock-Arrangements mit dem Roots-Rückgrat des Reggaes abzustimmen, was ihm sehr gut gelungen ist. „Strictly Dub Wize“ – das Bovell unter dem Pseudonym „Blackbeard“ veröffentlicht hatte –  featured ebenfalls Dub-Versionen von Matumbi-Aufnahmen. Hier wurden sie jedoch trockener und puristischer abgemischt. Die verbleibenden zwei Alben, „Audio Active“ und „Brain Damage“, bieten vorwiegend Vocal-Stücke. Richtige Hits wie „Dub Master“ oder „Pow Wow“ finden sich auf ersterem. Obwohl „Brain Damage“ das bekanntere Album ist, kann es im Vergleich nicht überzeugen. Hier sind schlicht die Konzessionen an den Mainstream-Pop der Zeit zu groß, weshalb das Album neben Reggae auch Afro-Pop, Rhythm & Blues, Jazz und Soul bietet. Leider etwas zuviel des Guten.

Passend zum Thema hören wir kurz in „King Tubby & Friends: Motion Dub Special“ (Motion/Import) hinein, eine Sammlung von 14 Dubs aus den Jahren 1974 bis 1978. Die Stärke dieses Samplers liegt in der großen Unterschiedlichkeit der hier zusammengetragenen Stücke, die weitestgehend dem Releasekatalog des kleinen Motion-Labels entstammen. Wer Tubby vorwiegend von den unzähligen, stilistisch sehr einheitlichen Bunny Lee-Produktionen kennt, wird hier ganz andere Seiten aus Tubbys Schaffen kennen und lieben lernen.

Nucleus Roots haben ein neues, ziemlich beeindruckendes Dub-Album vorgelegt: „Heart Of Dub“ (Hammerbass/Import). Der Sound passt perfekt zum Labelnamen, denn mit aller Wucht schleudern die Franzosen ihren Hörern die Basslines entgegen und schlagen ihnen die Bassdrum in den Magen. Uff, das ist wahrlich physisch spürbare Musik. Steppers in Reinkultur – und trotzdem nicht uninspiriert oder langweilig, was schlicht an den guten Gesangsmelodien liegt, die fragmentarisch das musikalische Echo-Inferno durchdringen. Aber auch die Basslines rollen schön melodiös aus der Box. Natürlich wird es für so ein konsequent klassisches Steppers-Album keinen Innovationspreis geben, doch auf den Publikumspreis könnte das Album durchaus hoffen.

Weniger hart, ja geradezu versöhnlich und entspannt kommt die Musik auf dem neuen Alien Dread-Album „Kortonic Dub – Remixed & Remastered“ (www.acl2000ltd.co.uk) daher. Die sanften Bässe werden hier von sphärischen Flötenklängen und Synthie-Sternenglitzer begleitet. Was nicht heißt, dass wir es hier mit einem Ambient-Dub-Album zu tun hätten. Ganz und gar nicht! Der Groove ist absolut geerdet, äußerst solide und tight. Der fremde Dread versteht sein Handwerk zweifellos. 

Ebenso die Jungs von Johnstone. Mit „Eyes Open – Dub“ (John Stone/Import) liefern die Amerikaner ein beachtenswertes Dub-Album ab, das auf schnelle und leichte Beats gebaut ist. Wie für amerikanischen Reggae ist Musik handgespielt, was ja immer einen ganz eigenen Charme besitzt. Der Mix ist nicht sonderlich aufregend, aber die Rhythms sind sehr kraftvoll und solide. Der Sound ist deutlich trockener, als bei den beiden französischen und britischen Produktionen (s.o.), die Arrangements hingegen – trotz der Minimalbesetzung der Band – abwechslungsreicher.

Ein interessantes Projekt haben die beiden Engländer Garry Hughes und Andrew T. MacKay unter dem Pseudonym „Bombay Dub Orchestra“ (Exil/Indigo) realisiert. Hughes und MacKay haben in Indien ein 28-köpfiges Streichorchester für sich spielen lassen und die Aufnahmen im britischen Heimstudio dann schichtweise übereinander getürmt, bis sie den gewünschten „cinematografisch-symphonischen Panoramaklang“ der Superlative auf Band hatten. Dazu noch schnell ein paar Sitar-, Sarangi-, Tabla- und Bansuri-Solisten und fertig war das musikalische Ambient-Triphop-Dub-Curry. Für uns ist vor allem die Bonus-CD mit den Dub-Mixen interessant. Doch obwohl hier eigentlich alle Ingredienzien stimmen, entwickelt das Curry nicht die nötige Schärfe. Man schafft es maximal fünf Minuten lang konzentriert hinzuhören, dann sind die Gedanken schon woanders und die Musik nur noch Background-Muzak. Schade.

Ein Album, das uns wieder versöhnt, ist der „Showcase“ (Wibbly Wobbly) von den Abassi All Stars. Hinter den All Stars steht tatsächlich nur eine Person, nämlich Neil Perch, Labelchef von Universal Egg, Deep Root und Kopf von Zion Train. Dass er seit den frühen Zion-Train-Meisterwerken nicht verlernt hat, kraftvolle, inspirierte und schön melodiöse Tracks zu produzieren, zeigt dieses spannende Album. Anders als der Titel vermuten lässt, werden hier ausschließlich Vocal-Tracks präsentiert, von überwiegend unbekannten UK-Artists. Lediglich Earl 16, Luciano und Dubdadda sind einem größeren Publikum bekannt. Alle beteiligten Artists liefern äußerst schöne, prägnante und hervorragend gesungene Tunes ab. Earl 16s Opener „Stem the Tide“ legt die Latte bereits sehr hoch, doch der Höhepunkt ist wohl Sis Sanaes Track „Suffering“, in dem die Sängerin ihre sanfte aber starke Melodie selbstbewusst dem brachial treibenden Beat entgegenstellt. Lucianos Tune „What We Gonna Do“ ist ungewohnt düster und schwer, während Fitta Warri seine Interpretation von Sizzla über einem bemerkenswerten Uptempo-Steppers abliefert. Zwei Tracks weiter meldet er sich nochmals mit „Never Sell My Soul“ zu Wort und präsentiert einen weiteren herausragenden Track des Albums. Hier hat Perch wieder ein kleines Meisterwerk geschaffen. Es ist kaum zu glauben, dass er nach rund 15 Jahren im Geschäft noch immer geradezu übersprudelt vor Ideen. Dafür ist es andererseits umso enttäuschender, dass es nur einen MP3-Release (iTunes) des Albums geben wird. Times are changing. 

Zum Abschluss noch ein Dub-Album aus hiesigen Gefilden: Die drei Stuttgarter Musiker Wolfram Göz, Michael Friedler und Gabriel Schütz haben unter dem Bandnamen Tokyo Tower ihr Debutalbum „The Meaning“ (www.mutan.de) vorgelegt. Es ist ein ruhiges, verhalten experimentelles Dub-Album, das sich deutlich am Sound von Leftfield, Dreadzone und Terranova orientiert. Dabei steckt es voller interessanter Ideen wie etwa der musikalischen Umsetzung der Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Doch, obwohl alle Songs schön entwickelt und detailbewusst umgesetzt sind, fehlt es an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch etwas am Timing.

Dub Revolution, Mai 2006

Es ist erstaunlich, dass Dub in letzter Zeit auch das Interesse von Jazz-Musikern weckt, sollte man doch meinen, dass sich diese ungern in das für Dub typische enge Rhythmus-Korsett pressen lassen. Andererseits bietet Dub Gelegenheit zu ausschweifenden Sound-Experimenten und ist zudem ein für Jazzer noch weitgehend unerforschtes Gebiet. Für das Genre sind die Jazz-Musiker jedenfalls eine Bereicherung, erschließen sie ihm doch eine gänzlich neue Soundsphäre, in der die Dub-typischen, fett-stoischen Beats von handgespielte Instrumenten und experimentellen Sounds kontrastiert werden und so einen rauen und lebendig-direkten Charme entwickeln. Die drei Schweizer Adrian Pflugshaupt, Christian Niederer und Marcel Stalder beherrschen diesen Sound perfekt. Unter dem Namen Dub Spencer and Trance Hill liefern sie mit ihrem Debutalbum „Nitro“ (Echo Beach/Indigo) ein äußerst gelungenes Beispiel für die Fusion von Jazz und Dub. Ihr psychedelischer Dub-Sound, der auch gerne mal von Western-Gitarren Riffs oder auch regelrechten Rock-Soli bereichert wird, hält genau die Waage zwischen groovender Bauchmusik und für bewusstes Zuhören geschaffene Kopfmusik. Repetetive Beats und weitgehend live gespielte „Mix-Exkursionen“ – die hier die Funktion der Soli im Jazz übernehmen – wechseln sich in perfektem Timing ab und sorgen dafür, dass das Album über seine gesamte Länge interessant und spannend bleibt. Wer sich unter dieser sehr theoretischen Beschreibung nicht viel vorstellen kann, der denke an eine (rein hypothetische) Zusammenarbeit von Adrian Sherwood und Bill Laswell für das Brooklyner Word Sound-Label; jetzt das Ganze noch als Live-Konzert-Mitschnitt vorstellen – und schon dürfte der verquere und doch eingängige Sound von Dub Spencer und Trance Hill vor dem inneren Ohr erstehen. Und wahrscheinlich auch der Wunsch, dort einmal im Real-Live reinzuhören.

Pionier der Fusion von Dub und Jazz dürfte – abgesehen von einigen Sherwood-Produktionen in den 1980er Jahren – Burnt Friedman sein, der zwischen 2000 und 2004 mehrere Dub-Alben auf seinem Nonplace-Label veröffentlichte. Ziel seines vollständig durchprogrammierten Sounds war es, dem Klang handgespielter Instrumente so nah wie möglich zu kommen. Nun hat das Jazz-Quartett Root 70 (Nils Wogram, Jochen Rueckert, Matt Penman und Hayden Chrisholm) diesen nahezu perfekten Fake mit Hilfe von Posaune, Saxophon, Schlagzeug und Kontrabass in ein tatsächlich handgespieltes „Original“ verwandelt, indem es sieben Friedman-Kompositionen und drei Stücke von Flanger neu – und vollkommen akustisch – vertont hat. Das Ergebnis ist das Album „Heaps Dub“ (Nonplace/Groove Attack) – faszinierend und sehr, sehr schön. Denn obwohl Root 70 angeblich auf Free-Jazz spezialisiert sind, klingt hier alles wohlgeordnet und harmonisch arrangiert – ja es ist sogar weniger experimentell als Dub Spencer und Trance Hill. Zugleich ist die Nähe zum Jazz aufgrund der akustischen Instrumentierung größer. Die Bläser und das Fehlen der Gitarre ergeben ein ganz anderes, weniger raues, äußerst harmonisches Klangbild. (Wahrscheinlich werden die Free-Jazzer entsetzt sein, dies zu lesen …)

Bleiben wir noch ein wenig bei handgespielter Musik. Vom Dub Trio war vor zwei Jahren schon die Rede, damals hatte die Minimal-Band ihr Debut-Album „Exploring the Dangers Of“ vorgelegt. Nun kommt das neue Werk „New Heavy“ (Roir/Cargo) – und der Name trifft es ziemlich genau, denn während das Debut-Album ein Reggae-Dub-Album mit gewissen Rock-Einflüssen war, macht „New Heavy“ einen großen Schritt in Richtung Metall. Ja, richtig gelesen: Metall. Das verrückte ist aber: es funktioniert ziemlich gut – und viel besser als bei den Bad Brains, denn das Dub Trio hat einen ziemlich groovenden Reggae-Beat drauf. Sobald sich der Hörer in diesen Beat fallen lassen will, getragen werden möchte vom tiefen Bass und maßvoll voranschreitendem Schlagzeug, bricht ein Gitarren-Gewitter los, das schlagartig Adrenalin in alle Ecken des Körpers pumpt. Kurz bevor der Stresspegel zu hoch steigt, verhallen die Gitarren und der Reggae-Groove übernimmt wieder die Regie. Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich allerdings ein weites Feld von ausgeklügelten und clever arrangierten Dub-Effekten, die aus dem Album ein vielschichtiges musikalisches Erlebnis werden lassen.

Das komplette Gegenteil ist das Projekt der beiden Engländer Garry Hughes und Andrew T. MacKay, das sie unter dem Pseudonym „Bombay Dub Orchestra“ (Exil/Indigo) realisiert haben. Statt kreischender Gitarren gibt es hier Ruhe und Besinnung. In Indien haben Hughes und MacKay ein 28-köpfiges Streichorchester für sich spielen lassen und die Aufnahmen im britischen Heimstudio dann schichtweise übereinander getürmt, bis sie den gewünschten „cinematografisch-symphonischen Panoramaklang“ der Superlative auf Band hatten. Dazu noch schnell ein paar Sitar-, Sarangi-, Tabla- und Bansuri-Solisten und fertig war das musikalische Ambient-Triphop-Dub-Curry. Für uns ist vor allem die Bonus-CD mit den Dub-Mixen interessant. Doch obwohl hier eigentlich alle Ingredenzien stimmen, entwickelt das Curry nicht die nötige Schärfe. Man schafft es maximal fünf Minuten lang konzentriert hinzuhören, dann sind die Gedanken schon woanders und die Musik nur noch Background-Muzak. Schade.

Ganz anders bei Stefan Schneider und Bernd Jestram, die sich mit ihrem Projekt Mapstation auf einem schmalen Grad zwischen Minimal Techno a lá Kompakt, Minimal Dub a lá Rhythm & Sound und Minimal E-Musik a lá Steve Reich bewegen. Ruhige, kurze, repetitive Beats, ein warmer, bassgetriebener, komplett synthetischer Sound und versteckt angedeutete Melodien kennzeichnen die facettenreichen Produktionen der beiden Berliner. Ihr neues Album „Distance Told Me Things to Be Said“ (scape/Indigo) ist vielleicht das empfehlenswerteste Album dieser Kolumne – auch wenn es nicht leicht fällt, es widerspruchslos in der Kategorie „Dub“ unterzubringen. Doch wie es für Dub typisch ist, so geht von dieser Musik eine starke hypnotisierende Wirkung aus. Die synkopierten Beats tragen das Bewusstsein davon, wie das Klackern der Gleisschwellen bei einer nächtlichen Zugfahrt. In diesen Dämmerzustand mischen sich Geräusche der realen Welt: Irgendwo spielt ein Kind, ein offenes Fenster, ein Auto fährt vorbei. Dann  befindet sich der Hörer unvermittelt in Afrika und wird schließlich von den warmen Melodien einer Posaune ins Hier und Jetzt zurückgeholt – nur um mit dem nächsten Track auf eine neue Reise zu starten. Grandios!

Zum Abschluss noch zwei ganz handfeste Dub-Alben: Die drei Stuttgarter Musiker Wolfram Göz, Michael Friedler und Gabriel Schütz legen unter dem Bandnamen Tokyo Tower ihr Debutalbum „The Meaning“ (www.mutan.de) vor. Es ist ein ruhiges, verhalten experimentelles Dub-Album, das sich deutlich am Sound von Leftfield, Dreadzone und Terranova orientiert. Es steckt voller interessanter Ideen wie etwa der musikalischen Umsetzung der Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Doch, obwohl alle Songs schön entwickelt und detailbewusst umgesetzt sind, fehlt es an der einen oder anderen Stelle noch etwas am Timing und die Rhythms grooven nicht so wie sie könnten. Der unangefochtene Meister des Grooves, Sly Dunbar, ist auf „Skin Flesh & Bones meet The Revolutionaries: Fighting Dub 1975-1979“ (Hot Pot/Indigo) mit seinem „Frühwerk“ zu hören, denn hinter beiden Namen verbergen sich in etwa die gleichen Studiomusiker, vornehmlich Sly & Robbie, die hier 18 Tracks für Lloyd „Spiderman“ Campbell eingespielt haben. Wer genau hinhört, kann in diesen Aufnahmen bereits die Blaupause für Sly Dunbars so typischen „Rockers-Style“ hören, den er später im Channel One Studio zur Perfektion brachte. Die hier versammelten Dubs gehören zwar nicht zu den aufregendsten Produktionen der 1970er Jahre, sind aber trotzdem schön anzuhören – vor allem, wenn Rhythms wie „My Conversation“ oder „Be My Puppet“ erklingen.

Dub Revolution, März 2006

Wer von Dub-Samplern spricht, denkt zweifellos an die 1990er Jahre, der Blütezeit des Genres, als der Musikmarkt mit Dubware geradezu überschüttet wurde. EFA-Records (Gott habe sie seelig) importierte was das Zeug hielt und brachte hunderte von Dub-Compilations in die deutschen Läden. Doch diese schöne Zeit ist leider unwiederbringliche Vergangenheit, und nachdem auch Echo Beach das Erscheinen der King Size Dub-Sampler eingestellt hat, ist diese Spezies ausgestorben. Ganz ausgestorben? Nein, ein kleines, unbeirrbares Label im UK leistet Widerstand und publiziert unverdrossen eine traditionsreiche Compilation-Serie. Die Rede ist von Tanty Records (www.tantyrecords.com) – oder besser gesagt – von Kelvin Richards, der One-Man-Show hinter der Labelfassade. Seit den frühen 1990er Jahren trägt er mit höchst individuellem Geschmack ausgewählte Dub-Releases zusammen und publiziert sie unter dem irreführenden Titel „Roots Of Dub Funk“. Mit Funk hat seine Auswahl nämlich wenig zu tun, dafür umso mehr mit tonnenschweren Bässen, trägen Beats und 100% One Drop. Hier geht es also nicht um Crossover, Experiment oder gar Avantgarde. Nein, hier geht es um Traditionspflege im besten Sinne, es geht um das, was landläufig unter UK-Dub verstanden wird, wobei – und das ist eine äußerst spannende Entwicklung – von den 14 Tracks des neuen Albums „Roots Of Dub Funk 5“ (Tanty Records/Import) nur 5 tatsächlich aus dem UK stammen. Dub ist heute eine ganz und gar internationale Musik, deren Protagonisten von Kelvin zu Recht „today’s global dub warriors“ genannt werden. Versammelt hat er hier, auf der 5. Ausgabe der „Roots Of Dub Funk“, Dub- Krieger aus Kanada, den Niederlanden, den USA (Groundation), Australien, Schweden, Brasilien und Frankreich (Peter Broggs). Aus Großbritannien kommen die bekanntesten Namen: Vibronics, Alpha & Omega, Abassi All Stars und Mad Professor. Was hier disparat klingt, fügt sich akustisch zu einem wunderbar homogenen Dub-Album auf höchstem Niveau – auf dem es definitiv keinen einzigen Filler gibt. Ein Album, das zwar keinen Innovationspreis verdient, dafür aber einen Orden für Traditionspflege und unbeirrbar guten Geschmack – abgesehen von der miserablen Covergestaltung – was aber bei Dub leider auch schon Tradition ist.

Ein Album, das soundtechnisch perfekt zu „Roots of Dub Funk 5“ (siehe Kasten) passt, ist der „Showcase“ (Wibbly Wobbly) von den Abassi All Stars. Hinter den All Stars steht tatsächlich nur eine Person, nämlich Neil Perch, Labelchef von Universal Egg, Deep Root und Kopf von Zion Train. Dass er seit den frühen Zion-Train-Meisterwerken nicht verlernt hat, kraftvolle, inspirierte und schön melodiöse Tracks zu produzieren, zeigt dieses spannende Album. Anders als der Titel vermuten lässt, werden hier ausschließlich Vocal-Tracks präsentiert, von überwiegend unbekannten UK-Artists. Lediglich Earl 16, Luciano und Dubdadda sind einem größerem Publikum bekannt. Alle beteiligten Artists liefern äußerst schöne, prägnante und hervorragend gesungene Tunes ab. Earl 16s Opener „Stem the Tide“ legt die Latte bereits sehr hoch, doch der Höhepunkt ist wohl Sis Sanaes Track „Suffering“, in dem die Sängerin ihre sanfte aber starke Melodie selbstbewusst dem brachial treibenden Beat entgegenstellt. Lucianos Tune „What We Gonna Do“ ist ungewohnt düster und schwer, während Fitta Warri seine Interpretation von Sizzla über einem bemerkenswerten Uptempo-Steppers abliefert. Zwei Tracks weiter meldet er sich nochmals mit „Never Sell My Soul“ zu Wort und präsentiert einen weiteren herausragenden Track des Albums. Hier hat Perch ein weiteres kleines Meisterwerk geschaffen. Es ist kaum zu glauben, dass er nach rund 15 Jahren im Geschäft noch immer geradezu übersprudelt vor Ideen. Dafür ist es andererseits umso enttäuschender, dass es nur einen MP3-Release (iTunes) des Albums geben wird. Times are changing. 

Verändern wir allmählich den Sound und werden ein wenig experimenteller: „Negril To Kingston City“ (Nocture/Rough Trade) heißt das Album der Transdub Massive, dessen hervorstechendes Merkmal der reizvolle Kontrast zwischen der Beständigkeit des Beats und der Dissonanz eingestreuter, sperriger Soundeffekte ist. Beat und Mix arbeiten hier scheinbar gegeneinander. Immer wenn eine der beiden Seiten droht, die Überhand zu gewinnen, wendet sich das Blatt. Eben wollten die Stimmfetzen und das Melodikaspiel sich verselbständigen, schon setzt der ruhige Bass ein und holt sie auf den Boden zurück. Sehr interessant ist das – und auch äußerst schön. Natürlich kaum geeignet im Hintergrund vor sich hinzupluckern und warme Atmosphäre zu verbreiten. Aber beim konzentrierten Hinhören bietet es eine phantastische Reise durch das Zauberland des Sound. Abgesehen davon, dass es sich hier um französische Produzenten handelt, ist wenig über Trancedub Massive bekannt. Aber nach diesem Album wird sich das bestimmt ändern.

Das Manifest des experimentellen Dub formulierte 1978 (zwei Jahre vor Adrian Sherwoods „Starship Africa“!) der britische Künstler und Musiker David Cunningham unter dem Titel „The Secret Dub Life Of The Flying Lizards“ (Piano). In jenem Jahr bekam er ein Mono-Tape mit Produktionen von Jah Lloyd ausgehändigt, mit dem Auftrag, es für Virgin Records zu remixen. Cunningham – ein Freund minimaler Sounds – war verzweifelt, denn das zusammenkopierte Mono-Material war praktisch „unremixbar“. Also ging er mit dem Werkzeug des Minimal-Musikers ans Werk, schnitt, loopte und filterte das Tape nach allen Regeln der Kunst und jagte es durch diverse Effektgeräte. Das Ergebnis ist ein gänzlich untypisches, dezent verkopftes, minimalistisches, dafür aber maximal faszinierendes Dub-Werk, das seiner Zeit um rund 30 Jahre voraus war – weshalb es jetzt, zum richtigen Zeitpunkt, rereleased wird.

Zum Schluss eine starke Dosis Old School: „Soul Syndicate Dub Classics“ (Jamaican Recordings). Niney the Observer ist bekannt für seine schweren, wuchtigen und kraftvollen Rhythms, über die er mit Bravour Sänger wie Dennis Brown, Barry Brown, Max Romeo und Gregory Isaacs produzierte. Wäre es nicht spannend, diese Rhythms einmal pur zu hören, ihren Sound auszukosten und sich von der Energie mitreißen zu lassen? Jah Floyd, vom Reissue-Label Jamaican Recordings, hat nun 14, der von King Tubby gedubbten B-Seiten bekannter Niney-Singles, zu einem Album zusammengestellt. Hierunter finden sich ganz erstaunliche Cuts. Unglaublich ist z. B. „Dub in Heaven“, die Dub-Version von Horace Andys „You Are My Angel“. Dieser knochentrockene, alles dominierende Bass gehört zum Erstaunlichsten, was ich aus den 70er Jahren je gehört habe. Stripped to the bone – im wahrsten Sinne. „Dub A Long“ ist ähnlich fundamental, nur das Rockers-Schlagzeug bringt eine gewisse Leichtigkeit in den Track. Interessant ist auch „Niney’s Dub Crown“, ein Dub, der später als Augustus Pablos Version „555 Crown Street“ weltberühmt wurde – hier ist das Original zu hören. Selten waren brillant gespielte Rhythms und hochinspirierte Tubby-Mixe so perfekt vereint wie hier.

Dub Revolution, Januar 2006

Eigentlich ist der Trojan-Back-Katalog von Perry-Aufnahmen sattsam bekannt. Deshalb konnte die 3-Alben-Doppel-CD „Dub-Tryptich“ vom letzten Jahr eigentlich niemanden mehr hintern Ofen hervorholen. Nach gleichem Konzept, also drei Lee Perry-Alben auf einer Doppel-CD, erscheint nun „Dubstrumentals“ (Trojan/Rough Trade) und vereint drei ungleich interessantere, weil seltener gehörte Alben: 1. „Kung Fu Meets The Dragon“, „Return Of The Wax“ und „Musical Bones“. Ende 1973 hatte Perry sein legendäres Black Ark-Studio fertiggestellt – wenn auch noch mit minimaler Ausstattung – und begann dort erste Stücke zu produzieren. 1973 war auch das Jahr in dem Bruce Lee seinen Film „Enter The Dragon“ in die Kinos brachte und damit die Kung Fu-Pandemie im Westen verbreitete. Perry, der ohnehin viel Spaß an guten Filmen hatte – man denke nur an seine musikalischen Huldigungen der Spaghetti-Western –, konnte die Chance, ein Album mit schrägen Kung Fu-Sounds, mystischen Pablo-Far-East-Melodien und natürlich Bruce Lees typisches Gequieke nicht ungenutzt vorbei streichen lassen. Und so entstanden Instrumentalstücke, die dank der Soundeffekte und dem inspirierten – wenn auch verhaltenem – Mix durchaus als Dubs bezeichnet werden dürfen. Die Beats sind, gemessen an späteren Black Ark-Produktionen, noch relativ uptempo mit stark betontem Offbeat und gespickt mit Perrys Bruce Lee-Imitationen. Deutlich ist hier zwar der Weg zu neuen Klängen herauszuhören, doch von seinem spät-60er-Sound hat Perry sich noch nicht emanzipiert. Viel dunkler und deeper klingt dagegen das zweite Album „The Return Of Wax“, das 1975 in England nur als White-Label-Pressung erschienen war. Hier hat Perry mit minimaler Instrumentierung gearbeitet und den Mix radikal abgespeckt. Oft ist nicht viel mehr als Drum & Bass zu hören, trocken und puristisch. Selbst wenn, wie auf „Big Boss“, der Track verhalten melodisch mit Offbeat und Trompete anfängt, schaltet Perry spätestens nach dem vierten Takt alle Instrumente ab und lässt den puren Rhythmus weiterlaufen, nur um später mit dem Lautstärkepegel zu experimentieren. In mancher Hinsicht erinnert „Return“ an das radikale Album „Dub Revolution“. Das dritte Album, „Musical Bones“ klingt wieder ganz anders. Zwar ist es ebenso wie „Return…“ nur als White-Label nach England gekommen, doch ganz anders als dieser minimalistische Vorgänger ist „Musical Bones“ eine wahre Ausgeburt an Musikalität und Spielfreude, denn hier hat Perry nicht experimentiert sonder den Posaunisten Vin Gordon einfach mal machen lassen. Dieser hat die Chance ergriffen und ein schönes, melodisches Instrumental-Album abgeliefert, das viele klassische Reggae-Riddims benutzt und auch vor eingestreuten Jazz-Strukturen nicht zurückschreckt, die nach einem harten Break gerne in Disco-Zitate übergehen, um danach wieder dem ruhigen Reggae-Beat Platz zu machen. Leider wurden von diesem Album viel zu wenige Exemplare gepresst, so dass es schnell in Vergessenheit geriet und später in der Flut frischen Black Ark-Materials auch von Perry übersehen wurde. Nun ist es jedoch in brillanter Qualität wieder zu hören – und zwei Bonus-Alben gibt es obendrein.

Auralux hat sich unter den Reissue-Labels in den zwei Jahren seines Bestehens einen hervorragenden Namen gemacht. Schön ist zudem, dass die Reggae-Historiker des Labels auch eine Ader für Dub-Klassiker haben, wie sie es nun mit der Wiederveröffentlichung des Fatman Dub Contest aus dem Jahre 1979 erneut unter Beweis stellen. Offiziell ist das Album „Fatman Presents Prince Jammy vs. Crucial Bunny: Dub Contest“ (Auralux) betitelt und gehört zu meinen persönlichen Lieblingen aus jener goldenen Dub-Ära. Fatman war ein britischer Soundsystemoperator, der bis in die frühen 1980er Jahre hinein Prince Jammy-Dubs importierte und im UK vertrieb. In Falle von „Dub Contest“ – das übrigens seit seines Erscheinens 1979 nicht wiederveröffentlicht wurde – mixte der damalige Prince die erste Albumseite, während dem Channel One Inhouse-Engineer Crucial Bunny aka Bunny Tom Tom die zweite Seite zuviel. Natürlich stammen die Tracks beider Seiten aus unterschiedlichen Recording-Sessions, wovon Jammy die spannendere erwischt hat. Seine Tracks klingen mystisch und dunkel, was von Jammys echodominiertem Mix noch potenziert wird. Jammy konnte auf hervorragendes Material zurückgreifen, wie etwa Johnnie Clarkes „Play Fool Fe Catch Wise“, Black Uhuru’s post-rockers Version des Wailers-Klassikers „Sun Is Shining“ sowie Johnny Clarkes und I Roy’s großartigem re-working von „Satta“. Bunnys Seite kann da mit ihrem leichteren Revolutionaries-Rockers-Sound nicht ganz mithalten. Beide Seiten sind übrigens für den CD-Release mit je zwei Bonus-Tracks ergänzt worden.

Aus der gleichen Ära stammen die meisten Tracks des Scientist-Albums „Dubs From The Ghetto“ (RAS/Roughtrade). Compiled von John Masouri, bietet das Album einen zwar recht kleinen, aber sehr interessanten Blick auf Scientists Schaffen. Versammelt sind hier Scientist-Dubs für die Produzenten Jah Thomas, Bunny Lee, Linval Thompson und Barrington Levy. Masouri hat hier zielsicher die besten Produktionen herausgegriffen; jedes Stück ist ein kleines Meisterwerk, sowohl was die Rhythms, wie auch den Mix betrifft. Die Musik fließt mit ruhiger Gelassenheit und die Basslines entfalten sich in aller Wärme. „Heavenless“ und „Shank I Sheck“ erklingen in wunderbaren Versionen und Scientists verhaltener Mix lässt sie ganz zu ihrem Recht kommen. Mit „Baltimore“ findet sich sogar eine Produktion von Scientist aus dem Jahre 2003 unter den letzten Tracks – erstaunlich gut übrigens.

Nun ein kleiner Sprung ins New York der 70er Jahre. Hier entstand „Bullwackiess All Stars: Dub Unlimited“ (Wackies/Indigo) ein klassisches Dub-Album aus der Anfangszeit von Lloyd Bullwackie Barnes New Yorker Label. Das Studio in der Bronx war noch so neu, dass Barnes, Prince Douglas und Jah Upton noch keine Zeit für eigene Aufnahmen gefunden hatten, als sie schon ein erstes Dub-Album herausbrachten. Sie hatten sich die Aufnahmen einfach im Treasure Isle Studio einspielen und von King Tubby mixen lassen – was erklärt, warum hier noch nicht der typische Wackies-Sound zu hören ist. Allerdings hatte Barnes in Tubbys Studio wohl Regie geführt und sich sehr abwechlungsreiche, inspirierte Dubs mixen lassen, die sich schon deutlich von Tubbys Massenfabrikation dieser Zeit unterscheiden.

Dub Top 10 des Jahres 2005

1. Matthias Arfmann, ReComposed (Deutsche Grammophon)

2. Mad Professor, Method To The Madness (Trojan)

3. Dub Club, Picked from the Dancefloor (G-Stone)

4. Chinna Smith, Dub It (Nature Sounds)

5. Prince Douglas, Dub Roots (Wackies)

6. Bill Laswell, Dub Massive 1 & 2 (Trojan)

7. Kankal, Don’t Stop Dub (Hammerbass)

8. King Size Dub 11 (Echo Beach)

9. Fenin, Grounded (Shitkatapult)

10. Burning Babylon, Stereo Mash Up (I-Tones)

 

Mattias Arfmanns Karajan-Remixes gehören zu den spannendsten Dub-Experimenten der letzten Jahre. Encore!

Dub Revolution, November 2005

St. Germain hat vor einigen Jahren gezeigt, wie sich House auf äußerst elegante Art und Weise mit Jazz verbinden lässt. Patrick Bylebyl und Guillaume Metenier, ebenfalls aus Paris, wendeten seine Methode der Housierung auf Reggae an und kreierten unversehens eine so ungemein soulige Variante von House-Dub (nicht Dub-House!), dass sich ihr Projekt-Name „Seven Dub“ tief im Gedächtnis aufgeschlossener Dub-Enthusiasten verankerte. Ihr Tune „Rock it Tonight“ war die Initialzündung, der anschließend zwei Alben folgten. Nun liegt mit „Dub Club Edition: Rock With Me Sessions“ (Echo Beach/Indigo) Album Nr. 3 vor und passt sich perfekt in die Reihe ein. Wunderbar groovende Tunes, gekrönt von den warmen Stimmen großartiger Vokalisten wie Angelique (sie hat „Rock it Tonight“ gesungen), Paul St. Hilaire, Zakeya und DJ-Veteran Lone Ranger. Beat-technisch orientieren sich Bylebyl und Metenier zwar an dem schmalen Grenzpfad zwischen House und Reggae, genehmigen sich aber teilweise recht umfangreiche Exkursionen zu beiden Seiten – ohne dabei jedoch den für sie typischen Dub-Groove, der das ganze Album wie ein roter Faden durchzieht, reißen zu lassen. Ein gutes Beispiel für diese Technik ist die kongeniale Cover Version von Gregorys „My Only Lover“: Ein sehr offen und leicht gespielter One-Drop-Rhythm bildet hier die Basis. Weiche Synthie-Akkorde, eingestreute Gitarren-Picks und verhalten jazzige Piano-Klänge sowie natürlich Angeliques zauberhafte Stimme legen sich wie in transparenten Ebenen darüber und erzeugen so ein äußerst faszinierendes, vielschichtiges Klangbild – zugleich voller Dynamik und entspannter Gelassenheit. Sehr sehr schön. Hier sind Seven Dub in ihrem Element. Da ist das Schielen nach einem „Rock Me Tonight“-Nachfolge-Hit, wie es der Titelsong „Rock With Me“ zu sein versucht, unnötig. Das erzeugt nur latente Déjà vu-Effekte, die den Eindruck vermitteln, Bylebyl und Metenier träten auf der Stelle. So wird der vermeintlich stärkste Track des Albums tatsächlich zu seinem schwächsten. 

Anfang letzten Jahres überraschte uns Ryan Moore mit einem Vocal-Artist-Album aus seinem für reine Dub-Workouts bekannten Haus „Twilight Circus“. Es folgte ein hervorragendes Solo-Album von Michael Rose, zu dem Moore nun – wie sollte es anders sein – unter dem Titel „African Dub“ (M Records/Import) das passende Dub-Album vorlegt. Doch das Problem mit dem Zwielicht-Zirkus war immer, dass seinen Dubs die gewisse Würze fehlte – weshalb Moores Entscheidung, seinen Dubs die Lyrics großartiger Foundation-Artists angedeihen zu lassen, genau die Idee war, die zum großen Wurf noch fehlte. Zwangsläufig führt der umgekehrte Weg, nämlich den Gesang für die Dub-Version wieder zu streichen, zum alten Problem: Gute Fleißarbeit, aber im Ergebnis nicht wirklich spannend. Hinzu kommt, dass Moores Dubs auf Michael Roses Album ohnehin so präsent sind, dass das Dub-Album eigentlich obsolet ist. Wer die Songs ein paar mal gehört hat, wird auf diesem Dub-Album nicht viel neues entdecken – außer Manassehs Mix von „No Burial“, der hier einen schön synthetisch klingenden Computer-Bass unterlegt hat.

Noch ein Wort zu „Computer-Bass“: Wer darauf steht, der findet den ultimativen Computer-Bass-Tune auf dem Kankal-Album „Don’t Stop Dub“ (Hammerbass/Import). Nach einem spannungsvollen Intro und der altbekannten Fuzzy Jones-Ansage, knallt eine unglaubliche Bassline los, die dem Labelnamen alle Ehre macht. Überhaupt hat Monsieur Kanka hier ein äußerst bemerkenswertes Dub-Album vorgelegt, das so voller Energie steckt, dass man sich daran fast die Finger verbrennt. Hier heißt es: „Four To The Floor“ im für Dub maximal zulässigen Höchsttempo. Wie Kong Kong durch die Straßen New Yorks, stampft Kankas Drummachine durch die Beats und lässt es ringsum scheppern und donnern. Damit der Bass dagegen eine Chance hat, türmt er sich zu einem wahren Frequenzgewitter, das mühelos die Nachbarn von der anderen Straßenseite aus den Schlaf vibriert. Also, Dubheads, hier lohnt sich ein wenig Import-Recherche – dieses Album ist ein Killer!

Mal schauen, ob die Bush Chemists mit ihrem neuen Werk „Raw Raw Dub“ (Roir/Import) degegenhalten können. Es beginnt zunächst ganz am Anfang mit „New Beginning“. Doch was hier so vielversprechend heißt, entpuppt sich als gewohnt gutbürgerlich. Neo-Dub, oder auch UK-Dub, in Reinstform, nicht mehr und nicht weniger. Der nächste Track „Speaker Rocker“ baut schon etwas mehr Tempo auf und noch einen Track weiter, in dem Love Grocer-Remix „East Of Jaro“ kommt noch etwas Melodie dazu. Nein, gegen Kanka machen die Dub-Veteranen keine allzugute Figur, doch je länger man ihnen zuhört, sich auf ihre Musik einlässt, desto mehr verblasst der Vergleich und das Album entfaltet seine Qualitäten – und die bestehen darin, dass es den eingeschränkten Möglichkeiten des Neo-Dub (seiner Rhythmik, seinen Arrangements und seiner Instrumentierung) irgendwie doch noch weitgehend interessante Tunes abgewinnt. 

Hören wir lieber mal beim Original nach, hören wir, wie alles begann… 1991 nahm Zion Train das Debutalbum „A Passage To Indica“ auf, ein braves, unspektakuläres Album, das jetzt zusammen mit seinem Nachfolger „Natural Wonders of the World in Dub“ (Universal Egg/Import) – ein Neo-Dub-Meilenstein – frisch remastered neu veröffentlicht wird. Vor allem „Natural Wonders“ ist immer noch sehr hörenswert. Hier deutet sich schon sehr klar die für Zion Train typische Liaison zwischen Digi-Dub und schnellen  Acid-House-Rhythmen an. Das Album steckt voller bahnbrechender Ideen, jeder Track ist eigenständig und rhythmisch wie melodiös so prägnant, dass sich die Dubs beinahe als „Songs“ bezeichnen lassen, wie z. B. insbesondere beim letzten Track „Zion Canyon“ mit seiner sanften Ohrwurm-Piano-Melodie über der unweigerlich hypnotisierenden Bassline. Rückblickend zeigt sich das Album als ein erstes Manifest der neuen Möglichkeiten des Neuen Dub.

Abschließend noch ein historischer Blick auf den jamaikanischen Dub. Das amerikanische Label „Silver Kamel Audio“ widmet sich dem Oeuvre des Deejay und Produzenten Jah Thomas. Die letzten Veröffentlichungen sind der Sampler „Big Dance A Keep“ und das Dub-Pendant „Big Dance a Dub“ (Silverkamel/Import). Aufgenommen von den Roots Radics, Mafia und Fluxy sowie der Firehouse Crew im Tuff Gong und im Black Scorpio-Studio, bietet das Album 14 frisch eingespielte Tracks, die so klingen, als stammten sie aus den 80er und 90er Jahren. Das Album wäre keiner besonderen Erwähnung wert, wären da nicht all die schönen Studio One-Riddims, die hier in crisp eingespielter Fassung gewissermaßen pur zu hören sind. Ein Verneigung Nkrumah Thomas’ vor dem großen Erbe Studio Ones? Oder bloße Einfallslosigkeit? Egal, diese Riddims machen Spaß und tragen jedes Album.

Dub Revolution, September 2005

Steve Barrow – unermüdlicher Reggae-Historiker und Reissue-Papst – zeichnet neben Blood & Fire nun für ein neues Label verantwortlich: „Hot Pot“, angesiedelt im Haus von Cooking Vinyl (wie passend!). Nach „Earthquake Dub“, das bereits im März erschien, kommt jetzt „Leggo Dub“ (Hot Pot/Indigo), beides Werke des Produzenten Oswald „Ossie“ Hibbert. „Leggo Dub“ ist ein schönes, raues und energiegeladenes Dub-Album, das von Sly Dunbars Drums unerbittlich durch 16 Tracks gepeitscht wird. Im Wesentlich basiert es auf Gregory Isaacs Album „Mr. Isaacs“ und bietet Dub-Versions so glorreicher Hits wie „Smile“, „Storm“, Sacrifice“ oder „The Winner“. Doch Barrow wäre nicht Barrow, wenn er es dabei belassen hätte, und so hat er sechs Bonus-Tracks aus Ossies Archiv hinzugefügt: darunter „Lion Fence Version“, eine Ranking Trevor-B-Seite oder „Special Version“ und „Loving Version“, beides U. Brown-B-Seiten. Doch die Gregory-Rhythms sind nicht zu toppen. Knochentrocken und kraftvoll stürmen die Beats voran, garniert von wunderschönen Gregory-Melodien, die von Bläsern angespielt werden und dann verhallen, um Drum & Bass den Vortritt zu lassen. Gelegentlich hat Hibbert, der hier auch Sound Engineer war, Soundsamples, wie Hundegebell oder Telefonklingeln beigemischt. Hat er wohl bei Errol T. abgeguckt, klingt auf „Leggo Dub“ aber doch eher deplatziert. Ansonsten kann Hibbert seine Nähe zu King Tubby nicht verleugnen – was aber nicht zuletzt am Sound der Backing Band (Revolutionaries/Soul Syndicate/Aggrovators) liegt, die auch für Bunny Lee unzählige Rhythm Tracks aufgenommen hat. Wer also die Blood & Fire-Dub Rereleases mag, wird an Leggo Dub seine Freude haben.

Mein lieber Plattendealer aus Münster hat ein interessantes französisches Dub-Label mit dem grandiosen Namen „Sounds Around“ ausgegraben, das sich irgendwo im Spektrum zwischen Neo-Dub, Elektronik, Techno und Drum ‚n’ Bass verorten lässt. Mit „Dub Excursion“ (Pias/Import) legte das Label – gewissermaßen als Gründungsmanifest – einen Sampler vor, auf dem Namen wie Manutension, Tomaski, Brain Damage, Hybrid Sound System, aber auch mir gänzlich unbekannte Acts wie Elastik, Uzina Dub oder Heckel & Jeckel versammelt sind. Den Grundtenor des Samplers bestimmen wuchtige Neo Dubs mit schweren Basslines und stoisch steppenden Drumbeats. Aber alles klingt ein wenig experimenteller, elektronischer und verspielter. Hier wird undogmatisch musiziert, was der Labtop hergibt – und im Falle von Rawa Dub ist es eine grollende Bassline, die ihresgleichen sucht. Ein wahres Dub-Gewitter! Fantastisch sind auch Heckel & Jeckel, die hier einen UB 40-Sample durch den Fleischwolf drehen. Entlassen wird der Hörer von Elastik, der scheinbar einen Muhezin in der Mangel hatte. Schräg und schön.

Ein weiteres Album auf Sounds Around ist „Dub Strike“(Pias/Import) von Sism-X, die irgendwie nach einer Hardcore-Version von Seven Dub klingen. Machtvoller Roots-Dub ohne Firlefanz. Druckvoll und Kompromisslos. Völlig redundant, einen Titel tatsächlich „Stepper Dub“ zu nennen – nichts anderes macht das gesamte Album mit Bravour.

Das Hybrid Sound System – bereits mit einem Titel auf dem Sampler vertreten – legt mit „Synchrone“ (Pias/Import) auch ein komplettes Album auf Sounds Around vor. Hier geht es schon experimenteller zu. Viele der wuchtigen Dubs sind um orientalische Harmonien und arabische Vokal-Samples herumgewebt. So beginnt der Track L’Uzure wie ein arabisches Volkslied, um sich dann allmählich in einen kraftvollen Steppers-Dub zu verwandeln. „Nordick“ hingegen beginnt wie ein langsamer, schleppender Dub, um im Laufe des Tracks zu einem brachialen Drum ‚n’ Bass-Stück zu werden. Da werden die Ohren nachhaltig frei geblasen!

Beruhigend traditionell geht es hingegen auf dem Vibronics-Album „Heavyweigt Scoops Selection“ (Pias/Import) zu, das ebenfalls auf Sounds Around erschienen ist. Versammelt sind hier scheinbar Vocal-Stücke und Dub-Versions diverser Vibronics-Produktionen – gewissermaßen ein Vibronics-Labelportrait. Nach den frischen französischen Dubs wirken die typischen UK-Dub-Synthie-Sounds der Vibronics irgendwie abgestanden, obwohl die Vokalisten einige nette Melodien beisteuern. Vor allem Madus’ „Book Of Revelation“ ist ein brillanter Song, der auch von einem schön kraftvollen Rhythmus unterstützt wird.

Bleiben wir noch ein wenig in Frankreich und hören in ein Album, dessen Titel ausgesprochen vielversprechend klingt: „Night of the Living Dread“. (Import) Urheber dieses Horror Dub-Albums – auf dessen Cover dreadgelockte Riesen-Roboter gegen Zombies in blauen Banker-Anzügen kämpfen – sind Sonarcotic aus Marseille. Dub-Avantgarde darf man hier zwar nicht erwarten, aber ein sehr schönes, interessantes und ziemlich abwechslungsreiches Dub-Album, dass keineswegs zum Fürchten ist. Im Gegenteil: ruhige, entspannte, aber doch spannungsvoll pulsierende Beats bestimmen den Sound. Die Arrangements stecken voller kleiner Ideen und sorgen dafür, dass jeder Song Eigenständigkeit und Prägnanz besitzt. Entgegen aller Erwartung wird der Hörer hier nicht mit blöden Samples aus Horrorfilmen genervt – der Titel scheint (zum Glück) lediglich ein nettes Wortspiel zu sein. 

Es gibt wieder eine neue Scientist-Platte! „Nightshade meets Scientist“ (Organized Elements/Import) heißt das Teil und bietet 13 Dub-Mixes eines – noch nicht erschienenen – Albums der Ami-Band Nightshades. Gemixt wurde es von Hopeton Brown a.k.a. Scientist in Hollywood. Die Tracks sind alle von Hand gespielt und klingen auch so – typisch amerikanischer Reggae: traditionell, rootsig, latent trocken. Scientist liefert einen soliden Job: traditionell, rootsig, latent trocken. Spannendere Rhythm-Tracks hätten ihn wahrscheinlich etwas mehr aus der Reserve gelockt. Doch ein Album ohne Höhen und Tiefen hat auch Stärken: So eignet es sich hervorragend als Hintergrundmucke im Büro, gewissermaßen als Stress-Absorber.

Nachdem im letzten Jahr die große Jah-Wobble-Werkschau in Form von einer 3-CD-Box erschienen ist, wagt sich Wobble nun, ein  Album mit aktuellen Werken vorzulegen. Um diesem eine angemessene Bedeutung zu verleihen, hat er den Titel „Mu“ (Trojan/Rough Trade) gewählt, was laut eigener Aussage aus dem Chinesischen stammt und nichts geringeres als „Gott“ oder auch „Ursprung“ meint. Damit dürfte klar sein, dass Mr. Wobbles Esoterik-Trip noch andauert. Diesmal führt er uns über Indien in den fernen Osten, auf einem mit sphärischen Dubs und warmen Bassläufen gepflasterten Weg. Seine Soundcollagen aus asiatischen Harmonien, Breakbeats, Sampels, Keyboard-Flächen und natürlich subsonischen Bassfrequenzen haben zwar nur bedingt mit Reggae zu tun, dafür aber umso mehr mit Dub, Zen-Dub, um genau zu sein. Jeder Track besteht aus einer nicht genau definierbaren Anzahl von Soundebenen, die sich transparent überlagern und aus denen immer wieder einzelne Instrumente oder Stimmen hervortreten und eine kleine Melodie anstimmen oder synkopierte Beats beisteuern. (Für diesen faszinierenden Sound zeichnet übrigens Mark Lusardi verantwortlich, der auch schon The Orb, Duran Duran und David Bowie hat gut klingen lassen). Wobbles Songs stecken voller Ideen und lassen eine allzu einfache Klassifizierung nicht zu. So ist „Kojak-Dub“ zum Beispiel ein funkiges Uptempo-Stück und „Love Comes/Love Goes“ ist lupenreiner Pop. Aber das ist ja kein Widerspruch, denn alles entspringt ja bekanntlich dem große „Mu“.

Dub Revolution, August 2005

Mad Professor ist einer meiner Helden. Seine „Dub Me Crazy“-Alben kamen zu Beginn der 1980er Jahre über mich wie eine Offenbarung. Als hätte ich geahnt, dass es im Reggae noch eine tiefere Dimension geben müsse, hörte ich seine metallisch donnernden Beats mit offenen Ohren, Kopf und Mund. Seine Dubs waren genau die richtige Mischung aus druckvollen, tief tönenden Beats und höchst kreativem Mix. Anders als bei Kollege Adrian Sherwood, gelang es ihm immer, seinen musikalischen Experimenten Bodenhaftung zu verleihen und seinen Stücken Seele einzuhauchen. In einem Interview erzählte er mir einmal, dass er glücklich sei, in England und nicht in Jamaika Musik zu machen, denn hier sei er vielfältigeren Einflüssen ausgesetzt, die ihn stets von neuem inspirieren und motivieren. Daraus spricht eine vollkommene Hingabe an die Musik. Nicht die Suche nach einem kommerziell verwertbaren „Style“ treibt ihn an, sondern die Erforschung der noch verborgenen Möglichkeiten von Dub. Wie weit er mit der Auslotung dieser Potentiale bisher gelangt ist, dokumentiert seine Doppel-CD-Jubiläums-Compilation „Method To The Madness“ (Trojan/Sanctuary) , die einen Querschnitt aus 25 Jahren Produktionstätigkeit des Professors präsentiert. Während die zweite CD vor allem seiner Remix-Tätigkeit (für Massive Attack, Jamiroquai u.a.) gewidmet ist, finden sich auf der ersten CD die wahren Großtaten des Professors. Weitgehend chronologisch wird hier der Bogen gespannt von 1979 („Kunta Kinte Dub“) bis 2004 („Ariwa Dub Rock“ – mit Sly & Robbie). Dabei ist es schon geradezu erschreckend, wie modern seine Produktionen aus den frühen 80ern klingen. So ausgefeilte, clever arrangierte und niveauvoll produzierte Rhythms haben selbst heute noch Seltenheitswert. Der Professor nutzte sie für seine großartigen Dubs, aber auch als Basis für viele Vocal-Produktionen mit britischen Artists wie Pato Banton, Ranking Ann, Sandra Cross oder natürlich Macka B, die hier alle mit ihren wichtigsten Stücken vertreten sind. Doch auch ehrwürdige Foundation-Artists haben Mad Professor immer interessiert und so gibt es wunderschöne Aufnahmen mit Johnny Clarke, Horace Andy oder Max Romeo zu hören. Insgesamt also eine ebenso vielschichtige wie essentielle Werkschau des verrückten Professors – die verrückt nach mehr macht.

Seit Trojan von Sanctuary geschluckt wurde, wird der gigantische Katalog des Labels wieder nach Kräften ausgewertet. Da ist natürlich jede Kompilation-Idee willkommen. Die neuste Idee im Hause Trojan: die klassische DJ-Kompilation, bei der ein bekannter Plattenaufleger seine Lieblingstracks aus dem Fundus auf einen Sampler packen darf. Das hat schon mit DJ Shortkut gut geklappt. Jetzt ist der BBC-Radio DJ Chris Coco an der Reihe und präsentiert seinen Dub Club: „Peace & Love & Dub“ (Sanctuary). Dafür hat er sich vor allem in den 1970er Jahren bedient und einige schon auf tausend anderen Samplern vorliegende  Stücke wie „King Tubby Meets Rockers Uptown“ oder „Cocain In My Brain“ (also nicht nur Dubs) aber auch echte Neuentdeckungen wie Dawn Penns „Love Dub“, Gregorys „African Woman Version“, Bobby Ellis „Shuntin“ oder Lee Perrys selbst gesungene (und leicht umgetextete) Version von Marleys „One Drop“ auf den Plattenteller gepackt. Das ist zwar alles nicht wirklich zwingend, macht aber Spaß und kommt vor allem Sonntagmorgens gut.

Doch damit nicht genug, denn mit dem „Trojan Dub Rarities Box Set“ (Sanctuary), setzten die Sanctury-Kompilatoren noch einen drauf: fünfzig Dub-Tunes aus den 1970er und frühen 1980er Jahren auf drei CDs. Zum Glück sind hier statt der üblichen Verdächtigen eher seltenere Stücke versammelt. Dabei handelt es sich allerdings oft nur um alternative Mixe, was den Neuigkeitswert natürlich schmälert. Aber es gibt auch kleine, funkelnde Dub-Perlen, die in der Geschichtsschreibung des Dub übersehen wurden, wie z. B. „Dub In Love“ von The In Crowd mit frühen Synthie-Melodien, oder Nineys „Iron Fist“ ein früher „computerized“ Dub. Doch angesichts der Tatsache, dass es an Seventies-Dub-Samplern zur Zeit nicht mangelt, stellt sich schon die Frage, ob diese „Rarities“ zwingend in die Dub-Sammlung gehören.

In jede Dub-Sammlung gehören allerdings diese beiden Alben: „Dub Massive Chapter 1“ und „2“ (Sanctuary). Zwei CDs mit je 18 Stücken, die niemand geringeres als Bill Laswell aus den Trojan-Archiven geklaubt hat. Doch der Meister des Bass hat hier nicht nur seine Lieblingsdubs der Seventies kompiliert, sondern hat sie zugleich einem sanften, das Orginal respektierenden Remix unterzogen. „Placed By Bill Laswell“ heißt es daher auch auf dem Cover (das übrigens aus je einer Einsteckpappe besteht und dem interessierten Hörer weitere Informationen schuldig bleibt), worunter Laswell offensichtlich vor allem subtile Veränderungen am Sound versteht (z. B. verstärkte Basslines, Verzerrungen, etc.), gelegentliche Soundsamples sowie ausgeklügelte Übergänge zwischen den ineinander gemischten Stücken. Jedes Album präsentiert sich somit als ein siebzigminütiger, kontinuierlicher Dub-Mix in dem die Beats unterschiedlicher Producer und unterschiedlicher Epochen zu einem faszinierenden Dub-Allover verschmelzen. Was Puristen als Sakrileg empfinden, versteht Laswell als „Interpretation“. Das trifft die Sache eigentlich ganz gut, denn statt sie neu und anders klingen zu lassen, arbeitet er vielmehr die Stärken und Besonderheiten der Originale heraus und unterzieht sie einem sanften soundtechnischen „Rebrush“. Wer das für ein Sakrileg hält, sollte sich die Alben erst recht anhören, denn wahrscheinlich wird er hier seine Lieblingsstücke ganz neu entdecken.

Damit genug an Trojan-Releases. Kommen wir zu einem anderen Lieblingslabel von mir: Echo Beach. Immer auf der Suche nach interessanten Dub-Manifestationen, ist der Labelchef nun auf ein Dub-Album der amerikanischen Ska-Band The Slackers, mit dem Titel „An Afternoon In Dub“ (Echo Beach/Indigo), gestoßen. Entstanden im Anschluss an Probe-Sessions, bei denen das Aufnahmeband laufen gelassen wurde, klingen die Tunes sehr entspannt und inspiriert – und gar nicht nach Ska. Hier dominieren eher langsame Reggae-One-Drop-Beats – nur gelegentlich schleicht sich ein Ska-Shuffle ein, der dann aber sehr erfrischend ist. Besonders schön sind natürlich die Ska-typischen Bläser und der raue, handgespielte Sound. Weniger überzeugend sind allerdings die Riddims und die teilweise etwas drucklose Spielweise. Überhaupt klingt das Album mehr nach einem Instrumental als nach einem reinrassigen Dub-Album, obwohl der Dub-Mix unüberhörbar ist. 

Ein wenig ist das auch bei dem neuen Album von Burning Babylon, „Stereo Mash Up“ (I-Tones/Import) der Fall. Auch hier ist der handgespielte Sound manchmal etwas trocken und das Timing nicht immer perfekt. Andererseits finden sich hier auch supertighte Stücke wie „Midnight To Six“, oder „Heavy Dread (eine Stalag-Version), die, bei voller Lautstärke gehört, durchaus in der Lage sind, das Dach abzudecken. Diese Überraschungen sind es denn auch, die das Album interessant machen. Statt eintönigem Standard-Sound stecken hier in jedem Stück eine Menge Ideen – Spiel- und Mixfreude sind unüberhörbar.

Bleiben wir in Amerika und wechseln von Massachusetts nach Brooklyn, zum Trumystic Soundsystem. Soeben haben sie ihr Doppel-Album „Dub Power“ veröffentlicht, dass entgegen des Titels überwiegend Vocal-Nummern enthält. Die Dub-Versions finden sich dann allerdings auf CD 2. Ebenfalls handgespielt, haben auch diese Tunes einen recht trockenen, analogen Sound, über dem die helle, kraftvolle Stimme der Sängering Kirsty Rock schwebt. Produziert wurden alle Songs von Keith Clifton aus dem Wordsound-Umfeld, was zunächst alle Alarmglocken läuten lässt, ebenso wie die Info, dass Trumystic bereits auf dem Pink-Floyd-Hommage-Album „The Dub Side Of The Moon“ zu hören waren. Und in der Tat: eine gewisse geistige Nähe zum Rock ist manchmal nicht ganz zu überhören. Andererseits gibt es auch sehr schöne, druckvolle Reggae-Rhythms – aber so richtig überzeugen kann mich das Album nicht. Dub ist eine im weitesten Sinne elektronische Musik. Um hier mit einem handgespielten, tendenziell rockigen Sound überzeugen zu können, muss man seine Sache schon richtig gut machen (wie z. B. das Dub Trio). Doch das will hier noch nicht recht gelingen. Trumystiks Stärken liegen hingegen in den Vocal-Stücken, bei denen eine schlüssige Songstruktur wichtiger ist als Sound und Präzision.

Komplett anders klingen Dub Resistance auf ihrem Album „World Receiver“ (www.maxelect.com). Hier geht es um House, Lounge und Dope Beats unter dem großen Prinzip Dub. Die Sounds sind demnach eher elektronisch, entspannt und fließend. Eine Musik, die gut in den Hintergrund passt, sie füllt den Raum mit Atmosphäre und Wärme. Es ist kaum möglich, genau hinzuhören. Immer wieder driften die Gedanken ab – nichts hält sie bei den Stücken. Hier fehlen Ecken und Kanten, Kraft und Energie. Nick Manasseh hat mit dem Cool Hipnoise-Album (auf Echo Beach) gezeigt, wie sich Lounge-Dub mit Charakter umsetzen lässt. Davon sind Dub Resistance leider noch weit entfernt. Etwas weniger Bescheidenheit und mehr Selbstvertrauen würden gewiss helfen.

Kommen wir nun zu einem Werk, dass wohl oder übel in diese Kolumne gehört: „The Dub Tribute To U2“ (www.vitaminrecords.com/Imp.) von WideAwake. Mag sein, dass ich schon immer ein Verächter von Rockmusik gewesen bin, mag aber vielleicht auch sein, dass man die U2-Originale kennen muss, um dieses Album genießen zu können. Mir jedenfalls gelingt es nicht einmal ansatzweise. OK, was die Produzenten da gemacht haben, ist zweifellos Dub, soll heißen: hier gibt es eine Menge Soundeffekte, viele (zu viele!) Breaks, Hall und Echo und was sonst noch dazu gehört. Doch dummerweise wurden die Basslines vergessen. Oder gehört es zum Rock-Tribute, dass sich der Bass nicht hören lässt? Dass statt des Basses vor allem Gitarren zum Einsatz kommen, macht die Angelegenheit nur noch schlimmer. Bleibt festzuhalten: druckvolle Rhythms, die Conditio sine qua non eines jeden ordentlichen Dubs, gibt es nicht! Ich will aber nicht leugnen, dass sich die Produzenten redlich Mühe geben und viele gut gemeinte Ideen in ihren Arrangements unterbringen. Doch wenn die Bas(s)is nicht stimmt, dann kann man den Rest leider vergessen. Übrigens ist ein Besuch der Website von Vitaminrecords ganz erhellend, denn das Label hat sich komplett auf Tribute-Alben spezialisiert. Hier gibt es Tribute zu Nine Inch Nails, Marilyn Manson, Rammstein oder Bon Jovi. Allerdings sind das keine Dub-Remixe, sondern meist klassisch orchestrierte Neuinterpretationen, die zum Teil richtig spannend sind (MP3 können Probe gehört werden). So interpretiert ein klassisches String-Quartett zum Beispiel die Musik von Sonic Youth im Minimal-Style eines Steve Reich oder Philipp Glass. Das gleiche Quartett hat sich auch eine Barock-Neuinterpretation von AC/DC vorgenommen!?

Schließen wir den Reigen versöhnlich mit dem neuen Album von Gabriel Le Mar: „Le Mar In Dub“. Gabriel Le Mar ist in Dub-, Ambient-, Downbeat-, Trance- und Techno-Gefilden schon seit den 1990er Jahren eine sehr präsente Gestalt. Meist verbirg er sich allerdings hinter Projekt- oder Labelnamen wie Aural Float, Saafi Brothers oder Banned X. Mir ist er vor rund zehn Jahren zum ersten Mal mit seinen Serious Dropout-Samplern aufgefallen, die mit ihrem Techno-Dub-Crossover ihrer Zeit weit voraus waren. Danach folgten die Auralux-Sampler, die den Reggae-Beat zusehends in Richtung Ambient und Elektronik verließen. Mit „Le Mar In Dub“ ist er wieder back on the track. Hier pulsieren wieder kraftvolle Offbeats mit einem deutlichen Schuss Techno. Einordnen ließe sich der Sound irgendwo zwischen Dreadzone und Kompakt – mit deutlicher Tendenz zu ersterem. In den Beats steckt jede Menge Druck und Vorwärtsdrang. Die Mixes sind fast Nebensache, obwohl sie sehr inspiriert und abwechslungsreich gelungen sind. Das gleiche gilt auch für die Trackauswahl. So finden sich hier heftig groovende Uptempo-Stücke, aber auch langsamere, loungige Dubs mit fließenden Basslines und sanften Sounds. Zu beginn des Albums gibt es sogar zwei Dancehall-Nummern, die allerdings ziemlich aus dem Rahmen fallen und auf dem Album eigentlich nicht viel verloren haben. Für den letzten Track hat Le Mar einen schönen Namen gefunden, dessen rhetorische Frage wir nur allzu gerne bejahen: „Alle Dubbed?“.

Einen hab’ ich noch: Aus Lyon kommen die Hightones, die mit „Wave Digger“ (Jarring Effects/Pias) ein ziemlich experimentelle und gleichermaßen dissonantes wie kickendes Album vorgelegt. Dub funktioniert hier im Wesentlichen in der Form tiefer, rollender Basslines über die so allerhand Chaos abgespielt wird. Mal besonnene Offbeats, mal hektischen Drumm & Bass, mal Hip Hop und mal absurde Samples. Ein Vergleich zur Asian Dub Foundation zwingt sich fast auf, obwohl die Hightones deutlich weniger Ethno-Anteile in ihre wirren Soundmuster verweben. Sehr sehr spannend das Ganze, auch wenn man es nicht unbedingt als Hintergrundmusik bei der Arbeit im Büro einsetzen sollte – sofern einem der Frieden mit den Kollegen lieb ist.

Dub Revolution, Mai 2005

Fenin

Grounded

Shitkatapult/Kompakt/Alive

Dub ist in vielen Styles zu Hause. Nach seiner Wiederauferstehung als Steppers-Variante in den 90er Jahren, hat das Dub-Virus viele Mutationen durchgemacht und die unterschiedlichsten Musikstile der Reihe nach infiziert. Besonders gut gefällt mir in letzter Zeit eine typisch deutsche Variante, die sich in Minimal-Techno und –House-Stücken einnistet, deren ohnehin sehr anfälligen Shuffle-Rhythmen einige Offbeats hinzuaddiert und gelegentlich die Echo-Kammer einschaltet. Einer der Meister dieser Techno-affilierten Dubs ist Lars Fenin. Inspiriert von Adrian Sherwood und Audio Active (aber auch Burning Spear)-Konzerten wandte er sich Mitte der 90er Jahre dem Reggae zu. Sein Umzug von Hamburg nach Berlin platzierte ihn mitten in die Hauptstadt elektronischer Musik, was nicht ohne Folgen blieb. Und so begann Fenin 1999 mit der Produktion warm groovender, deutlich technoid angehauchter Dub-Tunes. In den Jahren danach sind eine ganze Reihe 12“ und EPs auf Labels wie Meteosound, Hör Zu und Shitkatapult erschienen – doch sein Debut-Album blieb er bis jetzt schuldig. Hier ist es nun: „Grounded“ (Shitkatapult/Kompakt/Alive). Es spannt das ganze Spektrum seiner Kunst auf, vom Techno-Hardliner „Konstrukt“ über Kompakt-kompatibles wie „Stony Road“ bis hin zu Reggae-Songs reinsten Wassers, wie „No C.I.A.“ oder „Thrill“. Das alles passt wunderbar zusammen und es findet sich nicht ein schwaches Stück darunter. Feinsinnig vertrackte und doch dynamisch fließende Rhythms prägen jeden einzelnen Tune. Damit bietet Fenin genau das, wofür ich Dub liebe: Musik, die dem aufmerksam-analytischen Zuhören standhält und zugleich eine starke emotionale und körperliche Wirkung hat. In Fenins Dub-Verständnis steckt daher eine Menge Potential – was im Übrigen auch für andere Protagonisten dieser Szene gleichermaßen gilt (z. B. für das Label Meteosound). Und das meine ich natürlich keineswegs nur in Hinsicht auf Dub und Reggae, sondern vor allem in Hinsicht auf die elektronische Musik Made in Germany.

In das gleiche Spannungsfeld zwischen Reggae und Techno gehört auch das neue Werk des Kanadiers Deadbeat (aka Scott Monteith): „New World Observer“ (~scape/Indigo). Allerdings treten hier die Offbeats und die repetitiven Minimal-Beats etwas hinter die breit angelegte Ambient-Atmosphäre zurück. Dabei sind die Rhythmen nicht weniger elegant konstruiert als bei Fenin, es ist lediglich die Dynamik, die hier weitgehend der Fläche Platz macht und den Stücken damit zum Teil den Groove nimmt. Scape-typisch sind bei Deadbeats Stücken nicht nur die Beats vertrackt, sondern der ganze Track. Das bietet der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeit natürlich mehr Raum, und so erstaunt es nicht, dass der Pressetext „New World Observer“ eine politische Aussage unterstellt – die sich bei einem Dub-Album naturgemäß nur über die Betitelung (z. B. „Abu Ghraib“ oder „Texas Tea“) und ggf. Vocal-Samples ausdrücken lässt. Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist ja, ob sich die Symbolkraft von Reggae (und damit Dub) als Widerstandsmusik so einfach vereinnahmen lässt. Ich bin mir da nicht sicher, weil Dub auf einem sehr formalistischen Verständnis von Musik beruht. Dub ist entstanden, indem einem Musikstück am Mischpult die Text-Aussage entzogen und durch eine rein ästhetische Neuinterpretation ersetzt wurde. Zeitgenössischer Dub entsteht bekanntlich sogar gänzlich ohne vorhergehende Vocal-Version. Dub ist abstrakte Musik, größtenteils besitzt er nicht einmal eine erinnerbare, und somit „figurative“ Melodie. Und genau hierhin passt der Klang-Kosmos von Deadbeat: in die große Abstraktion synthetischer Beats und komplexer Komposition.

Kurz erwähnt sei hier ein weiteres Crossover-Album, das sich aber noch viel konsequenter zwischen die Stühle setzt als Fenin oder Deadbeat: „Sports“ (Stadler & Waldorf/Alive) von den beiden Dänen Rasmus Möbius und Anders Christophersen aka Melk. Sie haben ihr Album aufgeteilt in Dub- und Hip Hop-Stücke, die einander abwechseln. Das passt erstaunlich gut zusammen, weil auch die Dubs von deutlichen Breakbeats geprägt sind – ohne dass sie dadurch ihre Wärme verlieren. 

Mein heimlicher Favorit ist eine Platte aus Polen, über die ich kaum etwas herausfinden konnte, da sowohl das Booklet als auch die Website ausschließlich auf Polnisch verfasst wurden. Wie gut, dass Musik eine universale Sprache ist, denn was es zu hören gibt, lässt sich leicht beschreiben: Bhangra, Quawwala, Drum ‚n’ Bass, Arabesque und Asian Underground vereint unter dem allumfassenden Prinzip von Dub. Der Titel des Albums lautet daher auch folgerichtig „Masala“ (Home Appliance/Import) – der Name einer indischen Gewürzmischung. Einer ziemlich scharfen Gewürzmischung zudem, was deutlich macht, dass wir es hier nicht mit sphärischen Sitar-Klängen zu tun haben, sondern mit einem hochenergetischen Mix exotischer Dance-Beats, wobei der Reggae-Offbeat das Chaos stets mit ruhiger Hand ordnet. Der Vergleich zu Asian Dub Foundation drängt sich auf, wobei ADF aggressiver zur Sache gehen und sich zugunsten von Dub und Drum ‚n’ Bass weiter von den originalen Ethno-Sounds entfernen. Das Masala Soundsystem hingegen hat seine Stücke in Afghanistan, Irak, Pakistan und Polen aufgenommen und legt daher viel mehr Wert auf die authentische Musik dieser Kulturen. Diese wird dann auch keineswegs eklektizistisch untergesamplet und als bloßes Klang-Zitat vereinnahmt, sondern sie trägt die Stücke wesentlich und gibt jedem seine unverwechselbare Identität. Sehr faszinierend! (Zu beziehen ist das Album bei Irie Records in Münster).

Wer sich für Worldmusic interessiert, der kommt an dem World Music Network-Label von Phil Stanton nicht vorbei. Vor allem die „Rough Guide“-Serie hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Nachdem vor einigen Jahren bereits der „Rough Guide To Reggae“ erschienen ist, liegt jetzt, ganz frisch, der „Rough Guide To Dub“ (World Music Network) vor. Beide Sampler wurden von Reggae-Historiker und Blood & Fire-Mitbetreiber Steve Barrow zusammengestellt. Allerdings hat dieser sich beim Guide zum Dub mit nur einer Ausnahme auf Titel aus dem Blood & Fire-Katalog beschränkt, was auch erklärt, warum der Guide nicht über die 1970er Jahre hinaus kommt. Allein 10 der 20 Tracks wurden von King Tubby gemischt. Den Rest teilen sich Prince Jammy, Errol Thompson, Lee Perry und Joe Joe Hookim. Damit wären die wichtigsten jamaikanischen Meister – mit Ausnahme von Scientist – alle versammelt, der jamaikanische Dub also aufs vortrefflichste repräsentiert und ein ästhetisch sehr befriedigendes Album geschaffen. Doch was nützt ein Guide, wenn er auf halbem Wege schlappt macht?

Aus dem Hause Echo Beach kommt der Sampler „King Size Dub 11“ (Echo Beach/Indigo). Seit nunmehr zehn Jahren dokumentiert Herr Beverungen mit seiner King Size Dub-Serie (der erste Sampler erschien 1995) die „Logical Dubgression“ und wie gewohnt sind hier wieder feinste Dub-Leckerbissen zwischen Reggae, Soul, Pop, Dancehall, World, Trip Hop und Dope Beats versammelt. Wer – wie ich – eifriger Sammler der Artist-Alben von Echo Beach ist, wird rund ein Drittel der Stücke (Noiseshaper, Kalahari Surfers, Dubblestandart u.a.) schon kennen. Doch gerade auch unter dem neuen Material finden sich einige äußerst interessante Dubs. Da ist zum Beispiel Math Doly, ein Singer und Songwriter von der Elfenbeinküste, dessen Griot-Gesang hier von Produzent Simon Grab in ein meditatives Dub-Stück verwandelt wurde. Da wäre auch Alpendub zu nennen, ein Dub-Mixer aus Kanada, der es liebt, Dubs auf Grundlage deutscher Alpenmusik zu mixen. Und schließlich noch Salz aus Köln erwähnt, mit einem Dub-House Remix der Label-Hymne „Echo Beach“ von Martha & The Muffins.

Eines der Stück auf King Size Dub 11 stammt von dem Album „Dub Guerilla“ (Rent a Dog/Soulfood) von Dub Guerilla, aka Tom Bennecke, dem langjährigen Gitarristen von Bands wie Space Guerilla und Jazzkantine. Klar, dass es hier um Jazz gehen muss. Und wenn es um Reggae und Jazz geht, dann ist Ska nicht fern – ebensowenig wie die Bläser. Und in der Tat stehen bei Dub Guerilla die drei Posaunisten Nils Wogram (führender Jazz Posaunist), Uwe Granitza (Phil Collins, Tom Jones) und natürlich Dr. Ring Ding im Zentrum des Geschehens. Doch die Platte wäre falsch in meiner Kolumne, wenn die drei Herren nur Ska-Stücke mit ihren Bläsersätzen garnieren würden. Was dieses Projekt so ungewöhnlich macht, sind die wahrlich außergewöhnlichen Dub-Stücke. Bereits das erste Stück, „The Curse“, empfängt den Hörer als Reinkarnation eines King Tubby Dub-Mix im Stile klassischer Flying-Cymbal Bunny Lee-Produktionen. „Dub ist für mich die ideale Ausdrucksform“, sagt Bennecke, „es ist alles drin, was ich liebe: druckvolle Riddims, naive Melodik und auch Platz für spacig-jazzige Abfahrten“, und beschreibt den Klangkosmos des Albums damit ganz treffend – abgesehen vielleicht von druckvollen Rhythms (die Jazzer der Post-Swing-Ära im Übrigen noch nie wirklich hingekriegt haben). Neben den auf Drumloops basierenden Stücken, gibt es auch echte, handgespielte Bandtracks, die das Album durch den Sound einer großen Rhythmusgruppe bereichern.

Wer sich heute für Dub engagiert, sei es als Musiker/Produzent oder Labelbetreiber, der tut dies aus purem Idealismus, denn Geld lässt sich damit kaum verdienen. Ralf Wunderlich ist beides, Musiker und Labelbetreiber, Dub Aficionado von ganzem Herzen und bedingungsloser Idealist. Von seiner Heimatstadt Berlin aus betreibt er die Dub-Info-Website www.dubflash.com sowie das gleichnamige Label, auf dem 12“s in Kleinstauflagen und neuerdings auch Alben in CD-Form erscheinen. Während er dort bisher nur die Dub-Werke befreundeter Sound-Frickler und Dub-Musiker vorstellte, ist er nun unter dem Namen Dub Rogue mit einem eigenen Album, namens „Dreams Of A Lost Soul“ (Dubflash), am Start. Wunderlich hat es komplett am heimischen PC produziert, „without any professional skills“, wie er entschuldigend schreibt, und gänzlich ohne Budget. Ein wenig mehr Selbstbewusstsein darf er sich gönnen, denn es ist ein sehr schönes, ruhig-meditatives Dub-Werk geworden, das voller guter Ideen und schöner Melodien steckt. Angelegt als Konzeptalbum, liefert es den Soundtrack zu einem Traum, in dem es um eine gestohlene Melodie geht und um die Frage: „Was ist Wirklichkeit?“. Ein interessantes Konzept, denn diese Thematik im Hinterkopf verändert tatsächlich die Wahrnehmung der Musik. Unweigerlich entstehen beim Hören Bilder im Kopf, die sich in einer Assoziationskette zu einer Geschichte verbinden. Warum sind da nicht schon andere Dub-Producer drauf gekommen?

Was sonst auf Dubflash zu hören ist, hat Wunderlich nun auf dem Sampler „Dub Royal – Best Of Dub Flash“ (Dubflash) versammelt. Hier herrschen heavy Steppers-Beats vor, gelegentlich mit Gesang garniert. Typischer UK-Dub-Mid 90ies-Sound. Auch hier stecken einige schöne Ideen drin, allerdings wird es wohl keinen Innovationspreis bekommen. Auch dürften Arrangement und Instrumentierung der einzelnen Tracks gerne etwas einfallsreicher sein. 

Kommen wir nun zu einem Werk, dass wohl oder übel in diese Kolumne gehört: „The Dub Tribute To U2“ (www.vitaminrecords.com/Import) von WideAwake. Mag sein, dass ich schon immer ein Verachter von Rockmusik gewesen bin, mag aber vielleicht auch sein, dass man die U2-Originale kennen muss, um dieses Album genießen zu können. Mir jedenfalls gelingt es nicht einmal ansatzweise. OK, was die Produzenten da gemacht haben, ist zweifellos Dub, soll heißen: hier gibt es eine Menge Soundeffekte, viele (zu viele!) Breaks, Hall und Echo und was sonst noch dazu gehört. Doch dummerweise wurden die Basslines vergessen. Oder gehört es zum Rock-Tribute, dass sich der Bass nicht hören lässt? Dass statt des Basses vor allem Gitarren zum Einsatz kommen, macht die Angelegenheit nur noch schlimmer. Bleibt festzuhalten: druckvolle Rhythms, die Conditio sine qua non eines jeden ordentlichen Dubs, gibt es nicht! Ich will aber nicht leugnen, dass sich die Produzenten redlich Mühe geben und viele gut gemeinte Ideen in ihren Arrangements unterbringen. Doch wenn die Bas(s)is nicht stimmt, dann kann man den Rest auch vergessen. Übrigens ist ein Besuch der Website von Vitaminrecords ganz erhellend, denn das Label hat sich komplett auf Tribute-Alben spezialisiert. Hier gibt es Tribute zu Nine Inch Nails, Marilyn Manson, Rammstein oder Bon Jovi. Allerdings sind das keine Dub-Remixe, sondern meist klassisch orchestrierte Neuinterpretationen, die zum Teil richtig spannend sind (MP3 können probegehört werden). So interpretiert ein klassisches String-Quartet zum Beispiel die Musik von Sonic Youth im Minimal-Style eines Steve Reich oder Philipp Glass. Das gleiche Quartett hat sich auch eine Barock-Neuinterpretation von AC/DC vorgenommen!?

Dass Polen ein Land mit reger Dub-Szene ist, ließ sich schon aufgrund der zwei Poland-Dub-Sampler erahnen, die ich in der letzten Ausgabe besprochen habe. Nun sind ein paar respektable Solo-Alben „herrübergekommen“, allen voran Activator mit „Mario Dziurex Remixy“ (www.independent.pl/Import). Zu hören gibt es hier Dub-Remixe einiger Tracks von Zion Train, Rootsman, Nucleus Roots, Maka B und verschiedener polnischer Acts. Das ist ziemlich gut gelungen. Der Maka B-Remix strotzt vor Energie und tendiert schon in Richtung Techno-Dub. Andere Stücke klingen nicht weniger progressiv und bestechen zusätzlich mit wunderbar eingängigen Melodien und abwechslungsreicher Instrumentierung. Das macht richtig Spaß zu hören. Wer das Album über Import beziehen möchte, sollte mal hier nachfragen: www.irie-records.de.

Als nächstes kommt 12rael (keine Ahnung wie man das spricht) mit seinem schlicht betitelten Album „In Dub“ (www.wmoichoczach.com.pl/Import). Er bietet uns grundsoliden Steppers-Dub mit akzeptablem Inspirationsgrad. Viel Mühe hat der Artist mit dem unaussprechlichen Namen in seine Mixe investiert. Seine Basslines rollen und die Drumloops sind teilweise, wie auf „Freedomic Dub“, schon ein wenig außergewöhnlich. Aber ehrlich gesagt, fällt mir jetzt trotzdem kein richtiges Argument dafür ein, warum man in den Import aus Polen investieren sollte.

Sehr interessant ist das neue Werk eines weiteren Artist mit unaussprechlichem Namen: Wszystkie Wschody Slonca. Das Album ist etwas einfacher betitelt: „Luv Etno Logic Dub“ (www.independent.pl/Import). Statt stoischer Steppers-Beats werden hier komplexe Arrangements mit Breaks, Samples und manch folkloristisch inspirierter Harmonie serviert. Dabei finden sich immer kleine Ohrwurmmelodien, die wie ein roter Faden durch den jeweiligen Track führen. Gelegentlich muss man allerdings auch ein Gitarrensolo über sich ergehen lassen oder jemandem beim polnisch reden zuhören. Überhaupt ist hier eine gewisse Nähe zu raueren Adrian Sherwood-Produktionen zu erkennen. Das geht zwar auf Kosten warmer Bass-Vibes, dafür bekommt man Kopf Futter – und zwar scharfe Zwiebeln, wie sie auf dem Cover abgebildet sind.

Soweit die Polen-Selektion. Kommen wir nun zu ein paar eher obskuren Produktionen. Zunächst wäre da Justin DeHart aus Sacramento von der amerikanischen Westküste, der unter dem Namen Doctor Echo seit den frühen 90er Jahren Dub produziert. Die auf seinem Album „Steady Ups vs. Doctor Echo: Dub Desaster“ (www.doctorecho.com/Import) präsentierten Stücke wurden in den Jahren zwischen 1995 und 2000 live eingespielt und nun zu Dubs gemischt. Das klingt nicht sonderlich aufregend und ist es auch nicht. Leider hatten die Steady Ups keinen Plan davon, wie man groovende Rhythms einspielt. Und da kann sich der Doctor bei seinem Mix noch so anstrengen, gute Dubs klingen anders.

King Earthquake legt mit seinem Album „Earthquake Dub-Plates“ (King Earthquake/Import) schon anderes vor. Knallharte Steppers-Beats im reinsten UK-Dub-Style lassen die Fensterscheiben rasseln (womit der König der Erdbeben wohl seinem Namen gerecht zu werden versucht). Doch abgesehen davon, dass der King dem Mid-90ies-Sound nicht das Geringste hinzuzufügen hat, produzierte er für seine Dubplates die langweiligsten Basslines, die ich jemals gehört habe.

Die I-Sticals aus Frankreich sind mit ihrer selbst gebrannten CD „Verse-Ital“ (www.irie-records) geringfügig besser. Allerdings ist der zum Glück nur sporadisch einsetzende Gesang so schlecht, dass er alle gut gemeinten Dubs mit sich in die Tiefe reißt – auf dass sie in Frieden ruhen.

Nach den Verrissen zum Abschluss jetzt noch ein richtig schönes Revival-Album: Dub Roots (Wackies/Indigo) von Prince Douglas. Ursprünglich in den frühen 80ern erschienen, gehörte das Album zu den ultrararen Wackies-Sammlerstücken (das kürzlich in einer Internetauktion für über 200 Dollar verkauft wurde). Mag sein, dass sich der Käufer über den Rerelease richtig ärgern wird, alle übrigen Liebhaber guter Reggae-Musik werden sich zweifellos sehr freuen, denn Dub Roots ist eines der schönsten Dub-Alben des Labels. Auch wenn es mixtechnisch eher zurückhaltend ist, so sind die Rhythms schlichtweg atemberaubend. In angenehm entspanntem Tempo rollen die melodiösen Basslines durch wunderbar „warme“ Wackies-Tunes voller Atmosphäre. Angeblich sind die Stücke Kopien von Rhythms, die Sly und Robbie aus Jamaika mitgebracht hatten. Einer der schönsten Tunes, „March Down Babylon“ ist jedenfalls definitiv eine Kopie von Steel Pulse’ „Handsworth Revolution“, mit Bullwackie himself am Mikrophon.

Dub Revolution, März 2005

Nikolai Beverungen, Inhaber des Hamburger Echo Beach-Labels, ist stets auf der Suche nach interessanten Dub-Manifestationen. Dabei wird er zunehmend in den entlegendsten Winkeln der Erde fündig. Präsentierte er pünktlich zur letzten Ausgabe von Riddim seinen „South Africa in Dub“-Sampler, so serviert er uns nun mit „The Sound Of Dub – New Zealand in Dub“ (Echo Beach/Indigo) frische Dub-Tunes aus Neuseeland. Das verrückte dabei ist, dass egal woher die Dubs herkommen, sei es aus Frankreich, Brasilien, England, den USA, Deutschland oder eben aus Kiwi-Land, immer sind es hochinteressante Musik-Experimente, die aber erstaunlicher Weise kaum regionaltypische Merkmale aufweisen. Fast scheint es, als würden die Dub-Pflänzchen, egal wo sie aus dem Boden sprießen, stets vom selben, den gesamten Erdball durchdringenden, Dub-Rhizom genährt. Dub ist keine Volks-, sondern Studiomusik, und so wundert es nicht, dass die 15 Tracks auf „New Zealand in Dub“ nicht nach Auenland oder Mordor, sondern nach London, Paris oder Hamburg klingen. Es ist „The Sound Of Dub“, wie es folgerichtig fett auf den Echo Beach-Samplern prangt. In Neuseeland steht dieser Sound jedenfalls in voller Blüte und wird vom heimischen Label „Loop“ gehegt und gepflegt. Drei Jahre lang hat Herr Beverungen Material gesichtet und nun die 15 besten Tracks nach Europa importiert. Obwohl die Stücke von 12 unterschiedlichen Dub-Producern stammen, präsentiert sich der Sampler als sehr geschlossen und stringent. Alle Tracks fußen auf soliden, warmen Reggae-Beats und erforschen von dort aus die Welt urbaner Sounds wie Drum ‚n’ Bass, Elektronik, Downbeat bis hin zu melodiösem Pop. Die Namen der Artists lauten u. a. Confucius, The Black Seeds, 50Hz, Pitch Black oder Rhombus – komplette Nobodys auf internationalem Dub-Parkett, sehr zu unrecht, denn ihre Dub-Tunes gehören zweifellos in die erste Liga. Vor allem die Black Seeds dürften mit ihren Pop-Melodien echtes Hitpotential in Europa haben. Lee Tui ist da von komplett anderem Kaliber. In einem erzürnten Rap – über einen stoischen bassgetriebenen Beat – fordert er soziale und ökologische Verantwortung. Herausragend ist auch der perfekt arrangierte Dub „Winds“ von Rhombus, gekrönt von der betörenden Stimme von Raashi Malik. Sehr, sehr schön, das Ganze. Hoffen wir, dass der Dub-Importeur aus Hamburg noch viele interessante Blüten des Dub-Rhizoms wird aufspüren können. Hier schon mal ein erster Vorschlag: Wie wäre es mit Japan?

Auch Polen ist so ein unentdecktes Dub-Land. Zurzeit wieder erhältlich sind die zwei Sampler „Dub Out Of Poland Part 1“ und „Part 2“ (beide Import) aus den Jahren 2001 und 2002, auf denen sich die polnische Dub-Szene präsentiert. Auch wenn manche Tracks sich noch nicht richtig vom Vorbild des UK-Dub der 90er Jahre emanzipiert haben, so ist die Qualität der hier vorgestellten Dubs ausgesprochen gut. Vor allem auf „Part 2“ finden sich ein paar Produktionen erster Güte, wie z. B. Dj Ridm feat. Roots Temper mit „Zion“, einem schönen Uptempo-Rockers-Stück. Oder noch besser: „Violin-Dub“ vom Crazy Sound System, auf dem eine Violine melancholische polnische Volksweisen anstimmt. Da werden Erinnerungen an die Trebunja-Family wach!

Auch Alpha & Omega melden sich wieder zu Wort, und zwar im wahrsten Sinne, denn ihr neues Album „Trample the Eagle and the Dragon and the Bear“ (Greensleeves/Rough Trade) ist ein Showcase-Album mit Gast-Vokalisten. Wohl inspiriert von Rootsman und Twilight Circus, die letztes Jahr ähnliche Projekte lancierten, haben auch Mrs. Woodbridge und Mr. Spronsen Lust auf ein wenig Gesellschaft im Studio gehabt. Dazu haben sie u. a. einen speziellen Stargast geladen, mit dem wohl niemand gerechnet hat: Gregory Isaacs! Ein wenig verzweifelt singt er gegen den A&O-Rhythm an. Die Idee ist gut, aber Gregorys Stimme braucht Raum, den ihm dieser typisch übervolle Rhythm nicht gibt. Und so klingt der Meister ziemlich verloren in dem Sound-Dschungel aus London. Noch eklatanter ist das Missverhältnis von Stimme und Sound-Allover bei dem Titelstück, auf dem Reuben Master verzweifelt versucht, gehört zu werden. Vielleicht haben Woodbridge und Spronsen ihrem Konzept beim finalen Mix dann doch nicht mehr getraut und die Stimmen auf das Niveau der Instrumente heruntergepegelt. Nur auf dem ersten Track des Albums stimmt das Verhältnis, und dieser ist bezeichnenderweise von Mad Professor gemischt worden. Dabei wäre es gerade bei diesem Vokalisten fast egal gewesen, ob man ihn versteht oder nicht, denn niemand sonst produziert so viel verbalen Nonsens wie er: Lee Perry. Dem Professor ist es gelungen, den A&O-Rhythm so hinzumixen, dass er wie ein original Black-Ark-Ryhthm klingt, auf den Perry mit seiner Minimal-Melodie absolut kongenial passt. Zweifellos der beste Tune des Albums. Neben Perry und Gregory befindet sich noch Bunny Lie Lie, Horace Martin, Addis Youth und eben Reuben Master auf dem Album, wobei gerade letzterer absolut nicht überzeugen kann. Dummerweise hat gerade er drei Tracks gevoiced …

Ein sehr schönes, experimentelles Album ist „Conversations“ (Suite Inc./Import) von Dubital. Hinter diesem Namen verbergen sich zwei Italiener namens Raffaele Ferro und Matteo Magni, die es offensichtlich lieben, zu soliden, bass-geerdeten Rhythms verzerrte Stimmen und verrückte Sounds abzuspielen. Das passt wunderbar zusammen, denn während der Rhythmus Sicherheit und Struktur vermittelt, konterkarieren die Effekte diesen Halt stets aufs Neue und erzeugen so eine sehr merkwürdige Spannung aus Konzentration und Verwirrung. Völlig faszinierend ist das Stück „Mama Don’t Cry“, das über einen stoisch-dreisten Computerbass läuft und von zuckersüß-befremdlichen Orgelsounds und Hall-überladenem Gesang begleitet wird.

„Als Kind habe ich mal kodeinhaltigen Hustensaft bekommen und daraufhin die Welt um mich herum in Zeitlupe wahrgenommen. Dieses Gefühl habe ich versucht im Sound der Codeine Tracks und Songs rüberzubringen.“, sagt Digital Jockey, was ihm mit seinem Album „Codeine Dub“ (Poets Club/Soul Seduction) aufs vortrefflichste gelungen ist. Vor allem „Opium Dub“, der 9-minütige, vorletzte Track des Albums ist eine Studie in Langsamkeit. Hier dürften selbst Ernestus und von Oswald ihren Hut ziehen. Dass Digital Jockey, der die Hälfte der Computerjockeys aus Köln ist, seine Wurzeln in der elektronischen Musik hat, ist kaum zu überhören. Seine Tracks sind äußerst minimalistisch und geradezu rational konstruiert. Oft ist es nur ein jazziges Piano-Solo, das eine gewisse Unvorhersehbarkeit und organische Bewegung in den Tune bringt, manchmal ist es die Stimme von Terry Armstrong. Dann wieder lösen sich die Strukturen in einem kompletten Noise-Allover auf, um schließlich von einem altmodischen Song mit Klavierbegleitung abgelöst zu werden. Sehr faszinierend.

Kommen wir nun zur Revival-Selection. Die beiden wichtigsten Reissue-Labels, Pressure Sounds und Blood and Fire melden sich mit neuen Alben zu Wort. So feiert letzteres sein zehnjähriges Bestehen mit „Run It Red“ (Blood And Fire/Indigo), einer Selection aus dem eigenen Fundus, zusammengestellt von Simply Red-Frontmann Mick Hucknall – was auch einigermaßen nahe liegend ist, da Hucknall neben Steve Barrow und Bob Harding einer der Gründer von Blood And Fire ist. Erstaunlicherweise hat Hucknall für sein Geburtstagsständchen vorwiegend Dub-Stücke von King Tubby und dessen Protegé Prince Jammy ausgewählt. Alle Stücke stammen aus den 70er Jahren, die meisten aus der ersten Hälfte. Eine solide Auswahl, die wahre Dub-Freunde aber auch nicht gerade vom Hocker hauen wird, denn die Dubs von den klassischen Bunny Lee-Produktionen sind sattsam bekannt. Eigentlich macht erst die Mischung mit den Vocal-Stücken das Jubiläumsalbum interessant. In schöner Regelmäßigkeit werden hier Tunes von Gregory Isaacs, Big Youth, Prince Alla, den Congos u. a. eingestreut – immer dann, wenn es gerade beginnt, ein bisschen langweilig zu werden.

Davon stilistisch nicht allzu weit entfernt liegt das Pressure Sounds-Album „Down Santic Way“ (Pressure Sounds/Rough Trade) mit Produktionen von Leonard Chin aus den Jahren 1973 bis 1975. Auch hier finden sich einige Vocal-Tracks, z. B. von Freddie McKay, I Roy oder von einem gewissen William Shakespeare, der sich allerdings als Gregory Isaacs entpuppt. Der Sound der Produktionen ist – dem Stil der Zeit entsprechend – knochentrocken, spröde und zugleich rough. Selbst wenn Tubby gelegentlich ein wenig Hall reindreht oder Augustus Pablo seine Melodika drüberlegt, will der Groove nicht fließen. Rau und ungeschliffen stolpern die minimalistischen Rhythms voran, getrieben von der trocken angeschlagenen Snarre und knappen Gitarrenriffs. Auch wenn die Pressure-Sounds-Leute keinen Zweifel daran lassen, dass sie hier einen wahren Schatz gehoben haben, so sei doch die keterrische Bemerkung erlaubt, dass dieser Schatz beim Hörer eine gewisse Leidensfähigkeit voraussetzt.

Wie sehr sich der Sound mit Auftritt der Revolutionaries (mit Sly & Robbie) verändert hat, lässt sich auf „Earthquake Dub“ (Hot Pot/Indigo) von Ossie Hibbert hören. Hier rollen die Beats wie geschmiert, angetrieben von Slys unverwechselbarem Rockers-Drumming. Four to the floor geht es hier mit einer Dynamik durch die Rhythms, dass man nur staunen kann. Hibbert, der das Album im Rekordtempo abgemischt hat, mag dies zugute gekommen sein, denn sonderlich aufregend klingt sein Dub-Mix nicht. Doch was den Tracks an interessantem Mix fehlt, gleichen die superb eingespielten Rhythms, wie „Pick Up The Pieces“, „Declaration Of Right“ oder „So Jah Say“ mehr als aus.

Daran schließt nahtlos das Album „Leroy Smart In Dub“ (Jamaican Recordings) an. Hier klingen die Beats noch runder und der Bass wärmer. Tubby hat sich bei den Mixes nicht gerade verausgabt (wie sollte er auch, bei den durchschnittlich 200 Bunny Lee-Rhythms pro Woche) und einen routinierten Minimal-Mix abgeliefert. Auch Sly Dunbar scheint hier etwas mehr zur Ruhe gekommen sein. Sparsamer, aber nicht weniger treibend setzen er und Santa Davis die Snarre-Anschläge, während Robbie sanft groovende Basslines dazu spielt. Gelegentlich klingt eine bekannte Bassline wie „My Conversation“ oder „Zion Gate“ an. Alles sehr entspannt und gespickt mit versprengten Leroy Smart-Schnipseln. Nicht sensationell, aber sehr angenehm – ideal nach einem langen Tag voller nervenaufreibender Experimental-Dubs …