HabooDuBz: Multi Cultural

Gabor Polaak aka HabooDuBz ist mir schon mit seinem letzten Album „Fried Rize Dubz, Vol. 3“, das im letzten Jahr erschien ist, richtig ans Herz gewachsen. In Budapest musikalisch sozialisiert, dann nach Manchester ausgewandert, nach London gezogen, dann nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt – kein Wunder, dass sein neues Dub-Werk „Multi Cultural“ (Dan Dada Records) betitelt ist. Und das mit vollem Recht, denn jeder der fünfzehn Dub-Tracks präsentiert kosmopolitische Einflüsse: Griechisch, keltisch, lateinamerikanisch, asiatisch, baltisch, indisch, arabisch und einige mehr mischen sich hier munter. Allerdings sind diese Einflüsse nicht wirklich organisch mit dem Dub verwoben, sondern liegen meist als Melodieebene auf weitgehend klassischen Dub-Backings. Wer hier an den „Spy from Cairo“ denkt, liegt ganz richtig. Mir gefällt das Album trotzdem ausnehmend gut. Ich liebe diese Melodien aus allen Ecken der Welt. Auch wenn sie hier nur oberflächlich zum Einsatz kommen, ergeben sie doch ausgesprochen abwechslungsreiche, optimistische Feel-Good-Dubs. Ja, Dub muss nicht dunkel, mystisch und schwer sein. Upliftment in Dub geht auch. Und dann muss noch ein ganz wesentlicher Vorzug des neuen HabooDuBz-Albums erwähnt werden: Es gibt Ungarn, was dieses Land gerade am dringendsten braucht – eine ordentliche Lektion in Multikulturalität.

Meine Wertung:

International Observer: Free from the Dungeons of Dub

Endlich frei! Der International Observer liebt offenbar weite Dramaturgiebögen: Nach „From the Dungeons of Dub“ (2010) über „More Tales from the Dungeons of Dub“ (2013) und „Escape from the Dungeons of Dub“ (2017), erscheint nun mit: „Free from the Dungeons of Dub“ (Dubmission) der vielleicht letzte Teil der Dungeons-Saga. Beim letzten „Escape“ habe ich mich weit aus dem Fenster gelehnt und von meiner „persönlichen Definition modernen Dubs“ gesprochen, handele es sich doch „um hundert Prozent Reggae-Dub in absoluter handwerklicher Perfektion, die sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat.“ Tja, da kann ich jetzt wohl kaum noch einen drauf setzen: „Großartige Kompositionen, schöne Melodien, ausgeklügeltes Arrangement, perfektes Timing und unglaublich dynamischer, sauberer Sound“ – besser lässt sich die Musik des Ex-Thompson-Twins-Kopfes Tom Bailey nicht beschreiben. Auch das neue Werk rückt kein Nanometerchen von dieser Qualität ab. Mit jedem Beat wird deutlich, dass mit Tom Bailey ein Ausnahme-Talent am Werk ist, das sich jenseits kommerzieller Interessen und Szene-Credibility ganz egoistisch der reinen Lust an guter Dub-Music verschrieben hat. Ein absolutes Spitzen-Dub-Album, das hier nur deshalb nicht mehr Text erhält, weil schon alles gesagt wurde.

Meine Wertung:

Mad Professor: Ariwa 2018 Riddim Series

Auch der Mad Professor kann es nicht lassen. Wurde mal wieder Zeit für ein neues Dub-Album von ihm. Er nennt es zwar bescheiden: „Ariwa 2018 Riddim Series“ (Ariwa), tatsächlich aber kann er die Finger natürlich nicht von den Reglern lassen und hat auch hier ordentliche Dubs drauf gepackt. Alles klingt so, wie man es von ihm kennt: Nicht allzu spannende Rhythms, dafür aber crisp produziert und – laut über Kopfhörer gehört – durchaus schwindelerregend. Beim Bass geht der Professor ja leider meistens etwas zurückhaltender ans Werk, dafür sind Drums und Percussions um so mehr geeignet, den Kopf der Hörer beidseitig zu durchlöchern. So lieben und schätzen wir unseren Prof.

Meine Wertung:

Aldubb: Planets of Dub

Alex wollte eigentlich nur sein neues Studio im Osten Berlins testen, heraus gekommen ist dabei ein fettes neues Dub Album: Aldubb, „Planets of Dub“ (One Drop Music). Und so viel sei vorweg genommen: Das neue Studio funktioniert. Ich würde sogar sagen: Soundtechnisch sind die Dub-Planeten das Beste, was mir in letzter Zeit die Trommelfelle massiert hat. Schöner, enorm druckvoller Dub-Sound mit Live-Appeal, klassischen Arrangements und zeitlosem Mixing. Eingespielt wurde das Album im letzten Winter von der nach meiner Riddim-Kolumne benannten Band „The Evolution“ ;-), teils auf Basis von Skizzen, teils improvisiert. Wir haben es also weniger mit einem fulminanten Dub-Manifest zu tun, wie bei Aldubbs letztem Werk „A Timescale of Creation“, sondern eher mit einem einfach nur perfekt klingenden und Spaß machenden Album zwischendurch. Wenn doch nur mehr Dub-Produzenten diesen Qualitätsanspruch wenigstens für ihre ambitioniertesten Werke an den Tag legen würden! Aldubb jedenfalls hat’s wirklich raus. Große deutsche Dub-Ingenieurskunst!

Meine Wertung:

Apha & Omega: Dubplate Selection Vol. 3

Christine Woodbridge und John Sprosen, aka Alpha & Omega, können es nicht lassen. 1991 weckte ihre Musik meine Faszination für modernen Dub. Seither erschienen unzählige Alben (Discogs listet 29 Stück, von denen ich hier im Dubblog inzwischen 25 Stück rezensiert habe) während sich der Mystic-Sound der beiden sich ganz, ganz gemächlich vom Urwaldrauschen zu prägnantem Steppers-Style entwickelte. Letzterer wird nun eindrucksvoll auf dem neuen Album „Dubplate Selection Vol. 3“ (Alpha & Omega) präsentiert. Die speziell für den Soundsystem-Einsatz erstellten Mixe legen noch mal an Drive, Dynamik und schierer Bassgewalt zu. Wer einen amtlichen Subwoofer sein eigen nennt, dürfte auch zuhause Spaß damit haben (zumindest so lange, bis der Nachbar klingelt), denn in den Dubs der Beiden gibt es stets auch viele Details zu entdecken, die sich erst bei bewusstem Hinhören wirklich erschließen lassen.

Meine Wertung:

Alpha Steppa & Nai-Jah: The Great Elephant

Ich bin bekennender Fan von Alpha Steppas militant-meditativem Sound. Viel hat er von Vater und Tante (= Alpha & Omega) gelernt und zu einem eigenen Style weiterentwickelt. Die mystisch-dunkle Atmosphäre der beiden UK-Dub-Pioniere behält er bei, produziert aber insgesamt akzentuierter, mixt phantasievoller und garniert seine stoischen Beats zudem gekonnt mit elegischen Melodien. Vor allem aber hat er ein untrügliches Gespür für kongenial zu seinen Dubs passenden Gesang. Im nigerianisch-französischen Sänger Nai-Jah hat er nun den idealen Partner gefunden. Einen Créateur starker Melodien und engagiert-intelligenter Texte. Endlich mal ein Conscious-Sänger, der nicht die alten Muster reproduziert, sondern über den Horizont von Rastafari hinaus zu blicken vermag. So singt er von Korruption, Gier und Leiden in Nigeria, beschwört aber trotzig und sich selbstvergewissernd zugleich die Größe und Schönheit Afrikas. Vor allem ist es jedoch Nai Jahs faszinierende Stimme, die das gemeinsame Album von Alpha Steppa & Nai-Jah, „The Great Elephant“ (Steppas), zu einem sehr intensiven Erlebnis werden lässt. Es bietet 11 Vocal-Tunes gefolgt von 10 Dub-Versions. Auch wenn ich normalerweise die Dubs besonders empfehle, favorisiere ich in diesem Fall definitiv die erste Hälfte des Albums.

Meine Wertung:

Teflon Zincfence: Dub Policy

Oft habe ich mich an dieser Stelle darüber ausgelassen, dass aktueller Dub aus Jamaika entweder kaum vorhanden oder aber lediglich ein Aufguss alter Konzepte sei. Nun gibt es in Kingston eine Person, die mich Lügen straft: Teflon Zincfence. Hinter diesem Namen verbirgt sich Romaine Arnett, der zusammen mit Chronixx Zincfence Records gründete und 2014 dessen erste EP „Dread & Terrible“ produzierte. Inzwischen hat Romaine Arnett eine Menge anderer Artists mit Rhythms versorgt und trägt den Titel des offiziellen „Dub Selectors“ im Kingstoner Dub Club. Der Mann hat’s also drauf. Bereits im September erschien sein Dub-Debut-Album „Dub Policy“ (Zincfence) und es hat mich in vollem Sturm umgeblasen. Wow, was für kraft- und zugleich kunstvolle Dubs, welch kreatives Mixing! Lupenreiner Sound, cooles Cover mit einer ziemlich unbescheidenen Anspielung, Teflon Zincfence als neuen King Tubby zu stilisieren. Seine Version von King Tubbys „Ruffer Version“ schlägt in die gleiche Kerbe. Ein fantastischer Tune, spannend instrumentiert, sorgfältig produziert und mit Wumms artikuliert – der Höhepunkt dieses nur sechs Tracks kurzen Albums. Was mir besonders gefällt: Romaine Arnett bekennt sich zu hundert Prozent zum guten, alten, klassischen Dub-Reggae, reproduziert dabei aber keineswegs überkommene Klischees, sondern kreiert eine absolut zeitgemäße, hoch-moderne Interpretation davon. Obwohl Romaine den Bass so sehr in den Vordergrund mischt, dass jeder UK-Soundsystem-Betreiber glänzende Augen bekäme, behält er die für Jamaika typische, lebendigere, weniger repetitive Spielweise bei. So muss moderner Dub in jamaikanischer Tradition heute klingen!

Meine Wertung:

Meine Dub-Top Ten 2018

1. Teflon Zincfence: Dub Policy
2. Sly and Robbie Meet Dubmatix: Overdubbed
3. Dubmatix: King Size Dub Special
4. International Observer: Free from the Dungeons of Dub
5. Jah Schulz: A Railroad Session
6. Scientist Meets Hempress Sativa: In Dub
7. Lo-End Dub meets George Palmer: Back to the Roots
8. Richie Phoe: Kingston Connection in Dub
9. Alpha Steppa & Nai-Jah: The Great Elephant
10. Lightman: Roots

Meine Wertung:

Suns of Dub: Jah Existence

Die Suns of Dub waren ja schon mal ein Riddim-Cover wert, denn sie galten als die Dub-Hoffnung Jamaikas. Augustus Pablos Sohn Addis Pablo, Ras Jammy und Jah Bami waren die drei ursprünglichen Sonnen des Dub. Addis kehrte dem Projekt inzwischen den Rücken zu. Die beiden Verbleibenden legen nun eine EP vor, die hier nicht unerwähnt bleiben darf: „Jah Existence“ (Dubshot). Löst sie nun endlich ein, was das Cover damals versprach? Ähem. Drücken wir es diplomatisch aus: Nein! Was die Jungs hier bieten, ist merkwürdig diverses Material, das mal auf Großdisco zielt, mal die Trap-Charts anvisiert und in einem Fall sogar richtiger Dub ist. Der Grund, warum ich die EP hier erwähne ist einzig und allein, um zu dokumentieren, dass sich unser aller Hoffnung und Sehnsucht nach modernem Qualitäts-Dub aus Jamaika nicht erfüllt hat. Aber: da gibt’s ja noch jemanden namens Teflon Zincfence …

Meine Wertung:

Foshan Roots: The Wing Chun Album

Reggae hegt zu Kung Fu traditionell eine tiefe Zuneigung, was sich auch in Form einiger jamaikanischer Dub-Alben niedergeschlagen hat. 2012 ließen sich die beiden Briten Brad Turner und Thomas Dewey davon inspirieren, als sie ihr Dub-Duo Foshan Roots gründeten und eine Menge selbst eingespielter Dub-Tracks produzierten. Weil ihr Label sich nicht von asiatischer Kampfkunst, sondern von Lee Perry inspirieren ließ, und sich in einem Anflug von Wahnsinn selbst vernichtete, erschienen diese Tracks erst fünf Jahre später. Denn da nahm sich das Dub-o-phonic Netlabel ihrer an und veröffentlichte 2017 schließlich das Album „Sky Warrior Dub“. Ein voller Erfolg, denn der Old School-Sound der beiden Briten geht fast als jamaikanisches Original der 1970er Jahre durch – mit Augustus Pablo an der Melodica. So etwas wird von der Dub-Gemeinde stets (mir unverständlich) hoch geschätzt. Beflügelt von dem Erfolg, legen die beiden nun ihr zweites Album vor: „The Wing Chun Album“ (Dub-o-phonic). Diesmal mit neuem Material – das aber wieder so klingt, als wäre es vierzig Jahre alt. Ein Eindruck allerdings, der sich bei genauerem Hinhören zumindest etwas relativiert. Die Beats sind schon unverkennbar britischer Provenienz. Der Rest jedoch klingt ziemlich nach Channel One – manchmal sogar fast nach Black Ark.

Meine Wertung: