Jim the Boss: Dub in HiFi

Das haben wir immer wieder: Sound-Ingenieure, die all ihr Können darauf verwenden, historische Sounds nachzuproduzieren. The master of them all könnte Jim the Boss sein. Er ging die Sache 2013 zielstrebig und planvoll an, vergrub sich in seinem Studio in New Jersey und bastelte so lange am Sound, bis es ihm gelang, den Klang des Reggae der frühen 1970er nahezu perfekt zu klonen. Natürlich nicht digital, sondern mit schönem, alten, angeranztem Analog-Studio-Equipment. Und siehe da, die Welt hatte auf seinen Reggae-Sound gewartet. Jim veröffentlichte 2016 die Sammlung seiner bisherigen Produktionen auf dem Dub-Album „Hudson Soul“ und stürmte damit die Genre-Charts bei iTunes und Beatport. Nun legt er nach mit „Dub in HiFi“ (Hudson Soul), und knüpft damit an „Hudson Soul“ an. Ist ja irgendwie auch logisch, dass es nicht Sinn eines Retro-Sounds sein kann, sich weiter zu entwickeln. Mich begeistert in solchen Fällen immer die handwerkliche Meisterschaft der Retro-Fetischisten, nicht aber das ästhetische Konzept. Warum Musik aufnehmen, die es schon gibt? Hier aber, muss ich gestehen, werde ich schwach: Ich finde nicht gut, was Jim da macht, aber ich bin ihm trotzdem verfallen. „Dub in HiFi“ klingt grandios, schön rau und kantig, enthält massenweise Zitate, denen nachzuspüren richtig Spaß macht und bietet darüber hinaus auch noch wunderbare Melodien. Übrigens gibt es das Album bei keinem einzigen Streaming-Dienst, dafür aber bei Bandcamp zum kostenlosen Download.

Meine Wertung:

Manjul: Dub to Mali, Season 3, „Douba“

Halb Afrika ist Dancehall-verrückt. Klassischer Reggae hingegen hat einen schweren Stand. Da braucht es schon einen französischen Produzenten wie Julien Souletie, besser bekannt unter dem Namen Manjul, der seinen Lebensmittelpunkt von Paris nach Bamako in Mali verlegt, um hier mit afrikanischen Musikern Roots-Reggae aufzunehmen. Einen Überblick seiner Produktionen lieferten 2004 und 2007 seine beiden ersten „Dub to Mali“-Alben. Nun – 12 Jahre später – ist mit „Dub to Mali, Season 3 – Douba“ (Humble Ark Records) das aktuelle Update erschienen und es macht eines klar: Majul schließt nahtlos an die beiden Vorgänger-Seasons an. Wie vor 12 Jahren bietet es handgespielten Roots-Reggae im typisch afrikanischen Sound, wie man ihn z. B. von Tiken Jah Fakoly kennt. Richtig schön wird es, wenn auch afrikanische Instrumente zum Einsatz kommen, oder (gelegentlich) Gesang erklingt. Dann spielt Majul die Stärken seiner Musik voll aus und das Album klingt wie der Soundtrack eines afrikanischen Road-Movies. Wonach es allerdings trotz seines Titels nicht klingt, ist Dub. Im Gegenteil: es hat mehr vom offenen, perkussiven Klang einer Live-Session, als von Elektro-Frickelei im dunklen Kellerstudio. Wer also mit der richtigen Erwartungshaltung kommt, kann an den schönen Melodien, den spannenden Arrangements und dem afrikanischen Flair viel Freude haben. Beinharte Dub-Fans sollten dem Titel nicht trauen.

Meine Wertung:

Radio 77: Future Wave Bass

„Shoowab-Shoowab, Shoowab-Shoowab …“, die ersten Textzeilen des Debut-Albums „Future Wave Bass“ von Radio 77 machen schon klar, wohin die Reise gehen wird: in seichte Gewässer. Vier sanft-melodiöse Songs (“Walking On The Moon“ von The Police, Carlton & The Shoes “Love Me Forever“,“I Only Have Eyes For You” von den Flamingos sowie “Tonight“ von David Bowie und Iggy Pop) plätschern hier über klassisch schöne, aber nicht minder sanftmütige Reggae-Backings. Der Laid-Back-Style ist dem sehr, sehr, sehr samtweichen und hellstimmigen Gesang von DJ Joey RAD1O geschuldet. Zweifellos schöne Melodien, aber so dargeboten, klingt es für mich etwas nach Schlager. Immerhin sind da allerdings noch die Reggae-Backings, und die kommen in Form vierer begleitender Dubs sehr zu ihrem Recht. Produziert von Dubmatix, sind sie für seine Verhältnisse zwar auch ein wenig glatt geraten, aber immerhin stört hier kein Gesang. Das Album ist nur in digitaler Form unter dem Titel „ Future Wave Bass“ erhältlich. Merkwürdiger Weise steht auf dem Cover aber der Titel „ Future Wave Dubs“. Egal, wobei: „Future“ stimmt angesichts der Titelauswahl auch nicht ganz.

Meine Wertung:

Exo Fam, Vol. 1

Exo ist eine Booking Agentur mit Sitz in Lyon, die sich auf Dub und andere elektronische Styles spezialisiert hat. Mit Exo Fam: Vol. 1 (ODGProd) legt sie einen sehr schönen, bei odgprod.com kostenlos herunter ladbaren Showcase-Sampler ihrer Artists vor. Unter den 16 Tracks befinden sich u. a. Werke von Brainless Sound System, Miniman und Mahom. Damit wird klar, dass es hier um die französische Dub-Szene geht, aber auch um angrenzende Musikstile wie Drum & Bass und Trance. Wie ein roter Faden ziehen sich orientalische Harmonien durch die Tracks des Samplers, was mir sehr gut gefällt. Insgesamt eine schöne, abwechslungsreiche Exkursion durch die Manifestationen von Bass-Music unter der souveränen Führung von Dub.

Meine Wertung:

Dubvisionist: Yoga in Dub

Okay, wir kommen nicht daran vorbei. Der von mir hoch geschätzte Dubvisionist legt ein neues Album vor: Yoga in Dub (Echo Beach). Sphärische Klänge, trippige Chill-Out Sounds à la Space Night meet Bass – so ließe sich das Konzept schlagwortartig zusammen fassen. Ein Konzept, das auf einen ganz praktischen Nutzen abzielt: Die generische Meditations-Muzak, wie sie bei Yoga-Übungen zum Einsatz kommt, durch hochwertige Dub-Musik zu ersetzen. Alles handgespielt und wie gewohnt superb produziert. Mir ist die Musik aber – ehrlich gesagt – zu langweilig. Allerdings sitze ich hier vor dem Computer und nicht in einer Asana.

Meine Wertung:

Da Grynch: Grynch Mountain

Im Stream habe ich ein neues Album von Da Grynch entdeckt: Grynch Mountain (Necessary Mayhem). Es setzt nahtlos da ein, wo Curtis Lynch vor nunmehr sieben (!) Jahren mit „Release The Hounds“ aufgehört hat: bei One-Drop-Dub mit Dancehall-Vibe. Hart, scharf, digital und doch schön deep. Wer nach Steppers-Exzessen mal die Ohren so richtig durchlüften möchte, sollte „Grynch Mountain“ laut hören. Macht wach und alert und bläst die Bass-Melasse weg.

Meine Wertung:

Guiding Star Orchestra: Natural Heights

Es gab schon viele Versuche, Reggae, Dub und Jazz zusammen zu bringen. Man denke an „Nordub“, das Nils Petter Molvær letztes Jahr zusammen mit Sly & Robbie veröffentlichte, an Prince Fatty Meets Nostalgia 77, oder an das fantastische Album „Dub på Svenska“ von Tomas Hegert – und natürlich, nicht zu vergessen, fast alle Alben der Senior Allstars. Auffällig ist bei dieser Aufzählung, dass zwei der hier erwähnten vier Alben aus Skandinavien stammen. Gibt es dort eine bisher unerkannte, magische Verbindung von Jazz und Dub? Das soeben erschienene Album Natural Heights (DubShot Records) des aus Kopenhagen stammenden Guiding Star Orchestras stützt jedenfalls diese Vermutung. Auch hinsichtlich der Qualität reiht es sich in die nordischen Werke ein: Es ist schlicht und ergreifend eines der schönsten, harmonischsten, wohltuendsten Instrumental/Dub-Alben der ersten Jahreshälfte. Ich kann mich kaum satt hören an den gerade einmal sieben Tracks und ihrem betörenden Jazz-Vibe. Die Kopenhagener spielen einfach nur ganz normalen, instrumentalen Reggae, wunderschön arrangiert, mit fantastischen Bläsern und umwerfenden Melodien – und doch klingt es irgendwie nach Jazz, hat dessen natürlichen, leichten, organischen Sound. Mag sein, dass es daran liegt, dass dieses Album komplett ohne digitale Technik entstanden ist. Echte Instrumente, echte Musiker, echtes Magnetband – na ja, und via Internet-Stream dann zu mir. So kann’s gehen. Aber letztlich ist es ja auch egal, ob die Musik irgendetwas mit Jazz zu tun hat oder nicht. Ich liebe sie so oder so. Und das will etwas heißen, denn ich bin definitiv kein Verächter digitaler Musik. Ich bin kein Purist, hänge keiner orthodoxen Lehre des „richtigen“ und „wahren“ Dub an. Alles ist erlaubt, sofern das, was „hinten raus kommt“, wie unser Altkanzler es so schön formulierte, gut ist. Wobei das zu einer anderen und viel komplizierteren Diskussion führt: Was ist gut? Im vorliegenden Fall lässt sich diese Diskussion aber ganz pragmatisch abkürzen, denn gegen die erhebende Musik von „Natural Heitghts“ wird gewiss absolut niemand Einwände erheben.

Meine Wertung:

Dactah Chando Meets Umberto Echo: Guardians of Dub

Auf dieses Album können sich alle einigen: Dactah Chando Meets Umberto Echo: „Guardians of Dub (Achinech Productions). Es entspricht dem Idealbild guten Dubs: Handgespielt, superb produziert, inspiriert gemischt, schöne Bassmelodien und klassische Arrangements. Nicht verwunderlich, immerhin zeichnet Umberto Echo dafür verantwortlich. Er hat sich die Rosinen aus dem komplettem Oeuvre des Dactahs herausgepickt – an dem er selbst einen Anteil von zwei Alben hält – und gedubbt, was sein Mischpult hergab. Top Qualität, wie von Herr Echo gewohnt, keine Frage. Ich muss aber ganz ketzerisch hinzufügen: Es hätte vielleicht auch eine Nuance weniger vom „Guten Dub-Geschmack“ sein können. Ein bisschen schräger, etwas rauer, geringfügig deeper vielleicht?

Meine Wertung:

Echo Beach Serious Classics-Series

Echo Beach haut unter dem Titel „Serious Classics“ einige, äh,  „Classics“ raus. Also ältere Produktionen und Veröffentlichungen, die es verdient haben, heute noch mal gehört oder von jüngerem Publikum gar erstmals entdeckt zu werden. Dabei beweist das Label – wie nicht anders gewohnt – eine sehr geschmackssichere Hand. Ich kann das völlig objektiv beurteilen, denn zwei Werke gehören auch zu meinen All-Time-Favorites: More Rockers, „Dub Plate Selection, Vol. 1 und Noiseshaper, „King Size Dub Special. Von Almamegretta, denen das Album In Spiritus Dub gewidmet ist, hatte ich bisher jedoch noch nie gehört, wohl aber vom vierten Album im Reigen: „Soul From Dubdown – Darker Than Blue“ von den Senior Allstars (alle Echo Beach). Alle definitiv sehr hörenswert. Mir aber haben es die More Rockers besonders angetan. Was war das für eine spannende Zeit, damals in den 1990er Jahren, als Dub wiederentdeckt und Jungle erfunden wurde! Die beiden Briten Rob Smith und Peter D. Rose brachten als More Rockers beides kongenial zusammen und schufen mit der ersten Dub-Plate Selection ein Album, das bei mir (und beim Echo Beach-Labelchef ebenso) in Dauerrotation lief. Wie schön, es nun wieder zu hören! Noiseshaper ist auch so ein Fall aus den 1990ern, obwohl das erste Album der beiden Briten erst 2001 erschien. Der progressivste Dub jener Zeit wurde auf dem Different Drummer-Label veröffentlicht. Rockers HiFi waren hier unter Vertrag, wie auch Pre Fade Listening, G. Corp*, das Overproof Sound System, der International Observer und natürlich auch Noiseshaper. Das King Size Dub Special-Album katapultiert nun die Glanzstücke von Noiseshaper in unsere Zeit und öffnet uns die Augen dafür, wie progressiv der Sound damals schon war, denn selbst nach rund 20 Jahren, klingen die Dubs unglaublich frisch und zeitgemäß. „In Spiritus Dub“ von Almamegretta ist ebenfalls eine Überraschung. Das Album versammelt die Best Of-Dubs der italienischen Band. Einigermaßen ruppige und verrückte Dubs übrigens, die sehr stark von Adrian Sherwoods Sound-Universum inspiriert wurden. Absolut hörenswert. Ebenso hörenswert auch das bekannte Dub-Werk der Münsteraner Senior All Stars, „Soul From Dubdown – Darker Than Blue“, das hier in einer Vocal-Version mit Songs von Ammoye wiederveröffentlicht wird.

Meine Wertung:

Mahom: King Cat

Bei meinen Dubblog-Lesern ist das neue Album von Mahom gar nicht gut angekommen. „Hat nix mit Dub zu tun, gähn“, lautet noch einer der harmloseren Kommentare (von einem sehr geschmackssicheren Dub-Kenner übrigens). Digitaler Dub hat es hierzulande nicht allzu leicht, wie man daran wieder einmal ablesen kann – und genau in diese Kategorie lässt sich King Cat (Flower Coast), das neue Album des Franzosen, einsortieren. Ich bin jedoch der Meinung, dass es keine Rolle spielt, auf welche Art und Weise ein Album entsteht, digital oder analog. Genau so wenig glaube ich an die Existenz einer reinen Lehre, die vorgibt, wie Dub gefälligst zu klingen hat. Im Gegenteil. Ich bin wirklich froh darüber, dass unser kleines Sub-Genre vielfältig genug ist, um verschiedene Spielweisen und Stile hervor zu bringen. Jeder hat seinen Geschmack – und so lange der auf Dub steht, ist ja alles gut ;-)

Meine Wertung: