Fikir Amlak & King Alpha: Some Dread

Wow, Fikir Amlak & King Alpha produzieren offenbar im Rekordtempo. Schon wieder ein neues Album: „Some Dread“ (Akashic). Nach „Key to the Universe“ und „Axum“, schon das dritte in diesem Jahr. Wahrscheinlich hatten die beiden schon heimlich vorgearbeitet. Andererseits muss man sagen, dass zumindest die Produktionen sich stark ähneln: Heavy Bass Steppers, minimales Arrangement, maximaler Sound-Effekt. Auch Fikir Amlak wiederholt sich, jedoch gelingt es ihm erstaunlich oft – meist nur mittels geringer Variationen – sehr eingängige Melodien zu entwickeln. Wie die beiden Vorgänger, ist auch „Some Dread“ von spiritueller Inbrunst geprägt. Mystisch, dunkel, schwer. Geboten werden sieben Tracks plus Dub-Version. Wer zuhause einen boliden Subwoofer stehen hat, könnte dieses Album nutzen, um Erdbeben-Frühwarnsysteme in die Irre zu führen – oder um das Babylon-System in wanken zu bringen.

Meine Wertung:

Mad Professor: Electro Dubclubbing

Der Mad Professor hat wieder zugeschlagen. Unbeirrt veröffentlicht er regelmäßig Dub-Alben – so als lebten wir immer noch in den 1970er Jahren. Laut Discogs sind es über hundert Stück. Unglaublich. Nun also das neuste Werk aus seiner Echo-Kammer: „Electro Dubclubbing“ (Ariwa). Der Titel erinnert mich ein wenig an „The Roots of Dubstep“ von 2011, als er der jungen Generation mal zeigen wollte, wer hier der Originator sei. Das Cover von „Electro Dubclubbing“ jedenfalls lässt keinen Zweifel aufkommen, dass der verrückte Professor es auch mit Avicii und David Guetta et. al. aufzunehmen gedenkt. Hoch thront er mit seinen Turntables über der tanzenden Menge. But: „don’t judge an album by it’s cover“ – wie wir Reggae-Freunde ja ganz genau wissen. Inhaltlich hat „Electro Dubclubbing“ nichts mit Electro oder Club-Musik zu tun. Mad Professor liefert statt dessen seinen gewohnten Ariwa-Sound und zitiert aus den Ariwa-Vocal-Releases der letzten Monate. Also nix grundlegend Neues und auch nix sonderlich Beachtenswertes – leider. Allerdings muss ich immer wieder gestehen, dass der Mann wirklich virtuose Mixe abliefert. Aus meiner Sicht sogar die Besten seiner ganzen Zunft. Andererseits bekommt er die Leistung nicht richtig auf die Straße. Warum? Der Sound stimmt oft einfach nicht. Oder genauer: Das Mastering. Manche seiner Dubs bräuchten schlicht mehr Dynamik und außerdem mehr Bass. Außerdem neigt er – wahrscheinlich als Zeichen seiner Virtuosität – zur Überproduktion. Stärkere Kontraste würden gut tun. Aber egal. Mad Prof. ist eine Klasse für sich. Was ich hier betreibe, ist Klagen auf höchstem Niveau.

Meine Wertung:

Tor.Ma in Dub: From Doubt to Light EP

Rafael Hernandez ist Tor.Ma in Dub. Er lebt in Mexiko und unverkennbar liegen seine Wurzeln im Goa-Trance und Progressive House. Vor zehn Jahren entdeckte er Reggae-Beats und Dub für sich und produziert seitdem eine Musik, die sich am ehesten als „Psychedelic Dub“ beschreiben ließe. Nun liegt seine neue EP „From Doubt to Light“ (Dubmission) vor, die ausgesprochen empfehlenswert ist. Sie bietet drei Dubs und drei Remixes, die sich erstaunlicherweise relativ weit vom psychedelischen Sound entfernen und statt dessen sehr, sehr soliden Dub mit tonnenschwerer Bodenhaftung bieten. Hinzu kommt perfektes Timing, was einen unwiderstehlichen Groove ergibt. Wirklich klasse. Weiter so.

Meine Wertung:

High Tone Remixed: Dub to Dub

Zu ihrem zwanzigsten Jubiläum feiert sich die französische Dub-Band High Tone mit ihrem neuen Album „Remixed Dub to Dub“ (ODGPROD)“ selbst. Dafür hat sie 12 Dub-Artists der jungen Generation mit Remixen ihres Back Katalogs beauftragt, darunter u. a.: Panda Dub, Ondubground, Mahom, Alpha Steppa und Radikal Guru. Grundsolide Dub-Protagonisten, die den teils sehr experimentellen Industrial-Dub-Sound der High Tones wieder auf den Boden von Drum and Bass zurück holen. Gerne auch mal uptempo und schön Steppers-brachial. Das geht schon mit dem Remix von Ondubground los: Steppers meets Techno meets Arabesk. Dub Engine schlägt in die gleiche Kerbe: Steppers galore. Daneben gibt es aber auch ruhigere Dubs, ein wenig Dancehall und Drum & Bass – aber stets mit Nachdruck. Überhaupt scheint „High-Energy“ das Motto des Albums zu sein. Tja, so ist das, wenn man junge Leute an die Beats und Regler lässt. Übrigens steht das Album – wie alle ODGPROD-Veröffentlichungen – auf dem Net-Label zum kostenlosen Download bereit.

Meine Wertung:

Bandulu Dub: Ancient Vibes

Überall auf dem Globus wird Dub produziert. Tons of Dub. Schön, dass es so ist. Dummerweise ist Dub absolutes Special-Interest-Gebiet, weshalb er im Verborgenen, im Underground gedeiht, wo nur wenige Eingeweihte zu ihm vordringen. Früher konnte man wenigsten realen Objekten nachjagen: Vinyl – meist in geringen Stückzahlen aus Jamaika. Heute sind es Downloads und Streams, die sich noch besser im Digitalen Dschungel verstecken. Und so investiere ich die meiste Zeit beim Schreiben einer Rezension in die Recherche. Ich versuche etwas über den Hintergrund der Dubs zu erfahren, über die Produzenten, Musiker und Labels. Nur allzu oft lande ich dabei auf obskuren, ungepflegten Websites oder bei Soundcloud, Bandcamp oder gar Facebook mit in der Regel null verwertbaren Informationen. Kaum jemand macht sich die Mühe, einen anständigen Text zur eigenen Existenz zu verfassen. Ganz nach dem Motto: „Die Kunst spricht für sich“, gibt es lediglich Dubs, Dubs und Dubs. So, nach diesem kleinen Ausfall des Rezensenten zurück zum Thema: Bandulu Dub ist so ein Fall. Ich weiß nix über die Band. Wahrscheinlich lebt und arbeitet sie in Lateinamerika oder Spanien, betreut eine Radioshow in Minneapolis und hat vor langer Zeit das Label Dan Dada Records gegründet. Soeben erschien ihr Album „Ancient Vibes“ (Dan Dada), zu dem es heißt: „These ancient vibes are a collection of unreleased songs, all from the very deep essence of what Bandulu Dub always was: a down to Earth, good vibes and simple project.“ Unveröffentlicht? Den Grund dafür würde ich gerne erfahren, denn die hier versammelten Dubs sind absolut in Ordnung. Kraftvolle Live-Produktionen (wie es klingt), sauberer Sound und lots of heavy Bass. Sehr spannend ist übrigens auch die Compilation-Serie „Echo Chamber – Around The World In Dub“ aus gleichem Hause, die bei Bandcamp kostenlos herunter geladen werden kann.

Meine Wertung:

Sly & Robbie meet Nils Petter Molvær feat. Eivind Aarset and Vladislav Belay: Nordub

Jetzt wird’s spannend: Sly & Robbie meet Jazz. Bereits der Artist-Name des Albums ist unverkennbar Jazz: Sly & Robbie meet Nils Petter Molvær feat. Eivind Aarset and Vladislav Belay. Dafür ist der Titel umso kürzer: „Nordub“ (Okeh) – eine Kombination aus „Norway“ (oder vielleicht auch „North“) und „Dub“. Logischerweise stehen Sly & Robbie für den „Dub“-Teil. Jazz-Trompeter Nils Petter Molvær für den Jazz. Letzterer wird als Pionier der Fusion von Jazz und elektronischer Musik betrachtet und entwickelte den neuen Sound 1997 mit seinem Album „ Khmer“ nahezu im Alleingang, als er sein ätherisches, fiebrig-heiseres Trompetenspiel wuchtigen elektronischen Beats gegenüberstellte. Bei so einem Start, ist eine Zusammenarbeit mit den jamaikanischen Rhythm-Twins geradezu prädestiniert, denn wer liefert sonst wuchtige, repetitive Beats, wunderbar Jazz-kompatibel handgespielt? Hinzu kommt, dass Molvær schon immer ein Bewunderer Bill Laswells war, der bekanntermaßen wiederum ein großer Bewunderer Sly & Robbies ist. Kurzum: Der Kreis schließt sich und die Rhythm Twins finden sich in einem astreinen Jazz-Projekt wieder. Und das ist so viel Dub wie Jazz überhaupt Dub sein kann: Hall und Echo, viel, viel akustischer Raum und natürlich Bass bilden die Basis. Hinzu kommen elektronische Spielereien, gelegentliche, sehr verhaltene Vocals sowie ein wenig Gitarre. Das Trompetenspiel improvisiert darüber wie einst Augustus Pablos Melodica. Dub-Mixing gibt es allerdings nicht. So weit würden Jazzer wohl niemals gehen. Dennoch klingt alles irgendwie nach Dub und vieles sogar nach Reggae, wie z. B. das Stück „How Long“, das in Hall und Echo beinahe ersäuft. Interessanterweise spielen Sly & Robbie oftmals typische Reggae-Styles, während der Rest des Arrangements aus der Welt des Jazz stammt. Echte Fusion, die erstaunlich gut funktioniert. „Nordub“ beweist erneut, dass Dub im Prinzip ein ziemlich offenes Konzept ist und in unterschiedlichsten Kontexten funktionieren kann.

Meine Wertung:

Sly & Robbie: Book of Dubelation

Wieder ein neues Dub-Album von Sly & Robbie, wieder gemischt von Dartanyan Winston und veröffentlicht von Guillaume Bougards auf seinem Label Tabou1. Kennen wir alles schon in exakt dieser Konstellation vom Sly & Robbie-Album „Dubocalypse“ aus dem letzten Jahr (und zweier Vorgänger). Kurzfassung: Größtenteils langweilige Dubs, konventionell gemixt, aber mit gutem Sound und cool illustrierten Fantasy-Covern. Ähnliches gilt auch für das „Book of Dubelation“ (Tabou1). Sanfte, unaufdringliche und leider auch etwas belanglose Dubs, die nette Stimmungsträger für den Hintergrund abgeben, aber kaum dazu animieren, ihnen konzentriert zuhören zu wollen. Irgendwie vermitteln diese Dubs den Eindruck der Zweitverwertung. Klar, das trifft originär auf das ganze Genre des klassischen Dubs zu, aber oft emanzipiert sich der Dub vom Song-Original und gewinnt eine eigene, unvergleichliche Qualität. Hier jedoch leider nicht, obwohl Dartanyan durchaus eifrig an den Reglern dreht. Nur macht er es – nach wie vor – zu konventionell. Wie es besser geht, hat zuletzt Dubmatix mit seinem grandiosen Sly & Robbie-Album „Overdubbed“ bewiesen. Allerdings hat er sich auch nicht nur auf die Arbeit am Mischpult beschränkt, sondern alles rund um Sly & Robbies Drum and Bass neu aufgenommen. Also eher ein (invertierter) Remix, statt eines reinen Dubmixes. So sehr ich Sly & Robbies Musik liebe, so muss ich doch inzwischen erkennen, dass die beiden etwas zu Old-Schoolmäßig produzieren, um mich noch so richtig zu flashen.

Meine Wertung:

Dubmatix: Riddim Driven Vol. 1

Nicht an die große Glocke gehängt wird ein anderes Release von Dubmatix: „Riddim Driven, Vol. 1“ (Bandcamp). Hier sind lediglich die populärsten Dubmatix-Instrumentals der letzten zwölf Jahre versammelt. Pur, ungedubbt und unbesungen. Die reinen Rhythm-Tracks von Songs wie „Show Down“ (2012, vom Album „Rebel Massive“, im Original mit Tenor Fly), „Pull Up Selector“ (vom gleichen Album, im Original von Eek-A- Mouse), „Jump & Twist“ (2006, vom Album „Atomic Subsonic“ im Original mit Raffa Dean) oder auch „Struggle“ (2010, vom Album „System Shakedown“ mit Dennis Alcapone im Original). Der intendierte Einsatzzweck dürfte weniger das heimische Stereo sein, als vielmehr die Soundsystem-Live-Performance wählerischer MCs. Ich höre es mir aber trotzdem mit Vergnügen zuhause an und bewundere die unglaublichen Grooves des Meisters.

Meine Wertung:

Dubmatix: King Size Dub Special

 

Es gibt so Momente, da habe ich die Nase voll von Dub. Zuletzt war das nach dem Besuch des dreitägigen International Dub Gatherings in Alicante so. Absolut berauschend – aber ein Bass-Overkill. Ich war mir sicher, ich würde nur noch Jazz und Bach hören. Bloß nichts mehr mit heftigen Beats und tiefem Bass. Aber dann kommt so ein Album wie Dubmatix’ „King Size Dub Special“ (Echo Beach) daher – und ich bin wieder versöhnt. Jesse King ist einfach der King. Ich bin seiner Musik hörig. Sie verkörpert schlichtweg mein Idealbild modernen Dubs. Aber okay, jeder darf seine persönlichen Favoriten haben – allerdings nur, wenn Dubmatix dabei auf Platz 1 steht ;-). Jetzt mal im Ernst und zurück zur absoluten Objektivität: „King Size Dub Special“ ist schon geil. Die 20 Tracks geben einen schönen Überblick über Dubmatix’ Schaffen der letzten zehn Jahre. Dabei sind mehr als die Hälfte der Tracks bisher unveröffentlichte Remixes – oder gänzlich neues Material. Gewissermaßen ein „Best of Dubmatix“ in Dub, Remix und Mashup. Jeder einzelne Track birst vor Energie und Dynamik. Dubmatix ist zwar Perfektionist, aber kein introvertierter Dub-Frickler-Nerd. Ihm geht es stets um Tanz, Bewegung und Upliftment. Das „King Size Dub Special“ könnte man auf einem Sound System Dance einfach durchlaufen lassen. Wer dabei keinen Bewegungsdrang verspürt, muss taub sein. Ups, jetzt ist es schon wieder mit mir durchgegangen. Ab Track 15 gibt’s übrigens ausschließlich neues Dub-Material und das ist –, wenn man wirklich ehrlich ist – auch absolut GENIAL!

Meine Wertung:

Lo-End Dub meets George Palmer: Back to the Roots

Von Zeit zu Zeit habe ich so richtige Lieblingsalben. Die klicke ich nur zu besonderen Gelegenheiten an – um den Gewöhnungseffekt möglichst lange hinaus zu zögern. Lo-End Dub meets George Palmer, „Back to the Roots“ (Bandcamp) ist so ein Fall: Mein aktuelles Lieblingsalbum. Ich gebe zu, es ist kein sonderlich innovatives Werk. Eher etwas zum Wohlfühlen: Schönster Rub-A-Dub-Style. Dazu ein Sänger, der ein eifriger Schüler von Tristan Palmer, Barry Brown und Horace Andy gewesen zu sein scheint. Das Ganze dann zudem noch als Showcase aufbereitet – ich fühle mich um 35 Jahre verjüngt. Produzent Fernando Izquierdo hat hier absolut originalgetreue – aber originäre – Backings aufgenommen. Würden sie nicht so unglaublich crisp klingen, sie könnten glatt aus den frühen 1980er Jahren stammen – was an sich noch nicht unbedingt ein Qualitätskriterium ist, aber da sind ja dann noch die hervorragende Komposition, das Arrangement und das sanfte aber spannungsvolle Dub-Mixing. Eine Basis, die Sänger George Palmer bestens zu nutzen weiss und seinerseits ausgesprochen schöne, eingängige Melodien beisteuert. Insbesondere der Titel „More Love“ wäre 1980 garantiert ein Hit geworden. Wenn Lo-End Dub so weiter macht, dann wird er zum spanischen Prince Fatty. Ich hätte nichts dagegen.

Meine Wertung: