19 Fragen an: The Senior Allstars

Thomas Hoppe

Dein Name: Thomas Hoppe (Schlagzeuger, The Senior Allstars)
Du lebst in: Münster
Titel eures letzten Albums: The Senior Allstars – Verbalized And Dubbed

Was ist deine Definition von Dub?
Dub ist ein originär jamaikanischer Style, der durch Reduzierung das Wesentliche eines Liedes freilegt. Durch das – völlige oder teilweise – Weglassen werden einzelne Elemente besonders hervorgehoben, sei es durch Effekte oder dadurch, dass sie lediglich in den Blick gerückt werden. Und kürzer: Ich finde auch den Begriff „Psychedelischer Reggae“ super, den Neil Perch hier im Blog benutzt hat.

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Einem guten Dub liegt ein guter Tune zugrunde. Die Bassline ist natürlich sehr wichtig, der Groove auch. Und der gute Dub besticht durch Raum und Atmosphäre. Wenn es dann noch einige magische Momente gibt, ist der gute Dub sehr gut. Ein schlechter Dub kann entstehen, wenn die Technik wichtiger ist als die Musik.

Wie würdest du euren Dub-Stil beschreiben?
Den Stil der Senior Alltars nehme ich als „kontinentaleuropäisch-authentisch“ wahr. Wir lieben die jamaikanischen Wurzeln des Dub, und das ist auch immer ein Fixpunkt. Und doch versuchen wir, unser eigenes Ding daraus zu machen. Dabei ist uns Freiraum wichtig, und irgendwie ist auch alles analog. Es gibt beispielsweise nicht eine programmierte Delayzeit bei uns auf der Bühne, der Faktor Zufall soll unbedingt mit an Bord bleiben.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von euch aus?
Da gibt es zwei Wege, die wir als Band genommen haben und immer noch nehmen: Entweder gibt es einen Song, und wir machen später einen Dub davon. Also der klassische Weg. Oder ein Lied entsteht direkt als Dub-Tune. Das besondere bei den Senior Allstars ist, dass jeder sich selbst dubbt. Und dass wir uns ein hohes Maß an Freiraum bewahren. So ist jeder live gespielte Dub immer wieder ein wenig anders. Und wenn es gut läuft, entstehen vielleicht die oben erwähnten magischen Momente.

Wann bist du mit einem von euch produzierten Dub zufrieden?
Wenn ich ihn nicht mehr als Musikschaffender höre, sondern als Musikhörer. Wenn mir also nicht mehr der Kopf, sondern der Bauch sagt, dass der Song mir gefällt.

Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Prince Buster: The Message Dubwise
Keith Hudson: Pick A Dub
King Tubbys: Meets Rockers Uptown
Lee Perry/The Upsetters: Super Ape
Burning Spear: Garvey´s Ghost
Linton Kwesi Johnson: LKJ In Dub

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
King Tubby. Einfach als der wichtigste Wegbereiter dieses wundervollen Genres.

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Ich freue mich immer noch über jeden Dub von Victor Rice. Und das seit fast 20 Jahren.

Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
Wenn ich meine Top-Alben-Liste anschaue, dann sind das wohl die 70er! Weil die Alben aus dieser Zeit die Essenz von Dub definieren und auch heute noch auf den Punkt bringen. Und weil vielleicht gerade wegen der limitiereten technischen Möglichkeiten die Ergebnisse besonders musikalisch sind.

Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Curtis Mayfield: There’s No Place Like America Today (alter Schinken, neu entdeckt).

In welcher Form kaufst du deine Musik: Vinyl, CD, Download, Abo? Warum?
Ich bin eindeutig Vinyl-Fan. Zur Begründung ziehe ich ein aufgeschlagenes Rolling Stone-Magazin aus dem Regal: „Vinyl ist die romantische Art Musik zu hören, es ist das andächtigste Format. Du musst teilnehmen, aufstehen, die Nadel platzieren.“ Das hat Jack White gesagt, so schön konnte ich selbst es nicht ausdrücken. Ich besitze natürlich auch CDs, aber bei einigen Musikrichtungen – und dazu gehört auch Dub – ist mir Vinyl besonders wichtig. Die einzigen Dub-CDs, die ich mir in den letzten Jahren bewusst gekauft habe, waren die Greensleeves „Evolution Of Dub“-Boxen. Aber da entstand dann schnell das Bedürfnis, die tollsten Alben auch noch auf Vinyl zu suchen. Und wenn ich mir dann das Prince Buster-Label meiner „The Message Dubwise“ anschaue, krumm ausgeschnitten und windschief zentriert, herrlich!

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Nein. Ich versuche es aber auch gar nicht (mehr). Das bringt dem Musikmachen Zeitprobleme, aber auch Entspannung. In unserer Band ist das allerdings ganz gemischt.

Mit welchem Artist würdet ihr gerne einmal zusammen arbeiten?
Auf unserem letzten Album haben wir gerade mit so vielen Leuten kooperiert, über deren Mitarbeit ich mich gefreut habe: Felix Wolter, Tokunbo, Umberto Echo, Dubmatix … Aber doch, Linton Kwesi Johnson auf einem Track von uns, das wäre ein Traum für mich!

Was ist deine besondere Stärke?
Meine und die Stärke meiner Band ist, glaube ich, dass wir uns zu „weniger ist mehr“ nicht zwingen müssen, sondern dass es von innen kommt. Das passt zu der Musik, die wir spielen.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Dass ich ihn überhaupt nicht als „Job“ wahrnehme. Und dass ich im Musikmachen versinken und alles andere vergessen kann.

Wovor graust es dir im Studio?
Vor gar nichts. Ich liebe Studio-Sessions, weil es eine besonders intensive Form des gemeinsamen Musikmachens ist. Die Aufmerksamkeit aller ist bis aufs Äußerste geschärft, und wenn es gut läuft, ist das wohl so was wie ein Flow-Erlebnis.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Musik hören, Vater sein, Sport. Ach ja, und zum Musikmachen gehört ja auch noch das ganze Drumherum. Da gibt’s dann auch Büroarbeit.

Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand von Dub?
Individuell wahrgenommen ganz gut. Ist Dub ein rüstiger Mensch mittleren Alters? Oder sollten wir sogar mal „Forever Young“ von Alphaville dubben? Die kamen immerhin auch aus Münster. Ich schweife ab …

Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Es wird immer Leute geben, die der Faszination des Dub-Reggaes von King Tubby, Lee Perry und Co. erliegen. Und es wird immer Leute geben, die Dub weiterentwickeln und Elemente davon für spannendes Neues benutzen.

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