Dub Revolution, Januar 2003

Up, Bustle & Out – für Reggae-Fans ein unbekannter Name – und doch steht der Name für eines der interessantesten Reggae/Dub-Alben des vergangenen Jahres. Rudi & Ein, die beiden Macher von Up, Bustle & Out widmeten sich in der Vergangenheit abwechselnd verschiedenen Ethno-Sounds, die sie in das Trip Hop-Universum importierten und dort zu faszinierenden Downtempo-Grooves verarbeiteten. Nach einem indischen und einem kubanischen Album nahmen sie sich nun mit ihrem neuen Werk „Urban Evacuation“ (Unique/Indigo) des Reggae der 70er Jahre an. Das Album, das ganz im Geiste King Tubbys entstanden ist, huldigt diesem Sound ausgiebig. Aber es wäre dieser Rezension nicht würdig, hätte es sich damit begnügt. Im Gegenteil: Rudi & Ein gehen weit über die Tubby-Vorlage hinaus. Vielleicht ist es ihr Nicht-Reggae-Background, der sie so undogmatisch Stile mischen und so experimentierlustig Sounds kreieren lässt: Ska, Flamenco, Breakbeats, Trip Hop, Latin, Arabisch, Indisch… alles spielt mit, während Reggae und Dub die solide Basis bilden. Die stilistische Vielfalt zeigt sich auch an den Namen der Gäste: Ras Jabulani, von den Black Roots, der hier zwei Tracks im unverwechselbaren Linton Kwesi Johnson-Style voiced, oder MC Nicky Blaze, Sängerin bei Roni Size, oder Nitin Sawhney und Jim Barr (Portishead), die hier Kontrabass spielen, oder Andy Hague mit einigen sehr schönen Trompeten-Soli, oder Senora Eugenia Ledesma an den Percussions, oder…. Die Liste der Mitwirkenden ist lang. Um so erstaunlicher ist deshalb, dass das Album wie aus einem Guss klingt und die Stücke in perfektem Flow aufeinander folgen. Es entsteht eine fast filmische Stimmung, die den Hörer durch verschiedene Welten zu tragen scheint und immer wieder neue Bilder vor seinem inneren Auge entstehen lässt.

Springen wir gleich mitten ins Zentrum von Dub: Jah Works, „Messages From The Seventh Sense“ (Jah Works/Import) verkörpert idealtypisch das, was heute in der Reggae-Community unter New Dub verstanden wird: kraftvolle Roots-Rhythmen, wuchtige Basslines, massig Hall und Echo und nicht zuletzt eine warme, entspannte und latent mystische Atmosphäre. Jah Rej lädt uns ein zu einem netten Label-Rundgang, bei dem uns eine Menge bisher vollkommen unbekannter Artists begegnen und wir einige großartige Dub-Tracks hören werden. Hier erwarten uns keine Experimente, und ein-, zweimal müssen wir auch den Skip-Button betätigen, doch insgesamt ist es eine Dub-Journey, die kaum ein anderes Label zur Zeit auf diesem Niveau anbieten kann. Produzent (und Esotheriker) Jah Rej hat sich wohl von der Zion-Train-Widmung seines Labels in Form des vor einigen Monaten erschienenen Samplers „The Inspirational Sounds Of…“ inspirieren lassen, und noch weitere Schätze ausgepackt. Lediglich den „Quick March“ der Roots Crusaders hat er gedoppelt – was ihm bei einem so perfekten Track gern vergeben sei.

Auch Ryan Moore holt Schätze aus seinem Archiv: Twilight Circus Dub Sound System: „The Essential Collection“ (M-Records/Import) versammelt – wie der Titel unzweifelhaft klar macht – die besten Tracks seines bisherigen Dub-Schaffens (das 9 Alben seit 1995 umfasst). Bei einem Dub-Artist von so unglaublich konsequenter Kontinuität wie Moore, versteht es sich von selbst, dass die Essential Collection nicht mit Überraschungen aufwarten kann. Es ist noch nicht einmal möglich, eine stilistische Entwicklung Moores innerhalb der vergangenen 7 Jahre herauszuhören. Experimente? Nein danke! Dub ist pur am besten, dachte sich der Meister und fabrizierte einige der deepesten Reggae-Grooves, die die Dub-Welt je zum vibrieren brachten. Live eingespielt vom Meister himself und anschließend duch sämtliche Echo-Chambers gejagt, die das Studio hergab. Essentieller  kann Dub nicht sein: The Essential Collection Of Essential Dub!

In den letzten Jahren hat es viele Wiederveröffentlichungen von King Tubby-Tracks aus den 70er und 80er Jahren gegeben – was kein Wunder ist, denn im Zeitalter des totalen Remix erinnert man sich unweigerlich an dessen Erfinder und Creator. Da Tubby gigantische Mengen an Tracks durch seine Echo-Kammer gejagt hat, konnte jede Reissue aus dem Vollen schöpfen und nach Belieben Tracks auswählen. Um so erstaunlicher ist es, dass die Reggae-Fans bis Ende 2002 warten mussten, um mit „100% of Dub“ (Select Cuts/Indigo) eine so breit zusammengestellte Sammlung an Meisterwerken des King zu erhalten. Das Spektrum reicht von uptempo Bunny Lee-Produktionen der Mid-70ies (Johnny Clarke, Horace Andy etc.) bis hin zu den düsteren Klangsphären eines Fatman aus den späten 70er und frühen 80er Jahren. Wärend Tubby die frühen Stück mit unglaublicher Virtuosität mixte und mit Hilfe seines Mischpultes komplett neu arrangierte, dominiert bei den späten Tracks der pure Sound in all seiner trägen Schwere und dunklen Tiefe. Natürlich hat der Dub-Enthusiast alle Aufnahmen bereits in seiner Sammlung verstreut – Neues gibt es auf „100% Dub“ nicht zu entdecken. Aber altes in dieser schönen Kombination wieder zu entdecken macht eine Menge Spaß.

Wie hundertprozentiger Dub heute klingt, lasst sich hingegen auf „Dub Clash“ (Dubhead/EFA) hören. Viel scheint sich seit Tubbys Fatman-Mixes nicht getan zu haben, andererseits ist es doch erstaunlich, welche Kraft in diesem minimalistischen Genre angelegt ist, denn trotz aller Beschränkung kann purer Dub immer noch spannend sein und gut klingen. So wie auch in diesem Fall: Dub Clash liefert den typischen Dub-Minimalismus: tief grummelnde Basslines, sparsame Instrumentierung, rollende Beats und massenweise Hall und Echo. Und trotzdem, irgendwie ist es gut: Warmer Bass-Sound, den man in der Magengrube spürt! Nicht mehr und nicht weniger.

Abwechlungsreicher geht die vierte Folge der „Hi-Fidelity Dub Sessions“ (Guidance/EFA) ans Werk. Den Anfang macht ein japanischer Dub der Reggae Disco Rockers mit Vocal von Horace Andy, gefolgt von dem unglaublich grandiosen Track „Why Not Tonight“ der See-I, der von Desmond Williams aufgenommen wurde. Weitere Tracks von Ticklah, Roots Combination, Richard Dorfmeister, Groove Armada und Smith & Mighty halten das Niveau auf höchstem Level. Lediglich die beiden letzten Stücke von Tosca fallen etwas ab. Dank an Guidance, dass sie ohne Scheuklappen regelmäßig so hervorragende State of the Art-Sampler herausbringen.

Auch das Dub-Syndicate hat mit „Murder Tone“ (On-U-Sound/EFA) einen Sampler zusammengestellt – allerdings ausschließlich mit eigenem Material aus der „Dub Syndicate-Classic Collection“. Gerade im Vergleich mit den anderen hier besprochenen Dub-Alben, wird es erneut überdeutlich, wie eigenständig und prägnant die von Adrian Sherwood produzierte Musik ist. Seine Sounds, seine Arrangements, seine Melodien sind einmalig. Mit „Murder Tone“ liefert er so etwas wie eine Werkschau der letzten zwanzig Jahre, und relauncht damit zugleich sein etwas vernachlässigtes On-U-Sound-Label.

Doch es gibt auch neues Material von Adrian Sherwood zu hören: „Never Trust A Hippy“ (Realworld/Virgin). Offiziell sein erstes Album unter eigenem Namen, wenn man so will, sein „Debut“. Angesichts seines gigantischen Back-Katalogs eine mehr als ironische Formulierung, die das Virgin-Marketing-Team da benutzt. Ebenfalls ironisch mutet es an, dass sein „Debut-Album“ NICHT auf seinem eigenen Label erscheint. Das rührt daher, das Peter Gabriel, Labelchef von Realworld, ihn gebeten hatte ein reines Remix-Album aus dem Back-Katalog des Labels zu machen. Doch Sherwood wollte lieber neue Stücke aufnehmen statt alte nur zu recyclen und ging daher mit Musikern wie Sly & Robby oder Lenky (Schöpfer des Diwali-Rhythms) ins Studio und nahm neue Backings auf, über die er dann verschiedene Realworld-Samples spielte. Dabei ist ein sehr untypisches Sherwood-Album herausgekommen, das die Grenzen des Reggae weit hinter sich lässt. Ob es immer gelungen ist, ist eine andere Frage. Manche Songs klingen ein wenig uninspiriert, andere nicht konsequent genug. Oft zwingt sich der Eindruck auf, Sherwood habe zuviel gewollt: Dancehall, Dub, Worldmusic und Sample-Experimente – zusammen in einem Song komprimiert grenzt es oft an Überproduktion. Manchmal verbindet es sich diese Vielefalt aber auf kongeniale Weise. Ohne Risiko kein Gewinn.

Auf dem französischen Hammerbass-Dub-Label  (das bald mal einen ordentlichen deutschen Vertrieb bekommen sollte) ist ein Album von Paris Yard, mit dem Titel „Dubvisions“ (Hammerbass/Import) erschienen, das dem Sherwood-Werk nicht unähnlich ist. Auch hier gibt es viele Worldmusic-Samples und eine deutliche Affinität zu Dancehall. Doch anders als bei Sherwood, ist die Konstruktion der Stücke hier viel simpler, aber auch kraftvoller. Hier finden sich z. B. auch  kompromisslose Elektro-Dub-Tracks, deren wuchtige Steppers-Rhythms keine Experimente erlauben. Dann wieder gibt es traditionelle afrikanische Musik, die mit Dub-Sounds verschmolzen wird, gefolgt von einem Uptempo-Dancehall-Dub. Verwirrend konzeptlos, aber gerade deshalb spannend und unterhaltsam.

Im Dance-Kontext – wenn nicht gar im Pop – ist das ebenfalls auf Hammerbass erschienene Album „Peace, Unity, Love, Having Fun And Computers“ (Hammerbass/Import) von Batam Batam verankert. Der Sound lässt sich am ehesten mit Dreadzone vergleichen, auch wenn Batam Batam noch unbekümmerter Pop-Melodien verwendet und sich nicht im geringesten um Reggae-Credibility schert. Das „Having Fun“ im Titel trifft das Album-Konzept im Kern: Alles was Spaß macht – und seien es 60ies-Pop-Anleihen oder Disco-Chöre – wird hier zu einem alkoholfreien Dub-Cocktail gemixt. Der Reggae-Beat bleibt zwar solide Basis, wird aber mit dem üppigen Pop-Arrangement darüber kaum noch als solcher wahrgenommen. Das ist keine Kritik! Was sollte an „Having Fun“ falsch sein? Dub muss keine Kopf-Musik sein, auch wenn das viele denken.

Etwas anders scheinen es die Trance Vision Steppers mit ihrem neuen Album, „tvs.2“ (Fünfundvierzig/Indigo) zu sehen. Minimalistische Elektroniksounds à la „Space Night meets Dub, schwerelos fließend, meditativ. Adressat ist hier eher der Kopf als der Bauch. Hinter diesem Sound steht kein Unbekannter: Felix Wolter, Mastermind der  Reggae-Band „Visions“ und verschiedener anderer Projekte wie „Pre Fade Listening“ – und avantgardistischer Dub-Producer aus Hannover. Inwiefern der Sound von TVS noch etwas mit Reggae zu tun hat, ist nicht eindeutig festzustellen. Ausgewiesene Reggae-Beats gibt es kaum zu hören, und trotzdem schwingt in jeder Note der Reggae-Vibe mit. Dub ist universal.

Noch minimalistischer treibt es Mapstation (featuring Ras Donovan) mit „Version Train“ (Staubgold/Indigo). Stefan Schneider remixt hier die Tracks seines Elektronik-Vorgängeralbums „A Way To Find The Day“ inna Reggae-Style. Nun sollte niemand erwarten, hier fette One-Drop-Rhythms vorzufinden. Im Gegenteil, die Tracks sind astreine Minimal-Elektro-Plucker-Click-Dub-Soundscapes, deren Klang und Instrumentierung absolut gar nichts mit Reggae zu tun hat. Doch da ist diese merkwürdige Synkopierung der Beats, die auf sehr assoziative Art und Weise dann doch etwas mit Reggae zu tun hat. Kommen dann noch die stark an Tikiman erinnernden Reggae-Vocals von Ras Donovan hinzu, dann hat sich das Album seinen Platz in dieser Kolumne fraglos verdient. Diese Herangehensweise an Reggae finde ich absolut erfrischend, spannend und auch richtig schön. Natürlich sind die Tracks oft spröde und ein wenig „verkopft“ – aber es muss nicht immer „Jump & Shout“ sein. Hier, an den Grenzen des Genres passieren oft interessantere Dinge, als in dessen Zentrum. Doch leider nimmt Stefan Schneider seinen Minimalismus-Grundsatz allzu wörtlich: nur knapp 30 Minuten Laufzeit zum Preis eines „normalen“ Albums ist schlichtweg zu kurz (und manifestiert auch keineswegs vermeindlichen „Kunstanspruch“).

Meine Wertung:

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