Dub Revolution, März 2003

1969, in dem Jahr, als King Tubby den Dub erfand, betrat ein Keybord-Player namens Horace Swaby zum ersten Mal ein Studio. Als „Augustus Pablo“ gab er dort sein Debüt für Produzent Herman Chin Loy. Nur drei Jahre später war Pablo selbst Produzent und besaß sein eigenes Rockers-Label. Hier etablierte er seinen „Far East Style“, so genannt, weil Pablo seine Melodien im wesentlichen aus Moll-Akkorden aufbaute, was sie „orientalisch“ klingen ließ. Diese Melodien spielte er vorzugsweise auf der Melodika, einem Instrument, das als besseres Kinderspielzeug galt. Als Instrumentalist begeisterte sich Pablo sehr für die Arbeit King Tubbys und ließ nahezu alle seine Stücke im Studio des Meisters (von Tubby himself, Prince Jammy oder Phillip Smart) remixen. Einen Showcase der gemeinsamen Arbeit von Instrumentalist/Produzent und Dub-Mixer bietet das Album „In Fine Style 1973-1979“ (Pressure Sounds/Zomba). In bester Showcase-Tradition sind hier jeweils mehrere Mixe verschiedener Pablo-Instrumentals aus den Jahren von 1973 bis 1979 versammelt. Den Anfang machen vier Cuts von „Far East“ aus dem Jahr 1975. Der Sound ist unverkennbar: schwere, Drum & Bass getriebene Rhythms – trocken abgemischt und sparsam instrumentiert. Darüber der schneidende, melancholische Klang der Melodika. Es besteht kein Zweifel daran, dass ein Instrumental gefolgt von drei Dub-Versions des gleichen Rhythms schon eine echte Reggae-Hardcore-Packung ist. Aber genau dieser Minimalismus ermöglicht ein in der Popmusik selten gewordenes Erlebnis: Musik durch reines, konzentriertes Hören wirklich zu erfahren.  Die drei aufs Wesentliche reduzierte Versions von „Cool Shade Dub“ bieten dazu beste Gelegenheit; oder die drei Versionen von „Up Warika Hill“ von 1974. Das Album bietet aber auch verspieltere Tracks wie die drei Pablo-Versionen von „Real Rock“ mit einem toastenden Hugh Mundell als Jah Levi. Augustus Pablo in fine style – says it all!

Auch auf dem Blood And Fire-Label ist eine schöne Dub-Retrospektive erschienen: Ja-Man All Stars, „In The Dub Zone“ (Indigo).  Obwohl annähernd aus der gleichen Zeit stammend, wie die tracks von Augustus Pablo (s.o.), gibt es hier einen komplett anderen Sound zu hören. Produzent ist der wenig bekannte Dudley „Manzie“ Swaby, der 1977 und 1980 zwei Dub-Alben veröffentlichte („Ja-Man Dub“ und „King’s Dub“), die hier auf einer CD zusammengefasst sind. Beide Alben waren im Channel One Studio aufgenommen worden, was den Grund für ihren unverwechselbaren Sound liefert. Verglichen mit Pablos trockenem Minimal-Sound haben wir es hier mit rollenden Basslines, flüssigen Arrangements – und nicht zuletzt mit Sly Dunbars prägnantem Drumstyle zu tun. An diesem Ort warf Dancehall bereits 1977 seine Schatten voraus. Wie man es von Channel One gewohnt ist, so wird man auch bei diesen Dubs reichlich mit Recuts von Studio One-Rhythms versorgt, slick abgemischt von Crucial Bunny, Maxie, Soljie, Ernest Hookim oder Swaby selbst. 1980 war Dancehall schließlich voll und ganz angekommen und der unverwechselbare Channel One-Sound dominierte den Reggae. Track 14-23 der CD stammen aus dieser Zeit; sie verkörpern idealtypisch diese Ära – und die letzte Blüte des jamaikanischen Dub vor seinem Niedergang gegen Mitte der 80er. Viele dieser Tracks waren bereits auf General Echos Debütalbum „Rocking & Swing“ aus dem gleichen Jahr zu hören. Dancehall Lives!

Machen wir einen Sprung in die Gegenwart: „Roots of Dub Funk 3 – The Dub Adventure“ (Tanty/?) – und wieder hören wir einen komplett anderen Sound. Es ist der Sound des New-Dub wie ihn Jah Shaka, Alpha & Omega, The Disciples und viele andere in den 90er Jahren in England prägten. „Melody lines and harmonies combined with warm horns sounds, vocal echoes, heavyweight kick drums and dirty basslines by the truckload“, beschreibt der Album-Compiler Kelvin R. diesen Sound äußerst treffend. Der größte Unterschied zum klassischen Tubby-Mix liegt vielleicht darin, dass der Rhythmus in der Regel viel langsamer ist, die Bassdrumm hingegen mit vier Schlägen durch den 4/4-Takt „marschiert“ und der Sound wichtiger ist als der Mix. Außerdem entsteht der Dub der Gegenwart komplett digital. Wer dieses Statement überprüfen möchte, findet in „Roots of Dub Funk 3“ ideales Studienmaterial: 12 superbe Dub-Tracks von Producern aus England, Frankreich, Deutschland und den USA. Mit dabei sind u. a. Alpha & Omega, Jah Warrior und die Vibronics.

Während „Roots Of…“ eher eine klassische Form von Dub präsentiert, haben wir es bei Cool Hipnoise, „Showcase & More“ (Select Cuts/Indigo) mit einem exzellent gelungenem Crossover-Experiment zu tun. Dub bildet hier das Fundament für eine faszinierende musikalische Mischung, in der sich Klänge aus Brasilien, Cuba und Portugal unter der Regie von Nick Manasseh zu frischen, ungehörten Grooves verbinden. Cool Hipnoise sind Joao Gomes, Francisco Rebelo und Tiago Santos aus Lissabon, die in den 90ern Hip Hop mit Jazz, Soul, Reggae und brasilianischen Beats kombinierten. Dub-Produzent Nicholas Raphael aka Nick Manasseh, der die beiden letzten Alben der Band produzierte, hat ihren Sound konsequent auf Dub gepolt. Das Ergebnis ist ein großartiger Beweis für die Universalität von Dub. Es ist ihm perfekt gelungen, die Stilmittel des Dub mit denen anderer Musikgenres untrennbar zu verschmelzen. Der Dub bekommt so etwas von der Leichtigkeit und Eleganz brasilianischer Musik, während die lateinamerikanischen Sounds durch Dub Bodenhaftung und Dynamik gewinnen.

Auch mit seinem neuen „eigenen“ Album, Manasseh Meets The Equalizer, „Step Like Pepper“ (Select Cuts/Indigo) beschreitet Nick Raphael Crossover-Pfade. Hier knüpft er konsequent an das erste Manasseh Meets The Equalizer-Album von 1994 an und mischt schwere Dub-Sounds mit Cool-Jazz-Flavors. Hätte es in der Zwischenzeit St. Germain nicht gegeben, würde man „Step Like Pepper“ eine Sensation nennen. So muss man sich hingegen bemühen, das Album nicht unentwegt mit St. Germain vergleichen zu wollen. Ist dieser Schritt geschafft, hört man einige sehr schöne, spannend arrangierte Tracks mit einer Vielfalt von Samples, die von alten Lee Perry-Produktionen bis Blue Note reichen. Wie gewohnt bei Manasseh, fußt alles auf soliden Beats, die stets variantenreich und interessant sind. Bei ihm kann man wirklich von „Komposition“ sprechen (während andere Dub-Produzenten ihre Tracks nur allzu gerne mit „Speichern als…“ fabrizieren).

Bleiben wir mal beim Select Cuts-Label und richten unser Interesse auf einen ungewöhnlichen Sampler: „Babylon Is Ours – The USA In Dub“ (Select Cuts/Indigo). Der wirklich wunderbar selbstironische Titel macht das Konzept klar: die Compilation wirft ein Schlaglicht auf die aus europäischer Sicht sträflich unterbelichtete Dub-Szene Nordamerikas. Ein paar Namen aus dieser Szene sind hierzulande natürlich bekannt: Systemwide, Dr. Israel, Avatars Of Dub und vielleicht der ein oder andere Act von den Guidance-Dub-Samplern. Ansonsten wissen wir wenig. Doch beim Hören von „Babylon Is Ours“, vermittelt sich der Eindruck, als hätte das seinen guten Grund! Wirkliche Entdeckungen sind hier nämlich nicht zu machen. OK, die US-Combos können mit durchschnittlichen europäischen Produktionen mithalten – aber ist dieses Statement einen Sampler mit dem Titel „Babylon Is Ours“ wert? Hier hätte man schon ein bißchen mehr innovative Kraft erwartet.

In der Riddim #2 war an dieser Stelle zum ersten Mal die Rede von Loud & Lone, einem Dub-Duo aus Spanien. Die beiden, Borja Juanco und Roberto Sanchez, haben sich nun mit den Musikern der Basque Dub Foundation zusammengetan und ein Showcase-Album mit dem Titel „BDF Meets Loud & Lone“ (A-Lone/Import) aufgenommen. 18 Tracks finden sich hier, wobei sich Vocal-Track und Dub-Version abwechseln. Alle Instrumente sind hand gespielt, was zu dem insgesamt sehr klassischen Eindruck des Albums passt. Das Album könnte ohne weiteres aus dem Jamaika der 70er Jahren stammen (abgesehen vom besseren Sound) – gemixt wird hier nach altmeisterlicher Manier. Umso erstaunlicher ist es dann aber, dass das Album tatsächlich aus Spanien stammt. Vielleicht sollten ein paar amerikanische Dubsters dort mal Urlaub machen…

Kommen wir zum abschließenden Höhepunkt: „Richard Dorfmeister Presents A Different Drummer Selection“ (Different Drummer/EFA). Die beiden Jungs aus Birmingham, Glynn Bush und Richard Wittingham, die bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre als „Rockers HiFi“ firmierten, gründeten 1992 das Label „Different Drummer“ sowohl als Heimstätte ihrer eigenen als auch für die gleich gesinnter Dubschaffender. Von Beginn an, stand der Name des Labels für innovative Musik, die verschiedenste musikalische Einflüsse unter dem Dach des Dub vereinte. Keiner der unzähligen Dub-Acts der 90er hat das Spektrum so nachhaltig erweitert, wie Rockers HiFi und ihr Label. Im letzten Jahr ist Different Drummer zehn Jahre alt geworden – ein Anlass für Richard Dorfmeister, die besten Tracks des different drumbeats auf einem Album zu vereinen. Mit von der Partie sind u. a. Noiseshaper mit schweren Reggae-Beats, G-Corp mit zwei grandiosen Heavyweight-Steppers, Phase 5 und International Observer mit eher trippigen Groves, Rockers HiFi mit einem schönen, House-beeinflussten Dub und natürlich das hauseigenen Overproof Soundsystem mit ihrem unglaublichen „Watch What You Put Inna“. Hoffen wir, dass der „Different Drumbeat“ weitergeht – in alle Richtungen, denn das Label ist so open minded wie das Genre, für das es steht.

Meine Wertung:

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