Dub Revolution, Mai 2003

Die Zeiten, in denen neue Dub-Sampler im Wochenrhythmus die Regale der Reggae-Dealer füllten sind längst vorbei. Die neue Schule des Dub hat ihre Arbeit getan und Dub-Sounds als allgegenwärtigen Bestandteil moderner Popmusik etabliert. Dub in seiner Reinform ist auf eine Minimalgröße zusammengeschnurrt und existiert mit einer fest umrissenen Fan-Gemeinde nunmehr im Musik-Underground (wie z.B. auch Ska oder Jungle). Nur die profiliertesten Dub-Sampler-Serien haben diese Entwicklung überlebt, unter ihnen auch King Size Dub, jene hervorragende Compilation-Reihe des Hamburger Labels Echo Beach. Bereits vor ein paar Wochen ist dort Chapter Nine herausgekommen: „King Size Dub Chapter Nine“ (Echo Beach/Indigo). Ein Album, das vor Einfallsreichtum und zukunftsweisenden Dub-Sounds nur so strotzt. Wie es bei Echo Beach Tradition ist, pflegt man hier ein modernes Dub-Verständnis, dessen Fundament fest im Reggae-Groove verankert ist, sich Sound-technisch aber weit in Richtung Dancefloor vorwagt. Namen wie Coldcut, Groove Corporation, Dreadzone oder Richard Dorfmeister machen klar, wohin die Reise geht. Es ist eine Reise, die Experimente herausfordert, wie etwa bei dem Aufeinandertreffen des algerischen Rai-Sängers Khaled mit Bomb The Bass-Mastermind Tim Simenon, oder die Dub-Konferenz zwischen den Portugiesen Cool Hipnoise, dem Briten Nick Manasseh und den Last Poets! Es ist aber zugleich auch eine Reise, die zeigt, wie universal Dub ist und wie elementar sein Einfluss auf die Pop-Musik wirkt. Verglichen mit den vorangegangenen Folgen, wagt sich Chapter Nine in dieser Hinsicht am weitesten über den traditionellen Dub-Begriff hinaus und stößt damit vielleicht Türen auf zu musikalischen Universen, die nie zuvor ein Reggae-Purist gesehen hat.

Mit Dub Selector 2 (Quango/Zomba) ist ein weiterer Dub-Sampler erschienen, der etwas konservativer orientiert ist, prinzipiell aber in die gleiche Richtung weist wie King Size Dub. Elektronik-Protagonisten wie Submission oder Noiseshaper stehen hier neben Downtempo-Aktivisten wie Thievery Corporation oder Remix-Virtuosen wie Groove Corporation oder Richard Dorfmeister. Das klingt gut – Nachteil dieses Samplers ist aber, dass er kein exklusives und teilweise sogar recht betagtes Material versammelt. So findet sich die Nick Holder Nummer bereits auf einem High-Fidelity-Dub-Sampler, Big Youths Waterhouse Rock auf einem Select Cuts-Sampler und der Track von Submission so wie der von Noiseshaper auf King Size Dub-Samplern. Compilator Bruno Guez hat es sich also einigermaßen leicht gemacht, was aber verständlich ist, wenn man weiss, dass der Bursche für eine ganze Sampler-Serie auf Quango verantwortlich zeichnet, die sich so unterschiedlichen Themen wie Afro-Beats und skandinavischem Nu Jazz widmet.

Wenden wir uns lieber etwas Solidem zu: Gregory Isaacs In Dub, „Dub A De Number One“ (Heartbeat/EFA). Das Album bietet Dub-Versionen von Gregory-Stücken, die dieser in den 70er Jahren für Produzent Alvin GG Ranglin aufgenommen hat. Es ist zu großen Teilen die B-Seite des Albums „I Found Love“, das Heartbeat vor etwa einem halben Jahr veröffentlicht hat. Alle Tracks wurden im Channel One-Studio eingespielt und von Ernest Hoo Kim und Maxie McKenzie gemischt. Was die beiden abgeliefert haben ist solides Handwerk – leider aber auch nicht mehr, denn schließlich galt es lediglich B-Seiten zu füllen. Dort, wo Gregorys Stimme war, bleibt jetzt ein Vakuum zurück. Weder der Mix noch die Bassline oder ein anderes Instrument füllen diese Leerstelle. Im Gegenteil: die kurz eingeblendeten Gesangsfetzen lassen diesen Mangel nur umso deutlicher hervortreten. Nur gelegentlich gibt es die für Gregory typischen Bläsersätze zu hören. Schade. Label-Chef Chris Wilson hätte sich dieses Album also durchaus sparen können.

Zeitgleich zu den Gregory Dubs, bringt Chris Wilson noch ein zweites Dub-Album mit Aufnahmen aus den 70er Jahren heraus: Niney The Observer Presents King Tubby In Dub, „Bring The Dub Come“ (Heartbeat/EFA). Bei den Aufnahmen handelt es sich größtenteils um bisher unveröffentlichte King Tubby-Mixe, die Niney in den 70ern schlichtweg bei King Tubby vergessen hatte und erst nach dessen Tod wieder entdeckte. Zehn Tracks von den 22 auf der CD vorhandenen waren als Dub-Album konzipiert und tauchen hier unter dem Titel „The Lost Album“ auf. Einige Tracks sind leicht zu identifizieren, wie etwa „Bring The Kutchie Come“ oder „Tenement Yard“, andere hingegen kann selbst Niney nicht mehr zuordnen. Im Gegensatz zu den Gregory-Dubs, gibt es hier interessante Arrangements und eigenwillige Mixes, satte Basslines und melodiöse Bläsersätze. Einige der verbleibenden 12 Tracks  sind alternative Mixe von bekannten Niney-Dubs, wie „Westbound Train“, die Tubby sich für den Einsatz in seinem eigenen Sound System angefertigt hat. Vielleicht sind das ja sogar die „originaleren“ Mixes, die es hier zum ersten Mal auf Platte gibt?

Easy Star-Label-Chef Lem Oppenheimer hat sich an ein äußerst riskantes Dub-Experiment gewagt: Easy Star All-Stars, „Dub Side Of The Moon“ (Easy Star/EFA) ist ein Reggae-Remake des Pink Floyd-Albums „Dark Side Of The Moon“ aus dem Jahre 1973! Ja, richtig gelesen: Pink Floyd! Dass die mit Reggae soviel zu tun haben wie Madonna mit Stockhausen, begreift Oppenheimer scheinbar eher als Herausforderung, statt als Warnung. Unbeirrt macht er sich mit seinen Musiker-Kollegen Michael G und Ticklah daran, verschiedene Reggae-Styles wie Rockers, Nyabingi oder One Drop durch die Echobox zu jagen. Die Rock-typischen Gitarren ersetzt er kurzerhand durch Reggae-typische Bläser, während er die psychedelischen Floyd-Synthies offenbar als Reggae-kompatibel einschätzt und beibehält. Doch die Easy Star-Crew hat sich nicht auf eine rein instrumentale (und in ihrem Risiko abschätzbare) Dub-Version beschränken wollen, sondern hat Reggae-Singer Frankie Paul, Dr. Israel und Gary Pine, Blues-Sänger Corey Harris und Old-School-Deejay Ranking Joe zur Übernahme der Vocal-Parts eingeladen. Sie bemühen sich redlich, die Rock-Songs irgendwie nach Reggae klingen zu lassen – woran sie aber (schlicht gesagt) scheitern. Ihr Gesang fließt übergangslos in das instrumental-dubbige Allover der nicht voneinander abgegrenzten Tracks ein, was in der Tat die psychedelische Athmosphäre des Originals erahnen lässt, aber nicht im geringsten mit den Reggae-Rhythmen harmonieren will. Einzige Ausnahme bildet das Deejaying von Ranking Joe, das in seiner hüpfenden Rhythmik perfekt zum Reggae passt – und die Inkompatibilität der anderen Songs dadurch um so deutlicher herausstreicht. Schade, muss man eigentlich sagen, dass hier eine Menge Energie und eine noch größere Menge Innovationswillen auf das falsche Projekt verschwendet wurde. Vielleicht musste es aber mal versucht werden, um das Thema abhaken zu können – denn auch im Scheitern liegt die Chance zur Erkenntnis. 

„Reggae music is the weapon of the future“ zitiert Moss Raxlen a.k.a. Mossman Peter Tosh und schmettert 12 heavy Dub Tracks der World Bank aufs Dach. Mossman vs. The World Bank (Dispensation/Import) heißt das Debut-Album des Kanadiers, das bereits 2001 erschienen ist, aber erst jetzt hierzulande über Import bezogen werden kann. Es ist eine absolute Low-Budget-Produktion (man könnte fast meinen, die CD sei selbstgebrannt!). Die Tracks wurden von einer Live-Band eingespielt und haben einen schönen, warmen, relaxten Flow. Nichts Spektakuläres, lediglich ein paar solide Dub-Tracks – und ein grandioses Cover, auf dem das Mossman-Monster inmitten eines Infernos das Gebäude der Weltbank einreißt. Mossman versteht seine Musik auch als „Soundtrack“ zur Protestbewegung der NGOs bei ihrem Kampf gegen die Globalisierung. Schön, dass er mit dieser Attitüde beim Reggae gelandet ist! Auf seinem zweiten Album mit dem Namen „Mossman vs. Tsunami“ (Dispensation/Import) (mit Godzilla-Cover), hat Mossman alle Musiker des ersten Albums durch Herrn Tsunami ersetzt und mixt jetzt digital produzierte Tracks. Auch hier ist der jamaikanische Dub der 70er Jahre direkte Inspiration. Die Produktion ist schon wie beim ersten Album ungelenk und rau – 100% low budget. Aber irgendwie liegt gerade darin ein besonderer Reiz. Vielleicht ist aber auch nur der Idealismus des einsamen Dub-Produzenten im weiten Kanada so sympathisch.

Meine Wertung:

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