Dub Revolution, Juli 2003

Pressure Sounds, neben Blood & Fire das nobelste britische Reggae-Retro-Label, hat, statt im fernen Jamaika nach Schätzen der Reggae-Historie zu suchen, einfach mal vor der eigenen Haustüre nachgeschaut. Wen Labelmacher Pete Holdsworth & Co dort fanden, gehörte in den 70er und 80er Jahren zu den wichtigsten Protagonisten des britischen Reggae: Dennis Bovell. 1971 gründete er die Band Matumbi, die fünf Jahre später ihre ersten Hits in den UK-Reggae-Charts hatte. Parallel dazu etablierte sich Bovell als erfolgreicher Produzent und Talentscout. Nahezu im Alleingang erfand er den Lovers-Rock – eine kommerzielle Erfolgsgeschichte ohne gleichen. Mitte der 70er Jahre schließlich begann er als erster britischer Reggae-Musiker mit Dub zu experimentieren, dem er sich bald ganz verschrieb. Neben eigenen Dub-Alben nahm er auch alle Alben von Linton Kwesi Johnson auf und entwickelten einen eigenen, oft sehr melodiösen und manchmal hemmungslos experimentellen Dub-Stil, der locker mit manchen Perry- oder Tubby-Tracks mithalten kann. In den letzten Jahren ist Bovell weit gehend in Vergessenheit geraten, was es um so erfreulicher macht, dass Pressure Sounds sich seiner erinnert hat und uns nun einen Ausschnitt aus der fruchtbarsten Phase seines Schaffens präsentiert. 16 Stücke sind auf „Decibel – More Cuts And Dubs 1976-1983“ (Pressure Sounds/Zomba) versammelt, fast ausschließlich Dubs. Kraftvolle Roots-Tracks stehen hier Rücken an Rücken mit lieblichen Lovers-Rock-Arrangements und verrückten, Perryesken Dub-Experimenten. Alle Tracks sind präzise und einfallsreich gemixt, voller überraschender Details und schöner Melodien. Manchmal fett arrangiert mit kompletter Bläser Sektion (inkl. Rico Rodriguez), manchmal reduziert auf den puren, minimalen Beat, manchmal voller Hall und Echos, dann wieder knochentrocken – jeder Track ist eine neue Überraschung. Vielleicht wird Bovell uns bald mit neuen Produktionen überraschen – das wäre doch was…

Dass Dub den Reggae-Beat längst transzendiert hat, weiß jeder Reggae-Geek. Warum also in dieser Kolumne nicht auch mal über den Tellerrand hinausschauen? Mit „Tino’s Dub Select“ (Tino Corp/EFA) fällt das ganz leicht, denn nur allmählich – und unterstützt durch viele Reggae-Vocal-Samples, führt uns Tino aus dem Land des synkopierten 4/4-Beats ins Reich der krachenden Breakbeats. Big Beat meets Reggae in the House of Dub könnte man die Mixtur nennen, die Jack Danergs (Meat Beat Manifesto), Ben Strokes (D. H. S.) und Mike Powell servieren. Dominiert von vertrackten Drumbeats und rollenden Basslines und gespickt mit 1001 Samples aus allen Zeiten und Stilen des Reggae, ergründen die Aufnahmen das Dub-Konzept bis in seine letzten Winkel. Funky, dubby, weired und vor allem hoch spannend verläuft die Breakbeat-Reise durch unterschiedliche Tempi und Styles. Ein großartiges Album, das die Universalität des Dub eindrucksvoll und radikal unter Beweis stellt. Es darf in der Welt des Reggaes nicht unbeachtet bleiben!

Ein Album, das auf den ersten Blick sogar noch weiter über den Tellerrand hinausweist, und zudem einen komplett anderen Weg beschreitet als Tino, ist „Rocket In Dub: If Music Could Talk“ (Italic/Kompakt). Das  Stichwort „Kompakt“ macht Eingeweihten unmissverständlich klar, womit wir es hier zu tun haben: mit Minimal-Techno. Unbeachtet von der Reggae-Szene hat sich Dub in der Welt minimaler elektronischer Musik in den letzten Jahren einen festen Platz gesichert. Treibende Kraft war anfangs zweifellos das Berliner Basic Channel-Label, aus dem z. B. auch Rhythm & Sound hervorgegangen ist und deren Macher zur Zeit für die Wiederveröffentlichung des Wackies-Backkatalogs sorgen. Die Artists des Kölner Kompakt-Labels haben ihren eigenen Stil minimaler Dub-Music entwickelt, für den das vorliegende „Rocket In Dub“-Album ein gutes Beispiel ist. Hypnotisch vor sich hinpluckernde, kräftig synkopierte Shuffel-Beats mit vielen kleinen Click & Cut-Effekten und sattem Hall und Echo. Minimaler kann man die ohnehin schon recht abgespeckte Dub-Musik nicht auffassen. Alles Überflüssige ist eliminiert worden – der Kern des Dub-Sounds liegt bloß. Wie in einem Labor-Experiment, fein säuberlich herausseziert, analysiert und neu kombiniert. If music could talk, würde sie uns erzählen, wie es in der subatomaren Welt des Dub aussieht, würde uns sagen, ob der Mikrokosmos des Sounds der Computersimulation gleicht, die uns Rocket In Dub präsentiert. Ich bin gewillt, daran zu glauben.

Woher Typen wie die Italic-Protagonisten oder Basic-Channel-Macher wie Moritz von Oswald und Mark Ernestus ihre Inspiration beziehen, wird klar, wenn wir das von ihnen soeben wiederveröffentlichte Wackies-Album „African Roots Act 1“ (Wackies/Indigo) hören. Produziert von Wackies Studiomusiker Clive Hunt, bietet es einen düsteren, multidimensionalen Sound, der gelegentlich an Lee Perrys Black Ark erinnert. Vor allem das erste Stück „Addis Ababa Dub“, in dem eine Drum-Machine zum Einsatz kommt, dürfte das Aha-Erlebnis der Minimal-Techniker gewesen sein. Auch heute noch klingen Aufnahmen wie diese unverbraucht und erstrahlen voller Magie. Seit dem Jahr seiner Entstehung galt „African Roots Act 1“ als Masterpiece des Dub – und beim Wiederhören lässt sich nur allzu leicht verstehen warum. Es ist kaum zu glauben, welche Innovationskraft sich Ende der 70er Jahre in dem kleinen Studio, tief  in der New Yorker Bronx. entfaltete. Es war wohl pure Magie.

Weniger magisch, ein bisschen konventioneller und auch nicht so innovativ klingt ein weiteres, soeben erschienenes Werk aus Wackies Archiv: „Roots Underground: Tribesman Assault“ (Wackies/Indigo). Erschienen Anfang der 80er Jahre, bietet es die typischen Wackies-Qualitäten wie die dunkle Atmosphäre, den warmen Sound und die tighten Rhythmen. Ein schönes, spannendes Album, das lediglich im Vergleich zu „African Roots Act 1“ nicht mithalten kann, für sich genommen aber deutlich über dem jamaikanischen Durchschnitt der 70er steht.

Bevor wir die Revival-Selection verlassen, sei noch ein schöner Doppel-CD-Sampler mit insgesamt 35 Dub Tracks erwähnt: „Dub Sessions“ (Union Square). Er ist Teil der bekannten Sessions-Sampler, die sich schon Musikstilen wie Soul, Funk, Blues, Hip Hop, Drum ’n‘ Bass oder Latin gewidmet haben. Schaut man aufs Tracklisting, hat man den Eindruck, ein Best Of Blood & Fire vor der Nase zu haben, denn fast 2/3 der Stücke wurden dort lizensiert. Damit ist auch klar, dass der stilistische Schwerpunkt des Albums beim Dub der 70er Jahre liegt. Ein wenig konzeptlos erscheinen lediglich die drei untergemischten UK- Dub-Tracks. Sinnvoller wäre es vielleicht gewesen, die Geschichte das Dub chronologisch nachzuzeichnen und dem New-Dub der 90er Jahre und der Gegenwart mehr Platz einzuräumen. Trotzdem ist der Sampler ein schöner Rundumschlag in der Old-School und ein lobenswerter Versuch, dem Mainstream-Publikum die Wurzeln dieser faszinierenden Musik nahe zu bringen.

Sub Oslo sind eine 8-köpfige Dub-Band aus Texas (ja, darüber wurde schon viel gelacht) und präsentieren (nach einer EP) mit „The Rites Of Dub“ (Glitterhouse/Indigo) ihr erstes vollwertiges Album. Darauf gibt es trippige, handgespielte Dub-Tracks in Überlänge zu hören – sehr hypnotisch, sehr meditativ. Erinnert gelegentlich an frühe Sherwood-Produktionen oder entfernt an die Suns Of Arqa. Allerdings scheinen der Dub-Mix sowie die verhaltenen Effekte anstatt, wie üblich, im am Studio-Mischpult erzeugt, hier tatsächlich live eingespielt worden zu sein. Ein schönes Konzept, das gewiss auch auf der Bühne zu fesseln weiß. Verblüffend ist allerdings die Vorstellung, dass hinter diesen verhaltenen, minimalen Klängen acht Musiker stehen – was machen die bloß? 

Das Dub-Album von Nucleus Roots, „In Dub“ (Westbury/Import), ebenfalls handgespielt, ist da von ganz anderem Kaliber. Hier steckt in den Songs die volle Dynamik, und der Dub-Mix ist Produkt der klassischen Post-Production. Großartig der verzerrte Bass auf „Long Road Dub“ oder die subsonischen Tieffrequenzen auf „Tuned In Dub“. Das Album stammt zwar bereits aus dem Jahr 2001 wird aber jetzt erstmals als Import angeboten. 

Das Highlight des Contemporary Dub kommt allerdings von Urban Dub, „Featuring Fairshare Unity Sound“ (Dubhead/Indigo). Urban Dub aka. Roop (Rhythms und Produktion), Marjorie Paris (Saxophon) und Hieronymous (Gesang und Mixing) haben sich hier mit Unruly Julian vom Fairshare Unity Soundsystem zusammen getan und gemeinsam ein ungemein schönes und äußerst abwechslungsreiches Dub-Album produziert. Insgesamt 26 Tracks gibt es auf der Doppel-CD zu hören, die vor Energie und Ideenreichtum nur so strotzen. Solide, uptempo-Beats bilden die Basis für abgefahrene Instrumentierungen (oft mit Marjories Saxophon), für verdrehte Dub-Mixes, geniale Ohrwurm-Melodien und vor allem für ungewöhnliche, fette Sounds. „Dub-Playground“ wäre ein kongenialer Titel, denn als nichts anderes verstehen die vier Musiker dieses Album. Sie scheren sich nicht um Regeln, Kommerzialität oder Image. Erlaubt ist alles, was Spaß macht. Während das Album mit einigen schönen, melodischen Dubs beginnt, entwickelt es sich im weiteren Verlauf immer schräger bis es schließlich bei einigen total verqueren Avantgarde-Dubs endet. Eine Achterbahnfahrt durch das Land der subsonischen Beats! Mehr davon!

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