Sly & Robbie: Blackwood Dub

Es ist kaum zu glauben: Sly & Robbie, die Uhrheber von schätzungsweise 100.000 Reggae-Backings, haben soeben ein frisch produziertes Dub-Album vorgelegt. Ich kann mich nicht erinnern, wann dies zuletzt geschehen ist – es muss über zwanzig Jahre her sein. Beim Auspacken zittern mir die Finger und meine Gedanken schweifen zurück in die 1980er Jahre, als ich wie ein Besessener Dub-Alben der beiden kaufte. Bei ihrem damaligen Output war das eine Leidenschaft, die vom Taschengeld nicht viel übrig ließ: „Disco Dub“, „A Dub Experience“, „Gamblers Choice“ und dann noch die ganzen 70ties Dub-Alben der Revolutionaries wie „Black Ash Dub“, „Goldmine Dub“, „Outlaw Dub“ etc., die es nachzuholen galt. Doch seit jener Zeit passierte nicht mehr viel. Dub war – zumindest in Jamaika – tot, und die Rhythm-Twins wandten sich anderen Projekten zu. Doch nun liegt das glorreiche neue Werk vor: „Blackwood Dub“ (Groove Attack) und meine Erwartungshaltung ist gewaltig. Produziert wurde es nicht von Sly & Robbie, sondern von einem Mann namens Alberto „Burur“ Blackwood, den ich nur von einem einzigen anderen Album her kenne, nämlich „I-Grade“ von Chezidek, das 2009 erschienen ist und neben der Vocal-CD auch eine hervorragende Dub-CD enthielt. Auch diese Rhythms wurden bereits von Sly & Robbie eingespielt. Offensichtlich besteht hier eine bewährte Partnerschaft zwischen Blackwood und den beiden Musikern. „Blackwood Dub“ wurde im Harry J- und im Mixing Lab Studio aufgenommen und alte Taxi-Gang-Recken wie Mikey Chung, Dalton Brownie, Daryl Thompson, Robbie Lyn, Sticky Thompson und Skully waren mit von der Partie. Mit anderen Worten: Die Voraussetzungen für ein superbes, weltbewegendes, schlichtweg grandioses Dub-Album sind gegeben. Doch ist „Blackwood Dub“ das auch geworden? Können die 10 Tracks die Erwartungen erfüllen? Oder müssen sie zwangsläufig enttäuschen? Die klare Antwort lautet: beides!  Die Rhythms sind zweifellos perfekt eingespielt, supertight, präzise, klar und crisp. Außerdem sind sie wunderbar komponiert. Statt dem klassischen One-Drop-Schema zu folgen, bestehen sie aus einer interessanten Polirhythmik pluckernder Beats, kunstvoll verwoben, komplex und doch einfach – ein typisches Markenzeichen jüngerer Produktionen von Syl Dunbar. Doch neben diesen – nennen wir sie mal – „progressiven Beats“ gibt es auch „retrospektive“ Tracks, die exakt den Sound der 1980er-Jahre kopieren, so wie er z. B. auf „Disco Dub“ zu hören war. Selbst die damals für Sly & Robbie so typischen Wah-Wah-Sounds sind hier reanimiert worden. Das ist wirklich klasse. Trotzdem versetzt mich das Album bei weitem nicht in die Aufregung, die mich früher ergriff, wenn ich ein neues Werk der Twins auf den Plattenspieler legte. So spannend, interessant und handwerklich perfekt die Blackwood Dubs auch sein mögen, irgendwie bleibt der über die Ohren wahrgenommene, akustische Reiz in meinem Kopf hängen. Es gelingt ihm nicht zu Herz und Bauch vorzudringen. Das Phänomen ist vergleichbar mit einem Gourmet-Essen, bei dem man ein raffiniertes Schäumchen an einer spektakulären Essenz vorgesetzt bekommt, während das Herz nach einem einfachen, dampfenden Teller Pasta verlangt. Nichts hätte ich lieber getan, als mir „Blackwood Dub“ so richtig schmecken zu lassen. Aber leider muss ich heute hungrig ins Bett.

Meine Wertung:

Ein Gedanke zu „Sly & Robbie: Blackwood Dub“

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