The Temple Brothers: Festival of Dub

Das Cover ruft Erinnerungen an Scientist „Heavyweight Dub Champion“ wach, ein magisch beleuchteter, nächtlicher Platz mit feiernden Menschen. Während bei Scientist ein erfolgreich bestrittenes Box-Duell gefeiert wird, ist es beim „Festival of Dub“ der aus New York stammenden Temple Brothers das jüdische Hanukkah-Fest. Inszeniert hat es der Ober-Tempelbruder und Bassist David Gould, der bereits 2011 mit einer Bill Laswell Co-Produktion „Dub of the Passover“ unseren Weg kreuzte. Auch damals feierte er jüdisches Musikerbe. Letztes Jahr erschien sein Album „Festival of Lights“ mit so gern gehörten Gästen wie Linval Thompson und Wayne Jarret, das traditionelle Songs des Hanukkah-Fest als Reggae-Versions versammelt. Schöne Songs – wie ich finde – aber noch schönere Rhythms. Für eine amerikanische Band unglaublich tight gespielt und mit grandiosem Bass. Ein Album, das geradezu nach einer Dub-Version verlangte, die nun tatsächlich erschienen ist: „Festival of Dub“ (Fresh Roots). Crisp, kraftvoll, inspiriert und mit einer wunderschönen Heavenless-Version. Wer handgespielten Dub in bester Soundqualität mag, sollte hier mal rein hören.

Meine Wertung:

Kanka: Interaction

Der vielleicht kompromissloseste Sound System-Dub unserer Tage kommt aus Rouen in Frankreich, wo Kanka in seinem Kellerstudio sitzt und an den Reglern schraubt. Nur den Knopf für den Bass rührt er nicht an. Der ist standardmäßig ganz nach rechts gedreht. Bereits im November des letzten Jahres, veröffentlichte er sein neues Album „Interaction“, das – wie bei ihm gewohnt – kostenlos bei Bandcamp herunter zu laden ist. Warum der Titel „Interaction“? Vielleicht, weil es im Sound System gespielt, seinen Hörern eine physische Reaktion abverlangt? Der Bass lässt jedenfalls die Lunge vibrieren und die Hosenbeine flattern. Ich liebe das und empfehle das Album auch fürs heimische Wohnzimmer – sofern ein Turm aus Subwoofern vorhanden ist.

Meine Wertung:

Philipp Greter: Logic Chaos

„Dub“ ist ja inzwischen keine eindeutige Genre-Bezeichnung mehr. Während wir darunter mit Soundeffekten gespickten, instrumentalen Reggae verstehen, gibt es Leute, die denken bei „Dub“ an Ambient oder dekonstruierenden Minimal Techhouse. Ist schon verrückt, dass so unterschiedliche Sounds die gleiche Genre-Bezeichnung tragen. Doch meist ist schon am Cover zu erkennen, welche Dub-Kategorie gemeint ist. Das Cover von Philipp Greters Album „Logic Chaos“ ist jedenfalls nicht eindeutig. Weder Reggae noch Techno. Und höre da: auch die Musik lässt sich gar nicht so leicht zuordnen. Mal haben wir es mit einer Neuinterpretation von Kruder & Dorfmeister zu tun und mal mit schönsten Offbeats. Philipp dazu lakonisch: „Am Rande ist das vielleicht etwas für die Dub-Szene, für Leute, die etwas Experimentelles wollen“. Macht die Sache damit aber auch nicht klarer. Warum ich das Album hier überhaupt bespreche? Weil Philipp der Keyboarder und Produzent von Dub Spencer & Trance Hill ist. Er ist das Schweizer Dub-Urgestein schlechthin. Und im Logic Chaos hört man bei jeder Note, dass der Mann seinen Dub in- und auswendig kennt. Alles groovt, schwingt, hallt und vibriert, wie es sein muss. Am Bass gibt es auch nichts auszusetzen. Und doch würde kein Sound System der Welt das Album auflegen. Also tun wir es, zuhause, auf dem Sofa und vertiefen uns in die fein ziselierten Soundscapes, hören analytisch mit dem Kopf, während der Bass unsere Eingeweide massiert. Das Album ist übrigens mit der Apple Software „Logic Pro“ und einem Effektgerät namens „Chaos Pad“ produziert worden. Interessant, oder? Hat auch was mit dem Namen zu tun.

Meine Wertung:

Addis Pablo: Majestic Melodies

Addis Pablo legte im September 2018, nach vier Jahren Pause, sein zweites Album vor: „Majestic Melodies“ (Dubshot). Nach „In My Fathers House“, stellt er auch hier die Melodica ins Zentrum des Geschehens. Okay, dazu kann man stehen wie man will. Mich nervt das uninspirierte Spiel ehrlich gesagt ein wenig. Aber was noch viel schlimmer ist, ist das „Geschehen“ um die Melodica herum. Wer hat denn diese Rhythms produziert und diesen miserablen Sound abgemischt? Zwischen dem konventionellen, aber ordentlich produzierten, „In My Fathers House“ und „Majestic Melodies“ liegen Welten. Von wegen „Majestic“!

Meine Wertung:

Alborosie Meets Roots Radics: Dub For The Radicals

Bereits im Januar erschien das neue Dub-Album von Alborosie: Alborosie Meets Roots Radics: „Dub For The Radicals“ (Greensleeves). Was? Richtig gelesen? Alborosie und die Roots Radics? Wie soll das denn gehen? Style Scott, der legendäre Drummer der Channel One-Hausband, liegt doch schon seit vier Jahren unter der Erde. Aber die Presseinfo ist eindeutig. Drums: Lincoln Style Scott, Bass: Errol Flabba Holt, Keyboards: Gladstone Anderson, Wycliffe Steelie Johnson, Guitars: Eric Bingy Bunny Lamont, Dwight Pinkney, Noel Bailey, etc. Mit anderen Worten: Die Originalbesetzung. Also alte Aufnahmen, die Alborosie jetzt neu gemischt hat? Angeblich nicht, es soll sich um neue Einspielungen handeln. Und: klingt auch so. Crisp, druckvoll und dynamisch. Allerdings ist das Album weit weniger aufregend, als es zuerst den Anschein hat – abgesehen vom Cover, das ist genial! Die versammelten Tracks klingen zwar gut, vermögen mich aber nicht wirklich zu begeistern, obwohl einige Roots Radics-Klassiker darunter sind, wie z. B. Gregorys „Night Nurse“ oder Michael Prophets „Gunman“. „Surveillance Dub“ ruft den legendären Scientist-Roots-Radics-Dub ins Gedächtnis, allerdings gibt es außer des Titels keine Gemeinsamkeiten. Richtig gut gefällt mir hingegen „Chalice and Dub“ mit einer hübschen kleinen Melodie (eigentlich bin ich sehr leicht zufrieden zu stellen). Mein Urteil lautet: Alborosie hat mal wieder einen großartigen Marketing-Coup gelandet, kann aber seine allgemeine Formschwäche bei Dub-Alben nicht überwinden.

Meine Wertung:

The Dub Chronicles: Kingston

Ich muss zugeben, über The Dub Chronicles weiß ich so gut wie nichts, und ich war echt schockiert, als ich auf Facebook gelesen habe, dass ihr neues Album „Kingston“ (VPAL) von Dubmatix produziert wurde. Wie konnte das an mir vorbei gehen? Allerdings – das muss ich zu meiner Verteidigung anführen – klingt „Kingston“ absolut nicht nach Dubmatix, was an dem untypischen, manchmal gar jazzigen Live-Sound liegen könnte. Weiter unten bei Facebook steht, the Dub Chronicles sei ein Duo zweier in Toronto lebender Brüder, die „the heaviest dubwise roots reggae riddims“ überhaupt spielen. Aha. Würde ich zwar so nicht uneingeschränkt bestätigen, aber immerhin wird jetzt die Verbindung zu Dubmatix plausibel. Hört mal rein und entscheidet selbst.

Meine Wertung:

HabooDuBz: Multi Cultural

Gabor Polaak aka HabooDuBz ist mir schon mit seinem letzten Album „Fried Rize Dubz, Vol. 3“, das im letzten Jahr erschien ist, richtig ans Herz gewachsen. In Budapest musikalisch sozialisiert, dann nach Manchester ausgewandert, nach London gezogen, dann nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt – kein Wunder, dass sein neues Dub-Werk „Multi Cultural“ (Dan Dada Records) betitelt ist. Und das mit vollem Recht, denn jeder der fünfzehn Dub-Tracks präsentiert kosmopolitische Einflüsse: Griechisch, keltisch, lateinamerikanisch, asiatisch, baltisch, indisch, arabisch und einige mehr mischen sich hier munter. Allerdings sind diese Einflüsse nicht wirklich organisch mit dem Dub verwoben, sondern liegen meist als Melodieebene auf weitgehend klassischen Dub-Backings. Wer hier an den „Spy from Cairo“ denkt, liegt ganz richtig. Mir gefällt das Album trotzdem ausnehmend gut. Ich liebe diese Melodien aus allen Ecken der Welt. Auch wenn sie hier nur oberflächlich zum Einsatz kommen, ergeben sie doch ausgesprochen abwechslungsreiche, optimistische Feel-Good-Dubs. Ja, Dub muss nicht dunkel, mystisch und schwer sein. Upliftment in Dub geht auch. Und dann muss noch ein ganz wesentlicher Vorzug des neuen HabooDuBz-Albums erwähnt werden: Es gibt Ungarn, was dieses Land gerade am dringendsten braucht – eine ordentliche Lektion in Multikulturalität.

Meine Wertung:

International Observer: Free from the Dungeons of Dub

Endlich frei! Der International Observer liebt offenbar weite Dramaturgiebögen: Nach „From the Dungeons of Dub“ (2010) über „More Tales from the Dungeons of Dub“ (2013) und „Escape from the Dungeons of Dub“ (2017), erscheint nun mit: „Free from the Dungeons of Dub“ (Dubmission) der vielleicht letzte Teil der Dungeons-Saga. Beim letzten „Escape“ habe ich mich weit aus dem Fenster gelehnt und von meiner „persönlichen Definition modernen Dubs“ gesprochen, handele es sich doch „um hundert Prozent Reggae-Dub in absoluter handwerklicher Perfektion, die sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat.“ Tja, da kann ich jetzt wohl kaum noch einen drauf setzen: „Großartige Kompositionen, schöne Melodien, ausgeklügeltes Arrangement, perfektes Timing und unglaublich dynamischer, sauberer Sound“ – besser lässt sich die Musik des Ex-Thompson-Twins-Kopfes Tom Bailey nicht beschreiben. Auch das neue Werk rückt kein Nanometerchen von dieser Qualität ab. Mit jedem Beat wird deutlich, dass mit Tom Bailey ein Ausnahme-Talent am Werk ist, das sich jenseits kommerzieller Interessen und Szene-Credibility ganz egoistisch der reinen Lust an guter Dub-Music verschrieben hat. Ein absolutes Spitzen-Dub-Album, das hier nur deshalb nicht mehr Text erhält, weil schon alles gesagt wurde.

Meine Wertung:

Mad Professor: Ariwa 2018 Riddim Series

Auch der Mad Professor kann es nicht lassen. Wurde mal wieder Zeit für ein neues Dub-Album von ihm. Er nennt es zwar bescheiden: „Ariwa 2018 Riddim Series“ (Ariwa), tatsächlich aber kann er die Finger natürlich nicht von den Reglern lassen und hat auch hier ordentliche Dubs drauf gepackt. Alles klingt so, wie man es von ihm kennt: Nicht allzu spannende Rhythms, dafür aber crisp produziert und – laut über Kopfhörer gehört – durchaus schwindelerregend. Beim Bass geht der Professor ja leider meistens etwas zurückhaltender ans Werk, dafür sind Drums und Percussions um so mehr geeignet, den Kopf der Hörer beidseitig zu durchlöchern. So lieben und schätzen wir unseren Prof.

Meine Wertung:

Aldubb: Planets of Dub

Alex wollte eigentlich nur sein neues Studio im Osten Berlins testen, heraus gekommen ist dabei ein fettes neues Dub Album: Aldubb, „Planets of Dub“ (One Drop Music). Und so viel sei vorweg genommen: Das neue Studio funktioniert. Ich würde sogar sagen: Soundtechnisch sind die Dub-Planeten das Beste, was mir in letzter Zeit die Trommelfelle massiert hat. Schöner, enorm druckvoller Dub-Sound mit Live-Appeal, klassischen Arrangements und zeitlosem Mixing. Eingespielt wurde das Album im letzten Winter von der nach meiner Riddim-Kolumne benannten Band „The Evolution“ ;-), teils auf Basis von Skizzen, teils improvisiert. Wir haben es also weniger mit einem fulminanten Dub-Manifest zu tun, wie bei Aldubbs letztem Werk „A Timescale of Creation“, sondern eher mit einem einfach nur perfekt klingenden und Spaß machenden Album zwischendurch. Wenn doch nur mehr Dub-Produzenten diesen Qualitätsanspruch wenigstens für ihre ambitioniertesten Werke an den Tag legen würden! Aldubb jedenfalls hat’s wirklich raus. Große deutsche Dub-Ingenieurskunst!

Meine Wertung: