Lo-End Dub meets George Palmer: Back to the Roots

Von Zeit zu Zeit habe ich so richtige Lieblingsalben. Die klicke ich nur zu besonderen Gelegenheiten an – um den Gewöhnungseffekt möglichst lange hinaus zu zögern. Lo-End Dub meets George Palmer, „Back to the Roots“ (Bandcamp) ist so ein Fall: Mein aktuelles Lieblingsalbum. Ich gebe zu, es ist kein sonderlich innovatives Werk. Eher etwas zum Wohlfühlen: Schönster Rub-A-Dub-Style. Dazu ein Sänger, der ein eifriger Schüler von Tristan Palmer, Barry Brown und Horace Andy gewesen zu sein scheint. Das Ganze dann zudem noch als Showcase aufbereitet – ich fühle mich um 35 Jahre verjüngt. Produzent Fernando Izquierdo hat hier absolut originalgetreue – aber originäre – Backings aufgenommen. Würden sie nicht so unglaublich crisp klingen, sie könnten glatt aus den frühen 1980er Jahren stammen – was an sich noch nicht unbedingt ein Qualitätskriterium ist, aber da sind ja dann noch die hervorragende Komposition, das Arrangement und das sanfte aber spannungsvolle Dub-Mixing. Eine Basis, die Sänger George Palmer bestens zu nutzen weiss und seinerseits ausgesprochen schöne, eingängige Melodien beisteuert. Insbesondere der Titel „More Love“ wäre 1980 garantiert ein Hit geworden. Wenn Lo-End Dub so weiter macht, dann wird er zum spanischen Prince Fatty. Ich hätte nichts dagegen.

Meine Wertung:

Errol Brown & The Revolutionaries: Dub Expression

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre drehten die Reggae-Fans in Europa und Amerika vollständig am Rad und kauften mit Begeisterung die schrägste Musik, die je aus Jamaika herüber geschallt war: Dub. Die jamaikanischen Produzenten wollte den Hype natürlich dazu nutzen die eigene Rhythm-Rendite zu maximieren und schickte dazu schnurstracks den hauseigenen Back-Katalog durch die Echo-Kammer. Da der Markt dann aber doch relativ klein war und meist keine Zeit für Marketing blieb, wurde der größte Teil der Dub-Alben nur in geringer Auflage und mit billigen Covern produziert – was sie allerdings nicht disqualifizierte, heute äußerst begehrte Sammler-Objekten zu sein. „Dub Expression“ (Dub Store Records), produziert von Sonja Pottinger im Treasure Isle-Studio, eingespielt von den Revolutionaries und gemixt von Studio Engineer Errol Brown, ist eines dieser Alben. Es stammt aus dem Jahr 1978 und versammelt einige der damals aktuellen Treasure Isle-Versionen von Rhythms wie „Get in the Groove“/„Up Park Camp“, „Ghetto Girl“/„Stay at Home“ oder „Heavy Rock“/„Jah Jah See Them A Come“. Es hat alles, was ein klassisches 1970er Dub-Album attraktiv macht: Bekannte Riddims, schönster jamaikanischer Analog-Sound, viel, viel Atmosphäre und überhaupt, den Spirit der guten alten Zeit. Mir gefällt es vor allem wegen seines schönen, reichen Treasure Isle-Sounds – entspannt gemischt vom Haus-Engineer Errol Brown.

Meine Wertung:

Fikir Amlak & King Alpha: Key to the Universe

Alpha & Omega waren für mich immer die unangefochtenen Meister des mystisch-magischen Steppers-Dub. Nun rückt ihnen ein geheimnisvoller Bursche, namens Fikir Amlak auf die Pelle. Zusammen mit King Alpha legte er soeben sein Album „Key to the Universe“ (Akashic Records) vor, das scheinbar nur aus diffusen Bass-Resonanzen, Hall und Echo und im Kontrast dazu einer marschierenden Bassdrum zu bestehen scheint. Ist definitiv was für Fortgeschrittene. Titel wie „Key to the Universe“, „Negusa Nagast“ und „Third Eye“ zeigen schon an, dass es hier maximal spirituell zur Sache geht. Und so erinnert der zweistimmige, sich überlagernde Gesang der beiden – minimale Melodien auf fast gleicher Tonhöhe – sogar an Mönchsgesänge. Die spirituelle Düsternis zeigt sich auch beim schwarzen Cover, auf dem Gottes Auge dem Betrachter entgegen blickt. Klingt nicht sehr positiv, oder? Aber ich muss sagen: Mich fasziniert das Album irgendwie. Ich mag so radikale Konzepte. Über Fikir Amlak ist übrigens nicht allzu viel in Erfahrung zu bringen. Ich hätte ihn definitiv im Vereinigten Königreich verortet, aber der Puerto-Ricaner lebt und arbeitet tatsächlich in Los Angeles. Außerdem ist er bereits seit 2005 als Recording Artist unterwegs. Mir ist er allerdings erst vor zwei Jahren mit seinen Alben „Roots & Dub“ und „Simply Warrior“ erstmals über den Weg gelaufen, die aber beide weit weniger interessant sind als „Key to the Universe“.

Meine Wertung:

Scientist & Dubiterian: Classeek Riddims

Nach jahrelanger Stille um Scientist, ist jetzt plötzlich wieder viel von ihm zu hören. Zeitgleich zu „Scientist Meets Hempress Sativa in Dub“ ist er mit einem weiteren Album am Start: Scientist & Dubiterian, „Classeek Riddims“ (Dubiterian Records). Doch anders als beim rundum gelungenen Album der Herrscherin über das Kraut, zeigt Scientist auf „Classeek Riddims“, dass er auch anders kann, nämlich langweilig, uninspiriert und oberflächlich. Okay, das mag auch an den mageren Digitalproduktionen von Dubitarian liegen. Stellt sich nur die Frage, warum Hopeton Overton Brown sich darauf einlässt. Abgesehen davon, dass hier Dub-technisch nicht allzu viel passiert, ist die von Dubiterian gespielte Melodika auf fast jedem Track zu hören. Was bei Augustus Pablo richtig gut war, erweist sich hier als latent nervige Dudelei – zumal das Klangspektrum einer Melodika ohnehin recht beschränkt ist. Aber um auch noch etwas Gutes über das Album zu sagen: Nicht ohne Grund ist es mit „Classeek Riddims“ betitelt, denn hier begegnet man vielen Klassikern, insbesondere einigen von Eek-A-Mouse, dessen „Bidibidibangbangdibiden“ ihm hier sogar ein „Featured“ im Albumtitel einträgt. Jedoch: spätestens wenn „The Lion Sleeps Tonight“ erklingt, ist es auch mit der Wiederhörensfreude vorbei.

Meine Wertung:

Pablo Raster: Dub Addicted

Pablo Raster nimmt keine Gefangenen. Ich glaube, der Titel seines neuen Albums „Dub Addicted“ (ODGprod) bezieht sich auf seinen eigenen Zustand. Im Stakkato jagt er neue Alben raus, eines härter als das andere, rapid stampfende Steppers-Beats und brutale Basslines. Ganz eindeutiges Suchtverhalten. Bei diesem Output kann natürlich nicht alles Gold sein, aber wenn’s knallt, dann ist doch schon mal ein wichtiges Qualitätskriterium erfüllt. Bei seinem neuen Werk hat er großzügig Sanges-Gäste aus ganz Europa eingeladen. Mit darunter: Fikir Amlak, der hier mit einem seiner mystischen Tracks den Höhepunkt des Albums abliefert. Erstaunlicherweise verlegte der Italiener Pablo Raster sein neues Studio nach Breslau in Polen. „Dub Addicted“ ist die erste Produktion aus dem neuen Studio. Laut Pablos Aussage, basieren die Produktionen auf vielen live-gespielten Aufnahmen, was löblich, aber nicht wirklich zu hören ist. Für mich klingen die Dubs nach digitalen Produktionen, jedoch angereichert mit gelegentlichen instrumentalen Soli. Das Album steht übrigens zum kostenlosen Download bereit.

Meine Wertung:

Jah Schulz: A Railroad Session

„Jah Schulz“ – was für ein Name! Ist doch eigentlich Satire, oder? Stil-Zitat und Genre-Bekenntnis und zugleich eine absolute Distanzierung davon. Eine Haltung, die Jah Schulz’ (aka Michael Fiedlers) Musik prägt. Einerseits ist sie hundertprozentiger Reggae-Dub – andererseits hält sie trotzdem große Distanz zu den Genre-Klischees. Vielleicht liegt diese merkwürdig distanzierte Nähe an Michael Fiedlers langjähriger Auseinandersetzung mit Dub: „Als junger Kerl von 12 Jahren (ich bin 39) bin ich auf Mad Professor und Lee Perry Platten aufmerksam geworden. Mit Reggae hatte ich nicht viel am Hut, aber die Dub-Technik hat mich begeistert. Seitdem hat alles, was ich musikalisch mache auf irgendeine Art mit Dub zu tun“, erklärt er. Seine Künstlerpersönlichkeit „Jah Schulz“ existiert seit 2015 und steht für seine straighten Dub-Produktionen, die stets live eingespielt sind: „Der Plan war immer, wenn ich mal ein Dub-Album mache, dann muss das live entstehen. Ich mag die Ecken und Kanten im Dub, den „Schmutz“ und die Zufälle“. Nun ist das Debut-Dub-Album da: „A Railroad Session“ (Railroad Records). Auf ihm formuliert er seine ganz eigene Vision von tiefgründigem, hypnotischen, minimalistischen Dub. Stoische Rhythmen, reduzierter und doch – dank der Live-Instrumente – in den Details üppiger Sound, schlankes, aber effektives Mixing und kompletter Verzicht auf Vocals machen aus den Railroad Sessions ein absolut starkes und eigenständiges Dub-(Under-)Statement. Der Minimalismus der Tracks, ihre unbeirrt-repetitiv durchlaufende Bassline und die marschierende Bassdrum lassen manchmal eher an elektronische Musik oder gar Minimal als an Dub denken und sind gleichermaßen Club- wie Soundsystem-kompatibel. Gemastert wurden die Tracks übrigens von Dougie Wardrop (Conscious Sounds).

Meine Wertung:

Weeding Dub: Another Night Another Day

Mir geht es oft so, dass ich Steppers-Produktionen mit latenter Geringschätzung begegne. Zu vordergründig, nur auf den Effekt hin produziert, keine Verfeinerung, keine Komplexität, kurz: meiner Kennerschaft nicht angemessen. Und dann ertappe ich mich dabei, dass ich immer wieder genau diese Produktionen anklicke, wenn sich meine Mediathek vor mir öffnet. Das neue Album von Weeding Dub, „Another Night Another Day“ (Wise & Dubwise Recordings) ist genau so ein Fall. Eine Sammlung von elf Produktionen, neun davon in zwei oder mehr Versionen, allesamt straight forward und four to the floor, natürlich bass-heavy und oft erstaunlich schnell. Kurz: perfektes Dub-Soundsystem-Fuel und nichts, was man zuhause zum Kaffe hören würde … – Irrtum! Unerklärlicherweise sind diese durchaus harten Dubs alltagskompatibel. Vielleicht liegt die Verträglichkeit auch an den gelegentlichen Gast-Vokalisten, wie z. B. Dixie Peach (Jah Tubby’s), Shanti D (O.B.F.) oder Oulda, die sehr eingängige Melodien beisteuern oder – wie im Fall von Nish Wadada – sogar schönste Harmonien in den Track zaubern. Das Dub-Mixing ist ebenfalls durchaus harmonisch, ohne allzu extravagante Ecken und Kanten, ja fast schon traditionell. Romain Weeding macht hier also insgesamt einen wirklich guten Job – auch wenn die Aufregung, das Adrenalin und die warmen Schauer ausbleiben.

Meine Wertung:

Kemar „Flava“ McGregor: Traditional Dub

Sorry, aber mit dem Oeuvre von Produzent Kemar „Flava“ McGregor bin ich nicht vertraut. Im Web wird er als „Jamaican-american pop reggae producer“ geführt und in seiner Discographie tauchen unzählige Namen von Foundation Artists auf. Sein größer Coup ist wohl seine (recht schnulzige) Produktion für Sinead O’Connor. Auch Dubwise ist McGregor tätig. 2016 erschien sein Album „Veterans in Dub“, von dem er selbst sagt: „Der Mix ist mehr so Pop-Reggae. Die Platte ist seicht. Sie entspricht nicht der traditionellen Art, eine Reggae-Platte zu mixen.“ Kann sein, dass er dieses Defizit mit seinem neuen Dub-Album nun ausgleichen will, warum sollte er es sonst so nennen: „Traditional Dub“ (Kingston Songs)? Für meinen Geschmack ist seine traditionelle Art immer noch etwas seicht – was teilweise an den zugrunde liegenden Mainstream-Reggae-Produktionen liegen mag. Technisch handelt es sich allerdings in der Tat um sehr traditionelles Dub-Mixing. Es klingt uneingeschränkt nach „Made in Jamaica“. Die Rhythms sind unfassbar tight und das Mastering superb. Ebenfalls typisch jamaikanisch ist der Rückgriff auf bekannte Riddims. Spontanes Mitsummen der passenden Songs geschieht hier absolut unwillkürlich. Wenn ich es mir recht überlege, dann ist „Traditional Dub“ der perfekte Kandidat, um als idealtypisches, zeitgenössisches Dub-Album aus Jamaika angeführt zu werden. Es verkörpert alle Tugenden aktueller jamaikanischer Dub-Produktion und ist handwerklich über jeden Zweifel erhaben. Mich hingegen verlangt es dennoch nach mehr Spannung, Tiefe und Atmosphäre, weshalb meine Lieblings-Dubs schon seit Jahren aus Europa kommen. Aber es erfüllt mich mit Freude, dass Jamaika das viele Jahre vergessene Genre inzwischen wiederentdeckt, ihm neue Wertschätzung entgegen bringt und sich mit großen Schritten auf den Weg macht, der Musik zu neuem Glanz zu verhelfen.

Meine Wertung:

Alpha & Omega: One by One

Christine Woodbridge (Bass) und John Sprosen (alles andere) firmieren seit den späten 1980er Jahren unter dem Namen Alpha & Omega. Wie kaum ein anderer Dub-Act (King Tubby und Lee Perry nicht mitgezählt), sind Alpha & Omega zu der vielleicht stärksten Dub-Marke aller Zeiten geworden. Warum? Das liegt einerseits an der schieren Dauer ihrer Produktionstätigkeit: 30 Jahre. Und andererseits liegt es daran, dass sie ihrem eigenwilligen Dub-Sound die komplette Zeit über absolut treu geblieben sind. Und genau das macht eine starke Marke aus: Kontinuität und Konsistenz. Soeben ist ihr neues Album „One by One“ (Steppas Records) erschienen. Und man glaubt es kaum: es klingt hundert Prozent nach Alpha & Omega! Interessanter wäre vielleicht zu erfahren, ob es hörenswert ist. Obwohl ich als ewiger Alpha & Omega-Fan vorbelastet bin, glaubt mir: „One by One“ ist wieder mal groß! Es besteht – wie zu alten Vinyl-Zeiten – aus lediglich zehn Tracks: fünf Vocal-Versionen und fünf Dubs. Dass die abgrundtiefen Dubs superb sind, versteht sich von selbst, aber auch die Vocals u. a. von Joe Pilgrim und Ras Tinny sind richtig gute, melodiöse Songs. Besonders gut gefällt mir Nai-Jah (er war mir schon auf Alpha Steppas Album „Kingdom“ so positiv aufgefallen), der hier den Titel-Track „One by One“ präsentiert. Neben den tiefgründig-poetischen Texten, zeichnen sich seine Songs durch betörend magische Melodien aus – was kongenial zu den Dschungel-Sounds der beiden Dub-Urgesteine passt. Also: Auch wenn schon zehn A&O-Alben in der Mediathek liegen: „One by One“ gehört dazu.

Meine Wertung:

Tru Moses: Messages from the Rocket

Traditionalisten mögen digitale Releases und Music-Streaming verteufeln, aber einen ganz entscheidenden Vorteil dürfen sie dabei nicht ignorieren: für Wohnzimmer-Produzenten und Kleinst-Labels bieten digitale Vertriebswege eine erschwingliche Möglichkeit, die eigenen Werke unters Volk zu bringen. Wurden in den vergangenen 30 Jahren die musikalischen Produktionsmittel demokratisiert, so zieht nun auch der Vertrieb nach. Ich halte das für eine Bereicherung. Das Problem ist nur, die Perlen in der Überfülle an musikalischen Bits und Bytes zu finden. Eine davon habe ich jüngst entdeckt: Tru Moses, „Messages from the Rocket“ (Guardidub). Über den wahren Moses sind keine Infos aufzutreiben, ebensowenig wie über das obskure Musiklabel. Nur eines ist eindeutig: Die Musik schallt aus Spanien herüber. Warme, vollmundige Dub-Sounds mit fetten Bläsern, entspannt und easy, fast lounge-artig und natürlich hundert Prozent digital. Die Sound-Ästhetik – wie auch das Cover – widersprechen daher klassischer Reggae-Stilistik und setzen schon ein wenig Aufgeschlossenheit voraus. Hier scheiden sich die Geister: Wem beim Dub-hören die Reggae-(Geistes-) Haltung wichtig ist, wird sich schütteln, wer die Musik hingegen als das nimmt, was sie ist: Eine ästhetische Klangerfahrung um ihrer selbst Willen, wird mit den Messages from the Rocket wahrscheinlich Spaß haben.

Meine Wertung: