Teflon Zincfence: Dub Policy

Oft habe ich mich an dieser Stelle darüber ausgelassen, dass aktueller Dub aus Jamaika entweder kaum vorhanden oder aber lediglich ein Aufguss alter Konzepte sei. Nun gibt es in Kingston eine Person, die mich Lügen straft: Teflon Zincfence. Hinter diesem Namen verbirgt sich Romaine Arnett, der zusammen mit Chronixx Zincfence Records gründete und 2014 dessen erste EP „Dread & Terrible“ produzierte. Inzwischen hat Romaine Arnett eine Menge anderer Artists mit Rhythms versorgt und trägt den Titel des offiziellen „Dub Selectors“ im Kingstoner Dub Club. Der Mann hat’s also drauf. Bereits im September erschien sein Dub-Debut-Album „Dub Policy“ (Zincfence) und es hat mich in vollem Sturm umgeblasen. Wow, was für kraft- und zugleich kunstvolle Dubs, welch kreatives Mixing! Lupenreiner Sound, cooles Cover mit einer ziemlich unbescheidenen Anspielung, Teflon Zincfence als neuen King Tubby zu stilisieren. Seine Version von King Tubbys „Ruffer Version“ schlägt in die gleiche Kerbe. Ein fantastischer Tune, spannend instrumentiert, sorgfältig produziert und mit Wumms artikuliert – der Höhepunkt dieses nur sechs Tracks kurzen Albums. Was mir besonders gefällt: Romaine Arnett bekennt sich zu hundert Prozent zum guten, alten, klassischen Dub-Reggae, reproduziert dabei aber keineswegs überkommene Klischees, sondern kreiert eine absolut zeitgemäße, hoch-moderne Interpretation davon. Obwohl Romaine den Bass so sehr in den Vordergrund mischt, dass jeder UK-Soundsystem-Betreiber glänzende Augen bekäme, behält er die für Jamaika typische, lebendigere, weniger repetitive Spielweise bei. So muss moderner Dub in jamaikanischer Tradition heute klingen!

Meine Wertung:

Meine Dub-Top Ten 2018

1. Teflon Zincfence: Dub Policy
2. Sly and Robbie Meet Dubmatix: Overdubbed
3. Dubmatix: King Size Dub Special
4. International Observer: Free from the Dungeons of Dub
5. Jah Schulz: A Railroad Session
6. Scientist Meets Hempress Sativa: In Dub
7. Lo-End Dub meets George Palmer: Back to the Roots
8. Richie Phoe: Kingston Connection in Dub
9. Alpha Steppa & Nai-Jah: The Great Elephant
10. Lightman: Roots

Meine Wertung:

Suns of Dub: Jah Existence

Die Suns of Dub waren ja schon mal ein Riddim-Cover wert, denn sie galten als die Dub-Hoffnung Jamaikas. Augustus Pablos Sohn Addis Pablo, Ras Jammy und Jah Bami waren die drei ursprünglichen Sonnen des Dub. Addis kehrte dem Projekt inzwischen den Rücken zu. Die beiden Verbleibenden legen nun eine EP vor, die hier nicht unerwähnt bleiben darf: „Jah Existence“ (Dubshot). Löst sie nun endlich ein, was das Cover damals versprach? Ähem. Drücken wir es diplomatisch aus: Nein! Was die Jungs hier bieten, ist merkwürdig diverses Material, das mal auf Großdisco zielt, mal die Trap-Charts anvisiert und in einem Fall sogar richtiger Dub ist. Der Grund, warum ich die EP hier erwähne ist einzig und allein, um zu dokumentieren, dass sich unser aller Hoffnung und Sehnsucht nach modernem Qualitäts-Dub aus Jamaika nicht erfüllt hat. Aber: da gibt’s ja noch jemanden namens Teflon Zincfence …

Meine Wertung:

Foshan Roots: The Wing Chun Album

Reggae hegt zu Kung Fu traditionell eine tiefe Zuneigung, was sich auch in Form einiger jamaikanischer Dub-Alben niedergeschlagen hat. 2012 ließen sich die beiden Briten Brad Turner und Thomas Dewey davon inspirieren, als sie ihr Dub-Duo Foshan Roots gründeten und eine Menge selbst eingespielter Dub-Tracks produzierten. Weil ihr Label sich nicht von asiatischer Kampfkunst, sondern von Lee Perry inspirieren ließ, und sich in einem Anflug von Wahnsinn selbst vernichtete, erschienen diese Tracks erst fünf Jahre später. Denn da nahm sich das Dub-o-phonic Netlabel ihrer an und veröffentlichte 2017 schließlich das Album „Sky Warrior Dub“. Ein voller Erfolg, denn der Old School-Sound der beiden Briten geht fast als jamaikanisches Original der 1970er Jahre durch – mit Augustus Pablo an der Melodica. So etwas wird von der Dub-Gemeinde stets (mir unverständlich) hoch geschätzt. Beflügelt von dem Erfolg, legen die beiden nun ihr zweites Album vor: „The Wing Chun Album“ (Dub-o-phonic). Diesmal mit neuem Material – das aber wieder so klingt, als wäre es vierzig Jahre alt. Ein Eindruck allerdings, der sich bei genauerem Hinhören zumindest etwas relativiert. Die Beats sind schon unverkennbar britischer Provenienz. Der Rest jedoch klingt ziemlich nach Channel One – manchmal sogar fast nach Black Ark.

Meine Wertung:

Miniman: Digital Harmonies

Wenn ein neues Album von Miniman auf dem Tisch liegt, weiß ich nie, ob ich mich freuen soll. Zu unterschiedlich ist die Qualität seiner Arbeit. Der Franzose macht seit den späten 1990er Jahre Dub und müsste inzwischen eigentlich Dub-Virtuose sein. Wer sich so lange ernsthaft mit einer Thematik befasst, steigt zwangsläufig zum Experten auf und erreicht mit seiner Kunst bald Höhen, die dann nur noch von anderen Experten goutiert werden können. Doch Roland Rougé hängt irgendwie immer noch im letzten Jahrtausend fest: Simple, harte Steppers-Beats und Sirenen. Okay, Traditionspflege ist auch was wert. Nun liegt sein neues Album „Digital Harmonies“ (Moonshine Recordings) vor und liefert das Erwartete – und doch auch eine echte Überraschung, ja ein Geniestreich gar, auf Track 6, „Marching Dub“. Hier greift er auf ein Sample von Kenji Kawais „UTA I – Making of Cyborg“ aus dem Soundtrack des Animes „Ghost in the Shell“ zurück. Was für eine großartige Idee! Dieser ätherische Chorgesang passt kongenial zu Dub. Dass da nicht schon vorher jemand drauf gekommen ist.

Meine Wertung:

Dub Spencer & Trance Hill: Christmas in Dub

Ich kann’s nicht beschwören, aber ich hege den starken Verdacht, dass wir es hier mit einer Weltneuheit zu tun haben: Einem Weihnachts-Dub-Album. Welch eine Erlösung! Endlich der passende Soundtrack für die Familienweihnachtsfeier! Okay, jeder hat wohl ein paar semi-peinliche Reggae-Christmas-Scheiben in der Sammlung, die jedes Jahr ran mussten. Doch damit ist nun Schluss. Denn jetzt gibt es Weihnachten mit unserer Lieblingsmusik: Dub! Richtiger Dub und nicht bloß instrumentaler Reggae mit Weihnachtsmelodien. „Es war keine leichte Aufgabe, traditionelle Weihnachtslieder so zu interpretieren, dass sie erkennbar bleiben, die kitschigen Melodien aber soweit entschärft werden, dass es nicht aus den Speakern tropft, sondern nach fettem Old-School-Dub klingt.“, sagt Marcel Stadler und präsentiert stolz das neue Album von Dub Spencer und Trance Hill: „Christmas in Dub“ (Echo Beach). „Wenn sich Reggae-Künstler des Weihnachtsthemas annehmen, erklingen oft genre-typische Grooves, auf welche die Christmas-Themen gelegt werden. Wir wollten einen anderen Weg gehen und suchten nach Möglichkeiten, die Melodie ins Zentrum zu stellen, die Vorlage dabei aber soweit wie möglich zu verlassen.“, erklärt er, „Manchmal wird erst beim zweiten Hören deutlich, worum es geht und welcher Weihnachtssong gemeint ist. Der Bass ist tonangebend, er ist es meist, der die weihnachtlichen Themen intoniert – alle anderen Instrumente ordnen sich darum herum an.“ Well done, Marcel, das Konzept geht voll auf. Entstanden ist ein absolut anspruchsvolles Dub-Album, das uns nicht mit Weihnachtsmelodien bedrängt, sondern mit top-ausgefeilten, handgespielten Dub-Produktionen. Ich bin sogar der Meinung, dass sich unser Dub-Quartett aus Zürich bei diesem Album soundtechnisch noch einmal deutlich weiter entwickelt hat. Denn der für sie typische raue Live-Sound, ist hier einem cleaneren Studio-Sound gewichen. Besonders begeistern mich aber die vielen Details im Arragangement, die ich bei früheren Alben so nicht wahr genommen habe. Markus Maier erklärt: „Zum ersten Mal in unserer nunmehr 12-jährigen Arbeit, haben wir auf die althergebrachte Verfahrensweise für Studio-Aufnahmen zurückgegriffen. Bei den bisherigen Alben haben wir immer alle zusammen im Studio aufgenommen. Danach kamen noch wenige Overdubs dazu. Beim Christmas-Album sind wir klassischer vorgegangen und haben die Spuren einzeln und in verschiedenen Studios aufgenommen und erst später zusammen gesetzt.“ Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten beim Dub-Mixing. „Die Mixes wurden alle „von Hand“ auf dem Mischpult und an den Effektreglern gefertigt.“ fährt Markus fort, „Kein Total Recall, keine Faderautomation, keine Möglichkeit, kleinere Mischfehler im Nachhinein zu korrigieren. Hast du einen Fehler gemacht beim Mix, musst du zurückspulen und den Song nochmals von vorne mischen.“
Das Ergebnis ist ein großartig ausgearbeitetes, reifes Dub-Album, das nebenbei auch noch ein paar kurze Phrasen bekannter Weihnachtmelodien bietet. Der perfekte Vorwand gegenüber der Familie, es die ganzen Feiertage nonstop rotieren zu lassen. PS: Zu Ostern passt es auch hervorragend!

Meine Wertung:

Phillip Fullwood: Words in Dub

„Words in Dub“ ist schon ein ausgesprochen paradoxer Titel. Vielleicht genau das richtige Augenzwinkern für das große Jubiläum eines großen Labels: Pressure Sounds feiert damit seine hundertste Veröffentlichung – was aber nur die halbe Wahrheit ist, denn tatsächlich handelt es sich um ein Album-Paar des wenig bekannten jamaikanischen Produzenten Phillip Fullwood. „Rockers in the Land of Reggae“ und „Words in Dub“ (Pressure Sounds) gehen Hand in Hand, entweder als zwei Vinyl-Releases oder eine Doppel-CD. Im Spotify- oder Apple-Stream gibt es sie natürlich auch. Phillip Fullwood war nur kurz als Produzent tätig. In den späten 1970er Jahren lernte er Winston Rodney (Burning Spear) kennen, der ihn in die Studiowelt Kingstons einführte. Fullwood revanchierte sich mit dem Schreiben einiger Songs für Spears „Marcus Garvey“-Album. 1979 produzierte er dann im Channel One-Studio erste eigene Tracks, die er zusammen mit weiteren „geliehenen“ Aufnahmen in Lee Perrys Black Ark Studio zu Dubs verarbeitete und anschließend seinem Freund Winston McKenzie nach Amerika schickte. McKenzie ließ die Dubs 1000 mal in Vinyl pressen und veröffentlichte sie als „Words in Dub“. Natürlich wurde das seltene Album danach zu einem begehrten Sammlerstück und wahrscheinlich lieben die Sammler die Musik ihres Schatzes über alle Maßen. Ich pflege zu diesen Dub-Kultobjekten jedoch ein eher distanziertes Verhältnis und muss daher sagen: Mich hauen die Aufnahmen nicht vom Hocker. Leider ist zudem auch die Aufnahmequalität nicht sonderlich berauschend (eher rauschend). Daher meine Empfehlung: Hört es euch im Stream an und stellt es auf „repeat“, wenn ihr das Haus verlasst. Pressure Sound erhält dafür zwischen 0,6 bis 0,8 Cent pro Track. Also lasst es zur Jubiläumsfeier dieses sympathischen Labels wochenlang laufen!

Meine Wertung:

Various Artists: Into the Wise

Wie schön, dass Reggae und Dub inzwischen so ein internationales Phänomen geworden sind. Früher galt nur Reggae aus Jamaika als beachtenswert. Dann kamen spannende UK-Produktionen hinzu. Inzwischen schallt Reggae und Dub aus allen Ecken des Globus. Ich liebe das. Mich wundert nur, dass die jeweilige Herkunft oftmals gar keinen Einfluss auf die Musik hat. Müsste Dub aus Lateinamerika nicht anders klingen als Dub aus Russland oder Frankreich? Mit „Into the Wise“ (Reggaewise) haben wir nun einen Dub-Sampler aus Griechenland vorliegen. Er versammelt 11 griechische Dub-Acts und bietet damit einen wohl recht repräsentativen Überblick über die Dub-Szene des Landes. Alle Tracks sind grundsolide, meist digital produziert, mit ordentlicher Bodenhaftung. Aber kein einziger Track klingt anders, als italienische, französische oder britische Produktionen. Eigentlich scheint es trotz der weltweiten Verbreitung von Dub nur zwei Schulen zu geben: die jamaikanische und die nicht-jamaikanische. Das grundlegende Paradigma für letztere stammt von den UK-Dub-Produktionen der 1990er Jahre. Zwar hat sich seit der Erfindung von Steppers und UK-Dub viel getan, aber Crossovers von Dub und regionalen Musikstilen gibt es kaum. Das ist etwas verwunderlich und auch ein wenig bedauerlich, aber letztlich kein Makel des vorliegenden Dub-Samplers. „Into the Wise“ bietet modernen Dub auf internationalem Sound-System-Niveau. Ein paar mehr Ecken und Kanten würde ich mir zwar wünschen, bin mit dem Gebotenen aber durchaus zufrieden, zumal der Sampler bei Bandcamp sogar kostenlos erhältlich ist.

Meine Wertung:

Sly & Robbie & Junior Natural: Militant Dub

Ich hatte schon ein wenig Angst vor dem neuen Dub-Album der Rhythm-Twins. Nachdem Sly & Robbie mich mit allen ihren selbst produzierten Dub-Werken der letzten Jahre bitter enttäuscht hatten, fürchtete ich, dass nun mit „Militant Dub“ (Tabou1) vom ideellen Sockel, auf den ich meine Helden seit je her gestellt hatte, wieder etwas mehr abbröckeln würde. Das wirklich geschmacklose Cover, auf dem deutlich ein Sly Dunbar mit einem Raketenwerfer zu erkenn ist, legte gar die Vermutung nahe, dass der Sockel womöglich komplett in sich hätte zusammen brechen können. Doch schon der erste Track „Militant“ mit seiner prägnanten Marsch-Snarre ließ ahnen, dass „Militant Dub“ sich nicht in die Reihe der Vorgänger stellen würde. Vielleicht waren es tatsächlich die Vibes des jungen schwedischen Sängers Junior Natural, – auf dessen letztjährigem Debut „Militant“ das vorliegende Dub-Werk basiert – die Sly & Robbie aus der Routine holten und zu neuen Ideen inspirierten. „Militant Dub“ ist unverkennbar Sly & Robbies „Taxi-Sound“ und doch sind die Tracks spannender, pointierter und deutlich eigenwilliger als das Taxi-Material der letzten Jahre. Auch der Mix ist weitaus inspirierter, als das, was Dartanyan Winston auf den letzten Alben abgeliefert hat. Diesmal hat er seine Finger zum Glück nicht im Spiel. Statt seiner zeichnet tatsächlich Robbie Shakespeare in Zusammenarbeit mit Steven Stanley dafür verantwortlich. Haben die beiden gut gemacht. Das Album ist zwar keine Offenbarung – wie z. B. Dubmatix „Overdubbed“, das auch auf Sly & Robbie-Material basierte – aber ein solides, unterhaltsames und klassisch-schönes Dub-Spätwerk der Rhythm-Twins. Wenn’s so weiter geht, wird der Sockel bald aus makellosem Granit bestehen.

Meine Wertung:

Dubheart: Cool Under Pressure

Dass spannender, moderner Dub nicht digital sein muss, sondern richtig schön old fashioned hand crafted sein kann, beweist uns die UK-Band Dubheart mit ihrem neuen Album „Cool Under Pressure“ (Karnatone Records). Es handelt sich um ein klassisches Showcase-Album, auf dem jedes Vocal-Stück von seiner Dub-Version begleitet wird. Normalerweise neigen wir Dubheads dazu, in solchen Fällen die Hälfte des Albums zu skippen, aber bei „Cool Under Pressure“ würden wir dann sieben ziemlich gute Songs verpassen. Wer auch immer die Songmelodien der Band komponiert, hat erstaunliches Talent. Gleiches gilt für die Musiker. Einen so tighten Band-Sound produzieren nicht viele Formationen. Kein Wunder, dass sich daraus auch meisterhafte Dubs formen lassen. Verantwortlich dafür zeichnet der Drummer Gavin Sant, aka „Fullness“. Er geht recht klassisch ans Werk. Seine Leistung besteht daher auch weniger im verrückten Experiment, als vielmehr darin, die Essenz jedes Tracks herauszuarbeiten und zu einem intensiven Sound-Erlebnis zu verdichten. Dabei entstehen interessante Dub-Interpretationen des Originals, in denen der Mix die Präsenz der Vocals auszugleichen vermag. Es ist hoch-spannend, den Vocal-Track mit seinem Dub direkt zu vergleichen: Obwohl die Gesangsmelodien der Songs extrem stark sind, vermisse ich sie in den Dubs nicht im Geringsten. Allein mit den Mitteln des Mischpults gelingt es Fullness, Dub-Instrumentals zu kreieren, die gleichberechtigt neben ihren Vocal-Counterparts bestehen können. Aber zum Glück muss man sich bei dem Showcase nicht für eines von beiden entscheiden.

Meine Wertung: