Cookie Ranks: Digital Dub Clash

Schon mal was von Cookie Ranks gehört? Ich auch nicht. Keine Ahnung, wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt. Die Biographie auf Bandcamp besteht aus folgenden zwei Sätzen: „People love cookies. Cookie Ranks is the best cookie.“ Aha. Immerhin lässt der Name an einen Deejay der 1980er Jahre denken, womit wir schon auf einer zielführenden Spur wären, denn was der Top Ranking-Cookie auf seinem Album Digital Dub Clash (Vizual Records) bietet, könnte direkt aus den 1980ern stammen: 8-Bit Computerized Dub. Minimale Loops im Atari-Sound, veredelt mit Hall und Echo – das Ganze aber mit der vollen Sound-Dynamik moderner Produktionen und einem an elektronischem Minimalismus geschulten Musikverständnis. Ich habe ja generell eine Vorliebe für etwas ausgefallenere Styles und mag diesen Retro-Futurismus, zumal sich die hier versammelten Stücke bei genauem Hinhören unter der Sound-Oberfläche dann doch als recht abwechslungsreich entpuppen.

Meine Wertung:

The Last Poets: Understanding what Dub is

Da wurde Reggae soeben von der UNESCO in den Status eines Welterbes erhoben, schon erweist ihm ein anderes hochrangiges Kulturgut die Ehre: The Last Poets. Selten hat Reggae so viele Feuilleton-Rezensionen gezählt wie aktuell durch das neue Album der legendären Band – und selten konnte unsere Lieblingsmusik damit so perfekt an ihren alten Markenkern als „Rebel Music“ anknüpfen. Was ist geschehen? Ziemlich genau 50 Jahre nach dem ersten Konzert der Last Poets (ein Konzert in Gedenken an Malcolm X in New York), und nach etlichen Alben quer durch Jazz, Funk und Hip Hop, erschien 2018, nach 20 Jahren Pause, mit „Understand What Black Is“ ein neues Werk der New Yorker Formation. Ein Reggae-Album! Die Feuilletons überschlugen sich vor Begeisterung: Die Wahl von Donald Trump hatte die inzwischen siebzigjährigen Rebellen, die als Begründer des Hip Hop gelten, wieder auf den Plan gerufen und sie zu heftigen verbalen Attacken auf Amerika veranlasst. Getragen vom Sound fetter Reggae-Beats. Auch wenn das eher konservative Blatt „Die Welt“ von „wohliger Hippie-Esoterik“ faselt, ist das schon ein beachtenswerter Vorgang. Reggae wird zur Basis eines prominenten Angriffs auf Nationalismus und Rassismus der USA. In einer Textzeile heißt es radikal: „Amerika ist ein Terrorist, das Töten war immer ein Teil des amerikanischen Masterplans“. Von Esoterik keine Spur. Was für Feuilleton-Redakteure neu und radikal erscheint, hat im Reggae eine lange Tradition. Dub Poets wie Oku Onuora, Linton Kwesi Johnson, Mutabaruka und Benjamin Zephaniah nahmen schon vor Jahrzehnten soziale Missstände, Diskriminierung und Rassismus auf Dub-Reggae-Beats unter verbalen Beschuss. Daher ist das Reggae-Bekenntnis der Last Poets eigentlich nur folgerichtig. 

Womit wir dann auch nach langer Vorrede endlich beim Thema Dub angekommen wären, denn zu „Understand What Black Is“ erschien mit Understand What Dub Is (Studio Rockers) jüngst die Dub-Version. Abgesehen davon, dass schon der Titel genial ist, handelt es sich nach langer Pause endlich mal wieder um ein Dub-Werk von Prince Fatty. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, er sei dem Reggae untreu geworden und in anderen Gefilden unterwegs. Aber nein. Offenbar waren er und sein Kumpel Ben Lamdin alias Nostalgia 77, nur mit den Produktionen für die Last Poets beschäftigt. Während bei den Poets stets das Spoken Word im Vordergrund steht, dreht sich bei der Dub-Version das Verhältnis um. Hier kommt die Musik voll zur Geltung – und sie hat es bei „Understand What Dub Is“ auch wirklich verdient. Fatty hat hier alles daran gesetzt, aggressive, militante Beats zu kreieren (von wegen „Hippie-Esoterik“!). Kraftvoll marschierende Drums, verziert mit den Percussions des jüngeren Poets-Mitglieds Baba Donn Babatunde, sowie wuchtige Basslines – u. a. eingespielt von Dub Judah. Fatty liefert einen beeindruckenden, spannenden Dub-Mix ab, der von heftigen Kontrasten lebt und selbst Mad Professor ein anerkennendes Nicken abtrotzen könnte. Geschickt gelingt es dem Prinzen, die pointiertesten Aussagen der Poets zwischen die Dub-Effekte zu platzieren, wodurch sie, meines Erachtens, sogar noch mehr Kraft entfalten, als bei den ursprünglichen Vocal-Versionen.

Meine Wertung:

Lee Scratch Perry: Rainford

Wie oft hatte ich schon die Aufgabe, ein neues Album von Lee Perry zu rezensieren? Ich habe aufgehört zu zählen. Dabei hatten meine Artikel eigentlich immer den gleichen Inhalt. Hier die Kurzversion: Wichtiger Produzent, interessante Backings und je weniger von Perry zu hören ist, desto besser. Es ist ja auch irgendwie tragisch. Lee Perry, genialer Produzent der 1970er Jahre, innovativ durch und durch, schon immer ein wenig verrückt, aber gerade deshalb auch genial. Zu Recht ein Held der Musikgeschichte. Doch statt seine Reputation still zu genießen, hat er beschlossen, nach der eigenhändigen Zerstörung seines legendären Black Ark Studios, unzählige weitere Alben zu veröffentlichen – eines schlechter als das andere. Nichtsdestotrotz überstrahlt der Mythos „Lee Scratch Perry“ alle Unzulänglichkeiten seiner Musik diesseits der 1970er Jahre. Immer wieder boten ihm (nicht selten recht prominente) Produzenten unterschiedlichster Musikgenres aufsehenerregende Kooperationen an. Und diese liefen stets nach dem gleichen Schema ab: Die Produzenten legten sich ins Zeug und überboten sich entweder darin, den magischen Black Ark-Sound möglichst zu reproduzieren, oder sie kreierten Crossover-Tracks zwischen ihrem jeweiligen Genre und Dub, über die Perry dann, äh, „singen“ konnte. Allerdings verzichtete Perry dabei konsequent auf Melodie und Inhalte. Mit etwas Zynismus ließe sich behaupten, dass die Dub-Versions immer das Beste an diesen Alben waren.

Nun haben wir es wieder mit einem neuen Perry-Werk zu tun. Der wichtige Produzent ist dieses Mal der vielleicht nicht weniger legendäre Adrian Sherwood. Er hat eine herausragende Stellung, denn er war es, der Perry 1987, rund zehn Jahre nach dem Black Ark-Niedergang, sein einzig wirklich gutes Album „Time Boom X De Devil Dead“ abrang. Auch danach fanden die beiden immer mal wieder zusammen, so wie auch jetzt. Das neue Werk, „Rainford“ (On-U sound), entstand in den letzten beiden Jahren an verschiedenen Orten der Welt und wird als das „persönlichste“ Werk des 83-jährigen vermarktet. Betitelt nach seinem Geburtsnamen, erzählt Rainford Hugh Perry darauf angeblich aus seinem Leben. Mir gelingt es allerdings kaum, seine genuschelten Lyrics zu verstehen. Das Album erscheint jedoch auch in Form aufwändiger Editionen – eine gar auf goldenem Vinyl gepresst –, denen die Lyrics als Booklet beiliegen. Viel Spaß beim Lesen.

Versteht mich nicht falsch. Ich habe großen Respekt vor Perrys Beitrag zur Reggae- und Musikgeschichte und zudem bewundere ich sehr seine Energie, in dem hohen Alter noch in den Studios und auf den Bühnen der Welt unterwegs zu sein. Perry ist wirklich einzigartig. Aber leider, leider sind seine Qualitäten als Songwriter und Sänger im Post-Black Ark-Zeitalter überaus beschränkt und ich muss ehrlich bekennen: Die Produktionen können noch so gut sein, sobald Perry seinen Senf dazu gibt, bin ich nur noch genervt. Das ist bei „Rainford“ nicht anders. Vielleicht sogar noch etwas schlimmer: Sherwood versucht dem kratzbürstigen Toasting/Gesang Perrys musikalisch zu begegnen und lässt seine Backings oft nicht weniger ruppig klingen. Ein cleveres Konzept, das wirklich hoch spannende Musik hervor bringt. Aber in Kombination mit Perrys Vocals klingt es oft einfach nur noch chaotisch. Kurz: Ich freue mich auf das Album „Rainford in Dub“.

Meine Wertung:

The Nextmen vs. Gentleman’s Dub Club: Pound for Pound (Dub Versions)

Letztes Jahr kam es zu einer folgenschweren Auseinandersetzung zweier Acts aus London: Den schwergewichtigen Nextmen und den neun Mitgliedern des Gentleman’s Dub Club. Dokumentiert wurde diese Auseinandersetzung in Form des Albums „Pound for Pound“ mit so illustren Augenzeugen wie Hollie Cook oder Parly B. Ein schönes Werk im New English Style wie es auch von Prince Fatty oder den Frightners hätte stammen können. Doch nun kommt der heftige Nachschlag: die Dub-Versions. The Nextmen vs. Gentleman’s Dub Club: „Pound for Pound (Dub Versions)“ ist das Werk einfallslos betitelt. Der Schlagabtausch der beiden sehr unterschiedlichen Bands ist aber angenehm harmonisch geraten. Frisch, uptempo und trotzdem mit einer gehörigen Portion Bassschwere, gelegentlichen Vocal-Samples und vor allem: sehr inspiriertem Mixing. Old School-Dub von seiner besten Seite.

Meine Wertung:

Various Artists: Pay it All Back Vol. 7

Mit „Pay it All Back Vol. 7“ (On.U-Sound) lässt der große Adrian Sherwood uns zum siebten Mal an seinem aktuellen Dub-Output Teil haben. Versteht sich von selbst, dass wir es hier nicht mit klassischen Dubs zu tun haben, sondern mit äußerst explorativen Produktionen jenseits einfacher Genre-Zuordnung. Wenn überhaupt, dann passt „Dub“ angesichts der Biographie Sherwoods noch am besten, denn immerhin erschien „Pay it All Back, Vol. 1“ 1984, als Sherwood noch leichter klassifizierbare Musik produzierte. 35 Jahre später bietet er uns mit Vol. 7 neue Mixes und Recuts sowie unveröffentlichte Tracks u. a. von Roots Manuva, Lee “Scratch” Perry, Coldcut, Gary Lucas (Captain Beefheart’s Magic Band), Mark Stewart, Horace Andy und anderen. Spannend, manchmal etwas zu verkopft, aber immer zumindest interessant. Äh? Was ist das für eine Aussage? Stimmt: Ich bin unschlüssig. Schlecht finden kann ich die neue Werkschau des Mischpult-Gottes ja wohl kaum. Aber so richtig Spaß machen mir die vertrackten Produktionen auch nicht immer. Am besten: hört selbst!

Meine Wertung:

Art-X: Nomad

Von dem Mann gibt es sieben (!) Alben, und mir war er bis Ende letzten Jahres tatsächlich unbekannt! Erst, als ich vor Weihnachten mal den odgprod-Katalog durchforstete, sind mir die Werke des französischen Komponisten und Keyboarders Art-X aufgefallen und fanden den Weg in meine Mediathek. Einige wurden von ihm produziert, zu anderen steuerte er nur sein Melodicaspiel bei. Ganz frisch ist „Nomad“, sein neues Album. Es zählt offenbar zur letztgenannten Kategorie: Die Dub-Backings stammen u. a. von Zenzile, Roots Attack, den Dub Shepherds oder den Radiators, darüber schwebt das Melodicaspiel des Franzosen. Trotz der diversen Herkünfte der Dubs, klingt das Album schön geschlossen und harmonisch. Obwohl ich mit der Melodica auf Albumlänge in der Regel meine Probleme habe, gefällt mir Nomad ausgesprochen gut. Wahrscheinlich wegen seines entspannten und unaufdringliche Stils. Der perfekte Sound fürs Sonntagsfrühstück.

Meine Wertung:

Uly E. Neuens: Op’ra Dub

Klassischer Operngesang meets Dub! Leute, bedenkt, dass Dub ein experimentelles Genre ist (zumindest aber: sein kann) und skipt nicht gleich weiter zum nächsten Text. Lest dies: Oper und Dub – eine geniale Kombination! Überlegt mal: Drei der größten Hits der Menschheit (Carmina Burana von Carl Orff, Ode an Die Freude von Ludwig van Beethoven und die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart) auf Dub-Beats! Und das nicht hingestümpert, wie seinerzeit bei der Persiflage von Buccaneer, sondern dargeboten von einem klassisch ausgebildeten Opern-Tenor – auf allen wichtigen Opernbühnen Frankreichs zuhause – und einer Crew nobler Produzenten wie Aldubb, Tune In Crew und Irie Worryah. Die Rede ist hier von „Op’ra Dub“, dem neuen Werk von Uly E. Neuens. Vor fünf Jahren legte er – wahrscheinlich unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit – sein Debut-Album vor. Nun kommt Opus 2 mit vier neuen Tracks und zwei Wiederveröffentlichungen. Mir gefällt es noch besser als der Vorgänger. Es ist in allen Streaming-Diensten zu hören. Gebt ihm eine Chance!

Meine Wertung:

RazTek Roots

Ich höre die Traditionalisten schon wettern: Das sei doch seelenlose Computermusik. Keine Atmosphäre, kein Sound, kein Wasauchimmer. Da muss ich aber mal vehement widersprechen: Stimmt, der Sound ist zu hundert Prozent digital, die Arrangements maximal simpel und dann besteht das Debut-Werk der beiden Kalifornier auch noch aus nur vier Rhythms (von denen es aber immerhin je zwei Versions gibt). ABER! Hört ihr nicht den Vibe langer Sound System-Nächte widerhallen? Spürt ihr nicht die dunkle Magie des Bass? Versinkt ihr nicht im Rausch der Beats? Vielleicht muss man die Atmosphäre von Sound System-Sessions um vier Uhr morgens erlebt haben, um der Musik von RazTek Roots auf ihrem gleichnamigen Album etwas abgewinnen zu können. Ich liebe es. Allerdings bin ich echt von den Socken, dass dieser lupenreine UK-Soundsystem-Steppers-Dub tatsächlich aus dem sonnigen Kalifornien stammt. Ich muss meine Klischeevorstellungen offenbar endlich mal ad acta legen.

Meine Wertung:

Dub Caravan & Hornsman Coyote: Rootical Sojourn

Dub Caravan aus dem UK und Hornsman Coyote aus Serbien sind ein eingespieltes Team. Ersterer sorgt für schöne, optimistische Produktionen, Letzterer veredelt sie mit warmen Posaunenklängen. Vor einigen Wochen erschienen: „Rootical Sojourn“ (Dread Camel Records), ein Album, das bei mir im Dauerstream läuft. Acht fantastische Instrumentals, gefolgt von acht fantastischen Dub-Versions. Einfach fantastisch. Neben eigenem Material werden auch vier nicht weniger fantastische Cover-Versionen geboten: Bob Marleys „Running Away“, „Congoman“ von den Congos, der Black Uhuru-Klassiker „I Love King Sellasie“ und, besonders schön: „None A Jah Jah Children No Cry“ von Ras Michael.

Meine Wertung:

Conscious Sounds Presents Human Series

Seien wir mal nicht so dogmatisch. Auf 12 der 23 Tracks von: „Conscious Sounds Presents Human Series“ (Conscious Sounds) wird gesungen. Ist aber trotzdem ein sehr schönes Album. Komplett per Hand eingespielt – hätte ich Dougie Conscious gar nicht zugetraut. Vielleicht heißt das Album deshalb „Human Series“? No computers involved? Egal. Der Sound ist schön deep, die Songs melodiös und conscious und die Dubs sind sowieso gut. Mein Lieblings-Track ist dann trotzdem das einzige Instrumental: „Final Call“, delikat mit Posaune, Trompete und Piano verziert.

Meine Wertung: