Dub Evolution Oktober 2009

Gute Dub-Alben kreuzen nicht selten meinen Weg. Aber Dub-Alben, die mich regelrecht begeistern, sind eher rar. Hey-O-Hansens „Sonn und Mond“ (Pingipung/Rough Trade) ist so ein Album. Das Cover hat mich zuerst an schräge Noisemucke à la Einstürzende Neubauten denken lassen, doch als die CD schließlich während des Frühstücks im Hintergrund lief, wechselten meine Freundin und ich einen verwunderten Blick, legten die Zeitung beiseite und drehten die Lautstärke hoch. Was für eine abgefahrene Musik! 100% Reggae, aber so gespielt, wie man ihn noch nicht gehört hat. Entfernt erinnert der Sound an Peter Presto (Rezension in Riddim August 2006), also an melodiöse Kompakt-Elektronik. Anders als Prestos Sound, sind die Dubs von Hey-O-Hansen aber merkwürdig vertrackt und doch ganz einfach. So als würde man Reggae auf den falschen Instrumenten spielen – das aber richtig virtuos. Dabei wirken einzelne Klangfolgen disharmonisch und fehlplatziert, nur um anschließend im Zusammenspiel wunderbar geschlossen und eingängig zu sein. So mündet z. B. ein schräges Akkordeon, das über einen warmen, pulsierenden Offbeat spielt, in ein sanft hingehauchtes Chanson, während anschließend detailreiche Lo-Fi-Spielereien die Regie übernehmen. In einem anderen Song hören wir ein schweres, träges Lee Perry-Black-Ark-Sample, das von einer Harfe begleitet wird, die schließlich einer weiblichen Stimme weicht, nur um danach wieder dem Akkordeon Platz zu machen. Jedes Stück ist eine Exkursion in eine faszinierende Sound-Landschaft, in der hinter jedem Hügel und jedem Baum eine Überraschung wartet. Die Linernotes sprechen ganz treffend von „Künstlerischer Widerborstigkeit“. Statt den Genre-Konventionen zu gehorchen, wird hier radikal mit ihnen gebrochen und damit die Tür zu einer ganz neuen Dub-Erfahrung aufgestoßen. Helmut Erler und Michael Wolf heißen die beiden kreativen Köpfe hinter Hey-O-Hansen, stammen aus Österreich, wo sie sich – laut eigener Aussage – vom Offbeat der Tiroler Volksmusik inspirieren ließen, in den 1980 Jahren in einer Rocksteady-Band spielten und Mitte der 1990er Jahre nach Berlin auswanderten. Dort frickeln sie seit nunmehr 14 Jahren im hauseigenen Studio ihre Sound-Eskapaden zusammen, die sie an unterschiedlichsten Stellen in unterschiedlichsten Formaten unter die Hörerschaft bringen. Was auf diese Weise in den Jahren seit 1995 entstanden ist, wird nun erstmals, schön sorgsam zusammengetragen und sortiert, auf einer CD veröffentlicht. Und diese CD – da bin ich mir jetzt schon sicher – wird in meinen Dub-Charts 2009 auf Platz eins landen.

Neil Perch, Mastermind von Zion Train, weist gerne darauf hin, dass sein Album „Live As One“ den Reggae-Grammy 2008 gewonnen hat. Bei genauerem Hinsehen, entpuppt sich der „Reggae-Grammy“, auf den Mr. Zion Train so stolz ist, tatsächlich als ein „Reggae Academy Award“, der in Kingston verliehen wird und nichts mit den US-Grammy-Awards zu tun hat. Trotzdem – wahrscheinlich vom Erfolg euphorisiert –, hat Neil Perch Dub-Akteure aus aller Welt um Remixes der Tracks des Albums gebeten, die nun, auf einer CD versammelt, als Zion Train, „Live As One Remixed“ (Universal Egg) erschienen sind. Die 15 Dubs stammen u. a. aus Italien, den Niederlanden, Brasilien, Frankreich, Kroatien, Griechenland, Polen, Mexiko und natürlich aus England (allerdings kein einziger Mix aus Deutschland!). Die bekanntesten Namen sind Rob Smith, Vibronics, Brain Damage und Weeding Dub. Einige Tracks sind gleich mehrfach vertreten („Boxes And Amps“ gleich vier mal), was es erlaubt, die Mixes miteinander zu vergleichen und damit dem Wesenskern von Dub nachzuspüren. Allerdings bleiben die Remixes dem Tenor des Originals allzu treu. Lediglich De Niro liefert einen wuchtigen Dubstep-Mix von „What A Situation“ ab und Dub Terror verwandelt „Boxes And Amps“ in einen schön nostalgisch anmutenden Jungle-Track.

Ebenfalls aus dem Hause Universal Egg stammt das Album „Dub Terror“ (Universal Egg) von: Dub Terror. Ich muss zugeben, dass die CD schon zwei, drei Monate bei mir herum liegt – was eine gewisse Aussagekraft hat. Mir fällt zu dem in Warschau produzierten Album nicht allzu viel ein. Die Tracks folgen dem klassischen UK-Dub-Schema und flirten gelegentlich mit Dubstep – gewinnen diesem Genre aber keine neuen Perspektiven ab. Eigentlich stimmen die Zutaten, wie gut ausgesuchte Samples, sauberer Sound und sechs gute Gast-Vokalisten, aber das Ergebnis ist nicht wirklich spannend. Es fehlt einfach an guten Kompositionen (wenn man bei Dub überhaupt davon sprechen will).

Aber noch mal zurück zum Thema „Remix“. 1982 nahmen die Punkrocker Ruts CD im damals frisch gegründeten Ariwa Studio von Mad Professor ihr Album „Rhtyhm Collision“ auf, das Punkrock mit Reggae und etwas Funk vermischte. Das Album erhielt nie viel Aufmerksamkeit, wurde jedoch eine Underground-Ikone, die sich bis heute, einschließlich aller Neupressungen und Re-Issues, rund 100.000 mal verkaufte. 2002 nahm sich Neil Perch von Zion Train des Albums an und produzierte ein Dub-Remix des Sets. Heute, wieder einige Jahre später, ist die dritte Generation am Werk: Dekonstruiert, rekonstruiert, frisiert, aufgemöbelt und ausgedubbt von den Bassjüngern dieser Tage, erscheint das Album unter Ruts DC, „Rhythm Collision Re>loaded“ (Echo Beach) jetzt ein weiteres Mal. Fünf der dreizehn Tracks remixte Rob Smith (den wir von Smith & Mighty und den More Rockers kennen), Dreadzone nahm sich zweier Stücke an, ebenso die Kölner Elektronik-Tüftler von Salz und Steve Dub (der Programmierer der Chemical Brothers). Alle Mitmischer am großen Ruts DC-Relaunch gingen den Weg, den African Headcharge einst den „Path Of Respect“ nannte und erhielten weitgehend die Identität des Originals. Obwohl wir es unverkennbar mit Reggae-Dub zu tun haben, bleibt der Sound von Punkrock allgegenwärtig und auch die Stimmen der Ruts stechen immer wieder crisp aus dem Meer an Bass hervor. Eine eigenwillige Mischung von Stilen, die in dieser Form aber perfekt funktioniert.

Unglaubliche 20 Jahre nach dem Album „Dubvision“ schickt der Dubvisionist Felix Wolter unter dem Titel „Dubvision II“ (Perkussion & Elektronik) ein Nachfolgealbum in die Welt hinaus. Versammelt hat er hier „wohlklingende Tracks von Freunden“, die mit ihm im Staccato- und im Time Tools-Studio ihre Aufnahmen machten. Zu diesen Freunden gehören neben The Vision und der Herbman Band auch Gentleman, Tamika & Mamadee und die Far East Band. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht auch die Jahrzehnte lange Erfahrung, Felix Wolter entschied sich jedenfalls für ausgesucht relaxte, melodiöse und wunderbar klassisch gespielte Tracks und hat sie in ebenso „wohlklingende“ Dubs verwandelt, zu denen man angenehm grooven kann, die sich aber auch aufmerksam anhören lassen und dann tausende kleine Spielereien und nette Ideen offenbaren. So beginnt z. B. das erste Stück „Andrés Dub“ mit einem schönen, melodiösen Bläsersatz, um dann nach zwei Strophen „in den Mix“ zu gehen, wo sich sanft virtuose Percussions in den Vordergrund spielen, die dann von einer netten Gitarrenmelodie abgelöst werden. Alles ganz selbstverständlich, logisch, folgerichtig. Natürlich hören wir hier keine musikalische Revolution oder Cutting Edge-Dubs an vorderster Front von Dubstep und Elektronik. Wir hören hier „nur“ richtig gutes Handwerk, Sounds mit Seele und Dubs mit Wärme. Und es ist so unglaublich wohltuend, einfach gute Musik zu hören und nicht progressiv und open minded sein zu müssen. Ich wünsche mir jedenfalls ausdrücklich mehr Dub-Works von Felix!

Jetzt kommt auch etwas sehr schönes – und zwar aus der Revival-Selection: King Tubby & The Clancy Eccles All Stars, „Sound System International Dub LP“ (Pressure Sounds). Dieses von Clancy Eccles produzierte Dub-Set ist so unglaublich obskur, dass niemand, „wirklich NIEMAND“ – wie das Presseinfo betont – jemals davon gehört hatte. Als Anfang 2009 eine alte Vinylkopie auftauchte, gerieten die Pressure-Sounds-Geeks völlig aus dem Häuschen, forschten, remasterten und rereleasen die LP nun im Original-Cover mit bisher ungesehenen Fotos von King Tubby (die CD enthält zudem fünf Bonus Tracks). Das Album dokumentiert Eccles damaligen Vorstoß in das Dub-Genre, wozu er zehn von den Dynamics eingespielten Tracks aus den frühen 1970er Jahren von King Tubby remixen ließ. Tubby mixte die Aufnahmen sparsam und transparent, entkleidete sie bis auf Drum & Bass und verzichtete nahezu vollständig auf Vocals. Früher Tubby-Style at it‘s best!

Dass Dub ein inzwischen wahrlich internationaler Stil ist, zeigt sich einmal mehr an dem Album „Like River To Ocean“ (Amaru Music) das von dem irischen Musikerduo Avatar eingespielt wurde und dessen Cover eine japanische Kalligraphie ziert. Hinter Avatar verbergen sich die beiden Instrumentalisten James Kennedy und Tony O‘Flaherty. Beide im Südwesten Irlands geboren und aufgewachsen, lassen sie sich nach eigener Aussage von der Irischen Landschaft, ihrer Schönheit und Einsamkeit inspirieren. Das klare Wasser, die frische Luft und die stoischen Berge bilden eine natürliche Harmonie, in der sich sitzen, kontemplieren und über Dub nachdenken lässt. Daher wundert es nicht, dass Ambient-Sounds wie Wellenrauschen immer wieder in den sehr entspannten Stücken auftaucht. Vor allem sind es die weichen Sounds der Blechbläser, die den Dub der beiden Iren prägt. Aber es gibt auch zwei Stücke, die befremden: „Joyfull Dub“ klingt so, als stamme das Schlagzeug aus dem Rhythmus-Repertoire einer Hammond-Orgel und „Kingdom I Dub“ – eigentlich ein nettes Stück – wird von Lobpreisungen Haile Selassies begleitet. Der Zusammenhang zur irischen Landschaft will sich mir hier nicht erschließen.

Abschließend geben wir uns jetzt noch eine richtige UK-Steppers-Dröhnung – auch wenn die Mucke aus Frankreich kommt: „World Wide Dub“ (Control Tower) von The Dub Machinist. Viel ist nicht von dem Herrn Dub-Maschinisten bekannt – aber eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Er nimmt seinen Namen ernst. Wie von einem großen, dampfgetriebenen Maschinenkoloss bewegt, stampfen seine Dubs durch Raum und Zeit und lassen Boden und Wände vibrieren. Brutal und minimalistisch. Nichts, aber auch gar nichts an diesen Dubs ist neu oder innovativ – und Ideen gibt es nur eine: Wumms! Aber die vollkommene Konsequenz, mit der diese Idee zu Ende gedacht wird, macht das Album zu einem Erlebnis. In Anlehnung an Heavy Metal lässt sich hier ohne Einschränkungen von puren „Heavy Dub“ sprechen. So etwas braucht man von Zeit zu Zeit, um sich das Trommelfell massieren zu lassen. Ah, das tut gut!

Meine Wertung:

Dub Evolution, August 2009

Greensleeves hat sich vom Darwin-Jahr 2009 inspirieren lassen und begeht Charles Darwins zweihundertsten Geburtstag mit den Evolution Of Dub-Boxsets (Greensleeves/Groove Attack). Wobei zur Zeit widersprüchliche Informationen darüber kursieren, ob nun vier oder sieben Boxen geplant sind. Tatsache ist jedenfalls, dass mir drei Boxen vorliegen: Vol. 1 – The Origin Of The Species, Vol. 2 – The Great Leap Forward und Vol. 3: The Descent Of Version. Jede dieser Boxen enthält vier klassische Dub-Alben im Reprint des Original-Covers. Damit hat Greensleeves es sich ziemlich leicht gemacht, denn statt die Evolution anhand wichtiger Stücke nachzuzeichnen – was eine gewaltige Recherche- und Lizensierungsarbeit gewesen wäre – beschränkte man sich auf die Wiederveröffentlichung einiger Alben. Dummer Weise muss die Evolution aber ohne Epoche machende Werke von z. B. Lee Perry, Yabby You, Augustus Pablo oder Glen Brown auskommen, was den durch den Titel der Serie erhobenen Anspruch recht fragwürdig erscheinen lässt. Daher ist es sinnvoller, die Serie als eine Sammlung schöner, klassischer Dub-Alben der 1970er (vielleicht später auch der 1980er?) zu verstehen und sich über die Evolutionstheorie á la Greensleeves nicht den Kopf zu zerbrechen.

Evolution of Dub, Vol. 1

Schauen wir uns die vorliegenden Boxen doch eimal genauer an. Vol. 1. beginnt mit einer kleinen Sensation, nämlich einem ultra-raren Werk, das zugleich eines der ersten Dub-Alben überhaupt war: „Dub Serial“. Joe Gibbs veröffentlichte es im Jahr 1972 in einer minimalen Auflage und verkaufte es für 50 Dollar pro Stück (ein „normales“ Album kostete zu jener Zeit rund 4 Dollar) vornehmlich an Sound System-DJs. Die wohlhabenen Hörer bekamen darauf eine Menge bekannter Rhythms wie „Satta A Massa Gana“, „Joe-Frazier“, „Money in My Pocket“ oder „Rainy Night in Georgia“  zu hören, spartanisch gemixt und mit langen Drum & Bass-Passagen. Die anderen drei Alben der Box wurden vom damals noch jungen König des Dub, King Tubby, gemixt: „“Dub From The Roots“, „The Roots Of Dub“ und „Dubbing With The Observer“. „Dub From The Roots“ und „The Roots Of Dub“ waren die ersten beiden LPs, auf denen King Tubby als Artist genannt wurde. Mit prominent auf dem Cover platzierten Schwarzweißaufnahmen von Tubby am Mischpult, begründeten sie den Ruhm des Soundtüftlers. Tubby remixt auf beiden Alben den typischen Bunny Lee-Mid-70ies „Flying Cymbals-Sound“, dass es eine Freude ist. Vor allem im Kontrast zu dem zwei Jahre älteren „Dub Serial“ zeigt sich Tubbys  Mixing-Talent in voller Größe. Das 4. Album, „Dubbing With The Observer“, stammt natürlich aus der Feder von Winston „Niney“ Holness und featurt einige seiner klassischen Dennis Brown-Rhythms wie „Cassandra“, „No More Will I Roam“ und „I Am The Conqueror“. Auch hier sorgte King Tubby für pure Dub-Magie. Niney lizensierte das frisch gemixte Dub-Album stante pede nach England und verkaufte nur zwei Jahre nach der Erfindung von Dub-Alben bereits beachtliche Stückzahlen. Dub war Overseas angekommen.

Evolution Of Dub, Vol. 2

Box Nr. 2 beginnt mit dem Album „Bunny Lee & King Tubby Present Tommy McCook And The Aggrovators – Brass Rockers“ und präsentiert das, was später „Instrudubs“ genannt werden sollte: Dubs mit Overdubs. Bunny Lee lieferte Rhythm Tracks, wie „A Love I Can Feel“, „Dance In A Greenwich Farm“ oder „Dance With Me“, Tubby mixte Dubs daraus und Tommy McCook improvisierte anschließend seine Saxophon-Soli darüber. Hier zeigt sich ein weiteres Mal, wie unschlagbar ökonomisch der Reggae funktionierte – und welche Innovationen diese Ökonomie hervor brachte. Während „Brass Rockers“ ein Experiment war, dessen Erfolg nicht zu kalkulieren war, zielte das zweite Album der Box, „ The Aggrovators – Rasta Dub 76“,  auf den Markt der immer größer werdenden Dub-Fangemeinde, die in Scharen die Plattenläden stürmte und stets die B-Seite einer Singe vor der A-Seite hören wollte. Tubbys Name auf dem Label verkaufte die Platten. In diesem Fall jedoch, zeichnete Tubbys Mixing-Lehrling Phillip Smart für die Dubs verantwortlich. Während Smart, Prince Jammy und später auch Scientist die Dubs mixten, konnte Tubby sich wieder den lukrativeren Tätigkeiten widmen, nämlich Fernseher und Radios reparieren. Inzwischen war die Dub-Evolution im Jahre 1977 angelangt und Bunny Lee (eigentlich sollte die Serie besser „The Evolution of Bunny Lee heißen“) mietete das Channel One Studio um dort „ Aggrovators Meets The Revolutionaries At Channel One Studio“ aufzunehmen. Ein überaus populäres Dub-Album mit kraftvollen, teils von Sly Dunbar gespielten Rhythms im überragenden Sound des Hookimschen Studios. Doch die eigentliche Attraktion des Albums ist die fantastische Horn-Section, die mit ihren Jazz-Improvisationen und Melodie-Fragmenten virtuos alle Stücke garnierte. Mit dem letzten Album dieser Box kommt noch einmal Niney zum Zuge: „Sledgehammer Dub“. Mitte der 1970er Jahre erschien jede Single mit einer Dub-B-Seite. Es dauerte nicht lang, bis dieses Prinzip auch auf Alben angewendet wurde, und so veröffentlichte Niney 1977 mit „Sledgehammer Dub“ das Dub-Counterpart zu Dennis Browns „Deep Down“-LP. Da Niney nur rund 400 Pressungen nach England schickte, die zudem in einem unbedruckten Cover ohne Tracklisting verkauft wurden, zählte „Sledgehammer Dub“ in Auktionen zu den höchst gehandelten Dub-Werken. Nun ist das rare Werk leicht zugänglich – auch ein Resultat der Evolution.

Evolution Of Dub, Vol. 3

Werfen wir noch einen Blick auf die bislang letzte, dritte CD-Box. In ihr stecken wohl bekannte Dub-Alben, die wahrscheinlich jeder Dub-Freund bereits als Viny-LP im Plattenregal stehen hat: 1. „The Revolutionaries: Negrea Love Dub“, 2. „The Revolutionaries: Green Bay Dub“, 3. „The Revolutionaries: Outlaw Dub“, 4. „The Revolutionaries: Goldmine Dub“. Es ist unübersehbar, das gegen Ende der 1970er Jahre die Revolutionaries und mit ihnen das Channel One-Studio die führenden Instanzen im Reggae-Business waren. Und es ist sehr wohltuend, dass die Evolution neben Bunny Lee auch andere Produzenten hervor gebracht hat. Zum Beispiel Linval Thompson, der die ersten drei Alben dieser Box produziert hat und dessen Vocals immer wieder zwischen den Beats hervorblitzen. Der wahre Star dieser Alben ist jedoch Sly Dunbar, der hier seinen „Dubble Drum-Sound“ im Perfektion vorexerzieren kann. Es war die Zeit, in der die Rhythms langsamer wurden und mehr „Luft“ bekamen. Eigentlich begannen damit ideale Bedingungen für Dub, doch in Jamaika sank der Stern dieses Genres bereits. Nicht so jedoch in England, wo Dub ungebrochen populär blieb. Es war eine Vorahnung des aktuellen Zustands, in dem Dub eine globale, jedoch gänzlich un-jamaikanische Musikform ist. Das vierte Album im Set, „Goldmine Dub“,  stammt von 1979, wurde von Jah Lloyd produziert und von Prince Jammy gemixt. Es ist sowohl vom Mix, vom Sound sowie wie von Sly Dunbars Spiel schlicht superb. Stilistisch war der jamaikanische Dub hier auf dem Höhepunkt. Das damals junge Label Greensleeves lizensierte „Goldmine Dub“ und brachte es als eine der ersten Greensleeves-Veröffentlichungen in die Plattenläden. Aber das ist eine andere Entwicklungsgeschichte …

Pleasure Dub

Ein Album, das ebenfalls gut in die „Evolution Of Dub“ gepasst hätte ist „Pleasure Dub“ von Tommy McCook & The Supersonics (Pressure Sounds/Groove Attack), denn die Dubs, die hier zu hören sind, stammen aus dem Treasure Isle-Studio – dem Ort also, an dem Dub erfunden wurde. Bunny Lee beschreibt den historischen Moment so: „Tubby und ich trafen uns oben in Duke Reids Studio, wo der Sound-Man Ruddy Redwood und der Haus-Engineer Byron „Smithy“ Smith Dub Plates aufnahmen. Bei einem Stück vergaß Smithy rechtzeitig die Gesangsspur anzuschalten, weil er durch eine Unterhaltung mit Tubby und mir abgelenkt war. Als er den Fehler bemerkte und die Aufnahme stoppen wollte, sagte Ruddy nur: „No, make it run“. Tags drauf spielte Ruddy den Song im Sound System und legte anschließend das „missratene“ Dub Plate auf. Die Leute waren begeistert und sangen den Song zu dem bloßen Rhythm Track. Ruddy musste die Platte fünf oder zehn Mal auflegen. Es war ein Riesenerfolg.“ Evolutionstechnisch war dies der Moment, der belebte von toter Materie schied – oder aber der Urknall des Dub, je nach Sichtweise. Auf jeden Fall aber ein Moment, der in der Dub-Evolution nicht fehlen darf, auch, wenn es sich bei diesen frühen Dub Plates lediglich um „Versions“, also um unbearbeitete Rhythm Tracks handelte. Nach dem Tod von Treasure Isle-Boss Duke Reid übernahm dessen Neffe Errol Brown die Kontrolle am Mischpult und mixte aus den alten Aufnahmen der 1960er Jahre drei echte Dub-Alben: „Treasure Dub Vol. 1“ und „Vol. 2“ und „Pleasure Dub“. Während erstere vielfach rereleased wurden, harrte das vielleicht beste Album von den dreien, „Pleasure Dub“, geduldig seiner Wiederentdeckung. Nun liegt es vor, soundtechnisch bearbeitet und um sechs Bonus-Tracks erweitert. Von „Dub“ ist auf dem Album allerdings nicht allzu viel zu vernehmen, wofür man aber insgeheim dankbar ist, denn ein richtiger Dub Mix würde ja bedeuten, auf die wunderschönen Arrangements der Rhtyhm Tracks verzichten zu müssen, die grandiosen Bläser- oder Orgelmelodien zu verpassen oder den typischen, warmen, volltönenden Treasure Isle-Sound nur in Fragmenten zu hören. Zum Glück – kann man da nur sagen – fand der Dub-Urknall auf Vierspur-Tonbändern statt!

Noiseshaper: Satelite City

Von den Anfängen des Dub machen wir jetzt einen Riesenschritt in die Gegenwart, wo Noiseshaper mit dem neuen Album „Satellite City“ (Cat‘n Roof/Groove Attack) den aktuellen Status Quo des Genres beschreibt. Und dieser liegt bereits jenseits der engen Grenzen des Reggae. Doch das Herz des Dub – der deepe Groove, warme Sound und melodiöse Bass – schlägt noch immer am rechten Fleck, weshalb sich auf Satellite City Genres wie Soul, Deephouse, Elektronic und Reggae organisch und selbstverständlich zu einem großen Ganzen vereinen: zu Dub 2009! Die zehn frischen Tracks von Axel Hirn und Flo Fleischman klingen mal nach On U-Sound, mal nach Dubhouse á la Rhythm & Sound, mal nach Leftfield und meist nach Different Drummer – und sie haben stets einen lässigen Pop-Appeal, der nicht unwesentlich von den engagierten Gast-Vokalisten wie Juggla, Jackie Deane oder Wayne Martin eingebracht wird. Ich liebe Noiseshaper ja vor allem für ihre deepen Shuffle-Beats, wie er z. B. auf dem Song „Sod‘s Law“ erklingt. Hier wird er kongenial von weichen weiblichen Soul-Vocals komplementiert. Dub kann so viel sein. Er hat sich im Laufe seiner Evolution weniger zu einem spezifischen Musikstil in einer ökonomischen Nische entwickelt, als viel mehr zu einem universellem Prinzip, das eine Vielzahl musikalischer Genres durchwirkt.

Fat Freddy's Drop

Diese These lässt sich auch sehr schön am neuen Album „Dr. Boondigga & The Big BW“ (The Drop/Roughtrade) von Fat Freddy‘s Drop nachweisen. Nachdem die Freddys ihr Debutalbum „Based On A True Story“ 2005 mit Vehemenz aus dem fernen Neuseeland in das Wahrnehmungsfeld hiesiger Dub Enthusiasten schleuderten und damit einen beispiellosen kommerziellen Erfolg erzielten, folgt nun das mit hohen Erwartungen bedachte Nachfolgewerk. Doch die Neuseeländer entzogen sich dem fast vierjährigen Erwartungsdruck ganz einfach dadurch, das sie das taten, wofür Dub (laut Axel Hirn von Noiseshaper) eigentlich steht: Sie durchbrachen die Konventionen und liefern nun folgerichtig ein Album, das enttäuscht, überrascht, begeistert. Sie selbst bezeichnen ihre Musik als „Beat Reduction & Sonic Finetuning“ und lassen sie stilistisch zwischen Blues, Elektronik, Reggae und Funk changieren. Wäre da nicht das latent wirkende Dub-Prinzip, das die sehr unterschiedlichen Tracks zusammen hält, dann hätten wir hier eine reichlich disparate Kompilation. So aber – und gerade auch durch die ausgeklügelte Dramaturgie der Songabfolge – entsteht ein hoch interessantes, anspruchsvolles und beseeltes Album, das letztlich vielleicht doch eine logische Weiterentwicklung von „Based On A True Story“ ist.

Meine Wertung:

Dub Evolution Juni 2009


Mit höchsten Erwartungen sah ich dem Dub-Dokumentarfilm von Bruno Natal entgegen. Mit zu hohen Erwartungen, wie es scheint, denn statt die Musik, ihre faszinierende Art der Produktion und Aufführung zu portraitieren, erging sich der Film in der Aneinanderreihung oft nicht allzu substantieller Interviews. Vielleicht war das der Grund für Souljazz‘ Entscheidung, dem Film eine CD gleichen Titels zu widmen – die allerdings nicht im Bundle mit dem Film vertrieben wird, sondern extra gekauft werden muss. Ein Kauf, der sich durchaus lohnt, da die CD „Dub Echoes“ (Soul Jazz/Indigo) keineswegs den „Soundtrack“ der Doku enthält, sondern eine gänzlich eigenständige und zudem äußerst kompetente und geschmackssichere Zusammenstellung von Dubs aus der langen Geschichte des Genres. Das Spektrum erstreckt sich von Lee Perry-Produktionen über King Tubby-Mixen zu Sly & Robbie, Rhythm & Sound bis hin zu aktuellen Dubstep-Tracks von Kode9 oder Harmonic 313. Und wie es bereits die Dynamite-Kompilationen zeigen, hält man bei Souljazz nichts von Chronologie. Weshalb der C64-Sound von Disrupt hier nahtlos auf das Dub Syndicate mit Bim Shermans einschmeichelnder Stimme prallt, nur um danach von einem Dubstep-Wumms hinweggefegt zu werden, der schließlich von einem nicht weniger kraftvollen King-Tubby-Dub kontrastiert wird. Orthodoxe Musikhistoriker werden bei diesem Durcheinander Ausschlag bekommen. Einen Vollrausch hingegen dürften Musikhedonisten erleben, denn die ungewöhnliche Mischung der Tracks ergibt eine faszinierend ganzheitliche Dub-Experience, in der die spezifischen Eigenheiten und zugleich die Universalität von Dub ganz und gar evident vor Augen treten. Eine sinnliche Einsicht, die nur von dem Werk selbst und nicht durch eine sachliche Dokumentation geleistet werden kann. Vielleicht hatte der Film daher nie eine Chance, sein Thema in den Griff zu bekommen. Die CD schafft es hingegen mit traumwandlerischer Sicherheit. Ich würde mir eine ganze Kompilationsreihe nach diesem Muster wünschen. Und überhaupt: Eigentlich ist es doch mal wieder an der Zeit für Dub-Compilations – Dubstep sei Dank!

Wo wir gerade von Dubstep reden. Die Doppel-CD „I Love Dubstep“ (Rinse/Groove Attack) ist mit einem Jahr Verspätung auch in Deutschland gelandet. Rinse bürgt nach Compilations von Skream und Plastician für ausgesuchte Dubstep-Qualität. Mit „I Love Dubstep“ hat das Pirate-Radio nun eine Sammlung des Best Of der letzten 5 Jahre des jungen Genres versammelt. Die 23 Tracks der Disc 1 wurden vom vielleicht meist beschäftigten Compilation-Mixer Youngsta zusammengestellt und präsentieren das Who Is Who des Dubstep: Skream, Caspa, Loefah, Skream, Benga, Distance und – hatte ich ihn schon erwähnt: Skream. Wobble-Bass-Tracks haben hier die Oberhand, schön technoid und minimalistisch. Der Disc 2 hat sich hingegen Geeneus angenommen und führt uns eher zur dunklen Seite des Dubstep. Bezeichnenderweise beginnt er seine Kollektion mit Shackleton und beendet sie mit Burial. Dazwischen versammelt er Digital Mystikz, The Bug, Fat Freddy‘s Drop (die man hier eher nicht erwartet hätte) und natürlich Skream. Wer dein Einstig in Dubstep wagen möchte, ist mit den 45 Tracks bestens bedient.

Weiter geht‘s mit dem zweiten Dubstep-CD-Release des Monats: Caspa, „Everybody‘s Talking – Nobody‘s Listening“ (Sub Soldiers/Rough Trade). Gleich beim Intro wurde es mir so richtig warm ums Herz: Die Stimme des guten alten David Rodigan, der hier zu einem Lobgesang auf Caspa anhebt, hatte ich schon lange nicht mehr im Radio gehört. Die 12 Tracks, die dann folgen, haben mit Reggae allerdings nichts zu tun. Dafür umso mehr mit einem Großraumdisco-Rave. Verglichen mit den Produktionen auf „I Love Dubstep“ sind Caspas Dubs häufig gnadenlos überproduziert, pendeln zwischen Techno und Pop und nerven nicht selten durch ausufernde Grime-Raps und Voiceovers (wie passend bei dem Albumtitel). Es gibt aber auch reduziertere – und dafür umso schlagkräftigere – Tracks wie z. B. „Terminator“, der ganz von einem bestialisch brutalen Wobble-Bass dominiert wird, oder „I Beat My Robot“ – mechanisch kalt, rücksichtslos und böse.

Da wünscht man sich die warmen Beats des klassischen Reggae-Dubs zurück. Und wer liefert sie uns? Natürlich wieder unser heimatliches Lieblingslabel Echo Beach. Dieses Mal wird ein extraterrestrisches Dub-Artefakt präsentiert: Dubblestandart, Lee Scratch Perry & Ari Up, „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack). Zurück vom Planeten Dub, packen die vier Wiener Jungs von Dubblestandart aus, was sie uns von dort mitgebracht haben: Fundstücke, Trophäen und die akustischen Aufzeichnungen zweier Aliens mit den Namen Lee „Scratch“ Perry und Ari Up. Okay, Alien Nr. 1 hat eine abschreckende Wirkung, ich weiß! Perrys Gebrabbel ist in der Tat kaum erträglich. Aber die Dubblestandarts haben seinen Redeschwall wohltuend auf einen Bruchteil beschnitten, so dass seine Songs eher Dubs mit eingesampelten Vocals ähneln. Nur beim „Fungus Rock“ darf Perry nach Belieben über Pilzerkrankungen der Vagina fabulieren – diesen abgefahrenen Text zu kürzen, brachte wohl niemand übers Herz. „Fungus Rock“ ist aber aus einem weiteren Grund interessant, denn hier experimentieren die Wiener Dubheads ganz virtuos mit Dubstep. Überhaupt muss man konstatieren, dass die Dubblestandarts wahrlich auf der Höhe der Zeit sind. Jeder Song steckt voller guter Ideen, der Mix ist spannend, die Basslines swingen und der Sound ist überwältigend. Und damit sich diese Virtuosität auch richtig auskosten lässt, bietet CD 2 des Doppelalbums alle Tracks noch einmal als Dub-Versions – was nach einer absurden Idee klingt, da jedes Stück auf CD 1 ja schon ein Dub ist. Egal, ich würde auch noch eine dritte CD mit Remixen der Remixe begeistert anhören. Zumal es hier von unsterblichen Melodien nur so wimmelt. So gibt es sehr, sehr coole Neuinterpretationen von „Chase The Devil“ und „Blackboard Jungle“ – warum ist bei Lee Perry als Studiogast sonst noch niemand auf diese grandiose Idee gekommen? Mein persönlicher Favorit ist jedoch die Jean-Michel Jarre-Hommage „Oxygen pt. 4“ mit Regisseur David Lynch am Mikrophon. Da kann man nur sagen: Welcome back! Wir sind froh, dass ihr wieder da seid!

Nicht vom Planeten Dub sondern aus dem schönen Norditalien erreichte mich das neue Album der R. B. Stylers, „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import). In bester Old School-Manier präsentiert es 12 Tracks als Showcase, also je ein Song gefolgt von seinem Dub-Mix. Handgespielte, wuchtige Rhythms prägen den Sound, der irgendwo zwischen Zion Train und Draedzone liegt. Besonders erwähnenswert sind die melodiösen und zugleich kraftvollen Songs von Sängerin Michela Grena, die einerseits einen schönen Komplementär zu den Rhythms bildeen, andererseits aber – wie auf Startsong „Let The Shine“ gut zu hören – in perfektem Einklang mit der Musik stehen. Nahtlos gehen die Vokalversionen in den Dub-Mix über, so dass ein Stück fast 8 Minuten dauert. Das Beste an dem Album ist aber, das es – kaum zu glauben – kostenlos (und legal) auf der Homepage der B. R. Stylers (www.brstylers.com) heruntergeladen werden kann.

Meine Wertung:

Dub Evolution April 2009

 

Dass Dub in Deutschland überlebt hat, haben wir einzig und allein einem Label zu verdanken: Echo Beach. Gegründet während der Blütezeit des UK-Dub, hat es die Fahne des Dub in all den Jahren der Dürre und Entbehrungen hoch gehalten und feiert heute seinen unglaublichen 15. Geburtstag. 1,5 Dekaden First Class-Dub aus Deutschland und dem Rest der Welt (mit bahnbrechenden und Dub-Geschichte schreibenden Alben u. a. von Black Star Liner, The Groove Corporation, Manasseh, Seven Dub, Dubblestandart, Noiseshaper, Cool Hipnoise und den More Rockers), da hätte man mit gutem Recht einen Best Of-Sampler erwarten können. Doch nein, Mr. Beverungen from outta Hamburg überrascht uns mit einer neuen Ausgabe seiner legendären King Size Dub-Serie – der dreizehnten, wenn ich richtig gezählt habe (Echo Beach/Indigo). Und weil das ein schlechtes Omen ist, hat man einfach zu einer anderen Zahl gegriffen, deren Symbolgehalt weitaus vielversprechender ist, der 69! Darauf hat unser hanseatischer Dub-Ritter (und -Retter) 14 exklusive Tracks von seinen Lieblings-Label-Artists versammelt und den Mark Viddler-Dubmix von Martha & The Muffins Song „Echo Bach“ programmatisch an den Anfang gestellt. Es folgt ein reichlich spaciges Dub-Cover des Special-Hits „My Rasist Friend“, dargeboten von Deepchild feat. Andy B. Hohe Dub-Mix-Kunst! Dann ein Track, mit dem man nie und nirgends etwas falsch machen kann: „Peace & Love“ von Dubmatix feat. Linval Thompson (vom aktuell bei Echo Beach erschienenen Album „Renegade Rocker“). Geht es um die New School des Old School-Dub, dann macht Dubmatix aka Jesse King zurzeit niemandem etwas vor. (Ich höre aktuell zwei großartige neue Dubmatix-Singles, die in Kürze bei irieites.de erhältlich sein werden – nicht Echo Beach, aber trotzdem klasse). Ebenfalls groß: Junglehammer vs. Daktari, ein kraftvoller, schneller Dub. Die perfekte Wahl nach dem Dubmatix-Kracher. Weiter geht‘s mit Smoke (vom aktuellen Album „Addicted“), dann (zum x-ten Mal – aber beim Jubiläumssampler drücken wir mal ein Ohr zu) mit The Ruts DC. Es folgen vier grandiose Dub-Cover: „House Of The Rising Sun“ (Animals), „Walking On The Moon“ (Police), „Private Life“ (Pretenders) und „Jeanny“, eine richtig deepe Dub-Version von Falcos kontroversem 80er-Hit. Den Abschluss bilden Dubblestandart mit Lee Perry, das Dub Syndicate, Sugar Sugar (von Seven Dub) und Ari Up vs. X. A. Cute, die einen interessanten Crossover von Cutty Ranks und Dubstep fabriziert haben. Mit anderen Worten: Ein richtig gutes, fettes Jubiläumspräsent, das Echo Beach uns und sich selbst zum Geschenk gemacht hat. Auf die nächsten 15 Jahre!

Ich lebe in dem sehr befriedigenden Bewusstsein, mich zumindest in einem musikalischen Kosmos wirklich gut auszukennen: Dub. Doch in letzter Zeit mache ich immer wieder die – allerdings keineswegs unangenehme – Erfahrung, dass es noch einige unentdeckte Winkel und mir unbekannte Protagonisten gibt. Wie z. B. Sideshow, deren Debut-CD „Admit One“ (Aus Music/Alive) letztens auf meinem Schreibtisch landete. Der Name sagte mir gar nichts und ein Blick ins Presseinfo nährte den Verdacht, dass diese CD womöglich nur fehlgeleitet worden war. Die Rede war dort nämlich vom Singer/Songwriter Fink, der seit 2003 Alben auf Ninja Tune veröffentlicht, auf denen er sich beim Singen mit der akustischen Gitarre begleitet. Also so ungefähr das Gegenteil von Dub. Egal, ich beschloss die Musik sprechen zu lassen und legte die CD in den Player. Immerhin hörte ich nicht einen Mann mit seiner Gitarre, sondern einen waschechten Indi-Popsong mit weiblicher Sängerin (Cortney Tidwell, wie sich später herausstellte) – aber letztlich auch nicht meine Tasse Tee. Fast hätte ich die CD schon gestoppt, als der zweite Track begann und mir eine Bassline entgegenschallte, die meine Eingeweide erbeben ließ. Wow – was war das? Four to the floor stampfte der Beat durch Raum und Zeit und hinterließ Spuren lang nachhallender Echos. Dabei – und das passte perfekt zu dem ungewöhnlichen Einstiegssong – klang alles so wunderbar analog und menschlich, hatte Wärme und Atmosphäre. Beim dritten Track dann erklang die vertraute Stimme von Paul St. Hilaire, womit dann auch klar war, wohin die Reise bei den verbleibenden sieben Tracks gehen sollte: Zu einer der schönsten und spannendsten Dub-Exkursionen der letzten Monate. Fink aka Fin Greenall hat dieses Album mit seiner Tour-Band live eingespielt, gewissermaßen zur Entspannung: „Im Dub geht es für mich nicht um rationales Denken, sondern eher um emotionales Handeln, um Freiräume, eine gewisse Beschaffenheit,“ sagt Greenall: „Dub ist für mich wie die Kirche der Musik, eine gewisse Unschuld mit riesiger Kraft.“ Sehr schön poetisch – und man glaubt es ihm spätestens, wenn auf „If Alone“ die klagenden Streicher ertönen, in denen der Weltschmerz über unablässig heranströmenden Bass-Wogen ausgebreitet wird, nur um dann in einer höchst eigenwilligen Version von Kraftwerks „Modell“ zu münden. Wer so etwas als Entspannungsübung betreibt, muss schon ein begnadeter Musiker sein – von denen es in den verschiedenen musikalischen Genres ja eine Menge gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihr Herz für Dub entdecken und dafür sorgen, dass noch so manche obskure CD auf meinem Schreibtisch landet.

Das genaue Gegenteil von „handgespielter“, analoger Musik liefert das Label Jahtari, das sich – wie der Name vermuten lässt – dem 8Bit-Sound früher Computer wie Atari und vor allem dem C64 mit seinem (damals) überragenden Soundchip verschrieben hat. Labelchef Disrupt legt nun mit „The Bass Has Left The Building“ (Jahtari/Cargo) sein zweites, „echtes“ Album vor, auf dem er die Verbindung von Dub und 80er-Jahre Computergame-Sounds weiter auslotet. Damit tritt er unweigerlich in die Fußstapfen von King Jammy, der 1985 mit Sleng Teng den ersten vollsynthetischen Reggae-Sound produzierte. Doch während Jammys Epigonen heute mit modernster Software wie Logic und Cubase arbeiten, beschränkt sich Disrupt bewusst auf das minimale Soundrepertoire des dreistimmige SID-Chips, der seinerzeit im C64 steckte. Was lässt sich mit diesem beschränkten Instrumentarium anstellen? Ehrlich gesagt: nicht sehr viel – obwohl, andererseits, auch wieder mehr als gedacht. Im schlechtesten Fall klingen die Stücke nach den simpel gestrickten Soundtracks alberner Jump & Run-Spiele, im besten Fall gelingt es Disrupt komplexere Shuffel-Beats zu komponieren, die gelegentlich sogar in die Nähe von Rhythm & Sound-Tracks kommen. Letztlich lässt sich diese Musik mit gewöhnlichen Qualitätskriterien aber nicht fassen. Dubs aus C64-Sounds sind ein Experiment, das, egal ob es scheitert oder gelingt, unseren musikalischen Horizont erweitert – und damit seine Berechtigung hat.

Wahre Reggae-Buffs kennen Clinton Fearon. Auch wenn sie ihn in dieser Kolumne nicht erwartet hätten, denn Fearon ist als Mitglied der Gladiators und somit als Sänger bekannt. Doch nun hat der Reggae-Veteran, der nicht nur Sänger sondern auch Bassist ist und bereits im Studio One und im Black Ark-Studio spielte (und mittlerweile in Seattle (USA) lebt), ein waschechtes Dub-Album aufgenommen. „Waschecht“ bedeutet, dass es nicht nur der Dubmix eines vorliegenden Vokal-Albums ist. Nein, „Faculty Of Dub“ (Boogie Brown/Import oder iTunes) ist ein originäres, „handgespieltes“ Dub-Album. Und ein sehr gutes dazu, mit wunderbarem Old School-Flair, klassischer Besetzung, sanften, harmonischen Rhythms und einfachem, aber sehr angenehmen Mix. Solche Musik kann man wunderbar im Büro laufen lassen. Sie verbreitet Wärme und Wohlbefinden, wirkt beruhigend aber keineswegs langweilig. Die Faculty Of Dub ist schlicht und ergreifend das, was man ein „solides Dub-Album“ nennt. Und genau davon gibt es in den letzten Jahren viel zu wenig. Auch jenseits musikalischen Engagements scheint Mr. Fearon aktiv zu sein. Eine Google-Suche nach seinem Namen fördert einen Blog mit dem Titel „Boogie Brown and the Baby Notes“ zutage, in dem Fearon Geschenkideen (meist Geschenkkörbe) anpreist. Die Geschenkkörbe gibt es dann auf einer kanadischen Shopping-Site. Na ja, seit mit Musik kaum noch Geld zu verdienen ist, müssen Musiker auch alternativen Einnahmequellen gegenüber aufgeschlossen sein.

Aber da wir gerade im Netz herum surfen, muss ich noch einen Tipp für einen richtig guten Dub-Podcast loswerden: thedubzone.blogsome.com. Produziert wird er von Pete Cogle, der bis zu drei mal monatlich eine ca. halbstündige Show ins Netz stellt. Dafür greift er ausschließlich auf im Netz frei verfügbare Downloads zurück und nimmt somit seinen Hörern die Mühe ab, selbst Musik-Community-Sites wie reggaedubwise.com nach gutem Material zu durchforsten. Ich bin jedenfalls immer wieder sehr erstaunt, welch gute Dubs Mr. Cogle sich so zusammen klickt (und vor allem bin ich darüber erstaunt, welch gute Qualität „Hobby“-Dub-Produzenten so ins Netz stellen).

Meine Wertung:

Dub Evolution, Januar 2009

 

Dub ist ein internationaler Style und die besten Dub-Produktionen kommen schon lange nicht mehr allein aus dem UK (ganz zu schweigen von Jamaika). Doch haben wir hier je über Kanada als Dubbin-Ground gesprochen? Abgesehen von Dubmatix, der hier lebt und arbeitet, schallten aus dem Norden des amerikanischen Kontinents bisher keine Echos zu uns herüber. Doch wie sich nun zeigt, lag das daran, dass wir nicht aufmerksam genug hingehört haben, denn bereits seit einigen Jahren veröffentlicht das kleine Label „Balanced Records“ eine hoch interessante musikalische Mixtur, in der Dub einige Volumenanteile ausmacht. Im Wesentlichen geht es bei „Balanced“ um Downtempo, Nu Jazz, Electro und Dub, das Ganze zusätzlich mit globalen Sounds gewürzt. Doch nun –  wahrscheinlich weil der Dub-Virus sich unaufhaltsam ausbreitet, hat er sein Opfer erst einmal infiziert – ist der Label-Sampler „Nothern Faction 4“ (balanced-records.com) ausgesprochen dublastig ausgefallen. Die Labelmacher haben sich dazu nicht nur ihres eigenen Musiker-Stalles bedient, sondern passende Tracks rund um den Globus lizensiert. Dabei sind 14 Artists zusammen gekommen, von denen ich bisher nur Noiseshaper, Dubmatix und das Subatomic Sound System kannte. Die meisten anderen sind im engeren Sinne auch keine Dub-Artists, was die Sache aber umso interessanter macht. Denn so finden sich die straighten Dubs eines Dubmatix z. B. in spannungsvollem Kontrast zu einem melancholischem Nu Jazz-Stückes oder einem harten Elektro-Track. Statt 70 Minuten stoisch im Offbeat-Tackt zu wippen, eignet sich „Nothern Faction 4“ eher zum aufmerksamen Hinhören und zum Einlassen auf unterschiedliche Stimmungen. Mit anderen Worten: Es ist ein etwas intellektuelleres, dafür aber gerade besonders erlebnisreiches Album, das sich mit Bauch und Kopf gleichermaßen genießen lässt.

Statt gradliniger, hypnotischer Dub-Alben, häufen sich diesmal eher etwas ungewöhnliche und vertrackte Werke auf meinem Tisch, Alben, die mehr am Rande des Genres, statt in dessen One-Drop-Zentrum zu operieren. Da wäre zum Beispiel das neue Album „Visions In Sonic Sense“  (Malicious Damage/Cargo) von Analogue Mindfield, das – wenn man es als physischen Datenträger kauft – mit psychedelischem Cover und beiliegender grün-roten 3D-Brille kommt. Während man im Raum fliegende 3D-Augen betrachtet, gibt es eine Musik zu hören, die sich dem Leftfield-Spektrum zuordnen lässt und ein wenig wie unveröffentlichte Dreadzone-Tracks klingt. „Akustische Klanglandschaften bestehend aus herausvordernder, aber trotzdem zugänglicher Musik“ sind das Ziel der irischen Band. Was sich hier so abstrakt anhört, lässt sich auch als eine Mischung aus Reggae-Dub (auch Old-School), Pop und Elektronik bezeichnen. Dabei gibt es (übrigens auch wie bei Dreadzone) überaus eingängige, fast schon chartstaugliche Stücke, aber auch experimentelle und schräge Dubs zu hören. Kennzeichnend sind stets mal kleine, mal große Melodien, die sich in den Gehörgängen einnisten. Dazu kommen schnelle und vielfach synkopierte Beats und ein ganzes Universum diverser kleiner Sounds, kleiner Synthie-Melodiefolgen und Vocal-Samples – manches grenzt schon an Überproduktion. Insgesamt herrscht eine leichte, gut gelaunte Stimmung und es macht unzweifelhaft Spaß, sich auf die „Visions In Sonic Sense“ einzulassen.

Weiter geht‘s mit einer Expedition an die Grenzen des Dub. Unser Guide heißt Harmonic 313 und unser Forschungsgebiet ist die Zeit, „When Machines Exceed Human Intelligence“ (Warp/Roughtrade). Jene futuristischen Sphären sind nämlich das Lieblingsbeschäftigungsfeld vom Marc Pritchard, jenem Elektro-Künstler, der sich seit Beginn der 1990er Jahre der so genannten „UK-Bass-Music“ verschrieben hat. Damit dürfte klar sein, worin der Bezug zum Dub hauptsächlich besteht: im Bass. „Bass! How Low Can You Go?“ fragte Public Enemy vor 20 Jahren. Pritchard liefert mit seinem neuen Album nun eine beeindruckende Antwort auf diese Frage. Seiner Auffassung nach wird die Tanzmusik Englands seit fast 20 Jahren vom Bass regiert: Dub, Jungle, Drum & Bass, Garage, Dubstep – und bei allen Styles hatte er ein Wörtchen mitzureden gewusst. Und so verwundert es nicht, dass die futuristisch-düsteren, aber auch harten und rationalen Sounds auf „When Machines Exceed Human Intelligence“ am ehesten an Dubstep erinnern (mit deutlichen Referenzen an Detroit Techno und 80er-Elektro). Reggae sucht man hier (abgesehen vom Intro-Sample) vergeblich, aber das Übermaß an Bass dürfte trotzdem jeden Freund des Dub in einen glückseligen Zustand versetzen. 

Da wir uns gerade schon so weit vom klassischen Dub-Terrain entfernt haben, bleiben wir noch ein wenig in diesem Grenzgebiet und hören mal in das Album „Underground Wobble“ (Jarring Effects/Alive!) von High Tone. Unter diesem Titel firmiert eine Gruppe von Dub-Alchemisten aus Lyon, die eine eklektizistische Musik aus Dub, Industrial, Hip-Hop, Trip-Hop und Ethno Samples zusammen basteln und das Ganze „Novo-Dub“ nennen. Zu hören gibt es teils schwere, teils wilde Break- und Offbeats, kreischende Synthies, orientalische Melodieornamente und hypnotische Keyboardsounds. Das richtige Material, um sich die vom Harmonic 313-Bass zugedröhnte Ohren freipusten zu lassen. Wer genau hinhört und den vollen, reichen Sound der Tracks durchdringt, der entdeckt faszinierende Details, wie z. B. sanfte Jazz-Einlagen, die von wildem Sirenengeheul kontrastiert werden, Synthie-Eskapaden (die ebenso gut Samples von Oper-Gesang sein könnten), sowie stets undeutliche, geheimnisvolle Funksprüche (in denen wahrscheinlich eine Verschwörungstheorie diskutiert wird). Statt eines durchgehend brachialen Sounds, folgen die einzelnen Stücke einer ausgeklügelten Dramaturgie voller Kontraste und Überraschungen.

Zum versöhnlichen Abschluss gibt‘s noch mal richtigen Reggae: „Infinite Dub“ von Midnite/Lustre Kings (Lustre Kings/Import). Dabei handelt es sich um die Dub-Version des Albums „Infinite Quality“, einer Zusammenarbeit von Midnite-Sänger Vaughn Benjamin mit dem Lustre-Produzenten Digital Ancient. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist – zumindest in Dub-Form – einigermaßen langweilig. Die Riddims doch recht durchschnittlich, der Gesang ist nur in winzigen Fetzen zu hören (ist ja Dub!) und die Produktion ist, nunja, sagen wir: wenig inspiriert. Irgendwie hört sich der Sound merkwürdig dumpf an. Tja, man sieht, das ich dem Album wenig Positives abgewinnen kann. Die Vocal-Version war gewiss besser, denn die wenigen Melodiefetzen, die das Dub-Treatment überstanden haben, hören sich vielversprechend an.

Meine Wertung:

Dub Evolution, November 2008

„… One of the hardest dub albums ever released“, steht im Rough Guide To Reggae über das Album „Dub I“ von Produzent Jimmy Radway & The Fe Me Time All Stars (Pressure Sounds/Groove Attack). Über dieses Statement ließe sich vorzüglich streiten – darüber, dass „Dub I“ one of the hardest albums ever TO GET“ war, braucht es jedoch keine Diskussion. 1975 mit einer Auflage von nur 300 Stück in Jamaika veröffentlicht, war „Dub I“ als eines der ersten Dub-Alben überhaupt – und zudem noch ein Frühwerk von Meister-Engineer Errol Thompson – so etwas wie der heilige Gral der Reggae-Sammler. Die wenigen Auserwählten, deren Sammlung von einer der raren, verbliebenen Vinyl-Scheiben dieses Albums gekrönt wurden, müssen nun einen herben Kurssturz ihres Anlagevermögens hinnehmen, denn Pressure Sounds wiederveröffentlicht das Dub-Album nun perfekt remastert mit fünf Bonus-Tracks, dem Original-Cover und ausführlichen Linernotes. Als Dub-Connoisseur des Jahres 2008, mit Kenntnis der langen Geschichte des Dub (auch nach 1975), mag sich das revolutionär Neue und vor allem die „Härte“ des Albums nicht mehr erschließen. Zu viel von dieser an Innovationen nicht armen Musik hat man schon gehört, hat sich tonnenschwere Bässe um die Ohren hauen lassen und ist durch so manche Echo-Kammer gewirbelt worden. Aus heutiger Sicht wirkt der Sound und das Arrangement von „Dub I“ einigermaßen konventionell. Retrospektiv betrachtet lässt es sich jedoch nachvollziehen, warum der trockene, von kraftvollen Bläsern dominierte, klare und schnörkellose Sound damals als revolutionär wahrgenommen wurde. Wäre Radways Micron-Label zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Albums nicht bereits pleite gewesen, dann hätten eine höhere Auflage und ein paar Promos in den Briefkästen von Virgin- oder Island-Records, Mr. Radway gewiss einen Platz in der Reggae Hall Of Fame gesichert. So ist es nicht gekommen, weshalb wir uns das Album nun mit über dreißigjähriger Verspätung anhören und ihm die Anerkennung zugestehen, die ihm so lange versagt geblieben ist.

Wie innovativ Dub sein kann, lässt sich an dem Album „Kasbah Rockers with Bill Laswell“ (Barraka) (zu beziehen z. B. über Amazon oder iTunes) zeigen. Unter diesem Titel hat der in Basel lebenden Musikers Pat Jabbar mit einigen Artists seines Barraka-Labels ein Album veröffentlicht, das Trip Hop Beats, „Rai’n’B“, Dub und progressive Dance-Sounds mit traditionellen marokkanischen Einflüssen verbindet. Bill Laswell, der auf 11 Tracks Bass spielt, groovt hier zusammen mit Musikern und Sängern wie Youssef El Mejjad von Amira Saqati, Abdelaziz Lamari und Abdelkader Belkacem von Maghrebika oder Kadir & Erdem von der schweizerisch-türkischen Hip Hop-Crew Makale. Gesungen wird auf türkisch und arabisch über das Leben junger Muslime in der westlichen Welt – oder genau umgekehrt – die Konfrontation der islamischen Welt mit westlichen Einflüssen. Zwei Stücke des Albums, „Bledstyle“ und „Shta“, wurden übrigens von Ridley Scott für den Soundtrack seines neuen Films „Body Of Lies“ ausgewählt. Ausgewiesene Reggae-Beats sucht man bei den Kasbah Rockers zwar vergeblich, doch die Elemente des Dub sind allgegenwärtig. Vor allem Laswells schwer rollender Bass zieht eine direkte Verbindung zum Dub. Instrumentierung, Mix und Arrangement tun ihr übriges. Die Stimmung der Musik ist düster, psychedelisch und nicht zuletzt fremd und exotisch. Eine erlebnisreiche, akustische Exkursion in unbekanntes Gebiet.

Um wieder sicheres Terrain zurück zu gewinnen, hören wir jetzt mal in die neue EP der Abassi All Stars, „No Answer“ (Universal Egg/Import). Basis von drei der vier Tracks ist Mr. Perchs „No Answer“-Rhythm – ein ausgesprochen schneller Steppers-Beat mit den bekannten Synthie-Sounds. Doch Neil Perch versteht es trotz des nun wirklich mehr als abgenutzten Sounds, immer wieder gute Rhythms zusammen zu schrauben und – vielleicht sein größtes Verdienst – ordentliche Melodien zu entwickeln. So finden sich auf „No Answer“ mit Minoo, Omar Perry und Carlton Livingston gleich drei Vokalisten, von denen ein jeder einen richtig schönen Song beizusteuern weiß. Vor allem der Refrain des letzteren „I don‘t have the answers to all those questions“ hat eine heimtückische Ohrwurm-Qualität.

Bleiben wir kurz im Bereich des wohl bekannten: Alpha & Omega legen mit „Songs From The Holy Mountain“ (Alpha & Omega/Import) ein neues (neues?) Album vor. Ehrlich gesagt, habe ich bei den beiden Briten den Überblick verloren. A&O bleiben ihrem Stil seit den 1990er Jahren so konsequent treu, dass man nicht unterscheiden kann, ob man neues oder wohl bekanntes Material hört. Irgendwie klingt hier alles nach tiefstem Dschungel. Neu sind aber auf jeden Fall die Vocals, die von Paul Fox und Jonah Dan beigesteuert werden. Viel eingefallen ist den beiden aber kaum, so dass der zweite Teil des Albums mit den Dub-Versions, der eigentlich interessante ist. Obwohl ich wahrscheinlich alle A&O-Alben der letzten 15 Jahre besitze und sie auch schon viele Male gehört habe, verzückt mich der mystisch, düstere Sound jedes Mal von neuem. So erklärt sich, warum sich über die „Songs From The Holy Mountain“ nichts wirklich Gutes sagen lässt, ich das Album aber trotzdem von Herzen empfehle.

Auf dem in Berlin gewissenhaft gepflegten Wackies-Label ist mit „Black World Dub“ (Wackies/Indigo) ein neues altes Werk der Bullwackie‘s All Stars erschienen. Erstveröffentlicht im Jahre 1979, bietet es uns Dub-Versionen von Reworkings alter (Studio One-)Hits wie „Heptones Gonna Fight“, „Guiding Star“,„Skylarking“ oder „This World“. Zu verdanken haben wir diese Auswahl Leroy Sibbles, der die meisten Aufnahmen des Albums leitete und natürlich auch das Bassspiel beisteuerte. Der Sound ist typisch Wackies: warm, weich und ziemlich unscharf. So manche Tracks halten kleine Überraschungen bereit, wie etwa die atemberaubenden Percussions auf „Skylarking“ oder die eingestreuten Syndrums auf „Morning Star“, die seinerzeit das Aufsehen erregende Produkt modernster japanischer Technik waren.

Ein schönes Album für die Revival Selection hat Heartbeat Records soeben veröffentlicht: Dub Specialist, „Dub“ (Heartbeat/in-akustik). Hier finden sich Dub-Versions klassischer Studio One-Aufnahmen – was natürlich immer schön ist. Mit dabei sind diesmal u.a. „African Beat“, „Mojo Rocksteady“, „Swing Easy“, „Mean Girl“ und viele mehr. Schön schrammeliger Sound, wundervolle Basslines, tolle Melodien und das alles selbstverständlich remastert und schön verpackt. Was will man mehr?

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf ein Album aus Jamaika: Penthouse All-Stars, „Dub Out Her Blouse & Skirt“ (VP/Groove Attack). „Dub aus Jamaika“ klingt zunächst gut, ist in diesem Fall aber wenig spektakulär. Zu hören gibt es auf diesem VP-Release nämlich lediglich Studio One-Reworkings, die Donovan Germain in den 1980er und 1990er Jahren für sein Penthouse-Label produziert hat. Digitales Material in einem Sound, der sich leider ziemlich überlebt hat und heute, ob seiner Simplizität, nicht mehr recht zu überzeugen weiß. Zu hören gibt es Steele & Clevie, Robbie Lyn, Dave Kelly, die Firehouse Crew und Steven „Lenky“ Marsden. An dem Album lässt sich übrigens unmittelbar nachvollziehen, warum mit dem Einzug der digitalen Musik in Jamaika der Dub seinen Abschied nahm.

Meine Wertung:

Dub Evolution, Oktober 2008

Prince Fatty: Survival Of The Fattest

Als das Modelabel Stüssy vor drei Jahren mit einer netten Reggae-Kollektion das 25. Firmenjubiläum feierte, heuerten sie den Freelancer Mike Pelanconi (der Lily Allen „Smile“ schenkte) an, um eine Single, passend zur Mode, zu produzieren. Pelanconi lieferte mit „Nina‘s Dance“ einen schönen, relaxten Tune im Stil des frühen Reggae ab, der es im UK wider Erwarten zu einiger Popularität brachte. Inspiriert durch diesen Erfolg, produzierte Pelanconi unter dem passenden Namen „Prince Fatty“ gleich ein ganzes Album, das direkt aus den frühen 1970er Jahren entsprungen sein könnte: „Survival Of The Fattest“ (Mr. Bongo/Cargo). Aufgenommen mit analogem Equipment und eingespielt durch einige Koryphäen der britischen Reggae-Szene (Carlton „Bubblers“ Ogilvie, Style Scott, Winston Francis, Little Roy u.a.) ist das Album eine einzige Hommage an King Tubby, Bunny Lee und die Revolutionaries. Doch so akribisch Pelanconi den Sound der 70er kopiert, die Songs sind alle originär sein Werk – was aber nur bei genauem Hinhören feststellbar ist, denn die Sound-Zitate vermitteln stets das Gefühl, dieses Stück zu kennen, und jene Melodie mitsummen zu können. Erst in dem Moment, wo man die Lippen zum mitpfeifen schürzt, hält man verdutzt inne und macht sich bewusst, dass dies hier brandneue Stücke und bisher ungehörte Melodien sind – auch wenn Dennis Alcapone seine altbekannten Toasts zum besten gibt, die Orgel pulsiert wie bei Jackie Mittoo, die Gitarre von Ernest Ranglin gezupft zu werden scheint und die Bläser an Tommy McCook denken lassen. Dem fetten Prince (der natürlich keineswegs dick ist) sind einfach wunderschöne Feel-Good-Stücke geglückt, die eigentlich eher Instrumentals denn Dubs sind. In vier Fällen gibt es sogar nette Gesangsbegleitung: Little Roy hat zwei Tunes übernommen, Winston Francis einen und Hollie Cook, die Sängerin der Slits (und Tochter des Sex-Pistols-Drummers Paul Cook) gibt dem Stück „Milk And Honey“ den rechten Schmelz. Prince Fatty rules!

Jesse King! Ein Supername. Keine Ahnung, warum sich Mr. King ausgerechnet Dubmatix nennen musste. Vielleicht sollte das „Dub“ unbedingt in den Namen, denn Dub ist zweifelsohne das Kerngeschäft des Meisters aus Toronto. Als Sohn eines Jazz- und Funk-Produzenten, erlebte Jesse seine musikalische Erweckung in den frühen 1980er Jahren, als ihm ein Exil-Jamaikaner die Platte „King Tubby Meets Rockers Uptown“ in die Hand drückte. Von diesem Moment an bewegte sich Jesse Kings Leben zielstrebig auf das Jahr 2004 zu, als er sein erstes Dub-Album „Champion Sound Clash“ veröffentlichte. Danach folgte noch „Atomic Subsonic“ und nun, schließlich, „Renegade Rocker“ (7 Arts/Rough Trade). Alle drei Alben zeichnen sich durch sehr kraftvolle, hochdynamische Beats aus. Hier stimmt das Timing, die Offbeats sitzen perfekt und der One-Drop lässt das Zwerchfell erbeben. Herr Dubmatix weiß, wie man fette Beats zusammenschraubt. „Renegade Rocker“ ist nun die Krönung dieser Kunst. Laut gehört, bläst einen das Album schlicht um. When music hits you, you feel no pain – zum Glück! Viele andere Dubber hätten aus den 16 Tracks 5 Alben gebastelt, Dubmatix packt das Material auf einen Longplayer – und begnügt sich noch nicht einmal mit den Dubs allein, sondern packt auf zwei Drittel der Tunes auch noch Gast-Vokalisten der ersten Garde drauf! Linval Thompson, Ranking Joe, Michael Rose, Sugar Minott, Willy William, Alton Ellis, Pinchers und Wayne Smith geben sich hier die Studioklinke in die Hand. Heraus gekommen ist ein Album, das wirklich rockt – reggaewise! 

Doch neben den „offiziellen“ Alben, veröffentlicht Dubmatix auch sogenannte „Digital Releases“, die unter www.dubmatix.com oder im iTunes Store (hier aber teurer) heruntergeladen werden können. Jüngst ist in dieser Reihe das Album „Dread & Gold“ (www.dubmatix.com) erschienen. Es versammelt Dubs aus den Jahren 2003 bis 2008. Einige der Tracks hatten es im letzten Moment nicht auf eines der CD-Releases geschafft, andere wurden speziell für Live-Auftritte oder Radio-Shows aufgenommen. Doch wer glaubt, hier nur Ausschuss zu finden, der irrt. Denn die Tunes sind ausnahmslos gut. Natürlich sind sie weniger aufwendig produziert und allesamt instrumental – was aber gerade ihren Reiz ausmacht. Der Kanadier ist hier viel näher am klassischen Dub, aber ohne die Klischees des UK-Dub zu wiederholen. Seine Tracks stecken voller Ideen, kein Dub gleicht dem anderen und handwerklich bleibt nichts zu wünschen übrig. Das Material hätte locker für ein „offizielles“ Album gereicht. Wie nett, dass Dubmatix es uns für den halben Preis anbietet.

Ebenfalls ein digitaler Release ist das Debutalbum von Dub Milan, „Dubville Chapter 1“, das unter www.reggae-town.de kostenlos heruntergeladen werden kann. Dub Milan, über den ich nicht mehr weiß, als auf seiner Myspace-Seite steht, präsentiert hier sechs nette Tracks. So richtig aufregend sind die Dubs aber leider nicht, vor allem an den Rhythms hapert es etwas. Die Mixe sind zu trocken und der Sound ist zu artifiziell geraten. Interessant ist aber Dub Milans Versuch, seinen „Bach-Rhythm“ auf Basis barocker Harmonien zu bauen. Ich hätte mir den Barock-Anteil zwar größer gewünscht, aber der Track hat seine Reize.

Ein merkwürdiges Album ist mir beim Stöbern im MP3-Store über den Weg gelaufen: The Dub Club, „Soundsystem for All“ (Soundsystem1/Download, z.B. iTunes-Store). Ein merkwürdiges Album deshalb, weil das allwissende Netz keinerlei Informationen darüber bereit hält. „Soundsystems for All“ existiert scheinbar gänzlich unbemerkt, irgendwo im Meer der Bits und Bytes auf den iTunes-Servern. Wahrscheinlich war ich soeben der erste Käufer dieses Werkes. Es wird wohl nicht das Prunkstück meiner MP3-Sammlung, aber ich wollte es doch ganz und in guter Qualität hören, weil, ja weil es doch recht ungewöhnlich ist. Die acht Tracks dieses Albums pendeln nämlich zwischen den scheinbar so gegensätzlichen Polen Club-Beat, Ska und Dub. Es gibt schnelle Ska-Offbeats – natürlich vollelektronisch – clubbige Sound-Atmosphäre und natürlich wummernde Basslines, Samples sowie Hall und Echo galore. Drei, vier Tracks gehorchen nicht dem schnellen Ska-Rhythmus und sind angenehm arrangierte Dubs mit schönen Bläsersätzen. Soundtechnisch liegt hier aber noch etwas im Argen. Der ein oder andere Track hätte ein besseres Mastering verdient – ein Hinweis darauf, dass „Soundsystems for All“ wohl die Wohnzimmer-Produktion eines eifrigen Sound-Tüftlers und Ska-Freundes ist. Außerdem wären ein paar Stücke mehr schön gewesen, denn die acht Tracks laufen nur 30 Minuten.

Bereits Ende letzten Jahres erschienen (aber erst jetzt downloadbar), hat es das Album „Dub Harvest“ (Import oder iTunes-Store) von McPullish noch nicht in diese Kolumne geschafft. Der Grund dafür ist schlicht und ergreifend, dass die Dubs nicht wirklich spannend sind. Irgendwie stimmt hier der Groove nicht, die Arrangements sind eindimensional und soundtechnisch liegt einiges im Argen. McPullish aka Carson Hoovestol hat 2002 in Seattle damit begonnen, Dubs zu produzieren. Zur Zeit betreibt er ein Studio in Texas, in dem wohl eine ganze Menge Instrumente herumliegen, die er für seine Aufnahmen tatsächlich alle eigenhändig spielt. Im Grunde ist das Album das Ergebnis einer One-Man-Show, wobei Hoovestol sich keines Computers oder Samplers bedient, sondern alle Instrumente live einspielt (und in der Regel gleich den ersten Cut verwendet). Das dürfte das Defizit der Rhythms ausreichend erklären. Andererseits gebietet es aber auch Respekt – nicht unbedingt vor der Leistung, sondern vor der Hingabe, mit der er sich seiner Musik verschrieben hat. Vielleicht ist es aber auch gar kein seeliger Dilettantismus, den ich ihm hier unterstelle, sondern Avantgarde, und ich habe es nicht gemerkt.

Meine Wertung:

Dub Evolution, Juli 2008

Und wieder veröffentlicht das nimmermüde Hamburger Dub-Label Echo Beach ein neues Dub-Album aus deutschen Landen: Sam Ragga Band, „In Dub“ (Echo Beach/Indigo). Wer die Sam Ragga Band nur für die Backing-Band von Jan Delay hält, der kennt nur die halbe Arbeit. Seit Jan Eißfeld sich vom Reggae ab und dem Funk zuwandte, agiert die Sam Ragga Band nämlich auf eigene Kosten und hat in der Zwischenzeit drei (!) eigene Alben aufgenommen. „In Dub“ ist nun die Dub-Synthese aus diesen drei Werken, gemixt, remixed und gedubbt von drei Freunden der Band: QP Laboraties, Pensi und Martin Rothert. Als Mr. Delays Backing Band konnte mich Sam Ragga nicht wirklich überzeugen. Irgendwie stimmte das Timing nicht, die Rhythms waren nicht tight und die Basslines hatten keinen Groove. Die folgenden Sam-Ragga-Alben hatte ich mir deshalb gar nicht mehr angehört. Vielleicht ein Fehler, wie ich jetzt denke, denn die Dubs, die auf vorliegendem Album zu hören sind, klingen gar nicht so schlecht. Vor allem jene, die von dem letzten Album „Situations“ stammen wie z. B. „Why Dub“ – ein schöner deeper Dub-Tune mit einer satt gespielten Bassline, minimalen Effekten und sehr puristischem Mix. Dubs, die auf das erste Album „Loktown Hi-Life“ zurück gehen, leiden hingegen unter den wenig druckvoll eingespielten Tracks und der fehlenden Spannung in den tendenziell etwas poppigeren Arrangements. Aus dem zweiten Sam Ragga-Album „The Sound Of Sam Ragga“ stammt nur der Track „Schade Dub“. Dieser ist jedoch so poppig arrangiert, dass der Verdacht nahe liegt, dass die Remixer auf dem wohl allzu poppigen Album nicht sehr fündig geworden sind. Egal! Trotz kleinerer Ausrutscher ist „Sam Ragga In Dub“ ein gutes Album, nicht gerade Avantgarde, aber solide Dub-Kost aus Hamburg. Ahoi.

Hören wir in ein zweites Album vom Echo Beach: „Dubstars – From Dub To Disco & From Disco To Dub“ (Echo Beach/Indigo). Wer hier einen klassischen Dub-Sampler erwartet wird spätestens beim Track-Listing staunen. Statt Tubby, Perry, Mad Prof & Co. findet er hier Namen wie: Terence Trent D‘Arby, Simply Red, Stereo MC‘s, Brian Eno & David Byrne, New Order oder Cabaret Voltaire. Was uns diese Compilation bietet, ist ziemlich außergewöhnlich, nämlich Dub-Mixes von Disco-Stücken aus den 1980er und 1990er Jahren, die aber fast alle in der Zeit ihrer Originalaufnahme entstanden sind. Für mich lüftet sich mit dieser CD ein bisher unergründliches Geheimnis: Wieso liefen früher in der Disco die Madonna- und Grace Jones-, Gloria Estefan- (etc.) Hits nicht in der aus dem Radio bekannten Fassung? Ganz einfach: Weil die Disco-Produzenten sie auf den Rhythmus reduzierten – und damit tanzbarere und zudem leichter zu mixende Dub-Versions gebastelt hatten. Solche Disco-Versions sind auf „Dubstars“ versammelt – allerdings keine obskuren Schnippel-Arbeiten damaliger Disco-Produzenten, sondern die Werke (seinerzeit) ernst zu nehmender Remixer wie Chris Blackwell, Adrian Sheerwod oder Dennis Bovell (neben anderen, dem Reggae-Connoisseur unbekannte Mischpult-Virtuosen). Mit Reggae-Dub hat das Ganze natürlich wenig zu tun und ein Stück von z. B. Terence Trent D‘Arby durchzustehen kostet schon etwas Selbstbeherrschung. Ausgeglichen wird dies von richtig spannenden Entdeckungen wie etwa dem Chris Blackwell-Remix des Grace Jones-Stückes „She‘s Lost Control“ oder Will Powers „Adventures In Success“ von 1983, das so klingt, als sei es soeben dem Sequenzer eines angesagten Dancehall-Produzenten entsprungen. Weil das musikalische Phänomen fast interessanter ist als die Musik, bietet die CD ausführliche und sehr amüsante Liner Notes.

Es ist längst überfällig, dass ich in dieser Kolumne auf „Lead With The Bass 3“ (Universal Egg/Cargo) zu sprechen komme. Immerhin wurde dieser Sampler in Jamaika zum Dub-Album des letzten Jahres gekürt (und ist außerdem bereits im April erschienen). Wie schon bei den beiden Vorgängern, hat Label-Chef Neil Perch hier eine Bestandsaufnahme des UK-Dub zusammen gestellt und Tunes von u. a. Vibronics, Dubdadda, Abassi All Stars, Ital Horns, Dub Terror oder Zion Train zusammen gestellt. Jeder Track ist als Originalaufnahme und als Remix (Dubplate-Version oder Dub) ein zweites Mal vorhanden. So macht man aus 8 Stücken ein ganzes Album! Obwohl soundtechnisch miserabel produziert, sind bereits die beiden ersten Tracks der Vibronics ein Knaller. Was für eine Bassline! Dazu die kräftig synkopierenden Percussions und schon ist da einer der stärksten Rhythms, die der UK-Dub in letzter Zeit zu bieten hatte. Interessant wird es noch mal bei Track 11 von Prince David, der hier eine hübsche Melodie zum Besten gibt (die mich irgendwie an Lieder der Globalisierungsgegner erinnert). Das Niveau dieser Tracks kann der Sampler leider nicht halten. Die restlichen Stücke sind nicht schlecht, aber auch in keiner Weise herausragend oder gar wegweisend. UK-Dub, wie man ihn kennt und wie er zunehmend mehr das Interesse seiner Hörer verliert.

Sehr viel interessanter ist das neue Album von Casualty: „Version 5.2“ (Hammerbass/Import). Es ist das zweite Album der französischen Sound-Tüftlers und es lässt die engen Grenzen des UK-Dub weit hinter sich. Als hätte ein frischer Wind durch die Beats geblasen, vermeidet das Album (fast) alle Klischees des Dub und überzeugt mit neuen, spannenden Ideen. So gibt es fast jazzig anmutende Tunes mit schönen Saxophonklängen, die mal neben schnellen Dub-House-Tracks und ein anderes mal neben fast spirituell-arabisch anmutenden Dub-Grooves stehen. In zwei Fällen wird sogar der Sprung zu Drum & Bass und Techno gewagt. Kein Wunder, dass Dub in Frankreich floriert, während er in England zusehends Anhänger verliert.

In England extrem angesagt ist hingegen Dubstep. Obwohl die formale Nähe zum klassischen Reggae-Dub nicht allzu ausgeprägt ist, so wäre Dubstep ohne Reggae und Dub nicht denkbar. Die DNA des Dub zeigt sich natürlich im kompromisslosen Fokus auf die Bassline. Außerdem ist Dubstep, ebenso wie Reggae-Dub, auf Sound Systems angewiesen und Dubplates gehören unabdingbar zum Business. Damit hören die Ähnlichkeiten aber auch schon auf. Onedrop, Echos und Mixpult-Zaubereien sucht man im Dubstep vergebens. Angeblich aus Garage entstanden, klingt Dubstep in meinen Ohren viel mehr nach nach einem Derivat aus Jungle und Drum & Bass – allerdings ohne die halsbrecherisch schnellen Drum-Loops. Elektronisch knarrende (übrigens wie bei Scientist!), subsonische Basslines, ebenso coole wie kalte elektronische Beats: präzise, rational, hart und scharf. Im Kontrast dazu das Meer aus Bass. Wer diesen, mittlerweile weitgehend definierten, Sound näher kennen lernen möchte, dem sei die Doppel-CD „Steppas‘ Delight“ (Souljazz/Indigo) ans Herz gelegt. Die Souljazz-Compilatoren zeichnen hier in umfangreichen Linernotes die (kurze) Geschichte des Dubstep nach und versammeln alle wichtigen Protagonisten mit insgesamt 19 Tunes.

Zurück zum klassischen One-Drop. Paul Fox hat auf Basis von Michael Roses „Great Expectations“ ein ziemlich schönes Dub-Album gemixt: „Michael Rose & Shades Of Black: Dub Expectations“ (Nocturne/Rough Trade). Es ist nicht gerade eine Ausgeburt an Innovationsdrang und Avantgardistentum. Im Gegenteil: Es ist einfach ein gutes, traditionelles Dub-Album, das man einfach so, ohne jede Ambition und Forscherdrang, genießen kann. Die Rhythms sind kraftvoll und satt, die Mixes auf Tubby-Niveau und Michael Roses Vocals ein schön auflockerndes Element. Zum Glück verzichtet Fox auf die typischen UK-Dub-Sound-Klischees und mixt einen sauberen, neutralen Sound voller Dynamik. Irritierend ist nur, dass fast alle Tunes nicht ausklingen, sondern mitten im Takt abgeschnitten sind. In Anbetracht der sorgfältigen Produktion erstaunt dieser Lapsus schon – es sei denn, Fox hält den „Band-zu-Ende“-Effekt für Stil.

Der Berliner DJ Daniel W. Best betreibt eine florierende Booking-Agentur und leistet sich nebenbei ein kleines Label mit dem Namen „Best Seven“, das er der Musik „irgendwo zwischen Reggae, Soul und Dub“ widmet. Die auf Best Seven erscheinenden Stücke erblicken in der Regel als Vinyl-Singles das Licht der Welt, was der Labelchef zum Anlass nimmt, sie von Zeit zu Zeit gebündelt auf CD zu veröffentlichen. Mit „Best Seven Selections 3“ (Best Seven/Sonar Kollektiv/Rough Trade) geschieht dies nun zum dritten Mal. Abgesehen von den Black Seeds und Tosca waren mir die Namen der hier vertretenen Artists (Sisters, Kabuki, Cat Rat, Ladi 6, Jah Seal u.a.) absolut unbekannt. Dem entsprechend erwartete ich nicht viel. Doch welch‘ Überraschung beim Anspielen der ersten Tracks! Die hier versammelten Stücke sind wunderschön. Wunderbar sanfter, relaxter Reggae mit eingängigen Melodien und richtig gutem Gesang. Manchmal klingt es ein wenig nach Lovers Rock, dann wieder nach Fat Freddies Drop. Obwohl alle Stücke mit Vocals sind, passt die Platte irgendwie doch in diese Dub-Kolumne. Vielleicht liegt es an dem warmen, entspannten Sound, an den verhaltenen Dub-Effekten mancher Stücke – oder es liegt einfach daran, dass mir diese Compilation ausnehmend gut gefällt.

Letztens fiel mir ein eigenwilliges Album in die Hände: Tuff Lion, „Ten Strings“ (I Grade/Import). Zu hören gibt es darauf instrumentellen Reggae mit der Gitarre als Lead-Instrument. Logisch, dass so eine Platte aus Amerika kommen muss. Label-Chef und -Produzent Tippy I trug für das Album 14 Rhythm-Tracks aus dem I Grade-Back-Katalog sowie 4 neue Rhythms zusammen und ließ den Gitarristen Tuff Lion darüber improvisieren. Statt kreischender Rock-Soli spielt der Löwe sanfte, jazzige Klänge, die nicht selten an Ernest Ranglin erinnern. Sehr entspannt das Ganze – und auf Dauer leider auch etwas langweilig. Als Hintergrundbeschallung beim Lesen oder Arbeiten aber perfekt!

Kommen wir zur Revival-Selection. Roots Radics Meets King Tubbys, „More Dangerous Dub“ (Greensleeves/Rough Trade) heißt das nun erschienene Nachfolge-Album zu dem ursprünglich 1981 erschienenen und 1996 wiederveröffentlichtem Album „Dangerous Dub“. Bei dem Namen „Roots Radics“ dürfte eigentlich ziemlich klar sein, welcher Sound den Hörer hier erwartet: Ultra langsame, mit viel „Luft“ gemischte Rhythms, in deren Mittelpunkt stets eine schön melodiöse Bassline steht. Als Mixing-Engineers waren hier Jah Screw (der auch produziert hat), Soldgie sowie King Tubby tätig (letzterer hat wahrscheinlich nur „Regie“ geführt). Wie bei „Dangerous Dub“ so stammen auch die Aufnahmen auf „More Dangerous Dub“ aus dem Jahr 1981 und natürlich gibt es viele Studio-One-Interpretationen zu hören, wie z. B. „African Beat“, ein fantastischer Dub, mit dem das Album auch beginnt. Angeblich wurde keine der hier versammelten Aufnahmen je veröffentlicht – was bei der Qualität des Material schwer fällt zu glauben.

Nicht unveröffentlichte, jedoch „rare“ Dubs gibt es auf „Scientist At The Controls Of Dub – Rare Dubs 1979-1980“ (Jamaican Recordings/Import) zu hören. Produziert hat sie Ossie Thomas und aufgenommen wurden sie im Tuff Gong und Channel 1 Studio, gemixt bei Tubby‘s. Verglichen mit den Aufnahmen von „Dangerous Dub“, klingen die Scientist-Tunes rauer, atmosphärischer, weniger clean und sind definitiv ambitionierter gemixt. Auch blitzen hier gelegentlich – vor allem am Anfang jedes Tunes – die original Vocals durch, so dass man immer wieder kleine Melodiefetzen von Dennis Brown, Tony Tuff, Tristan Palmer und anderen hören kann. Ein sehr schönes Album, das locker dazu angetan ist, die Begeisterung für den guten alten Jamaikanischen Dub wieder zu erwecken.

Meine Wertung:

Dub Evolution, Mai 2008

Mittlerweile ist Lars Fenin ja ein guter Bekannter in dieser Kolumne. Nach „Sustain“ und „Grounded“ widmen wir uns nun seinem neuen Album „Been Through“ (Shitkatapult/mdm), womit er seinem zur Perfektion getriebenen Mix aus Dub und Techno prinzipiell treu bleibt, aber trotzdem nicht auf der Stelle tritt. Waren seine früheren Beats wärmer, weicher und näher am „Four to the floor“-Muster, so mischen sich nun (Dubstep sei dank) verstärkt gebrochene Strukturen in die Rhythms. Damit vergrößert Fenin seinen Abstand zu Rhythm & Sound auf der einen und The Modernist auf der anderen Seite. Extremer Minimalismus war ja sowieso nie Fenins Sache. Schon immer hat er seine Tracks mit vielen Ideen angereichert und raffinierte Arrangements daraus gewoben. „Been Through“ ist mit der Kategorie „Minimal“ nun überhaupt nicht mehr zu fassen. Fenins Stücke entwickeln sich immer mehr von „Patterns“ hin zu vollwertigen Tunes – in den Fällen, in denen er sich von Vokalisten wie Gorbi unterstützen lässt gar zu waschechten Songs. „A Try“ ist ein solcher Song mit wunderschön melancholischem Gesang und einer eingängigen Melodie. Ebenso „Red Wine“, ein augenzwinkerndes Zitat des UB40-Hits, das natürlich perfekte Songqualitäten besitzt. Doch während die britische Band den Gesang in weichgespülte Beats packte, hat Fenins Version Ecken und Kanten, ist ungleich komplexer und hat zugleich einen fetten Kick, der den Tune uneingeschränkt clubtauglich macht. Verglichen mit den früheren Alben und EPs klingt Fenins Musik nun deutlich härter, fast so, als wolle der Wahlberliner seiner Synthese aus Dub und Techno noch ein paar Sprengsel Dancehall hinzu addieren. Warum eigentlich nicht? Neue Wege sind Fenins Spezialität.

Was für ein Frühling! So viele gute Dub-Releases auf einem Haufen gab es selten. Offensichtlich drängt das in dunklen, verregneten Wintertagen hinter dicken Studiotüren zusammengetüftelte Material nun an die Öffentlichkeit. Wie z. B. das grandiose neue Album vom Echo-Beach: „Police In Dub“ (Echo Beach/Indigo). Vorne im Heft steht ein ausführlicher Artikel zum Thema. Hier sei nur nochmal eine ausdrückliche Kaufempfehlung ausgesprochen. Das Album gehört zum Besten, was je in Deutschland unter dem Label „Dub“ produziert wurde und spielt auch im internationalen Vergleich in der ersten Liga. Produzent Guido Craveiro und die Band Okada haben unglaublich durchdachte und bis ins letzte Detail durchgestaltete Tracks aufgenommen. Die Rhythms grooven, das Timing ist perfekt. Der Sound ist meilenweit von durchgenudelten Dub-Klischees entfernt und trotzdem voller Wärme und Tiefe. Immer, wenn man meint, besser könne es nicht werden, dann tauchen diese grandiosen, eingängigen Police-Melodien aus dem Meer von Bass auf, vollführen einige elegante Pirouetten, um dann wieder in den Tiefen von Drum & Bass zu versinken. Man könnte ins Schwärmen geraten!

Die nächste große Überraschung ist ein Dub-Album aus Jamaika! Wer hätte gedacht, dass die Insel 20 Jahre nach dem Tod King Tubbys noch einmal ein Dub-Album hervorbringen würde? Der Vater dieses Projektes ist Clive Hunt, ein ebenso umtriebiger wie vielseitiger Produzent der bereits in den 1970er Jahren Künstler wie die Abyssinians, Dennis Brown oder Max Romeo produzierte. In den letzten Jahren hatte er sich auch viel in Frankreich getummelt (z. B. produzierte er Pierpoljak oder Khaled). Vielleicht deshalb ist sein Dub-Album „Clive Hunt & The Dub Dancers“ (Makasound/Rough Trade) auch auf dem französischen Label Makasound erschienen. Namhafte Musiker wie Sly Dunbar, Leroy Wallace, Earl Chinna Smith oder Sticky Thompson arbeiteten an dem gelungenen, überraschenden Album mit. Denn auch wenn man Clive Hunt als innovationsfreudigen (und zugleich sehr bescheidenen) Producer kennt, der nie wirklich ins Licht des Ruhms getreten ist, hätte man von einem jamaikanischen Produzenten ein so ausgeklügeltes, abwechslungsreiches und kompromisslos modernes Dub-Album nicht erwartet. Clive Hunt ist mit seinem Werk voll auf der Höhe der Zeit, so als hätte es in Jamaika nie eine Dub-Pause von rund 25 Jahren gegeben. Fetter, auf den Punkt produzierter Sound, fantastische Riddims (mit einigen Zitaten wie Realrock, Cuss Cuss, Cassandra), komplexe Instrumentierung, lots of FX und natürlich – von Hunt persönlich – äußerst inspiriert gemixt. Doch die größte Stärke des Albums ist wohl seine Vielfältigkeit. Statt einen Sound durchzuziehen, setzt es sich aus 16 individuellen, sehr eigenständigen und stets überraschenden Tracks zusammen. Hunt sprüht nur so vor Ideen. Es wäre so schön, wenn dieses Album kein Einzelfall bliebe und jamaikanische Produzenten den Dub wiederentdeckten. Damit dies geschieht, müsste sich eines auf Jamaika herumsprechen, nämlich, dass man mit Dub Geld verdienen kann. Also: alle schön Clive Hunt & The Dub Dancers kaufen (und nicht illegal downloaden!)

Wie man mit Dub zwar kein Geld verdient, aber die Community glücklich macht, zeigt Phil Harmony mit dem kostenlos zum Download bereitstehenden Dub-Sampler „Dubnight Compilation Vol. 2“ (http://www.reggae-town.de/Downloads-req-viewdownload-cid-7.html). 25 (!) Tracks hat er hier versammelt (also umgerechnet zwei CDs) von so namhaften Artists wie Ganjaman, Zion Train, The Okada Supersound, Malone Rootikal, Dub Spencer & Trance Hill, Jahcoustix, Dubmatix, Aldubb und Phil Harmony himself. Ergänzt wird diese Selection von vielen (noch) unbekannten, aber keineswegs schlechten Dub-Produzenten. Mr. Harmony hat bei der Auswahl nicht nur ein geschicktes Händchen, sondern offensichtlich auch viel Überzeugungskraft bewiesen, denn so viele hochwertige Tracks kostenlos überlassen zu bekommen ist schon eine tolle Leistung. Jetzt hapert es nur noch am Marketing. Ein so außergewöhnliches Projekt müsste viel bekannter sein.

Da es gerade so gut zum Thema passt: Neulich bin ich auf das polnisches Net-Label „Qunabu“ (http://netlabel.qunabu.com/) gestoßen, wo sich ein gigantisches 5-Track Album mit dem Titel „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Dub Band“ kostenlos downloaden lässt. Fünf Tracks bester Unterwasser-Minimal-Dubtechno, der – auch qualitativ – nicht weit von Rhythm & Sound entfernt ist.

Meine Wertung:

Dub Evolution, März 2008

Seit Mitte der 1990er Jahre mischen die Vibronics aus Leicester Dub-Sounds made in the UK – und jeder Dub-Freund weiß genau was das heißt: kraftvolle Steppers-Beats mit dröhnenden Basslines und four to the floor durchmarschierenden Bassdrums. Dazu gesellen sich die typischen Synthie-Offbeats und massig Hall und Echo. Einst synonym für das große Dub-Revival, das Anfang der 1990er Jahre durch von Jah Shaka inspirierte Acts wie den Disciples, Zion Train oder Alpha & Omega eingeläutet wurde, ist dieser Sound heute ein Dub-Style unter vielen, aber einer, der untrennbar mit dem Vereinigten Königreich identifiziert wird. Die Vibronics sind ihm treu geblieben, variieren ihn innerhalb der engen Grenzen und spielen als eine der letzten überlebenden Dub-Bands der 1990er unverdrossen ihre Sound System Sessions. Ihre neue Platte „UK Dub Story“ (Scoop/Import) feiert diesen UK-Dub-Sound – nicht in Form einer Compilation, wie der Titel vermuten lässt, sondern mit neuen Produktionen. Natürlich sind hier keine Überraschungen zu erwarten. Brauchtumspflege trifft den Sinn und Zweck des Albums besser. Doch daran muss nichts schlechtes sein. Die   allgemeine Fixierung auf Innovation ist ohnehin höchst fragwürdig. Warum nicht einfach ein handwerklich gutes, solides Album ohne den Anspruch auf Entdeckung neuer Soundwelten produzieren? Die meisten Entdeckungen gehen sowieso in die Hose, da freut sich der Fan doch lieber über gut gemachte Genrekost. Und genau diese liefern die Vibronics. Kein Zweifel, sie beherrschen ihr Handwerk nach 13 Jahren im Dub-Business perfekt und wissen, wie man massive Rhythms strickt und ihnen das richtige Dub-Treatment verabreicht. Bass galore, flirrende Soundpartikel, angerissene Melodien und eine stoisch stampfende Bassdrum – was braucht es mehr zum Glück?

Mossburg heißt ein US-Label, das nun mit zwei reinrassigen Dub-Alben erstmals meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Das erste Album stammt von den Hi Fi Killers und ist „Turf War Dub“ (Mossburg/Import) betitelt. Es enthält 12 ziemlich interessante Dubs, die virtuos mit Sounds des vordigitalen Zeitalters spielen und die Killers unverkennbar als Fans von Scientist und King Jammy outen. Hier steckt viel Liebe im Detail, der Sound ist warm und reichhaltig und das Rauschen und Knistern weckt wehmütige Erinnerungen an frühere Zeiten. Nun würde das nicht viel zählen, wenn die Rhythms nicht gut wären. Kein noch so detailverliebt arrangierter Dub kann gut sein, wenn der Rhythm, das aus Drum & Bass gebaute Fundament nicht überzeugt. Doch die Hi Fi Killers sind hervorragende Tiefbauexperten, wise men, die ihr Haus auf Fels und nicht auf Sand bauen. Und so ist klamm und heimlich auf diesem unbekannten, nur über Import erreichbaren, Underground-Label ein überraschendes, sehr schönes Dub-Album entstanden, das ich jedem, der zu hören weiß, ans Herz legen möchte.

Das andere bei Mossburg erschienene Album, „Terrible Riddims“ (Mossburg/Import), stammt von Dub Fanatic und bietet einen viel klareren, saubereren, präzisen Sound, der weniger schillert, als vielmehr geradlinig die Beats abarbeitet. Den Arrangements ist eine Vorliebe für die Dubs der Revolutionaries anzuhören und die Riddims sind natürlich ganz und gar nicht terrible. Wer mit einem Album aus dem Hause Mossburg bedient ist, der sollte zu den Hi Fi Killers greifen, wer sich aber den Luxus von zwei Dub-Packungen geben will, der kann auf die Label-Website www.mossburgmusic.com gehen und dort für nur 9 Dollar die „Terrible Riddims“ herunterladen – und zwar nicht als mp3, sondern als unkomprimierte AIF-Dateien, die sich anschließend ohne Verlust auf CD brennen lassen. Das ist mal eine interessante Vertriebsstrategie!

Beim nächsten Album bin ich auf einen saublöden Etikettenschwindel hereingefallen, der sich dann aber durchaus als Segen erwies. In dem Order-PDF meines Reggae-Dealers fiel mir sofort das typische gelbrote Souljazz-Cover mit dem kreisrunden Bild in der Mitte in die Augen: „Homegrown Dub – 100% Remixed“ (Mai/Import) lautete der Titel, und ich kombinierte blitzschnell: Nach den zwei CDs „Box of Dub“ 1 und 2 bringt Souljazz nun ein Portrait der aktuellen britischen Dub-Szene. Weit gefehlt! Als mir die CD schließlich vorlag, fand ich im Kleingedruckten unten auf dem Cover, wo normalerweise „Souljazz“ steht, worum es tatsächlich ging: Um Dubs der neuseeländischen Band Katchafire. Von Souljazz keine Spur! Ziemlich übel gelaunt legte ich das Werk in den Player und war dann doch einigermaßen überrascht. Statt den Rip Off mit billig produziertem Material perfekt zu machen, erklangen handgespielte, komplex arrangierte und durchkomponierte Dub-Versions (der beiden Katchafire-Alben „Revival“ und „Slow Burning“). Der Sound erinnert tatsächlich ein wenig an Fat Freddies Drop, auch wenn er weit weniger lässig ist. Nicht selten klingt Katchafire wie eine Rockband, die Reggae spielt, bietet dabei aber schöne Melodien und richtig spannende, traditionell gemixte Dub-Effekte. Auf CD 2 befinden sich dann sieben Club-tauglich remixte Versionen, wobei der Song „Rude Girl“ gleich drei mal remixed wurde. Alles in allem hätte Katchafire den Etikettenschwindel gar nicht nötig gehabt. Das Album ist gut genug, um um seiner selbst wegen gekauft zu werden.

Eine Hommage an das Dub Syndicate bietet uns Rob Smith mit einem Megamix diverser Tracks der Band von Style Scott. „Overdubbed by Rob Smith (courtesy of Smith & Mighty)“ (Collision/Groove Attack) lautet denn auch der vollständige Titel und versucht, das Material diverser Dub Syndicate-Alben mit dem Hinweis auf das Zauberduo aus Bristol aufzuwerten. Die dadurch gesteigerte Erwartungshaltung wird beim Hören leider nicht ganz eingelöst, denn von den Overdubbs ist nicht all zu viel zu hören. Mr. Smith liefert hier mehr oder weniger ein auf Dub Syndicate-Tunes beschränktes DJ-Set. Kaum der Rede wert, wären die Songs nicht so gut, wie sie es sind. Style Scott hat mit Hilfe von hervorragenden Vokalisten wie Big Youth, Junior Reid, Cederic Myton, Capleton sowie den beiden hervorragenden Dub-Mixern Adrian Sherwood und Scientist im Tuff Gong-Studio einfach ein paar superbe Songs produziert. Vielleicht liegt der eigntliche Sinn der Overdub-Aktion darin, die ursprünglich etwas untergegangenen Dub Syndicate-Alben erneut in das Blickfeld der Dub- und Reggaefreunde zu rücken. Verdient haben sie es.

Meine Wertung: