Dubmix zur Dub Evolution Januar 2009

Tracklist:

Solidaze: „Panorama Dub“ aus dem Album „Nothern Faction 4“ (balanced-records.com)
Analogue Mindfield: „Need A Leader (Dub)“ aus dem Album „Visions In Sonic Sense“  (Malicious Damage/Cargo)
Harmonic 313: „Dirtbox“ aus dem Album „When Machines Exceed Human Intelligence“ (Warp/Roughtrade)
High Tone: „X-Ray“ aus dem Album „Underground Wobble“ (Jarring Effects/Alive!)
Midnite & Lustre Kings: „Reala Dub“ aus dem Album „Infinite Dub“ von Midnite/Lustre Kings (Lustre Kings/Import)

Download mp3 (23MB): dubmix_1_2009

Meine Wertung:

Meine Dub Top 10 des Jahres 2008

1. Dubmatix: „Renegade Rocker“ (7 Arts/Echo Beach/Indigo)
2. Dubxanne: „Police In Dub“ (Echo Beach/Indigo)
3. Clive Hunt: „Clive Hunt & The Dub Dancers“ (Makasound/Rough Trade)
4. Prince Fatty: „Survival Of The Fattest” (Mr. Bongo/Cargo).
5. Various: „Dub-Anthology“ (Wagram/SPV)
6. Kasbah Rockers: „Kasbah Rockers with Bill Laswell“ (Barraka)
7. Vibronics & Friends: “UK Dub Story” (Scoop/Import)
8. Hi Fi Killers: „Turf War Dub“ (Mossburg/Import)
9. Lars Fenin: „Been Through“ (Shitkatapult/mdm)
10. Jimmy Radway & The Fe Me Time All Stars: „Dub I“ (Pressure Sounds/Groove Attack)

Meine Wertung:

Dub Evolution, November 2008

„… One of the hardest dub albums ever released“, steht im Rough Guide To Reggae über das Album „Dub I“ von Produzent Jimmy Radway & The Fe Me Time All Stars (Pressure Sounds/Groove Attack). Über dieses Statement ließe sich vorzüglich streiten – darüber, dass „Dub I“ one of the hardest albums ever TO GET“ war, braucht es jedoch keine Diskussion. 1975 mit einer Auflage von nur 300 Stück in Jamaika veröffentlicht, war „Dub I“ als eines der ersten Dub-Alben überhaupt – und zudem noch ein Frühwerk von Meister-Engineer Errol Thompson – so etwas wie der heilige Gral der Reggae-Sammler. Die wenigen Auserwählten, deren Sammlung von einer der raren, verbliebenen Vinyl-Scheiben dieses Albums gekrönt wurden, müssen nun einen herben Kurssturz ihres Anlagevermögens hinnehmen, denn Pressure Sounds wiederveröffentlicht das Dub-Album nun perfekt remastert mit fünf Bonus-Tracks, dem Original-Cover und ausführlichen Linernotes. Als Dub-Connoisseur des Jahres 2008, mit Kenntnis der langen Geschichte des Dub (auch nach 1975), mag sich das revolutionär Neue und vor allem die „Härte“ des Albums nicht mehr erschließen. Zu viel von dieser an Innovationen nicht armen Musik hat man schon gehört, hat sich tonnenschwere Bässe um die Ohren hauen lassen und ist durch so manche Echo-Kammer gewirbelt worden. Aus heutiger Sicht wirkt der Sound und das Arrangement von „Dub I“ einigermaßen konventionell. Retrospektiv betrachtet lässt es sich jedoch nachvollziehen, warum der trockene, von kraftvollen Bläsern dominierte, klare und schnörkellose Sound damals als revolutionär wahrgenommen wurde. Wäre Radways Micron-Label zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Albums nicht bereits pleite gewesen, dann hätten eine höhere Auflage und ein paar Promos in den Briefkästen von Virgin- oder Island-Records, Mr. Radway gewiss einen Platz in der Reggae Hall Of Fame gesichert. So ist es nicht gekommen, weshalb wir uns das Album nun mit über dreißigjähriger Verspätung anhören und ihm die Anerkennung zugestehen, die ihm so lange versagt geblieben ist.

Wie innovativ Dub sein kann, lässt sich an dem Album „Kasbah Rockers with Bill Laswell“ (Barraka) (zu beziehen z. B. über Amazon oder iTunes) zeigen. Unter diesem Titel hat der in Basel lebenden Musikers Pat Jabbar mit einigen Artists seines Barraka-Labels ein Album veröffentlicht, das Trip Hop Beats, „Rai’n’B“, Dub und progressive Dance-Sounds mit traditionellen marokkanischen Einflüssen verbindet. Bill Laswell, der auf 11 Tracks Bass spielt, groovt hier zusammen mit Musikern und Sängern wie Youssef El Mejjad von Amira Saqati, Abdelaziz Lamari und Abdelkader Belkacem von Maghrebika oder Kadir & Erdem von der schweizerisch-türkischen Hip Hop-Crew Makale. Gesungen wird auf türkisch und arabisch über das Leben junger Muslime in der westlichen Welt – oder genau umgekehrt – die Konfrontation der islamischen Welt mit westlichen Einflüssen. Zwei Stücke des Albums, „Bledstyle“ und „Shta“, wurden übrigens von Ridley Scott für den Soundtrack seines neuen Films „Body Of Lies“ ausgewählt. Ausgewiesene Reggae-Beats sucht man bei den Kasbah Rockers zwar vergeblich, doch die Elemente des Dub sind allgegenwärtig. Vor allem Laswells schwer rollender Bass zieht eine direkte Verbindung zum Dub. Instrumentierung, Mix und Arrangement tun ihr übriges. Die Stimmung der Musik ist düster, psychedelisch und nicht zuletzt fremd und exotisch. Eine erlebnisreiche, akustische Exkursion in unbekanntes Gebiet.

Um wieder sicheres Terrain zurück zu gewinnen, hören wir jetzt mal in die neue EP der Abassi All Stars, „No Answer“ (Universal Egg/Import). Basis von drei der vier Tracks ist Mr. Perchs „No Answer“-Rhythm – ein ausgesprochen schneller Steppers-Beat mit den bekannten Synthie-Sounds. Doch Neil Perch versteht es trotz des nun wirklich mehr als abgenutzten Sounds, immer wieder gute Rhythms zusammen zu schrauben und – vielleicht sein größtes Verdienst – ordentliche Melodien zu entwickeln. So finden sich auf „No Answer“ mit Minoo, Omar Perry und Carlton Livingston gleich drei Vokalisten, von denen ein jeder einen richtig schönen Song beizusteuern weiß. Vor allem der Refrain des letzteren „I don‘t have the answers to all those questions“ hat eine heimtückische Ohrwurm-Qualität.

Bleiben wir kurz im Bereich des wohl bekannten: Alpha & Omega legen mit „Songs From The Holy Mountain“ (Alpha & Omega/Import) ein neues (neues?) Album vor. Ehrlich gesagt, habe ich bei den beiden Briten den Überblick verloren. A&O bleiben ihrem Stil seit den 1990er Jahren so konsequent treu, dass man nicht unterscheiden kann, ob man neues oder wohl bekanntes Material hört. Irgendwie klingt hier alles nach tiefstem Dschungel. Neu sind aber auf jeden Fall die Vocals, die von Paul Fox und Jonah Dan beigesteuert werden. Viel eingefallen ist den beiden aber kaum, so dass der zweite Teil des Albums mit den Dub-Versions, der eigentlich interessante ist. Obwohl ich wahrscheinlich alle A&O-Alben der letzten 15 Jahre besitze und sie auch schon viele Male gehört habe, verzückt mich der mystisch, düstere Sound jedes Mal von neuem. So erklärt sich, warum sich über die „Songs From The Holy Mountain“ nichts wirklich Gutes sagen lässt, ich das Album aber trotzdem von Herzen empfehle.

Auf dem in Berlin gewissenhaft gepflegten Wackies-Label ist mit „Black World Dub“ (Wackies/Indigo) ein neues altes Werk der Bullwackie‘s All Stars erschienen. Erstveröffentlicht im Jahre 1979, bietet es uns Dub-Versionen von Reworkings alter (Studio One-)Hits wie „Heptones Gonna Fight“, „Guiding Star“,„Skylarking“ oder „This World“. Zu verdanken haben wir diese Auswahl Leroy Sibbles, der die meisten Aufnahmen des Albums leitete und natürlich auch das Bassspiel beisteuerte. Der Sound ist typisch Wackies: warm, weich und ziemlich unscharf. So manche Tracks halten kleine Überraschungen bereit, wie etwa die atemberaubenden Percussions auf „Skylarking“ oder die eingestreuten Syndrums auf „Morning Star“, die seinerzeit das Aufsehen erregende Produkt modernster japanischer Technik waren.

Ein schönes Album für die Revival Selection hat Heartbeat Records soeben veröffentlicht: Dub Specialist, „Dub“ (Heartbeat/in-akustik). Hier finden sich Dub-Versions klassischer Studio One-Aufnahmen – was natürlich immer schön ist. Mit dabei sind diesmal u.a. „African Beat“, „Mojo Rocksteady“, „Swing Easy“, „Mean Girl“ und viele mehr. Schön schrammeliger Sound, wundervolle Basslines, tolle Melodien und das alles selbstverständlich remastert und schön verpackt. Was will man mehr?

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf ein Album aus Jamaika: Penthouse All-Stars, „Dub Out Her Blouse & Skirt“ (VP/Groove Attack). „Dub aus Jamaika“ klingt zunächst gut, ist in diesem Fall aber wenig spektakulär. Zu hören gibt es auf diesem VP-Release nämlich lediglich Studio One-Reworkings, die Donovan Germain in den 1980er und 1990er Jahren für sein Penthouse-Label produziert hat. Digitales Material in einem Sound, der sich leider ziemlich überlebt hat und heute, ob seiner Simplizität, nicht mehr recht zu überzeugen weiß. Zu hören gibt es Steele & Clevie, Robbie Lyn, Dave Kelly, die Firehouse Crew und Steven „Lenky“ Marsden. An dem Album lässt sich übrigens unmittelbar nachvollziehen, warum mit dem Einzug der digitalen Musik in Jamaika der Dub seinen Abschied nahm.

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution, November 2008

Tracklist:

Fe Me Time Stars: „Wicked Have To Feel It“ aus dem Album „Dub I“ (Pressure Sounds/Groove Attack)
Bullwackie’s All Stars: „Skylarking“ aus dem Album „Black World Dub“ (Wackies/Indigo) 
Dub Specialist: „Dubbing Lecturer“ aus dem Album „Dub“ (Heartbeat/in-akustik)
Dub Specialist: „Dub Me Girl“ aus dem Album „Dub“ (Heartbeat/in-akustik)
Dub Specialist: „Dub It Easy“ aus dem Album „Dub“ (Heartbeat/in-akustik)
Penthouse All-Stars: „Swinging Dub“ aus dem Album Dub Out Her Blouse & Skirt (VP/Groove Attack)
Kasbah Rockers: „Hellou Al Biban“ aus dem Album Kasbah Rockers (Barraka)
Kasbah Rockers: „Kafaka Mina Raks“ aus dem Album Kasbah Rockers (Barraka)
Abassi All Stars Feat. Carlton Livingston: „No Answer“ von der EP „No Answer“ (Universal Egg/Import)

Download mp3 (24 MB): dubmix_11_2008

Meine Wertung:

Dub Evolution, Oktober 2008

Prince Fatty: Survival Of The Fattest

Als das Modelabel Stüssy vor drei Jahren mit einer netten Reggae-Kollektion das 25. Firmenjubiläum feierte, heuerten sie den Freelancer Mike Pelanconi (der Lily Allen „Smile“ schenkte) an, um eine Single, passend zur Mode, zu produzieren. Pelanconi lieferte mit „Nina‘s Dance“ einen schönen, relaxten Tune im Stil des frühen Reggae ab, der es im UK wider Erwarten zu einiger Popularität brachte. Inspiriert durch diesen Erfolg, produzierte Pelanconi unter dem passenden Namen „Prince Fatty“ gleich ein ganzes Album, das direkt aus den frühen 1970er Jahren entsprungen sein könnte: „Survival Of The Fattest“ (Mr. Bongo/Cargo). Aufgenommen mit analogem Equipment und eingespielt durch einige Koryphäen der britischen Reggae-Szene (Carlton „Bubblers“ Ogilvie, Style Scott, Winston Francis, Little Roy u.a.) ist das Album eine einzige Hommage an King Tubby, Bunny Lee und die Revolutionaries. Doch so akribisch Pelanconi den Sound der 70er kopiert, die Songs sind alle originär sein Werk – was aber nur bei genauem Hinhören feststellbar ist, denn die Sound-Zitate vermitteln stets das Gefühl, dieses Stück zu kennen, und jene Melodie mitsummen zu können. Erst in dem Moment, wo man die Lippen zum mitpfeifen schürzt, hält man verdutzt inne und macht sich bewusst, dass dies hier brandneue Stücke und bisher ungehörte Melodien sind – auch wenn Dennis Alcapone seine altbekannten Toasts zum besten gibt, die Orgel pulsiert wie bei Jackie Mittoo, die Gitarre von Ernest Ranglin gezupft zu werden scheint und die Bläser an Tommy McCook denken lassen. Dem fetten Prince (der natürlich keineswegs dick ist) sind einfach wunderschöne Feel-Good-Stücke geglückt, die eigentlich eher Instrumentals denn Dubs sind. In vier Fällen gibt es sogar nette Gesangsbegleitung: Little Roy hat zwei Tunes übernommen, Winston Francis einen und Hollie Cook, die Sängerin der Slits (und Tochter des Sex-Pistols-Drummers Paul Cook) gibt dem Stück „Milk And Honey“ den rechten Schmelz. Prince Fatty rules!

Jesse King! Ein Supername. Keine Ahnung, warum sich Mr. King ausgerechnet Dubmatix nennen musste. Vielleicht sollte das „Dub“ unbedingt in den Namen, denn Dub ist zweifelsohne das Kerngeschäft des Meisters aus Toronto. Als Sohn eines Jazz- und Funk-Produzenten, erlebte Jesse seine musikalische Erweckung in den frühen 1980er Jahren, als ihm ein Exil-Jamaikaner die Platte „King Tubby Meets Rockers Uptown“ in die Hand drückte. Von diesem Moment an bewegte sich Jesse Kings Leben zielstrebig auf das Jahr 2004 zu, als er sein erstes Dub-Album „Champion Sound Clash“ veröffentlichte. Danach folgte noch „Atomic Subsonic“ und nun, schließlich, „Renegade Rocker“ (7 Arts/Rough Trade). Alle drei Alben zeichnen sich durch sehr kraftvolle, hochdynamische Beats aus. Hier stimmt das Timing, die Offbeats sitzen perfekt und der One-Drop lässt das Zwerchfell erbeben. Herr Dubmatix weiß, wie man fette Beats zusammenschraubt. „Renegade Rocker“ ist nun die Krönung dieser Kunst. Laut gehört, bläst einen das Album schlicht um. When music hits you, you feel no pain – zum Glück! Viele andere Dubber hätten aus den 16 Tracks 5 Alben gebastelt, Dubmatix packt das Material auf einen Longplayer – und begnügt sich noch nicht einmal mit den Dubs allein, sondern packt auf zwei Drittel der Tunes auch noch Gast-Vokalisten der ersten Garde drauf! Linval Thompson, Ranking Joe, Michael Rose, Sugar Minott, Willy William, Alton Ellis, Pinchers und Wayne Smith geben sich hier die Studioklinke in die Hand. Heraus gekommen ist ein Album, das wirklich rockt – reggaewise! 

Doch neben den „offiziellen“ Alben, veröffentlicht Dubmatix auch sogenannte „Digital Releases“, die unter www.dubmatix.com oder im iTunes Store (hier aber teurer) heruntergeladen werden können. Jüngst ist in dieser Reihe das Album „Dread & Gold“ (www.dubmatix.com) erschienen. Es versammelt Dubs aus den Jahren 2003 bis 2008. Einige der Tracks hatten es im letzten Moment nicht auf eines der CD-Releases geschafft, andere wurden speziell für Live-Auftritte oder Radio-Shows aufgenommen. Doch wer glaubt, hier nur Ausschuss zu finden, der irrt. Denn die Tunes sind ausnahmslos gut. Natürlich sind sie weniger aufwendig produziert und allesamt instrumental – was aber gerade ihren Reiz ausmacht. Der Kanadier ist hier viel näher am klassischen Dub, aber ohne die Klischees des UK-Dub zu wiederholen. Seine Tracks stecken voller Ideen, kein Dub gleicht dem anderen und handwerklich bleibt nichts zu wünschen übrig. Das Material hätte locker für ein „offizielles“ Album gereicht. Wie nett, dass Dubmatix es uns für den halben Preis anbietet.

Ebenfalls ein digitaler Release ist das Debutalbum von Dub Milan, „Dubville Chapter 1“, das unter www.reggae-town.de kostenlos heruntergeladen werden kann. Dub Milan, über den ich nicht mehr weiß, als auf seiner Myspace-Seite steht, präsentiert hier sechs nette Tracks. So richtig aufregend sind die Dubs aber leider nicht, vor allem an den Rhythms hapert es etwas. Die Mixe sind zu trocken und der Sound ist zu artifiziell geraten. Interessant ist aber Dub Milans Versuch, seinen „Bach-Rhythm“ auf Basis barocker Harmonien zu bauen. Ich hätte mir den Barock-Anteil zwar größer gewünscht, aber der Track hat seine Reize.

Ein merkwürdiges Album ist mir beim Stöbern im MP3-Store über den Weg gelaufen: The Dub Club, „Soundsystem for All“ (Soundsystem1/Download, z.B. iTunes-Store). Ein merkwürdiges Album deshalb, weil das allwissende Netz keinerlei Informationen darüber bereit hält. „Soundsystems for All“ existiert scheinbar gänzlich unbemerkt, irgendwo im Meer der Bits und Bytes auf den iTunes-Servern. Wahrscheinlich war ich soeben der erste Käufer dieses Werkes. Es wird wohl nicht das Prunkstück meiner MP3-Sammlung, aber ich wollte es doch ganz und in guter Qualität hören, weil, ja weil es doch recht ungewöhnlich ist. Die acht Tracks dieses Albums pendeln nämlich zwischen den scheinbar so gegensätzlichen Polen Club-Beat, Ska und Dub. Es gibt schnelle Ska-Offbeats – natürlich vollelektronisch – clubbige Sound-Atmosphäre und natürlich wummernde Basslines, Samples sowie Hall und Echo galore. Drei, vier Tracks gehorchen nicht dem schnellen Ska-Rhythmus und sind angenehm arrangierte Dubs mit schönen Bläsersätzen. Soundtechnisch liegt hier aber noch etwas im Argen. Der ein oder andere Track hätte ein besseres Mastering verdient – ein Hinweis darauf, dass „Soundsystems for All“ wohl die Wohnzimmer-Produktion eines eifrigen Sound-Tüftlers und Ska-Freundes ist. Außerdem wären ein paar Stücke mehr schön gewesen, denn die acht Tracks laufen nur 30 Minuten.

Bereits Ende letzten Jahres erschienen (aber erst jetzt downloadbar), hat es das Album „Dub Harvest“ (Import oder iTunes-Store) von McPullish noch nicht in diese Kolumne geschafft. Der Grund dafür ist schlicht und ergreifend, dass die Dubs nicht wirklich spannend sind. Irgendwie stimmt hier der Groove nicht, die Arrangements sind eindimensional und soundtechnisch liegt einiges im Argen. McPullish aka Carson Hoovestol hat 2002 in Seattle damit begonnen, Dubs zu produzieren. Zur Zeit betreibt er ein Studio in Texas, in dem wohl eine ganze Menge Instrumente herumliegen, die er für seine Aufnahmen tatsächlich alle eigenhändig spielt. Im Grunde ist das Album das Ergebnis einer One-Man-Show, wobei Hoovestol sich keines Computers oder Samplers bedient, sondern alle Instrumente live einspielt (und in der Regel gleich den ersten Cut verwendet). Das dürfte das Defizit der Rhythms ausreichend erklären. Andererseits gebietet es aber auch Respekt – nicht unbedingt vor der Leistung, sondern vor der Hingabe, mit der er sich seiner Musik verschrieben hat. Vielleicht ist es aber auch gar kein seeliger Dilettantismus, den ich ihm hier unterstelle, sondern Avantgarde, und ich habe es nicht gemerkt.

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution September 2008

Tracklist

1. Prince Fatty: „Mr. Freeze“ aus dem Album „Survival of the Fattest“ (Mr. Bongo/Cargo)
2. Dubmatix: „Rock and a Hard Place (feat. Pinchers)“ aus dem Album „Renegade Rocker“ (7 Arts/Rough Trade)
3. McPullish: „Harvest“ aus dem Album „Dub Harvest“ (Import oder iTunes-Store)
4. Dubmatix: „Killing Dub“ aus dem Album Dread & Gold (www.dubmatix.com)
5. Dub Milan: „No Excuse II & Version“ aus dem Album „Dubville Chapter 1“ (www.reggae-town.de)

Download mp3 (15MB): dubmix_9_2008

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution, Juli 2008

Tracklist:

1. Sam Ragga Band: „Wasser Dub“ aus dem Album: „In Dub“ (Echo Beach/Indigo)
2. Roots Radics Meets King Tubbys: „The Highest“ aus dem Album „More Dangerous Dub“ (Greensleeves/Rough Trade)
3. Scientist: „Mr. Babylon Dub“ aus dem Album „Scientist At The Controls Of Dub – Rare Dubs 1979-1980“ (Jamaican Recordings/Import)
4. Casualty: „I Want You To Get Mad“ aus dem Album „Version 5.2“ (Hammerbass/Import)
5. Seventeen Evergreen: „Ensonique“ aus dem Album „Steppas‘ Delight“ (Souljazz/Indigo)
6. Michael Rose & Shades Of Black: „Dub Expectations“ (Nocturne/Rough Trade)
7. Haaksman & Haaksman: „Na Lathina“ aus dem Album „Best Seven Selections 3“  (Best Seven/Sonar Kollektiv/Rough Trade)
8. Vibronics: „Congo Natty (Dubplate Version)“ aus dem Album „Lead With The Bass 3“ (Universal Egg/Cargo)

Download mp3 (25 MB): dub-evolution-7_2008

Meine Wertung:

Dub Evolution, Juli 2008

Und wieder veröffentlicht das nimmermüde Hamburger Dub-Label Echo Beach ein neues Dub-Album aus deutschen Landen: Sam Ragga Band, „In Dub“ (Echo Beach/Indigo). Wer die Sam Ragga Band nur für die Backing-Band von Jan Delay hält, der kennt nur die halbe Arbeit. Seit Jan Eißfeld sich vom Reggae ab und dem Funk zuwandte, agiert die Sam Ragga Band nämlich auf eigene Kosten und hat in der Zwischenzeit drei (!) eigene Alben aufgenommen. „In Dub“ ist nun die Dub-Synthese aus diesen drei Werken, gemixt, remixed und gedubbt von drei Freunden der Band: QP Laboraties, Pensi und Martin Rothert. Als Mr. Delays Backing Band konnte mich Sam Ragga nicht wirklich überzeugen. Irgendwie stimmte das Timing nicht, die Rhythms waren nicht tight und die Basslines hatten keinen Groove. Die folgenden Sam-Ragga-Alben hatte ich mir deshalb gar nicht mehr angehört. Vielleicht ein Fehler, wie ich jetzt denke, denn die Dubs, die auf vorliegendem Album zu hören sind, klingen gar nicht so schlecht. Vor allem jene, die von dem letzten Album „Situations“ stammen wie z. B. „Why Dub“ – ein schöner deeper Dub-Tune mit einer satt gespielten Bassline, minimalen Effekten und sehr puristischem Mix. Dubs, die auf das erste Album „Loktown Hi-Life“ zurück gehen, leiden hingegen unter den wenig druckvoll eingespielten Tracks und der fehlenden Spannung in den tendenziell etwas poppigeren Arrangements. Aus dem zweiten Sam Ragga-Album „The Sound Of Sam Ragga“ stammt nur der Track „Schade Dub“. Dieser ist jedoch so poppig arrangiert, dass der Verdacht nahe liegt, dass die Remixer auf dem wohl allzu poppigen Album nicht sehr fündig geworden sind. Egal! Trotz kleinerer Ausrutscher ist „Sam Ragga In Dub“ ein gutes Album, nicht gerade Avantgarde, aber solide Dub-Kost aus Hamburg. Ahoi.

Hören wir in ein zweites Album vom Echo Beach: „Dubstars – From Dub To Disco & From Disco To Dub“ (Echo Beach/Indigo). Wer hier einen klassischen Dub-Sampler erwartet wird spätestens beim Track-Listing staunen. Statt Tubby, Perry, Mad Prof & Co. findet er hier Namen wie: Terence Trent D‘Arby, Simply Red, Stereo MC‘s, Brian Eno & David Byrne, New Order oder Cabaret Voltaire. Was uns diese Compilation bietet, ist ziemlich außergewöhnlich, nämlich Dub-Mixes von Disco-Stücken aus den 1980er und 1990er Jahren, die aber fast alle in der Zeit ihrer Originalaufnahme entstanden sind. Für mich lüftet sich mit dieser CD ein bisher unergründliches Geheimnis: Wieso liefen früher in der Disco die Madonna- und Grace Jones-, Gloria Estefan- (etc.) Hits nicht in der aus dem Radio bekannten Fassung? Ganz einfach: Weil die Disco-Produzenten sie auf den Rhythmus reduzierten – und damit tanzbarere und zudem leichter zu mixende Dub-Versions gebastelt hatten. Solche Disco-Versions sind auf „Dubstars“ versammelt – allerdings keine obskuren Schnippel-Arbeiten damaliger Disco-Produzenten, sondern die Werke (seinerzeit) ernst zu nehmender Remixer wie Chris Blackwell, Adrian Sheerwod oder Dennis Bovell (neben anderen, dem Reggae-Connoisseur unbekannte Mischpult-Virtuosen). Mit Reggae-Dub hat das Ganze natürlich wenig zu tun und ein Stück von z. B. Terence Trent D‘Arby durchzustehen kostet schon etwas Selbstbeherrschung. Ausgeglichen wird dies von richtig spannenden Entdeckungen wie etwa dem Chris Blackwell-Remix des Grace Jones-Stückes „She‘s Lost Control“ oder Will Powers „Adventures In Success“ von 1983, das so klingt, als sei es soeben dem Sequenzer eines angesagten Dancehall-Produzenten entsprungen. Weil das musikalische Phänomen fast interessanter ist als die Musik, bietet die CD ausführliche und sehr amüsante Liner Notes.

Es ist längst überfällig, dass ich in dieser Kolumne auf „Lead With The Bass 3“ (Universal Egg/Cargo) zu sprechen komme. Immerhin wurde dieser Sampler in Jamaika zum Dub-Album des letzten Jahres gekürt (und ist außerdem bereits im April erschienen). Wie schon bei den beiden Vorgängern, hat Label-Chef Neil Perch hier eine Bestandsaufnahme des UK-Dub zusammen gestellt und Tunes von u. a. Vibronics, Dubdadda, Abassi All Stars, Ital Horns, Dub Terror oder Zion Train zusammen gestellt. Jeder Track ist als Originalaufnahme und als Remix (Dubplate-Version oder Dub) ein zweites Mal vorhanden. So macht man aus 8 Stücken ein ganzes Album! Obwohl soundtechnisch miserabel produziert, sind bereits die beiden ersten Tracks der Vibronics ein Knaller. Was für eine Bassline! Dazu die kräftig synkopierenden Percussions und schon ist da einer der stärksten Rhythms, die der UK-Dub in letzter Zeit zu bieten hatte. Interessant wird es noch mal bei Track 11 von Prince David, der hier eine hübsche Melodie zum Besten gibt (die mich irgendwie an Lieder der Globalisierungsgegner erinnert). Das Niveau dieser Tracks kann der Sampler leider nicht halten. Die restlichen Stücke sind nicht schlecht, aber auch in keiner Weise herausragend oder gar wegweisend. UK-Dub, wie man ihn kennt und wie er zunehmend mehr das Interesse seiner Hörer verliert.

Sehr viel interessanter ist das neue Album von Casualty: „Version 5.2“ (Hammerbass/Import). Es ist das zweite Album der französischen Sound-Tüftlers und es lässt die engen Grenzen des UK-Dub weit hinter sich. Als hätte ein frischer Wind durch die Beats geblasen, vermeidet das Album (fast) alle Klischees des Dub und überzeugt mit neuen, spannenden Ideen. So gibt es fast jazzig anmutende Tunes mit schönen Saxophonklängen, die mal neben schnellen Dub-House-Tracks und ein anderes mal neben fast spirituell-arabisch anmutenden Dub-Grooves stehen. In zwei Fällen wird sogar der Sprung zu Drum & Bass und Techno gewagt. Kein Wunder, dass Dub in Frankreich floriert, während er in England zusehends Anhänger verliert.

In England extrem angesagt ist hingegen Dubstep. Obwohl die formale Nähe zum klassischen Reggae-Dub nicht allzu ausgeprägt ist, so wäre Dubstep ohne Reggae und Dub nicht denkbar. Die DNA des Dub zeigt sich natürlich im kompromisslosen Fokus auf die Bassline. Außerdem ist Dubstep, ebenso wie Reggae-Dub, auf Sound Systems angewiesen und Dubplates gehören unabdingbar zum Business. Damit hören die Ähnlichkeiten aber auch schon auf. Onedrop, Echos und Mixpult-Zaubereien sucht man im Dubstep vergebens. Angeblich aus Garage entstanden, klingt Dubstep in meinen Ohren viel mehr nach nach einem Derivat aus Jungle und Drum & Bass – allerdings ohne die halsbrecherisch schnellen Drum-Loops. Elektronisch knarrende (übrigens wie bei Scientist!), subsonische Basslines, ebenso coole wie kalte elektronische Beats: präzise, rational, hart und scharf. Im Kontrast dazu das Meer aus Bass. Wer diesen, mittlerweile weitgehend definierten, Sound näher kennen lernen möchte, dem sei die Doppel-CD „Steppas‘ Delight“ (Souljazz/Indigo) ans Herz gelegt. Die Souljazz-Compilatoren zeichnen hier in umfangreichen Linernotes die (kurze) Geschichte des Dubstep nach und versammeln alle wichtigen Protagonisten mit insgesamt 19 Tunes.

Zurück zum klassischen One-Drop. Paul Fox hat auf Basis von Michael Roses „Great Expectations“ ein ziemlich schönes Dub-Album gemixt: „Michael Rose & Shades Of Black: Dub Expectations“ (Nocturne/Rough Trade). Es ist nicht gerade eine Ausgeburt an Innovationsdrang und Avantgardistentum. Im Gegenteil: Es ist einfach ein gutes, traditionelles Dub-Album, das man einfach so, ohne jede Ambition und Forscherdrang, genießen kann. Die Rhythms sind kraftvoll und satt, die Mixes auf Tubby-Niveau und Michael Roses Vocals ein schön auflockerndes Element. Zum Glück verzichtet Fox auf die typischen UK-Dub-Sound-Klischees und mixt einen sauberen, neutralen Sound voller Dynamik. Irritierend ist nur, dass fast alle Tunes nicht ausklingen, sondern mitten im Takt abgeschnitten sind. In Anbetracht der sorgfältigen Produktion erstaunt dieser Lapsus schon – es sei denn, Fox hält den „Band-zu-Ende“-Effekt für Stil.

Der Berliner DJ Daniel W. Best betreibt eine florierende Booking-Agentur und leistet sich nebenbei ein kleines Label mit dem Namen „Best Seven“, das er der Musik „irgendwo zwischen Reggae, Soul und Dub“ widmet. Die auf Best Seven erscheinenden Stücke erblicken in der Regel als Vinyl-Singles das Licht der Welt, was der Labelchef zum Anlass nimmt, sie von Zeit zu Zeit gebündelt auf CD zu veröffentlichen. Mit „Best Seven Selections 3“ (Best Seven/Sonar Kollektiv/Rough Trade) geschieht dies nun zum dritten Mal. Abgesehen von den Black Seeds und Tosca waren mir die Namen der hier vertretenen Artists (Sisters, Kabuki, Cat Rat, Ladi 6, Jah Seal u.a.) absolut unbekannt. Dem entsprechend erwartete ich nicht viel. Doch welch‘ Überraschung beim Anspielen der ersten Tracks! Die hier versammelten Stücke sind wunderschön. Wunderbar sanfter, relaxter Reggae mit eingängigen Melodien und richtig gutem Gesang. Manchmal klingt es ein wenig nach Lovers Rock, dann wieder nach Fat Freddies Drop. Obwohl alle Stücke mit Vocals sind, passt die Platte irgendwie doch in diese Dub-Kolumne. Vielleicht liegt es an dem warmen, entspannten Sound, an den verhaltenen Dub-Effekten mancher Stücke – oder es liegt einfach daran, dass mir diese Compilation ausnehmend gut gefällt.

Letztens fiel mir ein eigenwilliges Album in die Hände: Tuff Lion, „Ten Strings“ (I Grade/Import). Zu hören gibt es darauf instrumentellen Reggae mit der Gitarre als Lead-Instrument. Logisch, dass so eine Platte aus Amerika kommen muss. Label-Chef und -Produzent Tippy I trug für das Album 14 Rhythm-Tracks aus dem I Grade-Back-Katalog sowie 4 neue Rhythms zusammen und ließ den Gitarristen Tuff Lion darüber improvisieren. Statt kreischender Rock-Soli spielt der Löwe sanfte, jazzige Klänge, die nicht selten an Ernest Ranglin erinnern. Sehr entspannt das Ganze – und auf Dauer leider auch etwas langweilig. Als Hintergrundbeschallung beim Lesen oder Arbeiten aber perfekt!

Kommen wir zur Revival-Selection. Roots Radics Meets King Tubbys, „More Dangerous Dub“ (Greensleeves/Rough Trade) heißt das nun erschienene Nachfolge-Album zu dem ursprünglich 1981 erschienenen und 1996 wiederveröffentlichtem Album „Dangerous Dub“. Bei dem Namen „Roots Radics“ dürfte eigentlich ziemlich klar sein, welcher Sound den Hörer hier erwartet: Ultra langsame, mit viel „Luft“ gemischte Rhythms, in deren Mittelpunkt stets eine schön melodiöse Bassline steht. Als Mixing-Engineers waren hier Jah Screw (der auch produziert hat), Soldgie sowie King Tubby tätig (letzterer hat wahrscheinlich nur „Regie“ geführt). Wie bei „Dangerous Dub“ so stammen auch die Aufnahmen auf „More Dangerous Dub“ aus dem Jahr 1981 und natürlich gibt es viele Studio-One-Interpretationen zu hören, wie z. B. „African Beat“, ein fantastischer Dub, mit dem das Album auch beginnt. Angeblich wurde keine der hier versammelten Aufnahmen je veröffentlicht – was bei der Qualität des Material schwer fällt zu glauben.

Nicht unveröffentlichte, jedoch „rare“ Dubs gibt es auf „Scientist At The Controls Of Dub – Rare Dubs 1979-1980“ (Jamaican Recordings/Import) zu hören. Produziert hat sie Ossie Thomas und aufgenommen wurden sie im Tuff Gong und Channel 1 Studio, gemixt bei Tubby‘s. Verglichen mit den Aufnahmen von „Dangerous Dub“, klingen die Scientist-Tunes rauer, atmosphärischer, weniger clean und sind definitiv ambitionierter gemixt. Auch blitzen hier gelegentlich – vor allem am Anfang jedes Tunes – die original Vocals durch, so dass man immer wieder kleine Melodiefetzen von Dennis Brown, Tony Tuff, Tristan Palmer und anderen hören kann. Ein sehr schönes Album, das locker dazu angetan ist, die Begeisterung für den guten alten Jamaikanischen Dub wieder zu erwecken.

Meine Wertung:

Dub Evolution, Mai 2008

Mittlerweile ist Lars Fenin ja ein guter Bekannter in dieser Kolumne. Nach „Sustain“ und „Grounded“ widmen wir uns nun seinem neuen Album „Been Through“ (Shitkatapult/mdm), womit er seinem zur Perfektion getriebenen Mix aus Dub und Techno prinzipiell treu bleibt, aber trotzdem nicht auf der Stelle tritt. Waren seine früheren Beats wärmer, weicher und näher am „Four to the floor“-Muster, so mischen sich nun (Dubstep sei dank) verstärkt gebrochene Strukturen in die Rhythms. Damit vergrößert Fenin seinen Abstand zu Rhythm & Sound auf der einen und The Modernist auf der anderen Seite. Extremer Minimalismus war ja sowieso nie Fenins Sache. Schon immer hat er seine Tracks mit vielen Ideen angereichert und raffinierte Arrangements daraus gewoben. „Been Through“ ist mit der Kategorie „Minimal“ nun überhaupt nicht mehr zu fassen. Fenins Stücke entwickeln sich immer mehr von „Patterns“ hin zu vollwertigen Tunes – in den Fällen, in denen er sich von Vokalisten wie Gorbi unterstützen lässt gar zu waschechten Songs. „A Try“ ist ein solcher Song mit wunderschön melancholischem Gesang und einer eingängigen Melodie. Ebenso „Red Wine“, ein augenzwinkerndes Zitat des UB40-Hits, das natürlich perfekte Songqualitäten besitzt. Doch während die britische Band den Gesang in weichgespülte Beats packte, hat Fenins Version Ecken und Kanten, ist ungleich komplexer und hat zugleich einen fetten Kick, der den Tune uneingeschränkt clubtauglich macht. Verglichen mit den früheren Alben und EPs klingt Fenins Musik nun deutlich härter, fast so, als wolle der Wahlberliner seiner Synthese aus Dub und Techno noch ein paar Sprengsel Dancehall hinzu addieren. Warum eigentlich nicht? Neue Wege sind Fenins Spezialität.

Was für ein Frühling! So viele gute Dub-Releases auf einem Haufen gab es selten. Offensichtlich drängt das in dunklen, verregneten Wintertagen hinter dicken Studiotüren zusammengetüftelte Material nun an die Öffentlichkeit. Wie z. B. das grandiose neue Album vom Echo-Beach: „Police In Dub“ (Echo Beach/Indigo). Vorne im Heft steht ein ausführlicher Artikel zum Thema. Hier sei nur nochmal eine ausdrückliche Kaufempfehlung ausgesprochen. Das Album gehört zum Besten, was je in Deutschland unter dem Label „Dub“ produziert wurde und spielt auch im internationalen Vergleich in der ersten Liga. Produzent Guido Craveiro und die Band Okada haben unglaublich durchdachte und bis ins letzte Detail durchgestaltete Tracks aufgenommen. Die Rhythms grooven, das Timing ist perfekt. Der Sound ist meilenweit von durchgenudelten Dub-Klischees entfernt und trotzdem voller Wärme und Tiefe. Immer, wenn man meint, besser könne es nicht werden, dann tauchen diese grandiosen, eingängigen Police-Melodien aus dem Meer von Bass auf, vollführen einige elegante Pirouetten, um dann wieder in den Tiefen von Drum & Bass zu versinken. Man könnte ins Schwärmen geraten!

Die nächste große Überraschung ist ein Dub-Album aus Jamaika! Wer hätte gedacht, dass die Insel 20 Jahre nach dem Tod King Tubbys noch einmal ein Dub-Album hervorbringen würde? Der Vater dieses Projektes ist Clive Hunt, ein ebenso umtriebiger wie vielseitiger Produzent der bereits in den 1970er Jahren Künstler wie die Abyssinians, Dennis Brown oder Max Romeo produzierte. In den letzten Jahren hatte er sich auch viel in Frankreich getummelt (z. B. produzierte er Pierpoljak oder Khaled). Vielleicht deshalb ist sein Dub-Album „Clive Hunt & The Dub Dancers“ (Makasound/Rough Trade) auch auf dem französischen Label Makasound erschienen. Namhafte Musiker wie Sly Dunbar, Leroy Wallace, Earl Chinna Smith oder Sticky Thompson arbeiteten an dem gelungenen, überraschenden Album mit. Denn auch wenn man Clive Hunt als innovationsfreudigen (und zugleich sehr bescheidenen) Producer kennt, der nie wirklich ins Licht des Ruhms getreten ist, hätte man von einem jamaikanischen Produzenten ein so ausgeklügeltes, abwechslungsreiches und kompromisslos modernes Dub-Album nicht erwartet. Clive Hunt ist mit seinem Werk voll auf der Höhe der Zeit, so als hätte es in Jamaika nie eine Dub-Pause von rund 25 Jahren gegeben. Fetter, auf den Punkt produzierter Sound, fantastische Riddims (mit einigen Zitaten wie Realrock, Cuss Cuss, Cassandra), komplexe Instrumentierung, lots of FX und natürlich – von Hunt persönlich – äußerst inspiriert gemixt. Doch die größte Stärke des Albums ist wohl seine Vielfältigkeit. Statt einen Sound durchzuziehen, setzt es sich aus 16 individuellen, sehr eigenständigen und stets überraschenden Tracks zusammen. Hunt sprüht nur so vor Ideen. Es wäre so schön, wenn dieses Album kein Einzelfall bliebe und jamaikanische Produzenten den Dub wiederentdeckten. Damit dies geschieht, müsste sich eines auf Jamaika herumsprechen, nämlich, dass man mit Dub Geld verdienen kann. Also: alle schön Clive Hunt & The Dub Dancers kaufen (und nicht illegal downloaden!)

Wie man mit Dub zwar kein Geld verdient, aber die Community glücklich macht, zeigt Phil Harmony mit dem kostenlos zum Download bereitstehenden Dub-Sampler „Dubnight Compilation Vol. 2“ (http://www.reggae-town.de/Downloads-req-viewdownload-cid-7.html). 25 (!) Tracks hat er hier versammelt (also umgerechnet zwei CDs) von so namhaften Artists wie Ganjaman, Zion Train, The Okada Supersound, Malone Rootikal, Dub Spencer & Trance Hill, Jahcoustix, Dubmatix, Aldubb und Phil Harmony himself. Ergänzt wird diese Selection von vielen (noch) unbekannten, aber keineswegs schlechten Dub-Produzenten. Mr. Harmony hat bei der Auswahl nicht nur ein geschicktes Händchen, sondern offensichtlich auch viel Überzeugungskraft bewiesen, denn so viele hochwertige Tracks kostenlos überlassen zu bekommen ist schon eine tolle Leistung. Jetzt hapert es nur noch am Marketing. Ein so außergewöhnliches Projekt müsste viel bekannter sein.

Da es gerade so gut zum Thema passt: Neulich bin ich auf das polnisches Net-Label „Qunabu“ (http://netlabel.qunabu.com/) gestoßen, wo sich ein gigantisches 5-Track Album mit dem Titel „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Dub Band“ kostenlos downloaden lässt. Fünf Tracks bester Unterwasser-Minimal-Dubtechno, der – auch qualitativ – nicht weit von Rhythm & Sound entfernt ist.

Meine Wertung:

Dub Evolution, März 2008

Seit Mitte der 1990er Jahre mischen die Vibronics aus Leicester Dub-Sounds made in the UK – und jeder Dub-Freund weiß genau was das heißt: kraftvolle Steppers-Beats mit dröhnenden Basslines und four to the floor durchmarschierenden Bassdrums. Dazu gesellen sich die typischen Synthie-Offbeats und massig Hall und Echo. Einst synonym für das große Dub-Revival, das Anfang der 1990er Jahre durch von Jah Shaka inspirierte Acts wie den Disciples, Zion Train oder Alpha & Omega eingeläutet wurde, ist dieser Sound heute ein Dub-Style unter vielen, aber einer, der untrennbar mit dem Vereinigten Königreich identifiziert wird. Die Vibronics sind ihm treu geblieben, variieren ihn innerhalb der engen Grenzen und spielen als eine der letzten überlebenden Dub-Bands der 1990er unverdrossen ihre Sound System Sessions. Ihre neue Platte „UK Dub Story“ (Scoop/Import) feiert diesen UK-Dub-Sound – nicht in Form einer Compilation, wie der Titel vermuten lässt, sondern mit neuen Produktionen. Natürlich sind hier keine Überraschungen zu erwarten. Brauchtumspflege trifft den Sinn und Zweck des Albums besser. Doch daran muss nichts schlechtes sein. Die   allgemeine Fixierung auf Innovation ist ohnehin höchst fragwürdig. Warum nicht einfach ein handwerklich gutes, solides Album ohne den Anspruch auf Entdeckung neuer Soundwelten produzieren? Die meisten Entdeckungen gehen sowieso in die Hose, da freut sich der Fan doch lieber über gut gemachte Genrekost. Und genau diese liefern die Vibronics. Kein Zweifel, sie beherrschen ihr Handwerk nach 13 Jahren im Dub-Business perfekt und wissen, wie man massive Rhythms strickt und ihnen das richtige Dub-Treatment verabreicht. Bass galore, flirrende Soundpartikel, angerissene Melodien und eine stoisch stampfende Bassdrum – was braucht es mehr zum Glück?

Mossburg heißt ein US-Label, das nun mit zwei reinrassigen Dub-Alben erstmals meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Das erste Album stammt von den Hi Fi Killers und ist „Turf War Dub“ (Mossburg/Import) betitelt. Es enthält 12 ziemlich interessante Dubs, die virtuos mit Sounds des vordigitalen Zeitalters spielen und die Killers unverkennbar als Fans von Scientist und King Jammy outen. Hier steckt viel Liebe im Detail, der Sound ist warm und reichhaltig und das Rauschen und Knistern weckt wehmütige Erinnerungen an frühere Zeiten. Nun würde das nicht viel zählen, wenn die Rhythms nicht gut wären. Kein noch so detailverliebt arrangierter Dub kann gut sein, wenn der Rhythm, das aus Drum & Bass gebaute Fundament nicht überzeugt. Doch die Hi Fi Killers sind hervorragende Tiefbauexperten, wise men, die ihr Haus auf Fels und nicht auf Sand bauen. Und so ist klamm und heimlich auf diesem unbekannten, nur über Import erreichbaren, Underground-Label ein überraschendes, sehr schönes Dub-Album entstanden, das ich jedem, der zu hören weiß, ans Herz legen möchte.

Das andere bei Mossburg erschienene Album, „Terrible Riddims“ (Mossburg/Import), stammt von Dub Fanatic und bietet einen viel klareren, saubereren, präzisen Sound, der weniger schillert, als vielmehr geradlinig die Beats abarbeitet. Den Arrangements ist eine Vorliebe für die Dubs der Revolutionaries anzuhören und die Riddims sind natürlich ganz und gar nicht terrible. Wer mit einem Album aus dem Hause Mossburg bedient ist, der sollte zu den Hi Fi Killers greifen, wer sich aber den Luxus von zwei Dub-Packungen geben will, der kann auf die Label-Website www.mossburgmusic.com gehen und dort für nur 9 Dollar die „Terrible Riddims“ herunterladen – und zwar nicht als mp3, sondern als unkomprimierte AIF-Dateien, die sich anschließend ohne Verlust auf CD brennen lassen. Das ist mal eine interessante Vertriebsstrategie!

Beim nächsten Album bin ich auf einen saublöden Etikettenschwindel hereingefallen, der sich dann aber durchaus als Segen erwies. In dem Order-PDF meines Reggae-Dealers fiel mir sofort das typische gelbrote Souljazz-Cover mit dem kreisrunden Bild in der Mitte in die Augen: „Homegrown Dub – 100% Remixed“ (Mai/Import) lautete der Titel, und ich kombinierte blitzschnell: Nach den zwei CDs „Box of Dub“ 1 und 2 bringt Souljazz nun ein Portrait der aktuellen britischen Dub-Szene. Weit gefehlt! Als mir die CD schließlich vorlag, fand ich im Kleingedruckten unten auf dem Cover, wo normalerweise „Souljazz“ steht, worum es tatsächlich ging: Um Dubs der neuseeländischen Band Katchafire. Von Souljazz keine Spur! Ziemlich übel gelaunt legte ich das Werk in den Player und war dann doch einigermaßen überrascht. Statt den Rip Off mit billig produziertem Material perfekt zu machen, erklangen handgespielte, komplex arrangierte und durchkomponierte Dub-Versions (der beiden Katchafire-Alben „Revival“ und „Slow Burning“). Der Sound erinnert tatsächlich ein wenig an Fat Freddies Drop, auch wenn er weit weniger lässig ist. Nicht selten klingt Katchafire wie eine Rockband, die Reggae spielt, bietet dabei aber schöne Melodien und richtig spannende, traditionell gemixte Dub-Effekte. Auf CD 2 befinden sich dann sieben Club-tauglich remixte Versionen, wobei der Song „Rude Girl“ gleich drei mal remixed wurde. Alles in allem hätte Katchafire den Etikettenschwindel gar nicht nötig gehabt. Das Album ist gut genug, um um seiner selbst wegen gekauft zu werden.

Eine Hommage an das Dub Syndicate bietet uns Rob Smith mit einem Megamix diverser Tracks der Band von Style Scott. „Overdubbed by Rob Smith (courtesy of Smith & Mighty)“ (Collision/Groove Attack) lautet denn auch der vollständige Titel und versucht, das Material diverser Dub Syndicate-Alben mit dem Hinweis auf das Zauberduo aus Bristol aufzuwerten. Die dadurch gesteigerte Erwartungshaltung wird beim Hören leider nicht ganz eingelöst, denn von den Overdubbs ist nicht all zu viel zu hören. Mr. Smith liefert hier mehr oder weniger ein auf Dub Syndicate-Tunes beschränktes DJ-Set. Kaum der Rede wert, wären die Songs nicht so gut, wie sie es sind. Style Scott hat mit Hilfe von hervorragenden Vokalisten wie Big Youth, Junior Reid, Cederic Myton, Capleton sowie den beiden hervorragenden Dub-Mixern Adrian Sherwood und Scientist im Tuff Gong-Studio einfach ein paar superbe Songs produziert. Vielleicht liegt der eigntliche Sinn der Overdub-Aktion darin, die ursprünglich etwas untergegangenen Dub Syndicate-Alben erneut in das Blickfeld der Dub- und Reggaefreunde zu rücken. Verdient haben sie es.

Meine Wertung: