Dub Evolution, Juli 2007

Ich höre schon den Vorwurf: „Wieder eine Channel One-Compilation auf Pressure Sounds!“ Stimmt, es ist mittlerweile die vierte. Doch scheinbar hat Chef-Kompilierer Pete Holdsworth drei Alben zum Üben benötigt, bis ihm mit „The Revolutionaries: Drum Sound – More Gems From The Channel One Dub Room – 1974 To 1980“ (Pressure Sounds/Rough Trade) dieses Meisterwerk gelang, das so präzise wie keines der Vorgänger den Chanel One-Sound und –Stil auf den Punkt bringt. Anfang der 1970er Jahre von den vier chinesischstämmigen Hookim-Brüdern Jo Jo, Paulie, Ernest und Kenneth gegründet, war das Studio vielleicht nicht Hort der Reggae-Avantgarde (hier dürfte Lee Perrys Black Ark-Studio führend gewesen sein), aber es war das beliebteste und mit Abstand erfolgreichste Reggae-Studio der Dekade. Mit dem besten Studio-Equipement und unendlicher Akribie beim Austüfteln des Sounds entwickelten Sly Dunbar und Ernest Hookim den sattesten, deepsten und präzisesten Reggaesound des ganzen Jahrzehnts. Er prägte den Reggae der späten 1970er Jahre so nachhaltig, wie es ein Jahrzehnt zuvor Coxsones Studio One getan hatte – was nur folgerichtig war, denn Coxsones Studio in der Brendford Road war das große Vorbild der Hookims – weshalb sie ihr eigenes Studio in Anlehnung dreist „Channel One“ nannten. Als sie dann auch noch anfingen, Coxsones Riddims nachzuspielen und damit die Hitparaden zu stürmen, platzte Herrn Dodd der Kragen und er schlug Jo Jo eines auf die Nase. Doch da diese Unmutsäußerung die Hookims keineswegs davon abhielt, mit ihren Remakes eifrig Geld zu verdienen, revanchierte Coxsone sich schließlich gleichfalls mit Remakes der Remakes, indem er seine alten Produktionen mit Sly Dunbars Double-Drum-Style overdubbte.

Die vorliegende Compilation präsentiert nun einige der spannendsten Produktionen des Channel One, allesamt produziert von Jo Jo und gemixt von Ernest und Barnabas. Bei den meisten saß Sly Dunbar an den Drums und Robbie Shakespear spielte den Bass. Wunderschön begleiten Slys leichtfüßige Uptempo-Drums den Hörer durch die Dubs einiger sehr, sehr großer Channel One Hits. Ein ganz besonderes Highlight eröffnet die Auswahl: „Kunta Kinte Version One“ ist vielleicht das dem Plattenkäufer am längsten vorenthaltene Dub Plate Special überhaupt. Hier feiert es nun seine offizielle Veröffentlichung – und es ist wahrlich ein Hammer (Mad Professors Version des Stücks weckte seinerzeit meine Liebe zur Dub-Music). Weiter geht es mit dem Dub zu „Them Never Love Poor Marcus“ von den Mighty Diamonds und anschließend zu „A Who Say Part Two“ von dem bekannten Althea & Donna-Stück über den „I Know Myself“-Rhythm. Dann kommt die Channel One-Version von „Fade Away“, stripped to the bone im Stile King Tubbys. Die Aufzählung ließe sich inklusive der Schwärmerei für jeden Track fortsetzen (wie z. B. für „War Version“, Sly Dunbars militantem Frontalangriff auf die Snarredrum oder wie z. B. „Back…:“ Schluss jetzt!). Channel One rules!

Der Sommer brachte einen wahren Trailerload of Dub. So viele Releases gab es selten. Hier nun die interessantesten: Beginnen wir mit „Studio One Dub Vol. 2“ (Soul Jazz). Da haben die Soul-Jazz-Rechercheure offensichtlich noch einige B-Seiten in den Studio One-Archiven gefunden. Gut so, denn es ist immer wieder erfreulich, die schönen Rhythms aus der Brendford Road pure and clean zu hören. Ihres Gesangs beraubt, swingt die Musik ganz im Zeichen der Bassline, der Rhythmus groovt und alles ist gut. Wie schon bei Vol. 1, finden sich sehr nette Versions, die erstaunlich oft bereits die Bezeichnung „Dub“ tragen dürfen. 

Das Erstaunen darüber, dass Soul Jazz gleich zwei Studio One-Dub-Sampler veröffentlicht – und dann noch so kurz hintereinander – legt sich, wenn man folgende Veröffentlichung des Labels in die Hände bekommt: „Box Of Dub – Dubstep And Future Dub“ (Souljazz). Ach ja, stimmt: Dub ist in England gerade wieder ziemlich angesagt – auch wenn Dubstep mit Reggae nicht allzu viel gemein hat. Die „Box of Dub“ schlägt aber aus den Dubstep-Clubs einen ganz eleganten Bogen zum klassischen Dub, da hier neben sphärischen Bass-Orgien auch dem Reggae-Groove verwandte Stücke präsentiert werden, die eine spannende, postmoderne Mischung aus z. B. Channel One-Samples, subsonischem Drum & Bass-Gegrummel und Breakbeats bietet. Wer sich als Dub-Freund mit dem Thema „Dubstep“ anfreunden möchte, der findet hier mit Namen wie Digital Mystikz, Kode 9, Burial und King Midas Sound einen guten Einstieg.

Nach fünf Jahren Sendepause erschien soeben ein neues Album von Zion Train: „Live As One“ (Universal Egg). Die einst fünfköpfige Formation, die in den 1990er Jahren mit ihrer höchst innovativen Mischung aus Dub und Dance sogar einen Major-Deal einheimste, ist nun auf den Gründer Neil Perch „gesund geschrumpft“. Doch er hat sich viel Unterstützung ins Studio geholt: Dubdadda, Earl 16, Tippa Irie und einige andere Vokalisten garnieren die straighten Steppers Beats aus Perchs Computer. Solide Rhythms, inspirierte Vokalisten und – für Dub nicht selbstverständlich – prägnante Melodien – eigentlich ist alles da, was der Dub-Freund mag. Doch so richtig Spaß macht „Live As One“ trotzdem nicht. Warum nur? Weil der Sound ein wenig zu sehr in den 1990ern stecken geblieben ist? Weil dem Album schlicht Ideen fehlen? Oder weil es für ein Zion Train-Album dann doch zu traditionell klingt? Schade eigentlich – Neil Perch kann auch anders …

Definitiv anders kann Fedayi Pachia, der mit „The 99 Names Of Dub“ (Hammerbass/Import) ein wahrlich außergewöhnliches Album vorlegt. Sein Style besteht aus der Mischung von traditionellen orientalischen Harmonien, Klängen und Arrangements mit dem Sound-Instrumentarium des Dub. Während sein Album „Dub Works“, das vor zwei Jahren erschien, Dub noch den Vorrang gab, gehen die 99 Namen des Dub viel sparsamer mit den Dub-Ingredientien um. Auf diese Weise gelingt es Pachia die beiden Elemente gut gegeneinander auszutarieren. Die Klänge Indiens, Arabiens und des Balkan ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, während die Dub-Bassline und vereinzelt angeschlagene Offbeats das Fundament dazu bilden. Warum gibt es nicht mehr solch spannender Crossover-Experimente?

Zum Schluss noch ein Album, das mich überrascht hat und nachhaltig fasziniert: Dub Rascals, „Volume 2“ (Little Rascals Records/Import). Präsentiert werden hier ausschließlich Dub-Artists aus Australien und Neuseeland – und spätestens seit Fat Freddies Drop genießen diese beiden Regionen des Globus die besondere Aufmerksamkeit der Dub-Freunde. Wie bei Samplern üblich, ist das Angebot zwar nicht hundertprozentig homogen, doch was abzüglich von zwei drei schwächeren Tracks übrig bleibt, ist fantastisch. Allein das erste Stück, „Proicuous“ von Dubbo würde 14 folgende Totalausfälle aufwiegen. Wer „Proicuous“ auf einem bassstarkem Home-Soundsystem abspielt, sollte vorher auf jeden Fall die Nachbarn warnen. Deeper, wuchtiger und zäher geht es nicht mehr. Die absolute Definition von Dub. Zwei Tracks weiter erklingt das Stück von Jerry Mane, das sich in der Mitte zu einem furiosen Jungle-Track wandelt, während wieder zwei Tracks weiter, Pickle einen Dub abliefert, der auch Mark Ernestus und Moritz von Oswald Respekt abverlangt. Die Aufzählung qualitätsvoller Dubs ließe sich bis Track 15 fortsetzen, doch die Botschaft dürfte auch jetzt schon klar sein: Eine klare Investitionsempfehlung.

Das Erstaunen darüber, dass Soul Jazz gleich zwei Studio One-Dub-Sampler veröffentlicht – und dann noch so kurz hintereinander – legt sich, wenn man folgende Veröffentlichung des Labels in die Hände bekommt: „Box Of Dub – Dubstep And Future Dub“ (Souljazz). Ach ja, stimmt: Dub ist in England gerade wieder ziemlich angesagt – auch wenn Dubstep mit Reggae nicht allzu viel gemein hat. Die „Box of Dub“ schlägt aber aus den Dubstep-Clubs einen ganz eleganten Bogen zum klassischen Dub, da hier neben sphärischen Bass-Orgien auch dem Reggae-Groove verwandte Stücke präsentiert werden, die eine spannende, postmoderne Mischung aus z. B. Channel One-Samples, subsonischem Drum & Bass-Gegrummel und Breakbeats bietet. Wer sich als Dub-Freund mit dem Thema „Dubstep“ anfreunden möchte, der findet hier mit Namen wie Digital Mystikz, Kode 9, Burial und King Midas Sound einen guten Einstieg.

Nach fünf Jahren Sendepause erschien soeben ein neues Album von Zion Train: „Live As One“ (Universal Egg). Die einst fünfköpfige Formation, die in den 1990er Jahren mit ihrer höchst innovativen Mischung aus Dub und Dance sogar einen Major-Deal einheimste, ist nun auf den Gründer Neil Perch „gesund geschrumpft“. Doch er hat sich viel Unterstützung ins Studio geholt: Dubdadda, Earl 16, Tippa Irie und einige andere Vokalisten garnieren die straighten Steppers Beats aus Perchs Computer. Solide Rhythms, inspirierte Vokalisten und – für Dub nicht selbstverständlich – prägnante Melodien – eigentlich ist alles da, was der Dub-Freund mag. Doch so richtig Spaß macht „Live As One“ trotzdem nicht. Warum nur? Weil der Sound ein wenig zu sehr in den 1990ern stecken geblieben ist? Weil dem Album schlicht Ideen fehlen? Oder weil es für ein Zion Train-Album dann doch zu traditionell klingt? Schade eigentlich – Neil Perch kann auch anders …

Meine Wertung:

Dub Evolution, Mai 2007

„Comfy Dub“ (Tricornmusic/Mconnexion) – Unweigerlich denkt man hier an Schmusedub und Kuschelsounds, weichgespült und Mainstreamkompatibel. Doch weit gefehlt! Comfy Dub heißt ein neuer Dub-Sampler mit hoch spannenden Tunes, die zum Besten gehören, was das Genre in den letzten Monaten hervorgebracht hat. Der Name ist natürlich Programm, denn hier sind in der Tat eher relaxte, weiche, chillige Tunes versammelt. Warme, lässig rollende Beats, bass- und echogeschwängert und trotz ihrer Entschleunigung voller Drive und Spannung. Also eher etwas zum bewussten Zuhören und Kopfnicken als zum Kuscheln. Das liegt zum einen an gutem Handwerk, zum anderen aber am durchgängigen Reggae-Groove, der alle Tracks wie ein roter Faden durchzieht. Der in Köln lebende und für die Compilation verantwortlich zeichnende DJ, Musikjournalist und Produzent Georg Solar präsentiert uns hier seine ganz persönliche Sammlung dub-infiltrierter Lieblingslieder: 14 Comfy-Dubs aus 12 Ländern, allesamt ziemlich aktuelle Produktionen – gewissermaßen die Speerspitze der internationalen Dub-Progression. Mit von der Partie sind u.a. Waldeck aus Wien, Rubbasol, hinter denen sich der Münsteraner Produzent Fe Wolter (Pre Fade Listenig) verbirgt, Federico Aubele aus Buenos Aires mit einem Tango-inspirierten Dub, Cottonbelly, der Produzent von Sade, die Dubhouse-Minimalisten Salz, Fat Freddy’s Drop aus Neuseeland, Seven Dub im Noiseshaper-Remix, Up Bustle & Out mit einem Track von ihrem neuen Album, Zilverzurf und nicht zuletzt auch George Solar himself. Allesamt zusammengehalten durch die schön dubbig hallverzerrte, sanfte Stimme der Dub-Poetin JEN, die bei diesem Dub-Flight über die verschiedenen Kontinente der Erde als unsere Stewardess fungiert. Solch liebevolle Produktionsdetails wie auch die in sehr persönlichem Ton geschriebenen, informativen Linernotes unterstreichen die Hochwertigkeit der Produktion. Doch: So brillant der Sampler auch ist, seine beste Eigenschaft ist es fraglos, der erste einer (hoffentlich) langen Serie zu sein.

Es gibt Neues aus dem Hause Echo Beach: „Immigration Dub“ (Echo Beach/Groove Attack) von Dubblestandart. Nachdem die Wiener Jungs auf ihrem letzten Album mit Vocals experimentierten, sind sie nun – übrigens auf ihrem 10. Album – wieder zum puren, für sie typischen harten, immer ein wenig nach On-U-Sound und Industrial klingenden Dub zurückgekehrt. Neben den schnellen Beats ist es vor allem die Mischung aus trockenen Drums, E-Gitarre und diversen Sprachsamples, die für die On-U-Ähnlichkeit sorgt. Doch es gibt auch einige gänzlich andere Stücke zu hören, auf denen wohlbekannte Vintage-Riddims erklingen und sich mittels ihres warmen, weichen Flows in die Gehörgänge schmeicheln. Ein paar Vocal-Stücke haben sich dann aber doch noch auf das Album geschmuggelt, wie zum Beispiel Ari Ups „Island Girl“, ein Titel übrigens, der sich auch auf dem Sampler „King Size Dub Vol. 12“ (Echo Beach/Indigo) aus dem gleichen Hause wieder findet. Obwohl bei Vol. 11 Schluss sein sollte, ist nun – on popular demand – die nun aber wirklich letzte Folge erschienen, mit dem „Best of“ der jüngeren Echo Beach-Veröffentlichungen wie zum Beispiel Tunes von Seven Dub, Dub Syndicate, Wet Cookies, Dub Spencer & Trance Hill, um nur einige zu nennen.

Der dritte Echo Beach-Release: „Earthling“ (Colision/Groove Attack) von den Wet Cookies ist schon ziemlich speziell. Ein von Jazz wie Dub gleichermaßen geprägtes Album, wobei der Jazz nicht selten die Sphären lauschig-relaxter Bebop-Lounges verlässt und in die Tiefen diverser Free-Jazz-Keller hinabsteigt, was den an regelmäßige Dub-Beats gewohnten Ohren schon einiges abverlangt. Aber als Dub-Connaisseure stehen wir ja bekanntlich jedem Experiment aufgeschlossen gegenüber und wer länger zuhört wird dann doch ein recht abwechslungsreiches, wenn auch schräges Album kennen lernen, das sich im Laufe der Tracks jedoch zunehmend weiter von Dub entfernt.

Das mittlerweile wohlbekannte New Yorker Dub Trio legt sein neues Live-Album „Cool Out and Coexists“ (Roir/Cargo) vor, von dem das Label behauptet, es sei das „hardest hitting to date“. Dass dies den Tatsachen entspricht, glaubt man sofort, wenn die brachialen, verzerrten Punk-/Hardrock-E-Gitarrenriffs von DP Holmes einen aus dem Sofa schleudern. Aufgenommen bei einem Konzert in Brooklyn, erinnert das Dub Trio zunehmend mehr an die Bad Brains – nur der Gesang fehlt. Ihre minimal besetzte Musik (Bass, Schlagzeug, Gitarre) wird immer rauer, ungemütlicher und härter – eigentlich genau das Richtige, um die von Comfy-Dub verwöhnten Ohren einmal so richtig frei zu blasen und den Kopf in das Hier und Jetzt zurückzuholen. 

Ein weiteres Album aus dem Hause Roir kommt von 10. Ft. Ganja Plant. Es trägt den schlichten Titel „Presents“ (Roir/Cargo) und ist ein Rerelease des Debut-Albums der Combo aus dem Jahr 2000. Hätte jemand „aus dem Jahre 1978“ in das Presseinfo geschrieben, würde man das wahrscheinlich auch glauben, denn der 70er-Jahre Dub-Sound ist 10. Ft. Ganja Plants Spezialität. Daher dürfte auch klar sein, was auf dem Album zu erwarten ist: Handgespielte Rhythms, klassisches Arrangement mit gelegentlichen Bläsern, gelegentlichen Flying Cymbals und ebenso gelegentlichen Vocal-Fragmenten. Nicht aufregend, aber sehr angenehm und relaxed. War also keine schlechte Idee, dieses Album zu reanimieren.

Und da wir thematisch schon in den 70er Jahren sind, kommen wir noch ganz fix zur Revival-Selection. Hier ist vor allem das Album Carlton Patterson & King Tubby, „Black & White In Dub“ (Hot Pot/Cooking Vinyl) zu erwähnen, auf dem 21 Single-B-Seiten zu einem Album vereint sind, die Produzent Patterson in den 70er Jahren hat aufnehmen und von Tubby mixen lassen. Wer auf den trockenen Mid-70ies-Tubby-Dubsound steht, kommt hier auf seine Kosten. Die Produktionen sind minimalistisch, straight und werden nicht selten durch schöne Melodika-Melodien eingeleitet, die sich aber leider nach wenigen Takten im Echo-Nirwana verlieren. Übrig bleibt Drum & Bass at its best – von Tubby virtuos gemanaged. 

Der Großmeister ist auch auf dem Album „King Tubby Meets The Agrovators At Dub Station“ (Trojan/Rough Trade) von Tommy McCook & The Agrovators zu hören. Dabei handelt es sich um den mit einigen Bonustracks aufgestockten Rerelease der 1975 veröffentlichten LP. Als Produzent fungierte Bunny Lee, was den trockenen Offbeats deutlich anzuhören ist – auch wenn der Sound insgesamt etwas fluffiger klingt als der von Patterson. Da wir gerade von Rereleases reden, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch Pressure Sounds ein Rerelease ausgepackt hat: Keiths Hudsons Dub-Album „Brand“ (Pressure Sounds/Rough Trade). Wie innovativ dieses Werk für den Dub der 70er Jahre war, lässt sich vor allem im direkten Vergleich mit den beiden zuvor erwähnten, gewöhnlicheren Alben erkennen. Ein guter Grund also, sich „Brand“ noch einmal zu Gemüte zu führen.

Meine Wertung:

Dub Evolution, März 2007

Nach dem Dub-Album von Jan Delay (Rezension in der letzten Kolumne), gibt es nun erneut ein Dub-Werk aus deutschen Landen. Offensichtlich ist die Reggae-Szene hierzulande mittlerweile so gut entwickelt, dass nun auch Special Interest-Sounds neben Dancehall und Gentleman ihren Platz finden. In dieser Szene groß geworden ist der 26 Jährige Produzent und Multiinstrumentalist Phillip Winter, der, trotz seines jungen Alters, bereits an über 50 Alben mitgewirkt hat (z. B. Jamaram, Jahcousticx, Headcornerstone). Dabei hat er des öfteren über den Tellerrand des Reggae hinausgeblickt und sich mit Jazz, Punk Pop oder Hip Hop beschäftigt. Dass seine Liebe jedoch dem Reggae gehört und dass er vor allem als feinfühliger Soundmixer einiges auf dem Kasten hat, beweist er nun mit dem Album „Dubtrain“ (19/Enja). Unter dem schönen Namen Umberto Echo hat er hier 12 hoch spannende Tracks versammelt, die nicht nur fantastisch klingen, sondern zudem so abwechslungsreich produziert und gemixt sind, dass man dieses Album stundenlang im Replay-Mode laufen lassen kann, ohne sich zu langweilen. Jeder Track besteht aus einem Feuerwerk an Ideen: Rhythmuswechsel, Arrangementwechsel, Stilwechsel zudem Vocal-Fragmente von großen Sängern wie Earl 16, Luciano und Paul St. Hilair – Andere Produzenten machen aus dem Material fünf Alben. Echos große Leistung ist es jedoch nicht nur, diese Ideen umgesetzt, sondern auch dafür gesorgt zu haben, dass alles so wunderschön homogen zusammen passt – statt im Produktions-Overkill zu implodieren. Höchst angenehm begibt sich der Hörer im Dubtrain auf eine Reise durch die weiten Welten des Dub, gleitet durch Raum und Zeit, entlang kühn geschwungener Assoziationsketten im sanften Auf und Ab der warmen Wogen des Bass. Schade, das der Zug schon nach einer Stunde am Ziel ist. Ich könnte ewig mit ihm fahren.

Vor nicht allzu langer Zeit, war in dieser Kolumne die Rezension des Showcase-Albums der Abassi All Stars zu lesen. Trotz Showcase, waren darauf keine reinen Dubs zu hören. Jedoch war der Sound des Albums so eindeutig Dub, dass es seinen Platz zu recht in dieser Kolumne fand. Doch Zion Train-Chef Neil Perch, Produzent des Albums, ist kein Freund halber Sachen, weshalb er nun, ein Jahr später, die puren, unverfälschten Dub-Versionen zum Showcase vorlegt. Der Titel des Albums ist folgerichtig – wenn auch etwas tautologisch: „Dub Showcase“ (Universal Egg). Doch wer sich als hartgesottener Dub-Freund nun auf eine abermalige Steigerung des Genusses freut, dem sei gesagt, dass die Vocal-Versionen der hier versammelten Stücke definitiv spannender waren. Woran mag das liegen? Die nahe liegende Erklärung wäre, dass die Dubs das Fehlen der durchweg starken Vocals nicht durch gute Mixe kompensieren können, da ja bereits die Vocals über gute Dubs liefen. Mag sein. Doch es gibt noch eine zweite Erklärung für das schlechte Abschneiden der Dubs: Ohne Vocals liegt die Konzentration des Zuhörers alleine auf dem Sound – und hier hat der Dub Showcase seine Schwächen: Trotz guter Rhythms und tougher Basslines, schaffen es die Tracks nicht, sich vom Steppers-Sound der 90er-Jahre zu lösen. Das gesamte Album klingt wie ein einziges, großes Dejà-vu. Insbesondere die Love-Grocer-mässigen Bläsersätze bewirken einen Zeitsprung ins letzte Jahrhundert. Schade, vielleicht hätte etwas mehr Mut beim Drehen der Regler gereicht, um den Sound mehr dem State of the Art anzunähern.

Hier bietet sich die Überleitung zu anderen großen Dub-Protagonisten der 90er Jahre an. In der limitierten 4 x 10“-Vinylsingleserie „Scoops – Rewind & Remixed“ machen sie unter der Regie der Vibronics gemeinsame Sache: Alpha & Omega, Bush Chemists, The Disciples und Twiglight Circus. Das Konzept ist etwas kompliziert: Auf jeder Single gibt es vier Tracks eines Dub-Artists, je zwei Vocal-Stücke mit anschließendem Dub-Mix, wobei die A-Seite von den Vibronics remixed wurde und die B-Seite von dem jeweiligen Artist. Alles klar? Eigentlich ist es nur wichtig zu wissen, dass wir es hier erneut mit Recycling zu tun haben – und das sogar im doppelten Sinne, denn wir sprechen hier von Dub-Mixen von Dub-Mixen. Und wem die Namen der hier vereinigten Dubber noch aus den 90er Jahren geläufig sind, der weiß auch was zu erwarten ist: Steppers, Steppers, Steppers. Wieder so ein Dejà-vu – zumal der engagierte Dub-Sammler alle Stücke schon von den Originalalben kennt.

Wie allgemein bekannt ist, werden seit einiger Zeit alle Wackie’s-Alben unter den geschickten Händen von Mark Ernestus und Moritz von Oswald in Berlin rereleased – und zwar exklusiv. Umso größer war die Überraschung, als ich das Album „Wackies in Dub: Partfounder-Dubstation“ (Wackie’s/Import) erblickte. Die Unterzeile: „A Bullwackies Production“ führte zum Kauf des Albums – natürlich nur aus rein selbstlosen Recherchegründen, denn meine Skepsis war groß. Zu Recht, wie sich zeigte. Scheinbar hat Mr. Barnes tatsächlich noch einmal höchstselbst in die Regler gegriffen, doch das Material, das er remixte, besteht aus weitgehend langweilig runtergespielten Rhythms unbekannter Herkunft. Vom Zauber des Wackie’s-Sound jedenfalls keine Spur. Man fühlt sich unweigerlich an die lieblosen Produktionen erinnert, mit denen Scientist, ebenfalls ein alter Recke des Dub, in letzter Zeit an die Öffentlichkeit getreten ist. Wahrscheinlich nichts weiter als ungelenke Versuche, aus dem bekannten Namen noch ein paar Dollar herauszupressen – und ich bin darauf reingefallen.

Da greife man doch lieber zu den Original-Dubs der Veteranen wie z. B. zu jenen aus den 70er Jahren, die King Jammy jüngst eigenhändig für das Album „Dub Explosion“ (Jamaican Recordings/Import) zusammengestellt hat. Alle Tracks sind Jammys eigene Produktionen, die er im Channel One-Studio hat einspielen lassen. Die Linernotes des Albums weisen zurecht auf die präzise Produktion und die überragende Soundqualität hin, die heutige Hörer dazu verleitet, die Tracks in die frühen 80er Jahre zu datieren. Schöne, klassische Dubs mit schönen, klassischen Basslines. Nicht aufregend, aber grundsolide und perfekter Background-Stuff fürs Büro.

Zum Abschluss noch ein weiteres Dub-Album aus Deutschland, von einem Bedroom-Produzenten mit dem witzig ausgetüftelten Namen Sir Larsie I (Wahrscheinlich abgeleitet von Lars?!). Auf dem Album „Dub Buds Vol. 1“ (www.sirlarsiei.com) präsentiert er 17 Steppers-Dubs, die stark an den synthetischen Sound der Disciples erinnern. Dafür wird er gewiss keinen Innovationspreis bekommen, wohl aber den Respekt der Bass-Junkies, denn „Earthshaking“ (wie das Cover verspricht) sind seine Basslines in der Tat. Mein Tipp: Die Atari-Sounds durch gute Qualitätssamples ersetzen und die Sache ist geritzt.

Meine Wertung:

Dub Evolution, Januar 2007

Kaum zu glauben, das nimmermüde, schnodderige Hamburger Rap- und Plappermaul Jan Delay  hält auf seinem neuen Album endlich mal die Klappe. Stammheims Söhne, der Flashgott und die Ragga Styler müssen draußen bleiben, denn auf dem neuen Album „Searching … – The Dubs“ (Echo Beach/Indigo) hat allein die Musik das Wort. Während Herr Delay schon weiter gezogen ist, den Reggae hinter sich gelassen hat und momentan in seiner Funk-Phase weilt, haben sich die Nachlassverwalter ans Werk gemacht und eine stilechte Dub-Version des 2001er-Hitalbums „Searching for the Jan Soul Rebels“ produziert. Und da die Hamburger Reggae-Mischpoke gerne unter sich bleibt, hat sich der große Dub-Master Matthias Arfmann des Werkes angenommen, es durch die Echo-Kammern seines Hamburger Turtle-Bay-Country-Club-Studios gejagt und auf dem ebenfalls in Hamburg ansässigem Label Echo Beach veröffentlicht. Wer Arfmann als Initiator der Kastrierten Philosophen und als Produzent von Patrice, Onejiru und den Absolute Beginners kennt – und wer vor zwei Jahren seine Remixe von alten Karajan-Aufnahmen gehört hat –, der dürfte keinen Zweifel daran hegen, dass Arfmann at the controls die Delay-Tracks kräftig aufgemöbelt hat. Während auf dem Original-Album von 2001 die Stimme, die Texte und das Marketing-Image von Jan Delay so sehr im Vordergrund standen, dass kaum jemand auf die Musik geachtet hat, kommt sie unter Arfmanns Federführung endlich zu ihrem Recht. Obwohl die Sam Ragga Band den Groove zwar nicht gefressen hat, ist es Matthias Arfmann gelungen, ein schönes, solides und sehr melodiöses Dub-Album zusammenzumixen. Dabei ist er durchaus klassisch vorgegangen: allein die überlegte Dramaturgie, das virtuose Handling von Melodiefragmenten und das zielsichere Timing genügen, um spannende Instrumentalstücke entstehen zu lassen, denen man über die komplette Länge bewusst und gerne zuhört. Sehr geholfen hat ihm dabei, dass – anders als im jamaikanischen Reggae, wo die Riddims unabhängig von der Vokal-Version entstehen – Jan Delay für sein Album schlicht und ergreifend gute Melodien komponiert hat, die nun auch die Dubs prägen. 

Aus Kanada kommt eine sehr interessante Dub-Compilation: Sub Signals Vol. I (Interchill/iTunes). Das Label ordnet die hier präsentierten Tracks den (wohl selbst kreierten) Genres „Psy Dub“, „Psy Dancehall“ und „Dubby Breaks“ zu. Wir nennen es lieber „Dub with attitude“, denn obwohl alle Tracks auf Reggae-Beats basieren, bewegt sich der Sound in Bill Laswellschen Sphären, Soll heißen: Schwere Bassläufe, sehr langsamer Rhythmus, sensible elektronische Klänge und relativ komplexer, anspruchsvoller Mix. Oder, einfacher ausgedrückt: Das genaue Gegenteil von Steppers. Ein Album eher zum Zuhören denn Kopfnicken. Versammelt sind hier sowohl bekannte Namen wie Sub Oslo, Zion Train, Noiseshaper, Creation Rebel, Dubadelic oder Manasseh, wie auch unbekannte (vielleicht Kanadische Acts): Mauxuam, Dub Alchemist, High Tone, Almamegretta oder Ashtech. Hinter letzterem steckt der Kompilierer der Sub Signals himself, Mr. Gaudi, ein weißer Dread aus London, der sich bisher vor allem durch Remixes von Pop-Stücken hervorgetan hat. Mit seinem Remix von Cool Jacks „Jus’ come“ kann er sogar einen Nr. 1 Hit in den Britischen Charts in seiner Vita aufweisen. Bei den Sub Signals beweist er jedenfalls gute Selector-Kompetenz, denn das Album versammelt nicht nur gute Musik, sondern fließt auch homogen und geschlossen, ohne langweilig zu werden. Da es in Deutschland nicht vertrieben wird, bietet sich der Download im iTunes Music Store an – wo es bekanntlich auch probegehört werden kann.

Neues gibt es auch aus dem Hause Universal Egg. „Bass Matters“ (Universal Egg/Cargo) heißt das erste reine Dub-Album des Radical Dub Kolektiv, für das die Musiker aus Zagreb Neil Perch, Mr. Zion Train himself, als Produzenten ins Boot geholt haben. Das war eine sehr gute Idee, denn der Dub-Tausendsassa hat aus den live eingespielten Aufnahmen ein beachtliches Dub-Album gemischt. Was lange währt wird endlich gut, denn Perch nahm sich für den Mix über ein Jahr Zeit. Soundtechnisch hat er die Tracks auf druckvolle Steppers-Beats eingenordet, wobei der handgespielte Charakter der Tunes den 90er-Steppers-Appeal angenehm abschwächen. Die Glätte der Synthie-Produktion wird hier durch eine gewisse Rauheit und Direktheit ersetzt, was den Stücken zusätzliche Energie verleiht. Außerdem haben sich Band und Produzent sehr um Abwechlung bemüht und neben einem guten Mix und schönen Arrangements auch immer wieder kleine, überraschende Ideen eingebaut, wie ein Chor, der genau vier Takte lang zu hören ist, oder kleine Dialoge oder Soundkulissen, die als Intro fungieren. Zwei Stücke sind zudem mit Vocals versehen worden. Einer der Vokalisten ist der angebliche Neffe von Lee Perry, Omar Perry.

Gussie P war schon immer für seinen minimalen Dub-Sound bekannt. Mit dem Remix alter Negus Roots-Aufnahmen aus den frühen 1980er Jahren hat er sich jetzt selbst übertroffen. „Firehouse Dub Volume 1“ (Gussie P/Import) heißt das Mixwerk und ist unter dem Artist-Namen Sip A Cup Meets Negus Roots gelistet. Zu hören gibt es hier Bass, Bass und nochmals Bass. Unter ferner Liefen rangiert das Schlagzeug, gelegentliche Keyboard-Einsprengsel und Gitarren-Licks. Wenn man genau hinhört, dann sind die frühen 80er noch zu erkennen, die typischen Haussounds des Channel One und Aquarius-Studios und auch Sly Dunbars militant Drumming. Doch Gussie P hat solide Arbeit geleistet: Auf den ersten Blick könnte das Album als aktuelle Produktion durchgehen. Vielleicht, weil nicht einmal in den frühen 80ern so minimalistisch gemixt wurde, wie es Gussies Art ist. Außerdem muss der Gute ziemlich intensiv am Bass-Sound herumgeschraubt haben, denn dieser hat eine geradezu unheimliche Präsenz. Interessanter Minimalismus ist – entgegen der vordergründigen Vermutung – äußerst mühsam zu erreichen. Denn, ist er nicht perfekt ausgetüftelt, dann gerät er sehr schnell langweilig und verliert alle Kraft, die potentiell in ihm steckt. Eine Falle, in die auch Gussie P leider– wenn auch nur mit einem Bein – getappt ist. So überwältigend sein Sound auf den ersten Tracks des Albums auch ist, Gussie schafft es nicht, die Spannung über die ganze Länge zu halten. Spätestens ab der Mitte des Albums wünscht man sich nämlich etwas mehr, als nur Bass, Bass und noch mal Bass.

Meine Wertung:

Dub Top 10 des Jahres 2006

1. Root 70, Heaps Dub, Nonplace

2. Sandoz, Live In The Earth, Soul Jazz

3. Rhythm & Sound, See Mi Yah Remixes, Burial Mix

4. Noiseshaper, Real To Reel, Echo Beach

5. Mapstation, Distance Told Me Things To Be Said, scape

6. Daniel Meteo, Perfuments, Kompakt

7. Nucleus Roots, Heart Of Dub, Hammerbass

8. Roots Tonic Meets Bill Laswell, Roir

9. Alpha & Omega, City Of Dub, Alpha & Omega

10. Peter Presto, Schön, dass du mal wieder reinhörst …, Kompakt

Meine Wertung:

Dub Revolution, November 2006

Matisyahu, ultraorthodoxer Jude aus New York, war mit seinem neuen Album „Youth“ zu Beginn des Jahres in den USA absoluter Hype. Ein Jude mit Rauschebart und schwarzem Hut, der Reggae spielt und Bob Marley als großes Vorbild anführt, ist in der Tat immer eine Story wert. So verwundert es nicht, dass seine Person im Zentrum des Medieninteresses steht und nicht seine Songs. Diese hätten es – beim besten Willen – auch nicht verdient. Denn, obwohl das Album von Bill Laswell produziert wurde, ragte es musikalisch nicht aus dem Durchschnitt amerikanischer Popmusik heraus. Es überhaupt als Reggae-Album zu bezeichnen, wäre schon gewagt, zu sehr verlieren sich die Songs in uninspirierten Gitarrenspielereien und mäßig interessanten Beats – womit sich ja noch leben ließe, wäre da nicht Matisyahus gänzlich ungelenker Gesang, der dem Album erbarmungslos den Todesstoß versetzt. Dass hingegen die Band von Matisyahu, Roots Tonic, ohne ihren Chef richtig gut sein kann, beweist sie nun auf ihrem „eigenen“ Album „Roots Tonic Meets Bill Laswell“ (ROIR/Cargo Records), das (Gott sei Dank) keine Dub-Version von „Youth“ ist. Im Gegenteil: Nachdem „Youth“ auf Platz 4 der Billboard-Charts geklettert war und alle Welt sich auf Matisyahu konzentrierte, nutzten Prodzent Bill Laswell und die drei Roots Tonics Josh Werner (Bass), Aaron Dugan (Gitarre) und Jonah David (Schlagzeug) die Ruhe und zogen sich in die Laswellschen Orange Studios in Brooklyn zurück und nahmen dort ein reinrassiges Dub-Album auf. Und was für eines! Kaum zu glauben, dass es sich hier um die selben Musiker handelt wie auf „Youth“, denn auf „Roots Tonic Meets Bill Laswell“ gibt es richtig gute, kraftvolle Musik zu hören. Statt Matisyahus Stimmchen, gibt hier der Bass den Ton an. Wunderbar druckvoll rollen die schweren und zugleich melodiös schwingenden Basslines aus den Lautsprechern und legen das starke Fundament für Gitarre und Mix, während das Schlagzeug entweder im schleppenden One-Drop oder in strammem Steppers-Marsch  präzise Beats setzt. So tight diese Rhythms auch sein mögen, die Spielfreude der drei Musiker ist unverkennbar – der Schwung ihres Grooves muss auch sie selbst beflügelt haben. Auch Bill Laswell zeigt sich von der besten Seite. Sein Mix ist perfekt dosiert und setzt wohlüberlegte Akzente, statt allen Instrumenten wahllos Effekte überzubügeln. Offenbar wusste er, dass er dem Spiel der drei Instrumentalisten vertrauen kann. Daher setzte Laswell auf einen klassischen Old-School-Dub-Mix, der manchmal ein wenig nach frühen Adrian Sherwood-Produktionen klingt. Die Bassline rührt er gar nicht an. Vom ersten bis zum letzten Track läuft sie ohne Unterbrechung durch. Das Schlagzeug wurde vom Meister extrem trocken gemischt – so wie es die Amis lieben (was übrigens gelegentlich dem Sound des Dub Trios sehr nahe kommt), während Gitarre und Keyboard meist  in einem See aus Hall und Echos schwimmen. Laswell – sichtlich zufrieden mit seiner Produktion – hat das Ergebnis seiner Arbeit mit Roots Tonic folgendermaßen zusammengefasst: „A futurist space/dub transmission in which the spirit of Roots Radics, Sly & Robbie and Scientist gets re-electrified and blown to new proportions.“ Was will man dem noch hinzufügen?

Zur gleichen Zeit im letzten Jahr, wurde an dieser Stelle mit überschwenglichen Worten das furiose Album „Don’t Stop Dub“ von Kanka vorgestellt. Er stellte sich darauf als ein Vertreter der Hardcore-Variante des klassischen 90er-UK-Dub vor. Brachiale, elektronische Basslines, stoische Drummachine und in Hall getränkte Synthie-Offbeats kennzeichnen seinen Sound. Diesen Style setzt Kanka auch auf seinem neuen Album „Alert“ (Hammerbass/Nocturne) konsequent fort. In straightem „Four To The Floor“ – und dem für Dub maximal zulässigen Höchsttempo – stampft er durch seine Tunes und lässt es ringsum scheppern und donnern. Kanka zählt zur harten Sorte: Warrior Style! Und es macht Spaß, den guten alten 90er-Sound so konsequent in die heutige Zeit gerettet zu sehen. Dem Foto auf der Hammerbass-Website zum Trotz – nach dem zu urteilen, Monsieur Kanka in den 90er Jahren noch Kinderlieder vorgesungen wurden – behauptet seine Biographie, dass er 1997 bereits in einer Reggae-Band spielte und rund 200 Konzerte absolvierte. Das dürfte gereicht haben, um ihn mit dem Sound vertraut gemacht zu haben. Er zog sich in sein Wohnzimmerstudio zurück und frickelte sich 2003 sein erstes Solo-Dub-Album zusammen. Solo im wahrsten Sinne, denn alle Instrumente (Drummachine, Keyboards, Bass, Bläser) spielte Kanka selbst (obwohl – eigentlich sind das alles doch nur ein Instrument: der Computer?!). 2005 folgte dann das bereits erwähnte „Don’t Stop Dub“ und nun „Alert“, auf dem er erstmals (auf drei Tracks) mit einem Vokalisten zusammenarbeitet: Brother Culture aus Brixton. Dieser macht seine Arbeit übrigens ganz hervorragend, denn seine drei Songs sind richtig gut. Vor allem sein „Town Get Vile“ ist ein echter Ohrwurm – ein Song, in dem er von Stadtteilen berichtet, in die sich Touristen (besser) nicht hineinwagen. Dazu hämmert ein verzerrter Bass brachial Noten in die Gehörgänge, die Cultures Warnung nachdrücklich unterstreichen. Dieses Album sollte man sicherheitshalber erst nach dem ersten Kaffee auflegen.

Nun zur Revival-Selection und zwar zurück in das Jahr 1977 als Lloyd „Bullwackie“ Barnes das Dub-Album „Reckless Roots Rockers“ (Wackies/Indigo) veröffentlichte. Erst kurz zuvor war er von Jamaika nach New York in die Bronx gezogen und hatte dabei diese Aufnahmen im Gepäck. Sie stammten aus den Jahren 1974-75 und waren von der Soul Syndicate-Band in King Tubbys Studio eingespielt worden. Daher klingen sie auch nicht nach den typischen Bullwackie-Produktionen, obwohl Barnes sie in New York gemixt hatte. Im Vergleich zum warmen, mystischen Wackies-Sound sind sie viel zu trocken und spartanisch – aber nicht minder interessant. Unter den zehn Tracks findet sich erstaunlicherweise auch ein Vocal-Tune von Jah Carlos (natürlich Don Carlos), der ebenfalls in Jamaika eingespielt und gevoiced worden war. „Prepare Jah Man“ ist ein starker Song über einen fast noch stärkeren Rhythm, der später in der Showcase-Version des Songs „Moses“ auf Wayne Jarrets legendärem „Bubble Up“-Album berühmt wurde. Daneben finden sich weitere Rhythms, die dem Wackies-Sammler als Vocal-Versionen gut vertraut sein dürften, wie etwa Joe Morgans „Basement Session“ oder „I Belong To You“ von den Love Joys. Insgesamt also ein schönes, wenn auch nicht sehr typisches Wackies-Album

Meine Wertung:

Dub Revolution, September 2006

Noiseshaper sind wieder da! Und zwar genau dort, wo wir sie haben wollen. Nach ihrem letzten, sehr am Reggae-Mainstream orientierten Album „Rough Out There“, kümmern sie sich auf dem neuen „Real To Reel“ (Echo Beach/Indigo) wieder um ausgeklügelte „housey downbeats with a fat reggae flavor“. Trotz der zahlreich enthaltenen Vocal-Tunes, steht wieder der Sound im Vordergrund. Die Stimmen kommen attributiv hinzu, wie ein weiteres Instrument, statt den ganzen Track zu dominieren. Außerdem sind ebenso viele Dubs wie Vocals vertreten, die Real to Reel zu einem gleichmaßen abwechslungsreichen wie interessanten Album machen. Einige der hier versammelten Stücke wie „Rise“, „You Take Control“, „Jah Dub“, „Moving Together“, „All A Dem A Do“, „Dunk“ und natürlich „The Only Redeemer“ sind bereits von älteren Noiseshaper-Alben (z. B. dem auf Different Drummer erschienenen, großartigen „Prelaunch Sequence“) bekannt und liegen hier nun rerecorded und remixed vor. Dabei haben sie sogar noch an Drive und Dynamik gewonnen und an Komplexität zugelegt –, was vielleicht daran liegt, dass der große Adrian Sherwood für den Mix verantwortlich zeichnet. Doch das Album bietet auch brandneue Tunes wie etwa das großartige „The Creator“, ein bombastischer, ultradeeper Roots-Stepper, garniert mit gelegentlichen Lyrics von Juggla. Ganz andere Töne klingen auf „Wake Up“ an. Warm und unendlich relaxed fließt dieser Tune, begleitet vom Gesang Jahcoustix’, aus den Lautsprechern. Am typischsten jedoch ist das Grace Jones-Tribute „Love To The Rhythm“. Hier ist der frühe Einfluss von Rockers HiFi deutlich zu spüren, unter deren Fittichen Noiseshaper die beiden ersten Alben veröffentlichte. Überhaupt haben die beiden Wiener Jungs, Axel Hirn und Florian Fleischmann, schon eine beachtliche musikalische Reise in die Epizentren der Dub-Musik absolviert, die sie aktuell nach London führte. Höhepunkt der Karriere war zweifellos die Verwendung ihres Songs „The Only Redeemer“ in der US-Fernsehserie CSI: Miami, was ihnen eine Mainstream Singel-Veröffentlichung auf Palm Pictures einbrachte und ihre Musik auf die weltweiten Dancefloors katapultierte. „The Only Redeemer“ ist auch auf „Real To Reel“ in einer neu aufgenommenen Version zu hören, deren Mix viel dubbiger und zugleich klarer und präsenter ist. Hier zeigt sich, im direkten Vergleich, die Meisterschaft von Adrian Sherwood. Wie gut, dass Noiseshaper und er zueinander gefunden haben! Ihre gemeinsame Arbeit hat die besten Früchte hervorgebracht, die in den letzten Monaten auf dem Dub-Market zu kaufen waren.

Alpha & Omega haben neue Dubs aufgenommen – obwohl sich das ja nie so recht sagen lässt, denn der Sound des britischen Pärchens ist so konstant, dass jeder Tune ein einziges – aber sehr willkommenes – Dejà-vu ist. Tonnenschwere Beats und endlos träge, sich von Takt zu Takt schleppende Beats, garniert mit skurrilen Urwald-Sounds sowie der massenhafte Einsatz von Hall und Echo sind ihr Markenzeichen. Wie bei Lee Perrys Black Ark-Sound, verschwimmt hier jeder klare Klang in einer großen Ursuppe eruptiver Beats. Daher lässt sich ihr neues Album „City Of Dub“ (Alpha & Omega/Import) nicht nach herkömmlichen Qualitätsmaßstäben wie Produktionsqualität oder Songwriting messen. Was hier zählt ist Atmosphäre und Kompromisslosigkeit. Beides zeichnet die City of Dub aus, die auf 13 Tracks errichtet wurde, wobei – von drei Ausnahmen abgesehen – jeder Track doppelt auftaucht: als Vocal- und als Dub-Version. Auch in Fragen der Produktionsökonomie haben Alpha & Omega sich nie lumpen lassen. Der Reigen der Vokalisten besteht aus den üblichen Verdächtigen: Jonah Dan, Nishka, Jah Zebbi, Coz Tafari u. a. Dabei ist positiv anzumerken, dass diese gelegentlich doch sehr schöne, prägnante Melodien beisteuern, wie z. B. Coz Tafari auf dem Track „Marching Warriors“, oder – ganz großartig – der portugisisch singende Valnei Aine auf „Massacre In The Ghetto“. Und so zeigt sich, dass auch Alpha & Omega-Produktionen von guten Vocals profitieren können – was zuletzt auch bei den Alben von Ryan Moore (Twilight Circus) deutlich zu hören war. So haben wir mit „City Of Dub“ das vielleicht beste A & O-Album der letzten Jahre vorliegen – was allerdings auf das Cover nicht zutrifft. Hier waren die alten äthiopischen Illustrationen viel besser. Kaum zu verstehen, warum A & O von ihrem „Corporate Design“ gelassen haben.

Bleiben wir noch etwas in England und wenden uns dem neuen Dub-Album des verrückten Professors zu: „Mad Professor Meets Mafia & Fluxy – A New Galaxy Of dub Sci Fi 2“ (Ariwa/Rough Trade). Es ist dem Professor zweifellos hoch anzurechnen, dass er unverdrossen Dub-Alben veröffentlicht. Seit über 20 Jahren ist er die große Konstante des britischen Dub – ja des Dub überhaupt. Außer ihm gibt es kaum jemanden, der so unbeirrt und konstant an diesem Genre festgehalten hätte. Während Mad Professor früher seine Hausband, die Robotics, alle Tracks einspielen ließ, holt er sich in den letzten Jahren diverse Gastmusiker ins Haus, um sich neues Material einspielen zu lassen. Mafia & Fluxy haben im Ariwa Studio schon des öfteren ihre Computer angeschlossen und unverdrossen neue Rhythms auf die Tapes des Professors kopiert. Vielleicht ein wenig zu oft, denn die neue Galaxie des Dubs birgt keine Neuentdeckungen oder Überraschungen. Allzu routiniert werden hier die Rhythms abgespult und obwohl Neil Frazer intensiv an den Reglern dreht, ist deutlich zu hören, dass ihm schlicht und ergreifend die Ideen ausgegangen sind. Aber vielleicht waren auch ihm die Rhythms zu uninspiriert. Denn, dass er es noch drauf hat, zeigte Mad Prof. zuletzt bei seinem großartigen Sly & Robby-Album – dessen zweiten Teil er übrigens schon vor langer Zeit angekündigt hat. Hoffentlich kommt er bald, denn ein spannendes, neues Dub-Album aus dem Hause Ariwa tut Not!

An Langeweile noch überboten, wird das Mad Prof.-Album vom neuen Werk der Tassili Players, „Ages Of The Earth In Dub“ (Wibbly Wobbly/Download) das es – wahrscheinlich aufgrund der mangelnden Qualität nicht zu einer regulären CD-Veröffentlichung gebracht hat und nur als Download (iTunes Store) erhältlich ist. Die Tunes klingen nach ganz frühen Zion Train-Aufnahmen und gehören in die 90er Jahre. Falls uns Neil Perch hier nicht altes Material verkaufen will, dann bleibt die Frage, warum er Spaß daran hat, diesen überkommenen Sound immer noch zu produzieren.

Viel interessanter klingt das neue Album von Love Grocer „Across The Valley“ (Wibbly Wobbly/Import), ebenfalls aus dem Hause Zion Train. Seine Qualität hat es vor allem dem – für Love Grocer typischen – Einsatz der Bläsersektion zu verdanken. Wunderbar leicht schweben die Bläsermelodien über die sanften und entspannten Backings, verlieren sich in der dicht gewebten Sound-Atmosphäre, um dann wieder mit aller Präsenz im Vordergrund zu stehen. Daher ist es auch verständlich, dass viele der Tracks eher den Charakter von Instrumentals denn Dubs haben – wäre da nicht der typische Wibbly Wobbly-Sound, der allem unweigerlich den Stempel „Dub“ aufprägt. Obwohl die Tunes dank der Bläser ausgesprochen melodiös sind, wurden zudem gelegentlich noch Sänger wie Earl 16, MC Spee und Jonah Dan eingeladen, wovon vor allem ersterer einen sehr starken Tune abliefert. Insgesamt also ein schönes, wenn auch nicht weltbewegendes Album. 

Aus Frankreich kommt Miniman, alias Roland Rougé, der uns auf seinem letzten Album wissen ließ, dass er nun unter dem Namen Seven Seals firmiert. Um die Verwirrung komplett zu machen, erschien sein neues Album „Opus In Dub Minor“ (www.hammerbass.fr/Import) wieder unter dem Namen Miniman. Bleiben wir also dabei – obwohl er mir als Seven Seals etwas besser gefallen hat. Sein Album „Stars“ war nicht aufregend, aber die Qualität reichte doch aus, um in meine iTunes-Bibliothek importiert zu werden. Dem Opus in Dub-Moll wird dieses Glück nicht widerfahren. Es ist schlicht zu langweilig. Ähnlich wie bei den Tassilli Players klingt es so, als hätte Dub seit den 1990er Jahren keinerlei Fortschritte gemacht. Die hier verwendeten Synthie-Sounds sind definitiv verbraucht. Da helfen auch gelegentliche, etwas verschämt wirkende Samples klassischer Musik und ein durchaus ambitionierter Mix nicht. Wenn der Körper, also der Rhythmus und der Sound, nicht gut sind, dann nützt es auch nichts noch Zierwerk anzuschrauben. Im Gegenteil, es macht die Sache sogar noch schlimmer, da das Werk nicht halten kann, was es dem ersten Anschein nach verspricht.

Burning Babylon dürfte den Lesern dieser Kolumne ein Begriff sein. Dahinter verbirgt sich Slade Anderson, dessen beide letzten Alben „Knives To The Treble“ und „Stereo Mash Up“ an dieser Stelle ausführlich angepriesen wurden. Vor allem letzteres, mit seinem rauen, handgespielten Sound, konnte auf voller Länge überzeugen. Nun legt Anderson „Garden Of Dub“ (Mars Records/Import) vor. Es ist gewissermaßen Episode 1 der Trilogie, denn die Aufnahmen entstanden 2001, in Andersons Wohnzimmerstudio, und dokumentieren seine ersten Schritte im Reich des Dub. Eingespielt mit primitivstem Instrumentarium und auf Compact Cassette gemastert, reicht es soundtechnisch nicht an die Qualität der beiden späteren Alben heran. Auch musikalisch kann es nicht ganz mithalten, obwohl in dem Album eine ganze Menge richtig guter Ideen, schöner Melodien und dunkler Atmosphäre stecken. Andersons Dub-Talent funkelt hier aus jeder Note, auch wenn diese nicht auf Hochglanz poliert wurde.

Kommen wir nun zur Revival-Selection. Den Anfang macht mit „Roots Radics Meets Scientist And King Tubby In A Dub Explosion“ (Roots/Import?) ein brillantes Dub-Album aus dem berühmten Channel One Studio, eingespielt von dessen Hausband mit Style Scott am Schlagzeug und Flabba Holt am Bass. Ein typisch minimalistisches Werk der Roots Radics. Sparsam instrumentiert mit scheinbar endlosen Pausen zwischen zwei Tönen – immer wieder ist nur der träge Bass und das rhythmische Anschlagen her Hi Hats zu hören – puristischer und langsamer war der Reggae-Rhythmus nie. Scientist und Tubby ließen sich ebenfalls Zeit und bewegten die Regler eher sparsam, was den Tracks eine ungemein hypnotisierende Wirkung verleiht. Beim schnellen Reinhören mag das Album langweilig und einfallslos erscheinen, aber sobald man sich auf den Flow der Langsamkeit eingelassen hat, kann man in jedem Winkel der Echo-Kammer neue Entdeckungen machen. Als zusätzlicher Bonus kommt hinzu, dass die Basslines oft schöne Klassiker sind wie „Rougher Yet“, „Mama Used To Say“ oder „Things A Come Up To Bump“.

Letzterer ist übrigens auch auf dem Album „Version Dead“ (Studio One/Heartbeat) zu hören – und zwar im Original, denn hier haben die Damen und Herren des beliebten Studio One Reissue-Labels „Heartbeat“ die „am meisten begehrten“ B-Seiten klassischer Studio One-Singles zusammengestellt. Alle (nicht) gemischt vom Dub Spezialist, wie Coxsone sich selbst nannte, denn abgesehen vom gelegentlichen Einschalten der Gesangsspur kann hier von Dub nicht die Rede sein. Aber wen kümmert es bei Rhythms wie „Mr. Fire Coal Man“, „Real Rock“ (übrigens als echter Dub!), „Pick Up The Pieces“, „Declaration Of Rights“ und natürlich „Things A Come Up To Bump“. Wie von Heartbeat gewohnt, erklingen die Tunes in sehr schön restaurierter Fassung, so dass der Bass der Soul Vendors, Soul Dimension und Soul Defenders kräftig aus den Lautsprechern wummert und den ganzen Charme dieser so endlos oft kopierten Mini-Melodien entfalten kann. Hier ist sie zu hören, die Seele des Reggae, ganz pur und direkt.

Nun zu einem Album, das eine sehr merkwürdige Geschichte hat. Die Rede ist von „King Tubby Meets Jacob Miller In A Tenement Yard“ (Motionrecords/?). Zu hören sind darauf die von Inner Circle gespielten Rhythms des berühmten Jacob Miller-Albums „Tenement Yard“. Allerdings mit recht eigenwilligen Synthie-Overdubs und dem gelegentlichen, glockengleichen Klang eines Xylophons. Während für erstere der Keyboarder der Band, Bernhard „Touter“ Harvey, verantwortlich zeichnet, wurde das Xylophon aller Wahrscheinlichkeit nach von Augustus Pablo gespielt. Ihre Entstehung verdanken die Dub-Tracks dem Wunsch der Fatman Riddim Section nach brauchbaren B-Seiten für die Hit-Tunes des Tenement-Albums. Obwohl die Tracks niemals für ein Album vorgesehen waren, wurden sie zu Tubby gebracht – der sie routiniert mixte – und anschließend, 1976, in winziger Auflage und zudem mit falschem Labelaufdruck als Longplayer veröffentlicht. Kein Wunder, dass kaum jemand von dem Album wusste und Motionrecords es nun als das „rarste Dub Album, das jemals in Jamaika aufgetaucht ist“ anpreist. Seine Qualitäten besitzt das Album fraglos durch die technische Meisterschaft der Inner Circle-Band und die Rhythms gehören zweifellos in den Reigen der besten Mid-70ties-Roots-Produktionen. Ob die Overdubs aber nun eine Bereicherung darstellen, ist fraglich. Skurrilität ist nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal – auch nicht im Dub.

Meine Wertung:

Dub Revolution, Juli 2006

Richard H. Kirk ist wohl am besten bekannt als Gründer der Punkband Cabaret Voltaire. Obwohl sich Punk und Reggae in den 1970er Jahren nahe standen, dauerte es rund drei Jahrzehnte, bis der talentierte und experimentierfreudige Kirk Reggae und Dub für sich entdeckte. 2002 erschien unter dem Namen Sandoz sein Dub-Debut „Chant To Jah“ auf dem – eigentlich den Rare Grooves verschriebenen – Label Soul Jazz, das jedem Studio One-Liebhaber als zurzeit profiliertestes Reissue-Label ein Begriff sein dürfte. Doch „Chant To Jah“ war – trotz des prestigeträchtigen Labels – kein gutes Dub-Album. Die Tracks waren zu vertrackt, der Bass geriet permanent ins stocken und die Beats wollten einfach nicht grooven. Irgendwie steckte darin noch zuviel „Industrial“ (wie es auch bei manchen Produktionen von Adrian Sherwood der Fall ist) – wahrscheinlich das Erbe früherer musikalischer Vorlieben Kirks. Inzwischen hatte Kirk vier lange Jahre Zeit, um viele klassische Dub-Platten zu hören, um das britische Dub-Revival der 1990er Jahre aufzuarbeiten und nicht zuletzt, um an eigenen Basslines zu werkeln, Rasta-Vocals zu sampeln und die Synthies zu tunen. Nun liegt sein neues Dub-Album, „Live In The Earth“ (Soul Jazz/Indigo) vor und es lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Lektionen gut gelernt hat. „Live In The Earth“ ist ein faszinierendes Dub-Album geworden, mit starken, hypnotischen Tracks, die den Hörer förmlich in sich aufsaugen. Endlose Loops des immer gleichen Vocal-Samples, der stoisch durchlaufende, stark betonte Offbeat und die warmen, pulsierenden Bass-Frequenzen steigern das repetetive Moment des Dubs in bisher nur von Mark Ernestus und Moritz von Oswald erreichte Dimensionen. Dabei ist sein Sound keineswegs karg oder verkopft. Im Gegenteil: die Beats stecken voller Wärme und Leben. Jedes Detail in ihnen dient dazu, den Hörer zu vereinnahmen, seinen Rhythmus mit dem der Musik zu synchronisieren, mit ihr zu schwingen und sich schließlich in ihr zu verlieren. „Live In The Earth“ ist daher zweifellos als akustische Droge einzustufen und jeder, der die Platte auflegt, sollte sich der Gefahr bewusst sein, als Dub-Addict zu enden. Ein Risiko, das man jedoch gerne eingeht.

Hoffnungslose Dub-Adddicts sind auch die beiden Berliner Produzenten Mark Ernestus und Moritz von Oswald (aka Rhtyhm & Sound). Daher war zu erwarten, dass sie ihrem One-Rhythm-Album „See Mi Yah“ eine Dub-Version folgen lassen würden. Diese ist nun unter dem Titel „See Mi Yah Remixes“ (Burial Mix/Indigo) erschienen. Da ein reines One-Rhythm-DUB(!)-Album sogar die Geduld des härtesten Minimal-Dub-Liebhabers auf die Probe stellen würde, entschloss sich das Produzententeam, eine ausgewählte Schar weitgehend Dub-fremder Musiker um Remix-Versionen zu bitten und sich damit ein schönes Spektrum aktueller Club-Sounds zu erschließen. Folgerichtig griffen Minimal-Elektroniker, Disco-House-Vertreter und Techno-Prouzenten wie Carl Craig, Villalobos, Vladislav Delay oder Hallucinator in die Tastaturen und kreierten oft gänzlich neue und sehr spannende, Club-taugliche Stücke. Nicht selten blieben dabei neben Instrumentierung und Genre, auch die Vocals auf der Strecke. So stellt sich die berechtigte (wenn auch nicht sonderlich sinnvolle) Frage, was die Remixes denn eigentlich noch mit dem Original zu tun haben? Streng genommen ist das verbindende Element meist nur noch die dunkle Atmosphäre und der konsequente Minimalismus – und natürlich das Prinzip des Dub, das die unterschiedlichen Genres unter dem Primat des Sound vereint.

Bleiben wir noch ein wenig in Club-Gefilden, auch wenn sich der Sound jetzt radikal ändert: „Schön, dass du mal wieder reinhörst“ (Pingipung/Kompakt) heißt das Debutalbum von Peter Presto aka Nils Dittbrenner und bietet die wohl verrückteste Sound-Mixtur, die je in dieser – an Ungewöhnlichem nicht armen – Kolumne Erwähnung gefunden hat. Und das ganz unspektakulär und lässig im Gewand eines durchweg entspannten Sommer-Soundtracks voller sympathischer Synthie-Hooklines und Ohrwurm-Melodien. Es ist ein Album voller Sonnenwärme, das unschuldig zwischen Schunkelstimmung und Albernheit hin- und herspringt. Ein Album, das zu gleichen Teilen Club-Elektronik, Pop-Kitsch, Reggae und Dub sowie unverkennbar Schlager ist. Es ist unentscheidbar, ob dieses Album pure Ironie, Reggae-Verarsche, eine ultracoole Rückbesinnung auf die Werte des Kitsch oder schlicht ein schönes Elektronik-Album ist, gewissermaßen die konsequente Dub-Fortsetzung von 2Raumwohnung. Doch wer braucht Gewissheit, wenn die Musik macht einfach richtigen Spaß macht. Eigentlich wollen wir doch alle schöne Melodien und einen groovenden Reggae-Soundtrack. Wenn dazu die Sonne scheint, wie diesen Sommer, dann ist das kleine Lauben-Glück doch perfekt.

Dennis Bovell ist vielleicht die einflussreichste Reggae-Größe Englands. In den frühen 1970ern gehörte er mit seiner Band Matumbi zu den Pionieren des britischen Reggae und begann Mitte des Jahrzehnts als erster britischer Musiker mit Dub zu experimentieren. Später erfand er im Alleingang den Lovers Rock und verhalf Dub-Poet Linton Kwesi Johnson zu internationaler Bekanntheit. Anfang dieses Jahres hat er sein – bei uns komplett übersehenes – Vocal-Album „All Over The World“ beim Major EMI veröffentlicht. EMI/Virgin-Recods hat das zum Anlass genommen, auch einige alte Werke des Meisters aus den 1970er und 1980er Jahren wieder zu Gehör zu bringen. Die Wahl fiel auf folgende sieben Alben: „Strickty Dub Wize“ von 1978, „Brain Damage“ von 1981, „Audio Active“ von 1986 sowie die vier Alben, die Bovell unter dem Namen „The 4th Street Orchester“ in den 1970er Jahren aufgenommen hat: „Scientific, Higher Ranking Dubb“, „Yuh Learn!“, „Ah Who Seh? Go Deh!“, sowie „Leggo! Ah-Fi-We-Dis“. Die beiden Letzteren beiden wurden tatsächlich von Matumbi eingespielt, was Bovell jedoch verschwieg, weil er sie als „Jamaika-Importe“ an den Markt bringen wollte. Da britischer Reggae damals noch nicht viel galt, war dies eine geschickte Marketingstrategie, deren Erfolg im Übrigen auch viel über die authentische Qualität der Bovell-Produktionen aussagt. Auch heute noch macht es viel Spaß, diese klassischen Old-School-Dubs zu hören, die problemlos als Tubby-Mixe durchgehen könnten. Präzise gespielt, sehr inspiriert arrangiert und gemischt, sind diese Aufnahmen die Highlights der Reissue-Serie. Sehr schön sind aber auch die Dubs auf  „Scientific, Higher Ranking Dubb“/ „Yuh Learn!“, die auf Bovellschen Lovers-Rock-Produktionen basieren und seinerzeit hoch im Kurs der britischen Soundsystem standen. Bovells Leistung bestand darin, die soften Lovers-Rock-Arrangements mit dem Roots-Rückgrat des Reggaes abzustimmen, was ihm sehr gut gelungen ist. „Strictly Dub Wize“ – das Bovell unter dem Pseudonym „Blackbeard“ veröffentlicht hatte –  featured ebenfalls Dub-Versionen von Matumbi-Aufnahmen. Hier wurden sie jedoch trockener und puristischer abgemischt. Die verbleibenden zwei Alben, „Audio Active“ und „Brain Damage“, bieten vorwiegend Vocal-Stücke. Richtige Hits wie „Dub Master“ oder „Pow Wow“ finden sich auf ersterem. Obwohl „Brain Damage“ das bekanntere Album ist, kann es im Vergleich nicht überzeugen. Hier sind schlicht die Konzessionen an den Mainstream-Pop der Zeit zu groß, weshalb das Album neben Reggae auch Afro-Pop, Rhythm & Blues, Jazz und Soul bietet. Leider etwas zuviel des Guten.

Passend zum Thema hören wir kurz in „King Tubby & Friends: Motion Dub Special“ (Motion/Import) hinein, eine Sammlung von 14 Dubs aus den Jahren 1974 bis 1978. Die Stärke dieses Samplers liegt in der großen Unterschiedlichkeit der hier zusammengetragenen Stücke, die weitestgehend dem Releasekatalog des kleinen Motion-Labels entstammen. Wer Tubby vorwiegend von den unzähligen, stilistisch sehr einheitlichen Bunny Lee-Produktionen kennt, wird hier ganz andere Seiten aus Tubbys Schaffen kennen und lieben lernen.

Nucleus Roots haben ein neues, ziemlich beeindruckendes Dub-Album vorgelegt: „Heart Of Dub“ (Hammerbass/Import). Der Sound passt perfekt zum Labelnamen, denn mit aller Wucht schleudern die Franzosen ihren Hörern die Basslines entgegen und schlagen ihnen die Bassdrum in den Magen. Uff, das ist wahrlich physisch spürbare Musik. Steppers in Reinkultur – und trotzdem nicht uninspiriert oder langweilig, was schlicht an den guten Gesangsmelodien liegt, die fragmentarisch das musikalische Echo-Inferno durchdringen. Aber auch die Basslines rollen schön melodiös aus der Box. Natürlich wird es für so ein konsequent klassisches Steppers-Album keinen Innovationspreis geben, doch auf den Publikumspreis könnte das Album durchaus hoffen.

Weniger hart, ja geradezu versöhnlich und entspannt kommt die Musik auf dem neuen Alien Dread-Album „Kortonic Dub – Remixed & Remastered“ (www.acl2000ltd.co.uk) daher. Die sanften Bässe werden hier von sphärischen Flötenklängen und Synthie-Sternenglitzer begleitet. Was nicht heißt, dass wir es hier mit einem Ambient-Dub-Album zu tun hätten. Ganz und gar nicht! Der Groove ist absolut geerdet, äußerst solide und tight. Der fremde Dread versteht sein Handwerk zweifellos. 

Ebenso die Jungs von Johnstone. Mit „Eyes Open – Dub“ (John Stone/Import) liefern die Amerikaner ein beachtenswertes Dub-Album ab, das auf schnelle und leichte Beats gebaut ist. Wie für amerikanischen Reggae ist Musik handgespielt, was ja immer einen ganz eigenen Charme besitzt. Der Mix ist nicht sonderlich aufregend, aber die Rhythms sind sehr kraftvoll und solide. Der Sound ist deutlich trockener, als bei den beiden französischen und britischen Produktionen (s.o.), die Arrangements hingegen – trotz der Minimalbesetzung der Band – abwechslungsreicher.

Ein interessantes Projekt haben die beiden Engländer Garry Hughes und Andrew T. MacKay unter dem Pseudonym „Bombay Dub Orchestra“ (Exil/Indigo) realisiert. Hughes und MacKay haben in Indien ein 28-köpfiges Streichorchester für sich spielen lassen und die Aufnahmen im britischen Heimstudio dann schichtweise übereinander getürmt, bis sie den gewünschten „cinematografisch-symphonischen Panoramaklang“ der Superlative auf Band hatten. Dazu noch schnell ein paar Sitar-, Sarangi-, Tabla- und Bansuri-Solisten und fertig war das musikalische Ambient-Triphop-Dub-Curry. Für uns ist vor allem die Bonus-CD mit den Dub-Mixen interessant. Doch obwohl hier eigentlich alle Ingredienzien stimmen, entwickelt das Curry nicht die nötige Schärfe. Man schafft es maximal fünf Minuten lang konzentriert hinzuhören, dann sind die Gedanken schon woanders und die Musik nur noch Background-Muzak. Schade.

Ein Album, das uns wieder versöhnt, ist der „Showcase“ (Wibbly Wobbly) von den Abassi All Stars. Hinter den All Stars steht tatsächlich nur eine Person, nämlich Neil Perch, Labelchef von Universal Egg, Deep Root und Kopf von Zion Train. Dass er seit den frühen Zion-Train-Meisterwerken nicht verlernt hat, kraftvolle, inspirierte und schön melodiöse Tracks zu produzieren, zeigt dieses spannende Album. Anders als der Titel vermuten lässt, werden hier ausschließlich Vocal-Tracks präsentiert, von überwiegend unbekannten UK-Artists. Lediglich Earl 16, Luciano und Dubdadda sind einem größeren Publikum bekannt. Alle beteiligten Artists liefern äußerst schöne, prägnante und hervorragend gesungene Tunes ab. Earl 16s Opener „Stem the Tide“ legt die Latte bereits sehr hoch, doch der Höhepunkt ist wohl Sis Sanaes Track „Suffering“, in dem die Sängerin ihre sanfte aber starke Melodie selbstbewusst dem brachial treibenden Beat entgegenstellt. Lucianos Tune „What We Gonna Do“ ist ungewohnt düster und schwer, während Fitta Warri seine Interpretation von Sizzla über einem bemerkenswerten Uptempo-Steppers abliefert. Zwei Tracks weiter meldet er sich nochmals mit „Never Sell My Soul“ zu Wort und präsentiert einen weiteren herausragenden Track des Albums. Hier hat Perch wieder ein kleines Meisterwerk geschaffen. Es ist kaum zu glauben, dass er nach rund 15 Jahren im Geschäft noch immer geradezu übersprudelt vor Ideen. Dafür ist es andererseits umso enttäuschender, dass es nur einen MP3-Release (iTunes) des Albums geben wird. Times are changing. 

Zum Abschluss noch ein Dub-Album aus hiesigen Gefilden: Die drei Stuttgarter Musiker Wolfram Göz, Michael Friedler und Gabriel Schütz haben unter dem Bandnamen Tokyo Tower ihr Debutalbum „The Meaning“ (www.mutan.de) vorgelegt. Es ist ein ruhiges, verhalten experimentelles Dub-Album, das sich deutlich am Sound von Leftfield, Dreadzone und Terranova orientiert. Dabei steckt es voller interessanter Ideen wie etwa der musikalischen Umsetzung der Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Doch, obwohl alle Songs schön entwickelt und detailbewusst umgesetzt sind, fehlt es an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch etwas am Timing.

Meine Wertung:

Dub Revolution, Mai 2006

Es ist erstaunlich, dass Dub in letzter Zeit auch das Interesse von Jazz-Musikern weckt, sollte man doch meinen, dass sich diese ungern in das für Dub typische enge Rhythmus-Korsett pressen lassen. Andererseits bietet Dub Gelegenheit zu ausschweifenden Sound-Experimenten und ist zudem ein für Jazzer noch weitgehend unerforschtes Gebiet. Für das Genre sind die Jazz-Musiker jedenfalls eine Bereicherung, erschließen sie ihm doch eine gänzlich neue Soundsphäre, in der die Dub-typischen, fett-stoischen Beats von handgespielte Instrumenten und experimentellen Sounds kontrastiert werden und so einen rauen und lebendig-direkten Charme entwickeln. Die drei Schweizer Adrian Pflugshaupt, Christian Niederer und Marcel Stalder beherrschen diesen Sound perfekt. Unter dem Namen Dub Spencer and Trance Hill liefern sie mit ihrem Debutalbum „Nitro“ (Echo Beach/Indigo) ein äußerst gelungenes Beispiel für die Fusion von Jazz und Dub. Ihr psychedelischer Dub-Sound, der auch gerne mal von Western-Gitarren Riffs oder auch regelrechten Rock-Soli bereichert wird, hält genau die Waage zwischen groovender Bauchmusik und für bewusstes Zuhören geschaffene Kopfmusik. Repetetive Beats und weitgehend live gespielte „Mix-Exkursionen“ – die hier die Funktion der Soli im Jazz übernehmen – wechseln sich in perfektem Timing ab und sorgen dafür, dass das Album über seine gesamte Länge interessant und spannend bleibt. Wer sich unter dieser sehr theoretischen Beschreibung nicht viel vorstellen kann, der denke an eine (rein hypothetische) Zusammenarbeit von Adrian Sherwood und Bill Laswell für das Brooklyner Word Sound-Label; jetzt das Ganze noch als Live-Konzert-Mitschnitt vorstellen – und schon dürfte der verquere und doch eingängige Sound von Dub Spencer und Trance Hill vor dem inneren Ohr erstehen. Und wahrscheinlich auch der Wunsch, dort einmal im Real-Live reinzuhören.

Pionier der Fusion von Dub und Jazz dürfte – abgesehen von einigen Sherwood-Produktionen in den 1980er Jahren – Burnt Friedman sein, der zwischen 2000 und 2004 mehrere Dub-Alben auf seinem Nonplace-Label veröffentlichte. Ziel seines vollständig durchprogrammierten Sounds war es, dem Klang handgespielter Instrumente so nah wie möglich zu kommen. Nun hat das Jazz-Quartett Root 70 (Nils Wogram, Jochen Rueckert, Matt Penman und Hayden Chrisholm) diesen nahezu perfekten Fake mit Hilfe von Posaune, Saxophon, Schlagzeug und Kontrabass in ein tatsächlich handgespieltes „Original“ verwandelt, indem es sieben Friedman-Kompositionen und drei Stücke von Flanger neu – und vollkommen akustisch – vertont hat. Das Ergebnis ist das Album „Heaps Dub“ (Nonplace/Groove Attack) – faszinierend und sehr, sehr schön. Denn obwohl Root 70 angeblich auf Free-Jazz spezialisiert sind, klingt hier alles wohlgeordnet und harmonisch arrangiert – ja es ist sogar weniger experimentell als Dub Spencer und Trance Hill. Zugleich ist die Nähe zum Jazz aufgrund der akustischen Instrumentierung größer. Die Bläser und das Fehlen der Gitarre ergeben ein ganz anderes, weniger raues, äußerst harmonisches Klangbild. (Wahrscheinlich werden die Free-Jazzer entsetzt sein, dies zu lesen …)

Bleiben wir noch ein wenig bei handgespielter Musik. Vom Dub Trio war vor zwei Jahren schon die Rede, damals hatte die Minimal-Band ihr Debut-Album „Exploring the Dangers Of“ vorgelegt. Nun kommt das neue Werk „New Heavy“ (Roir/Cargo) – und der Name trifft es ziemlich genau, denn während das Debut-Album ein Reggae-Dub-Album mit gewissen Rock-Einflüssen war, macht „New Heavy“ einen großen Schritt in Richtung Metall. Ja, richtig gelesen: Metall. Das verrückte ist aber: es funktioniert ziemlich gut – und viel besser als bei den Bad Brains, denn das Dub Trio hat einen ziemlich groovenden Reggae-Beat drauf. Sobald sich der Hörer in diesen Beat fallen lassen will, getragen werden möchte vom tiefen Bass und maßvoll voranschreitendem Schlagzeug, bricht ein Gitarren-Gewitter los, das schlagartig Adrenalin in alle Ecken des Körpers pumpt. Kurz bevor der Stresspegel zu hoch steigt, verhallen die Gitarren und der Reggae-Groove übernimmt wieder die Regie. Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich allerdings ein weites Feld von ausgeklügelten und clever arrangierten Dub-Effekten, die aus dem Album ein vielschichtiges musikalisches Erlebnis werden lassen.

Das komplette Gegenteil ist das Projekt der beiden Engländer Garry Hughes und Andrew T. MacKay, das sie unter dem Pseudonym „Bombay Dub Orchestra“ (Exil/Indigo) realisiert haben. Statt kreischender Gitarren gibt es hier Ruhe und Besinnung. In Indien haben Hughes und MacKay ein 28-köpfiges Streichorchester für sich spielen lassen und die Aufnahmen im britischen Heimstudio dann schichtweise übereinander getürmt, bis sie den gewünschten „cinematografisch-symphonischen Panoramaklang“ der Superlative auf Band hatten. Dazu noch schnell ein paar Sitar-, Sarangi-, Tabla- und Bansuri-Solisten und fertig war das musikalische Ambient-Triphop-Dub-Curry. Für uns ist vor allem die Bonus-CD mit den Dub-Mixen interessant. Doch obwohl hier eigentlich alle Ingredenzien stimmen, entwickelt das Curry nicht die nötige Schärfe. Man schafft es maximal fünf Minuten lang konzentriert hinzuhören, dann sind die Gedanken schon woanders und die Musik nur noch Background-Muzak. Schade.

Ganz anders bei Stefan Schneider und Bernd Jestram, die sich mit ihrem Projekt Mapstation auf einem schmalen Grad zwischen Minimal Techno a lá Kompakt, Minimal Dub a lá Rhythm & Sound und Minimal E-Musik a lá Steve Reich bewegen. Ruhige, kurze, repetitive Beats, ein warmer, bassgetriebener, komplett synthetischer Sound und versteckt angedeutete Melodien kennzeichnen die facettenreichen Produktionen der beiden Berliner. Ihr neues Album „Distance Told Me Things to Be Said“ (scape/Indigo) ist vielleicht das empfehlenswerteste Album dieser Kolumne – auch wenn es nicht leicht fällt, es widerspruchslos in der Kategorie „Dub“ unterzubringen. Doch wie es für Dub typisch ist, so geht von dieser Musik eine starke hypnotisierende Wirkung aus. Die synkopierten Beats tragen das Bewusstsein davon, wie das Klackern der Gleisschwellen bei einer nächtlichen Zugfahrt. In diesen Dämmerzustand mischen sich Geräusche der realen Welt: Irgendwo spielt ein Kind, ein offenes Fenster, ein Auto fährt vorbei. Dann  befindet sich der Hörer unvermittelt in Afrika und wird schließlich von den warmen Melodien einer Posaune ins Hier und Jetzt zurückgeholt – nur um mit dem nächsten Track auf eine neue Reise zu starten. Grandios!

Zum Abschluss noch zwei ganz handfeste Dub-Alben: Die drei Stuttgarter Musiker Wolfram Göz, Michael Friedler und Gabriel Schütz legen unter dem Bandnamen Tokyo Tower ihr Debutalbum „The Meaning“ (www.mutan.de) vor. Es ist ein ruhiges, verhalten experimentelles Dub-Album, das sich deutlich am Sound von Leftfield, Dreadzone und Terranova orientiert. Es steckt voller interessanter Ideen wie etwa der musikalischen Umsetzung der Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Doch, obwohl alle Songs schön entwickelt und detailbewusst umgesetzt sind, fehlt es an der einen oder anderen Stelle noch etwas am Timing und die Rhythms grooven nicht so wie sie könnten. Der unangefochtene Meister des Grooves, Sly Dunbar, ist auf „Skin Flesh & Bones meet The Revolutionaries: Fighting Dub 1975-1979“ (Hot Pot/Indigo) mit seinem „Frühwerk“ zu hören, denn hinter beiden Namen verbergen sich in etwa die gleichen Studiomusiker, vornehmlich Sly & Robbie, die hier 18 Tracks für Lloyd „Spiderman“ Campbell eingespielt haben. Wer genau hinhört, kann in diesen Aufnahmen bereits die Blaupause für Sly Dunbars so typischen „Rockers-Style“ hören, den er später im Channel One Studio zur Perfektion brachte. Die hier versammelten Dubs gehören zwar nicht zu den aufregendsten Produktionen der 1970er Jahre, sind aber trotzdem schön anzuhören – vor allem, wenn Rhythms wie „My Conversation“ oder „Be My Puppet“ erklingen.

Meine Wertung:

Dub Revolution, März 2006

Wer von Dub-Samplern spricht, denkt zweifellos an die 1990er Jahre, der Blütezeit des Genres, als der Musikmarkt mit Dubware geradezu überschüttet wurde. EFA-Records (Gott habe sie seelig) importierte was das Zeug hielt und brachte hunderte von Dub-Compilations in die deutschen Läden. Doch diese schöne Zeit ist leider unwiederbringliche Vergangenheit, und nachdem auch Echo Beach das Erscheinen der King Size Dub-Sampler eingestellt hat, ist diese Spezies ausgestorben. Ganz ausgestorben? Nein, ein kleines, unbeirrbares Label im UK leistet Widerstand und publiziert unverdrossen eine traditionsreiche Compilation-Serie. Die Rede ist von Tanty Records (www.tantyrecords.com) – oder besser gesagt – von Kelvin Richards, der One-Man-Show hinter der Labelfassade. Seit den frühen 1990er Jahren trägt er mit höchst individuellem Geschmack ausgewählte Dub-Releases zusammen und publiziert sie unter dem irreführenden Titel „Roots Of Dub Funk“. Mit Funk hat seine Auswahl nämlich wenig zu tun, dafür umso mehr mit tonnenschweren Bässen, trägen Beats und 100% One Drop. Hier geht es also nicht um Crossover, Experiment oder gar Avantgarde. Nein, hier geht es um Traditionspflege im besten Sinne, es geht um das, was landläufig unter UK-Dub verstanden wird, wobei – und das ist eine äußerst spannende Entwicklung – von den 14 Tracks des neuen Albums „Roots Of Dub Funk 5“ (Tanty Records/Import) nur 5 tatsächlich aus dem UK stammen. Dub ist heute eine ganz und gar internationale Musik, deren Protagonisten von Kelvin zu Recht „today’s global dub warriors“ genannt werden. Versammelt hat er hier, auf der 5. Ausgabe der „Roots Of Dub Funk“, Dub- Krieger aus Kanada, den Niederlanden, den USA (Groundation), Australien, Schweden, Brasilien und Frankreich (Peter Broggs). Aus Großbritannien kommen die bekanntesten Namen: Vibronics, Alpha & Omega, Abassi All Stars und Mad Professor. Was hier disparat klingt, fügt sich akustisch zu einem wunderbar homogenen Dub-Album auf höchstem Niveau – auf dem es definitiv keinen einzigen Filler gibt. Ein Album, das zwar keinen Innovationspreis verdient, dafür aber einen Orden für Traditionspflege und unbeirrbar guten Geschmack – abgesehen von der miserablen Covergestaltung – was aber bei Dub leider auch schon Tradition ist.

Ein Album, das soundtechnisch perfekt zu „Roots of Dub Funk 5“ (siehe Kasten) passt, ist der „Showcase“ (Wibbly Wobbly) von den Abassi All Stars. Hinter den All Stars steht tatsächlich nur eine Person, nämlich Neil Perch, Labelchef von Universal Egg, Deep Root und Kopf von Zion Train. Dass er seit den frühen Zion-Train-Meisterwerken nicht verlernt hat, kraftvolle, inspirierte und schön melodiöse Tracks zu produzieren, zeigt dieses spannende Album. Anders als der Titel vermuten lässt, werden hier ausschließlich Vocal-Tracks präsentiert, von überwiegend unbekannten UK-Artists. Lediglich Earl 16, Luciano und Dubdadda sind einem größerem Publikum bekannt. Alle beteiligten Artists liefern äußerst schöne, prägnante und hervorragend gesungene Tunes ab. Earl 16s Opener „Stem the Tide“ legt die Latte bereits sehr hoch, doch der Höhepunkt ist wohl Sis Sanaes Track „Suffering“, in dem die Sängerin ihre sanfte aber starke Melodie selbstbewusst dem brachial treibenden Beat entgegenstellt. Lucianos Tune „What We Gonna Do“ ist ungewohnt düster und schwer, während Fitta Warri seine Interpretation von Sizzla über einem bemerkenswerten Uptempo-Steppers abliefert. Zwei Tracks weiter meldet er sich nochmals mit „Never Sell My Soul“ zu Wort und präsentiert einen weiteren herausragenden Track des Albums. Hier hat Perch ein weiteres kleines Meisterwerk geschaffen. Es ist kaum zu glauben, dass er nach rund 15 Jahren im Geschäft noch immer geradezu übersprudelt vor Ideen. Dafür ist es andererseits umso enttäuschender, dass es nur einen MP3-Release (iTunes) des Albums geben wird. Times are changing. 

Verändern wir allmählich den Sound und werden ein wenig experimenteller: „Negril To Kingston City“ (Nocture/Rough Trade) heißt das Album der Transdub Massive, dessen hervorstechendes Merkmal der reizvolle Kontrast zwischen der Beständigkeit des Beats und der Dissonanz eingestreuter, sperriger Soundeffekte ist. Beat und Mix arbeiten hier scheinbar gegeneinander. Immer wenn eine der beiden Seiten droht, die Überhand zu gewinnen, wendet sich das Blatt. Eben wollten die Stimmfetzen und das Melodikaspiel sich verselbständigen, schon setzt der ruhige Bass ein und holt sie auf den Boden zurück. Sehr interessant ist das – und auch äußerst schön. Natürlich kaum geeignet im Hintergrund vor sich hinzupluckern und warme Atmosphäre zu verbreiten. Aber beim konzentrierten Hinhören bietet es eine phantastische Reise durch das Zauberland des Sound. Abgesehen davon, dass es sich hier um französische Produzenten handelt, ist wenig über Trancedub Massive bekannt. Aber nach diesem Album wird sich das bestimmt ändern.

Das Manifest des experimentellen Dub formulierte 1978 (zwei Jahre vor Adrian Sherwoods „Starship Africa“!) der britische Künstler und Musiker David Cunningham unter dem Titel „The Secret Dub Life Of The Flying Lizards“ (Piano). In jenem Jahr bekam er ein Mono-Tape mit Produktionen von Jah Lloyd ausgehändigt, mit dem Auftrag, es für Virgin Records zu remixen. Cunningham – ein Freund minimaler Sounds – war verzweifelt, denn das zusammenkopierte Mono-Material war praktisch „unremixbar“. Also ging er mit dem Werkzeug des Minimal-Musikers ans Werk, schnitt, loopte und filterte das Tape nach allen Regeln der Kunst und jagte es durch diverse Effektgeräte. Das Ergebnis ist ein gänzlich untypisches, dezent verkopftes, minimalistisches, dafür aber maximal faszinierendes Dub-Werk, das seiner Zeit um rund 30 Jahre voraus war – weshalb es jetzt, zum richtigen Zeitpunkt, rereleased wird.

Zum Schluss eine starke Dosis Old School: „Soul Syndicate Dub Classics“ (Jamaican Recordings). Niney the Observer ist bekannt für seine schweren, wuchtigen und kraftvollen Rhythms, über die er mit Bravour Sänger wie Dennis Brown, Barry Brown, Max Romeo und Gregory Isaacs produzierte. Wäre es nicht spannend, diese Rhythms einmal pur zu hören, ihren Sound auszukosten und sich von der Energie mitreißen zu lassen? Jah Floyd, vom Reissue-Label Jamaican Recordings, hat nun 14, der von King Tubby gedubbten B-Seiten bekannter Niney-Singles, zu einem Album zusammengestellt. Hierunter finden sich ganz erstaunliche Cuts. Unglaublich ist z. B. „Dub in Heaven“, die Dub-Version von Horace Andys „You Are My Angel“. Dieser knochentrockene, alles dominierende Bass gehört zum Erstaunlichsten, was ich aus den 70er Jahren je gehört habe. Stripped to the bone – im wahrsten Sinne. „Dub A Long“ ist ähnlich fundamental, nur das Rockers-Schlagzeug bringt eine gewisse Leichtigkeit in den Track. Interessant ist auch „Niney’s Dub Crown“, ein Dub, der später als Augustus Pablos Version „555 Crown Street“ weltberühmt wurde – hier ist das Original zu hören. Selten waren brillant gespielte Rhythms und hochinspirierte Tubby-Mixe so perfekt vereint wie hier.

Meine Wertung: