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2. Meinung Dub

Aldubb: Mesozoic Valley

Aldubb ist unser aller Liebling. Seine „Planets of Dub“-Alben eroberten die Herzen der stolzesten Dub-Kritiker; – und was mich betrifft, besitzt der Berliner spätestens seit Erscheinen seines Epos „A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor“ den Adelstitel „Al von und zu Dubb“. Mit seinem neuen Album „Mesozoic Valley“ (One Drop Music) widmet er sich erneut der Ur- und Frühzeit unseres Planeten (die „Planet of Dub“-Alben gehören offenbar thematisch auch in die Reihe, wie mir gerade auffällt). Doch während die Symphonie ein im wahrsten Sinne „großes“ Werk war, kommt „Mesozoic Valley“ (One Drop) als rein digitale Produktion, also gewissermaßen als Laptop-Dub, geradezu bescheiden daher. Doch sobald der erste Track startet, ist es vorbei mit der Bescheidenheit. Der Bass bläst einem ins Gesicht und die Ohrläppchen flattern im Wind. Das ist Hardcore-Stuff fürs Sound System. Raus damit und Spaß haben – so kommt es mir vor. Mein Dubblog-Kollege gtkritz bemängelt fehlende Hooklines und mangelnde Prägnanz, womit er zwar durchaus Recht hat, was aus meiner Sicht hier aber gar nicht so entscheidend ist. Warum nicht einfach mal in Bass baden und sich wohl fühlen? Warum nicht mal nonchalant System 2 abschalten und System 1 seinen Spaß haben lassen? Ich würde sagen: „Mesozoic Valley“ anklicken (Streaming ist die passende Konsumform für das Album) und schön laut aufdrehen. Wer dann noch sagt: „nee, da fehlt mir Komplexität und die Reflexion der Bedingungen unserer Existenz“, den (oder die) verweise ich an die „Timescale of Creation“.

Lest auch die Rezension von gtkriz.

Bewertung: 4 von 5.

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2. Meinung Dub

Paolo Baldini DubFiles meets Dubblestandart: Dub Me Crazy

In letzter Zeit ist öfters von Paolo Baldini zu hören. Der italienische Reggae- und Dub-Produzent scheint einen Lauf zu haben. In schöner Regelmäßigkeit brachte er zuletzt jedes Jahr einen Longplayer heraus und war in zahlreichen Remix-Projekten unterwegs. Erst im März veröffentlichte Echo Beach eine Retrospektive seiner ersten Band, den B. R. Stylers. Nun kommt der zweite Streich aus gleichem Hause: Paolo Baldini DubFiles Meets Dubblestandart, „Dub Me Crazy“ (Echo Beach). Wien trifft auf Pordenone: Dubblestandart – ihres Zeichens selbst Dub-Produzenten – legt das Oeuvre der Band in die Hände Baldinis, um aus den Dubs weitere Dubs machen zu lassen. Ich finde, das klappt ganz gut. Der Italiener versteht sein Handwerk und liefert wunderbar kreativ gemixte Dubs ab. Allerdings muss man den trockenen, etwas spröden Sound von Dubblestandart mögen, um die Remixe angemessen würdigen zu können. On.U-Sound und das Dub Syndicate lassen grüßen. Baldini geht jedenfalls ganz Old School ans Werk: reines Mixing, keine Overdubbs oder neue Beats. Da Dubblestandart ja als Remix-Enthusiasten bekannt sind und die meisten ihrer Produktionen bereits x-fach durch verschiedenste Dub-Wölfe gedreht und durch Echo-Kammern gejagt wurden (ich erinnere nur an Tracks wie „Chrome Optimism“ oder „Holding you Close“ zu denen komplette Remix-Alben existieren), dürfte es für Paolo Baldini nicht ganz einfach gewesen sein, den Tracks neue Aspekte abzugewinnen. Erstaunlich, dass es ihm trotzdem so gut gelungen ist. Ich bin gespannt, wer als nächstes remixen darf.

Lest auch die Review von gtkritz

Bewertung: 4 von 5.

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2. Meinung Dub Five Star

Manasseh Meets Praise

Die Versuche, Reggae – insbesondere Dub – und klassische „E-Musik“ zu kreuzen, sind zwar rar – dafür aber umso spannender. Der Erste, der die Herausforderung meiner Meinung nach gemeistert hat, war 2006 Matthias Arfmann, als er für die Deutsche Grammophon das Oeuvre von Herbert von Karajan remixte. Seither ist viel geschehen. Ich erinnere nur an die Op’ra-Alben des Opernsängers Uli E. Neuens oder an Matos „Classical Dub“ aus dem letzen Jahr. Ging es bei diesen Alben stets um die Neuinterpretation klassischer Werke, so gibt es auch noch eine andere Form des Crossovers, bei der die Integration „klassischer“ Instrumente wie Geige, Querflöte oder Violine in die Dub-Soundsphäre im Vordergrund steht. Violinbwoy legte vor zwei Jahren ein düsteres Werk vor, das eher vom Kontrast zwischen Violine und Bass lebte, als von deren harmonischer Vereinigung. Aber jetzt gibt es eine neue Klassik/Dub-Benchmark: „Manasseh Meets Praise“ (Roots Garden). Unfassbar sanfte und doch druckvolle Reggae-Beats äußerst harmonisch, ja geradezu kongenial, umspielt von feinsten Violinen- und Viola-Klängen. Manchmal gesellen sich sogar noch eine Flöte und Harmoniegesang dazu. Klingt kitschig und sentimental? Aber nur auf dem Papier. Im Ohr ist es einfach nur schön. Ja, es ist eine im ursprünglichen Wortsinn sinfonische Musik – was sich selbst bei Arfmann nur mit Einschränkung behaupten lässt. Über Manasseh muss ich nicht viele Worte verlieren. Der Mann ist legendärer Dub-Veteran und Producer par excellence. Ich liebe seine Musik, seit ich in den 1990ern sein Album „Dub the Millennium“ gehört habe. Bei Praise handelt es sich um einen klassisch ausgebildeten Violinisten mit einem ausgeprägten Faible für Reggae. Seit rund zehn Jahren verschwinden Nick Manasseh und Praise regelmäßig im Studio und nehmen diese wunderbaren Instrumentals auf. Nun war es endlich an der Zeit, das entstandene Material in die Welt zu entlassen und Menschen wie mich damit zu beglücken. Ich bin mir sicher, dass die Meinungen über dieses Werk weit auseinander gehen werden. Aber wie immer man dazu stehen mag, so ist es doch wunderbar zu sehen, welche stilistischen Extreme unser Lieblingsgenre in sich aufnehmen kann.

Lest auch die Rezension von gtkriz.

Bewertung: 5 von 5.

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2. Meinung Dub

Alpha & Omega: Shadrach, Meshach And Abednego

Auch Alpha & Omega lassen wieder von sich hören. Ganz anders als ihr Nachwuchs, meiden die Veteranen das Experiment und liefern das ab, was sie schon immer am besten konnten: Mystischen Steppers-Dub, der keine Gefangenen nimmt. So auch auf ihrem neuen Album „Shadrach, Meshach And Abednego“ (Steppas). Hier begnügen sie sich zwar mit nur fünf Vocal-Tunes und fünf begleitenden Dubs – letztere aber haben es in sich. Ich staune ja immer wieder, wenn ich die beiden, oder Christine alleine am Bass, auf einem Sound System-Event erlebe. Seit über 30 Jahren liefern sie nahezu die gleiche Musik ab, unverdrossen, stetig und mit Hingabe. Das ist wahre Bestimmung. Dub for life. Und vielleicht ist es die Liebe zu diesen mystischen Bass-Sounds, die jedes A&O-Album von neuem so beseelt und inspiriert sein lässt.

Lest auch die Review von Marius

Bewertung: 3.5 von 5.

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2. Meinung Dub

Dubment: Showcase & Dub Fugues

Wer Dub Spencer & Trance Hill mag, wird auch Dubment lieben. Wie die Erstgenannten, stammen sie aus der Schweiz, machen in Minimalbesetzung minimalistischen Dub, handgespielt und mit ausufernden Rock-Gitarren-Exkursionen. Klingt gelegentich nach einem psychedelischen Jazz-Trio – was wohl daran liegen dürfte, dass Dominik Zäch (Gitarre), Balz Muheim (Schlagzeug) und Linus Meier (Bass) in Luzern gemeinsam Jazz studieren. Reggae und Dub sind eigentlich dem Prinzip der strikten Repetition verpflichtet, doch darum scheren sich die drei auf ihrem Album „Dubment – Showcase & Dub Fugues“ (Echo Beach) nicht besonders. Hier wird ziemlich frei gespielt und beherzt herumexperimentiert. Merkwürdigerweise klingt es dann trotzdem nach Dub. Das Album war übrigens schon seit Dezember 2019 auf dem Markt, kommt jetzt aber aus dem Hause Echo Beach als Deluxe-Version neu raus. Deluxe daran ist, dass der Dubvisionist zu jedem Dub eine kurze „Fuge“ schuf, die dem Original folgt. Wir hören also stets zuerst den Original-Dub, dann folgt eine zwei- bis dreiminütige Fuge. „Einen Dub vom Dub zu machen, erschien mir nicht sonderlich sinnvoll“, gibt der Dubvisionist Auskunft, „Die Originale sollten ganz klar die Helden sein. Die Fugen sind nur kleine Zwischengänge“. Mir gefallen die Zwischengänge ausgesprochen gut, bringen sie doch Dub-Feeling mit, das die Originale im Überschwang der Jazz-Improvisation manchmal etwas vermissen lassen. Hier übrigens von „Fugen“ zu sprechen und damit unweigerlich Assoziationen an Bachs „Kunst der Fuge“ oder auch ans „Wohltemperierte Klavier“ zu wecken, ist wirklich eine coole Idee – auch wenn die Dub-Fugen mit dem musikalischen Konzept einer Fuge nicht viel zu tun haben. Marketing rules.

Lest auch die Rezension von Ras Vorbei

Bewertung: 3.5 von 5.

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2. Meinung Dub

Sly & Robbie: Dub Serge

„Hä?“, dachte ich zuerst, „die haben ein 1:1-Remake von „Aux Armes, etc …“ eingespielt, Serge Gainsbourgs All-Time-Best-Seller? Dem Album, das sie ursprünglich 1979 aufgenommen hatten? Spinnen die beiden älteren Herren Sly Dunbar und Robbie Shakespeare jetzt total?“ Tja, es stimmt: „Dub Serge“ (Tabou1) von Sly & Robbie ist tatsächlich ein exaktes Remake des 1979er Originals. Selbst die komplette Band (neben Sly & Robbie) ist dieselbe, wie vor 41 Jahren: Mikey Chung, Dougie Bryan, Robby Lyn und Sticky Thompson – nur Ansel Collins fehlt. Verrückt! Aber die Geschichte dahinter rückt das Werk ins rechte Licht. Das Remake wurde bereits 2011 aufgenommen, als sich Tabou1-Label Chef Guillaume Bougard mit Sly, Robbie und der Band im Studio befand, alle Aufnahmen für ein Funk-Album eingespielt waren und noch ein ungenutzter Studiotag zur Verfügung stand. Sie beschlossen, den verbleibenden Tag für das Remake des legendären Serge Gainsbourg-Albums zu nutzen: Nur so, aus Spaß und ohne Ambitionen. Tatsächlich haben die Rhythm-Twins und ihre Co-Worker das komplette Album innerhalb von nur sechs Stunden im Kasten gehabt. Was für eine Leistung! Die Aufnahmen wanderten ins Archiv. Bougard erinnerte sich ihrer erst wieder, als Universal-Records ihn für ein Sly&Robbie-Interview anfragte, das für eine Serge Gainsbourg-Doku gefilmt werden sollte, zum Anlass des vierzigjährigen Jubiläums von „Aux Armes etc …“. „Warum nicht am Jubiläum mitverdienen“, dachte sich Bougard. Immerhin hatten Sly & Robbie 1979 für die Aufnahmen des Bestsellers nur je 250 Dollar erhalten, und keinen weiteren Cent an Tantiemen. Unglaublich, aber so war das damals in Jamaika. Also kramte Bougard die 2011er Aufnahmen hervor, dubbte sie in Windeseile (wahrscheinlich um dem ursprünglichen Aufnahmetempo gerecht zu werden) auf einem alten PC und entließ sie in die Welt. So sieht’s aus Leute: Wie kann man ein Album mit solch einer Entstehungsgeschichte negativ rezensieren? Ich bringe es nicht übers Herz – und ehrlich gesagt: Es ist gar nicht so schlecht.

Lest auch die Rezension meines Kollegen gtkriz

Bewertung: 3 von 5.
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2. Meinung Dub Five Star

Dubsouls in Session

Passen Dub und Jazz eigentlich zusammen? Ersterer eine super-strukturierte Musik mit eher sanftem Flow, letzterer oft frei flotierendes Chaos und planlose Improvisation. (So weit die Klischees). Aber es gibt ja einige wunderschöne Beispiele, wie beides gut zusammen gehen kann: Angefangen bei Ernest Ranglin über meinen Liebling „Dub på Svenska“, hin zu „Nordub“ von Nils Petter Molvær und zuletzt den „Natural Hights“ des Guiding Star Orchetras. Nun haben wir ein weiteres Paradebeispiel dafür, dass Dub und Jazz füreinander bestimmt sind: „Dubsouls in Session“ (Youth Sounds) von den Dubsouls. Hinter diesem charmanten Namen verbirgt sich ein Septett, geführt von dem britischen Jazzgitarristen Andrew Murphy. Es spielt ungemein entspannten Reggae im lockeren Retro-Style, smooth & easy mit Orgel, Blechbläsern, erstaunlich maximalem Bass und minimalem Dub-Mixing. Der perfekte steady Hintergrund für die hübschen, frei fließenden Jazz-Soli von Murphy & Co. So ein einfaches Rezept! Eigentlich nichts Besonderes – und doch bin ich total hooked. Der Flow ist einfach umwerfend und die Jazz-Gitarrenklänge betörend. Ich kann nur sagen: Dub & Jazz gehören zusammen wie Butter und Brot. Und überhaupt: Ist Dub-Mixing nicht sowieso irgendwie freie Jazz-Improvisation?

Bewertung: 5 von 5.
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2. Meinung Dub Five Star

Jim the Boss: Dub in HiFi

Das haben wir immer wieder: Sound-Ingenieure, die all ihr Können darauf verwenden, historische Sounds nachzuproduzieren. The master of them all könnte Jim the Boss sein. Er ging die Sache 2013 zielstrebig und planvoll an, vergrub sich in seinem Studio in New Jersey und bastelte so lange am Sound, bis es ihm gelang, den Klang des Reggae der frühen 1970er nahezu perfekt zu klonen. Natürlich nicht digital, sondern mit schönem, alten, angeranztem Analog-Studio-Equipment. Und siehe da, die Welt hatte auf seinen Reggae-Sound gewartet. Jim veröffentlichte 2016 die Sammlung seiner bisherigen Produktionen auf dem Dub-Album „Hudson Soul“ und stürmte damit die Genre-Charts bei iTunes und Beatport. Nun legt er nach mit „Dub in HiFi“ (Hudson Soul), und knüpft damit an „Hudson Soul“ an. Ist ja irgendwie auch logisch, dass es nicht Sinn eines Retro-Sounds sein kann, sich weiter zu entwickeln. Mich begeistert in solchen Fällen immer die handwerkliche Meisterschaft der Retro-Fetischisten, nicht aber das ästhetische Konzept. Warum Musik aufnehmen, die es schon gibt? Hier aber, muss ich gestehen, werde ich schwach: Ich finde nicht gut, was Jim da macht, aber ich bin ihm trotzdem verfallen. „Dub in HiFi“ klingt grandios, schön rau und kantig, enthält massenweise Zitate, denen nachzuspüren richtig Spaß macht und bietet darüber hinaus auch noch wunderbare Melodien. Übrigens gibt es das Album bei keinem einzigen Streaming-Dienst, dafür aber bei Bandcamp zum kostenlosen Download.

Bewertung: 5 von 5.