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Christoph El’ Truento: Peace Maker Dub

Im Grunde müssten wir uns hier über den 31-jährigen Neuseeländer Christopher Martin James nicht weiter unterhalten. In frühen Jugendjahren war er ziemlich erfolgreich in Sachen Hip-Hop unterwegs. Als Christoph El’ Truento hat er seit 2013 seinen musikalischen Wirkungskreis grundlegend geändert und macht nun hauptsächlich in: Ambient mit wabernden, kosmischen Klanglandschaften, Alternative, Experimental und Noise. Also eigentlich nichts für den Dubblog.
Wäre da nicht Christoph El’ Truento: “Peace Maker Dub” (Eigenproduktion), auf dem er sich wieder auf seine musikalischen Wurzeln besinnt. In einem Interview verrät er, dass Reggae die erste Musik gewesen sei, mit der er bewusst in Berührung kam. Sein wesentlich älterer Bruder – ein Reggae Kenner – hat(te) eine riesige Reggae-Sammlung und so lagen oft Alben von King Tubby, Lee Perry, Winston „Niney the Observer“ Holness, Errol (E.T.) Thompson oder den anderen Verdächtigen auf dem Plattenteller. Den Gedanken, ein Dub-Album zu machen, trug El’ Truento viele Jahre mit sich herum. Vom Start des Dub-Projektes bis zum vorliegenden Endresultat dauerte es über zwei Jahre. Ein Grund dafür war auch, dass zwischen der Musik, die sich El’ Truento im Kopf vorstellte und der, die letztendlich aufgezeichnet wurde, immer wieder Welten lagen. Nach eigener Auskunft scheiterte er bei den ersten Dub-Versuchen kläglich. Diese Problematik kann man heute beim Hören des Albums kaum noch glauben. OK, er hatte sich dann auch tatkräftige, versierte Verstärkung ins heimische Studio nach Auckland (NZ) geholt. Die wunderschön entspannten Saxofon- und Flöten-Passagen von JY wurden in nur zwei Stunden eingespielt! Als Unterstützung an den Perkussions wurde Lord Echo aus Wellington (NZ) angeheuert und Truentos großer Bruder durfte die „chinna-esken“ Gitarrenparts übernehmen.
In einem Interview mit dem Neuseeländischen Rundfunk erklärte Christoph El’ Truento, dass einige Aufnahmen anfangs mit ziemlich dürftigem/billigem Equipment entstanden seien. Sein erklärtes Ziel war von Anfang an, den Sound nicht so crispy wie viele neue Produktionen erscheinen zu lassen. Viel mehr wollte er, dass das Album etwas mehr low-fi klingt, so wie (ganz) frühe Perry/Tubby Aufnahmen. „Pep’s Chant“, ein überzeugendes Upsetter Remake auf dem El’ Truentos 7-jähriger Sohn den Part singt, der im Original von Lee Perrys Sohn übernommen wurde. Mit zwei Takes war Pep‘s Gesang im Kasten, den Papa Christoph dann zusammen frickelte. Ein Titel wie „Bush Walk Dub“ musste unbedingt sein. El’ Truento war schon im kindlichen Alter immer extrem begeistert, dass Perry Ziegen- und Kuhgeräusche mit seinen Dubs verknüpfte. So lag es nahe, auch einige typische Tiergeräusche aus dem neuseeländischen Buschland in die Aufnahmen zu integrieren. Auch Klanglandschaften, die bereits einige Zeit im Archiv schlummerten, wurden jetzt mit den Dub-Tracks verwoben.
Insgesamt lesen sich die einzelnen Titel des Albums wie verschollene Aufnahmen aus längst vergangenen Zeiten. Reminiszenzen an die jamaikanischen Erfinder der ganz frühen Dub-Kunst sind unüberhörbar. Der Sound klingt stellenweise etwas dumpf, was aber lt. El’ Truento durchaus so gewollt ist.
Mich überzeugt „Peace Maker Dub“ mit herrlichen Gitarrensoli, wimmerndem Orgelsound, Flying Cymbals, Nyahbinghi-Drumming, Flöte, Sax, wummernden Bässen, Xylophon, klassischen Dub-Effekten und analogem Sound. Erinnerungen an richtungsweisende Originale aus der Zeit werden sicherlich bei jedem Dub-Kenner geweckt.
Also: Es ist alles vorhanden, was das Herz eines Bud- ähm, Dubheads höher schlagen lässt.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Dub Spencer & Trance Hill: Tumultus II

PINK FLOYD. Ein ganzes Album schreit Pink Floyd – und ich liebe es vom ersten bis zum letzten Track und zurück: „Tumultus II“ nennt sich der neue Release von Dub Spencer & Trance Hill, und ich bin mir gar nicht so sicher ob für ihn die Kategorien „Dub“ oder gar „Reggae“ passend sind – beide waren für die Schweizer immer schon zu eng gefasst. Die Release-Info verleiht das Prädikat „psychedelischer Dub“ – vermutlich mangels einer besseren Begrifflichkeit, und der Markt verlangt nun mal nach einer Schublade. Fest steht: Die Herren beherrschen ihre Instrumente (dazu zähle ich auch das „Instrument“ Dub) dermaßen gut, dass sie damit nicht nur simpel Musik, sondern epische Klanggemälde erschaffen können. Dazu braucht’s die Freiheit, sich nicht an übliche Musikstrukturen zu halten; sich nicht in der ewigen rhythmischen Wiederholungsschleife auszuruhen, den Klangideen Zeit und Raum zum Atmen zu geben, Konzepte nach Belieben zu erstellen oder aufzugreifen und letztlich gerade auch die Freiheit, sich keinen Deut darum zu scheren was am Markt gerade gang und gäbe ist. So entstand eine Reihe großer Alben und ein ausgezeichneter Ruf, dem selbst konzeptuelle Seltsamkeiten wie „Riding Strange Horses“ und „Christmas in Dub“ nichts anhaben konnten.

Hier also ein weiteres Konzeptalbum, dass sich mehr denn je jenseits jeglicher Dub-Gepflogenheiten bewegt und vielleicht gerade deshalb ein Meilenstein im bisherigen Oeuvre von Dub Spencer & Trance Hill ist: Tumultus II, dessen kurioses Konzept aus nichts Geringerem als dem Alltag in einem antiken römischen Legionslager besteht. Da marschieren Truppen auf, Rüstungen und Waffen klirren und scheppern, Fanfaren eröffnen den Kampf der Gladiatoren und wir hören was die alten Römer sonst noch so für Lärm drauf hatten, bevor sie mutmaßlich von Asterix & Obelix vermöbelt wurden. Das Schweizer Vindonissa Museum hat im Rahmen seiner Soundwerkstatt Tumultus all diese antiken Klänge reproduziert, aufgenommen und verbindet sie mit modernen Sounds – diesmal eben mit dem von Dub Spencer & Trance Hill.

Hausmusik: Dub Spencer & Trance Hill & die Römer (© Museum Aargau)

Das Konzept hätte auch gehörig schief gehen können – etwa in Form eines platten musikalischen Alberto Uderzo und René Goscinny-Comics. Die obgenannten Fanfaren kommen dem gefährliche nahe, aber der Rest der geschätzten Hundertschaft an Geräusch-Samples wurde verfremdet, in Loops gelegt, mit Dub-Effekten bearbeitet und perfekt in eine vom bandeigenen Keyboarder Philipp Greter tadellos produzierte musikalische Reise eingebettet, die über sämtliche Dub-Plattitüden erhaben ist. Mitunter drängt sich allerdings die Frage auf, inwieweit dem Albumkonzept Rechnung getragen wurde – zumal die manipulierte Geräuschkulisse auch losgelöst davon funktioniert und als Soundtrack für vielerlei Stories herhalten könnte. 

Musikalisch kann man „Tumultus II“ als ausschweifend im allerbesten Sinn bezeichnen: Die Herren Trance & Hill nehmen sich Zeit. Das merkt man nicht nur an der Dauer der Tracks, wo man schon mal nahezu 15 spannende Minuten lang eine musikalische Idee entwickelt und sie in den verschiedensten Klangfarben und rhythmischen Facetten darstellt. Die musikalischen Strukturen und Arrangements sind so fein verwoben, dass ich auch nach gefühlten hundert Mal Anhören nicht sicher sagen kann, wann ein Track endet und der andere beginnt – abgesehen von „Gladiator“, der mit seinem platten Fanfaren-Intro die Ausnahme darstellt. Wenn also im Beipacktext zum Album von „Kopfkino“ gesprochen wird, so kann man dem nur beipflichten: Es ist eine abenteuerliche, nahezu minutiös angelegte Reise zu unterschiedlichsten musikalischen Destinationen, die ich für mich nicht fix verorten möchte. 

Um wieder zurück zu Pink Floyd zu kommen: Sie haben viel vom hier Beschriebenen vorgelebt – freilich um Längen epischer und theatralischer, aber ich wage durchaus den Vergleich: Hervorragende Musiker, enormer Ideenreichtum, großartige Umsetzung bzw. Ausführung und exzellenter Sound da wie dort; auch mach(t)en beide Combos nur geringe Zugeständnisse an den Markt und an 03:30 Minuten Radio-Hörgewohnheiten. Das alles wird umso bemerkenswerter angesichts der Größenordnung der jeweils zur Verfügung stehenden Produktionsbudgets. Letzteres könnte sich noch als unvermutet positiv herausstellen, wenn im Gegensatz zu den soundmäßig aufgedonnerten state-of-the-art-high-tech-Hochglanz-Alben von Pink Floyd der relativ trockene und zeitlose Sound von Dub Spencer & Trance Hill einer wesentlich würdevolleren Alterung unterliegt.

Wenn „Tumultus II“ also nicht wirklich als Reggae oder Dub-Release fassbar ist, was ist es dann? Simpel eine hervorragende musikalische Arbeit, die – zur Beruhigung alles Dubheads – natürlich mit jeder Menge Dub-Effekte und laid-back Rhythmik á la One Drop aufwartet. Zugleich gibt es hier aber noch so viel mehr zu entdecken – andere Künstler würden mit all diesen Ideen vermutlich mehrere Alben auffetten. Nicht so Dub Spencer & Trance Hill, und auch deshalb beide Daumen hoch für diesen beeindruckenden Release. 

Bewertung: 5 von 5.
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Dub

Finn The Giant meets Sandmonk: Two Worlds Clash

Vergangenes Wochenende habe ich einen Streifzug durch mein Archiv gemacht und dabei Finn The Giant meets Sandmonk: „Two Worlds Clash” (Eigenproduktion) wiederentdeckt. Nein, auch wenn es im ersten Moment so klingen mag, keine moderne Fortsetzung der schwedischen Legende um einen Riesen aus Lund mit dem Namen Jätten Finn. Finn The Giant oder Jätten Finn sind Künstlernamen für Finn Stillerud, einen Reggae-Produzenten und Dubmixer aus Malmö. Sein älterer Bruder hat ihn schon im frühen Kindesalter mit Roots Reggae vertraut gemacht und auch maßgeblich beeinflusst. Im zarten Alter von 13 Jahren lebte Finn ein Jahr in Amerika und auch in der Fremde wuchs sein Interesse für Roots Reggae, moderneren Reggae und Dancehall, weiter. Auf der Highschool trat er dann der Reggaeband „Soon Come” bei. Nach seiner Rückkehr nach Schweden begann Finn The Giant gleichzeitig seinen eigenen Reggae aber auch Dubs zu machen. Zusammen mit Sandmonk, einem ehemaligen Band-Mitglied aus „Soon Come”-Zeiten, wurden 2001 einige Dub-Demos aufgenommen. Aufgrund verschiedenster Umstände wurden die Aufnahmen nie veröffentlicht und so gammelten sie in irgendeinem Kämmerlein vor sich hin. Erst 2007 wurden die elf analog und mit viel Passion aufgenommenen Dubs aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und im neu entstandenen Studio remastered. Das Endresultat kann sich echt hören lassen. Bereits der Opener: „Hidden Knowledge” erinnert mich an den, auch von mir sehr geschätzten, Tomas Hegert: „Dub på Svenska”. (Immer wieder: Danke für den Tipp, René!) Auf „Greenhouse Stadion” meine ich ab 1:44 eine Art Akkordeon zu hören. „Minga Girls” erinnert an ein schwedisches, etwas polkaähnliches Volkslied. Manchmal bekommen wir eine sehr sparsam eingesetzte aber punktgenaue Melodica-Melodie zu hören. Die Orgel spielt diese nordischen, etwas unterkühlten aber sehr schönen, kristallklaren Orgelklänge, die mir seit Anfang der 70er von Bo Hansson (Tipp: Lord Of The Rings oder auch Attic Thoughts – kein Reggae) bekannt sind. Schwere, satte Drums und benthisch mäandernde Basslines werden flankiert von einer Fülle dubbiger Effekte. Die Fülle der Optionen, die ein neues Studio mit sich bringt, wurden durch die zwei Protagonisten überzeugend genutzt.
Obwohl Finn The Giant in den vergangenen Jahren sehr selten bis überhaupt nicht in Erscheinung trat, ist „Two World Clash” (Alte und Neue Welt?) für mich ein Album, das keinesfalls unbeachtet und vor allem ungehört in der Versenkung verschwinden sollte.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Dub

The Elovaters: Defy Dub

The Elovaters – wieder eine dieser schablonenhaften West Coast-Reggae-Rock-Pop-Outfits möchte man meinen. Und in der Tat, zumindest musikalisch kommt das so ungefähr hin: Leichtfüßiger Reggae, der noch ein paar Mys mehr in Richtung elaboriertes Songwriting geht und mit etlichen Hooklines aufwarten kann. Das mag sich wie ein musikalisches Todesurteil im Dub-Universum lesen, wo Melodien geradezu vaporisiert werden und mitunter nur mehr in homöopathischen Dosen wie Geister durch den Klangraum schweben; wo die Bassline und nichts als die Bassline die Bühne bildet, auf der wir uns gerne ein multidimensionales Hörerlebnis vorgaukeln lassen. Ich warne allerdings vor vorschnellen Urteilen, die man durchaus fällen könnte, wenn man das Album „Defy Gravity“ und das Video zu Single-Auskoppelung „Meridian“ auf sich wirken lässt:

Penisprothesen, Skate- und Surfboards gibt’s also auch an der East Coast, wie die Bostoner Elovaters in ihren Promo-Videos betonen. Das scheint zu greifen und der Erfolg gibt ihnen recht: Langen und erfolgreichen Tourneen folgt die Einspielung des obgenannten Albums mit Produzent Danny Kalb, der eher für seine Arbeiten mit Beck oder Ben Harper geschätzt wird als für seine vereinzelten Reggae-Produktionen. Für die Band ist die Zusammenarbeit mit dem Produzenten-Kapazunder offenkundig ein Glücksfall; er legt den Fokus auf Melodie und Texte, straffe Arrangements und einen leicht bekömmlichen, hippen Sound. Dass der Sänger einst ein Stipendium für Operngesang hatte, merkt man vordergründig (gott-sei-dank) nicht; aber so eine Ausbildung ist zweifellos hilfreich um sich dermaßen leicht und treffsicher durch Höhen und Tiefen ausgefeilten mehrstimmigen Gesangs zu bewegen. Insgesamt ein rundes Album also, dass von der anvisierten Zielgruppe sehr gut aufgenommen wurde und die Elovaters in neue Popularitätshöhen katapultiert hat.

Und damit könnte diese Rezension schon zu Ende sein, wenn… ja wenn da nicht kürzlich der Dub-Counterpart zum Vocal-Album auf den Markt gekommen wäre: „Defy Dub“ (The Elovaters) erscheint erst satte zwei Jahre nach „Defy Gravity“ und überrascht tatsächlich mit Basslines, die im Dub-Mix ausgegraben und freigelegt wurden. Dazu braucht’s Spezialisten – das sind hier unter anderem Gaudi und Victor Rice, die dem leichtfüßigen Pop-Reggae eine gewisse Erdung verleihen. Den Vogel schießt aber ein gewisser E.N Young ab, der in seine Dub-Mixes aktuelle und angesagte Soundeffekte einbringt – so packt er die Vocals schon mal in die muffige Box um ihre Echos anschließend von den Hochtönern zerschneiden zu lassen. Den Jungen sollte man im Auge behalten – als Dub-Mixer, wohlgemerkt; seine eigenen Versuche als Interpret im Reggae-Genre sind noch… nun ja, entwicklungsfähig.

Insgesamt sechs Dub Mixer gestalten „Defy Dub“ abwechslungsreich und verpassen so dem Vocal-Album ein 2020er-Update – wobei die junge Generation eindeutig den Ton angibt und Haudegen wie Gaudi und Victor Rice etwas hinter sich lässt. Das Gesamtresultat ist frisch, eingängig und beißt sich im Rezensenten-Ohr fest – das mag am außergewöhnlichen Sommer 2020 liegen, an der unerfüllten Sehnsucht nach Sonne, Meer und lauen Abenden am Strand; vielleicht auch am Wunsch nach Leichtigkeit in fordernden Zeiten. Wer hätte gedacht, dass der Soundtrack dazu ausgerechnet ein Dub-Album sein könnte…

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub Five Star

The Mighty Diamonds: Deeper Roots (Back to the Channel)

Nichts Brandaktuelles aber „Back to the Roots“:
Eines der schönsten und besten Dub-Alben aus der Blütezeit des Reggae wurde vor über 40 Jahren als Bonus-LP dem originären Vocal-Album beigelegt – Roots Reggae und Dubs par excellence. Zu hören auf: The Mighty Diamonds: „Deeper Roots“ [Back to the Channel] (Vigin Records). Warum Back to the Channel? Die Mighty Diamonds waren seit ihrem brillanten „Right Time” (aka Need a Roof) aus 1976 fast untrennbar mit Channel One und den vier Hookim Brüdern verbandelt. Nach dem Tod von Paul Hookim, der 1977 Opfer eines Raubüberfalls wurde, zogen sich die restlichen drei Hookims (Joseph „Jojo“, Ernest und Kenneth) aus dem Musikgeschäft zurück und verlegten ihren Lebensmittelpunkt nach Amerika. Einige Monate später kehrten sie wieder nach Jamaika zurück, vergrößerten das Studio in der Maxfield Avenue und brachten es soundtechnisch auf den Stand der Zeit.
Der blutigste Wahlkampf mit über 800 Toten war gerade vorüber und langsam kehrte auf Jamaika so etwas wie „Normalität“ ein.
Die Mighty Diamonds waren, nachdem sie woanders ein paar schwächere Alben eingespielt hatten, auch wieder zur Stelle und lieferten im Channel One Studio ein Album mit z.T. ans Herz gehenden Lyrics ab. Nie waren die Mighty Diamonds militanter. Die Texte spiegeln alles wider, was damals guten Suffarah Roots Reggae ausmachte. Für mich ist „Deeper Roots“ auch heute noch eines der schönsten Alben aus dieser glorreichen Ära. Die Riddims sind immer noch eine echte Offenbarung – Rockers in full Flight. Carlton „Santa“ Davis‘ „beckenlastige“ Beats und George „Fully“ Fullwoods pulsierende Basslines legen das Fundament dieser genialen Riddims. Earl „Chinna“ Smith glänzt mit straffen Gitarrenriffs und Winston „Jelly Belly“ Wright liefert funkige Klavier- und Orgelpassagen. Nicht zu vergessen die Hornsection, die wunderschön satte Beiträge abliefert, als wolle sie die Mauern von Jericho einfach wegblasen. Egal wie straff die Arrangements auch waren, Jojo „The Genius“ Hookim an den Reglern bereicherte sie alle mit wunderschönen Melodien, die tatsächlich allesamt aus der Rocksteady Ära stammen.
Kurz: Auf „Deeper Roots“ passt von vorn bis hinten wirklich alles, das gesamte Opus war und ist immer noch ein Meisterwerk und eine Sternstunde des Reggae. Es hat locker den Test der Zeit bestanden. Der bereits leider verstorbene Jojo „The Genius“ Hookim an den Reglern lieferte einen außergewöhnlich warmen, locker flockigen Dub-Mix, der mich auch heute noch jedesmal in echte Begeisterung versetzt. Deeper Roots (Back to the Channel) ist eines der Alben, die endgültig mein Faible für Reggae und Dub zementierten.

Bewertung: 5 von 5.
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Dub

Gaudi: 100 Years of Theremin – The Dub Chapter

Wer die Melodica für das nervigsten Instrument hält, das je in Reggae und Dub seinen Einzug gehalten hat, sei eines Besseren belehrt: Es geht noch einige Stockwerke tiefer, werte Freunde des gepflegten Dubs.

Womit ich das Theremin vor den Vorhang bitte. Als Musikinstrument ein Kuriosum, treibt es mittlerweile bereits seit 100 Jahren sein Unwesen. Es gilt als einziges Instrument, dass völlig berührungsfrei gespielt wird; die oberen Extremitäten steuern Tonhöhe und Lautstärke einzig und allein durch luftige Bewegungen im Spannungsfeld zweier Elektroden. Die daraus resultierenden Veränderungen im elektrischen Feld werden verstärkt und als Ton wiedergegeben. So steht’s im Wikipedia, dass für Interessierte weitaus mehr einschlägige Infos zum Thema Theremin bereit hält. 

Dieses vermutlich erste elektronische Instrument zeichnete sich vor allem durch seine Wiedergabemöglichkeiten aus – Glissando und Vibrato waren vor Erfindung des Theremins in dieser Form nicht möglich. Heute erledigt das Modulationsrad an den Keys diese Aufgabe mit links (im wahrsten Sinne des Wortes); es besteht also kein Bedarf das Teil ins Studio oder auf die Bühne zu hieven. Oder doch? Nun ja, es ist schon ein cooles Retro-Erlebnis einen Theremin-Spieler in Aktion zu sehen; die Klänge erinnern spontan an die Soundeffekte von Science Fiction-Trash Movies der 1960er und 70er… und unter uns: Wer kennt nicht das berühmteste Musikstück mit gewichtigem Theremin-Einsatz?

Das Centennial ist jedenfalls Grund genug für Exil-Italiener Gaudi ein ganzes Album rauszubringen, dass sich diesem Instrument widmet und – no na – den Titel „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“ (Dubmission Records) trägt. Die merkwürdige Kombination Reggae/Dub und Theremin gab’s allerdings schon mal – wer erinnert sich noch mit Grauen an’s „Theremin in Dub“-Album, bei dem Gary Himmelfarb aka Dr. Dread feine Dubs aus dem RAS Records-Katalog mit jaulenden Toneffekten unterlegt hat. Warum, wieso… weiß wohl nur der Doctor selbst.

Bei der Gaudi-Produktion verhält es sich anders. Der renommierte Musiker, der sich mit seinem Output entlang der Schnittstelle von Electronica und World Music bewegt, beherrscht das Instrument Theremin hörbar einwandfrei und kreiert damit Melodien, die gut zu den Backing Tracks des Albums passen. Und die stammen nicht von irgendwem, sondern von Dub-Cracks wie Adrian Sherwood, Dennis Bovell, dem Mad Professor, Scientist und Prince Fatty. Keine Neuproduktionen, wohlgemerkt; vielmehr Juwelen aus dem Back-Katalog dieser Produzenten.

Ich muss gestehen, dass mich diese Wiederverwertung alter Tracks anfangs nicht interessiert hat – Gaudi hin, Gaudi her. Als Musikliebhaber und Rezensent bin ich immer auf der Suche nach neuen Klängen und Effekten, nach frischen musikalischen und technischen Möglichkeiten, nach dem nächsten Ohr- und Bauch-Orgasmus. Altes und Wiederaufgekochtes sehe ich als Reminiszenz und Ausdruck seiner Zeit, den man heute leider nicht mehr in seiner ursprünglichen Form erleben kann – aber auch als Benchmark, an dem sich aktuelle Produktionen messen lassen können. 

Und doch macht es große Freude, Style Scott auf klassischen On-U Tracks (wieder) zu hören. Auch der Rest der Backing Tracks des Albums hat durchwegs gute Qualität, das Dub-Mixing ist einwandfrei. Und wie macht sich Gaudi und sein Theremin auf den Aufnahmen? Nun ja… einerseits exzellent, schließlich spielt er das Instrument seit 18 Jahren. Andererseits kommt es ganz darauf an, welche Rolle dem Theremin im Mixing gegeben wurde. Wenn es sich im ausgeglichenem Verhältnis zur restlichen Instrumentierung befindet, verschmilzt es völlig mit dem Dub – siehe Scientist’s „Smokin Dub“. Bei den anderen Tracks wirkt es aufdringlich laut und nervt extrem mit seiner nicht sehr wandlungsfähigen Klangfarbe – Adrian Sherwood’s „Dub out of Theremin“ sei hier als Beispiel genannt. Genau das ist die Crux von „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“: Das Instrument sitzt fast immer „on top“ und drängt sich Diva-mäßig in den Vordergrund. Und wie es so mit Diven ist, hat man sie und ihre Manierismen schnell satt.

Wie viele Tracks des Albums kann man also hintereinander hören, ohne entnervt das Handtuch zu werfen? Wenn man sich auf die exzellente Dub-Arbeit konzentriert, schafft man es womöglich auf einmal durch’s ganze Album. Andernfalls liegt die RDA bei allerhöchstens drei Dosen; manch einer wird aber wesentlich empfindlicher reagieren, fürchte ich.

Bewertung: 2 von 5.

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Dub

Jäh Division: Dub Will Tear Us Apart… Again

Wieder einmal kein klassisches Dub Album im Reggae Offbeat. Also auch nicht unbedingt etwas für Dub-Puristen. Trotzdem ist es doch immer wieder verblüffend, zu hören, welche akustischen Blüten unser kleines aber feines Genre Dub so treibt.
Aus einer Schnapslaune heraus entwickelten die beiden amerikanischen Musiker Brad Truax (Bass) und Barry London (Keyboards) die Idee, Tracks der britischen Post-Punk-Band Joy Division im Dub-Kontext einzuspielen. Um das Projekt in die Tat umzusetzen, wurden der Oneida Perkussionist John Colpitts (aka Kid Millions), Chris Millstein an den Drums und ein paar zusätzliche Musikerkollegen der Bands “Oneida” und “Home” mit ins Studio geholt. Die Aufnahmen waren innerhalb eines Tages im Kasten. Das war 2004 und Jäh Division verkaufte die mit vier Titeln und in einer Miniauflage von 800 Stück gepresste EP ausschließlich bei ihren Live-Konzerten. 15 Jahre später wird ein um fünf Tracks angereichertes Reissue Jäh Division: “Dub Will Tear Us Apart… Again” (Ernest Jenning Record Co.) erneut der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zu den vier bereits veröffentlichen Joy Division Covers gesellen sich bei der Neuauflage zwei Aufnahmen aus der Original-Session plus drei eines verworfenen Albums. Dem “Isolation Dub”, ein weiteres Joy Division Cover, folgen zwei Eigenkompositionen (die fast 10-minütige Bandimprovisation „Paramount Lobby“ und „Sloppy Homework“) sowie ein Desmond Dekker (“Fu Manchu Dub”) und ein Jackie Mittoo (“Champion Of The Arena Dub”) Cover.

Die im Schatten der New Yorker Williamsburg Bridge entstandenen psychedelischen Dub-Interpretationen spannen gekonnt einen Bogen vom englischen Manchester über die uns bekannten jamaikanischen Mixing Desk Wizards bis New York.
Jäh Division bleibt lediglich beim Titeltrack relativ nahe am Original. Die Melodie von “Love Will Tear Us Apart” ist so markant, dass sie selbst denen vertraut sein könnte, die Joy Division nur flüchtig kennen. Meines Erachtens muss man aber nicht zwingend mit der Post-Punk-Band Joy Division vertraut sein, um “Dub Will Tear Us Apart…Again” schätzen zu können. Die restlichen Tracks offenbaren eher einen dekonstruktivistischeren Ansatz im Dub-Gewand. Töne werden bis zum Äußersten gedehnt, um den Songs einen fast elastischen, pulsierenden Klang zu verleihen. Das Album ist tatsächlich vielmehr als eine eigenständige Einheit zu sehen, welches die Musik der Joy Division Klassiker als Ausgangspunkt nimmt, um sie genüsslich durch den Dub-Wolf zu drehen. Jäh Division schien vielmehr auch die Idee zu gefallen, alle Möglichkeiten zu erkunden, was Dub zu bieten hat. Das Ausloten, was das analoge Equipment und das Studio “dubtechnisch” so hergeben, hat Jäh Division und Barry London “at the controls” hörbar Spaß gemacht.
Spätere Elaborate der Easy Star All-Stars wie “Radiodread” und “Dub Side Of The Moon” oder auch DubXanne: “Police In Dub” sind da wesentlich näher am Original geblieben. Dennoch oder gerade deshalb ist und bleibt “Dub Will Tear Us Apart… Again” ein faszinierendes Beispiel gediegener Dub-Kunst.

Trivia: Jäh Division musste die “Umlautversion” wählen, weil es bereits eine polnische Band namens Jah Division gab.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub

Principal’s: Treacherous Dub

Ein Aspekt, den ich an Dub ganz besonders liebe ist, dass Dub eine echte Weltmusik ist. Entwickelt in Jamaika, wird Dub inzwischen überall auf der Welt produziert, wobei keine einzelne Nation mehr im Vordergrund steht – wie noch vor 25 Jahren ziemlich deutlich das UK. Im besten Fall ließe sich noch behaupten, dass die meisten Dubs in Europa produziert werden, gefolgt von den USA, Asien und leider mit Jamaika als Schlusslicht. Mit Principal schießt sich nun auch Dänemark den Dub-Nations an. Hinter dem Namen verbirgt sich Rasmus Allin, der mit „Treacherous Dub“ (Stereo Royal) sein Dub-Debut vorlegt. Arbeitsplatz des inzwischen 50jährigen Dänen ist das Musikstudio, wo er seit den 1990er Jahren als Musiker, Songwriter und Produzent im Dienste der dänischen Musikindustrie arbeitet. Inspiriert von der britischen Trip Hop- und Drum ‘n’ Bass-Szene, entdeckte er den klassischen jamaikanischen Dub von King Tubby, Lee Perry, Augustus Pablo, Scientist und anderen Heroen. „Ich habe endlose Stunden im Studio damit zugebracht, den Sound der Dub-Originators zu reproduzieren,“ gibt er zu Protokoll, „Tape Delays, Filter-Boxen und sonstige analoge Effektgeräte – ich habe nichts ausgelassen.“ Womit er sich in die Schar unzähliger anderer Dub-Produzenten (wie. z. B. Prince Fatty, Roberto Sanchez oder auch Alborosie) einreiht, die der Sound-Mystik alter Dub-Produktionen nachspüren. Daher verwundert es nicht, dass „Treacherous Dub“ ins Sound-Gewand klassischen Dubs gekleidet ist. Aber die Reproduktion schrammeliger Dub-Sounds ist nicht die einzige Qualität des Albums. Souverän reiht Allin hier zehn kraftvolle – wenn auch mit durchschnittlich nur drei Minuten Spielzeit ziemlich kurze – Produktionen aneinander. Keine Platz schindenden X Versionen eines Tracks (Instrumental, Dub, Remix, etc.), sondern alles originäre Kompositionen, bei denen er auch noch (fast) alle Instrumentalspuren selbst eingespielt hat. Der Sound ist dabei richtig schön schizophren: wuchtig–dynamisch und schrammelig-analog zugleich. Aber so muss es ja auch sein. Clever arrangiert und smart gemixt, manchmal mit leichtem Jazz-Einschlag durch charmante Gitarrenklänge á la Ernest Ranglin, manchmal stripped to the bone, aber immer spannend und überraschend. Ich kann nur sagen: Rasmus Allin – Willkommen im Club.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Art-X meets The Roots Addict: Polarity

Gleich vorweggenommen: Art-X, der Musiker, hat so rein gar nichts mit der großen österreichischen Erotik-Supermarktkette gleichen Namens zu tun. Der Mann aus Tours hat sich Augustus Pablo-mäßig der Melodica angenommen und trötet seit einigen Jahren vor sich hin – wenn der Rezensent das mal etwas schnoddrig formulieren darf. Wobei „tröten“ durchaus das falsche Verb sein kann, zumal sich auch die Fachwelt nicht sicher sein dürfte, ob die Melodica ein Blas- oder Tasteninstrument ist. Das technische Prinzip gleicht jedenfalls dem der Harmonika. Der Name „Melodica“ und das Instrument selbst wurden vom alteingesessenen Hause Hohner im deutschen Trossingen ersonnen – oder in anderen Worten: vom Weltmarktführer für Mundharmonikas und Akkordeons. Augustus Pablo, Addis Pablo, Art-X: Sie alle spielen bzw. spielten Hohner Melodicas.

Gut, man könnte jetzt natürlich anmerken, dass so eine Melodica ein sehr einfach zu spielendes, für Kinder hervorragend geeignetes und noch dazu äußerst preisgünstiges Einstiegsinstrument ist. Stimmt, und nach meiner Recherche für diese Rezension bin ich stark versucht mir auch so ein Teil zuzulegen – vom Schlagzeuger zum Melodica-Spieler, warum nicht? Nie wieder Drum-Kit schleppen, einfach nur mehr mit stylischem Köfferchen antanzen und gepflegt ins Mundstück blasen. Musik-Machen kann so einfach sein …

… oder auch nicht: In eine Melodica zu blasen und zum rechten Zeitpunkt die richtige Notentaste zu drücken ist freilich nicht genug. Da wären noch die unterschiedlichsten Spielarten und Techniken um das Beste aus dem Instrument rauszuholen – wie Interessierte im Video von James Howard Young eindrucksvoll nachvollziehen können. Und dann gibt‘s da noch die Möglichkeit sich völlig der Schlichtheit des Instruments hinzugeben, damit die perfekte Stimmung in Moll einzufangen und das Ganze, getragen von einem exzellenten Riddim, in ein zeitloses Dub-Meisterwerk zu verwandeln – Beweisstück: Augustus Pablo‘s „King Tubby Meets the Rockers Uptown“ (aka „Cassava Piece“). Besser geht’s nicht, hands down. Pablo selbst war hörbar nicht der große Virtuose, aber er hatte ein untrügliches Gefühl für das Instrument und dessen Möglichkeiten im Genre – und hat so nahezu alle klassischen JA-Riddims mit der einen oder anderen Version veredelt. Seinem ebenfalls Melodica-spielendem Sohn, Addis Pablo, sind die Schuhe des Vaters noch ein paar Nummern zu groß – sein musikalischer Output wirkt orientierungslos, die Qualität mag sich nicht einpendeln und schwankt kräftig zwischen respektabel und miserabel. Die Zeit wird zeigen, ob er dem Vermächtnis seines Vaters gerecht werden kann.

Und dann wäre dann noch der oben erwähnte Art-X, derzeit sozusagen die personifizierte Frankreich-Dependance innerhalb der recht kleinen Reggae-Melodica-Welt. Als Mitbegründer von Ondubground und dem Weblabel ODGProd. längst kein Unbekannter in der Reggae-Electronica-Szene, zieht er seit 2014 sein eigenes Melodica-Ding durch. Die ersten Releases wirken etwas ungelenk; die Kombination von digitalen Backing-Tracks und Melodica will nicht so recht zünden: Wenn Kälte auf Wärme trifft ist das Ergebnis mitunter nur ein laues Lüftchen. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn sich Art-X auf das Abenteuer Live-Band einlässt – wie hier mit The Roots Addict:

Das passt, sitzt & hält; hat Energie, verströmt Vibes und lässt den Dubhead mit geschlossenen Augen zufrieden mitwippen. Wir alle kennen dieses tiefe Gefühl des Einsseins mit der Musik, dem Bass, mit Echo und Hall. Glücklicherweise macht sich das Gespann Art-X/The Roots Addict auch im Studio gut, wie man auf deren neuesten Release „Polarity“ (ODGprod.) nachhören kann. Klugerweise als 6 Track-EP konzipiert ist die Gefahr eines Melodica-Overkills recht gering. Die originären Riddims im klassischen Arrangement durften im Mixdown ihre natürliche Dynamik behalten, was sich vor allem in einer (mitunter fast zu) präsenten Kick Drum zeigt. Alles in allem ein grundsolider Release, über dem dank der Melodica stets ein Hauch von Melancholie schwebt; der sogar mit dem einen oder anderen überraschenden Audio-Snippet aufwartet, letztlich im Gesamteindruck aber doch etwas Abwechslung in den Band-Arrangements vermissen lässt. Dass das auch anders geht, zeigt Art-X‘ Vorgänger-Album „Nomad“: Hier stammen die Backing-Tracks von verschiedenen Bands, die mit ihren unterschiedlichen Arrangements und musikalischen Energien dafür sorgen, dass Eintönigkeit oder gar Langeweile keine Chance hat.

Wächst da also möglicherweise ein zweiter Augustus Pablo heran? Eher nicht, meint der Rezensent – es fehlt Art-X (noch) an musikalischer Persönlichkeit, an unverkennbarem Stil; an einer gewissen Mystik, die Pablos Spiel und seinen Aufnahmen diese besondere Stimmung verliehen haben. Und natürlich: Die Vibes der 1970er und die Kombi King Tubby/Augustus Pablo haben in JA Aufnahmen entstehen lassen, die sich durch ihre Einzigartigkeit sowieso jedem Vergleich entziehen. Insofern würde ein zweiter Augustus Pablo heute keinen Sinn machen – wohl aber einen originärer, sich eigenständig weiterentwickelnder Art-X.

Bewertung: 3 von 5.

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Dub

Flying Vipers: Cuttings

Sly Dunbar und Robbie Shakespeare oder Carlie und Aston Barrett sind die Rhythm Twins aus Jamaika. Aber aus Waltham, Massachusetts kommen die wahren Rhythm Twins, die Zwillingsbrüder Mark und John Beaudette von den Flying Vipers.
Die Flying Vipers sind eine Dub-Reggae-Band, bestehend aus John und Marc Beaudette (Destroy Babylon, The Macrotones) und Zack Brines (Pressure Cooker, Kings of Nuthin’), welche ursprünglich als Nebenprojekt von Destroy Babylon gegründet wurde, um ihr Faible für klassischen Dub und Reggae ausleben zu können. Als Mann an den analogen Kontrollknöpfen und Reglern sitzt von Anfang an Jay Champany (10 Ft. Ganja Plant), der auch die ersten beiden Veröffentlichungen der Gruppe produzierte.
Cuttings” das erste Album der Flying Vipers in voller Länge ist gerade erschienen und knüpft genau da an, wo die beiden hervorragenden Vorgänger-EPs “The Green Tape” & “Copper Tape” endeten. Der Sound klingt wieder wie aus einer anderen Zeit, als jamaikanische Sound-Engineers dazu übergingen, ihre Mischpulte als Hauptinstrument zu nutzen und den Grundstein für das Dub-Genre legten. Wie beinahe zu erwarten, liefern die Vipers erneut süchtig machende Dub-Reggae-Instrumentals, die sowohl an die großartigen Produktionen der alten Engineers wie King Tubby, Sylvan Morris und Lee Scratch Perry, als auch an die jüngeren Dubhelden wie Dennis Bovell, Adrian Sherwood und Daniel Boyle erinnern. Die fantastisch gute Rhythm-Section von Marc und John Beaudette setzt das perfekte Fundament, über das der Keyboarder Zack Brines unter anderem seine schönen, frei fließenden Rhodes-Klavier-Passagen legt. Für die packende Horn-Section wurden zusätzlich noch ein paar Gastmusiker engagiert, die mit ihrer Virtuosität den Sound der Vipers enorm bereichern. Unbedingt positiv hervorzuheben ist auch der vierte Mann im Bunde, Jay Champany. Während heute viele Engineers die digitale Technologie nutzen, bevorzugt er immer noch die analoge Technik. Mit einem ziemlich alten Mischpult, Tapco-Hall, Mutron Phasor II etc. mischt Champany die Songs manuell, während die Band sie mit einem Tascam 488 MK II direkt auf Kassette aufzeichnet. Es entsteht ein sauberer, kohärenter, klassischer Sound und gleichzeitig eine eigene originelle Variante der bewährten Dub-Formel.

Bewertung: 4 von 5.