The Ullulators: Dub Royale – Chapter One

The Ullulators sind eine Band aus Bath (GB), die bereits seit Ende der 1980er existiert. Eigentlich sind sie eine Indie-Rockband mit einem Hang zum Reggae, die es im Laufe der Jahre zu Kultstatus gebracht hat. Die Liaison von Punk aber auch Indie-Rock mit Reggae/Dub reicht schon bis in die Zeit der frühen 80er zurück, als Bands wie z. B. The Clash in Zusammenarbeit mit Mikey Dread ihr epochales Triple-Album „Sandinista“ veröffentlichten. Vor knapp einem Jahr haben The UllulatersDub Royale Chapter One“ (The Ullulators self-released) veröffentlicht, an dem sie über zwei Jahre „geschraubt“ und jede Menge Arbeit reingesteckt haben. Der Kopf der Band, Gavin Griffiths, hatte die Intention für dieses Projekt ein Album zu kreieren, das die Stimmung und den Sound des 70er-80er Roots-Dub-Reggae verkörpert. Die vorliegenden 16 Tracks bieten ein breites musikalisches Spektrum, das von Roots-Dub bis Worldmusik sämtliche Ingredienzen aufweist. Alle Aufnahmen wurden von Gavin Griffiths gemischt und gemastert. Griffiths hat so weit es ging auf analoge Studiotechnik und klassisches Equipment zurückgegriffen. Ich finde, die Arbeit und der Aufwand haben sich gelohnt, denn es ist ein schönes Potpourri verschiedenster Musikstile – immer unter dem Aspekt Dub – zusammengekommen. Bei dem Endprodukt kann man auf jeden Fall leicht heraushören, dass das musikalische Ausgangsmaterial der Ullulators doch bedeutend rockiger war, als das sonst der Fall ist. Insgesamt gesehen bekommen wir hier die Entwicklung einer kultigen Indie-Band im Dub-Riddim offenbart und wenn wir Mr. Griffiths glauben dürfen, ist das lediglich „der erste Streich und der zweite folgt sogleich“.

Meine Wertung:

Rezin Tooth: Rezin Tooth

Zu meiner Freude gibt es momentan faszinierende Dub-Projekte en masse. Vor einigen Wochen bin ich auf ein Seitenprojekt der Polyrhythmics, einer achtköpfigen Funk- und Worldbeat-Gruppe aus Seattle aufmerksam geworden. Das Mastermind und Keyboarder der Gruppe Nathan Spicer hat zusammen mit dem Bassisten Jason Gray ein Dub-Album abgemischt und mit dem Titel Rezin Tooth: „Rezin Tooth“ (Wax Thematique) unter die Dubheads gebracht. Ursprünglich waren laut Herrn Spicer die Dubs aus Spaß an der Freude entstanden und eine Veröffentlichung des Albums war nie vorgesehen. Erfreulicherweise hat man sich doch eines Besseren besonnen und das Dub-Experiment nun doch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wer die zwei Herren hinter dem Mischpult inspirierte, ist nicht zu überhören. Die üblichen Verdächtigen: King Tubby, Lee Perry, Scientist und die großen Sound-Engineers des frühen jamaikanischen Dub, sind zweifelsfrei die Vorbilder und lieferten die dubbigen Blaupausen. Der Bass wummert, die Drums sorgen für einen gesunden Heartbeat und klingen stellenweise knochentrocken, die Orgel liefert einen warmen, relaxten Sound und das „Gebläse“ blitzt gelegentlich widerhallend durch die „Dub-Wolken“. Nathan Spicer und Jason Gray scheinen an ihrem Projekt richtigen Spaß gehabt zu haben, denn bei jedem Titel loten sie das Potenzial des Dubbings von neuem aus. Dass die musikalischen Vorlagen der Dubs ursprünglich Tracks mit Funk- und Afrobeatrhythmen gewesen sein sollen, ist bei diesem Endprodukt kaum vorstellbar. Vive la différence!

Randnotiz: Sieben der insgesamt acht Tracks haben eine exakte Länge von 4:20 Minuten. Ob das einen tieferen Sinn hat, hat sich mir bisher leider nicht erschlossen.

Meine Wertung:

Pachyman: At 333 House

Hier haben wir also eine Veröffentlichung, die „from scratch“ als Dub-Album konzipiert wurde; eine Produktion, die wohl aus Freude und Liebe zum klassischen Reggae bzw. zur analogen Dub-Technik entstanden ist. Das Album scheint aber auch einem Trend zu entsprechen, der in letzter Zeit vermehrt zu hören ist: Es präsentiert ein Klangbild, dass den Eindruck erweckt, als würde man sich mit dem Künstler in einen ziemlichen muffigen, dumpfen, zur Schallisolierung ausgepolsterten Proberaum befinden. Da ist nichts geschönt; das laute Hi-Hat und die Becken klingen blechern, die Bass-Drum als auch der Bass trocken und flach. Musiker werden sich beim Hören an ihre Anfänge zurückversetzt fühlen – damals, mit der Band im feuchten, kalten Keller für den die Bezeichnung „Proberaum“ ein schlechter Witz war. 

Ein Sound also, der so gar nichts mit den tiefen Bässen und den scharfen Höhen von z.B. jamaikanischen Produktionen zu tun hat. Insofern werden klassische Dubheads keine große Freude an Pachyman’s „At 333 House“ (Mock Records) haben. Es ist das zweite (Solo-)Album des in LA lebenden Puerto-Ricaners, der die Inspiration für seine selbstgeschriebenen und nahezu im Alleingang eingespielten Riddims offensichtlich aus den späten 70ern bezieht. Auch damit ist er nicht allein; in den letzten Monaten gab es immer wieder Produktionen, die sich in jeglicher Hinsicht der goldenen Ära des Reggaes verschrieben haben. Die Revolutionaries oder die frühen Roots Radics lassen grüßen – wenn es damals schon großartig war, warum nicht auch heute?

Dieses Konzept geht nur bedingt auf. Pachyman mag zwar talentiert sein und mehrere Instrumente spielen können – dass alles aber anscheinend nur durchschnittlich. Die Qualität seiner Bassläufe reicht von unsäglicher Langeweile („Smokeshop“) bis wunderbar groovend („Babylon Will Fall“). Der Sound-Mix ist schwierig und ermüdend, da die Instrumente annähernd gleich laut, sprich ohne Dynamik, abgemischt sind. Der Dub-Mix per se ist unspektakulär und bar jeglicher Höhepunkte: Da mal ein Hall, hier mal ein Hall; mit Echo geht Pachyman ziemlich knausrig um und die stellenweise hochgepitchten Bässe hat der Mad Professor wesentlich besser drauf. Und unter uns: Fade-outs sind heute nicht mehr notwendig oder üblich, da kann man gerade auch als Dub-Mixer geniale Sachen zaubern.

Kann man „At 333 House“ also getrost wieder aus der Playlist schmeissen? Vielleicht; man sollte aber Pachyman ohne weiteres zugestehen, dass da gefühlt jede Menge Potential vorhanden ist. Ich vermute er könnte es besser nutzen, wenn er den Kokon verlassen und seine Ideen von Band, Mixing-Engineer bzw. Tontechniker filtern, beleben und umsetzen ließe. Einen Versuch wäre es wert, Pachyman.

Meine Wertung:

Christos DC: Tessera Dub

Es gibt sie tatsächlich noch, die Dub-Alben, denen ein originäres Vokal-Pendant vorausgeht. Die Rede ist von „Tessera Dub“ (Honest Music), das Dub-Album eines Christos DC, einem amerikanischen Multiinstrumentalisten mit griechischen Wurzeln. Sowohl für die Gesangsparts des Vocal-Albums „Tessera“ als auch für die Dub-Mixes hat Christos DC jede Menge illustre Gäste geladen und das Tolle daran ist, alle haben einen fantastischen Beitrag abgeliefert. Von den insgesamt 12 Tracks des 2017er Albums, wurden fünf Laurent “Tippy I” Alfred fürs Mixing überlassen. Er macht – wie immer (z. B. Dub Chronicles, Akae Beka) – seine Sache perfekt und liefert abgespeckte Tracks mit sattem Bass und Drums. Der relaxte „What Is Happening Dub“ überzeugt mit den ätherischen Vokal-Fragmenten eines Akae Beka (Vaughn Benjamin) und den über den satten Riddims schwebenden Effekten. Insgesamt gefallen mir alle Dubs, die unter der Obhut von Tippy I entstanden sind. Aber auch alle anderen Sound-Engineers, wie z. B. Mad Professor (GB), Jah Servant (CDN), Dub Architect (USA), Paolo Baldini (I), Mr. B (CH) begeistern mit gutem Handwerk und liefern allesamt packende, sehr relaxte Dubs – für einige möglicherweise zu relaxt. Paolo Baldini (Ex-Africa Unite) wurde „Boots & Tie“ zur Bearbeitung übertragen. Der Riddim aus dem Jahr 1980 stammt unüberhörbar von Sly & Robbie. Paolo Baldini mischt daraus den „Boots & Tie Dub“, als wäre er schon immer Teil der Taxi-Gang. Der crispe Mix erinnert tatsächlich an die frühen Arbeiten eines Scientist. Bei „Desperate Dub“, einem Nina Simone Original, zeigt der in Kanada ansässige Jah Servant (Mark Giles) sein Können.

Christos DCs „Tessera Dub“ begeistert mich auf allen Ebenen. Ein brillantes Werk, das unterschiedlichste Dubs aus den verschiedensten Regionen der Erde repräsentiert und dennoch als in sich geschlossenes Gesamtwerk erstrahlt. Meine Hochachtung geht an alle, die an diesem Projekt beteiligt waren und ein solch abwechslungsreiches Album auf die Beine gestellt haben.

Meine Wertung:

Stefanosis meets Samson Benji: Brass Echo Chamber

Die zyprischen Dubophonic Records haben gerade ein Instrumental-Album wiederveröffentlicht, das bereits in den frühen 2000ern von den mittlerweile nicht mehr existierenden Springline Records heraus gebracht werden sollte: Stefanosis meets Samson Benji: „Brass Echo Chamber„. Die Online-Veröffentlichung war bereits damals gescheitert und so ist das Album in Vergessenheit geraten. Viele Jahre haben die verschollenen Originalaufnahmen auf einer CD ein Schattendasein gefristet, bis sie nun wiederentdeckt wurden. Der Amerikaner Stefanosis aka Steve Steppa hatte einst im Alleingang sämtliche Instrumente für diese Low-Fi-Produktion eingespielt. Anschließend bekam Samson Benji – ein Musiker aus Freiburg i. Br. – die Aufnahmen, um die Saxofonpassagen darüberzulegen. Das Gesamtpaket ging dann an Gibsy Rhodes aus Korsika, der Mann hinter Springline Records. Nach Zugabe einiger Effekte und schöner Samples, masterte er das Ganze zum endgültigen Album. Nun hat sich Stefanosis der wieder gefundenen Musikdateien angenommen, sie gründlich überarbeitet und einige Audiopegel mithilfe moderner Technologie angehoben. Fast zwanzig Jahre nach der eigentlichen Veröffentlichung erstrahlt die „Brass Echo Chamber“ aufpoliert und gereinigt in neuem Licht.

Trotzdem kann mich das nur 25 minütige Album nicht so recht überzeugen. Es hat einen Schwachpunkt, den fast alle „Saxofon-Reggae-Alben“ haben: Es klingt ein wenig zu brav, zu bieder. Die Kürze des Albums hat hier sogar etwas Positives, sie macht das Opus in einem Rutsch hörbar, ohne dass Langeweile aufkommt. Gleich beim ersten Titel „Brass Down Babiwrong“, ein Remake des Traditionals „Rastaman Chant“, bekommen wir in typischer Bunny Lee/King Tubby Manier die Flying Cymbals auf die Ohren. Der klassische Tubby Sound zieht sich wie ein roter Faden durch (fast) alle Aufnahmen. Ein Dub-Feuerwerk oder wenigstens ein paar spannende, dubbige Sound-Effekte bekommen wir hier aber nicht so recht geboten. Die sieben Tracks klingen eher wie „ausgegrabene“, leicht angestaubte Bunny Lee/King Tubby meets Tommy McCook Aufnahmen. Für mich ist „Brass Echo Chamber“ immerhin ein grundsolides, unspektakuläres Album mit einigen sehr interessanten Passagen, nicht mehr aber auch nicht weniger.

Meine Wertung:

The Loving Paupers: Lines in Dub

Schön, wieder mal ein „echtes“ Dub-Album rezensieren zu dürfen – sprich eines, das klassisch aus der (Weiter-)Bearbeitung eines zuvor veröffentlichten Vokal-Albums entstanden ist, es soundtechnisch in neue Dimensionen führt, aber den Bezug zum Original niemals verliert – in dem es die ursprüngliche musikalische und mitunter auch die textliche Message verstärkt, weiterspinnt, karikiert, ad absurdum führt oder ins Gegenteil verwandelt. Das ist die Essenz des Dub: Ohne das Original als Referenz kann es keine Dub Version geben; das wäre so sinnlos wie Dub-Tuning ohne Auto.

Natürlich gibt es trotzdem zuhauf Instrumentals jeglicher Genres, die bar jeder Vorlage mit Dub-Techniken und -Ingredienzien erarbeitet wurden. Ob allerdings der bloße Einsatz von Effekten wie Echo, Hall oder das Ein- und Ausblenden von Tonspuren die Bezeichnung „Dub“ rechtfertigt, ist eine durchaus diskussionswürdige Frage.

The Loving Paupers, ein Septett rund um Sängerin Kelly Di Filippo aus den Vereinigten Staaten, fühlen sich offensichtlich der Tradition verpflichtet und haben ihr Album „Lines“ auch als – nomen est omen – „Lines in Dub“ (Jump Up Records) veröffentlicht. Label als auch Künstler geben als Genre „Lovers Rock“ an, was zu kurz gegriffen scheint und mit herkömmlichem, doch eher platten Lovers Rock wenig zu tun hat. Die Texte des Vokal-Albums sind dafür zu ausgefeilt und verschlüsselt; der vermittelte Gemütszustand ist pure Melancholie und der tonsichere, oft in zweistimmige Harmonie gesetzte Gesang von Di Filippo erinnert sehr an genrefremde Künstlerinnen wie Rumer, die frühe Dusty Springfield, mitunter auch an Sade. Unterstützt wird der Eindruck durch eingängige Melodieführungen, die eher in Richtung Singer/Songwriter, Country oder Pop/Rock verweisen.

Das Fundament bilden allerdings pure, originäre Roots-Riddims: Ohne Gesangsspur könnten sie vom Arrangement als auch von der Instrumentierung her durchaus als Produktionen der späten 70er Jahre durchgehen. Einzig die zurückgefahrenen Höhen und der damit einhergehende dumpfe Klang sind das Manko von „Lines“.

„Lines in Dub“ hingegen behebt diese Schwäche und überzeugt mit einem klaren, druckvollen Sound, der die Dubs zum Glitzern bringt. Der Unterschied wundert ein wenig, hat doch Victor Rice bei beiden Alben an den Reglern gedreht. Seine Klangwelt ist nach wie vor nicht jedermanns Sache, insbesondere seine knochentrockenen, fast schon blechernen Drum-Sounds. Der Mann weiß aber ganz genau, wann er welchen Effekt einsetzt und Gesangspuren aus- und einblendet; herausgekommen ist dabei das subjektiv beste Dub-Album aus dem Hause Rice. Es kann für sich alleine stehen, wirkt aber am Besten in Kombination mit dem Vokal-Album – eben weil es die melancholische Stimmung perfekt weiterträgt: Ein schöner Soundtrack für dunkelbunte Regentage.

Meine Wertung:

Elite Beat: Selected Rhythms

Gleich vorweg, mit Reggae-Beats hat dieses Album nichts am Hut, mit Dub jedoch sehr wohl. Meine Empfehlung heute sind Elite Beat mit ihrem aktuellen Album aus 2019 „Selected Rhythms“ (Research Records). Elite Beat ist ein Musikerkollektiv aus Portland, USA, das sich auf eine berauschende Mischung aus Ethio(pian) Jazz, afrikanische Rhythmen, Mali-Blues, Tuareg-Gitarrenmusik und Black Ark Psychedelia spezialisiert hat. Mit ihren kraftvollen melodischen Basslines und percussiongetriebenen Polyrhythmen kreieren sie ekstatische Kompositionen mit magischen Hornpassagen und spannender Juju-Gitarre, die die Sinne beleben. Der Fokus liegt dabei sehr stark auf live eingespielten Tracks, Dub-Effekten und dem Einsatz des Tonstudios als zusätzliches Instrument, was de facto den Dub-Gedanken ausmacht. Die Herangehensweise der Musiker ist so entspannt wie diese Musik, die wieder so richtig in keine Schublade passt. Die Musiker-Clique trifft sich einmal die Woche, um abzuhängen, sich auszutauschen, Musik zu machen und ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Die Bandmaschine läuft, es wird locker gejamt und ordentlich Dub-Elemente (in Echtzeit) beigemischt. Dabei können eigentlich nur solche geile, entspannte Tracks entstehen. Auf „Selected Rhythms“ sind nun acht der besten Werke von Elite Beat versammelt. Eine wohltuende Abwechslung.

Meine Wertung:

Ras Teo: Mystic Dub

Ras Teo ist uns schon letztes Jahr mit seinem Album „Ras Teo Meets Lone Ark: Ten Thousand Lions“ begegnet. Vor allem die Produktionen und Dub-Mixes von Roberto Sánchez haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nun veröffentlicht Teodik Hartoonian aka Ras Teo (in LA lebender Schwede armenischer Abstammung) ein reines Dub-Album: „Mystic Dub“ (Teo). Es handelt sich um die Dub-Version seines Debuts „Mystic Morning“ von 2009, die also elf Jahre benötigte, um das Licht der Welt zu erblicken. Produziert von diversen Producern, vor allem aber von Rebel Steppa und Reuben Addis, bleibt es qualitativ hinter „Ten Thousand Lions“ zurück, ist aber dennoch hörenswert. Digitale Rhythms im UK Steppers-Style der milderen Sorte bestimmen den Sound, der locker den 1990er Jahren entsprungen sein könnte. Auf fünf Tracks ist Hornsman Coyotes Posaune zu hören. Klingt nicht sonderlich spannend? Stimmt. „Mystic Dub“ ist ein gänzlich unspektakuläres, leicht antiquiert wirkendes Album, das aber dennoch durch seinen relaxten, warmen Vibe zu überzeugen weiß. Lasst es beim Arbeiten oder Lesen im Hintergrund laufen und ihr werdet euch wohl fühlen.

Meine Wertung:

Youtie & Macca Dread: Nomad Skank

Wenn wir im Reggae von Trompete sprechen, fallen uns spontan zwei, drei Namen ein: Johnny „Dizzy“ Moore, Bobby Ellis und David Madden. Seit dem ersten Album „Silver Wind“ von Juliette Bourdeix aka Youtie aus 2018, können wir die Liste um eine Interpretin erweitern. Youtie begann mit 6 Jahren das Trompetenspiel und startete mit 17 Jahren das Studium der klassischen Trompete am Pariser Konservatorium, wo sie heute selbst als Professorin arbeitet und das Trompetenspiel lehrt. Bei Ibrahim Maalouf, einem französisch-libanesischen Jazz Trompeter und Komponisten absolvierte sie außerdem eine Jazz- und Improvisationsausbildung. Im Sommer 2019 erschien nun Youtie & Macca Dread „Nomad Skank“ (Youtie Records), ein Instrumental-Dub-Album mit vielen Inspirationsquellen: Reggae, Rocksteady, Ska, Jazz, Balkan, orientalische, jüdische (Klezmer), spanisch-andalusische und klassische Musik. Sowohl Youtie mit ihrer Trompete und zahlreichen, melodischen Arrangements, als auch Dubmaster Macca Dread mit seinem Mix, wissen hier zu beeindrucken. Auf den 16 Tracks des Albums sind die orientalischen Einflüsse auf Tracks, wie „Oriental Skank“ oder „Monkey Temple“ mit wunderschönem Flötenspiel, sehr schön zu hören. Aber auch der klassische Roots-Reggae wie bei „Double Rainbow“, „The Wild Horn“ und „Irie Land“ kommt keineswegs zu kurz. Andalusisch-spanisch klingt es bei „Al-Andalus“, Swing-jazzig bei „Swing City“, kubanisch bei „Jaruco“ und asiatisch bei „Pagoda“. Kurz, eine bunte Mischung verschiedenster musikalischer Stilrichtungen, die jedoch allesamt vom Reggae und Dub inspiriert und geerdet sind. Eine exzellente musikalische Weltreise im Reggaebeat wie aus einem Guss.
Das Album ist extrem gut arrangiert und keine einzige Sekunde langweilig. Mir bereiten vor allem die orientalischen Themen richtig Spaß und machen gute Laune. Youtie mit ihrem berühmten orientalischen Trompeter und Lehrmeister Ibrahim Maalouf zu vergleichen, fällt mir hier nicht allzu schwer. Dennoch trägt „Nomad Skank“ die ganz persönliche Handschrift von Youtie & Macca Dread.

Auf dem Album sind übrigens auch die beiden Schwestern von Youtie, Jalaya (Alice Bourdeix) an der Flöte und Clara (Bourdeix) an der Geige vereint. Die Riddims hat Macca Dread in seinem Studio im Alleingang angefertigt. „Nomad Skank“ ist ein fast übersehenes Glanzlicht am Reggaehimmel und spiegelt einen kulturellen Mix, der den wahren Reichtum der Menschheit ausmacht.

PS: Yout(h)ie wird mal mit, mal ohne „h“ geschrieben. Sie selbst sagt, das „h“ auf dem Cover sei falsch!

Meine Wertung:

Dubsalon: Selected Dub Cuts

Der Untergrund schläft nie. Viele Dubmaster erfinden zu meiner Freude das Genre immer wieder neu. So auch Emiliano Gomez aka Dubsalon, ein Produzent und Soundengineer aus Cordoba, Argentinien. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Europa, bevorzugt London, wo er das Handwerk des Toningenieurs erlernte. Die 2019 erschienene Workshow „Selected Dub Cuts“ (Dubmission Records) bringt einen repräsentativen Überblick seines Oeuvres und umspannt seine Schaffensperiode von 2009 – 2019. Die ganz frühen Aufnahmen aus 2009 sind noch unter dem Namen Raroyloco erschienen. Das vorliegende, knapp zwei Stunden (23 Tracks) lange Album, begeistert mich seit Tagen. Wir hören den Sound Jamaikas in alter Dub-Tradition, sowie ein breites Spektrum verschiedener Stile, Tempi und Vocal-Hooks. Im Grunde ist das Album eher im Psydub oder Ambient-Dub zu verorten, einer Fusion der elektronischen Musik, die ihre Wurzeln tief in psychedelischer Trance, Ambient- und Dub-Musik hat.
Der Dub-Liebhaber bekommt auch auf dem Album alles geboten, was sein Herz begehrt. Dazu gehören satte, melodische Basslines, tiefe Reggae-Roots, reichlich Echo, Reverb, Delay sowie gelegentliche Gesangs-Fragmente. Was mir persönlich ganz besonders am Psydub gefällt, sind die sehr stark von der indischen Musik beeinflussten Sound-Elemente. Wenn eine Sitar und Tablas erklingen, bin ich hin und weg. Summa summarum kann ich dem ersten Track des Albums nur beipflichten, this workshow is „properly rolled“.

Meine Wertung: