Nazamba: Nazamba

Im März rüttelte uns ein Track auf, der geradezu als Manifest des Dub gelten könnte: „The Grove“ vom Dub-Poeten Nazamba und dem französischen Produzenten/Sound System O. B . F. – veröffentlicht in Kombination mit einem atemberaubenden Dub-Mix als 12“. Seit einigen Wochen ist das komplette Album da, mit 9 Tracks – aber leider keinen Dubs (was jedoch auf ein zukünftiges reines Dub-Album hoffen lässt). Egal, Dub-Poetry ist ja Dub und gehört somit hierher. Und Rico, Mastermind des O. B. F.-Dub-Imperiums (Soundsystem & Dub Quake Records-Label) zählt zur Zeit wahrscheinlich zu den produktivsten Produzenten der französischen Dub-Soundsystem-Szene. Mit dem Album für Nazamba legt er sein bislang radikalstes und auch experimentellstes Werk vor. Vielleicht hat ihn ja Nazambas frappierend an Prince Far I erinnernder Style dazu inspiriert, Adrian Sherwoods Lust auf extreme Sounds zu folgen. Das Album „Nazamba“ zerfällt jedenfalls in zwei Teile: Teil 1 bietet klassischen Outer-Space-Reggae/Dub (und mit „Play Sweet“ sogar eine Interpretation von Jackie Mittoos „Drum Song“). Teil 2 bleibt zwar beim Sound von Dub, verabschiedet sich aber vom Reggae und landet irgendwo bei elektronischem Noise. Darüber – wie Donnergrollen – die Stimme von George „Nazamba“ Scott. Sein Debut gab der Jamaikaner vor ein paar Jahren auf dem Pressure-Label des Dubstep-Produzenten Kevin Martin (The Bug) mit einem nicht minder extravaganten Dub-Poem. Mir gefällt „Nazamba“, weil es kompromisslos die extremen Positionen von Dub und Dub-Poetry auslotet, ohne dabei seine grundsätzliche Zugänglichkeit und Sound-System-Kompatibilität zu verlieren. Ach ja, fast vergessen: Linval Thompson und Soom T gibt’s als Gäste noch oben drauf (allein diese Auswahl bringt das Albumkonzept kongenial auf den Punkt).

Meine Wertung:

R-Juna: Dubs and Praises

Was mich doch immer wieder begeistert, ist, dass das kleine Sub-Genre Dub weltweit sehr viele Menschen in seinen Bann zieht und immer wieder neue, interessante Früchte trägt. Die zyprischen Dubophonic Records haben Ende November ein neues Album eines amerikanischen Produzenten und DJs veröffentlicht, der mir bis dato noch gar nicht bekannt war: R-JunaDubs and Praises“ (Dubophonic Records). Roy Waterford aka R-Juna kann auf 10 Jahre Erfahrung im Musikbiz zurückschauen, produzierte und veröffentlichte bereits mehrere Alben verschiedenster Genres, bevorzugt jedoch Hip-Hop.
Der aus Bloomington, Indiana, stammende R-Juna kehrt nach eigener Aussage zu seinen Dub-Reggae-Wurzeln zurück und veröffentlicht nun bei Dubophonic Records sein erstes Album. „Dubs and Praises“ besteht (leider) nur aus sieben Instrumental-Tracks, die mich mit richtig satten Bass-Lines, melodischen Riffs, gelegentlichen Horn-Section-Fragmenten und reichlich Hall und Echos vollauf zu überzeugen wissen. Den Stil des Albums würde ich als traditionellen Roots-Reggae-Dub gepaart mit modernem Ambient-Downbeat-Feeling beschreiben. Produziert, gemischt und gemastert wurden alle Tracks von Roy Waterford aka R-Juna selbst. Well done, Man!

Meine Wertung:

Lee Perry: Heavy Rain

Da isset endlich – lange von mir herbei gesehnt: „Rainford in Dub“. Sorry: „Heavy Rain“ (On-U-Sound) heißt es natürlich. Endlich die Adrian Sherwood-Kompositionen ohne Lee Perrys „Gesang“, dafür aber mit gelegentlichem Posaunenspiel Vin Gordons sowie mit progressivem, „abstraktem“ Dub-Mixing des On-U-Gotts. Und? Löst das Dub-Album ein, was ich mir gewünscht hatte? Ich muss gestehen, anfangs stand mir eine kognitive Verzerrung im Weg: die Erwartungshaltung. Sie war einfach zu hoch. „Heavy Rain“ hat mich deshalb keineswegs spontan überzeugt. Im Gegenteil: Das Album wirkte unzugänglich und schwach. Komplexe Arrangements, radikales, teils disruptives Mixing und recht zurückhaltender Bass verhindern, dass sich das Album mal so eben im Hintergrund weghören lässt. Doch genau das macht eigentlich seine Stärke aus. Adrian Sherwood hat sich noch nie um Mainstream und leichte Konsumierbarkeit geschert. Er war immer auf der Suche nach herausfordernden Sounds, verstörenden Kompositionen und generell an akustischen Experimenten jeglicher Art interessiert. Deshalb sind er und Lee Perry (eigentlich) auch ein kongeniales Paar. Und deshalb entfaltet „Heavy Rain“ seine volle Wirkung auch erst dann, wenn man sich bewusst zuhörend und analysierend, aber ohne Erwartungen und Vorbehalte in das musikalische Chaos fallen lässt und ganz Ohr wird. Dann offenbaren sich plötzlich Struktur und Ordnung und zuvor verstörende Sounds verwandeln sich in ein Feuerwerk aus unerhörten Ideen und überraschenden Entdeckungen.

Die Spitze des Eisberges bildet übrigens gleich der erste Track des Albums: „Here Come the Warm Dreads“, den – der Titel lässt es vermuten – Brian Eno gemixt hat. Offenbar war er von Perrys legendärem Werk „Revolution Dub“ inspiriert und schaltet auf dem Track munter die Stereokanäle ab und an – und stiftet auch sonst viel Disruption. Ist mir etwas zu gewollt, aber marketingtechnisch ist eine Zusammenarbeit von Sherwood, Perry und Eno zweifellos ein genialer Coup. Meine persönlichen Highlights sind hingegen die beiden exklusiven, neuen Tracks „Dreams Come True“ und „Above and Beyond“. Okay, ehrlich gesagt sind die beiden „klassischer“ und die Beats klarer und reduzierter. Sind die anderen Titel vielleicht doch zu verkopft? Ich würde mal sagen: Die Mischung macht’s. Die beiden Stücke ins Zentrum des Albums zu stellen und damit für eine Verschnaufpause zu sorgen, war jedenfalls eine gute Idee. Also: Lange Schreibe, kurzer Sinn: Rainford in Dub ist tatsächlich ganz unerwartet doch so gut, wie erwartet.

Meine Wertung:

Sumac Dub: Jam Session Vol. 1

Ein exzellenter Dub-Artist kommt diesmal aus Grenoble, Frankreich. Tom Dorne aka Sumac Dub hat das Projekt 2015 ins Leben gerufen. Der Multiinstrumentalist Tom Dorne begann bereits im zarten Alter von 5 Jahren, das Geigenspiel zu erlernen. Heute spielt er nicht nur Violine, auch Gitarre, Schlagzeug, Klavier und einige traditionelle Instrumente, die er auf seinen Reisen durch die Welt gefunden hat, steuert er geschickt seinen Mixes bei. Erst 2014 reifte bei dem langjährigen Reggae-Fan, dessen Musik weitgehend von Roots-Reggae inspiriert ist, die Idee, Alben unter dem Namen Sumac Dub zu produzieren. Mittlerweile wurden bereits vier Alben und eine EP Sumac Dub: „Jam Session Vol. 1“ (ODGProd.com) veröffentlicht. Bei der leider etwas kurz geratenen Jam Session Vol. 1 überzeugt mich bereits der erste lange Titel „le Chant de la Baleine“ in dem auch, wie der Titel schon sagt, Walgesänge gesamplet wurden. Bei „Radio, Ney and Persan Setar“ verknüpft er die persische Rohrflöte (Nay) sowie die persische Langhalslaute (Setar) geschickt mit dem musikalischen Dub-Gerüst. Ich mag im Dub ganz besonders solche ethnische, fremdartige Klänge. Die Entstehung von „Les Oiseaux d’Europe“ habe ich mir auf youtube angeschaut und bin begeistert, wie locker Tom Dorne aka Sumac Dub Vogelstimmen von einer Single nimmt und in seinen Dub einbaut. Alles klingt wie aus einem Guss. Und zum krönenden Abschluss hören wir bei „Bass Température“ nochmal eine dubbige Violine erklingen. Insgesamt bekommen wir hier ein Schaufenster origineller Stile mit vielen musikalischen Einflüssen geboten. Jam Session Vol. 1 ist ein kurzes, aber höchst interessantes Dub-Werk!

Meine Wertung:

Various Artists: Humble Dubbers LP

Neulich hat hier im Dubblog jemand geschrieben, dass ihm ein ganzes Album am Stück zu hören einfach zu viel sei. Dem kann abgeholfen werden, denn ich habe hier ein Various Artists Album: „Humble Dubbers von Griechenlands führendem Downtempo- und Lounge-Label Melting Records gefunden. Melting Records zeigen auf der kurzweiligen zehn Tracks Compilation die enge Verflechtung von Downtempo und Nu-Dub mit Roots-Reggae und Dub. Auf dem Sampler finden sich profilierte sowie einige weniger bis kaum bekannte Dub-Produzenten, die den Hörer auf eine bewusstseinserweiternde Reise mitnehmen. Tiklah, Dubmatix, Vic Rice und Burnt Friedman sollten bekannt sein. Darüber hinaus sind auf Humble Dubbers auch Künstler wie Kabanjak (eine Hälfte von Ancient Astronauts), YesKing sowie Skinshape aus London, Lo End Dub aus Spanien, Shimi Sonic aus Israel sowie die Resonators aus Brighton zu finden. Bei dieser Vielfalt an verschiedensten Produzenten und musikalischen Einflüssen ist es schon erstaunlich, dass sich das Humble Dubbers Album trotzdem sehr homogen anhört. Dem Hörer bietet der Sampler eine mehr als befriedigende Übersicht auf die Verknüpfung von Nu-Dub und Classic-Dub. Insgesamt fasziniert mich die abwechslungsreiche Humble Dubbers Compilation, denn von den rumpelnden Basslines bis hin zum klassischen Zischen der Hi-Hats und dem Reggae-Offbeat ist hier alles präsent. Bring the rewind, Selectah!

Meine Wertung:

Wählt die Dub Top Ten 2019

Nicht mehr lang, dann ist Weihnachten. Zeit, die besten Dub-Alben des Jahres 2019 zu küren. Wir haben die im Dubblog 2019 am besten bewerteten Alben zusammen gestellt. Wählt eure drei Favoriten. Daraus ermitteln wir eure Dub Top Ten 2019.
Die Umfrage wurde beendet. Das Umfrageergebnis wird/wurde am 17. Dezember 2019 veröffentlicht.

Dreadzone Presents: Dubwiser Vol. 1

Während der 1990er Jahre gehörten Dreadzone für mich zu den progressivsten Geistern der damals noch jungen, europäischen Dub-Szene. Ihr Crossover-Sound zwischen Dub und Club war für mich die Speerspitze der Entwicklung von Dub. Inzwischen ist klar, dass die Reise tatsächlich woanders hin gegangen ist. Ähnliche Bands, wie z. B. Rockers HiFi, sind längst abgetreten und zeitgenössischer Dub hat mit Club-Sounds nicht viel zu tun. Aber Dreadzone sind noch immer dort, wo sie in den 1990ern waren. Nur, dass sie heute nicht mehr nach Avantgarde klingen, sondern eher, wie ihre eigene Revival-Band. Dennoch hat die Musik der Band ihre Qualitäten beghalten. Z. B. eingängige (Folk-)Melodien, treibende Reggae-Beats und ausgeklügelte Arrangements. Der Sampler „Deadzone Presents Dubwiser Vol. 1“ stellt das vorzüglich unter Beweis. Er versammelt 12 Stücke des Dreadzone-Labels Dubwiser, die von Dreadzone und assoziierten Artists stammen und eine idealtypische Verkörperung des Sounds der Briten repräsentieren. War ich vom letzten Album der Band („Dread Times“, 2017) noch regelrecht enttäuscht, so hat sich meine Erwartungshaltung inzwischen angepasst und ich muss zugeben: die Dubwiser-Kollektion gefällt mir richtig gut.

Meine Wertung:

King Cooper: Wood Wind & Roots

Der Saxofonist Jan „King“ Cooper ist bei unseren niederländischen Nachbarn kein Unbekannter. Mit 15 Jahren begann er Saxofon zu spielen und mit 16 Jahren war er bereits erstmals auf einer Schallplatte zu hören. Nach Abschluss des Konservatoriums in Hilversum gründete Jan „King“ Cooper seine eigene Band mit der er drei Alben veröffentlichte. In den letzten Jahrzehnten trat Jan „King“ Cooper auf über 350 Studiotiteln als Saxofonist für Künstler, wie Doe Maar, Sister Sledge und viele andere, in Erscheinung. Jan ist aber nicht nur für seine außergewöhnlichen Saxofonfähigkeiten bekannt, sondern auch ein namhafter Komponist für Theater- und Filmproduktionen (unter anderem: Sesamstraße) in den Niederlanden. Sein musikalisches Spektrum umspannt Jazz, Soul, Funk und sämtliche Spielarten des Reggaes. Mit seinem 2018 erschienen Album „Wood Wind & Roots“ (www.earth-works.bandcamp.com) taucht King Cooper tief in die aktuelle Roots Reggae- und Ska-Szene ein. Wood, Wind & Roots ist ein organisches Klangkonzept, bei dem es darum geht, eine besondere Stimmung im Studio zu erzeugen und einzufangen. King Cooper fügt einer Vielzahl von verschiedenen Rhythmen seinen eigenen, einzigartigen, jazzigen Stil hinzu. Dabei steht er unüberhörbar im Mittelpunkt der Begleitbands: The RAW Rhythm Section (ein internationales Kollektiv von Roots-Musikern), The Signal One Band (Earth Works studio house-band), The High Notes, Rootz Lions, Jah Works und den irischen The Awaiters. Aufgenommen und abgemischt wurde das über 50 Minuten lange Album in King Coopers „Wohnzimmer“, dem Earth Works Studio in Amsterdam. King Cooper hat bis auf zwei Titel, die von Ernest Ranglin und Henry Mancini stammen, das Album selbst komponiert. Ein insgesamt sehr abwechslungsreiches, schönes Werk, das jedoch, wie er bereits selbst sagte, „kein Dub-Album“ ist. Aber ist Instrumental-Reggae nicht auch beinahe Dub, zumindest die Vorstufe? ;-)

Meine Wertung:

J. Robinson (WhoDemSound): More Than Music LP

Ich bin ja bekannt dafür, Soundsystem-Dub und Steppers zu mögen. Oh mein Gott! Wie kann er nur! Aber ich stehe dazu. Ich liebe den hypnotischen Bass-Sound, die minimalistischen Beats und die pochende Monotonie der Bassdrum. Deshalb macht mich auch das neue Album „More Than Music LP“ von J. Robinson (WhoDemSound) momentan recht glücklich. Deep Meditation in einem warmen Bett aus Bass, Bass und Bass. Natürlich aus dem UK, der Wiege des Steppers. J. Robinson bietet hier fünf, meist instrumentale, dubbige Tracks, die dann jeweils von einem echten Dub gefolgt werden. Die Instrumentierung klingt original nach 90er Dub, schön synthetisch und tausendfach gehört. So soll es sein ;-). Mr. Robinson beherrscht den Minimalismus.

Meine Wertung:

Roots Radics: 12 Inches Of Dub

Wir schreiben das Jahr 1980 und die 1978 von Errol „Flabba“ Holt (bass), Lincoln „Style“ Scott (drums) und Eric „Bingy Bunny“ Lamont (guitars) gegründeten Roots Radics waren innerhalb kürzester Zeit die gefragteste Session-Band im Channel One Aufnahmestudio von Kingston. Mit ihrem schweren, extrem verlangsamten Reggae gaben sie von 1980 bis 1984 unangefochten den Ton an. Henry „Junjo“ Lawes war in der Zeit einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste, Reggae- und Dancehall Produzent Jamaikas. Der Sound aus dem Channel One, wo die Roots Radics gerade die Revolutionaries als führende Studioband abglöst hatten, war frisch, neu und unverbraucht. Die Konstellation „Junjo“ Lawes, Roots Radics und ein gerade einmal 20-jähriger Hopeton Overton Brown aka Scientist war eine glückliche Fügung. Da passte wirklich alles perfekt.
Fast 40 Jahre später erscheint nun ein verschollen geglaubtes Album „12 Inches Of Dub„, das Dub-Pendant zu General Echos 1980er Greensleeves-Album „12 Inches Of Pleasure“. Produziert wurde das Set von der Reggae-Ikone Henry „Junjo“ Lawes und an den Reglern saß, wie zu der Zeit fast immer, der ehemalige King Tubby Protegé Scientist. Die Dub-Mixes wurden dann 1980 von „Junjo“ Lawes an Greensleeves geliefert, aber nie veröffentlicht und verstaubten in irgendeinem Archiv.
Jetzt ist endlich das Album doch noch auf dem Markt und zeigt die Roots Radics in der vollen Blüte ihres Schaffens. Sie klingen (noch) unverbraucht, roh, minimalistisch und Scientists Mixing klingt frisch und aufregend neu. Die Riddims zu den Dubs stammen von Künstlern und Alben aus „Junjos“ Stall. Wir hören unter anderem die Dubs zu: Barrington Levy („Fulfillment“), Wayne Jarrett („Dreadlocks Postman“), Flick Wilson („Yallas Pond“) und Little John („Tell Me What You Want To Be“). Übrigens, das Album enthält alternative Mixe zu Scientists „The Dub Album They Didn’t Want You To Hear!“ Jetzt blicke ich auch, weshalb Scientist seinem Album diesen seltsamen Titel gab.

Meine Wertung: