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Dub

Dubvisionist presents PFL Dubsessions

Zugegeben, beim ersten Mal habe ich nur halbherzig und nebenbei via Notebook-Speaker zugehört. Größter denkbarer Fehler eines Rezensenten, keine Frage – Schande über mich. Unter Umständen kann ich ein wenig Verständnis heischen, wenn ich gestehe, dass mich Dubvisionist’s „Yoga in Dub“ ziemlich unberührt zurückgelassen hat. Ein Album, dass im Work-Life-Balance-Trend sicher seine Berechtigung hat und etwa bei einem Vinyasa-Flow gut einsetzbar ist – sofern man bei der Ausführung der Asanas keine Stille ertragen kann. Und doch: Ich habe die Annäherung von Reggae/Dub zur „New Age“-Musik im allerweitesten Sinn schon besser gehört. Tiefenentspannte Leser*innen mögen sich Deva Premal’s hervorragendes, von Maneesh de Moor produziertes Mantra-Chanting-Album „A Deeper Light“ zu Gemüte führen; oder Jay Uttal’s „Roots, Rock, Rama!“-Release, bei dem das Kirtan-Urgestein seine Chants mit handfesten Reggae-Grooves unterfüttert.

Tatsächlich geht’s hier aber um den Nachfolger von „Yoga in Dub“, der sich da „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ (Echo Beach) nennt. Felix Wolter aka Dubvisionist ist wohlbekannt und geschätzt in der Dub-Szene; der dubblog.de Rezension seiner feinen „King Size Dub Special“-Werkschau ist nichts mehr hinzuzufügen. PFL bzw. Pre Fade Listening als der heute eher unbekannte Part in der Gleichung würde ich als eine der musikalischen Inkarnationen Felix Wolters sehen: Ein Projekt, das mit seinen Lounge-Produktionen anno dunnemal durchaus von sich reden machte.

„Lounge“ als Bezeichnung für ein Sammelsurium unterschiedlichster Musikstile war mir allerdings immer schon ein rätselhaftes Phänomen – sicher, es ist meist richtig entspannter Downbeat; oft instrumental oder mit mehr oder weniger schleierhaften Ethno-Vocals und -Samples versehen. Irgendwo zwischen Alles und Nichts angesiedelt, dient er den Millenials als Hintergrundbeschallung in den coolen Bars und hippen Club-Lounges. Dort trifft man sich zum gepflegten chill out, hegt Freund- und Bekanntschaften und plant zusammen womöglich den weiteren Verlauf der Nacht. Kurzum: Dort wo man statt „schön“, „gut“ oder „fein“ das Wort „nice“ benutzt, ist die Wahrscheinlichkeit, Lounge zu hören sehr hoch. Das alles hat in erster Linie mit Kommunikation zu tun; Musik spielt eine untergeordnete Rolle: Nicht zu laut, nicht zu präsent, nicht zu aufdringlich oder im schlimmsten Fall gar das Gespräch störend. Passive Musik, die man eigentlich nicht hören, sondern bestenfalls als Hintergrundgesummse wahrnehmen möchte, sich jedoch hervorragend zum Überbrücken der Stille eignet – für den Fall, das man sich so gar nichts mehr zu sagen hat. Sarkasmus beiseite: Unter dem Label „Lounge Music“ wurde vor allem in den Nullerjahren eine ganze Menge Geld eingefahren; es war vermutlich der letzte Hype, bei dem physische Tonträger eine Rolle gespielt haben. Was bleibt ist ein Kuriosum: Musik, die man eigentlich nicht (bewusst) hören will.

Zurück zum Thema; zurück zu einem Album, das im richtigen Setting – sprich einer Subwoofer-mächtigen Musikanlage – zu einem veritablen Bassmonster gerät. Freilich haben wir hier keinen klassischen Reggae/Dub vor uns; Hardcore-Dubheads werden aber durchaus den einen oder anderen Snipet einer Reggae-Bassline identifizieren; etwa im Track „Going Underground“, in dem der Groove von The Tamlins‘ bzw. Sly & Robbie‘s „Baltimore“ zu erkennen ist. Oder wie wär’s gleich mit der ganzen “Drum Song“-Bassline im „Long Reasoning Dub“? Selbst Nyabinghi-Drums kommen zum Einsatz („Searching for the Magic Frequency“), und doch würde ich das Album eher unter Downbeat einordnen – auch, um den unglückseligen Begriff Lounge zu vermeiden. Dafür ist der Release einfach zu interessant, verlangt nach gebührender Aufmerksamkeit, um viele kleine und größere Sound-Gimmicks zu entdecken – wie Vocal-Samples, eine rockige Gitarre und wunderbare Percussions. 

Darf man „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ vielleicht gar mit dem Dub Syndicate zu besten On-U Sound-Zeiten vergleichen? Nun ja, ein Style Scott ist nicht ersetzbar, aber Adrian Sherwood experimentiert auch gerne mit allen möglichen Einflüssen und Stilen. Insofern kann man Parallelen ziehen; und würde man mir den Track „The Lone Ranger“ als verschollene Dub Syndicate-Aufnahme verkaufen wollen – ich würde es vermutlich nicht hinterfragen. Abgesehen vom Langweiler-Track „Yoga Secret“ ein interessantes Album also, dass mit Dub-Effekten nicht geizt. Soundmäßig ist es mit seinen eher zurückhaltenden Höhen in der Dubvisionist-spezifischen Klangwelt zuhause, die auf früheren Releases schon mal wesentlich dumpfer daherkam. Balsam für Hörer*innen wie den Rezensenten, dem schneidende, extreme Höhen blutende Ohren bescheren, der dafür aber Eingeweide-Massagen im unteren Hz-Bereich umso mehr feiert.

Letztlich empfehle ich den geneigten Leser*innen, sich nicht vom Album-Cover, dem Track-Titel „Skylarkin Lounge“ und der Lounge-Phobie des Rezensenten irritieren zu lassen. Alben der etwas anderen Art verlangen nach Offenheit und der Bereitschaft, sich auf sie einzulassen – insbesonders wenn sie nicht den gängigen Dub-Klischees entsprechen. Wer so auf „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ zugeht, wird belohnt werden.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub

Super Hi-Fi: Dub To The Bone

Kennt jemand von euch Brooklyns “Underground Supergroup” und Publikumsmagnet namens Super Hi-Fi, die auch schon mit den Skatelites on Tour waren? Gegründet wurde die Band 2010 vom Bassisten und Sänger Ezra Gale. Das vorliegende Debut “Dub To The Bone” (Electric Cowbell Records) ist bereits 2012 entstanden und ist bis heute ein äußerst kurioses Sound-Gemisch. Super Hi-Fi’s jamaikanisch beeinflusster Dub, mit zwei Posaunen, Gitarre, Bass und Drums ist ein ganz spezieller Sound und sucht immer noch seinesgleichen. Die Band sagt selbst über ihre Musik: “We in Super Hi-Fi are committed to going the extra mile to make art that stands out and lasts.” Deshalb veröffentlichen sie ihre Musik (auch) auf Schallplatten. Obwohl das wesentlich teurer ist, bleibt das Quintett bei seiner Arbeitsweise, auch weil Schallplatten besser und nach Meinung der Band wesentlich wärmer klingen. Zusätzlich machen LPs bedeutend mehr her – von der Haltbarkeit einmal ganz abgesehen. Im Aufnahmestudio wird sehr lange experimentiert bis der Sound 100%ig stimmt. Kompromisse möchten Super Hi-Fi keine machen, die Band ist erst mit dem optimalen Ergebnis zufrieden. Alles wird analog auf Tonband mitgeschnitten, denn auch bei dieser Methode sind die Musiker vom besseren Klang der Aufnahmen überzeugt. Ja und….., welche Musike erwartet mir jetze? Schwieriges Unterfangen: Jazzige bis weiche Posaunenklänge, rockig krachende bis gezupfte Gitarren, fette Bass-Lines, satte Drums und über allem schwebt der Geist von King Tubby und Lee “Scratch” Perry. Ach ja, Victor Rice und das Subatomic Sound System haben auch noch mitgemischt. Alles klar?

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub

Satori vs. Dr. Echo: Dub Defender Sessions

Satori, ein japanisch-buddhistischer Begriff für Erkenntnis, Erwachen und Verstehen, leitet sich vom japanischen Verb satoru ab. Das Hauptmotiv des Zen-Buddhismus ist die Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins. Es kann nur durch persönliche Erfahrung verstanden werden.
Aha, das ist also der eine Weg. Wir nähern uns dieser Erkenntnis dann doch eher auf der musikalischen Schiene, denn vor ein paar Tagen ist nun Satori vs. Dr. Echo:Dub Defender Sessions” (Anicca Records) erschienen. Satori ist das Alter Ego von Steven Jess Borth II und Dr. Echo von Justin De Hart. Die zwei aus Sacramento stammenden Kalifornier Borth und De Hart kennen sich schon etliche Jahre und arbeiten auch schon sehr lange zusammen. Zurzeit lebt Satori in Dänemark und gehört als Saxofonist ins direkte Umfeld des Guiding Star Orchestras oder arbeitet bei einigen Projekten mit dem Jazz-Duo Bremer & McCoy zusammen, während der Toningenieur Dr. Echo in der Zwischenzeit seine Zelte in Neuseeland aufgeschlagen hat. Trotz der räumlichen Distanz ist es den beiden Protagonisten endlich gelungen, die Früchte ihrer Zusammenarbeit aus den Jahren zwischen 2007 und 2009 in Form der „Dub Defender Sessions“ zu veröffentlichen. Die Sammlung enthält Aufnahmen, die bisher nie das Licht der Welt erblickten. Etwa die Hälfte der Tracks hat Gesang und verbreitet – trotz der süßlichen an Ali Campbell (UB40) erinnernden Stimme – eine etwas düstere Stimmung. Trotzdem interagiert die dubbige Musik vorzüglich mit den Texten. Der Rest des Albums sind sehr schöne, chillig-dubbige Instrumentals. Eigentlich bekommen wir hier nichts Spektakuläres geboten, aber die hohe Qualität des Albums liegt in den Dubs, die Dr. Echo und Satori gemeinsam produziert haben. Dr. Echo bringt seine jahrzehntelange Mixing-Erfahrung zum Einsatz und schöpft aus den Möglichkeiten der Technik. Dabei überfrachtet er die Dubs nicht mit einer Flut an Effekten, sondern schafft in seinen Dubs Raum für Ruhe und ambiente Klänge. „Dub to Nowhere“ ist meines Erachtens ein hervorragendes Beispiel dafür. Ein weiteres Highlight und zugleich der Schlusspunkt des Albums setzt mit seinem Rasta-Drumming und seiner relaxten Atmosphäre „Dub Decision“.

Fazit: Wenn man dem Album Zeit gibt, begeistert es durch seinen gefühlvoll gespielten Roots-Reggae, butterweichen Keyboard- und Saxofon-Passagen und seine teilweise im Ambient verwurzelten Dubs. Ein sehr schönes, unaufdringliches Werk, das zu Unrecht viele Jahre in irgendwelchen Regalen verstaubte.

Bewertung: 4 von 5.

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Dub

Paolo Baldini DubFiles Meets Dan I & Imperial Sound Army: Dolomite Rockers

Schon wieder etwas Neues von Paolo Baldini. Im März die Echo Beach-Retrospektive, dann, vor wenigen Wochen, das Dubblestandart-Remix-Album „Dub Me Crazy“ und jetzt mit großem Crescendo: Paolo Baldini DubFiles Meets Dan I & Imperial Sound Army: „Dolomite Rockers“ (La Tempesta Dub). So lang Name und Titel, so fett das Album: 22 Tracks im Showcase-Style, produziert und eingespielt von den beiden Italienern Paolo Baldini und Dan I im Alambic Conspiracy Studio am Fuß der Alpen. Dan I, den ich vor allem aus seiner Zusammenarbeit mit Alpha & Omega in Erinnerung habe, steuert vor allem den Gesang bei, Baldini den Rest. Der Sound ist heavyweight Steppers, kompromisslos und energiegeladen. Clevere Arrangements, smartes Mixing und überhaupt eine sehr beseelte Atmo sorgen dafür, dass negative Steppers-Klischees weiträumig umschifft werden. So kann zeitgemäßer Dub klingen! Okay, Dan Is Vocals sind nicht allzu inspiriert, haben hier aber niemals die Verantwortung, ein ganzes Stück tragen zu müssen. Meist gliedern sie sich harmonisch in den Gesamtsound ein. Aber ich vermute, es war sein Einfluss, der Baldini auf die dunkle Seite des Steppers gezogen hat. Verglichen mit Baldinis früheren Produktionen ist „Dolomite Rockers“ härter, dunkler und wuchtiger geraten. Mir gefällt das supergut. Mit Akae Beka, Fikir Amlak, und Benji Revelation treten zudem drei Gastvokalisten auf, die perfekt zum neuen Baldini-Sound passen. Sehr cool ist auch, dass dieser urbane Dub-Sound in einer der schönsten Naturlandschaften Europas entstanden ist – der Heimat der beiden Musiker. Noch cooler finde ich es, ihr den Albumtitel zu widmen.

Bewertung: 4.5 von 5.

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Dub

Jim: Jimmy Reggae Dub

Es ist immer wieder faszinierend, welch unterschiedliche Stimmungen Dub transportieren kann. Der Abstand zwischen der neuen EP von Jim: „Jimmy Reggae Dub“ (JIM) und einem energiegeladenen Steppers könnte größerer jedenfalls nicht sein. Der „Peter Pan des französischen Hip Hop“, als den er sich selbst bezeichnet, hat hier ein zutiefst melancholisches Werk vorgelegt. Geradezu quälend langsame Beats, rau und pur, kontrastieren zu Akkordeon- und Harfenklängen und federleichten, elegischen (synthetischen) Sopranstimmen. Alles in Moll minus. Was Melancholie betrifft, kennt Jim sich bestens aus. Mit seinen Hip Hop-Produktionen hat er ihre Abgründe bereits intensiv erkundet. Seit Jahren leidet er unter einem hochgradigen Tinnitus – schrecklich für jemanden, dessen Leben der Musik gewidmet ist. Aber vielleicht war das ja der Grund, sich den ruhig fließenden Basslines von Dub zuzuwenden. „Jimmy Reggae Dub“ (der Titel ist jedenfalls nicht auf dem Niveau der Musik!) ist innerhalb von drei arbeitsintensiven Wochen in Studioklausur entstanden. „I felt suffocated after 10 years of hip hop“, erklärt Jim, „I always liked reggae but never thought of doing it one day. But with confinement and my desire to explore something else, this EP was born. I tried to get the sound as acoustic and raw as possible.“ Das ist Jim perfekt gelungen. Oft sind es ja gerade die Genre-Außenseiter, die – vielleicht auch unbewusst oder aus Unvermögen – mit den Konventionen brechen, Neues entdecken und so die Musik bereichern.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub

Home Run #3

Bat Recordings ist ein kleines französisches Dub-Label. Die Dub Shepherds sind wahrscheinlich dessen bekanntester Act. Klein aber fein, wie der vor wenigen Wochen erschienene, sehr schöne Sampler „Exo Fam vs. Bat Recordings“ zuletzt bewiesen hat. Nun gibt es mit „Home Run #3“ (Bat Recordings) erneut einen Label-Sampler – dieses Mal aber sogar kostenlos zum Download. Solche Angebote sind ja nicht selten. Selten hingegen ist die Qualität dieses Freeware-Samplers: Sieben überaus schöne Dubs, allesamt in charmanten Old School-Style. Ein richtiger Hit ist „Poorman Sufferation“ von Pinnacle Sound & Jolly Joseph. Hier glaubt man die Revolutionaries spielen zu hören und die Meditations singen dazu. Beim Hören der restlichen Tracks stellen sich unweigerlich Assoziationen an Scientist und Prince Jammy ein. Macht Spaß.

Bewertung: 4 von 5.

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Dub

LD Dub: Mystic Roots

Das Svaha Sound Label mit Sitz in London hat bereits 2014 das erste und bisher einzige Album von LD Dub: “Mystic Roots” (svahasound.com) veröffentlicht. Viel Information über LD Dub konnte mir keine der Suchmaschinen liefern. Alles, was ich in Erfahrung bringen konnte, ist, dass LD Dub 2012 von Ludovic Daquin aus Bayonne, einer Stadt im französischen Baskenland, gegründet wurde. Nachdem der Schlagzeuger Daquin mehrere Enttäuschungen als Bandmitglied erlebt hatte, beschloss er, seinen eigenen “Sound” zu machen. Ich kann jetzt schon verraten, dass das für uns Dubheads auf alle Fälle eine sehr gute Entscheidung war, denn er schuf einen Klang-Kosmos, der sehr stark vom klassischen Roots-Dub beeinflusst ist. Jeder der sieben analog eingespielten Tracks aus diesem Album hat seinen eigenen Charakter und dennoch klingt das Opus als eine Einheit. LD Dub hat bei dem gesamten Mix eine hervorragende und in vollem Umfang überzeugende Arbeit abgeliefert. Es werden verschiedenartige Ingredienzen benutzt, um die Spannung der Tracks aufzubauen. Mal sind es ein paar vorbeischwebende Melodika-Schwaden, mal sind es fernöstliche Einflüsse wie Sitar-Klänge. Zusätzlich wurden alle Dubs mit viel Hall, Echo und schönen Soundeffekten veredelt. Ludovic Daquin öffnet alle Pforten der akustischen Wahrnehmung und schöpft reichlich aus den Möglichkeiten, die ein gutes Mischpult heute bietet. Man hat stellenweise das Gefühl, dass der Sound aus allen vier Himmelsrichtungen kommt. Auch wenn die letzten beiden Titel ein wenig stärker in die “French Steppers” Richtung gehen, sollten doch alle Freunde des gepflegten Dub unbedingt einmal in dieses Album reinhören.

Bewertung: 4 von 5.

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2. Meinung Dub

Sly & Robbie: Dub Serge

„Hä?“, dachte ich zuerst, „die haben ein 1:1-Remake von „Aux Armes, etc …“ eingespielt, Serge Gainsbourgs All-Time-Best-Seller? Dem Album, das sie ursprünglich 1979 aufgenommen hatten? Spinnen die beiden älteren Herren Sly Dunbar und Robbie Shakespeare jetzt total?“ Tja, es stimmt: „Dub Serge“ (Tabou1) von Sly & Robbie ist tatsächlich ein exaktes Remake des 1979er Originals. Selbst die komplette Band (neben Sly & Robbie) ist dieselbe, wie vor 41 Jahren: Mikey Chung, Dougie Bryan, Robby Lyn und Sticky Thompson – nur Ansel Collins fehlt. Verrückt! Aber die Geschichte dahinter rückt das Werk ins rechte Licht. Das Remake wurde bereits 2011 aufgenommen, als sich Tabou1-Label Chef Guillaume Bougard mit Sly, Robbie und der Band im Studio befand, alle Aufnahmen für ein Funk-Album eingespielt waren und noch ein ungenutzter Studiotag zur Verfügung stand. Sie beschlossen, den verbleibenden Tag für das Remake des legendären Serge Gainsbourg-Albums zu nutzen: Nur so, aus Spaß und ohne Ambitionen. Tatsächlich haben die Rhythm-Twins und ihre Co-Worker das komplette Album innerhalb von nur sechs Stunden im Kasten gehabt. Was für eine Leistung! Die Aufnahmen wanderten ins Archiv. Bougard erinnerte sich ihrer erst wieder, als Universal-Records ihn für ein Sly&Robbie-Interview anfragte, das für eine Serge Gainsbourg-Doku gefilmt werden sollte, zum Anlass des vierzigjährigen Jubiläums von „Aux Armes etc …“. „Warum nicht am Jubiläum mitverdienen“, dachte sich Bougard. Immerhin hatten Sly & Robbie 1979 für die Aufnahmen des Bestsellers nur je 250 Dollar erhalten, und keinen weiteren Cent an Tantiemen. Unglaublich, aber so war das damals in Jamaika. Also kramte Bougard die 2011er Aufnahmen hervor, dubbte sie in Windeseile (wahrscheinlich um dem ursprünglichen Aufnahmetempo gerecht zu werden) auf einem alten PC und entließ sie in die Welt. So sieht’s aus Leute: Wie kann man ein Album mit solch einer Entstehungsgeschichte negativ rezensieren? Ich bringe es nicht übers Herz – und ehrlich gesagt: Es ist gar nicht so schlecht.

Lest auch die Rezension meines Kollegen gtkriz

Bewertung: 3 von 5.
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Dub

Manasseh meets Praise

Ich will nicht lange herumdrücken und gleich vorweg gestehen: Das ist kein Dub Album. Da gibt’s keine Echos, kaum Hall oder sonstige Effekte. Das ist beileibe keine Reise durch’s Dub-Universum geschweige denn ein mehrdimensionaler Soundflash in Trip-Qualität. Aber es ist ein schönes, atmosphärisches Instrumental-Album der anderen Art – und ich stehe nicht an es als einen der bislang besten Releases des diesbezüglich dürren Jahres 2020 zu bezeichnen.

Die Rede ist von der neuen Produktion von Nick Manasseh, die er mit Praise eingespielt hat. Letzterer ist, soweit man der allwissenden Datenmüllhalde Google glauben möchte, ein versierter und gefragter Violinist, der schon mit diversen Größen im Studio und auf der Bühne zugange war. Damit wird klarer, in welche Richtung wir uns hier bewegen: Zum Clash der anderen Art – wenn Streichinstrumente auf Reggae treffen. Das ist per se keine Sensation und auch nicht neu, wie etwa Cat Coore, Ras Divarious oder zahlreiche Sherwood-Produktionen belegen. Bei „Manasseh Meets Praise“ (Roots Garden Records) gehen die beiden Komponenten allerdings eine nahezu perfekte Symbiose ein. 

Das mag einerseits am Produzenten Manasseh liegen, der hier seinen sanften aber unerschütterlichen, vom Earl Sixteen-Release „Gold Dust“ bekannten Stil weiterführt: Akustische Gitarren schweben über einem trägen Bassmonster. Hier kann sich Praise mit mehrschichtigen Streicher-Aufnahmen perfekt einbringen, sodaß mitunter der Eindruck entsteht als ob ein Streichquartett melancholische Musik zu einem ebensolchen Film einspielte – wie man auch im Video zum Track „Yes Mic“ nachvollziehen kann:

Warum man gerade dieses Stück für das Promo-Video ausgewählt hat, entzieht sich meiner Kenntnis; mein Verkaufsargument wäre jedenfalls „London Babylon“ gewesen, das mit seiner Melodieführung und seinem ausgeklügelten Arrangement mein Highlight des Albums ist. Vielleicht fiel die Auswahl schwer, weil die Tracks von „Mannasseh Meets Praise“ ein wunderbar abgestimmtes Potpourri ergeben und letztlich wie aus einem Guß wirken – und das obwohl die Aufnahmen über einen Zeitraum von nahezu zehn Jahren stattfanden.

Seinen größten Charme entfaltet das Album aber durch seinen wohltemperierten Klang. So wohlig weich, so tief und gleichzeitig mächtig hört man selten einen Reggae-Bass, auch die Höhen sind angenehm zurückhaltend. Im Mixdown sind die Violinen (und mitunter eine Querflöte) sanft eingebettet; da kreischt nichts, da ist kein Klang enervierend – und trotzdem ist man von „glattgebügelt“ meilenweit entfernt. Im rezensionsüblichen Selbstversuch habe ich auch diesen Release in Dauer-Schleife gehört; er war niemals langweilig oder hat durch die Wiederholungen genervt – aber er hat immer wieder neue Nuancen offenbart: Im Klangbild, im Arrangement, in der (imo klassischen) Melodieführung.

Wenn ich schlussendlich die Qualitäten des Albums in ein Wort zusammenfassen müsste, dann wäre es wohl „feinsinnig“. Diese Einschätzung wird nicht jedem behagen – Hardcore Dubheads könnte das alles zu lasch sein. Wer sich hingegen offen für nuancierte akustische Klänge zeigt, wird das Album und die Art, wie es latent ins Unterbewusstsein sickert, mögen. 

Bewertung: 4 von 5.

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Dub Five Star

Zenzile Remixed

Das gelingt wenigen: Stilsicher zwischen Rock und Dub zu oszilieren – und dabei auch noch gelegentlich Elektronik oder Hip Hop unter zu mischen. Normalerweise landet man mit einem solchen Konzept zielsicher zwischen den Stühlen. Deshalb habe ich die französische Band Zenzile auch nie wirklich ernst genommen und Rock-Alben wie „Elements“ geflissentlich ignoriert. Lediglich die „5+1“–EP–Serie mit ihrem Reggae-Schwerpunkt war mir gelegentlich einen Blick wert. Nun aber hat die Band zwischen den Stühlen ein echtes Dub-Meisterwerk abgeliefert: „Zenzile (Remixed)“ (ODGProd). Es handelt sich um den Remix ihres Lebenswerkes, das sich über zehn Alben und sechs EPs erstreckt. Versammelt wurden die dreizehn besten und Dub-kompatibelsten Tracks ihres Oeuvres, um diese dann in die Hände einer spannenden Auswahl aktueller Dub-Koryphäen zu geben, (z. B. an die Dub Shepherds, Mahom, Tetra Hydro K, Alpha Steppa, Panda Dub oder Full Dub). Das Ergebnis ist grandios! Was für eine beeindruckende stilistische Vielfalt. Hier wird das Konzept „Dub“ wirklich ausgelotet – ohne dabei die Grenzen des Genres wirklich zu überschreiten. In jedem einzelnen Track stecken mehr Ideen, als in so manchem kompletten Dub-Album. Unglaublich inspirierte Arrangements, kunterbunter Mix diverser musikalischer Einflüsse, fette Basslines, massive Beats, Melodien und Grooves. Das Album ist die Antithese zu hypnotisch-minimalistischem Steppas-Dub. Ich liebe beides, aber dürfte ich nur ein Album auf eine einsame Insel mitnehmen, es wäre „Zenzile Remixed“. Das Album kann man ein ganzes Jahr lang hören, ohne sich zu langweilen. Kaum zu glauben, dass das vielleicht beste Dub-Album des letzten Jahres (im Dezember veröffentlicht und deshalb nicht in meiner Dub Top Ten 2019!) kostenlos über odgprod.com zum Download bereit steht.

Bewertung: 5 von 5.