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Dub

Rolling Lion Studio: “House Of Dread”

Auf dem Dubmatix-Label Renegade Recordings ist soeben das Album „House Of Dread“ (Renegade) vom Rolling Lion Studio erschienen. Viel ist über das Studio nicht heraus zu bekommen, außer, dass es in London beheimatet ist und Riddims auf Bestellung produziert. Da für dieses Business wahrscheinlich nicht viel Nachfrage existiert, verbringt der Studio-Besitzer seine Zeit wohl damit, Rhythms für sich selbst zu produzieren, die er nun auf ein 12-Track-Album gepackt hat, damit ihr da draußen es kauft. Dazu will ich euch ermutigen, denn die Dubs sind durchweg solide. Der Sound lässt sich am ehesten als moderner UK-Dub beschreiben – allerdings weit entfernt von militantem Steppers-Aufmarsch oder gar House- und Techno-Einflüssen. Nichts Aufregendes also, aber bodenständiger, guter, traditioneller Dub, so wie man ihn beim Arbeiten gern im Hintergrund laufen llässt. Konzentriertes Hinhören geht auch, allerdings gibt es dabei wenig zu entdecken. Die Tracks funktionieren eher als täglich Bass-Brot – was man halt so zum überleben braucht. Oder als Trost in der Not, wenn man mal wieder vergeblich das Netz nach neuem Material durchstöbert hat. Ich möchte das „House Of Dead“ jedenfalls nicht missen.

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Dub

David Rodigan‘s Dubwize Shower

Wieder hat er zugeschlagen: Reggae-Boss-Selector David Rodigan! In letzter Zeit gibt er sich des öfteren die Ehre, seine Selections auf CD zu pressen. Nach „Real Authentic Reggae Vol. 1 & 2“, widmet er sein drittes Release auf dem BBE-Label, „David Rodigan‘s Dubwize Shower“ (BBE), ausschließlich, allein und ganz & gar dem, was uns das Liebste ist: dem Dub. Wenn der Reggae-Papst in seine Plattenbox greift, dann ist die Erwartungshaltung natürlich hoch – in meinem Falle ist sie stets so hoch, dass die Kompilation, wenn sie schließlich vorliegt, sie nie wirklich erfüllen kann. Rodigans Aufgabe ist ja auch schier unlösbar: Wie soll er aus den zehn-, wenn nicht gar hunderttausenden von Dub-Tracks, die seit der Erfindung des Genres entstanden sind, die zwanzig besten, bedeutendsten, schönsten und interessantesten aussuchen (die dann von den Rechteinhabern auch noch freigegeben werden müssen)? Sei es Überzeugung, pädagogische Ambition oder schlicht der Versuch, die Aufgabe pragmatisch anzugehen: Rodigan beschränkte sich bei seiner Auswahl auf klassischen, jamaikanischen Dub vor 1985 (von zwei Ausnahmen abgesehen). Zweifellos eine nachvollziehbare Entscheidung, denn hier liegen die Wurzeln des Genres und in dieser Zeit sind fantastische Dub-Werke entstanden – und nicht zuletzt wurden viele von uns Dubheads tatsächlich mit den Werken King Tubbys, Errol Thompsons, Augustus Pablos, Sylvian Morris u. a. sozialisiert. Aber genau hier liegt nach meiner Einschätzung auch das Problem: So wichtig und (meinetwegen) genial die in der Dubshower versammelten Produktionen auch sind – ich kenne sie in- und auswendig. Labels, die sich der Reggae-Historie verschrieben haben wie Pressure Sounds, Blood & Fire, Trojan etc., haben sie schon hunderte Male wiederveröffentlicht. Rodigan hat sich nämlich nicht den raren, ungehobenen, spannenden Dub-Schätzen zugewandt, sondern hat die großen Tunes des Genres zusammengetragen. Zweifellos das richtige Mittel, um den Dubstep-Kids die Augen zu öffnen, für uns Dub-Maniacs jedoch, die wir diese kleingedruckte Kolumne am Ende der Riddim lesen, sicherlich eher eine Schlafpille. Noch ein Wort zu den oben erwähnten Ausnahmen: Bei der ersten handelt es sich um zwei Tracks von Alborosies Album „Dub Clash“, das wir hier vor ein paar Monaten als Dub-Release der Ausgabe abgefeiert haben. Albos Rub-a-Dubs fügen sich nahtlos ins historische Material dieser Kompilation ein. Die andere Ausnahme ist eine „Joker Smoker“-Neuinterpretation vom UK-Producer und Necessarymayhem-Label-Owner Da Grynch. Hier ist überdeutlich zu hören, wie sehr sich die Welt des Dub-Sounds (obwohl „Joker Smoker“ purer Rub-a-Dub ist) seit dem Exodus des Dub aus Jamaika verändert hat. „Rodigan‘s Dubwize Shower“ ist ein wunderschönes Museum, ein klassisches Konzert, Traditionspflege. Es ist nicht der Vorstoß in unerhört Ungehörtes – wofür wir Dub eigentlich so sehr lieben.

 

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Dub

Steve Mason & Dennis Bowell: „Ghost Outside“

Für einen Menschen mit eingeschränktem musikalischen Horizont, der auf Rock so allergisch reagiert, wie dessen Freunde auf Reggae, musste ich erst einmal nachschlagen, wer Steve Mason überhaupt ist. Okay, nun weiß ich es, er ist ein schottischer Rock-Musiker mit Nähe zu Trip Hop und Folk. Hochgelobt, begeistert gefeiert und total angesagt. Wie schön, dass er mit „Ghosts Outside“ (Domino), der Dub-Version seines 2010 veröffentlichten Albums „Boys Outside“, nun die Aufmerksamkeit des Mainstream auf unser schönes, kleines, liebes Genre lenkt. Die Verantwortung für die Verdubbung legte er in die Hände von Dennis Bovell, worauf dieser Hüne von Mann erst einmal (fast) alles aus den Original-Tracks gelöscht und durch Reggae-Skank-Pianos, Reggae-Shuffle-Organs, Reggae-Rhythm-Guitars und natürlich Reggae-Basslines ersetzt hat. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Mason und Bovell stundenlang darüber verhandelt haben, wie viel von den Originalaufnahmen übrig bleiben soll. Das Ergebnis ist eindeutig ein Reggae-Dub-Album, dem aber die Herkunft aus einem fremden Genre deutlich anzuhören ist. Abgesehenen von Masons eigenwilligem und latent nervigen Falsett-Gesang, der immer mal wieder eingeblendet wird, ist der Hybrid aus Reggae und Rock ganz harmonisch gelungen. Bovell ist trotz seiner vermeindlichen Radikalkur recht gefühlvoll ans Werk gegangen und hat versucht, die eigenwillig melancholische Stimmung des Originalwerkes zu erhalten. Trip-Dub könnte man es nennen und sich ganz entfernt an Mad Professors Neuinterpretation von Massive Attacks „Protection“ erinnern lassen. Ja, das passt.

 

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Dub Reggae

Various: Invasion of the Mysteron Killer Sounds

Normalerweise wird den Backings moderner Dancehall-Produktionen wenig Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Version-Excursion-Maniacs kennen sie zwar alle, aber nur, um diverse Vokal-Versionen aneinander reihen zu können. Als Instrumentalstücke sind sie unbedeutend. In meiner Sammlung findet sich z. B. nur ein einsamer Greensleeves-Release („The Biggest Rhythms“) von 2004, der sich digitalen Dancehall-Rhythms als Instrumentalversionen widmet. Das Desinteresse an diesen Produktionen ist nicht verwunderlich, denn viele von ihnen sind kaum mehr als minimale Loops, seelenlose Stakkato-Beats, die als Instrumental nicht bestehen können. Stuart Baker von Soul Jazz Records hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, jene Produktionen zusammen zu tragen, die eigenständige musikalische Qualität besitzen und mehr sind als stupide Logic-Sequenzen. Um diese Kollektion an die britische Musikgegenwart anzudocken (und damit ihre musikhistorische Relevanz zu dokumentieren), verfiel Baker auf die Idee, den jamaikanischen Produktionen UK-Produzenten wie Harmonic 313, Diplo, Roots Manuva, South Rakkas Crew und The Bug beizumischen, also allesamt Produktionen, die (weitgehend) außerhalb des Reggae-Kosmos entstanden sind. Als Chef-Kurator verpflichtete der Soul Jazz-Manager letztgenannten, Kevin Martin, der unter dem Namen „The Bug“ unklassifizierbare Musik, irgendwo zwischen Dancehall, Dubstep und Grime, produziert. Satte 35 Tracks haben die beiden zusammen getragen und auf eine Doppel-CDs gepresst. Aus der Jamaika-Fraktion sind Produzenten wie Steely & Clevie, Lenky, Fat Eyes, Firehouse Crew, Ward 21 oder Dave Kelly vertreten. Sogar Veteranen wie King Tubby, Computer Paul oder Prince Jazzbo sind mit ihren digitalen Produktionen aus den 1980er und 90er Jahren dabei. Auf dem Papier klingt das alles ziemlich gut und man muss Soul Jazz zugestehen, hier mit viel Spürsinn ein innovatives Thema entdeckt zu haben. Doch wie klingt es tatsächlich? Tja, sagen wir mal: interessant. Es gibt zweifellos klasse Produktionen, wie „Diwali“ von Lenky oder „Sign Rhythm“ von Andre Gray, die entweder mit einer wunderbar eingängigen Melodie oder einem genial vertrackten Rhythmus überzeugen können. Es gibt aber auch allzu simple Loops, die sich kaum als „Produktionen“ bezeichnen lassen. Reine F-Musik, deren einzige Qualität darin besteht, nicht für den Einsatz in Fahrstühlen, sondern für die Dancehall produziert worden zu sein. „Dub“ im engeren Sinne ist hier das Wenigste, denn meist stammen die Rhythms von den B-Seiten der Singles und laufen ohne Dubmix stur durch. Macht Soul Jazz hier also viel Marketing-Wirbel um Bagatellmusik oder haben Baker und Martin etwas entdeckt, dessen Wert bisher unerkannt geblieben war, obwohl es allen stets vor Augen stand? Diese Frage muss leider jeder für sich selbst beantworten. Und das genau ist die eigentliche Leistung der Kompilation: sie ermöglicht es uns, dieser Frage nachzugehen, indem sie uns das Material in gebündelter Form verfügbar macht, und uns so erlaubt, genau hinzuhören und Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was stets zu Recht oder zu Unrecht in den Hintergrund verbannt war.

 

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Dub

Augustus Pablo: Message Music

Augustus Pablo ist wahrscheinlich der bekannteste Instrumentalist des Reggae. Sein Melodika-Spiel ist jedem Reggae-Freund ein Begriff und seine Roots-Produktionen aus den 1970er Jahren sind berühmt. Damals passten seine Instrumentals gut in die Zeit, denn Dub war (auch in Jamaika) eine angesagte Musik. “King Tubby Meets Rockers Uptown”: Pablo, Tubby, Melodika, Dub – in den 70ern passte das alles perfekt zusammen und traf den Geschmack der Zeit. Doch der ändert sich bekanntlich, und mit der Geburt des digitalen Reggae verabschiedete sich Mitte der 1980er Jahre das von Pablo repräsentierte Roots-Verständnis. Das Genre Dub starb in diesem Zuge in Jamaika gleich gänzlich aus. Während die Digitalisierung des Reggae dem One Drop den Garaus machte, eröffnete sie der Musik andererseits aber auch völlig neue Möglichkeiten. Genau in diesem Zwiespalt, aus Verlust des Wertgeschätzten und Gewinn des Neuen, fand sich Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre auch Augustus Pablo wieder. Zum einen stand er mit seiner Instrumentalmusik auf verlorenem Posten, andererseits boten sich seinem musikalischen Forschergeist neue Produktionsmethoden. Dieser Zusammenprall zweier grundverschiedener Musikkulturen führte bei Pablo zu einer Hybrid-Musik, in der er z. B. digitale Drums mit akustischen Percussions kombinierte, oder ein synthetischer Bass auf seine handgespielte Melodikamelodie traf. Wie sich diese, seinerzeit von Roots-Fans wie Dancehall-Jüngern gleichermaßen gering geschätzte, Musik anhörte, lässt sich nun auf dem Album “Message Music” (Pressure Sounds) erfahren, das Reggae-Historiker Pete Holdsworth ganz dem Spätwerk des Musikers und Produzenten gewidmet hat. Erstaunlich ist, dass sich Pablos digital/analoges Hybridwerk aus heutiger Sicht gar nicht so antiquiert anhört, wie man es vermuten könnte. Im Gegenteil, da Pablo sich nicht bedingungslos (wie andere Produzenten der Zeit) dem digitalen Sound verschrieben hatte, klingt seine Musik zeitlos modern. Die von Pablo-Epigone Lightman heute produzierten Instrumentals klingen da keineswegs neuer. Es ist daher beileibe keine Pflichtaufgabe, dem Spätwerk Pablos Aufmerksamkeit zu schenken, es ist, im Gegenteil, ein echtes Vergnügen. Statt historisch/akademischen Interesses, bedarf es hier lediglich Spaß an guter Dub-Musik.

 

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Dub

Earlyworm: Natty Droid

“Earlyworm” – was für ein genialer Name, oder? Hinter ihm verbirgt sich ein begnadeter Dub-Producer aus Toronto, der jüngst sein ebenso geniales Album vorgestellt hat: “Natty Droid” (Renegade). Dubmatix preist es als extraterrestrischen “Future Dub”, eine Beschreibung, die Titel und Covergestaltung zwar gerecht wird, die Erwartungshaltung aber viel zu sehr in Richtung Techno, Dubstep oder gar Dubhouse lenkt. Tatsächlich klingt der frühe Wurm durchaus klassisch, tendiert zu Heavy Duty Steppers und vermeidet weitgehend allzu elektronische Sounds. Man könnte auch sagen: Er macht vieles richtig: melodische Basslines, spannungsvolle Arrangements sowie inspirierte Mixe, zum Beispiel. Doch da ist noch mehr: spätestens beim dritten Hören wirken die Dubs wie liebgewordene Songs, jeder von ihnen hat seinen eigenen, unverwechselbaren Charakter. Hier zeigt sich, dass Dub viel mehr sein kann, als Rhythmus und Sound, nämlich auch Melodie und Harmonie. Es ist schon klasse, dass Natty Droid so eigenständige, individuelle Stücke bietet und doch stilistisch so geschlossen ist. Und das auf höchstem Niveau, denn keines der Stücke fällt gegen ein anderes ab. Jedem liegt eine starke Idee zugrunde, die bravurös umgesetzt wurde. Was soll ich sagen? Ist wirklich ein tolles Album,  definitiv mein Lieblingsalbum der letzten Wochen.

 

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Dub

Max Tannone

Vor einiger Zeit schrieb ich an dieser Stelle über das Mash Up-Projekt “Mos Dub” von Max Tannone. Hier sampelte der New Yorker “Remix Artist, Producer und DJ” diverse Reggae-Backings zu faszinierenden Instrumental-Mash-Ups, über die er die Wortakrobatik des Rappers Mos Def legte. Eine freundliche Anfrage bei Tannone führte dazu, dass nun die Instrumentals kostenlos zum Download bereit stehen. Verrückt-verdrehte, genial-fantastische Dubs – Reggae durch und durch und doch unverkennbar Werk eines Hip Hop-Artists, da sie von Breaks und der unvermittelten Kombination unterschiedlichsten Quellmaterials geprägt sind. So treffen hier The Slickers, Desmond Dekker, Scientist, Lee Perry, King Tubby, Errol Thompson und Johnny Osbourne aufeinander. Doch so gut die mit Mos Def garnierte Versionen auch sind, die Instrumentals ohne den Rap sind noch viel, viel besser – und zudem sind sie sogar noch kostenlos: www.maxtannone.com/projects/mosdub

Inzwischen hat Tannone bereits den Nachfolger zu Mos Dub produziert: “Dub Kweli”. Gleiches Prinzip, gleiche Methode, ähnliches Ergebnis: Statt Mos Def, ist es diesmal Hip Hop Artist Talib Kweli, der hier seine Raps über die Reggae Mash-Ups zum besten gibt. Das Beste aber ist, dass Tannone hier ebenfalls die Instrumentals zum Download zur Verfügung stellt, die – zumindest nach meinem Geschmack – ohne Kweli-Rap sogar doppelt so gut sind. Im Vergleich zum Mos Dub-Projekt sind die Kweli-Instrumentals allerdings weniger experimentell geraten, weniger von Breaks durchsetzt und aus weniger Quellmaterial zusammengebaut. Sie wirken folgerichtig “geschlossener” und auch irgendwie professioneller. So könnte auch ein kommerzielles Album klingen. Trotzdem ist es grandiose Musik, die hier kostenlos angeboten wird: www.maxtannone.com/projects/dubkweli

 

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Dub Dub (R)evolution

Dub Evolution, Mai 2011

Zur Zeit beeindruckt mich am meisten das neue Werk von Chris Dubflow: „Echostream“ (myspace.com/chrisdubflow). Der Schweizer spielt meine heimliche Lieblingsvariante von Dub: repetitiven, treibenden, leicht technoiden, elektronischen Dub à la Zion Train, Dreadzone, Rhythm & Sound, Rockers HiFi …. Ich bin von dem minimalistischen Groove dieser Musik besessen: Getragen von warmen Akkorden und einer tiefen, tiefen, tiefen Bassline, shuffeln und synkopieren sich die Beats durch angenehm lange Tracks und lassen die Hörer in einen meditativen Zustand versinken – bis die Musik zu purem Bewusstseinszustand wird. Sie ist nicht länger ein akustisch wahrnehmbarer „Gegenstand“. Sie löst sich vielmehr auf und wird zur reinen Gegenwart. Dies ist ein faszinierender Prozess, der übrigens ganz und gar ohne den Einfluss bewusstseinserweiternder Hilfsmittel zu erleben ist. Musik, wie die von Christ Dubflow, reicht dafür vollkommen aus. Der „Flow“ seiner Musik ist überwältigend. Vielleicht liegt es daran, dass seine Tracks keine bis ins Letzte ausgeklügelten und fein justierten Kunstwerke sind, sondern mit reduziertem Equipment in einem Take aufgenommene Rhythms, die ohne Overdubbing und Postproduction auskommen. Direkt, analog und schlicht faszinierend.

Zu Chris Dubflows „Echostream“ passt ein anderes Album ganz gut: „Boudub“ (The Studio Stereo/Download) von Otis Reading, obwohl wir es hier nicht mit dem unentrinnbaren hypnotischen (Dub)Flow zu tun haben. Der Belgier geht viel experimenteller vor, bricht den Flow ab, sobald man beginnt, sich darin wohl zu fühlen. Ein wenig erinnert mich sein neues Album an Hey-O-Hansen, obwohl Readings Sound viel technoider ist. Er lässt sich nicht leicht einordnen, zumal er sein neues Werk teils nahe am Dubstep gebaut hat – ohne jedoch den Reggae-Offbeat gegen die typischen, schlimmen Synthie-Flächen einzutauschen. „Techno“, „Dubstep“ – das klingt jetzt nach brutaler, vordergründiger Musik, doch „Boudub“ ist das Gegenteil. Die Tracks sind komplex, stecken voller Breaks, voller Tempowechsel und nicht zuletzt voller Überraschungen. Das alles wirkt trotzdem recht entspannt und lebt von dem Kontrast zu den gelegentlichen härteren Passagen. Wer also seine grauen Zellen mal wieder mit einem intellektuellen Dub-Erlebnis bespaßen will, der sollte sich auf die faszinierende Boudub-Journey einlassen, sich zurück lehnen und die Ohren spitzen.

Und da isse wieder: Die neue King Size Dub-Compilation! Gestartet in den 1990er Jahren und inzwischen bei “King Size Dub, Chapter 15” (Echo Beach) angelangt, ist es die meines Wissens dienstälteste Dub-Compilation-Reihe der Welt. Und Label-Betreiber Nikolai ist zu recht stolz auf insgesamt über 100.000 verkaufte Exemplare. Congratulations! War die Reihe in ihren jungen Tagen eher eine Bestandsaufnahme der damals turbulenten Dub-Szene der 1990er Jahre, so hat sie sich nun zu einem Echo Beach- und Collision-Label-Showcase entwickelt. Daher finden sich auf „Chapter 15“ die bekannten und hoch geschätzten Namen vom Strand des Echos: Ruts DC (als Rob Smith-Remix), Noiseshaper, Martha & The Muffins, Up, Bustle & Out, Tack>>Head, Dubblestandart, Dubmatix, Dub Spencer & Trance Hill, Umberto Echo, Jamaram u. a. Die Auswahl ist wunderbar harmonisch, entspannt und zugleich genügend abwechslungsreich. Der Dubmatix-Track “Deep Dark Dub”, der uns hier als Remix von Felix Wolter präsentiert wird (bereits eine kleine Preview auf das superbe, in Kürze erscheinende Remix-Album von Dubmatix), ist mein persönliches Highlight des Samplers, dicht gefolgt vom außerordentlich schwungvollen Track “Rootsman” aus dem Dreadzone-Headquarter sowie Aldubbs Remix “Wa Doo Dubb” – einer witzigen Version des Eek A Mouse-Klassikers im Dubstep-Style.

Und dann wäre da noch eine weitere Ausgabe der Greensleevesschen “Evolution Of Dub” (Greensleeves), die sich mit „Volume 6“ dem Werk Prince Jammys verschrieben hat. Meine anfängliche Begeisterung für das “Evolution Of Dub”-Projekt ist inzwischen allerdings einer kleinen Frustration gewichen, da die Evolution bei Greensleeves doch etwas arg auf der Stelle tritt. Was zunächst nach einer fundamentalen Aufarbeitung der Geschichte des Genres aussah, entpuppt sich zusehends mehr als Vehikel zur bloßen Wiederveröffentlichung des Label-Back-Catalogues. Natürlich ist Jammy einer der wichtigen Protagonisten des Dub, aber sind alle vier Alben “Crucial In Dub”, “Kamikazi Dub”, “Uhuruh in Dub” und “Osbourne In Dub” gleichermaßen wichtige Meilensteine des Genres?  Meines Erachtens hat nur “Kamikazi Dub” einen prominenten Platz in der Evolutionsgeschichte verdient. Das Album zeigt Jammy in Höchstform – sowohl was die Produktionen, als auch den fantastischen Mix betrifft. Der nach dem Kurosawa-Klassiker benannte Track “Throne Of Blood” gehört für mich in die Galerie der zehn größten Meisterwerke des Dub. Dieser Track rettet die ganze 4-CD-Box.

Ein Mann, der mit seinen Dub-Werken zu Recht ein wesentliches Kapitel der Dub-Evolution schreiben könnte, ist Neil Perch. Mit seinem 1991 gegründeten Dub-Projekt Zion Train erfand er Mitte der 1990er Jahre (fast!) im Alleingang (Dreadzone war ja auch noch da) Dub-House und erschloss dem Genre damit eine Hörerschaft weit jenseits von Reggae und Dub. Nun widmet ihm das Label Nascente unter dem Titel “Dub Revolutionaries: Zion Train – The Very Best Of” (Nascente) eine zwei CDs umfassende Werkschau, die von den eher traditionell orientierten Anfängen über die Dub-House-Phase bis hin zum heutigen Status als Wächter des originären UK-Dub-Sounds reicht. Das Zion Train-Oeuvre in so komprimierter Form zu hören, macht deutlich, wie unglaublich progressiv Neil Perch seinerzeit war. Im Kontrast dazu ist es fast schade, dass er bei seinen jüngeren Arbeiten zu sehr am klassischen UK-Sound kleben bleibt.

Bill Laswell ist so etwas wie der Eastcoast Godfather of Bass. Wenn in New York und Umgebung Musik jenseits des Mainstream gemacht wird – in deren Zentrum der Bass steht – dann hat Laswell mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Finger im Spiel. Im vorliegenden Fall mussten sich seine rührigen Finger allerdings auf die Knöpfe und Regler des Mischpults beschränken: David Solid Gould & Bill Laswell, “Dub Of The Passover” (Tzadik.com) ist die Dub-Version des Instrumentalalbums “Feast Of The Passover” von David Gould, das – ungewöhnlich für ein Reggae-Album – auf dem Label von John Zorn erschienen ist. “Feast Of The Passover” ist der Versuch, jüdische Festtagslieder mit Reggae zu kreuzen, was auch gar nicht so schlecht gelungen ist, da die leicht melancholischen, jüdischen Melodien ausgesprochen schön sind und gut mit den langsamen Reggae-Beats harmonieren. Doch so schön die Stücke des Originalalbums auch sind – der für US-Reggae typische, trockene und etwas hölzerne Sound ist es nicht. Und hier kommt Laswell ins Spiel und mixt aus der drögen Vorlage ein wunderbar fluffiges Dub-Album. Immer wieder faszinierend, wie sehr sich der Charakter von Musik allein mit Hilfe des Mischpults verwandeln lässt. Dabei ist Laswells Mix ganz unaufgeregt und klassisch – aber der Mann weiß um die Bedeutung des Sounds und ist in der Lage, diesen virtuos zu beherrschen. So ist “Dub The Passover” zu einem wunderschönen, entspannten Dub-Werk geworden, das vor allem durch wohlklingende Melodien und einen wunderbar warmen, harmonischen Sound besticht.

Zum Schluss seien noch kurz die “Berlin Sessions” (Irie-Ites) von Aldubb, Dubmatix und Mighty Howard erwähnt. Die drei hatten sich während der letzten Dubmatix-Tour für ein Wochenende im Berliner Studio Aldubbs eingeschlossen und drei Songs, inklusive Dub-Version produziert. Diese sind nun als EP bei Irie-Ites erschienen und beweisen, dass sich Reggae auch bei uns in jamaikanischem Tempo produzieren lässt.

 

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Dub

Various, “Dub Zealand”

Zur Zeit ist Fat Freddie’s Drop zweifellos der musikalische Exportstar Neuseelands (zumindest, was unser Genre betrifft). Aber die Insel hat noch deutlich mehr Dub zu bieten, wie der neue Sampler “Dub Zealand” (Green Queen Music) beweist, der uns vierzehn äußerst schöne Dub-Tracks präsentiert. Das Grundelement fast aller hier versammelten Stücke ist dieser merkwürdig weiche, entspannte und manchmal subtil verschroben wirkende Sound, der offensichtlich typisch für die Musik der Kiwis ist. Einige der neuseeländischen Dub-Protagonisten des Samplers sind uns übrigens  wohlbekannt: The Black Seeds, Unitone HiFi, International Observer, The Nomad und Katchafire. Andere gilt es unbedingt neu zu entdecken wie z. B. den Dub Terminator, der hier einen fantastischen Science-Fiction-Track geliefert hat, oder Jefferson Belt, dessen Drummachine und Gesangsfragmente spontan an Lee Perry denken lassen; oder Jstar & Dr. Cat, die uns beweisen, dass Qualitäts-Dubstep auch am anderen Ende der Welt angekommen ist. Ich bin jedenfalls bass erstaunt, dass Neuseelands Dub-Landschaften so reich blühen. Vielleicht gibt es eine Seelenverwandschaft zwischen den Bewohnern der “Inseln” Jamaika und Neuseeland – und natürlich England!

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Dub Sonstige

“Transnational Dubstep” vs. Forty Thieves Orkestar, “Last Band Standing”

Dubstep – der große Hype der letzten Jahre. Nach anfänglicher Begeisterung, trat bei mir schnell Ernüchterung ein: Verglichen mit Dub war Dubstep oftmals schlicht langweilig. Außerdem fehlt der Reggae-Offbeat, was die Sache ohnehin schon fragwürdig macht. Jetzt aber bin ich auf ein ausgesprochen spannenden und nach meinem Geschmack auch sehr, sehr guten Dubstep-Sampler gestoßen: “Generation Bass Presents: Transnational Dubstep” (Six Degrees). Was den hier präsentierten Dubstep so außergewöhnlich macht, ist der titelgebende “transnationale” Sound. Denn hier mischen sich der Wobble-Bass und die Percussion-Loops mit Elementen traditioneller Weltmusik, wie arabische Chants, Cumbia, Balkan-Beats, Gipsy Swing, Sufi-Music oder gar fernöstlichen Harmonien. Das Ergebnis ist eine absolut organische Verbindung von Dubstep und Weltmusik. Aus gewöhnlich eher eintönigem Dubstep wird hier ein wahres Feuerwerk aus Polyrhythmik, synkopierten Beats, fremder Melodien und schräger Instrumentierung. Kompiliert wurde der Sampler übrigens vom Betreiber des einflussreichen Dubstep-Blogs generationbass.com.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und überschreiten mit “Last Band Standing” (Enja) vom Forty Thieves Orkestar, die Grenze von Dub und Reggae in Richtung Worldmusic vollständig. Seit 1994 gibt es die bunt gemischte Combo aus London und Istanbul, die Balkan Gypsy-Beats und Bauchtanz mit starken Reggae- und Dub-Einflüssen verbindet. Blechbläser, Klarinetten, Violinen, Akkordeon und perkussive Beats werden sich hier zu einer faszinierenden Melange, bei der man stets einen Reggae-Beat durchklingen zu hören glaubt. Die Rhythmen sind wunderbar komplex und doch uneingeschränkt groovy, die Melodien eingängig und doch fremd und der Studiomix zurückhaltend und doch voller Finesse. Ich glaube, es ist nicht zu verbergen, dass ich mich in dieses Album verliebt habe – auch, wenn eine Nähe zu Dub nur mit gutem Willen attestiert werden kann. Das Album bietet aber alles, was guter Dub haben muss: gute Instrumentalmusik, interessante Beats, virtuose Studioarbeit, tolle musikalische Ideen und nicht zuletzt einen fetten Groove. Es fehlen nur die Bassdominanz und die Dubeffekte – die für Dub allerdings konstatierend sind. Tja, ich kann es drehen und wenden: Dub ist es zwar nicht – aber es ist trotzdem super!