Dubmix zur Dub Evolution November 2009

Aus der Box: Evolution of Dub, Volume 4, Natural Selection:

  • Joe Gibbs & The Professionals: Tribute To Donald aus dem Album State Of Emergency
  • Joe Gibbs & The Professionals: King Of Dub aus dem Album Majestic Dub
  • Joe Gibbs & The Professionals: Full Moon Iky aus dem Album African Dub Chapter 5
  • Sly & Robbie: Laser Eyes aus dem Album Syncopation

Internationale Observer: Popcorn Slavery aus dem Album Felt

Finn The Giant: Dub Pon Top aus dem Album Dub Pon Top

Gemmy: Grime Baby aus dem Album Steppas‘ Delight 2

Jazzsteppa: Taylor Rain aus dem Album Studio Rockers At The Controls

Download Mp3 (28 MB): dubmix_11_2009

Meine Wertung:

Dub Evolution Oktober 2009

Gute Dub-Alben kreuzen nicht selten meinen Weg. Aber Dub-Alben, die mich regelrecht begeistern, sind eher rar. Hey-O-Hansens „Sonn und Mond“ (Pingipung/Rough Trade) ist so ein Album. Das Cover hat mich zuerst an schräge Noisemucke à la Einstürzende Neubauten denken lassen, doch als die CD schließlich während des Frühstücks im Hintergrund lief, wechselten meine Freundin und ich einen verwunderten Blick, legten die Zeitung beiseite und drehten die Lautstärke hoch. Was für eine abgefahrene Musik! 100% Reggae, aber so gespielt, wie man ihn noch nicht gehört hat. Entfernt erinnert der Sound an Peter Presto (Rezension in Riddim August 2006), also an melodiöse Kompakt-Elektronik. Anders als Prestos Sound, sind die Dubs von Hey-O-Hansen aber merkwürdig vertrackt und doch ganz einfach. So als würde man Reggae auf den falschen Instrumenten spielen – das aber richtig virtuos. Dabei wirken einzelne Klangfolgen disharmonisch und fehlplatziert, nur um anschließend im Zusammenspiel wunderbar geschlossen und eingängig zu sein. So mündet z. B. ein schräges Akkordeon, das über einen warmen, pulsierenden Offbeat spielt, in ein sanft hingehauchtes Chanson, während anschließend detailreiche Lo-Fi-Spielereien die Regie übernehmen. In einem anderen Song hören wir ein schweres, träges Lee Perry-Black-Ark-Sample, das von einer Harfe begleitet wird, die schließlich einer weiblichen Stimme weicht, nur um danach wieder dem Akkordeon Platz zu machen. Jedes Stück ist eine Exkursion in eine faszinierende Sound-Landschaft, in der hinter jedem Hügel und jedem Baum eine Überraschung wartet. Die Linernotes sprechen ganz treffend von „Künstlerischer Widerborstigkeit“. Statt den Genre-Konventionen zu gehorchen, wird hier radikal mit ihnen gebrochen und damit die Tür zu einer ganz neuen Dub-Erfahrung aufgestoßen. Helmut Erler und Michael Wolf heißen die beiden kreativen Köpfe hinter Hey-O-Hansen, stammen aus Österreich, wo sie sich – laut eigener Aussage – vom Offbeat der Tiroler Volksmusik inspirieren ließen, in den 1980 Jahren in einer Rocksteady-Band spielten und Mitte der 1990er Jahre nach Berlin auswanderten. Dort frickeln sie seit nunmehr 14 Jahren im hauseigenen Studio ihre Sound-Eskapaden zusammen, die sie an unterschiedlichsten Stellen in unterschiedlichsten Formaten unter die Hörerschaft bringen. Was auf diese Weise in den Jahren seit 1995 entstanden ist, wird nun erstmals, schön sorgsam zusammengetragen und sortiert, auf einer CD veröffentlicht. Und diese CD – da bin ich mir jetzt schon sicher – wird in meinen Dub-Charts 2009 auf Platz eins landen.

Neil Perch, Mastermind von Zion Train, weist gerne darauf hin, dass sein Album „Live As One“ den Reggae-Grammy 2008 gewonnen hat. Bei genauerem Hinsehen, entpuppt sich der „Reggae-Grammy“, auf den Mr. Zion Train so stolz ist, tatsächlich als ein „Reggae Academy Award“, der in Kingston verliehen wird und nichts mit den US-Grammy-Awards zu tun hat. Trotzdem – wahrscheinlich vom Erfolg euphorisiert –, hat Neil Perch Dub-Akteure aus aller Welt um Remixes der Tracks des Albums gebeten, die nun, auf einer CD versammelt, als Zion Train, „Live As One Remixed“ (Universal Egg) erschienen sind. Die 15 Dubs stammen u. a. aus Italien, den Niederlanden, Brasilien, Frankreich, Kroatien, Griechenland, Polen, Mexiko und natürlich aus England (allerdings kein einziger Mix aus Deutschland!). Die bekanntesten Namen sind Rob Smith, Vibronics, Brain Damage und Weeding Dub. Einige Tracks sind gleich mehrfach vertreten („Boxes And Amps“ gleich vier mal), was es erlaubt, die Mixes miteinander zu vergleichen und damit dem Wesenskern von Dub nachzuspüren. Allerdings bleiben die Remixes dem Tenor des Originals allzu treu. Lediglich De Niro liefert einen wuchtigen Dubstep-Mix von „What A Situation“ ab und Dub Terror verwandelt „Boxes And Amps“ in einen schön nostalgisch anmutenden Jungle-Track.

Ebenfalls aus dem Hause Universal Egg stammt das Album „Dub Terror“ (Universal Egg) von: Dub Terror. Ich muss zugeben, dass die CD schon zwei, drei Monate bei mir herum liegt – was eine gewisse Aussagekraft hat. Mir fällt zu dem in Warschau produzierten Album nicht allzu viel ein. Die Tracks folgen dem klassischen UK-Dub-Schema und flirten gelegentlich mit Dubstep – gewinnen diesem Genre aber keine neuen Perspektiven ab. Eigentlich stimmen die Zutaten, wie gut ausgesuchte Samples, sauberer Sound und sechs gute Gast-Vokalisten, aber das Ergebnis ist nicht wirklich spannend. Es fehlt einfach an guten Kompositionen (wenn man bei Dub überhaupt davon sprechen will).

Aber noch mal zurück zum Thema „Remix“. 1982 nahmen die Punkrocker Ruts CD im damals frisch gegründeten Ariwa Studio von Mad Professor ihr Album „Rhtyhm Collision“ auf, das Punkrock mit Reggae und etwas Funk vermischte. Das Album erhielt nie viel Aufmerksamkeit, wurde jedoch eine Underground-Ikone, die sich bis heute, einschließlich aller Neupressungen und Re-Issues, rund 100.000 mal verkaufte. 2002 nahm sich Neil Perch von Zion Train des Albums an und produzierte ein Dub-Remix des Sets. Heute, wieder einige Jahre später, ist die dritte Generation am Werk: Dekonstruiert, rekonstruiert, frisiert, aufgemöbelt und ausgedubbt von den Bassjüngern dieser Tage, erscheint das Album unter Ruts DC, „Rhythm Collision Re>loaded“ (Echo Beach) jetzt ein weiteres Mal. Fünf der dreizehn Tracks remixte Rob Smith (den wir von Smith & Mighty und den More Rockers kennen), Dreadzone nahm sich zweier Stücke an, ebenso die Kölner Elektronik-Tüftler von Salz und Steve Dub (der Programmierer der Chemical Brothers). Alle Mitmischer am großen Ruts DC-Relaunch gingen den Weg, den African Headcharge einst den „Path Of Respect“ nannte und erhielten weitgehend die Identität des Originals. Obwohl wir es unverkennbar mit Reggae-Dub zu tun haben, bleibt der Sound von Punkrock allgegenwärtig und auch die Stimmen der Ruts stechen immer wieder crisp aus dem Meer an Bass hervor. Eine eigenwillige Mischung von Stilen, die in dieser Form aber perfekt funktioniert.

Unglaubliche 20 Jahre nach dem Album „Dubvision“ schickt der Dubvisionist Felix Wolter unter dem Titel „Dubvision II“ (Perkussion & Elektronik) ein Nachfolgealbum in die Welt hinaus. Versammelt hat er hier „wohlklingende Tracks von Freunden“, die mit ihm im Staccato- und im Time Tools-Studio ihre Aufnahmen machten. Zu diesen Freunden gehören neben The Vision und der Herbman Band auch Gentleman, Tamika & Mamadee und die Far East Band. Vielleicht ist es das Alter, vielleicht auch die Jahrzehnte lange Erfahrung, Felix Wolter entschied sich jedenfalls für ausgesucht relaxte, melodiöse und wunderbar klassisch gespielte Tracks und hat sie in ebenso „wohlklingende“ Dubs verwandelt, zu denen man angenehm grooven kann, die sich aber auch aufmerksam anhören lassen und dann tausende kleine Spielereien und nette Ideen offenbaren. So beginnt z. B. das erste Stück „Andrés Dub“ mit einem schönen, melodiösen Bläsersatz, um dann nach zwei Strophen „in den Mix“ zu gehen, wo sich sanft virtuose Percussions in den Vordergrund spielen, die dann von einer netten Gitarrenmelodie abgelöst werden. Alles ganz selbstverständlich, logisch, folgerichtig. Natürlich hören wir hier keine musikalische Revolution oder Cutting Edge-Dubs an vorderster Front von Dubstep und Elektronik. Wir hören hier „nur“ richtig gutes Handwerk, Sounds mit Seele und Dubs mit Wärme. Und es ist so unglaublich wohltuend, einfach gute Musik zu hören und nicht progressiv und open minded sein zu müssen. Ich wünsche mir jedenfalls ausdrücklich mehr Dub-Works von Felix!

Jetzt kommt auch etwas sehr schönes – und zwar aus der Revival-Selection: King Tubby & The Clancy Eccles All Stars, „Sound System International Dub LP“ (Pressure Sounds). Dieses von Clancy Eccles produzierte Dub-Set ist so unglaublich obskur, dass niemand, „wirklich NIEMAND“ – wie das Presseinfo betont – jemals davon gehört hatte. Als Anfang 2009 eine alte Vinylkopie auftauchte, gerieten die Pressure-Sounds-Geeks völlig aus dem Häuschen, forschten, remasterten und rereleasen die LP nun im Original-Cover mit bisher ungesehenen Fotos von King Tubby (die CD enthält zudem fünf Bonus Tracks). Das Album dokumentiert Eccles damaligen Vorstoß in das Dub-Genre, wozu er zehn von den Dynamics eingespielten Tracks aus den frühen 1970er Jahren von King Tubby remixen ließ. Tubby mixte die Aufnahmen sparsam und transparent, entkleidete sie bis auf Drum & Bass und verzichtete nahezu vollständig auf Vocals. Früher Tubby-Style at it‘s best!

Dass Dub ein inzwischen wahrlich internationaler Stil ist, zeigt sich einmal mehr an dem Album „Like River To Ocean“ (Amaru Music) das von dem irischen Musikerduo Avatar eingespielt wurde und dessen Cover eine japanische Kalligraphie ziert. Hinter Avatar verbergen sich die beiden Instrumentalisten James Kennedy und Tony O‘Flaherty. Beide im Südwesten Irlands geboren und aufgewachsen, lassen sie sich nach eigener Aussage von der Irischen Landschaft, ihrer Schönheit und Einsamkeit inspirieren. Das klare Wasser, die frische Luft und die stoischen Berge bilden eine natürliche Harmonie, in der sich sitzen, kontemplieren und über Dub nachdenken lässt. Daher wundert es nicht, dass Ambient-Sounds wie Wellenrauschen immer wieder in den sehr entspannten Stücken auftaucht. Vor allem sind es die weichen Sounds der Blechbläser, die den Dub der beiden Iren prägt. Aber es gibt auch zwei Stücke, die befremden: „Joyfull Dub“ klingt so, als stamme das Schlagzeug aus dem Rhythmus-Repertoire einer Hammond-Orgel und „Kingdom I Dub“ – eigentlich ein nettes Stück – wird von Lobpreisungen Haile Selassies begleitet. Der Zusammenhang zur irischen Landschaft will sich mir hier nicht erschließen.

Abschließend geben wir uns jetzt noch eine richtige UK-Steppers-Dröhnung – auch wenn die Mucke aus Frankreich kommt: „World Wide Dub“ (Control Tower) von The Dub Machinist. Viel ist nicht von dem Herrn Dub-Maschinisten bekannt – aber eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Er nimmt seinen Namen ernst. Wie von einem großen, dampfgetriebenen Maschinenkoloss bewegt, stampfen seine Dubs durch Raum und Zeit und lassen Boden und Wände vibrieren. Brutal und minimalistisch. Nichts, aber auch gar nichts an diesen Dubs ist neu oder innovativ – und Ideen gibt es nur eine: Wumms! Aber die vollkommene Konsequenz, mit der diese Idee zu Ende gedacht wird, macht das Album zu einem Erlebnis. In Anlehnung an Heavy Metal lässt sich hier ohne Einschränkungen von puren „Heavy Dub“ sprechen. So etwas braucht man von Zeit zu Zeit, um sich das Trommelfell massieren zu lassen. Ah, das tut gut!

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution Oktober 2009

Hey-O-Hansen: Sonn und Mond aus dem Album Sonn und Mond (Pingipung)

Zion Train: Boxes and Amps – Vibronics Remix aus dem Album Live As One Remixed (Universal Egg)

Dub Terror: 31st Century aus dem Album Dub Terror (Universal Egg)

Salz: Accusation Vs. Rhythm Collision aus dem Album Rhythm Collision Re>loaded (Echo Beach)

The Vision: Mental Healing Dub aus dem Album Dubvision II (Perkussion & Elektronik)

The Dynamites: Dub Star aus dem Album King Tubby & The Clancy Eccles All Stars, Sound System International Dub LP (Pressure Sounds)

Avatar: Sunrise Dub aus dem Album Like River To Ocean (Amaru Music)

The Dub Machinist: Kikkoman Dub aus dem Album World Wide Dub (Control Tower)

Download Mp3 (36MB): dubmix_10_2009

Meine Wertung:

Dub Evolution, August 2009

Greensleeves hat sich vom Darwin-Jahr 2009 inspirieren lassen und begeht Charles Darwins zweihundertsten Geburtstag mit den Evolution Of Dub-Boxsets (Greensleeves/Groove Attack). Wobei zur Zeit widersprüchliche Informationen darüber kursieren, ob nun vier oder sieben Boxen geplant sind. Tatsache ist jedenfalls, dass mir drei Boxen vorliegen: Vol. 1 – The Origin Of The Species, Vol. 2 – The Great Leap Forward und Vol. 3: The Descent Of Version. Jede dieser Boxen enthält vier klassische Dub-Alben im Reprint des Original-Covers. Damit hat Greensleeves es sich ziemlich leicht gemacht, denn statt die Evolution anhand wichtiger Stücke nachzuzeichnen – was eine gewaltige Recherche- und Lizensierungsarbeit gewesen wäre – beschränkte man sich auf die Wiederveröffentlichung einiger Alben. Dummer Weise muss die Evolution aber ohne Epoche machende Werke von z. B. Lee Perry, Yabby You, Augustus Pablo oder Glen Brown auskommen, was den durch den Titel der Serie erhobenen Anspruch recht fragwürdig erscheinen lässt. Daher ist es sinnvoller, die Serie als eine Sammlung schöner, klassischer Dub-Alben der 1970er (vielleicht später auch der 1980er?) zu verstehen und sich über die Evolutionstheorie á la Greensleeves nicht den Kopf zu zerbrechen.

Evolution of Dub, Vol. 1

Schauen wir uns die vorliegenden Boxen doch eimal genauer an. Vol. 1. beginnt mit einer kleinen Sensation, nämlich einem ultra-raren Werk, das zugleich eines der ersten Dub-Alben überhaupt war: „Dub Serial“. Joe Gibbs veröffentlichte es im Jahr 1972 in einer minimalen Auflage und verkaufte es für 50 Dollar pro Stück (ein „normales“ Album kostete zu jener Zeit rund 4 Dollar) vornehmlich an Sound System-DJs. Die wohlhabenen Hörer bekamen darauf eine Menge bekannter Rhythms wie „Satta A Massa Gana“, „Joe-Frazier“, „Money in My Pocket“ oder „Rainy Night in Georgia“  zu hören, spartanisch gemixt und mit langen Drum & Bass-Passagen. Die anderen drei Alben der Box wurden vom damals noch jungen König des Dub, King Tubby, gemixt: „“Dub From The Roots“, „The Roots Of Dub“ und „Dubbing With The Observer“. „Dub From The Roots“ und „The Roots Of Dub“ waren die ersten beiden LPs, auf denen King Tubby als Artist genannt wurde. Mit prominent auf dem Cover platzierten Schwarzweißaufnahmen von Tubby am Mischpult, begründeten sie den Ruhm des Soundtüftlers. Tubby remixt auf beiden Alben den typischen Bunny Lee-Mid-70ies „Flying Cymbals-Sound“, dass es eine Freude ist. Vor allem im Kontrast zu dem zwei Jahre älteren „Dub Serial“ zeigt sich Tubbys  Mixing-Talent in voller Größe. Das 4. Album, „Dubbing With The Observer“, stammt natürlich aus der Feder von Winston „Niney“ Holness und featurt einige seiner klassischen Dennis Brown-Rhythms wie „Cassandra“, „No More Will I Roam“ und „I Am The Conqueror“. Auch hier sorgte King Tubby für pure Dub-Magie. Niney lizensierte das frisch gemixte Dub-Album stante pede nach England und verkaufte nur zwei Jahre nach der Erfindung von Dub-Alben bereits beachtliche Stückzahlen. Dub war Overseas angekommen.

Evolution Of Dub, Vol. 2

Box Nr. 2 beginnt mit dem Album „Bunny Lee & King Tubby Present Tommy McCook And The Aggrovators – Brass Rockers“ und präsentiert das, was später „Instrudubs“ genannt werden sollte: Dubs mit Overdubs. Bunny Lee lieferte Rhythm Tracks, wie „A Love I Can Feel“, „Dance In A Greenwich Farm“ oder „Dance With Me“, Tubby mixte Dubs daraus und Tommy McCook improvisierte anschließend seine Saxophon-Soli darüber. Hier zeigt sich ein weiteres Mal, wie unschlagbar ökonomisch der Reggae funktionierte – und welche Innovationen diese Ökonomie hervor brachte. Während „Brass Rockers“ ein Experiment war, dessen Erfolg nicht zu kalkulieren war, zielte das zweite Album der Box, „ The Aggrovators – Rasta Dub 76“,  auf den Markt der immer größer werdenden Dub-Fangemeinde, die in Scharen die Plattenläden stürmte und stets die B-Seite einer Singe vor der A-Seite hören wollte. Tubbys Name auf dem Label verkaufte die Platten. In diesem Fall jedoch, zeichnete Tubbys Mixing-Lehrling Phillip Smart für die Dubs verantwortlich. Während Smart, Prince Jammy und später auch Scientist die Dubs mixten, konnte Tubby sich wieder den lukrativeren Tätigkeiten widmen, nämlich Fernseher und Radios reparieren. Inzwischen war die Dub-Evolution im Jahre 1977 angelangt und Bunny Lee (eigentlich sollte die Serie besser „The Evolution of Bunny Lee heißen“) mietete das Channel One Studio um dort „ Aggrovators Meets The Revolutionaries At Channel One Studio“ aufzunehmen. Ein überaus populäres Dub-Album mit kraftvollen, teils von Sly Dunbar gespielten Rhythms im überragenden Sound des Hookimschen Studios. Doch die eigentliche Attraktion des Albums ist die fantastische Horn-Section, die mit ihren Jazz-Improvisationen und Melodie-Fragmenten virtuos alle Stücke garnierte. Mit dem letzten Album dieser Box kommt noch einmal Niney zum Zuge: „Sledgehammer Dub“. Mitte der 1970er Jahre erschien jede Single mit einer Dub-B-Seite. Es dauerte nicht lang, bis dieses Prinzip auch auf Alben angewendet wurde, und so veröffentlichte Niney 1977 mit „Sledgehammer Dub“ das Dub-Counterpart zu Dennis Browns „Deep Down“-LP. Da Niney nur rund 400 Pressungen nach England schickte, die zudem in einem unbedruckten Cover ohne Tracklisting verkauft wurden, zählte „Sledgehammer Dub“ in Auktionen zu den höchst gehandelten Dub-Werken. Nun ist das rare Werk leicht zugänglich – auch ein Resultat der Evolution.

Evolution Of Dub, Vol. 3

Werfen wir noch einen Blick auf die bislang letzte, dritte CD-Box. In ihr stecken wohl bekannte Dub-Alben, die wahrscheinlich jeder Dub-Freund bereits als Viny-LP im Plattenregal stehen hat: 1. „The Revolutionaries: Negrea Love Dub“, 2. „The Revolutionaries: Green Bay Dub“, 3. „The Revolutionaries: Outlaw Dub“, 4. „The Revolutionaries: Goldmine Dub“. Es ist unübersehbar, das gegen Ende der 1970er Jahre die Revolutionaries und mit ihnen das Channel One-Studio die führenden Instanzen im Reggae-Business waren. Und es ist sehr wohltuend, dass die Evolution neben Bunny Lee auch andere Produzenten hervor gebracht hat. Zum Beispiel Linval Thompson, der die ersten drei Alben dieser Box produziert hat und dessen Vocals immer wieder zwischen den Beats hervorblitzen. Der wahre Star dieser Alben ist jedoch Sly Dunbar, der hier seinen „Dubble Drum-Sound“ im Perfektion vorexerzieren kann. Es war die Zeit, in der die Rhythms langsamer wurden und mehr „Luft“ bekamen. Eigentlich begannen damit ideale Bedingungen für Dub, doch in Jamaika sank der Stern dieses Genres bereits. Nicht so jedoch in England, wo Dub ungebrochen populär blieb. Es war eine Vorahnung des aktuellen Zustands, in dem Dub eine globale, jedoch gänzlich un-jamaikanische Musikform ist. Das vierte Album im Set, „Goldmine Dub“,  stammt von 1979, wurde von Jah Lloyd produziert und von Prince Jammy gemixt. Es ist sowohl vom Mix, vom Sound sowie wie von Sly Dunbars Spiel schlicht superb. Stilistisch war der jamaikanische Dub hier auf dem Höhepunkt. Das damals junge Label Greensleeves lizensierte „Goldmine Dub“ und brachte es als eine der ersten Greensleeves-Veröffentlichungen in die Plattenläden. Aber das ist eine andere Entwicklungsgeschichte …

Pleasure Dub

Ein Album, das ebenfalls gut in die „Evolution Of Dub“ gepasst hätte ist „Pleasure Dub“ von Tommy McCook & The Supersonics (Pressure Sounds/Groove Attack), denn die Dubs, die hier zu hören sind, stammen aus dem Treasure Isle-Studio – dem Ort also, an dem Dub erfunden wurde. Bunny Lee beschreibt den historischen Moment so: „Tubby und ich trafen uns oben in Duke Reids Studio, wo der Sound-Man Ruddy Redwood und der Haus-Engineer Byron „Smithy“ Smith Dub Plates aufnahmen. Bei einem Stück vergaß Smithy rechtzeitig die Gesangsspur anzuschalten, weil er durch eine Unterhaltung mit Tubby und mir abgelenkt war. Als er den Fehler bemerkte und die Aufnahme stoppen wollte, sagte Ruddy nur: „No, make it run“. Tags drauf spielte Ruddy den Song im Sound System und legte anschließend das „missratene“ Dub Plate auf. Die Leute waren begeistert und sangen den Song zu dem bloßen Rhythm Track. Ruddy musste die Platte fünf oder zehn Mal auflegen. Es war ein Riesenerfolg.“ Evolutionstechnisch war dies der Moment, der belebte von toter Materie schied – oder aber der Urknall des Dub, je nach Sichtweise. Auf jeden Fall aber ein Moment, der in der Dub-Evolution nicht fehlen darf, auch, wenn es sich bei diesen frühen Dub Plates lediglich um „Versions“, also um unbearbeitete Rhythm Tracks handelte. Nach dem Tod von Treasure Isle-Boss Duke Reid übernahm dessen Neffe Errol Brown die Kontrolle am Mischpult und mixte aus den alten Aufnahmen der 1960er Jahre drei echte Dub-Alben: „Treasure Dub Vol. 1“ und „Vol. 2“ und „Pleasure Dub“. Während erstere vielfach rereleased wurden, harrte das vielleicht beste Album von den dreien, „Pleasure Dub“, geduldig seiner Wiederentdeckung. Nun liegt es vor, soundtechnisch bearbeitet und um sechs Bonus-Tracks erweitert. Von „Dub“ ist auf dem Album allerdings nicht allzu viel zu vernehmen, wofür man aber insgeheim dankbar ist, denn ein richtiger Dub Mix würde ja bedeuten, auf die wunderschönen Arrangements der Rhtyhm Tracks verzichten zu müssen, die grandiosen Bläser- oder Orgelmelodien zu verpassen oder den typischen, warmen, volltönenden Treasure Isle-Sound nur in Fragmenten zu hören. Zum Glück – kann man da nur sagen – fand der Dub-Urknall auf Vierspur-Tonbändern statt!

Noiseshaper: Satelite City

Von den Anfängen des Dub machen wir jetzt einen Riesenschritt in die Gegenwart, wo Noiseshaper mit dem neuen Album „Satellite City“ (Cat‘n Roof/Groove Attack) den aktuellen Status Quo des Genres beschreibt. Und dieser liegt bereits jenseits der engen Grenzen des Reggae. Doch das Herz des Dub – der deepe Groove, warme Sound und melodiöse Bass – schlägt noch immer am rechten Fleck, weshalb sich auf Satellite City Genres wie Soul, Deephouse, Elektronic und Reggae organisch und selbstverständlich zu einem großen Ganzen vereinen: zu Dub 2009! Die zehn frischen Tracks von Axel Hirn und Flo Fleischman klingen mal nach On U-Sound, mal nach Dubhouse á la Rhythm & Sound, mal nach Leftfield und meist nach Different Drummer – und sie haben stets einen lässigen Pop-Appeal, der nicht unwesentlich von den engagierten Gast-Vokalisten wie Juggla, Jackie Deane oder Wayne Martin eingebracht wird. Ich liebe Noiseshaper ja vor allem für ihre deepen Shuffle-Beats, wie er z. B. auf dem Song „Sod‘s Law“ erklingt. Hier wird er kongenial von weichen weiblichen Soul-Vocals komplementiert. Dub kann so viel sein. Er hat sich im Laufe seiner Evolution weniger zu einem spezifischen Musikstil in einer ökonomischen Nische entwickelt, als viel mehr zu einem universellem Prinzip, das eine Vielzahl musikalischer Genres durchwirkt.

Fat Freddy's Drop

Diese These lässt sich auch sehr schön am neuen Album „Dr. Boondigga & The Big BW“ (The Drop/Roughtrade) von Fat Freddy‘s Drop nachweisen. Nachdem die Freddys ihr Debutalbum „Based On A True Story“ 2005 mit Vehemenz aus dem fernen Neuseeland in das Wahrnehmungsfeld hiesiger Dub Enthusiasten schleuderten und damit einen beispiellosen kommerziellen Erfolg erzielten, folgt nun das mit hohen Erwartungen bedachte Nachfolgewerk. Doch die Neuseeländer entzogen sich dem fast vierjährigen Erwartungsdruck ganz einfach dadurch, das sie das taten, wofür Dub (laut Axel Hirn von Noiseshaper) eigentlich steht: Sie durchbrachen die Konventionen und liefern nun folgerichtig ein Album, das enttäuscht, überrascht, begeistert. Sie selbst bezeichnen ihre Musik als „Beat Reduction & Sonic Finetuning“ und lassen sie stilistisch zwischen Blues, Elektronik, Reggae und Funk changieren. Wäre da nicht das latent wirkende Dub-Prinzip, das die sehr unterschiedlichen Tracks zusammen hält, dann hätten wir hier eine reichlich disparate Kompilation. So aber – und gerade auch durch die ausgeklügelte Dramaturgie der Songabfolge – entsteht ein hoch interessantes, anspruchsvolles und beseeltes Album, das letztlich vielleicht doch eine logische Weiterentwicklung von „Based On A True Story“ ist.

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution August 2009

Tracklist:

Joe Gibbs & The Professionals: Love Me Girl Version aus dem Album Dub Serial/Evolution Of Dub Vol. 1 (Greensleeves/Groove Attack)

King Tubby: Mine Field aus dem Album Dub From The Roots/Evolution Of Dub Vol. 1 (Greensleeves/Groove Attack)

King Tubby: Stepping Dub aus dem Album Roots Of Dub/Evolution Of Dub Vol. 1 (Greensleeves/Groove Attack)

Observer All Stars And King Tubby: Casanova Dub aus dem Album Dubbing With The Observer/Evolution Of Dub Vol. 1 (Greensleeves/Groove Attack)

Tommy McCook And The Aggrovators: A Version I Can Feel With Love aus dem Album Brass Rockers/Evolution Of Dub Vol. 2 (Greensleeves/Groove Attack)

The Aggrovators: Two Face Rasta Dub aus dem Album Rasta Dub ’76/Evolution Of Dub Vol. 2 (Greensleeves/Groove Attack)

Aggrovators Meets The Revolutioners: The Dark Destroyer aus dem Album At Channel One Studios/Evolution Of Dub Vol. 2 (Greensleeves/Groove Attack)

Niney: Tribulation Version aus dem Album Sledgehammer Dub/Evolution Of Dub Vol. 2 (Greensleeves/Groove Attack)

The Revolutionaries: Rock Me In Dub aus dem Album Negrea Love Dub/Evolution Of Dub Vol. 3 (Greensleeves/Groove Attack)

The Revolutionaries: Survival Dub aus dem Album Green Bay Dub/Evolution Of Dub Vol. 3 (Greensleeves/Groove Attack)

The Revolutionaries: Fisherman Style aus dem Album Outlaw Dub/Evolution Of Dub Vol. 3 (Greensleeves/Groove Attack)

The Revolutionaries: Calico Jack aus dem Album Gold Mine Dub/Evolution Of Dub Vol. 3 (Greensleeves/Groove Attack)

Tommy McCook & The Supersonics: Rema Skank aus dem Album Pleasure Dub (Pressure Sounds/Groove Attack)

Noiseshaper: Big Shot aus dem Album Satelite City (Cat‘n Roof/Groove Attack)

Fat Freddy’s Drop: Wild Wild aus dem Album Dr. Boondigga & The Big BW (The Drop/Roughtrade)

Download mp3 (47 MB): dubmix_8_2009

Meine Wertung:

Dub Evolution Juni 2009


Mit höchsten Erwartungen sah ich dem Dub-Dokumentarfilm von Bruno Natal entgegen. Mit zu hohen Erwartungen, wie es scheint, denn statt die Musik, ihre faszinierende Art der Produktion und Aufführung zu portraitieren, erging sich der Film in der Aneinanderreihung oft nicht allzu substantieller Interviews. Vielleicht war das der Grund für Souljazz‘ Entscheidung, dem Film eine CD gleichen Titels zu widmen – die allerdings nicht im Bundle mit dem Film vertrieben wird, sondern extra gekauft werden muss. Ein Kauf, der sich durchaus lohnt, da die CD „Dub Echoes“ (Soul Jazz/Indigo) keineswegs den „Soundtrack“ der Doku enthält, sondern eine gänzlich eigenständige und zudem äußerst kompetente und geschmackssichere Zusammenstellung von Dubs aus der langen Geschichte des Genres. Das Spektrum erstreckt sich von Lee Perry-Produktionen über King Tubby-Mixen zu Sly & Robbie, Rhythm & Sound bis hin zu aktuellen Dubstep-Tracks von Kode9 oder Harmonic 313. Und wie es bereits die Dynamite-Kompilationen zeigen, hält man bei Souljazz nichts von Chronologie. Weshalb der C64-Sound von Disrupt hier nahtlos auf das Dub Syndicate mit Bim Shermans einschmeichelnder Stimme prallt, nur um danach von einem Dubstep-Wumms hinweggefegt zu werden, der schließlich von einem nicht weniger kraftvollen King-Tubby-Dub kontrastiert wird. Orthodoxe Musikhistoriker werden bei diesem Durcheinander Ausschlag bekommen. Einen Vollrausch hingegen dürften Musikhedonisten erleben, denn die ungewöhnliche Mischung der Tracks ergibt eine faszinierend ganzheitliche Dub-Experience, in der die spezifischen Eigenheiten und zugleich die Universalität von Dub ganz und gar evident vor Augen treten. Eine sinnliche Einsicht, die nur von dem Werk selbst und nicht durch eine sachliche Dokumentation geleistet werden kann. Vielleicht hatte der Film daher nie eine Chance, sein Thema in den Griff zu bekommen. Die CD schafft es hingegen mit traumwandlerischer Sicherheit. Ich würde mir eine ganze Kompilationsreihe nach diesem Muster wünschen. Und überhaupt: Eigentlich ist es doch mal wieder an der Zeit für Dub-Compilations – Dubstep sei Dank!

Wo wir gerade von Dubstep reden. Die Doppel-CD „I Love Dubstep“ (Rinse/Groove Attack) ist mit einem Jahr Verspätung auch in Deutschland gelandet. Rinse bürgt nach Compilations von Skream und Plastician für ausgesuchte Dubstep-Qualität. Mit „I Love Dubstep“ hat das Pirate-Radio nun eine Sammlung des Best Of der letzten 5 Jahre des jungen Genres versammelt. Die 23 Tracks der Disc 1 wurden vom vielleicht meist beschäftigten Compilation-Mixer Youngsta zusammengestellt und präsentieren das Who Is Who des Dubstep: Skream, Caspa, Loefah, Skream, Benga, Distance und – hatte ich ihn schon erwähnt: Skream. Wobble-Bass-Tracks haben hier die Oberhand, schön technoid und minimalistisch. Der Disc 2 hat sich hingegen Geeneus angenommen und führt uns eher zur dunklen Seite des Dubstep. Bezeichnenderweise beginnt er seine Kollektion mit Shackleton und beendet sie mit Burial. Dazwischen versammelt er Digital Mystikz, The Bug, Fat Freddy‘s Drop (die man hier eher nicht erwartet hätte) und natürlich Skream. Wer dein Einstig in Dubstep wagen möchte, ist mit den 45 Tracks bestens bedient.

Weiter geht‘s mit dem zweiten Dubstep-CD-Release des Monats: Caspa, „Everybody‘s Talking – Nobody‘s Listening“ (Sub Soldiers/Rough Trade). Gleich beim Intro wurde es mir so richtig warm ums Herz: Die Stimme des guten alten David Rodigan, der hier zu einem Lobgesang auf Caspa anhebt, hatte ich schon lange nicht mehr im Radio gehört. Die 12 Tracks, die dann folgen, haben mit Reggae allerdings nichts zu tun. Dafür umso mehr mit einem Großraumdisco-Rave. Verglichen mit den Produktionen auf „I Love Dubstep“ sind Caspas Dubs häufig gnadenlos überproduziert, pendeln zwischen Techno und Pop und nerven nicht selten durch ausufernde Grime-Raps und Voiceovers (wie passend bei dem Albumtitel). Es gibt aber auch reduziertere – und dafür umso schlagkräftigere – Tracks wie z. B. „Terminator“, der ganz von einem bestialisch brutalen Wobble-Bass dominiert wird, oder „I Beat My Robot“ – mechanisch kalt, rücksichtslos und böse.

Da wünscht man sich die warmen Beats des klassischen Reggae-Dubs zurück. Und wer liefert sie uns? Natürlich wieder unser heimatliches Lieblingslabel Echo Beach. Dieses Mal wird ein extraterrestrisches Dub-Artefakt präsentiert: Dubblestandart, Lee Scratch Perry & Ari Up, „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack). Zurück vom Planeten Dub, packen die vier Wiener Jungs von Dubblestandart aus, was sie uns von dort mitgebracht haben: Fundstücke, Trophäen und die akustischen Aufzeichnungen zweier Aliens mit den Namen Lee „Scratch“ Perry und Ari Up. Okay, Alien Nr. 1 hat eine abschreckende Wirkung, ich weiß! Perrys Gebrabbel ist in der Tat kaum erträglich. Aber die Dubblestandarts haben seinen Redeschwall wohltuend auf einen Bruchteil beschnitten, so dass seine Songs eher Dubs mit eingesampelten Vocals ähneln. Nur beim „Fungus Rock“ darf Perry nach Belieben über Pilzerkrankungen der Vagina fabulieren – diesen abgefahrenen Text zu kürzen, brachte wohl niemand übers Herz. „Fungus Rock“ ist aber aus einem weiteren Grund interessant, denn hier experimentieren die Wiener Dubheads ganz virtuos mit Dubstep. Überhaupt muss man konstatieren, dass die Dubblestandarts wahrlich auf der Höhe der Zeit sind. Jeder Song steckt voller guter Ideen, der Mix ist spannend, die Basslines swingen und der Sound ist überwältigend. Und damit sich diese Virtuosität auch richtig auskosten lässt, bietet CD 2 des Doppelalbums alle Tracks noch einmal als Dub-Versions – was nach einer absurden Idee klingt, da jedes Stück auf CD 1 ja schon ein Dub ist. Egal, ich würde auch noch eine dritte CD mit Remixen der Remixe begeistert anhören. Zumal es hier von unsterblichen Melodien nur so wimmelt. So gibt es sehr, sehr coole Neuinterpretationen von „Chase The Devil“ und „Blackboard Jungle“ – warum ist bei Lee Perry als Studiogast sonst noch niemand auf diese grandiose Idee gekommen? Mein persönlicher Favorit ist jedoch die Jean-Michel Jarre-Hommage „Oxygen pt. 4“ mit Regisseur David Lynch am Mikrophon. Da kann man nur sagen: Welcome back! Wir sind froh, dass ihr wieder da seid!

Nicht vom Planeten Dub sondern aus dem schönen Norditalien erreichte mich das neue Album der R. B. Stylers, „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import). In bester Old School-Manier präsentiert es 12 Tracks als Showcase, also je ein Song gefolgt von seinem Dub-Mix. Handgespielte, wuchtige Rhythms prägen den Sound, der irgendwo zwischen Zion Train und Draedzone liegt. Besonders erwähnenswert sind die melodiösen und zugleich kraftvollen Songs von Sängerin Michela Grena, die einerseits einen schönen Komplementär zu den Rhythms bildeen, andererseits aber – wie auf Startsong „Let The Shine“ gut zu hören – in perfektem Einklang mit der Musik stehen. Nahtlos gehen die Vokalversionen in den Dub-Mix über, so dass ein Stück fast 8 Minuten dauert. Das Beste an dem Album ist aber, das es – kaum zu glauben – kostenlos (und legal) auf der Homepage der B. R. Stylers (www.brstylers.com) heruntergeladen werden kann.

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution Juni 2009

Tracklist:

King Tubby & The Aggrovators: „Ruffer Version“ aus dem Album “Dub Echoes” (Soul Jazz/Indigo)
Dubblestandart: „Blackboard Jungle Dub (Featuring Lee „Scratch“ Perry)“ aus dem Album „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack)
Skream: „Dutch Flowerz“ aus dem Album „I Love Dubstep“ (Rinse/Groove Attack)
Caspa: „I Beat My Robot“ aus dem Album „Everybody‘s Talking – Nobody‘s Listening“ (Sub Soldiers/Rough Trade)
B. R. Stylers: „Let Them Shine“ aus dem Album „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import)
B. R. Stylers: „Let Them Shine Dub“ aus dem Album „Indubstria“ (Alambic Conspiracy/Import)
Dubblestandart: „Chrome Optimism – Oxygen Pt.4 Dub (Featuring David Lynch)“ aus dem Album „Return From Planet Dub“ (Collision/Groove Attack)

Download mp3 (27 MB): dubmix_6_2009

Meine Wertung:

Dub Evolution April 2009

 

Dass Dub in Deutschland überlebt hat, haben wir einzig und allein einem Label zu verdanken: Echo Beach. Gegründet während der Blütezeit des UK-Dub, hat es die Fahne des Dub in all den Jahren der Dürre und Entbehrungen hoch gehalten und feiert heute seinen unglaublichen 15. Geburtstag. 1,5 Dekaden First Class-Dub aus Deutschland und dem Rest der Welt (mit bahnbrechenden und Dub-Geschichte schreibenden Alben u. a. von Black Star Liner, The Groove Corporation, Manasseh, Seven Dub, Dubblestandart, Noiseshaper, Cool Hipnoise und den More Rockers), da hätte man mit gutem Recht einen Best Of-Sampler erwarten können. Doch nein, Mr. Beverungen from outta Hamburg überrascht uns mit einer neuen Ausgabe seiner legendären King Size Dub-Serie – der dreizehnten, wenn ich richtig gezählt habe (Echo Beach/Indigo). Und weil das ein schlechtes Omen ist, hat man einfach zu einer anderen Zahl gegriffen, deren Symbolgehalt weitaus vielversprechender ist, der 69! Darauf hat unser hanseatischer Dub-Ritter (und -Retter) 14 exklusive Tracks von seinen Lieblings-Label-Artists versammelt und den Mark Viddler-Dubmix von Martha & The Muffins Song „Echo Bach“ programmatisch an den Anfang gestellt. Es folgt ein reichlich spaciges Dub-Cover des Special-Hits „My Rasist Friend“, dargeboten von Deepchild feat. Andy B. Hohe Dub-Mix-Kunst! Dann ein Track, mit dem man nie und nirgends etwas falsch machen kann: „Peace & Love“ von Dubmatix feat. Linval Thompson (vom aktuell bei Echo Beach erschienenen Album „Renegade Rocker“). Geht es um die New School des Old School-Dub, dann macht Dubmatix aka Jesse King zurzeit niemandem etwas vor. (Ich höre aktuell zwei großartige neue Dubmatix-Singles, die in Kürze bei irieites.de erhältlich sein werden – nicht Echo Beach, aber trotzdem klasse). Ebenfalls groß: Junglehammer vs. Daktari, ein kraftvoller, schneller Dub. Die perfekte Wahl nach dem Dubmatix-Kracher. Weiter geht‘s mit Smoke (vom aktuellen Album „Addicted“), dann (zum x-ten Mal – aber beim Jubiläumssampler drücken wir mal ein Ohr zu) mit The Ruts DC. Es folgen vier grandiose Dub-Cover: „House Of The Rising Sun“ (Animals), „Walking On The Moon“ (Police), „Private Life“ (Pretenders) und „Jeanny“, eine richtig deepe Dub-Version von Falcos kontroversem 80er-Hit. Den Abschluss bilden Dubblestandart mit Lee Perry, das Dub Syndicate, Sugar Sugar (von Seven Dub) und Ari Up vs. X. A. Cute, die einen interessanten Crossover von Cutty Ranks und Dubstep fabriziert haben. Mit anderen Worten: Ein richtig gutes, fettes Jubiläumspräsent, das Echo Beach uns und sich selbst zum Geschenk gemacht hat. Auf die nächsten 15 Jahre!

Ich lebe in dem sehr befriedigenden Bewusstsein, mich zumindest in einem musikalischen Kosmos wirklich gut auszukennen: Dub. Doch in letzter Zeit mache ich immer wieder die – allerdings keineswegs unangenehme – Erfahrung, dass es noch einige unentdeckte Winkel und mir unbekannte Protagonisten gibt. Wie z. B. Sideshow, deren Debut-CD „Admit One“ (Aus Music/Alive) letztens auf meinem Schreibtisch landete. Der Name sagte mir gar nichts und ein Blick ins Presseinfo nährte den Verdacht, dass diese CD womöglich nur fehlgeleitet worden war. Die Rede war dort nämlich vom Singer/Songwriter Fink, der seit 2003 Alben auf Ninja Tune veröffentlicht, auf denen er sich beim Singen mit der akustischen Gitarre begleitet. Also so ungefähr das Gegenteil von Dub. Egal, ich beschloss die Musik sprechen zu lassen und legte die CD in den Player. Immerhin hörte ich nicht einen Mann mit seiner Gitarre, sondern einen waschechten Indi-Popsong mit weiblicher Sängerin (Cortney Tidwell, wie sich später herausstellte) – aber letztlich auch nicht meine Tasse Tee. Fast hätte ich die CD schon gestoppt, als der zweite Track begann und mir eine Bassline entgegenschallte, die meine Eingeweide erbeben ließ. Wow – was war das? Four to the floor stampfte der Beat durch Raum und Zeit und hinterließ Spuren lang nachhallender Echos. Dabei – und das passte perfekt zu dem ungewöhnlichen Einstiegssong – klang alles so wunderbar analog und menschlich, hatte Wärme und Atmosphäre. Beim dritten Track dann erklang die vertraute Stimme von Paul St. Hilaire, womit dann auch klar war, wohin die Reise bei den verbleibenden sieben Tracks gehen sollte: Zu einer der schönsten und spannendsten Dub-Exkursionen der letzten Monate. Fink aka Fin Greenall hat dieses Album mit seiner Tour-Band live eingespielt, gewissermaßen zur Entspannung: „Im Dub geht es für mich nicht um rationales Denken, sondern eher um emotionales Handeln, um Freiräume, eine gewisse Beschaffenheit,“ sagt Greenall: „Dub ist für mich wie die Kirche der Musik, eine gewisse Unschuld mit riesiger Kraft.“ Sehr schön poetisch – und man glaubt es ihm spätestens, wenn auf „If Alone“ die klagenden Streicher ertönen, in denen der Weltschmerz über unablässig heranströmenden Bass-Wogen ausgebreitet wird, nur um dann in einer höchst eigenwilligen Version von Kraftwerks „Modell“ zu münden. Wer so etwas als Entspannungsübung betreibt, muss schon ein begnadeter Musiker sein – von denen es in den verschiedenen musikalischen Genres ja eine Menge gibt. Bleibt nur zu hoffen, dass sie ihr Herz für Dub entdecken und dafür sorgen, dass noch so manche obskure CD auf meinem Schreibtisch landet.

Das genaue Gegenteil von „handgespielter“, analoger Musik liefert das Label Jahtari, das sich – wie der Name vermuten lässt – dem 8Bit-Sound früher Computer wie Atari und vor allem dem C64 mit seinem (damals) überragenden Soundchip verschrieben hat. Labelchef Disrupt legt nun mit „The Bass Has Left The Building“ (Jahtari/Cargo) sein zweites, „echtes“ Album vor, auf dem er die Verbindung von Dub und 80er-Jahre Computergame-Sounds weiter auslotet. Damit tritt er unweigerlich in die Fußstapfen von King Jammy, der 1985 mit Sleng Teng den ersten vollsynthetischen Reggae-Sound produzierte. Doch während Jammys Epigonen heute mit modernster Software wie Logic und Cubase arbeiten, beschränkt sich Disrupt bewusst auf das minimale Soundrepertoire des dreistimmige SID-Chips, der seinerzeit im C64 steckte. Was lässt sich mit diesem beschränkten Instrumentarium anstellen? Ehrlich gesagt: nicht sehr viel – obwohl, andererseits, auch wieder mehr als gedacht. Im schlechtesten Fall klingen die Stücke nach den simpel gestrickten Soundtracks alberner Jump & Run-Spiele, im besten Fall gelingt es Disrupt komplexere Shuffel-Beats zu komponieren, die gelegentlich sogar in die Nähe von Rhythm & Sound-Tracks kommen. Letztlich lässt sich diese Musik mit gewöhnlichen Qualitätskriterien aber nicht fassen. Dubs aus C64-Sounds sind ein Experiment, das, egal ob es scheitert oder gelingt, unseren musikalischen Horizont erweitert – und damit seine Berechtigung hat.

Wahre Reggae-Buffs kennen Clinton Fearon. Auch wenn sie ihn in dieser Kolumne nicht erwartet hätten, denn Fearon ist als Mitglied der Gladiators und somit als Sänger bekannt. Doch nun hat der Reggae-Veteran, der nicht nur Sänger sondern auch Bassist ist und bereits im Studio One und im Black Ark-Studio spielte (und mittlerweile in Seattle (USA) lebt), ein waschechtes Dub-Album aufgenommen. „Waschecht“ bedeutet, dass es nicht nur der Dubmix eines vorliegenden Vokal-Albums ist. Nein, „Faculty Of Dub“ (Boogie Brown/Import oder iTunes) ist ein originäres, „handgespieltes“ Dub-Album. Und ein sehr gutes dazu, mit wunderbarem Old School-Flair, klassischer Besetzung, sanften, harmonischen Rhythms und einfachem, aber sehr angenehmen Mix. Solche Musik kann man wunderbar im Büro laufen lassen. Sie verbreitet Wärme und Wohlbefinden, wirkt beruhigend aber keineswegs langweilig. Die Faculty Of Dub ist schlicht und ergreifend das, was man ein „solides Dub-Album“ nennt. Und genau davon gibt es in den letzten Jahren viel zu wenig. Auch jenseits musikalischen Engagements scheint Mr. Fearon aktiv zu sein. Eine Google-Suche nach seinem Namen fördert einen Blog mit dem Titel „Boogie Brown and the Baby Notes“ zutage, in dem Fearon Geschenkideen (meist Geschenkkörbe) anpreist. Die Geschenkkörbe gibt es dann auf einer kanadischen Shopping-Site. Na ja, seit mit Musik kaum noch Geld zu verdienen ist, müssen Musiker auch alternativen Einnahmequellen gegenüber aufgeschlossen sein.

Aber da wir gerade im Netz herum surfen, muss ich noch einen Tipp für einen richtig guten Dub-Podcast loswerden: thedubzone.blogsome.com. Produziert wird er von Pete Cogle, der bis zu drei mal monatlich eine ca. halbstündige Show ins Netz stellt. Dafür greift er ausschließlich auf im Netz frei verfügbare Downloads zurück und nimmt somit seinen Hörern die Mühe ab, selbst Musik-Community-Sites wie reggaedubwise.com nach gutem Material zu durchforsten. Ich bin jedenfalls immer wieder sehr erstaunt, welch gute Dubs Mr. Cogle sich so zusammen klickt (und vor allem bin ich darüber erstaunt, welch gute Qualität „Hobby“-Dub-Produzenten so ins Netz stellen).

Meine Wertung:

Dubmix zur Dub Evolution April 2009

Tracklist:

Deepchild feat. Andy B: „Racist Friend“ vom Album „King Size Dub Chapter 69“ (Echo Beach/Indigo)

Sideshow: „Sequential Dub“ aus dem Album „Admit One“ (Aus Music/Alive)

Disrupt: „Impossilbe Mussion III“ aus dem Album „The Bass Has Left The Building“ (Jahtari/Cargo)

Clinton Fearon: „Kingston Walk“ aus dem Album  „Faculty Of Dub“ (Boogie Brown/Import oder iTunes)

Download mp3 (17MB) dubmix_4_2009

Meine Wertung:

Dub Evolution, Januar 2009

 

Dub ist ein internationaler Style und die besten Dub-Produktionen kommen schon lange nicht mehr allein aus dem UK (ganz zu schweigen von Jamaika). Doch haben wir hier je über Kanada als Dubbin-Ground gesprochen? Abgesehen von Dubmatix, der hier lebt und arbeitet, schallten aus dem Norden des amerikanischen Kontinents bisher keine Echos zu uns herüber. Doch wie sich nun zeigt, lag das daran, dass wir nicht aufmerksam genug hingehört haben, denn bereits seit einigen Jahren veröffentlicht das kleine Label „Balanced Records“ eine hoch interessante musikalische Mixtur, in der Dub einige Volumenanteile ausmacht. Im Wesentlichen geht es bei „Balanced“ um Downtempo, Nu Jazz, Electro und Dub, das Ganze zusätzlich mit globalen Sounds gewürzt. Doch nun –  wahrscheinlich weil der Dub-Virus sich unaufhaltsam ausbreitet, hat er sein Opfer erst einmal infiziert – ist der Label-Sampler „Nothern Faction 4“ (balanced-records.com) ausgesprochen dublastig ausgefallen. Die Labelmacher haben sich dazu nicht nur ihres eigenen Musiker-Stalles bedient, sondern passende Tracks rund um den Globus lizensiert. Dabei sind 14 Artists zusammen gekommen, von denen ich bisher nur Noiseshaper, Dubmatix und das Subatomic Sound System kannte. Die meisten anderen sind im engeren Sinne auch keine Dub-Artists, was die Sache aber umso interessanter macht. Denn so finden sich die straighten Dubs eines Dubmatix z. B. in spannungsvollem Kontrast zu einem melancholischem Nu Jazz-Stückes oder einem harten Elektro-Track. Statt 70 Minuten stoisch im Offbeat-Tackt zu wippen, eignet sich „Nothern Faction 4“ eher zum aufmerksamen Hinhören und zum Einlassen auf unterschiedliche Stimmungen. Mit anderen Worten: Es ist ein etwas intellektuelleres, dafür aber gerade besonders erlebnisreiches Album, das sich mit Bauch und Kopf gleichermaßen genießen lässt.

Statt gradliniger, hypnotischer Dub-Alben, häufen sich diesmal eher etwas ungewöhnliche und vertrackte Werke auf meinem Tisch, Alben, die mehr am Rande des Genres, statt in dessen One-Drop-Zentrum zu operieren. Da wäre zum Beispiel das neue Album „Visions In Sonic Sense“  (Malicious Damage/Cargo) von Analogue Mindfield, das – wenn man es als physischen Datenträger kauft – mit psychedelischem Cover und beiliegender grün-roten 3D-Brille kommt. Während man im Raum fliegende 3D-Augen betrachtet, gibt es eine Musik zu hören, die sich dem Leftfield-Spektrum zuordnen lässt und ein wenig wie unveröffentlichte Dreadzone-Tracks klingt. „Akustische Klanglandschaften bestehend aus herausvordernder, aber trotzdem zugänglicher Musik“ sind das Ziel der irischen Band. Was sich hier so abstrakt anhört, lässt sich auch als eine Mischung aus Reggae-Dub (auch Old-School), Pop und Elektronik bezeichnen. Dabei gibt es (übrigens auch wie bei Dreadzone) überaus eingängige, fast schon chartstaugliche Stücke, aber auch experimentelle und schräge Dubs zu hören. Kennzeichnend sind stets mal kleine, mal große Melodien, die sich in den Gehörgängen einnisten. Dazu kommen schnelle und vielfach synkopierte Beats und ein ganzes Universum diverser kleiner Sounds, kleiner Synthie-Melodiefolgen und Vocal-Samples – manches grenzt schon an Überproduktion. Insgesamt herrscht eine leichte, gut gelaunte Stimmung und es macht unzweifelhaft Spaß, sich auf die „Visions In Sonic Sense“ einzulassen.

Weiter geht‘s mit einer Expedition an die Grenzen des Dub. Unser Guide heißt Harmonic 313 und unser Forschungsgebiet ist die Zeit, „When Machines Exceed Human Intelligence“ (Warp/Roughtrade). Jene futuristischen Sphären sind nämlich das Lieblingsbeschäftigungsfeld vom Marc Pritchard, jenem Elektro-Künstler, der sich seit Beginn der 1990er Jahre der so genannten „UK-Bass-Music“ verschrieben hat. Damit dürfte klar sein, worin der Bezug zum Dub hauptsächlich besteht: im Bass. „Bass! How Low Can You Go?“ fragte Public Enemy vor 20 Jahren. Pritchard liefert mit seinem neuen Album nun eine beeindruckende Antwort auf diese Frage. Seiner Auffassung nach wird die Tanzmusik Englands seit fast 20 Jahren vom Bass regiert: Dub, Jungle, Drum & Bass, Garage, Dubstep – und bei allen Styles hatte er ein Wörtchen mitzureden gewusst. Und so verwundert es nicht, dass die futuristisch-düsteren, aber auch harten und rationalen Sounds auf „When Machines Exceed Human Intelligence“ am ehesten an Dubstep erinnern (mit deutlichen Referenzen an Detroit Techno und 80er-Elektro). Reggae sucht man hier (abgesehen vom Intro-Sample) vergeblich, aber das Übermaß an Bass dürfte trotzdem jeden Freund des Dub in einen glückseligen Zustand versetzen. 

Da wir uns gerade schon so weit vom klassischen Dub-Terrain entfernt haben, bleiben wir noch ein wenig in diesem Grenzgebiet und hören mal in das Album „Underground Wobble“ (Jarring Effects/Alive!) von High Tone. Unter diesem Titel firmiert eine Gruppe von Dub-Alchemisten aus Lyon, die eine eklektizistische Musik aus Dub, Industrial, Hip-Hop, Trip-Hop und Ethno Samples zusammen basteln und das Ganze „Novo-Dub“ nennen. Zu hören gibt es teils schwere, teils wilde Break- und Offbeats, kreischende Synthies, orientalische Melodieornamente und hypnotische Keyboardsounds. Das richtige Material, um sich die vom Harmonic 313-Bass zugedröhnte Ohren freipusten zu lassen. Wer genau hinhört und den vollen, reichen Sound der Tracks durchdringt, der entdeckt faszinierende Details, wie z. B. sanfte Jazz-Einlagen, die von wildem Sirenengeheul kontrastiert werden, Synthie-Eskapaden (die ebenso gut Samples von Oper-Gesang sein könnten), sowie stets undeutliche, geheimnisvolle Funksprüche (in denen wahrscheinlich eine Verschwörungstheorie diskutiert wird). Statt eines durchgehend brachialen Sounds, folgen die einzelnen Stücke einer ausgeklügelten Dramaturgie voller Kontraste und Überraschungen.

Zum versöhnlichen Abschluss gibt‘s noch mal richtigen Reggae: „Infinite Dub“ von Midnite/Lustre Kings (Lustre Kings/Import). Dabei handelt es sich um die Dub-Version des Albums „Infinite Quality“, einer Zusammenarbeit von Midnite-Sänger Vaughn Benjamin mit dem Lustre-Produzenten Digital Ancient. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist – zumindest in Dub-Form – einigermaßen langweilig. Die Riddims doch recht durchschnittlich, der Gesang ist nur in winzigen Fetzen zu hören (ist ja Dub!) und die Produktion ist, nunja, sagen wir: wenig inspiriert. Irgendwie hört sich der Sound merkwürdig dumpf an. Tja, man sieht, das ich dem Album wenig Positives abgewinnen kann. Die Vocal-Version war gewiss besser, denn die wenigen Melodiefetzen, die das Dub-Treatment überstanden haben, hören sich vielversprechend an.

Meine Wertung: