Endlich mal wieder ein Dub-Album im klassischen Sinne, nämlich als Instrumental-Mix auf Basis eines Vocal-Albums. „World Inversion“ (Easy Star Records“ von den Flying Vipers ist die Dub-Version von „Off World“, jenem wunderschön, souligem Album vom April diesen Jahres. Während „Off World“ mit Kellee Webbs Vocals, Sozialkritik, Cover-Raritäten und jazzigen Gastmomenten ein ziemlich großes Panorama aufgezogen hat, zieht sich World Inversion zurück in den Maschinenraum des Klangs – dorthin, wo Rhythmen dekonstruiert werden, Melodien auftauchen und wieder verschwinden und die Welt hinter dem Mix plötzlich größer wirkt als die davor. Die Vipers rekonstruieren ihr Material aus „Off World“ auf charmant verschrobene Weise: manchmal fast werkgetreu, manchmal völlig ins Off gedreht. Es klingt, als hätten sie die Songs durch einen Spiegel geschickt, der die Proportionen verschiebt, aber die Essenz erhält. Die Grooves sind tief, die Räume offen, die Echos weitschweifend. Es verkörpert die Idealform klassischen Dubs – bis hin zur durch und durch analogen Klangästhetik.
Die Gastauftritte sind kleine Sternschnuppen im Mix: Earl Sixteen, dessen Stimme jeden Dub vergoldet; Roger Miller von Mission of Burma, der mit Gitarren und Cornet kurz die Tür zu einer ganz eigenen Parallelwelt aufstößt; und natürlich wieder Brandee Younger an der Harfe, die schon auf „Off World“ dieses schwer greifbare, schwebende Element beigesteuert hat. Hier wirkt sie wie ein Licht, das durch schwere Dub-Nebel dringt.
Was ich besonders schätze, ist, dass World Inversion nicht versucht, modern oder progressiv aufzutreten. Es ist stolz darauf, Dub zu sein – im klassischen Sinne. Bass und Drum im Zentrum, die Effekte als Kompass, die Melodien als flüchtige Schatten. Es gleitet, ohne zu eilen. Es groovt, ohne aufzudrehen. Es ist psychedelisch, aber nie kitschig. Für mich ist das genau die Art Dub, die man sowohl konzentriert hören als auch nebenbei fühlen kann.
Die Produktion – gemixt von John “JBo” Beaudette – ist ein weiterer Grund, warum das Album so gut funktioniert. Der Klang ist warm, satt, erdig, aber mit genügend Luft zwischen den Schichten, damit jedes Echo seine eigene Bahn ziehen kann. Ein Album, das sich wie eine liebevolle Umarmung anfühlt, eines, das nicht glänzt, sondern leuchtet.
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Flying Vipers: World Inversion
