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Interview

20 Questions to Alpha Steppa

Your name: Alpha Steppa
You live in: France
Title of your last album: Raise The Ark

What is your personal definition of dub?

It stems from a style of mixing pio- neered in Jamaica and became a genre of music in its own right. At the core, it is drum and bass with life and soul woven in via the hands of the dub mix- er. It’s magic.

What makes a good dub?

Space, bass and texture.

Which aspects of dub music fascinate you the most?

I love the spontaneity, the freedom and the experimentation.

How did you discover your passion for dub and how did you develop your- self and your music since then?

My dad taught me how to mix dub from a young age. I developed through incorporating all my other influences in life and music into my dub.

What does the process of creating a typical dub track look like?

You need a spark; a vocal line, a bass line, a sample, a melody, percussion, a feeling… something to ignite the idea, then get out the way and let the track build it- self.

When are you satisfied with a dub track you produced?

When I feel it drop and the crowd rise in a dance.

What is your special strength?

I have no need to fit in. This frees me and my music.

Which one of your albums do you consider your best work up until now?

Raise The Ark

Are you able to make a living with music?

Yes, I live a simple and happy life so don’t need much.

What aspects of your job do you enjoy the most?

I love to create. And it pleases me to know it brings joy to others.

What do you dread in the studio?

When I forget to drink my tea and it goes cold.

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?

My hammock.

What do you listen to besides dub music?

Folk, hiphop, trap, trad, blues, classical

If money and time didn’t matter: Which project would you like to realize?

Money and time doesn’t matter. But I need a new septic tank. I’d also like to develop a community where people could come to develop new ways of sustainable living and practice self inquiry.

Are there any sound system events that you particularly like to attend? Why?

Jah Shaka, always and forever the greatest, deepest and most mystical soundsystem experience.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?

I love both. But if I had to choose one, creation is paramount, so studio would win.

Whom do you consider the greatest dub artist of all time?

My dad and aunt (Alpha & Omega)! Ha ha

And who is currently the most interesting dub artist?

Currently the most interesting dub artist is JahYu

Which sound system do you value the most?

Jah Shaka

What are your personal top 5 dub albums?

A&O: Voice In The Wilderness
Jonah Dan: Intergalactic Dub Rock
King Tubbys: Meets Rockers Uptown
Upsetters: Black Board Jungle
Scientist: Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires

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Interview

Interview mit Daniel Jäckel (Wortfetzen MC)

Daniel unterstützt, als fester Bestandteil vom Hibration und I-Revolution Soundsystem, Hamburgs Dubszene mit seinen Gesangs- und Sprecheinlagen, dem sogenannten Toasting. Im Interview spricht er über die Möglichkeiten, sich kreativ auszuleben, kritische Themen innerhalb der Szene und seine Erfahrungen auf Jamaika.

Was waren deine ersten Berührungspunkte mit Dub und Soundsystems und wie kamst du zum Toasting?

Daniel: Mich kreativ zu artikulieren war mir schon immer ein Bedürfnis. Mit 15 habe ich versucht, eigene Raptexte zu schreiben und diese dann vorm Spiegel geübt. Irgendwann musste ich aber feststellen, dass es auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, keine Beats gab und ich konnte selbst auch keine produzieren. Gedichte schreiben erschien mir irgendwie als das Nächstmögliche zum Rappen und so kam ich dann auch zum Poetryslam. Bei unzähligen Nachmittagen im Park vor vielen Jahren drückte mir ein sehr guter Freund irgendwann einfach seine Gitarre in die Hand und zeigte mir zwei Akkorde. Ich wollte dieses Instrument unbedingt lernen, um mich beim Singen, was ich neben dem Poetry Slam auch sehr gerne machte, zu begleiten.

Musikalisch geprägt hat mich auf jeden Fall ein Abend in einem Club in Prag, wo Dubstep gespielt wurde. Ich kannte diese Musik gar nicht und speziell der Ragga/Jungle-Floor war so elektrisierend, dass ich wild mitgetanzt habe. Als ich dann 2010 nach Hamburg zog, war ich natürlich auch hier auf der Suche nach etwas Ähnlichem. Bei einem Auftritt der Dub-Band Zion Train im Hafenklang vor fünf Jahren konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und bin wie ein Flummi rumgesprungen. Mit dem Soundsystem kam ich natürlich über die Hafengeburtstag-Sessions und auch die Veranstaltungen des Dubcafés in der Roten Flora in Berührung. Da dort immer ein Mikrofon rumlag, wagte ich mich da auch mal dran und schnell löste es die Gitarre bei mir persönlich ab. Anfangs war ich zwar nicht sehr erprobt, tolle Vibes kamen aber trotzdem zustande. Im letzten Jahr besuchte ich durch meine Auftritte bei den Local Sounds hier in Hamburg und sogar bis nach München runter gefühlt mehr Veranstaltungen als es überhaupt Wochen im Jahr gibt. Ich weiß noch, als ich damals auf die Musik aufmerksam wurde, gab es vielleicht vier Veranstaltungen mit 15 Besuchern, mittlerweile finden pro Monat mehrere statt.

Du scheinst also in Hamburgs Dubszene sehr fest eingebunden zu sein. Wie würdest du denn deine Rolle oder deine Funktion spezifisch beschreiben?

D: Ich glaube, diese Rolle finde ich selbst erst so nach und nach. Prinzipiell ist die Rolle, dass ich das Mikrofon übernehme, sowohl in Form von Gesang als auch ein bisschen als Medium zwischen dem Publikum und den Leuten, die die Musik auflegen, zu sehen. Darüber hinaus bezeichne ich mich als Aktivist, Soundsystem-Aktivist. Boxen aufzustellen und diese Sessions zu machen, ich glaube, damit kann man der Welt etwas Gutes geben. Einen Nährboden zu schaffen, für etwas, das dieser Gesellschaft guttut. Gerade bei Dub in dieser Lautstärke, das hat so etwas Inspirierendes, gibt irgendwie Kraft, auf einer emotionalen Ebene. Ich finde „Roots & Culture“ ist so ein Begriff, den verbinde ich viel mit Dub und Soundsystem. Roots wäre dieser Begriff, der abdeckt, dass diese Musik beschreibt, wo wir herkommen und wer wir in dieser Welt überhaupt sind, eine bewusste Musik oder eine Musik mit Bewusstsein. Culture als der andere Teil des Ganzen bedeutet, man kann eine Art von Kultur schaffen, einen guten Nährboden für Kultur.

Eine Kultur, wo jeder das reinbringen kann, was er möchte.

Du sprichst viel über Kultur, speziell das Schaffen einer ganz eigenen, neuen Kultur?

D: Ja, eine Kultur, wo jeder das reinbringen kann, was er möchte, ein ganz offener Platz. Schaffen ist der eine Aspekt, wobei ich gar nicht finde, dass es nur um das Schaffen einer Kultur geht. Vielmehr eine Situation zu kreieren, weil ich glaube, Kultur haben wir eigentlich schon alle. Diese kannst du aber nur in bestimmten Situationen auf eine spezielle Art und Weise ausleben und da bietet der Soundsystem-Dance eine ideale Situation für. Im Endeffekt denke ich, dass wir schon alles haben, was wir brauchen, du musst den Menschen nur die Möglichkeit geben, das auch ausleben zu können.

Also einerseits das Bestärken von gewissen positiven Aspekten; sprichst du denn bei deinen Auftritten auch kritische Themen an?

D: Man kennt das ja auf Veranstaltungen, wo Menschen nachts hingehen, um Spaß zu haben. Da gibt es sicherlich Nährboden für Dinge, die nicht so gut sind, Sexismus oder sexuelle Belästigung sind Beispiele. Solche Themen kann man auf eine friedliche Art und Weise ansprechen, wenn sie passieren, dann natürlich aus dem Affekt heraus. Darüber hinaus gibt es politische, gesellschaftliche oder persönliche Dinge, über die man generell sprechen kann, da überlege ich mir dann schon im Vorhinein, was ich sagen will. Themen, die mich selbst beschäftigen, trage ich nach außen.

Da du von Sexismus sprichst: Ein Thema, welches im Zusammenhang mit Reggae, Rastafari und jamaikanischer Musik ebenso gerne kritisiert wird, ist der Vorwurf der Homophobie.

D: Ich glaube, was diese kritischen Themen betrifft, ist es gut, wenn man offen darüber redet, ohne den Teufel an die Wand zu malen: Wenn da etwas ist, wenn du durch Sexismus belästigt wirst, wirst du damit nicht alleine gelassen. Homophobie will ich gar nicht erst den Raum geben, als etwas was ich nicht gutheiße und wo ich auch musikalisch wirklich nicht weiß, was es in dieser Musik zu suchen hat. Wobei dieses Thema natürlich ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, welches leider auch in dieser Szene Ausprägungen findet. Man sollte diese Probleme auch überall sehen, wo sie stattfinden und darauf zugehen. Ich glaube, Austausch ist da der richtige Weg und es gibt Leute, mit denen findet man einfach keine Schnittmenge.

Gerade war ich erst wieder einige Wochen auf Jamaika, da ist Homophobie auch ein Thema und Homosexualität sogar per Gesetz verboten. Ich denke, der kulturelle Hintergrund muss verstanden werden aber diese Denkweise zu propagieren, ist falsch, da sollte eine Grenze gezogen werden. Allerdings hatten wir in unserer Gesellschaft schon viele Diskussionen, die in der jamaikanischen nicht stattfanden, abgesehen vom kulturellen und geschichtlichen Hintergrund. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Europäer und Menschen aus anderen Teilen der Welt, die auf diese Insel gehen, weil sie das lieben, was dort passiert, weil sie das inspiriert hat und weil sie sich darin wiederfinden, viel von ihrer Einstellung mit dort hinbringen. Ich denke, die Leute, die hier Reggae hören, sind wenig sexistisch oder homophob. Die sehen das eher kritisch und reagieren da sehr sensibel drauf, tragen solche Themen auch in diese Gesellschaft und sensibilisieren sie auf eine konstruktive und positive Weise.

Themen, die mich selbst beschäftigen, trage ich nach außen.

Ein anderes Thema, das Toaster und Sänger in dieser Musik gerne ansprechen, ist Rastafari. Mal abgesehen von negativen Bestandteilen, die wir grade angesprochen haben, bringst du die positiveren Elemente daraus in deinen Texten auch ein?

D: Den Begriff Babylon auf jeden Fall, der ist fester Bestandteil. Wobei ich auch sagen muss, dass ich kein Rasta bin. Ich glaube zwar, dass es mehr gibt, als wir sehen, verstehen, kennen, berechnen und beschreiben können. Aber ich bin kritisch gegenüber Religionen, wenn sich Dinge formieren und organisieren. Rastafari hat Elemente, wie andere Religionen und Philosophien auch, die für mich Sinn ergeben. Was ich daran z.B. sehr zu schätzen weiß, ist, dass diese Religion in der Zeit nach der Unabhängigkeit Jamaikas, Identität gestiftet hat, was sehr wichtig war. Außerdem trägt diese Religion Themen in die Gesellschaft, wie Bewusstsein und Spiritualität aber auch bewusste und gesunde Ernährung und ökologische Lebenshaltung. Ich habe großen Respekt vor diesem Glauben und dieser Kultur.

Ebenfalls häufig zu beobachten, ist das Reden und Singen im jamaikanischen Patwah. Wie stehst du zu den Vorwürfen der kulturellen Aneignung dieser Sprache durch „Weiße“?

D: Wenn das jemand ist, der das so empfindet, kann ich es natürlich verstehen. Getreu dem Motto: Der Typ hat jetzt Reggae gehört und plappert die Sprache einfach nach. Aber meine Erfahrung auf Jamaika war, dass die Leute das dort feierten, wenn ich es beim Toasten und Singen verwendet habe und nahmen das glaube ich nicht als Disrespect auf.

Du hast eben ganz schön gesagt, dass manche auf diese Insel gehen, um sich selbst zu finden. Hast du dich selbst dort gefunden? Um welche Erfahrungen bist du jetzt reicher?

D: Selbst gefunden habe ich mich auf jeden Fall im Reggae. Da ich gerne Musik mache und kreativ bin, hat mir Reggae den Sinn dahinter gezeigt. Dieses Gefühl wurde auf Jamaika noch verstärkt. Eine sehr schöne Erfahrung war unsere Aufnahme eines Dubplates im Studio. Darüber hinaus konnte ich viele tolle Menschen kennenlernen, leckeres Essen kosten und die wunderschöne Natur genießen. Wirklich einmalig war, dass ich beim Blick in den Dschungel, aufgrund der Dichte, keine zwei Meter weit sehen konnte.

Wie steht es um Dub auf Jamaika?
D: Häufig steht Dub als Überschrift bei den Veranstaltungen, aber das sind nicht die Dubsachen, die wir hier machen. Ich denke, da haben sehr unterschiedliche Entwicklungen stattgefunden, als die Musik von Jamaika nach UK kam. Dancehall ist dort auf jeden Fall sehr präsent, aber auch viel Roots und Rub-A-Dub. Gute Musik auf jeden Fall.

Dub ist für mich: Musikalisch, zwischenmenschlich, kulturell, spirituell.

„Andere Sachen, als wir hier machen“ – was macht denn Hamburgs Dubszene für dich aus?

D: Wie ich schon sagte, gab es früher sehr wenige Sessions und über die Jahre wuchs die Zahl der Veranstaltungen und Sounds. Ich spreche mit den Menschen auf Sessions, auch mit denen, die das alles supporten. Noch viel mehr Leute wollen in der Szene aktiv werden. Was auch ein wichtiger Charakterpunkt ist, dass wenn wir einen Dance auf die Beine stellen, uns um alles selbst kümmern müssen. Wir gehen nicht irgendwo hin, spielen unseren Kram und hauen wieder ab. Wir müssen den ganzen scheiß Laden übernehmen. Die Infrastruktur bauen, die Bar bestücken, die Tür besetzen. Aufbauen ist eine Sache, Durchführen und danach kommt der Abbau. Dafür mache ich’s, dafür bin ich dabei, für den Abbau (lacht). Sehr viel Arbeit, aber man bekommt dafür die Möglichkeit, alles selbst zu machen. Hier in Hamburg passiert viel, sowohl vor, als auch hinter dem Soundsystem.

Zum Abschluss auch für dich der Standardsatz: Beschreibe Dub in einem Satz?

D: Nach meiner prägenden Veranstaltung von Zion Train damals im Hafenklang, hatte ich ein Zitat gelesen: „Instrumental psychedelic Reggae“. Für mich ist es noch sehr viel mehr darüber hinaus: Musikalisch, zwischenmenschlich, kulturell, spirituell.

Interview vom 17.05.2019

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Interview

Interview mit Raphael Alberti (Lazer Fennec)

Raphael, Dub- und Disco-Selector aus Hamburg, ist nach eigener Aussage »noch ziemlich frisch in der Szene.« Im Interview spricht er über seine ersten Berührungspunkte mit Dub, thematisiert Sexismus und Homophobie in der Szene und den Vulkan in seinem Kopf.

Weißt du noch, wann du zum ersten Mal mit Dub in Berührung kamst?

Raphael: Ich bin in Ulm aufgewachsen, mein Bruder war in einer Crew, die Reggae und Dancehall gespielt haben. Da wurde ich zum ersten Mal auf die Musik aufmerksam, besuchte zum Beispiel auch das Chiemsee Reggae Summer Festival im gleichen Jahr. Durch meinen Bruder lernte ich generell sehr viel unterschiedliche Musik kennen: Wu-Tang, Nirvana, System of a Down… Dub war für mich damals noch nicht so präsent. Und so startete ich dann auch mit meiner Plattensammlung erst mal sehr wild gemischt, mit Rockklassikern und sowas.

Erinnerst du dich noch an deine erste Platte?

R: Das müsste ein Album der White Stripes so kurz vorm Abi 2010 gewesen sein. Zu der Zeit hat mein Bruder in Stuttgart in einer WG mit Drum ‚n‘ Bass- und Dubstep-DJs gewohnt und ich erinnere mich, dass dort eines Abends die „Dub Echoes“-Doku lief. Die fand ich so gut, ich musste mir direkt den zugehörigen Soundtrack besorgen und ihn auf der nächsten WG-Party auflegen. Ein Live-Konzert von Lee Perry löste schließlich in mir den Gedanken aus: Wow, Dub ist das Ding! 
Einige Dubveranstaltungen in Offenbach und Darmstadt besuchte ich anschließend zuerst als Fotograf und, nachdem ich die Jungs vom Rebel Lion Soundsystem kennenlernte, auch als Selector und war dann irgendwann Teil der Crew. Ab 2012 organisierten wir über mehrere Jahre regelmäßig Dubpartys in der Oettinger-Villa in Darmstadt, das war echt eine schöne Location. Dadurch haben wir die Leute im Rhein-Main-Gebiet schon mit der Musik angefixt.

Habt ihr dann auch andere Crews inspiriert, etwas auf die Beine zu stellen?

R: Ja, zumindest, dass einige Crews auch mehr Dub ins Set aufnahmen, die vorher eher Roots präferierten. Peifensound aus Wiesbaden zum Beispiel. Aber das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt als Metropole hat es bis heute leider nicht geschafft, ein richtiges Soundsystem auf die Beine zu stellen, irgendwie stellte das nie so das Zentrum für diese Art von Musik dar.

War das vielleicht auch der Grund, warum du dann irgendwann nach Hamburg gezogen bist?

R: Nein, das war eher, weil unser Soundsystem Rebel Lion aus verschiedensten Gründen damals etwas auseinandergebrochen ist, wegen Umzügen und Kindern und sowas. Mir war Mainz, mein damaliger Wohnort, irgendwann auch einfach zu klein. Ich habe dann mein Studium geschmissen und bin nach Hamburg gezogen, um dort ein Praktikum beim Backspin Hip Hop-Magazine zu beginnen.

Also spielte Hip Hop auch irgendwie immer eine Rolle für dich?

R: Ja voll. Ich wusste aber auch, dass ich in der Dubszene hier in Hamburg aktiv sein wollte. Hatte erst das Hibration Soundsystem im Auge, mich dann aber doch für I-Revolution entschieden.

Dub ist einfach voll die Nerdmucke. Reggae für Nerds. Kiffende Nerds, die Bass mögen, das ist die Dubszene.

Von I-Revolution kennt man dich ja aktuell, wie kam da die Verbindung zustande?

R: Ich war zuerst auf einigen Partys von denen in der T-Stube an der Uni. Über eine Facebook-Gruppe suchten die irgendwann bei der Besetzung der Uni Leute zum Auflegen. Ich hatte da Bock drauf und bin einfach mit meinen Platten hingegangen. Das hat mit den Jungs musikalisch als auch zwischenmenschlich sofort gefunkt. Das war im April 2018 und seitdem geht’s irgendwie steil ab mit I-Revolution: wir haben Open Airs veranstaltet und einige Partys im Gängeviertel.

Wie seid ihr denn bei I-Revolution aktuell aufgestellt?

R: I-Revolution besteht grade aus sieben DJs und noch viel mehr Leuten im Hintergrund, ohne die es einfach nicht geht. Wir bauen auch sehr viel selbst, also zum Beispiel Sirenen und Verstärker. Dub ist einfach voll die Nerdmucke. Reggae für Nerds. Kiffende Nerds, die Bass mögen, das ist die Dubszene.

Das Problem Sexismus ist in der Dubszene auch nicht gelöst.

Bei all dem Spaß fällt bei euch auch die klare politische Ausrichtung auf. Schaut man zum Beispiel in die Veranstaltungstexte eurer Facebook-Events, findet man dort immer Ansagen gegen Sexismus und Homophobie – Themen, die ja oft bei jamaikanischer Musik kritisiert werden. Findest du, dass in der Szene ein größeres Bewusstsein für solche Themen entstanden ist?

R: Die Dubszene in Deutschland und Europa ist auf jeden Fall sehr links geprägt, alleine schon durch die Veranstaltungsräume, wie Autonome Zentren oder besetzte Häuser. Aber das Problem Sexismus ist in der Dubszene auch nicht gelöst. Nur weil in der Musik weniger Lyrics verwendet werden und deshalb auch keine Probleme mit kritischen Äußerungen auftreten, gibt es ja trotzdem Punkte, wie beispielsweise das Geschlechterverhältnis, an denen man auf jeden Fall arbeiten kann. Die meisten Crews bestehen aus Typen, was vielleicht auch mit dieser Nerdkultur zusammenhängt. Ich finde, Musik- und Subkulturen sind meistens auf Macker geprägt, Nerdkulturen ebenfalls, wenn dann beides zusammenkommt, wirds auch nicht besser. Wobei meine Erfahrung mit den Menschen, die neu in die Dubszene kommen ist, dass sich viele sehr wohl fühlen, viele Frauen sagen auch, es ist einfach entspannt bei den Veranstaltungen.

Hast du das Gefühl, dass die genannten linken Themen erst durch euren Einsatz in der Szene wahrgenommen wurden?

R: Ich glaube, das ist nicht durch uns ein Thema geworden, das war schon immer so. Also wenn ich mir Jürgen Becker alias Crucial B hier aus Hamburg anschaue beispielsweise, der vor 26, 27 Jahren in Hamburg startete, hat mit seiner Crew auch schon Veranstaltungen in der T-Stube auf die Beine gestellt oder Hausbesetzungen durchgeführt. Ich denke, in den 90ern war Dub sowieso eine Protestmucke, weil es da auch die Verbindung zum Punk, gerade in England gab. Es sind sicherlich auch einige über Punk zum Dub gekommen, darum auch der linke Szenecharakter. Aber es ist natürlich schwierig, du weißt ja nie, wenn du Tracks auflegst, auch wenn keine expliziten homophoben oder sexistischen Lyrics darin vorkommen, wie die Interpreten ticken. Das ist vielleicht auch so ein Ding, warum sich viele linke Menschen in der Electroszene aufhalten, weil sie denken, keine Lyrics bedeuten keine Homophobie und keinen Sexismus. In der Dubszene und auch in anderen Musikszenen gibts außerdem auch Oldschooler, die sagen, dass früher alles besser war. Ich denke, die Dubszene braucht auch ein bisschen Humor. Gründe, weshalb es auch so schwierig ist, in die Szene reinzukommen. Ein entspannter aber auch geschlossener Kreis. 

Bezüglich geschlossener Kreis: findest du, dass es einen Zusammenhalt innerhalb der Szene, auch beispielsweise überregional, gibt?

R: Ja voll, du kannst kreuz und quer durchs Land reisen, du triffst immer jemanden, den du kennst. Ich wollte dieses Jahr auch mal nach Frankreich, um dort ein bisschen die Szene mitzunehmen. Ob das eine große Veranstaltung in Berlin ist oder ein kleines Festival auf einer Schafsweide in Nordhessen, auf dem ich vor zwei Jahren war. Mit Ponyreiten für die Kinder und selbstgemachtem Eis, voll das Familientreffen. Das ist voll schön in der Szene, man hilft sich gegenseitig. Auch die Gäste, die Leute helfen mit, haben wir auch selbst erlebt bei den Outdoor-Sessions von I-Revolution letztes Jahr. Da packen echt viele mit an und gehen nicht einfach nach Hause. Viele haben auch Bock auf beispielsweise Türschichten, das ist schon alles eine gute Unterstützung und Vernetzung.

Klingt ja alles total schön, wenn da jemand so außenstehend ist und da ein Teil von sein möchte, wie könnte das gehen?

R: Als komplett Außenstehender ist das glaube ich schwierig, also man muss schon die Musik feiern. Momentan kommen aber auch viele im Publikum aus der Electroszene, man merkt es daran, wie die Leute tanzen. Ich glaube, einige sind gelangweilt von den immer gleichen Veranstaltungen dort in der Szene und vor allem Steppers Dub hat ja Ähnlichkeiten mit Techno, ist halt Tanzmusik.

Eure Veranstaltungen sind echt immer brechend voll.

R: Ja und vor allem sind auch viele Kids da. Man merkt, die sind eher auf Techno sozialisiert und shufflen dann zu Steppers (lacht).

Also findest du, das hat alles Zukunft?

R: Im Moment gehts der Szene ganz gut, denke ich. Es entstehen immer mehr Sounds und es wird auch in Deutschland daran gearbeitet, größere Festivals auf die Beine zu stellen, zum Beispiel in Münster, die ja sowieso stark bestückt sind mit Soundsystems und auch Berlin. Sogar in Süddeutschland.

Da wir eben von euren immer brechend vollen Veranstaltungen sprachen, wie kam überhaupt die Verbindung mit dem Gängeviertel zustande?

R: Jimmy, auch bei uns im Soundsystem aktiv, kennt da jemanden. Ich glaube, was uns auch im Herbst gut Auftrieb gegeben hat war, dass wir unsere monatliche Veranstaltung relativ schnell nach dem Gängeviertelgeburtstag gesetzt hatten. Dann hat das Gängeviertel auch noch unsere Veranstaltung bei facebook geteilt. Am ersten Abend schon 500 Zusagen oder Interessierte und insgesamt 3000. Das ging auch bei der zweiten Veranstaltung so weiter. Mittlerweile hat sich das wieder normalisiert auf aber immer noch ungefähr 700. Bei der letzten Party mussten wir nach drei Stunden Einlassstopp machen. Das ist echt heftig, mal schauen, wie das Ganze jetzt in der Roten Flora weitergeht.

Ich mag vor allem Musik, die visuell ist, Soundscapes schafft und Dub ist da eben optimal dafür.

Ich wollte auch noch über deine Selections reden, welche immer sehr divers sind: du spielst Dub, Funk, Soul, Afrobeat, Hip Hop, woher kommt das?

R: Das weiß ich gar nicht so genau, ich kann halt beim Auflegen immer schwer bei einem Stil bleiben, was mich manchmal selbst aufregt, wenn ich so verworren hin und her wechsle. Ich mag vor allem Musik, die visuell ist, Soundscapes schafft und Dub ist dazu eben optimal, um so was zu schaffen. Manchmal ist es aber auch so: wie langsam und wie weird kann der Scheiß sein, den ich auflege und ich versuche da auch gerne mal aus dem Rahmen zu fallen und nicht nur Hits zu spielen.

M: Jetzt seid ihr ja mit I-Revolution für die nächste Veranstaltung erstmal in die Flora umgezogen, gibt’s weitere Pläne für 2019?
R: Ich hätte Bock auf Gäste und Outdoor-Sessions, auch vielleicht mal hier auf der Veddel, Brückenparty oder sowas. Also der Campus ist auch eine coole Location dafür aber vielleicht kommen hier die Cops nicht so schnell (lacht).

M: Abschließend, beschreibe Dub in einem Satz?

R: Wenn ich King Tubby zitieren darf: “Dub ist ein Vulkan in meinem Kopf”. Das trifft’s. 

Interview vom 26.01.2019

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Interview

Interview mit Paul Zasky (Dubblestandart)

Dein Name: Paul Zasky
Du lebst in: Wien und Los Angeles
Titel deines letzten Albums: Dubblestandart meets The Firehouse Crew Reggae Classics

Erzähle mal ein wenig von dir.

Ich würde mich grundsätzlich als die treibende Kraft hinter all den Themen Dubblestandart und bald The New Blade Runners Of Dub bezeichnen. ABER, ohne der Crew bin ich nichts, pflege ich zu sagen. Ali, unser Mann am Drum und Herb, der ja bei House Of Riddim ist, und Robbie Ost sind mein Backbone ohne die drei läuft gar nichts. Sie halten mir trotz schwieriger existentieller Bedingungen für eine Band wie der unsrigen seit Jahrzehnten die Stange. Das muss man auch mal bringen und das respektiere und schätze ich sehr. Das ist etwas, das kannst du nicht mit Geld zusammenhalten, das ist ein Spirit, der ist da oder eben nicht.

Ich war Anfang der 90er Teil der Urcommunity von Musikern hier in Wien, die sich für Klang an sich, Post New Wave, Psychedelic, Early Electronic Music und dann bald Dub & Reggae interessiert haben. Wir hatten und haben den Proberaum (er war auch unser erstes Studio) gegenüber vom Flex, den für uns damals wichtigsten Club des Wiener Universums, wo Suga B, Gümix & Sweet Susi Dub und alle dessen Spielarten auflegten – von 1990 onwards.

Viele Leute und Musiker ging bei uns ein und aus. Die meisten hatten gute Ideen, aber es musste auch jemanden geben, der sie in die Tat umsetzte und dafür sorgt, dass Musik entsteht, die sich auf Platte pressen ließ. Darum bin ich dann irgendwann los …

Robbie war dabei immer der Mann am Gerät und nachdem ich die ersten paar Alben in den 90ern ja noch alle selbst gemischt hatte (auf 4 und 8 Spuren), hat er dann übernommen und auf Hi Tech umgestellt.

Ich war außerdem immer für die Kontakte zu Label, Booking, Promo, etc. zuständig und bin in der Welt zwischen Wien, New York, LA und Kingston herum gereist. Dabei habe ich eine Menge Leute kennengelernt, woraus dann über die Jahre viele Freundschaften und Collaborations entstanden sind.

Speziell in Jamaica hat mir mein guter Freund Devon Denton viele Türen geöffnet, zu Sly & Robbie, Ken Boothe, Dillinger, der Firehouse Crew usw. Nicolai von Echo Beach hat uns mit Ariup, Adrian und der OnU-Sound Posse zusammen gebracht. David Lynch hab ich nach unserer Show im Elysee Montmartre in Paris bei seiner Ausstellungseröffnung einfach angesprochen. So gibt es noch viele Beispiele. Ich bin vielen Leuten sehr dankbar.

Wie lautet deine persönliche Definition von Dub?

Landschaftsmalerei mit Klängen.

Was macht einen guten Dub aus?

Eine Atmosphäre zu schaffen die inspiriert, wo akustische Phantasiewelten aufgehen und gleichzeitig auf den „distinct“ Rhythm, seinen Mix und die detaillierte klangliche Bearbeitung besonderes Augenmerk gelegt wurde.

Welche Aspekte von Dub-Music faszinieren dich am meisten?

Dass es ein offenes Stilspektrum ist und sehr viel ermöglicht.

Wie hast du deine Leidenschaft für Dub entdeckt und wie hast du dich und deine Musik seid dem entwickelt?

Als ich ca. 16 oder 17 Jahre alt war – Mitte der 80er Jahre – hab ich mir Taxi Gang: “The Sting” und “A Dub Experience” von Sly & Robbie im damaligen “Hand In Hand”-Reggae-Laden in Wien gekauft. Die Crew dort waren Rastas aus Kingston und Addis Abeba und ein Quäntchen cooler und relaxter als der Rest der Stadt. Zudem hatten sie viel Fachwissen hinsichtlich der damaligen Produktionen, dem Vertrieb und der internationalen Szene. Das hat mich fasziniert und angezogen. Kurz darauf “Megaton 1” von Lee Perry. Mich haben die nach vorn geschobenen Bass- & Drum-Linien, sowie die psychedelischen Flanger- und Phaserloops auf den Sounds von Lees 8-Spur-Produktionen fasziniert. Kurz darauf habe ich dann die Singers & Players und Creation Rockers auf OnU-Sound entdeckt und das wars dann. Dub war für mich die logische Weiterentwicklung von allem was mich bis dahin musikalisch interessiert hatte.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von euch aus?

Meist schwirrt irgend ein Groove oder Basslinie in meinem Kopf herum, lange bevor wir eine Session mit der Band machen. Irgendwann gehen wir dann ins Studio und bauen darauf Instrumental-Livesessions auf. Da kommen dann nochmal Ideen vom Rest der Crew. Dann selektieren wir die Jams aus und spielen die Best-Offs präzise mit Klick ein.

Die Zeit danach verbringe ich mit Robbie im Studio wo die tatsächlichen Tracks entstehen. Oft nimmt das eine ganz andere Richtung als bei der Session. Ab und an holen wir die Jungs retour für einzelne Overdubs oder machen Collaborations mit Artists. Alle Keyboardparts, Analogsynthsounds, Samples etc. machen ausschließlich Robbie und ich, da das unseren Sound definiert. Insofern ist Dubblestandart ein Zwei-Stufen Projekt: Es gibt die Produzententätigkeit von Robbie und mir und die Band, die diesen Sound dann live umsetzt, aber im Entstehungsprozess eben auch für die Ursuppe verantwortlich ist.

Bevor es zu einem Mixdown kommt schrauben wir lange an Klang und Arrangement.Vor einer finalen Version wird an Sounds, Effekten, am eigentlichen Klang von Schlagzeug und Bass sowie echten und elektronischen Instrumenten getüftelt. Für mich ist ein Dub nicht der freegestylte Livemix einer Version. Für mich ist ein Dub ein kompletter eigenständiger Song mit Stimmen, Soundsamples und Realworld-Geräuschen, der einer eigenen Struktur und Dramaturgie folgt. Robbie zieht dann von diesen sehr konkreten Klangwelten oft noch Dubs für Vinylauskoppelungen, etc.

Wann bist du mit einem von dir produzierten Dub-Track zufrieden?

Ich produziere die Dubs nie alleine. Wenn wir beide sagen, das isses, dann isses das. In words not 2 be defined.

Was ist beim Produzieren von Dub am wichtigsten?

Authentizität. Es gibt beim Musikmachen keine Gesetze. Es gibt halt Schubladendenken. Musik ist aber frei und das gilt auch für die Ideen. Die Leute sollten sich wesentlich mehr trauen. Ich würde mir von den nachfolgenden Generationen mehr Experimentierfreudigkeit wünschen.

Was ist deine besondere Stärke?

Ich bleib dran, vor allem wenn’s ungemütlich wird.

Welches Album hältst du für euer bestes?

“Immigration Dub”, “Marijuana Dreams” und “Dub Realistic”.

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

Nein, hat es nie und wird es wohl auch nie. I keep my feed on the ground. Das was ich mit Musik verdiene, investiere ich ausschließlich wieder in Produktionen.

Welche Aspekte deines Jobs machen dir am meisten Spaß?

Musikmachen ist weder Hobby noch Job. Irgendwann fängst du damit an und es wird zur wichtigsten Sache in deinem Leben, um die herum du alles baust: Beziehungsleben, Familie, Moneybusiness.

Wovor graust es dir im Studio?

Zeitdruck und wenn zu viele Leute da sind. Das lenkt ab.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?

Ich bin in dem einen oder anderen Kulturprojekt involviert, fange im Herbst auch als Schauspieler in einer Theaterprodutkion an, bisschen Deejaying, setze mich zudem mit AI und psychotherapeutischen Themen auseinander. Habe außerdem in LA ein neues Bandprojekt begonnen.

Was hörst du außer Dub?

Alternative Music, Reggae, Electronic Music, Drum ‘n’ Bass, Industrial, Downtempo, HipHop, Avantgarde, Jazz, Singer Song Writer.

Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielten: Welches Projekt würdest du gerne verwirklichen?

“Sade in Dub” und “Nine Inch Nails in Dub”.

Gibt es Sound System-Events, die du besonders gerne besuchst? Warum?

Aktuell Corona-bedingt nada. Ansonsten ist alles, was Bassmusik angeht hier im Fluc in Wien meistens sehr cool!! Ansonsten: Subaudio.Basstrace, RAW, Donnerdub, Treasure Isle, der legendäre Dub Club im Flex back in the day. Truly missed!

Was bevorzugst du: Studioarbeit oder Sound System-Performance?

Studioarbeit, dann Live-Performance mit der Band, dann Selector at a Sound System. So ist die Reihenfolge.

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?

Adrian Sherwood

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?

Jah 9

Welches Sound System schätzt du am meisten?

Jah Shaka und OnU-Soundsystem.

Was sind deine persönlichen Top 5 Dub-Alben?

Dub Syndicate: “Stoned Immaculate”
Sly & Robbie: “A Dub Experience”
Burning Spear: “Living Dub Vol 1”
I- Roy: “Dread Baldhead”
Lincoln Sugar Minott: “Ghetto-ology Dubwise”

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Interview

21 Questions to Paolo Baldini DubFiles

Your name: Paolo Baldini DubFiles
You live in: Pordenone, Italy
Title of your last album: “Dolomites Rockers”

What is your personal definition of dub?

Dub is a technique. A technique which, in its original form, allowed to transform a song into a dub version, a new psychoacoustic experience. A technique with a permanent link with reggae music, but now also declined and applied to all genres of black music.

What makes a good dub?

Two things, basically: a song on a good riddim and an inspired dubmaster.

Which aspects of dub music fascinate you the most?

I was amused by the transformational process that a song undergoes when it becomes a dub version. And before understanding the mechanisms behind these processes I was impressed by the role of bass and the feeling of space-time modification. Moreover, this technique transformed exclusively technical equipment into creative and artistic instruments turning the sound engineer into the Dub Master. That is to say, the person who has the power to regulate the emotional tension of a version.

How did you discover your passion for dub and how did you develop yourself and your music since then?

I was a lucky teenager because the Rototom festival started in a place very close to my city and I started attending it from the first edition!
I discovered that world first as a spectator and only then as a musician. Basically I am an underground reggae musician who, exploring the possibilities that home recording offered in the nineties, became a producer. Step by step.

What is the most important factor when producing dub music?

The separation of the tracks of a song, an analogue mixer, and a few aux. And the endless combinations thereof, which is eventually what constitutes the studio of a dubmaster.

What does the process of creating a typical dub track look like?

If it’s a version, I firstly rebuild the original settings of the multitrack session of the vocal cut, and when it sounds good, I start selecting a few outboards and effects that I think fit the tune. I then press “record” and do a number of dubs. Only the best survive.

Dub is a technique, which, in it’s original form, allowed to transform a song into a new psychoacoustic experience.

When are you satisfied with a dub track you produced?

I’m satisfied with a version I make when, listening to it again, I get lost in it and I can’t trace my actions back.

What is your special strength?

I don’t know … Maybe being incline to auto-suggestion.

Which one of your albums do you consider your best work up until now?

Always the last one! But I like being influenced by those who hear and choose them.

Are you able to make a living with music?

Respectable survival.

What aspects of your job do you enjoy the most?

All of them. For real!

What do you dread in the studio?

Current drops? Or maybe my son?! Jokes aside, I have a lot of analogue equipment and I fear the wear of tubes and condensers. Especially in the mixer.

I was a lucky teenager because the Rototom festival started in a place very close to my city and I started attending it from the first edition!

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?

When I’m not busy with my family I have several safe places where I regenerate. One of these is astrophysics! When I have time, I go to the mountains.

What do you listen to besides dub music?

Any form of Jamaican music. From calypso to dancehall. I recently re-discovered space music and ambient electronic music.

If money and time didn’t matter: Which project would you like to realize?

I had so many ideas that I stopped thinking about it. Let’s say I’d try to invest on my label La Tempesta Dub to release more material.

Are there any sound system events that you particularly like to attend? Why?

The Dub Academy at Rototom Sunsplash and the International Dub Gathering. I grew up at Rototom.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?

Both. One necessarily feeds the other.

Whom do you consider the greatest dub artist of all time?

Could anyone you know not answer King Tubby? They would need a good reason not to.

And who is currently the most interesting dub artist?

There are countless artists who interest and inspire me. I think I could give different answers to this question depending on the time of the day. Iration Steppas are a must in terms of sound system rituals. Dougie Conscious is a big inspiration when it comes to studio mixing… Mad Professor and Adrian Sherwood are a beacon when it comes to using effects. Prince Fatty and Victor Rice are a true inspiration as far as acoustic recording and tape are concerned… And I think O.B.F. are the most interesting crew at the moment.

Which sound system do you value the most?

I have a rock-solid bond with Imperial Sound Army.

What are your personal top 5 dub albums?

5. Scientist: SCENTIFIC DUB
4. Zion Train: ORIGINAL SOUND OF THE ZION
3. Iration Steppas: DUBZ FROM DE HIGHER REGIONZ
2. Lee Perry: REVOLUTION DUB
1. King Tubby & Barrett Bros: PICK A DUB

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Interview

Dub Konferenz am Strand der Echos

Illustration_Dub_Konferenz

Echo Beach – das Hamburger Dub-Label wird 20 Jahre alt. 1994, auf dem Höhepunkt des UK-Dub gegründet, gehört es heute nicht nur zu den dienstältesten auf Dub spezialisierten Labels, sondern dürfte auch das produktivste weltweit sein. Für uns Grund genug, mit Labelgründer Nicolai Beverungen und ausgewiesenen Dub-Spezialisten über Dub, seine Entwicklungen und Trends und nicht zuletzt über die Faszinationskraft dieser Musik zu philosophieren.

Nicolai Beverungen: Ich bin über Punk zum Reggae gekommen, habe dann bei der inzwischen verblichenen Plattenfirma EFA als Labelmanager für On-U-Sound gearbeitet. Als ich 1993 bei EFA ausstieg, wollte ich eine CD veröffentlichen, die einen Rückblick auf die letzten Jahre meiner Arbeit sein sollte. Für mich kam nur eine Dub-Compilation in Frage, denn das war der Sound, der mich am meisten begeisterte. Daraus ist dann „King Size Dub Vol. 1“ entstanden, die von der Spex präsentiert wurde. Das war 1994 ein guter Start für mein Label „Echo Beach“.
Warum ich nach zwanzig Jahren noch immer da bin, liegt wahrscheinlich daran, dass das Labelkonzept „Dub“ so offen ist. Wenn ich mich nur auf Roots-Dub konzentriert hätte, dann wäre ich wohl heute Briefträger bei der Post. Aber ich war immer offen für andere Einflüsse. Nehmen wir zum Beispiel mal „William S. Borroughs in Dub“, das vor Kurzem auf Echo Beach erschienen ist. Da würde jeder Jamaikaner fragen: „Was hat das mit Dub zu tun“? Aber gerade so was ist für mich am interessantesten.

Markus Kammann: Ich komme aus der Club-Szene. In den achtziger Jahren habe ich die Beat Box in Wuppertal gegründet, den ersten ambitionierten Club, den es bundesweit gab. Ich bin aber gleichzeitig schon immer Musiker gewesen, was die wenigsten wissen. Ich fuhr damals oft nach London, um dort Platten für den Club einzukaufen. Nachdem die Platten im Club liefen, wollte sie jeder kaufen. Daher überlegten wir uns, einen Plattenladen zu gründen. Das war dann Groove Attack. Heute produziere ich verrückten Dub unter dem Namen Robo Bass HiFi.

Thomas Hoppe: Ich repräsentiere hier die handgemachte Musik, von der Band-Seite her. Ich bin Schlagzeuger der Senior Allstars. Mit der Band haben wir uns dem Dub schrittweise angenähert. Wir hatten ihn von Anfang an dabei, aber er ist für uns immer wichtiger geworden. Dass Dub heute auch Live auf der Bühne das Hauptelement ist, hatten wir gar nicht geplant. Das hat sich so entwickelt.

Felix Wolter: Genau wie Nicolai komme ich aus der Zeit, in der Punk und Reggae eine Liaison hatten. Stark geprägt durch Adrians On-U-Sound fühlte ich mich dem Londoner Dub näher, als dem jamaikanischen Reggae. Den habe ich erst im Laufe der Jahre meiner aktiven Laufbahn bei der deutschen Reggae-Band The Vision richtig kennen-, lieben- und schätzen gelernt. Ich bin neben meinen TVS- und Dubvisionist-Projekten auch noch im artverwandten Downtempo (PFL und Chin Chillaz) unterwegs und arbeite in unserer Firma Time Tools Recordings an der Zusammenstellung von Compilations im Bereich Lounge, Downtempo und House, die wir weltweit zum Download anbieten. Ich liebe Studioarbeit und einen balancierten Sound.

René Wynands: Ich habe den Reggae im zarten Alter von 15 Jahren für mich entdeckt, als ich mir mein erstes Bob Marley-Album kaufte. Ich hatte gelesen, dass es Musik mit viel Bass sei, was für mich schon damals offenbar ein wichtiger Kaufgrund war. Dub habe ich dann zum ersten Mal auf „LKJ in Dub“ gehört und mit dem Album „Pounding System“ vom Dub Syndicate erst richtig verstanden. Danach habe ich alles an Dub gekauft, dessen ich habhaft werden konnte. Heute betreue ich die Dub-Seite in der Riddim und schreibe mit dem dubblog.de einen kleinen deutschsprachigen Blog über meine Lieblingsmusik.

My Definition of Dub

René: Wir wollen über unsere Lieblingsmusik, über Dub sprechen. Doch was ist Dub genau? Ein Genre? Gar ein Sub-Genre? Oder eher eine universelle Produktionstechnik, die sich auf jeden Musikstil anwenden lässt? Ist Dub also ganz klein und scharf definiert, oder ist Dub das genaue Gegenteil: groß, offen und universell?

Nicolai: „Space is King“ – Der Raum ist der Oberbegriff von Dub, denn der Raum eröffnet Möglichkeiten. Reggae ist zwar meine Musik, aber dennoch würde ich den Begriff von Dub keinesfalls auf Reggae einschränken wollen. Ich sehe Dub viel offener.

Markus: Natürlich liegen die Wurzeln des Dub in Jamaika. Aber schon kurz nach der Erfindung von Dub hat es in Amerika bereits Dub-Versionen von Funk-und Disco-Stücken gegeben. Dub war also schon früher keineswegs auf Reggae beschränkt. Das klassische Prinzip von Dub besteht darin, dass der Toningenieur im Studio nicht nur für den Klang verantwortlich ist, sondern selbst zum Musiker wird, indem er sich die Freiheit nimmt, ein Stück mit den Mitteln der Studiotechnik neu zu interpretieren.

Thomas: Der Ursprung ist natürlich Jamaika und ich mag am liebsten die Sorte Dub, wo man den Ursprung noch raushört. Aber eigentlich sehe ich es wie Nicolai, würde aber dem Begriff „Raum“ noch „Atmosphäre“ hinzufügen. Der Raum entsteht durch die Reduktion, die Ausdünnung, die im Dub vorgenommen wird. Wir Dubber sind aus der Kirche der Substraktion. Das Weglassen reduziert einen Tune auf das Wesentliche.

Nicolai: Richtig. In vielen klassischen Reggae-Stücken gibt es magische Momente, während andere Teile eher uninteressant sind. Und da liegt das Wesen von Dub: Beim Dub lassen sich die magischen Momente eines Stückes herausgreifen und betonen. Dub ist die Essenz eines Stückes.

Thomas: Wir interpretieren allerdings ein Stück nicht unbedingt neu. Viele unserer Dubs werden von Anfang an als Dubs produziert. Da gibt es gar kein vorausgehendes „Original“ mehr.

Markus: Für mein neues Album „Nu School of Planet Dub“ hatte ich zwar „Originale“, bin aber beim Dub-Mix ganz anders vorgegangen, als die jamaikanischen Originators. Statt das Original neu abzumischen und mit Effekten zu versehen, nehme ich es komplett auseinander und baue ein ganz neues Stück daraus. Ich mache aus dem Material komplett neue Stücke. Die Konstante sind lediglich Schlagzeug und Bass – die Groove-Basis. Bei allem, was ich drüber mache, nehme ich mir ganz viele Freiheit. Warum sollte ich mich da limitieren?

Felix: Im Limitieren liegt für mich genau die Magie des Dubs. Mit weniger auskommen und musikalische Ressourcen essenzieren. Mein Ziel ist es, dabei so zeitlos wie möglich zu klingen. Ich liebe einen Sound, den es vor Jahren schon gab und den es in zig Jahren immer noch geben wird. Der aktuelle „Zeitgeistsound“ hat für mich einen großen Nachteil. Er hat zwar eine gewisse Tagesaktualität, aber eben auch nur eine begrenzte Halbwertzeit. In den 80ern war ich vorzeitgeistig (On-U-Sound infiziert) auch mit dem Konzept Dekonstruktion und Aufbrechen-der-Hörgewohnheiten angetreten. Doch da das nun in allen möglichen aktuellen Musikstilen gemacht wird, überkommt mich dabei inzwischen eine gewisse Langweile. Das Produzieren ist natürlich auch sehr einfach geworden durch den Computer. Dadurch werden die Ergebnisse inflationär und verlieren ihren Wert. Ich favorisiere inzwischen wieder einen qualitativen Sound. Es gibt eben einen Unterschied zwischen einer Platte wie „Sgt. Peppers …“ und einem auf dem Handy programmierten Dubstep. Ich orientiere mich lieber an Musik als an Technik.

René: Mich wundert, dass hier niemand sagt: „Dub ist Bass“. Denn obwohl Reggae ja bereits ein Musikstil ist, der dem Bass eine herausragende Stellung einräumt, so ist es doch der Dub, der durch das Weglassen des Gesangs und das Ausdünnen der rhythmisch-klanglichen Textur den Bass so stark betont, wie kein anderes Genre vor ihm. Ohne Dub wäre das, was heute als „Bass Music“ bezeichnet wird, gar nicht denkbar. Dub war die Blaupause für die Musik, die heute in angesagten Clubs zu hören ist.

Markus: Das stimmt. Drum & Bass, Dubstep, Trap, Moombahton – das hat sich alles aus Dub entwickelt. Praktisch die ganze moderne Dancefloor-Music.

René: Daher glaube ich auch, dass es der Bass ist, der ganz wesentlich für die Faszination von Dub verantwortlich ist.

Felix: Das physische Erleben von Musik geht mit Bass natürlich ganz einfach.

Markus: Sehe ich auch so. Diese tiefe, rollende Bassfigur erzeugt die hypnotische Wirkung von Dub. Das trancehafte, psychedelische, „trippige“ von Dub übt eine große Faszination aus. Man muss auch sagen: Das passt auch perfekt zu bestimmten Drogen.

Nicolai: Dub erinnert uns vielleicht an die Situation im Mutterbauch. Da ist man geborgen und behütet und von Flüssigkeit umgeben, durch die alle Geräusche der Umwelt gefiltert werden. Das rhythmische Schlagen des Herzens der Mutter ist ein steter Beat. Eigentlich müssten deshalb alle Menschen Dub-Fans sein.

René: Coole Theorie. Ich glaube allerdings, dass man eine besondere Disposition für Dub und Reggae braucht. Ich bin sicher jeder von uns hat das so erlebt: Man hört zum ersten Mal Reggae und es macht Klick. Da passt ein Schlüssel ins Schloss. Der Beginn einer lebenslangen Beziehung. In meinem Fall hat es dann bei Dub ein zweites Mal geklickt. Reggae und Dub gehören für mich untrennbar zusammen.

Felix: In der Ursprungsform sicher. Aber wie wir ja auch wissen, gibt es auch zahlreiche Parallelentwicklungen, die mit Reggae dann wieder nur begrenzt zu tun haben und Dub als eigenständige Kunstform propagieren, wie z.B. Downtempo, Dubhouse, Wiener Schule mit Kruder und Dorfmeister, Berliner Schule mit Rhythm & Sound etc.

Nicolai: Ich komme zwar ursprünglich vom Punk, doch heute höre ich mehr Reggae als alles andere. Deshalb ist mir beim Dub der Reggae-Flavour auch ganz wichtig. Wenn die Dub-Methode auf ein anderes Genre angewendet wird, dann finde ich das auch gut, aber es zieht mich nicht so in seinen Bann, als wenn Reggae enthalten ist. Wenn ich einen Offbeat-Skank höre, dann bin ich sofort dabei. Das wirkt bei mir wie Magie.

Thomas: Ja, Reggae und Dub gehören zusammen. Aber Dub braucht nicht unbedingt ein Reggae-Vocal-Stück als Original. Bei mir stehen Vocal-Version und Dub gleichberechtigt nebeneinander. Ich könnte und will mich gar nicht entscheiden, was ich da bevorzuge.

Exodus: Dub Goes International

René: Ich stimme Thomas voll und ganz zu. Dub ist inzwischen ein eigenständiges Genre und benötigt kein Reggae-Vocal-Original mehr. Moderner Dub basiert natürlich auf dem, was jamaikanische Studiotechniker im Laufe der 1970er Jahre entwickelt hatten. Doch mit der Übergabe des Staffelstabes des Dub von Jamaika nach England Mitte der 1980er Jahre, hat sich Dub grundlegend verändert. In Jamaika war Dub die „Version“ eines Vocal-Originals, bei der dem Mix und den Sound-Effekte die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die vorher der Stimme vorbehalten war. Dub war Zweitverwertung und an die Bedingungen des Originals gebunden. Das änderte sich erst, als Dub in Jamaika ausstarb und in Europa weiterentwickelt wurde. Man kann sagen: der Dub fand zu sich selbst. Er war nicht länger auf ein Vocal-Original angewiesen, sondern wurde direkt als Dub produziert. Das erlaubte es, die Musik auf bestimmte Qualitäten hin maßzuschneidern: auf hypnotische Repetition, auf eine dichte, magische Atmosphäre, auf Intensität und auf Bass, Bass und Bass. Dub ist nicht länger ein Derivat von Reggae, sondern ein eigenständiges Genre, das – um es mal überspitzt auszudrücken – in mancher Hinsicht heute mehr mit europäischer Club-Music zu tun hat, als mit klassischem Reggae.

Nicolai: Das, was in Europa als Dub gilt, wird von den Jamaikanern nur belächelt. Wir Europäer haben etwas Eigenes daraus gemacht. Wir haben viele Einflüsse europäischer Musik mit eingebracht.

Markus: Ich habe früher die ganzen jamaikanischen Dub-Alben gekauft. Heute sehe ich Dub aber ganz anders. Ich produziere auch meine Musik ganz anders. Ich gehe viel weiter, als nur an den Knöppen rumzudrehen.

Felix: Ich wage jetzt mal eine ganz steile These: Dass die Jamaikaner sich vom Dub entfernt haben, liegt vielleicht auch daran, dass sich der jamaikanische Dancehallsound ent-spiritualisiert hat. Es ist eben kein Rootsreggae mehr, der an die Herkunft erinnert. Eben war schon von atmosphärischem Dub, Magie und Intensität die Rede. Ich denke, wir meinen da dasselbe. So ein Zustand entsteht, wenn man „über seinen eigenen Tellerrand“ hinaus blicken kann. Das war beim 70ies Reggae mit seiner Message und den atmosphärischen Dubversions gegeben, der uns alle begeistert und beeinflusst hat. Homophobe Dancehall-Acts die in ihren Texten nur dissen und die Konsumschraube drehen, legen wahrscheinlich auch weniger Wert auf die Atmosphäre eines philosophischen Reasonings. Dass Dub dort aktuell ausgeblendet wird, ist für mich (und den Dub) eher erfreulich, weil auch sauber abgrenzend.

René: Felix’ These lautet: Dub ist in Jamaika ausgestorben, weil die Musik nicht mehr passte – „ent-spiritualisiert“ – wie du sagst. Das klingt logisch. Ist es aber nicht auch denkbar, dass es für jamaikanischen Dub einfach kein Publikum mehr gab? Höchst interessant ist ja, dass die ganzen berühmten, jamaikanischen Dub-Alben der 1970er Jahre im wesentlichen für den internationalen Markt gemacht wurden. In Jamaika wurden die Alben kaum verkauft. Dub stand in Jamaika zudem in einem ganz anderen Verwendungszusammenhang: die auf Singles gepresste Dub-Version diente als gepimpte Rhythm-Grundlage für die Live-Performance der Dancehall-Deejays. Ganz anders in Europa: Hier kauften Scharen weißer Reggae-Liebhaber die Dub-Alben und hörten sie sich ganz pur und ohne Live-Toasting auf ihren Stereo-Anlagen an. Dub ist in Europa also komplett anders rezipiert worden. Und das, was Europäer an Dub schätzen – die Atmosphäre, die Magie, das konnte der „Computerised Reggae“ und nachfolgend Dancehall nicht mehr bieten. Deshalb begannen Leute wie Mad Professor und vor allem Jah Shaka für den heimischen Markt zu produzieren und schlugen eine zum jamaikanischen Reggae konträre Richtung ein. Wurde der Reggae in Jamaika schneller, reduzierter und Vocal-dominierter, so verlangte das europäische Dub-Publikum nach langsamen, hypnotischen Beats und (durch elektronische Tanzmusik induziert) nach instrumentaler Musik. In Jamaika verschwand die gute alte Bassline aus dem Reggae, im neu entstehenden UK-Dub wurde sie hingegen bis ins unermessliche gesteigert. Kurz: der europäische Dub emanzipierte sich vollständig vom jamaikanischen Original. Von da aus entwickelten sich Drum & Bass, Garage, Dubstep und Trap.
Jetzt, wo diese Bass-Music so enorm populär ist, scheinen sich aber auch jamaikanische Produzenten wieder auf Dub zu besinnen. Das passt auch ganz gut zum Roots-Revival.

Felix: Ja klar, sobald die Musik wieder aus der Bedeutungslosigkeit erwacht und mit Inhalten gefüllt wird, funktioniert auch wieder das Raum-gebende des Dubs. Ich meine festzustellen, dass es ein vermehrtes Interesse an real gespieltem Roots-Reggae gibt. Die heutigen Youth sind – wie jede neue Generation – gelangweilt von ihren direkten Vorgängern. Sie suchen nach einem authentischen, eigenen Lebensgefühl. Das finden sie aktuell dann eher bei organischem Roots als bei den omnipräsenten, computergestützten Dancestyles. Das ist nur eine Beobachtung aus unserem Umfeld. Sicher gibt es auch andere junge Szenen, die sich gern mit Dubstep etc. beschäftigen, aber die kenne ich nicht.

Markus: Ich finde, die Jamaikaner produzieren im Moment sehr konventionell. Ganz klassisch auf Band-Ebene, so, wie man das früher schon gemacht hat. Für mich sind Produktionen aus dem Umfeld von Mad Decent und Diplo da viel interessanter, weil die alle Grenzen aufbrechen. Major Lazer mag ich teilweise auch. Trap ist fantastisch. Ich lasse mich sehr von deren Ideen inspirieren.

Felix: Major Lazer find ich auch sehr cool. Der ist frech und intelligent beim Programmieren und beim Mischen. Da stimmt es dann auch wieder mit der Qualität. Aber als Dub würde ich das nun nicht unbedingt bezeichnen, dann doch eher als gutgemachten Pop

Nicolai: Major Lazer ist mir auch zu poppig. Das letzte gute Dub-Album, das ich gehört habe, ist hingegen „Hurrican Dub“ von Grace Jones. Das ist vom Sound her phänomenal und sehr einfallsreich. Da waren gute Leute dran, ganz handgemacht. Ansonsten höre ich inzwischen wieder viele Drum & Bass-Einflüsse. Kann sein, dass dieser Sound in Zukunft wieder wichtiger werden wird. Der Wobble-Bass von Dubstep ist hingegen rückläufig. Für mich gilt: Je offener Dub ist, desto besser finde ich ihn. Ich halte es da mit Seeed: „Berliner Jungs auf Abwegen, kurz vorm Abheben, die erste Platte machen is’ wie’n extra dickes Ei legen, eigentlich müßt’s von Amts wegen mal richtig was auf’s Dach geben, Puristen, Stylepolizisten mit 7: 0 vom Platz fegen!“. Das Zitat ist wie ein Motto für mich. Mit Puristen hatte ich schon immer meine Probleme.

The Spirit of Dub

René: Puristen und Dogmatiker lassen sich unter Dub-Freunden eher selten finden – mit einer Ausnahme: die Steppers-Soundsystem-Szene ist einigermaßen orthodox und versteht sich als ausgesprochen spirituell. Was ich übrigens gut verstehen kann, denn so eine Dub-Soundsystem-Nacht hat schon etwas Metaphysisches.

Nicolai: Ich war mal bei Jah Shaka in London und muss sagen, das war wahnsinnig spirituell.

Felix: Ja, der erste Shaka Dance hat für viele Dubheads etwas von einer Einweihung. Wenn du das erste Mal mit dieser Intensität in Kontakt kommst, passiert was in dir.

Markus: Die Bässe, die einen Meter hoch im Raum stehen, die man geradezu anfassen kann, sind spirituell. Das nimmt einen körperlich ein.

Nicolai: Man kommt immer wieder auf den Bass.

Felix: Bass ist aber nur der „Treibstoff“, die Technik. Der viel zitierte „Positive Vibe“ wird meiner Meinung nach, ähnlich wie beim Gospel, durch die performte Überzeugung der Protagonisten hervorgerufen.

Nicolai: Dub ist schon spirituell. Aber nicht im religiösen Sinne. Daher ist es eigentlich ein Missbrauch, die Spiritualität von Dub allein auf das Thema Rasta zu reduzieren.

Thomas: Für mich persönlich ist Rasta und die religiöse Seite nicht bedeutsam. Das soll jeder mit sich selbst ausmachen, aber ich finde, dass der Spirit von Reggae und Dub auch ohne diese Seite fühlbar ist.

René: Ich denke, dass der Mensch eine biologisch begründete Sehnsucht nach Spiritualität hat. Bass & Space bedienen dieses Bedürfnis in meinem Falle recht gut. Ich kann aber verstehen, dass viele Fans mit einer so abstrakten Spiritualität nichts anzufangen wissen und sich dann, auch als weiße Europäer, Rastafari verschreiben. Darin liegt natürlich ein gewisser Widerspruch, an dem eines sehr deutlich wird: nämlich dass wir Fans einer Musik sind, die ursprünglich nichts mit unserer eigenen Kultur zu tun hatte. Ist das nicht merkwürdig? Eigentlich sind wir doch Kulturimperialisten.

Cultureclash

Nicolai: Die Wirkung der Musik ist allgemein menschlich. Sie wirkt auf uns unmittelbar und unabhängig von kultureller Zugehörigkeit. Es sind Töne und Schwingungen. Entscheidend ist, was mein Herz berührt. Ganz egal, aus welcher Kultur es stammt.

Markus: Ich habe mich immer schon durch rhythmische Musik angesprochen gefühlt, statt durch die Melodien klassischer europäischer Musik. Daher bin ich zwangsläufig bei Black Music gelandet. Das hat nichts mit Kultur zu tun, sondern mit dem persönlichen Empfinden.

Thomas: Wenn man anfängt, die Musik selbst zu machen, dann hat man ja die Möglichkeit, Aspekte, die nicht zur eigenen Lebenssituation passen, auszulassen. Wir lieben jamaikanische Musik, versuchen aber nicht so zu tun, als wären wir Jamaikaner. Man darf ruhig hören, dass es die kontinentaleuropäische Version ist, die wir spielen.

René: Ihr habt völlig Recht. So sehe ich die Sache eigentlich auch. Entscheidend ist das ästhetische Erlebnis, das beim Hören von Dub ausgelöst wird. Die Produktionstechnik, die kulturelle Herkunft, ja selbst die Artists sind eigentlich egal. Die Musik muss – auch ohne Vorwissen – für sich stehen und ästhetisch überzeugen können. Ich finde, dass sich Dub dazu besonders gut eignet, weil er instrumental ist. Die – der eigenen Lebenswirklichkeit fremden – Texte, bleiben außen vor.

Word, Sound & Power

Felix: Der Mainstream braucht für sein Verständnis noch immer einen Sänger, der zwischen dem Fan und der Musik vermittelt. Diese Klientel wird es mit Dub eh immer schwer haben. Dub ist dem durchschnittlichen Konsumenten viel zu abstrakt.

Nicolai: Wenn man sich die Charts (auch die Reggae-Charts) anhört, dann merkt man schnell, dass dort ausschließlich Vocal-Songs präsent sind. Die Musik steht dabei ganz im Hintergrund. Menschen lassen sich von der Stimme, dem Wort, dem Gesang leiten.

Thomas: Wir werden noch immer häufig gefragt, warum bei uns keiner singt. Dann sagen wir: Weil wir es so wollen. Das Fehlen von Gesang kann schon eine Hürde bei der Vermarktung von Dub sein. Aber wir machen es trotzdem!

Markus: Wenn du Pop-Musik wie von Lana Del Rey zum Beispiel, einmal bewusst anhörst, dann erkennst du, dass das ganz langsame, getragen Stücke sind, die komplett von der Stimme dominiert werden. Die Musik dahinter verschwindet regelrecht – und ist meist auch totaler Mist. Sie klingt sogar richtig schlecht. Die Videos sind hingegen aufwändig produziert. Mir ist das zu dünn, zu schlapp. Aber so verkauft man Musik. Das ist Mainstream. Dub ist das genaue Gegenteil.

René: Was Dub im Gegensatz zum Mainstream so spannend macht, ist die Tatsache, dass Dub deutlich vielschichtiger ist. So lässt sich Dub zum Beispiel rein körperlich wahrnehmen. Der Groove erfasst Körper und Geist und man lässt sich von ihm davontragen. Man kann Dub aber auch ganz bewusst und analytisch hören, fast so wie klassische Musik. Erst wenn er auf beiden Ebenen funktioniert, ist ein Dub wirklich gut.

Thomas: Genau. Wir spielen Konzerte, wo alle tanzen, aber auch sogenannte „Sofakonzerte“, wo das Publikum nur sitzt und zuhört. Klasse, dass das mit Dub möglich ist.

Who the Cap Fits

René: Nicht jeder weiß das zu schätzen. Mich wundert schon, dass Reggae und Dub größtenteils unterschiedliche Gefolgschaften haben. Die Szenen sind nicht identisch.

Felix: Die Reggae-Szene orientiert sich traditionsbewusst am jamaikanischen Original, während die Dub-Szene, wie wir ja schon festgestellt haben, doch eher eine internationale Sache ist. Dass sich in so einer weltoffenen Szene die Dinge in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln, empfinde ich als Bereicherung und Herausforderung, auch oder gerade weil es manchmal belustigend oder verstörend sein kann.

Thomas: Es gibt beim Reggae viele Leute, die die Faszination von Dub nicht teilen. Was aber auch okay ist. Unser Publikum besteht aus Dub-Liebhabern. Es ist nicht unbedingt das typische Reggae-Publikum. Wir spielen auch gerne in Clubs, wo eigentlich eher ein Jazz-Publikum zu finden ist. Das funktioniert sehr gut. Diese Leute haben vor allem Spaß daran, das musikalische Handwerk auf der Bühne zu betrachten.

Nicolai: Also, ich muss sagen: Das Dub-Publikum besteht vor allem aus älteren Männern und wenig Frauen.

René: Da sind meine Erfahrungen aber ganz anders. Z. B. beim Dub-Weekender in Wales, wo ich letztens war, ist das Publikum komplett gemischt. Jung und Alt und auch sehr viele Frauen. Das finde ich ja gerade gut an Dub: Anders als z. B. bei Techno oder Blues, können sich Menschen aller Altersgruppen und beider Geschlechter auf die Musik einigen.

Nicolai: Okay, die Steppers-Szene ist da anders. Da geht auch junges Publikum hin. Auch Frauen.

Markus: Dub spricht Frauen wie Männer an. Es kommt darauf an, ob Dub auf ein Reggae-Publikum hin produziert wird, oder ob man auch ein jüngeres, Club-orientiertes Publikum ansprechen will. Dann müsste man sich aber auch trauen, einen Dub-Act neben einen Techno-DJ zu stellen. Damit das funktioniert, müssten die Dubs aber ineinander gemischt werden, wie ein Club-DJ das machen würde.

Nicolai: Ich besorge dir mal auf dem Mayday einen Platz neben Westbam. Dann kannst du es beweisen.

Markus: Au ja!

Future-Dub

René: Egal ob jung oder alt, Männer oder auch Frauen: Für Dub sieht es im Moment gar nicht schlecht aus, oder? Ich habe den Eindruck, dass er wieder mehr Publikum anzieht.

Markus: Ich erlebe das momentan bei vielen jungen Leuten, die vom Dancehall kommen und den ganzen „Jump Up“-Karneval leid sind. Die kommen und entdecken die Dimension von Dub, den gewaltigen Bass.

Felix: Na, wenn das jetzt mal nicht das berühmte „Pfeifen im Walde“ ist. Für mich sind die letzten Äußerungen auch der Beweis meiner These, dass die Form allein nicht wirklich zum Ziel führt. Sonst bräuchten wir uns hier nicht gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und positive Ansätze zu suchen, dann wäre eine positive Entwicklung da. Ich setze da meine Hoffnung auf kommende Generationen, die mit Abstand die Entwicklungen und Dubvisionen für sich neu bewerten werden.

Nicolai: Ich bekomme immer noch Anfragen von Leuten, die Dub gerade erst für sich entdeckt haben und mich nach der King Size Dub Vol. 1 von 1994 fragen. Ich glaube daher, dass es Dub immer geben wird. Sound & Space sind unsterblich und werden bestimmt bald auch wieder populärer werden. Andererseits wird Dub trotzdem immer eine Nische bleiben. Geld lässt sich damit leider nur noch schwerlich verdienen. 2023 gehe ich in Rente. Was bis dahin noch passiert, muss man abwarten. Ich bin aber optimistisch, denn ich sehe nicht nur die materielle Seite. Ich liebe die Musik und die Menschen, die sie machen. Das ist es, was mir an meinen Job Spaß macht. Das wird so bleiben. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Der Bass rollt und wird weiter rollen.

Drei Dub-Alben, die den Weg in die Zukunft weisen:

Nicolai:
1. DeDuBros: Instigation
2. Dub Syndicate: Hard Food
3. Lee Scratch Perry vs. Robo Bass Hifi vs. Dubblestandart: Nu School of Planet Dub

Markus:
1. Lee Scratch Perry vs. Robo Bass Hifi vs. Dubblestandart: Nu School of Planet Dub
2. Diverse Produzenten: Dillon Francis, Etc! Etc!, Bro Safari, Elliphant, Flosstradamus

Felix:
1. White Noise: Electric Storm
2. Jimi Hendrix: Electric Ladyland
3. The Beatles: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Dlub Band

Thomas:
1. King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2
2. Umberto Echo: Elevator Dubs
3. Dubmatix: In Dub

René:
1. Hey-O-Hansen: Sonn und Mond
2. King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2
3. Dubmatix: In Dub

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Interview

19 Fragen an: The Senior Allstars

Thomas Hoppe

Dein Name: Thomas Hoppe (Schlagzeuger, The Senior Allstars)
Du lebst in: Münster
Titel eures letzten Albums: The Senior Allstars – Verbalized And Dubbed

Was ist deine Definition von Dub?
Dub ist ein originär jamaikanischer Style, der durch Reduzierung das Wesentliche eines Liedes freilegt. Durch das – völlige oder teilweise – Weglassen werden einzelne Elemente besonders hervorgehoben, sei es durch Effekte oder dadurch, dass sie lediglich in den Blick gerückt werden. Und kürzer: Ich finde auch den Begriff „Psychedelischer Reggae“ super, den Neil Perch hier im Blog benutzt hat.

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Einem guten Dub liegt ein guter Tune zugrunde. Die Bassline ist natürlich sehr wichtig, der Groove auch. Und der gute Dub besticht durch Raum und Atmosphäre. Wenn es dann noch einige magische Momente gibt, ist der gute Dub sehr gut. Ein schlechter Dub kann entstehen, wenn die Technik wichtiger ist als die Musik.

Wie würdest du euren Dub-Stil beschreiben?
Den Stil der Senior Alltars nehme ich als „kontinentaleuropäisch-authentisch“ wahr. Wir lieben die jamaikanischen Wurzeln des Dub, und das ist auch immer ein Fixpunkt. Und doch versuchen wir, unser eigenes Ding daraus zu machen. Dabei ist uns Freiraum wichtig, und irgendwie ist auch alles analog. Es gibt beispielsweise nicht eine programmierte Delayzeit bei uns auf der Bühne, der Faktor Zufall soll unbedingt mit an Bord bleiben.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von euch aus?
Da gibt es zwei Wege, die wir als Band genommen haben und immer noch nehmen: Entweder gibt es einen Song, und wir machen später einen Dub davon. Also der klassische Weg. Oder ein Lied entsteht direkt als Dub-Tune. Das besondere bei den Senior Allstars ist, dass jeder sich selbst dubbt. Und dass wir uns ein hohes Maß an Freiraum bewahren. So ist jeder live gespielte Dub immer wieder ein wenig anders. Und wenn es gut läuft, entstehen vielleicht die oben erwähnten magischen Momente.

Wann bist du mit einem von euch produzierten Dub zufrieden?
Wenn ich ihn nicht mehr als Musikschaffender höre, sondern als Musikhörer. Wenn mir also nicht mehr der Kopf, sondern der Bauch sagt, dass der Song mir gefällt.

Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Prince Buster: The Message Dubwise
Keith Hudson: Pick A Dub
King Tubbys: Meets Rockers Uptown
Lee Perry/The Upsetters: Super Ape
Burning Spear: Garvey´s Ghost
Linton Kwesi Johnson: LKJ In Dub

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
King Tubby. Einfach als der wichtigste Wegbereiter dieses wundervollen Genres.

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Ich freue mich immer noch über jeden Dub von Victor Rice. Und das seit fast 20 Jahren.

Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
Wenn ich meine Top-Alben-Liste anschaue, dann sind das wohl die 70er! Weil die Alben aus dieser Zeit die Essenz von Dub definieren und auch heute noch auf den Punkt bringen. Und weil vielleicht gerade wegen der limitiereten technischen Möglichkeiten die Ergebnisse besonders musikalisch sind.

Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Curtis Mayfield: There’s No Place Like America Today (alter Schinken, neu entdeckt).

In welcher Form kaufst du deine Musik: Vinyl, CD, Download, Abo? Warum?
Ich bin eindeutig Vinyl-Fan. Zur Begründung ziehe ich ein aufgeschlagenes Rolling Stone-Magazin aus dem Regal: „Vinyl ist die romantische Art Musik zu hören, es ist das andächtigste Format. Du musst teilnehmen, aufstehen, die Nadel platzieren.“ Das hat Jack White gesagt, so schön konnte ich selbst es nicht ausdrücken. Ich besitze natürlich auch CDs, aber bei einigen Musikrichtungen – und dazu gehört auch Dub – ist mir Vinyl besonders wichtig. Die einzigen Dub-CDs, die ich mir in den letzten Jahren bewusst gekauft habe, waren die Greensleeves „Evolution Of Dub“-Boxen. Aber da entstand dann schnell das Bedürfnis, die tollsten Alben auch noch auf Vinyl zu suchen. Und wenn ich mir dann das Prince Buster-Label meiner „The Message Dubwise“ anschaue, krumm ausgeschnitten und windschief zentriert, herrlich!

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Nein. Ich versuche es aber auch gar nicht (mehr). Das bringt dem Musikmachen Zeitprobleme, aber auch Entspannung. In unserer Band ist das allerdings ganz gemischt.

Mit welchem Artist würdet ihr gerne einmal zusammen arbeiten?
Auf unserem letzten Album haben wir gerade mit so vielen Leuten kooperiert, über deren Mitarbeit ich mich gefreut habe: Felix Wolter, Tokunbo, Umberto Echo, Dubmatix … Aber doch, Linton Kwesi Johnson auf einem Track von uns, das wäre ein Traum für mich!

Was ist deine besondere Stärke?
Meine und die Stärke meiner Band ist, glaube ich, dass wir uns zu „weniger ist mehr“ nicht zwingen müssen, sondern dass es von innen kommt. Das passt zu der Musik, die wir spielen.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Dass ich ihn überhaupt nicht als „Job“ wahrnehme. Und dass ich im Musikmachen versinken und alles andere vergessen kann.

Wovor graust es dir im Studio?
Vor gar nichts. Ich liebe Studio-Sessions, weil es eine besonders intensive Form des gemeinsamen Musikmachens ist. Die Aufmerksamkeit aller ist bis aufs Äußerste geschärft, und wenn es gut läuft, ist das wohl so was wie ein Flow-Erlebnis.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Musik hören, Vater sein, Sport. Ach ja, und zum Musikmachen gehört ja auch noch das ganze Drumherum. Da gibt’s dann auch Büroarbeit.

Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand von Dub?
Individuell wahrgenommen ganz gut. Ist Dub ein rüstiger Mensch mittleren Alters? Oder sollten wir sogar mal „Forever Young“ von Alphaville dubben? Die kamen immerhin auch aus Münster. Ich schweife ab …

Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Es wird immer Leute geben, die der Faszination des Dub-Reggaes von King Tubby, Lee Perry und Co. erliegen. Und es wird immer Leute geben, die Dub weiterentwickeln und Elemente davon für spannendes Neues benutzen.

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Interview

19 Questions to: Braintheft

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Your Name: Mathieu Pé aka Dubble Dubble (Keys and Trumpet by Braintheft, Brass Wood & Wires, The Magic Touch …)
You live in: Berlin
Titel of your latest album: Pressure Drop

What is your definition of dub?
Dub is first a minimal, mostly instrumental bass oriented, somewhat psychedelic and Trance evolution of Jamaican popular music bringing post-production techniques to the front. It started in the 60’s as an emancipation of the sound engineer as central part of the creative process. The Mixing desk became an instrument. Dub had a huge influence worldwide. The minimal and trance aspects brought a whole new time perception in popular music leading the way to all electronic styles as we know them now.

What is essential for a good dub?
Space and Bass!!!

What is the difference between a good and a bad dub?
Who am I to judge? I’d say I like or I don’t.

How would you describe your style of dub?
I try to keep up to the roots staying away from computer as much as possible, using actual instruments and analog gear.  So hopefully it sounds more authentic.

What is your process of creating a typical dub-track?
Well, the good old way of doing it was first to record a song with the band. Then bounce it down to eight discrete tracks in order to mix it on the flight at the mixing board with all sort of effects connected to it.  So that’s how I like to work too. I believe to get inspired by limitations.

When you’re satisfied with a dub produced by you?
If I felt the flow while mixing and there’s no major issues: I’m happy. I believe the better is the enemy of the good. Most of the time first takes have that thing you can’t reproduce.

What are your personal top 5 dub albums?
In no particular order:

Augustus Pablo: King Tubby meet Rockers uptown
Serge Gainsbourg feat. Sly and Robby: Aux armes etcetera
High Tone: Opus Incertaint
Scientist: Heavy wheight Dub
Jackie Mittoo: Champion of the Arena

Who is the greatest dub artist of all time for you?
Guess what…  the King:  King Tubby. The simple fact that he was the first makes him untouchable.

And who is the currently most interesting dub-artist?
The Breadwinners (Alan Redfern at Bakery Studio). Best sounding dub I heard in a long time. All analog, pure feeling. Check him out.

What is the musically most interesting decade for you? Why
The seventies for sure. Because the electrification of music brought a lot in all styles. New genres popped out everywhere. It was a very creative time. Probably because back then the music industry, the distribution, democratization of private copy, the access to musical instruments boomed like crazy.

Where is the biggest market for your music?
France is the last el-dorado. We played at the last Telerama Dub with Braintheft. It was amazing to see how young the crowd was! The venue was packed of Bass addicted youngsters! Go west!

Are you able to earn a living with your music?
Not really. And I’m not running after it otherwise I’d make compromises to do so.

Which artist would you like to work with?
There is so much… and not only in dub. I’d say Victor Rice would be one of them just to keep that list short.

What is your particular strength?
Inner peace.

What do you enjoy most about what you are doing?
Playing ! In all contexts would it be behind the mixer or instruments, at home, with friends, on stage …

What horrifies you in the studio?
The time/money factor! There’s never enough time in studio!

When not tinkering with dubs, what do you prefer to do?
Playing trumpet! Tweaking Synths!

What is the current health status of dub?
Dub and music in general knows no illness. In todays world where musical  vividness tends to be measured in financial success, talking about health of a style makes little sense. Money is at the root of all evil and it affects music as everything else.

How do you see the future of dub?
It will still be there in fifty years because Dub artists have experimentation in the blood. So I guess it will keep on and on, mixing with other styles.

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Interview

19 Fragen an: Dub Spencer & Trance Hill

dub spencer and trance hill(337 von 1)-Bearbeitet mit korn

Dein Name: Philipp Greter (Keyboarder und Produzent von Dub Spencer & Trance Hill)
Du lebst in: Luzern (Schweiz)
Titel eures letzten Albums: William S. Burroughs IN DUB – conducted by Dub Spencer & Trance Hill (Echo Beach 2014)

Was ist deine Definition von Dub?
Folgende Merkmale definieren für mich „Dub“:
• off-beat-feeling
• keine klaren Songstrukturen
• sehr reduziert gespielt
• wenig oder kein Gesang
• mit Effekten angereichert, so, dass der Zuhörer in die Musik abtauchen kann.
Die reale Umgebung kann dabei schon mal Entrücken. Ich liebe es, wenn man beim Hören plötzlich zweifelt, ob ein Geräusch aus den Boxen kommt, oder ob es von einem zwitschernden Vogel auf dem Fensterbrett stammt.

Was ist bei einem guten Dub unverzichtbar?
Ein tiefer warmer Bass-Sound.

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Die Handschrift des Produzenten oder der Band sollte man heraushören. Darin liegt die Schwierigkeit und die Kunst. Es gibt viele Dub-Tracks, die klingen einfach zu beliebig.

Wie würdest du deinen Dub-Stil beschreiben?
Wie ich oben den „Dub“ definiert habe, mit einem psychedelischen Einschlag. Sehr prägend für unseren Stil ist der verzerrte Gitarrensound von Markus Meier, was eigentlich im Dub eher untypisch und selten ist. Des weiteren der absolut tiefe Basssound von Marcel Stalder und die Virtuosität des Schlagzeugers Julian Dillier.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von euch aus?
Wir spielen alles live und gemeinsam in tage- und nächtelangen Aufnahme-Sessions ein. Anschliessend wird das Material durch den Dubwolf gedreht (der steht bei mir zu Hause in meinem kleinen Homestudio). Und schon fertig.

Wann bist du mit einem von euch produzierten Dub zufrieden?
Tja, das ist so eine Sache … Wenn es in meinen Ohren gut klingt, bin ich zufrieden. Meistens erst dann, wenn der Termin gekommen ist, um das Material abzuliefern ;-)

Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Augustus Pablo and King Tubby: Rockers meets King Tubby in a Firehouse
The Upsetters: Blackboard Jungle Dub
Jackie Mittoo: Champion in the Arena
Rhythm & Sound: The Versions
Trentemøller: The last Resort
Wohlverstanden: Es gibt noch hunderte andere, die auch hier hin gehörten …

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
King Tubby. Miterfinder des Dub. Mit den beschränkten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, hat er grossartige Aufnahmen hin gezaubert!

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Umberto Echo. Live am Mischpult sowie als Studio-Produzent. Absolute Sahne! Darum lieben wir es auch so, mit ihm zusammen zu arbeiten (er ist natürlich auch ein ausserordentlich feiner Kerl ;-).

Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
Jetzt und die Zukunft. Weil wir noch nicht wissen was kommt.

Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Bin leider nicht gerade auf dem aktuellsten Stand … Die Produktionen von Aldub gefallen mir sehr gut, so wie auch die Blood and Fire Sampler.

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Zum Teil … Als Gebrauchtwagenhändler würde man wohl besser verdienen;-)

Mit welchem Artist würdest du gerne einmal zusammen arbeiten?
Sind leider alle schon gestorben.

Was ist deine besondere Stärke?
Unsere Stärke liegt im Kollektiv. Als Live-Band schaffen wir es immer wieder, Leute mitzureissen, die eigentlich gar nichts mit Dub-Musik am Hut haben.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Keine Grenzen zu haben und Leute zu begeistern!

Wovor graust es dir im Studio?
Wenn die Technik nicht funktioniert und wenn das Bier alle ist …

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Familienausflüge ;-)

Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand von Dub?
Da muss ich den Arzt fragen. Sicher schon alt und gebrechlich. Aber wir leben ja immer länger. Ab und zu ein Lifting, dann kommt’s schon gut.

Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Solange ich lebe, lebt auch der Dub, nachher ist es mir Wurst.

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Interview

Interview: Dubmatix

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Man muss sich an einen neuen Gedanken gewöhnen: der beste Dub und Dub-orientierte Reggae kommt nicht länger aus England oder Frankreich (auch nicht aus Deutschland oder gar Jamaika). Er kommt aus: Kanada! Denn dort sitzt der zur Zeit fleißigste, talentierteste und wohl auch cleverste Produzent des Genres: Dubmatix. Er ist nicht nur ein Studiovirtuose par excellence, sondern auch ein unglaublich reflektierter Künstler und Perfektionist, der mit seinem untrüglichen Gespür für den ultimativen Groove Produktionen raushaut, die den gegenwärtigen State of the Art des Genres definieren. When music hits, you feel no pain – zum Glück, kann man nur sagen, denn die Rhythms von Dubmatix schlagen mit unbändiger Kraft zu. Doch diese Kraft erwächst nicht aus Bass und noch mehr Bass, sondern ist das Ergebnis eines feinst ausgeklügelten Arrangements und perfekt sitzenden Timings, das jedes einzelne Element der Musik zur höchsten Wirkungsentfaltung bringt. Vor 10 Jahren hat dieser studierte Musiker die Arbeit aufgenommen und seither 6 brillante Alben produziert (Dub und Vocal). Nun verrät er, wie seine Musik entsteht und was ihre besondere Qualität ausmacht.

Was ist deine Definition von Dub?
Space! Raum, experimentieren und Freiheit. Im Zentrum von Dub stehen Drum & Bass. Sie bilden das Fundament. Der Song, die Instrumentierung, die Effekte und das Arrangement dienen lediglich dazu, dieses Fundament zu stärken. Dub ist eines der wenigen Musikgenres, die nahezu unbegrenzte Freiheit bieten – alles ist möglich. Für mich ist Dub die höchste Form des musikalischen Ausdrucks. Es gibt keine festen Regeln.

Dein Vater ist ein recht bekannter Jazz-Musiker. Hat er deine musikalische Entwicklung beeinflusst?
Mein Vater spielte Blues, Funk, Rock, Jazz – einfach alles, und wir hatten stets Bands bei uns zu Hause, mit denen mein Vater probte. Außerdem durfte ich bereits als kleines Kind bei Tourneen mitfahren und habe auch viel Zeit im Studio verbracht. Meine Eltern waren auch Reggae-Fans und hörten schon den jungen Bob Marley. Mein Vater spielte während der frühen 70er Jahre in einer der ersten Reggae-Bands in Toronto. Im Laufe der Jahre hat mich das alles stark beeinflusst: die Plattensammlung meines Vaters, die Musik, die er selbst spielte – und natürlich auch die Ermutigung meiner Eltern, ein Instrument zu lernen und jede Art von Musik auszuprobieren. Das alles schuf den Kern dessen, was ich heute in musikalischer Hinsicht bin.

Du hast ein abgeschlossenes Musikstudium. Wie wirkt sich die akademische Ausbildung auf Deine Musik aus?
Ich habe bereits als kleines Kind angefangen Schlagzeug zu spielen. Mit 11 Jahren bot man mir die Möglichkeit, ein zweites Instrument zu lernen: Tuba oder Bass. Es war eine leichte Wahl – ich entschied mich ohne zu zögern für den Bass. Also habe ich die nächsten 7 Jahre gelernt, Kontrabass zu spielen. Ich lernte Musik zu lesen, Musik zu interpretieren und als Teil eines Ensembles zu spielen. Es war eine fantastische Erfahrung. Zeitgleich lernte ich auch Klavierspielen und nahm Jazz-Gitarren-Stunden. Das alles hat mich schließlich befähigt, musikalische Ideen zu begreifen, sie umzusetzen, aufzunehmen, zu mixen und schließlich auch zu veröffentlichen.

Man würde erwarten, dass so jemand eher Klassik oder zumindest Jazz spielt. Wie bist du zum Reggae gekommen?
Ich habe viel Klassische Musik gehört, aber auch viel Blues, Rock, Metal, Punk, Hip Hop, Funk und Reggae – praktisch jedes Genre. Aber da ist etwas am Reggae, das mich besonders anspricht. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass meine beiden wichtigsten Instrumente, Drum & Bass, zugleich die wichtigsten Instrumente des Reggae sind. Außerdem bietet Reggae mit seinen Sub-Genres eine so vielfältige musikalische Landschaft, in der man herumtoben und experimentieren kann, dass mich das ungemein inspiriert. Eines guten Skanks werde ich zudem nie überdrüssig. Und überhaupt ist Reggae eine unglaublich erhebende, positive Musik. Ich liebe Marleys Textzeile: „When music hits, you feel no pain“. Sie drückt genau das aus, wofür die musikalische Kunstform „Reggae“ steht.

In wie fern hilft dir deine musikalische Ausbildung bei der Produktion von Reggae?
Ich habe in den letzten 25 Jahren die meiste Zeit in Studios verbracht und viel mit Stilen und Techniken experimentiert. Ich habe gelernt, genau zu verstehen, was ich da mache und wie ich bestimmte Sounds kreieren kann. Aber meine eigentliche Ausbildung bestand darin, mir die Reggae-Produktionen der 70er Jahre anzuhören, und herauszufinden, wie sie diesen trockenen Drum-Sound hingekriegt haben, oder wie sie es angestellt haben, den Bass so weit und fett klingen zu lassen, oder warum es so gut klingt, wenn die Bläser leicht verstimmt spielen, oder wie sie diesen unglaublich perkussiven Gitarren-Skank produziert haben. Diese Kenntnisse sind ganz entscheidend in meiner heutigen Studioarbeit. So wie man lernt, indem man z. B. ein Jimi Hendrix-Solo Note für Note nachspielt, so habe ich versucht, King Tubby-Mixe „nachzuproduzieren“ und die sauber-polierten Marley-Aufnahmen oder den reduzierten Sound eines Burning Spear nachzuahmen.

Deine Produktionen sind komplex und unglaublich detailreich, zugleich aber klingen sie ganz einfach und klar. Wie machst du das? Was ist dein Ansatz, Reggae zu produzieren?
Experimentieren und schichten, konstruieren und dekonstruieren, das sind die wesentlichen Elemente. Ich starte stets mit einem Drum-Muster oder einer Bassline – von da aus entwickelt sich der ganze Song. Ich probiere viel aus: One Drop, Stepper, Half Step, Blend, etc. – so lange bis ich das perfekte Drum-Muster zur Bassline (oder umgekehrt) gefunden habe. Sobald ich einen Drum & Bass-Rhythm habe, mit dem ich zufrieden bin, schichte ich die Instrumente übereinander: Organ-Bubbles, Organ-Skanks, Piano-Skanks, Guitar-Skanks, Gitarrenriffe, Orgelriffe, Synthis (wenn‘s passt), Percussion, etc. Wenn der Track so weit steht, dann kann es sein, dass ich mich entscheide, das programmierte Schlagzeug durch ein live gespieltes zu ersetzen oder die Bassline neu aufzunehmen. Ich vertiefe mich so lange in die kleinsten Details, bis alles perfekt aufeinander abgestimmt ist. Für mich ist Musik wie ein Puzzle, wo jedes Stück seinen Platz hat. Jedes Instrument, jeder Effekt, jeder Sound hat seine ganz spezifischen Position. Den letzte Schritt bildet schließlich das Hinzufügen der Effekte: Echo, Hall, Reverb, Phasers, Sound-FX, Cymbal-Crashes, Drum-Rolls.
Dann höre ich aufmerksam hin. Hat das Stück einen durchgängigen Flow, von Anfang bis ganz zum Schluss? Sind da belanglose Elemente, die ich ohne Verlust entfernen kann? Manchmal entferne ich einen ganzen Refrain oder eine Strophe, wenn ich das Gefühl habe, dass das Stück irgendwo einen Hänger hat. Wenn ich beim Hören mit den Gedanken abschweife, dann ist das ein Zeichen für mich, das Stück zu kürzen oder umzustrukturieren.
Erst wenn ich das Stück anhören kann, ohne dass mich noch irgend etwas stört, dann weiß ich, dass ich mit der Arbeit fertig bin. Ich bin da sehr eigen. Es kann ein einziger Hi-Hat-Beat sein, den ich nicht mag, der mir unangenehm auffällt. Dann setze ich mich hin und bastle so lange an ihm herum, bis er endlich stimmt. Erst dann bin ich zufrieden.

Gerade in letzter Zeit hast du viele Vocal-Tunes aufgenommen. Wie wählst du die Artists aus, mit denen du arbeiten möchtest? Wie kontaktierst du sie? Gibst du ihnen vor, was sie singen sollen?
Als ich 2007 für mein Album „Renegade Rocker“ anfing, Artists meine Rhythms voicen zu lassen, habe ich sie fast alle über Myspace kontaktiert. Ranking Joe, Pinchers, Sugar Minott, Mykal Rose, Linval Thompson – alle über Myspace! Heute läuft das über Promoter, Tour-Manager und Freunde.
In der Regel schicke ich den Artists einige ausgewählte Rhythms von mir und lasse sie entscheiden, welchen sie voicen wollen. Für mich ist genau das der Grund, warum ich mit ihnen arbeiten möchte: Ich möchte ihren Vibe auf dem Rhythm haben. Sie sollen singen, was ihnen in den Sinn kommt. Normalerweise produziere ich spezifische Rhythms für einzelne Artists, genau in dem Stil, der zu ihnen passt. So habe ich Alton Ellis zum Beispiel einen Rocksteady-Rhythm geschickt. Sobald ich die Vocals bekomme, nehme ich sie mir intensiv vor. Der Großteil der Vocals, die auf meinen Produktionen zu hören sind, wurden mehr oder weniger stark editiert. Manchmal entferne ich ganze Strophen oder teile sie auf, oder ich erschaffe einen Refrain aus einer Hookline, die ich irgendwo in einer Strophe entdeckt habe. Stets mit dem Ziel, die Gesamtproduktion zu bereichern. Eine wichtige Technik, die ich entwickelt habe, besteht einfach darin, einem Song Raum zum atmen zu gewähren. Bei fast allen meinen Tracks ist das zu hören: Nach einem Refrain setzt der Gesang erst nach frühestens vier Takten wieder ein. Statt dessen können vielleicht die Bläser einsetzen, oder ich lasse einfach die Musik laufen. Es ist mir ganz wichtig, dass der Gesang Ebbe und Flut hat, also dynamisch in die Musik eingebettet ist und den Song niemals dominiert.

Was inspiriert dich?
Reisen und Touren öffnet mir die Ohren für neue Musikstile und neue Sounds, mit denen ich dann unbedingt experimentieren möchte. Bei unserer Tour im letzten November zum Beispiel, hörten wir während der Fahrt zwischen zwei Auftritten stundenlang MUSE. Der Sound bohrte sich in meinen Kopf. Als ich dann wieder zu Hause im Studio war und Songs für mein Album „Rebel Massive“ aufnahm, ließ ich einige dieser Ideen in den Song mit Prince Jazzbo (R.I.P.) einfließen. Gleiches gilt für bestimmte Steppers-Sounds, die mir begegnet waren, ebenso für Dubstep und Jungle. Momentan inspiriert mich Congo Natty, der Erinnerungen an den 90ies-Jungle in mir weckt.