Adam Prescott Meets Joe Ariwa

Seit Vater Neil Fraser, der verrückte Professor, in Teilrente ist, kümmert sich sein Sohn Joe um neue Ariwa-Produktionen. Und da er eine Vorliebe für Kooperationsprojekte mit anderen Produzenten hat, gibt es jetzt das Album „Adam Prescott Meets Joe Ariwa“ (Ariwa). Beide haben ihre Produktions-Skills zusammen getan, Black Steel und Ashanti Selah (Sohn von Aba Shanti-I) als Musiker engagiert und feiste Roots-Rhythms gebaut: klassischen One-Drop, aber auch wuchtigen Steppers. Aus meiner Sicht sind letztere besser gelungen. Sie machen mit purer Energie wett, was ihnen an Melodie und Arrangement fehlt. Indeed: die meisten Dubs sind nicht sonderlich inspiriert. Da helfen auch die beiden Vocal-Tunes von Ranking Joe und Donovan KingJay nicht wirklich. Eben so wenig wie Adam Prescotts Melodicaspiel. Ich finde es wunderbar, dass Joe die Arbeit seines Vaters fortführt, aber so richtig haben mich seine Alben bisher nicht begeistern können. Leider macht „ Adam Prescott Meets Joe Ariwa“ da (wieder) keine Ausnahme.

Meine Wertung:

Natural Numbers: Field Reality Dub

Nach langem Überlegen habe ich mir das zweite Album der Natural NumbersField Reality Dub“ (Stones Throw) vorgenommen. Es handelt sich dabei um ein Projekt von Tom Chasteen, einem amerikanischen Musikclub-Besitzer, Reggae-Produzenten und (Hobby)Mixing-Engineer aus Los Angeles. Das bereits 2015 erschienene Album der Natural Numbers (Natürliche Zahlen) wurde größtenteils im klassischen Reggae Vintage-Stil abgemischt. King Tubbys Einfluss offenbart sich besonders auf der ersten Seite des Albums. Beim zweiten Teil dieses zehnteiligen Sets betritt Tom Chasteen jedoch unüberhörbar Neuland. In einer Pressemitteilung des Labels beschreibt er diesen Umstand, als „das Eindringen eines neuen Lichts“. Die klassischen Riddims sind für amerikanische Verhältnisse richtig heavy ausgefallen und wurden von einer Band mit Musikern von Wilco und Mazzy Star sowie dem legendären jamaikanischen Bassisten George „Fully“ Fullwood von Soul Syndicate eingespielt. Zu den Vokalgästen des Werks gehören Lone Ranger, Ranking Joe, Tony Tuff, Edi Fitzroy sowie Trinity, dessen Stimme ich gefühlt schon ewige Zeiten nicht mehr auf einem aktuellen Album gehört habe. Keine Angst, es ist ein Dub-Album, die Vocals blitzen nur gelegentlich aus den Aufnahmen hervor.

Das Album lässt sich tatsächlich in zwei Teile unterteilen. Die ersten fünf Tracks sind im Rub-A-Dub-Style mit ein paar unerwarteten akustischen Momenten gehalten. So hört man im melodischen und leicht ätherischen „Rastaman“ ein paar schöne Orgelpassagen und eine leicht düstere Gitarre. Was mich jedoch viel mehr begeistert, ist die für den Reggae/Dub untypische Slide-Gitarre bei „National Version“. Die letzten fünf Tracks sind wesentlich experimenteller und psychedelischer mit ungewöhnlich viel Gitarren im Mix ausgefallen. So klingt „Dub of Shadows“ beinahe wie eine Dub-Version von Led Zeppelin. Bei „Seven Times Rise“ und besonders „Stars No Moon“ klingen die Percussions und quietschenden Gitarren so, als hätten Adrian M. Sherwood und sein Kumpel Bonjo I von African Headcharge (in Form des „neuen Lichts“?) dem Aufnahmestudio einen Besuch abgestattet. Mit „Dawn Observation“, dem letzten Titel des Albums, verlässt Tom Chasteen endgültig das klassische, vertraute Dub-Terrain und wendet sich avantgardistischeren Klängen zu. Hier erinnert mich der Sound immer wieder an die Soundexperimente des „Krautrockers“ Manuel Göttsching und seiner Band Ash Ra Temple.

Unterm Strich ist „Field Reality Dub“ ein höchst inspirierter, kurzweiliger und richtig spannender Dub-Ausflug.

Meine Wertung:

Mad Professor Meets Gaudi

Leute, da gibt’s ein neues Album, „Mad Professor Meets Gaudi“ (Ariwa), und ich weiß nix darüber! Habe Google intensiv befragt und Gaudis Facebook-Timeline abgescrollt bis mir der Finger abfiel – Ergebnis: nada. Keinerlei Hintergrundinfo aufzutreiben. Bleibt also die reine Blindverkostung. So viel ist immerhin klar: Die Backings stammen aus unterschiedlichen Quellen. Vielleicht aus Gaudis umfangreichem Oeuvre? (14 Soloalben, mehr als 250 Produktionen). Immerhin hat er zuletzt Steele Puls’ neues Album produziert und an Lee Perrys „Rainford“ als Musiker mitgewirkt. Der Name Marty Dread verweist auch ganz klar auf Gaudi. Also nehmen wir mal an, dass Gaudi und Mad Prof einige ihrer jüngeren Tapes zusammen gewürfelt und gedubbt haben. Vielleicht mit einigen frischen Overdubs? I don’t know. Ist aber auch egal, denn entscheidend ist ja nur, was hinten raus kommt – wie ich zu sagen pflege. Und das ist gut! Kraftvolle Rhythms mit schönen Basslines und gelegentlichen Gesangsfetzen, superb im Mad Prof-Style gemixt. Immer ein wenig overdone, zugleich aber auch virtuos. Der Professor ist ja weniger ein Freund des Weglassens. Er präferiert statt dessen einen effektvollen Sound, der einem den Kopf schwirren lässt. Wie Funken zünden seine Effekte in einer akustischen 360-Grad-Ansicht: unablässig, permanent und dauerhaft. Nach dem Zuhören braucht man erst mal eine Pause. Wie wäre es da mit Gaudis epochalem „Earthbound in Dub“ von 2000? Ist nämlich auch nicht schlecht.

Meine Wertung:

Skafandros Orkestra & Victor Rice: Fubah Dub Versão

Eine Frage gleich mal vorweg, ist das (noch) DUB? Ich kann mich noch sehr gut an unsere lebhafte Diskussion bei RazTek vor über einem halben Jahr erinnern: „Was DUB soll, kann, muss, darf und was überhaupt DUB ausmacht.“ Schlussendlich kamen wir zu keiner zufriedenstellenden Definition. Auffallend ist generell, dass die heutigen Dub-Masters wie Adrian Maxwell Sherwood, Prince Fatty und jetzt, wie in diesem Fall, Victor Rice offenbar diese Problematik überhaupt nicht kennen und die Grenzen des Dubs immer wieder gerne in ganz unterschiedliche Richtungen und Genres verschieben. Bei mir laufen sie damit offene Türen ein. Die Rede ist hier vom Skafandros Orkestra, einer 11-köpfigen brasilianischen Musikertruppe, die einen ganz eigenen Sound kreiert. Hier werden Ska mit brasilianischen Rhythmen wie Ijexá, Jongo, Frevo, Maracatu, die aus dem brasilianischen Karneval bekannt sind, meisterlich kombiniert. Den New Yorker Bassisten und Produzenten Victor Rice, der schon viele Jahre in Brasilien lebt und arbeitet, muss ich im Dubblog sicherlich nicht mehr vorstellen. Auf alle Fälle hat er sich das zweite Album der Truppe „Fubah“ nochmal vorgenommen und „Fubah Dub Versão“ (Radiola Records) gemixt, gemastert und produziert. Die neun Tracks wurden nicht, wie im Dub oft Usus, von Victor Rice komplett zerlegt und neu zusammengefügt, nein, er hat hier hauptsächlich und ganz dezent mit Echo und Hall gearbeitet. Herausgekommen ist ein vielschichtiges, (klang)farbenfrohes, tanzbares!?! Instrumental-Dub-Werk, das wirklich in die Beine geht. Beim vorliegenden Album gelingt Victor Rice das Kunststück, die Spielfreude und harmonische Kraft der sechs Blechbläser mit Drums, Percussions und Sanfona (Akkordeon) geschickt ins Gleichgewicht zu bringen. Genau diese Balance zwischen jamaikanischer, afro-brasilianischer und jazziger Musik, kombiniert mit der kraftvollen, harmonischen und orchestralen Struktur, macht das Skafandros Orkestra zu einem einzigartigen und unverwechselbaren Ensemble in der heutigen Musiklandschaft.

Meine Wertung:

Dub Spencer & Trance Hill Featuring Umberto Echo: Live in Leipzig

Als die vier Schweizer letztes Jahr ihr „Christmas in Dub“-Album vorlegten, war klar, dass Dub Spencer & Trance Hill verrückt geworden sind. Nun schicken sie mit „Live in Leipzig“ (Echo Beach) ein Live-Dub-Album nach. Aber Dub in Live geht doch gar nicht! Crazy! Allerdings: da gibt es bekanntlich jenen Münchner Mixing Desk-Wizzard namens Umberto Echo. Während des Auftritts in Leipzig, nahm er das komplette Album vom Live-Mischpult auf. Ohne weitere Bearbeitung wurde es jetzt veröffentlicht. Was soll ich sagen: Es geht! Das Live-Album ist richtig, richtig gut geworden. Ich habe den Verdacht, dass nicht selten ein im Studio entstandenes Dub-Album tot-perfektioniert wird. Es wird dann so lange herum gefrickelt, arrangiert und gemixt, bis dabei die Seele der Musik auf der Strecke bleibt. Bei „Live in Leipzig“ ist das Gegenteil der Fall. Die Bühnen-Energie der Dubs ist geradezu physisch spürbar. Rau, direkt und kraftvoll – Dub Spencer & Trance Hill waren mit ihrem Psychedelic-Dub nie authentischer. Absolut verblüffend ist zudem die Soundqualität der Aufnahme: sauber, crisp und der Bass tonnenschwer. Wäre da nicht der Applaus des Publikums, man könnte fast vergessen, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt. Übrigens gibt’s keineswegs nur verstümmelte Weihnachtslieder zu hören. Sechs der neun Tracks stammen von älteren Alben der Dub-Cowboys.

Meine Wertung:

Senior All Stars: Related

Hey, die Senior All Stars haben ihr Album „Elated“ gedubbt! Merkwürdig, ich dachte eigentlich, das wäre schon ein Dub-Album gewesen. So kann man sich irren. Doch was mir vor drei Jahren gut gefiel, kann jetzt nicht schlecht sein. Und so ist es auch: „Related“ (V.O.R.) – wie es clever betitelt wurde – ist super. Sogar noch besser, als das Original, denn ich liebe Hall und Echo – und vor allem Bass. Und dann wäre da auch noch der Mix. Ich wage mal zu behaupten: Mehr holt selbst Mad Professor aus einem Mischpult nicht heraus. Ich rede hier nicht von spektakulären Overdubs oder Remixes, sondern vom guten, alten Dub-Handwerk: Regler rauf und runter, Spuren an und aus, Effekte rein und raus. Gar nicht so einfach, mit so basalen Mitteln noch viel zu reißen. Den Allstars ist es jedenfalls gelungen. Selten habe ich so kontrastreiche, spannende Mixes gehört, wie auf „Related“.

PS: Das Album gibt es tatsächlich (zunächst?) nur auf Vinyl.

Meine Wertung:

Hotdrop: The Secret Dubs

Hallo Dubblog-Gemeinde, hier kommt mein Weihnachtsgeschenk an euch. Ein Re-Release des italienischen AQuietBump Netlabels aus dem Jahr 2008, eine EP der Band HotdropThe Secret Dubs“. Das Cover erinnert frappierend an Bass Culture von Linton Kwesi Johnson. Viel ist über Hotdrop im WWW leider nicht zu erfahren. Nur soviel: Es soll sich bei der EP um älteres, jedoch bislang unveröffentlichtes Material der Band handeln. Die ersten vier Titel wurden Victor Rice überlassen, der den Tracks in seinem Studio El Rocha in Sao Paulo ordentlich Reverbs, Tape-Delays und einen schönen, klassischen Dub-Mix verpasste. Den letzten beiden Tracks hat sich Jambassa, ein 2000 von Carmine Minichiello (Gamino) & Raffaele Gargiulo (Papa Lele) gegründetes, italienisches Dub Projekt gewidmet. Der im direkten Vergleich wesentlich „modernere“ Jambassa-Sound, atmet dennoch erfreulicherweise den Geist des Roots-Reggaes der 70er und 80er Jahre. Hotdrop sind eine spanische Roots-Reggae-Band aus den Vororten Madrids, die sich bereits im Winter 2004 gegründet und seither ein paar interessante, klassische Showcase-Alben veröffentlicht haben. Ach ja, dieses Album sowie alle anderen Alben der Band sind in alter Netlabeltradition natürlich als „name-your-price“ zu haben.

Meine Wertung:

Khruangbin: Hasta el cielo

Hier haben wir mal wieder eine schöne Bestätigung meiner alten These, dass Dub auch ohne Reggae funktionieren kann: „Hasta el cielo“ (Night Time Stories) heißt das Dub-Reworking des 2018 erschienenen Albums Con Todo El Mundo des texanische Trio Khruangbin. Dieses Trio um die Sängerin Laura Lee hat mit Reggae nix am Hut, sondern spielt – jetzt kommt’s – Thai-Funk! What? Thai-Funk ist die thailändische Adaption von afro-amerikanischem Funk. Khruangbin imitieren also das Imitat – und erreichen damit auf Spotify über 20.000 Streams. Weird! Dieses populäre Thai-Imitat ist nun durch den Dub-Wolf gedreht worden von einem bisher ziemlich unbekannten Dub-Kollektiv aus Texas: Brilliantes Del Vuelo. Das Dub-Werk haben sie ganz im Geiste ihres und der Bands Meister vollbracht: Overton „Scientist“ Brown – und so kommen wir schließlich auf vertrautes Terrain. Dessen alten Channel One-Alben haben nämlich nicht nur Sängerin Laura Lee als Übungsvorlage zum Erlernen des Bassspiels gedient, sondern die Band überhaupt erst auf den Geschmack von Dub gebracht. Ihm und seinem Stil huldigt „Hasta el cielo“ mit jedem Echo. So ist aus einer – zugegeben – schon ziemlich spannenden Vorlage ein sehr spaciges, vertracktes, anspruchsvolles und zugleich hypnotisierendes Dub-Werk entstanden, das in Bass und Hall schwelgt, dem Funk-Groove aber vollständig treu bleibt. Statt sie mit Effekten zuzuschütten, hat Brilliantes Del Vuelo die Originale in ihre Einzelteile zerlegt, alles nicht absolut Notwendige entsorgt und den Rest dann zu minimalen Tunes mit maximalem Space neu zusammen gefügt. Khruanbin-Gitarrist Mark Speer bringt das Wesen des Dub in einem treffenden Satz auf den Punkt: „Dub ist wie die Röntgen-Aufnahme eines Albums.“ Stimmt, der Mann hat verstanden, worum es geht: Um Reduktion und Transparenz. Hall und Echo dienen nur dazu, zusätzlichen leeren Raum zu erzeugen, um die Instrumente darin noch isolierter wirken zu lassen. Hier zählt jeder Schlag auf die Snarre, jede gezupfte Bass-Note und – vor allem – jede Pause zwischen den Tönen. Und zur Krönung des Ganzen hat Scientist himself sog

Meine Wertung:

Die Dub Top Ten 2019

Wow, was für eine Resonanz! Danke für eure überwältigende Teilnahme. Ihr habt gewählt und das ist eure Dub Top Ten 2019:

1. Aldubb: Planets Of Dub Vol. 2
2. Jah Schulz: Railroad Versions
3. The Last Poets: Understanding what Dub is
4. J. Robinson (WhoDemSound): More Than Music LP
5. Mato: Classical Dub
6. Ras Teo Meets Lone Ark: Ten Thousand Lions
7. Jim The Boss: Dub In Hifi
8. UB40: For the Many (Dub Album)
9. Guiding Star Orchestra: Natural Heights
10. Lee Perry: Heavy Rain

Various Artists: Ras Asana

Kennt jemand von euch das I Yahn I Arkestra aus Philadelphia, Pennsylvania? Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass sich dieses Projekt bisher unter meinem Radar bewegte. Das vorliegende, vor 2 Jahren erschienene, Album „Ras Asana“ (I Yahn I Arkestra) ist eine Kollaboration der Gründungsmitglieder des I Yahn I Arkestras (Ras Jah D, Kaseaopia) zusammen mit Chuck Treece, Radha Gopinath Das Marinelli, Timi Tanzania (Dub Warriors) und HR (Bad Brains). Diese sieben Space-Dubs spiegeln die Verschmelzung der spirituellen Welten von Dub und den sieben Chakren des Yogas wider. Ich neige sogar eher dazu, sie als „High Consciousness Music“ zu bezeichnen, oder eine Art von „Heavy Dub“, der ganz stark von den Altmeistern King Tubby, Count Ossies Nyahbinghi Sessions und Ras Michael beeinflusst wird. Diese geniale Musik atmet aber auch den Geist des legendären Sun Ra, erweckt gleichzeitig Assoziationen, die unweigerlich an die Psychodelik der alten Pink Floyd, das jazzige Mahavishnu Orchestra, die fantastischen Jam-Sessions von The Grateful Dead und die Radikalität der Bad Brains denken lassen. Der Raum ist erfüllt von unendlich vielen, verschiedensten, indischen Perkussions, Keyboards unterschiedlichster Art, spacigen Soundscapes und mystischen, gleichzeitig hypnotischen Free Form-Gesängen. Man hat unweigerlich das Gefühl, sich in einem indischen Tempel zu befinden, wo die bunten Farben, die Gerüche, der Weihrauch, die Stimmung und die zarten Klänge der Glöckchen die Sinne fluten. Insgesamt eine unglaublich spannende Reise für Dub-Reggae-Astronauten in neue akustische Territorien.
Chuck Foster beschrieb diese Musik sehr treffend: „Heavyweight Groundation Music for the Masses.“ Ich kann nur raten, begebt euch schnellstens auf Entdeckungsreise in die weiten, unbekannten Welten des Dubs!

Meine Wertung: