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International Observer: Bat

Langsam gehen mir die lobenden Worte aus. Über die Werke von International Observer – hinter dem sich der Lead-Singer der historischen Thompson Twins, Tom Bailey, verbirgt – habe ich mir schon die Finger wund geschrieben. Ich liebe seine relaxten Dubs über alle Maßen. Am meisten fasziniert mich, dass sie einerseits unfassbar entspannt, andererseits aber hochspannend sind. Ein verrücktes Paradox. Wer Reggae und Dub aus Neuseeland kennt, ahnt aber, was ich damit meine: Perfekt getimte Rhythms voller Groove und innerer Spannung, dargeboten in Zeitlupe. Faszinierend. Außerdem kennt Tom Bailey sein Handwerk. Seine Tracks sind superb produziert: knackig, dynamisch, volltönend. Und dann wären da noch das ausgeklügelte Arrangement, die fantastischen Basslines und die wunderbaren, bunt schillernden Melodien. Alles vom Mix zu einem großen, umfassenden, vielschichtigen Wohlklang verwoben.

Für die Dubs von Tom Bailey gibt es eigentlich keine Schublade. Es handelt sich zweifellos um hundert Prozent Reggae-Dub handwerklicher Perfektion, der sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat. Verrückt, oder? Tom hat eine ganz und gar eigenständigen Dub-Stil erschaffen, der sich zwar formal der Ästhetik des Reggae bedient, die Genre-Konventionen aber ansonsten hinter sich lässt. Keine „Jah“-Ausrufe, keine Sirenen, kein Steppers, keine historischen Basslines oder Bläsersätze – Observer Dubs sind ganz und gar sie selbst, ohne Zitate und oberflächliche Referenzen. Deshalb kann ich mir seine Musik auch beim besten Willen nicht auf einem Sound System-Event vorstellen. Undenkbar! Aber zu einem neuseeländischen Pop-Open Air-Festival würde sie perfekt passen.

Die Akribie der Produktionen erklären auch, warum der Observer nur sporadisch neue EPs (geschweige denn komplette Alben) veröffentlicht. Hier geht Qualität vor Quantität. „Bat“ (Dubmission) ist sein neustes Werk. Es ist nach „Mink“ und „Pangolin“ die dritte EP in der „Tier-Reihe“ – und diese ist selbstredend so hervorragend wie auch alle anderen Arbeiten dieses außergewöhnlichen Dub-Protagonisten.

Bewertung: 5 von 5.
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Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle: To drive the Dub Starship through the Horror Zone

Häufig ertappe ich mich bei der Frage: „Wie würden Jim Morrison, Jimi Hendrix, Bob Marley u. v. a. heute klingen, wenn sie nicht viel zu früh gestorben wären?“ Diese Frage drängt sich mir auch bei Lee „Scratch“ Perry auf. Nein, nein, Scratch ist gottlob noch am Leben. Aber was wäre gewesen, wenn Lee „Scratch“ Perry in den späten 1970er Jahren nicht in eine zunehmend unberechenbare, depressive und destruktive Phase gerutscht wäre, die als Endresultat im Abfackeln seines Black Ark Studios in Washington Gardens, Kingston mündete? Wie würden heute Alben aus dem Black Ark Studio klingen? Zum Glück gibt es einen Adrian Maxwell Sherwood und einen Daniel Boyle, die noch die Fähigkeit besitzen, diesen weit über 80-jährigen alten Herrn zu Höchstleistungen anzuspornen.

Maxwell Livingston Smith alias Max Romeo fertigte im Black Ark bereits 1976 zusammen mit Lee Perry und den Upsetters sein Meisterstück – ein bis heute gewaltiges, weit sichtbares Bergmassiv in der weiten Reggaelandschaft. Beinahe 40 Jahre nach „War ina Babylon“ veröffentlichten 2015 Max Romeo, Daniel Boyle, Lee „Scratch“ Perry und drei Ur-Upsetters eine weitere Zusammenarbeit: „Horror Zone„. Auf keinen Fall ist „Horror Zone“ ein billiger Abklatsch von „War ina Babylon“, sondern eher ein gelungenes Anknüpfen an alte Zeiten, also eher eine Art Weiterentwicklung. Dem Vokal-Album „Horror Zone“ lag das Dub-Album in guter alter Manier bereits bei. Und was folgt nun? Nachdem „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ schon 2020 in limitierter Vinyl-Auflage zum Record Store Day erschienen war, folgt jetzt das Dub Album des Dub Albums in digitaler Form. Boyle und Perry haben die original „Horror Zone“-Dubs erneut einer Bearbeitung am Mischpult unterzogen und einen Kosmos mit Unmengen von höhlenartigem Hall und analogen Spezial-Effekten veredelt, die laut Credits Lee „Scratch“ Perry zugeschrieben werden. Wieder einmal bekommen wir überzeugend zu Gehör gebracht, dass es für Perry & Boyle keine Herausforderung darstellt, ein bereits gutes Dub-Album ein weiteres Mal abzumischen, denn diese zwei Dubmaster sind immer in der Lage noch einen draufzusetzen. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen, denn die Zwei haben eine intergalaktische, dubwise Supernova erschaffen, welche die gesamte Galaxie noch heller erstrahlt als das Original.
Produziert, aufgenommen und gemischt wurde in Daniel Boyles Rolling Lion Studio ausschließlich mit analogen Geräten aus den 50ern bis in die 80er Jahre und charakteristischem Black Ark-Sound, der jedoch verständlicherweise nicht zu 100 % erreicht wird. Nichtsdestotrotz bin ich mir ziemlich sicher, dass „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ ein neuer Klassiker in Lee „Scratch“ Perrys Gesamt-/Lebenswerk sein wird.

Bewertung: 5 von 5.
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Bost & Bim: Warrior Brass

Und schon wieder ein unfassbar gutes Reggae-Instrumentalalbum: Bost & Bim: „Warrior Brass“ (Bombist). Ich muss ja gestehen, dass ich sehr auf gute Instrumentals abfahre, denn wie Dub erfüllen sie ein wesentliches Kriterium: keinen Text. Seien wir ehrlich: Text ist im Reggae ziemlich überbewertet. Die Zeiten der Rebel Music und ihrer sozialkritischen Texte scheint seit Jahrzehnten vorbei zu sein. Längst müssen wir uns mit verbalen Ergüssen zu Themen wie Religion, Herb oder Sex zufrieden geben oder uns gar homophoben oder gewaltverherrlichenden Philippiken aussetzen. Mich ärgert das – oder langweilt mich zumindest. Wie schön ist es da doch, sich ganz purer Musik hinzugeben. Musik, die ganz sie selbst sein kann, die nicht im Dienste einer Textbotschaft steht und zum „Backing“ degradiert wird. Deshalb liebe ich auch diese latent arrogante Tradition im Dub, eine Gesangsstimme bereits nach wenigen Worten einfach im Echo verhallen zu lassen …

Doch ich mag gute Reggae-Instrumentals nicht nur wegen dessen was fehlt, sondern auch wegen dessen, was sie mehr haben – und ich muss gestehen, dass das nicht in gleichem Maße für Dub gilt – nämlich den vollen, satten Sound einer komplett besetzten Reggae-Kapelle. Höre ich z. B. das Stück „Tommy’s Mood“, dann drückt da nicht nur der Bass aus den Subwoofern, sondern eine ganze Wall of Sound kommt auf mich zugerollt. Ein üppig reiches, harmonisches und wohlig warmes Klangbild, garniert mit ebenso sanften wie kraftvollen Blechbläser-Sätzen. Perfekt durcharrangiert, superb eingespielt und satt produziert – Reggae mit Bläser-Sektion ist stets eine Wonne.

Bost & Bim sind übrigens als Reggae-Produzenten eine durchaus beachtenswerte Nummer – was ich gar nicht so auf dem Schirm hatte. So haben die beiden Franzosen bereits erfolgreiche Tunes für Morgan Heritage, Chronixx oder Winston McAnuff produziert. Matthieu Bost ist zudem ein begnadeter Saxophonist, was er hier auf „Warrior Brass“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Komplettiert wird die klassische Brass-Section durch Trompete (Manuel Faivre) und Posaune (Marc Delhaye). Neben den drei Hauptperonen sind weitere hervorragende Musiker am Werk, wie z. B. Ticklah, Horseman oder Mista Savona. Es gibt übrigens nicht nur Bläsersolos zu hören, auch andere Instrumente kommen zum Zuge und übernehmen den Lead. Daher erinnert „Warrior Brass“ immer auch ein wenig an ein Jazz-Album – eine Assoziation, die nicht zuletzt auch von der Cover-Gestaltung stark getriggert wird. Tatsächlich aber ist es aber eher eine Hommage an klassische jamaikanische Instrumentalmusik, mit vielen charmanten Zitaten (z. B. Lee Perry), kleinen Exkursionen zu Nyabinghi und Calypso und zwei Tommy McCook und Cedric Brooks gewidmeten Titeln.

Bewertung: 5 von 5.
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Alborosie: Back-A-Yard Dub

Es ist Freitag, der 23. April, heute erscheint Alborosies sechstes Dub Album. Machen wir uns nichts vor, der Kandidat ist damit gekürt. Man wird „Back-A-Yard Dub“ kaum von der Pole Position der diesjährigen Dub-Charts verdrängen können. Weil es nicht nur grandios klingender, moderner Old School Dub in der Tradition echter Versions ist, sondern auch ein für sich allein funktionierendes Hörereignis, das selbst ohne Deejay, Dancehall oder Sound System mit mörderischen Wellen alles wegbläst, was sich ihm in den Weg stellt. Das Album ist das Pendant zu der vor wenigen Wochen veröffentlichten Wailing Souls LP „Back A Yard“, die Alborosie mit viel Eighties Tamtam, Simmons und Synthie Drums in seinem Studio produziert hat. Flabba Holt von den Roots Radics hat den Bass gespielt, Tyrone Downie von den Wailers die Keyboards. Nachdem das Kraft strotzende Alterswerk der Wailing Souls im Kasten war, hat Puppa Albo die „Alborosie Dub Station“ angeschmissen. Es ist sein neuestes Spielzeug, ein von ihm entwickeltes Plug-In, das in der Lage ist, die typischen Effekte aus King Tubbys Studio zu reproduzieren. Wobei der Hall und der Sound des Tubby Tape-Echos weniger spektakulär, aber doch sehr nice sind. Absolut krass jedoch der digitale Nachbau des High Pass Filters. In Kombination mit der Instrumentenvielfalt der Wailing Souls Vorlage und den Dubskills von Alborosie sorgt das neue Effektboard für ein monströses Spektakel. Montiert zu einem anarchischen Ping-Pong-Exzess voller Hall- und Filtereffekte, die man so noch nicht gehört hat. Vergleichbar mit der Soundgewalt eines Groucho Smykle. Der aber muss zusätzliche Keyboards aufnehmen, um seinen Wall Of Sound zu inszenieren. Alborosie dagegen profitiert von der Vielschichtigkeit seiner Produktion und packt für den Dub noch ein paar gefühlte dB mehr drauf. No matter what the people say, these sounds lead the way! Sein Mix ist wie eine Verkaufsempfehlung für das von ihm entwickelte Gerät, und erste Reaktionen in den Social Media lassen bereits erkennen, dass dieses Plug-In in nächster Zeit den Dub auf breiter Fläche beherrschen wird. Dass die LP „Back-A-Yard Dub“ heißt – und damit meint: zurück in Jamaika – und die Verpackung an die Ästhetik der alten Stempeldruck Cover erinnert, spielt nicht nur zufällig darauf an, dass Alborosies Dub dort entsteht, wo er herkommt. Gäbe es 10 Sterne, diese LP würde 15 kriegen.

PS: Als der Text geschrieben wurde, waren noch keine Streaming-Links freigeschaltet. Hörproben gibt’s hier. Oder man vertraut dem Rezensenten und besorgt sich gleich die LP. Das Vinyl wird’s eh nicht ewig geben.

Bewertung: 5 von 5.
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Sumac Dub: Ex-Home Session

Selten habe ich so viel Zeit zuhause verbracht, wie in den letzten Wochen. Corona sperrt uns in unseren Wohnungen und Häuser ein. Diese Klausur ist quälend, kann aber auch Quell großer Kreativität sein. Auf Tom Dorne aka Sumac Dub scheint das zuzutreffen, denn er hat gerade eine herausragende, wunderschön melancholische EP mit dem vielsagenden Titel „Ex Home-Session“ (ODGProd) veröffentlicht. Nicht nur verweist der Titel auf die heimische Isolation (im schönen Grenoble), sondern er knüpft auch an Toms „Jam Session Vol. 1“ von 2019 an. Nahtlos, denn hier wie dort überwiegt ein ruhiger, meditativer Sound, durchzogen von Ambient-Geräuschen wie z. B. Vogelgezwitscher und manchmal begleitet vom Violinen- oder Klavierspiel des Meisters himself. Auch die aus Reden oder Lesungen gesampleten Vocals sind typisch für die beiden Werke. Es ist aber vor allem die „Ex-Home Session“, die mich ih ihren Bann zieht. Die magische Stimmung der ersten Tracks ist überwältigend. Tieftraurig, düster, schwer und doch kraftvoll. Sanfte Beats mit dosierten Klavier-Akkorden und melancholischem Geigenspiel garniert. Unfassbar schön. Dann folgt der Track „Imminent Departure“ und mit ihm eine Sound-Metamorphose zu Dub-Techno – was schockierend, aber absolut schlüssig ist. Die warm pluckernden Minimal-Techno-Beats führen nur logisch fort, was die beiden vorangegangenen Tracks „Petit Prince“ und „The Hadal Tone“ begonnen haben.

Verblüfft haben mich allerdings die beiden letzten beiden Tracks, denn sie stammen von den Bass Trooperz. Keine Ahnung, ob Tom bei denen mitmischt oder ob er deren Tracks hier nur als Dubs abmischt. Jedenfalls passen auch sie perfekt ins Gesamtwerk, featuren schönes Sitar-Spiel und atmosphärisches Wellenrauschen – drehen dann bei den Beats aber deutlich auf. Das setzt einen positiven und energetischen Schlusspunkt hinter eine der schönsten Dub-EPs der Corona-Zeit.

Bewertung: 5 von 5.
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Blundetto: Good Good Dub

Auf dieses Album habe ich mich so richtig gefreut: Blundetto, „Good Good Dub“ (Heavenly Sweetness). Gefährlich, denn eine solche Vorfreude mündet aufgrund der hohen Erwartungen ja nicht selten in einer Enttäuschung. Doch nicht bei „Good Good Dub“! Das Album des Franzosen ist schlicht very good good! Natürlich handelt es sich um die Dub-Version des im letzten Jahr erschienenen Albums „Good Good Things“ – das wiederum ein verspäteter Nachfolger von „Bad Bad Things“ ist. Wer Blundetto nicht kennt: Es handelt sich um den Franzosen Max Guiget, der seine Musik in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der Nähe des Gare du Nord zwischen einer gigantischen Vinyl-Plattensammlung, alten Aufnahmegeräten, exotischen Instrumenten und übervollen Aschenbechern aufzunehmen pflegt. Verschrieben hat er sich globalen Sounds – insbesondere Latin – und maximal entspannten Rhythmen voller rauchiger Atmosphäre. Reggae hört man auf seinen „normalen“ Alben eher selten. Ganz anders jedoch auf deren Dub-Counterparts! Blundetto weiß nämlich, was Dub wirklich benötigt: Ein Reggae-Fundament. Okay, so richtig solide ist es manchmal nicht, aber das wäre für den Sound-Nerd auch zu einfach. Seine Kunst besteht vielmehr darin, exotische Zutaten zu einem faszinierenden Sound-Amalgam zu verschmelzen, das von intensiver, dichter – manchmal durchaus melancholischer – Atmosphäre geprägt ist. Wer sich darauf einlässt, die fette Atmosphäre in vollen Zügen einatmet, Ohren und Geist öffnet, kann nicht anders, als dieser Musik zu erliegen; sich in sie fallen zu lassen wie in ein Bett aus Zuckerwatte und schließlich voller Genuss zu versinken. Wunderschön! Nur sieben Tracks – dafür aber mit so viel emotionalem Gehalt wie anderswo sieben Alben.

Bewertung: 5 von 5.
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Aldubb & Mr. Glue: Der Mensch

„Ich mag einfach Alben.“, konstatiert Aldubb. »Die Entwicklung, dass die meisten Artists nur noch Singles zu produzieren, gefällt mir nicht. Für mich ist einAlbum mehr als die Summe seiner Singles. Die logische Fortführung des Gedankes, mehrere Einzelstücke zu einem Gesamtwerk zusammenzufassen ist das Konzeptalbum. Eigentlich ist „Der Mensch“ aber kein klassisches Konzeptalbum, das Konzept besteht eher in der ungewöhnlichen Kombination aus Dub und Deutschunterricht.« Da untertreibt der seit „A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor“ ungeschlagene Konzeptalben-Großmeister Aldubb aber gewaltig. Sein neues Werk „Der Mensch“ macht doch schon im philosophisch anmutenden Titel klar, dass es hier keineswegs nur um ein Duzend ordinärer Dubs gehen kann. Ein Konzept besteht in einer übergeordneten Idee, an der sich das Werk ausrichtet, eine Idee, die ihm Form und Sinn verleiht. Diese Idee ist bei Aldubbs neuem Album „Der Mensch“: deutsche Lyrik. What?? „Die Idee entstand so:“, erklärt er, „Mr. Glue gefiehl es, wenn während unserer Dubherz-Radio Shows gerade Instrumentals liefen, immer mal wieder 1-2 Sätze Literatur zu zitieren. Anfangs waren das nur Vierzeiler, bis ich mir dann einen Dub schnappte und ihn mit einem längeren Text zu einem Song arrangierte. Das war der Song „Die Liebe“. Inhaltlich haben wir uns dann relativ schnell die beiden Schlagworte „Der Mensch und die Liebe“ als Leitfaden gegeben. Innerhalb weniger Wochen hatten wir dann 9 Texte aufgenommen.“ Was Aldubb hier schildert, hört sich so selbstverständlich und naheliegend an, ich frage mich allerdings, warum niemand zuvor auf diese grandiose Idee gekommen ist. Tagein, tagaus setzen wir uns geduldig der Beschallung mit Langweil-Texte über Religion, Gras und Sex aus – ein Grund übrigens, warum ich kaum noch „normalen“ Reggae hören mag. Dabei gibt es so wunderschöne Lyrik, die es nur mit so wunderschöner Musik zu kombinieren gilt, um ein so wunderschönes Hörerlebnis zu erschaffen wie „Der Mensch“. Aldubb und Mr. Glue haben Dub Poetry soeben neu erfunden. Gott sei Dank, sind die beiden nicht der Versuchung erlegen, deutschsprachige Lyrik mit atonaler oder sonst wie verkopfter „Kunstmusik“ zu unterlegen. Nein, wir hören hier superb produzierte, handgemachte Dubs, kraftvoll und zugleich sensibel, akribisch arrangiert und gemixt, perfekt gemastert und vor allem ungemein musikalisch: „Ein glücklicher Zufall führte dazu dass Toni Farris, der übers Wochenende mit der Evolution-Band im Studio zu tun hatte, Zeit fand, die damals fast fertigen Songs mit ein paar seiner genialen Piano-Melodien zu würzen und damit gewaltig auf zu werten.“, verrät Aldubb.

Ich habe in letzter Zeit selten ein Album mit so viel Genuss gehört. Von wegen „Deutschunterricht“! Dub und Lyrik gehen hier eine Verbindung ein, die viel, viel mehr ist als die Summe aus den beiden beiden Komponenten. Die Worte bekommen zusätzliche Kraft durch die Musik und die Musik wird durch sie noch mehr zum bewussten „Hörerlebnis“. Lasst uns doch ein neues Dub-Genre daraus machen! Ich wäre dabei.

Wer allerdings unter – vom real existierenden Deutschunterricht seiner/ihrer Kindheit zugefügten – Konditionierungsschäden gegen Lyrik leidet, findet auf „Der Mensch“ übrigens auch alle Dubs ganz nüchtern ohne Poesie. Auch schön.

Bewertung: 5 von 5.

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Bunny Wailer: Dub D’sco Vol. 1

Eine sehr traurige Nachricht erschüttert gerade die Reggae/Dub-Welt. Der letzte noch lebende Wailer aus dem Triumvirat der Wailing Wailers, Bunny Wailer, ist gestern (02.03.2021) 73-jährig im Kingstoner Krankenhaus gestorben. Aus diesem traurigen Anlass möchte ich nochmal die „Dub D’sco Vol. 1“ in Erinnerung bringen. Ein Album, das Bunny Wailer 1977 auf seinem Solomonic-Label veröffentliche und das von mir damals wie heute abgefeiert wird. Bunny Wailers erstes Dub-Album enthält (nur) sieben Tracks, die laut Bunny Wailer speziell für die Dancehall Massive ausgewählt wurden.
Das Album wird perfekt mit „Roots Raddics“ (aus Roots, Raddics, Rockers, Reggae) eröffnet. Ein heute immer noch unglaublicher und richtig packender Dub. Darauf folgt das mäandernde „Battering Down“ (aus Blackheart Man), das eine großartige Dub-Stimmung verbreitet, die träge und auf faszinierende Weise dahinfließt. Es ist immer wieder eine wahre Freude, die andere Dimension des Original-Gesangsstücks zu hören. Als Nächstes kommt „Armagedon“ (aus Blackheart Man), eine atemberaubende, mit Nyahbinghi Drumming verfeinerte, räumliche Klanglandschaft. Eine weitere großartige Version ist „Fig Tree“, die viele Vocals im Mix enthält. „Love Fire“ (aus Love Fire) erinnert ein wenig an „Dub Of Parliament“, Lee Perrys Dub-Version des Meditations Klassikers „House Of Parliament“. Die Hymne „Rasta Man“ (aus Blackheart Man) ist eine fantastische Dub-Version mit einer schillernden Atmosphäre. Sehr schön, wie gerade da Carly Barretts Drumming herauszuhören ist. Abgerundet wird dieses unglaubliche Meisterwerk durch „Dream Land“ (aus Blackheart Man), das ein paar herrlich kitschige Weltraum-Synthie-Klänge enthält.
Die meisten der auf Dub D’sco Vol. 1 enthaltenen Songs werden den Reggae-Fans mehr als geläufig sein, dennoch ist es immer wieder eine aufregende Erfahrung, sie in einem anderen, hier Dubwise-Stil zu hören. Die Art und Weise wie alle Songs von den weniger bekannten Dub-Meistern Sylvan Morris und Karl Pitterson im Kontrollraum eine inspiriert klingende Dub-Behandlung erhalten haben, kann als Sternstunde des Dub bezeichnet werden. Selten wurden der Instrumentierung und vor allem Bunny Wailers Stimme in Dub-Mixes so viel Raum gelassen. Es mag sein, dass Dub D’sco mit seinen Spezialeffekten etwas überproduziert daherkommt, aber letztendlich macht die Stärke der Songs und die exquisiten Darbietungen der Musiker dieses Album zu einem absoluten Muss für den Die-Heart-Dub-Fan.
R.I.P. Neville O’Riley Livingston aka Bunny Wailer

Bewertung: 5 von 5.
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The Mikey Dread Show: African Anthem Dubwise

„Him don’t steal, him don’t gamble, talking ‘bout man called Michael Campbell“ heißt es an einer Stelle auf der LP . Michael Campbell (1954 – 2008) alias Mikey Dread kam zu Ruhm, als er 1976 nach einer Ausbildung zum Radio- und Tontechniker eine enorm erfolgreiche Radioshow beim Jamaican Broadcasting Service (JBC) startete, mit der er an sechs Tagen der Woche vier Stunden lang um Mitternacht das Reggae-Radio-Format erfand. Er war der Erste, der im Sound System Style live on air ging. Nach zwei Jahren überwarf sich Campbell mit JBC. Er kündigte, gründete das Dread At The Control (DATC) Label und begann, sich selbst und andere zu produzieren. Die ersten LPs aus dem Jahr 1979 kopierten sowohl das Prinzip wie auch den Titel seiner eingestellten Radiosendung: Auf dem Debüt „Dread At The Controls“ (a.k.a. „Evolutionary Rockers“) präsentierte sich Campbell als eine Mischung aus MC und Deejay. Gleich mit dem Nachfolger „African Anthem Dubwise“ gelang ihm dann nicht nur sein bestes Album überhaupt, sondern auch eine der brillantesten Dub LPs aller Zeiten. Ein Monster der Version-Kultur, das wesentlich zur europäischen Erfolgsgeschichte des Dub beitrug. Als Basis dienten je zwei von Mikey Dread produzierte Songs von Rod Taylor („Behold Him“ + „His Imperial Majesty“) und Edi Fitzroy („Country Man“ + „Miss Molly“) sowie fünf seiner eigenen Titel. Die Riddims wurden von Prince Jammy in einer Nachtsession bei King Tubby gemischt und anschließend nach London verfrachtet. Dort kübelte der 2016 verstorbene, mit Campbell und Jammy eng befreundete Engländer Dave Hendley, auf dessen kurzlebigem Cruise Label „African Anthem Dubwise“ zuerst erschien, eine Wagenladung an Jive Talk, Synthie-, Sound- und Stimmeffekten über die rohen Dubs, was ihnen eine archaische Wildheit verlieh. Im Gegensatz zu den ebenfalls in England vorgenommen Overdubs bei den Greensleeves Alben von Scientist war die Aktion mit Mikey Dread abgesprochen bzw. ausdrücklich von ihm bestellt. Er hatte Hendley dafür ein vorbereitetes Tape mit Gimmix gegeben, die alle aus seiner Radioshow stammten. Darunter viele Jingles wie „Oh my gosh, the music just turns me on“, „Riddim full of culture, ya“ oder „Brandnew – Good For You“, die zu tausendfach gesampelten Klassikern wurden. „African Anthem Dubwise“ erschien zuletzt vor 15 Jahren in einer erweiterten Deluxe Version mit anderem – banalen – Cover. Music On Vinyl hat die LP im Original Artwork wiederveröffentlicht, mit modernem, bauchigen und weniger schrillen Sound. Zuerst erschien sie limitiert auf 1.000 nummerierten Exemplaren in blauem Vinyl, am 29.01.2020 kommt sie in schwarzem Vinyl. Alles was es sonst zu der Platte zu sagen gibt, erklärt Big Youth im Auftakt zu Seite Zwei: „Who is the man who plays Roots Rock Reggae? Michael Campbell, the Dread at the control, to thrill your soul. Alright? Alright!“ (Der Text erschien zuerst in RIDDIM 04/20 und wurde aktualisiert.)

Bewertung: 5 von 5.

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Clive Hunt & The Hit Team: Blue Lizzard

Zum Glück hat es NUR 12 Jahre gedauert bis uns Clive Hunt ein neues Instrumental/Dub-Album vorlegt. 2008 war ich wegen „Clive Hunt & The Dub Dancers“ völlig aus dem Häuschen und setzte das Album auf Platz drei meiner Jahrescharts. Nun ist sein neues Werk da: „Blue Lizzard“ (VP) – und ich bin schon wieder aus dem Häuschen. Für alle, die Clive Hunt nicht kennen: Er war Studiomusiker auf Hunderten von Tracks (meist in der Horn Section, am Bass oder an den Keyboards) und hat mindestens ebenso viele Tracks produziert. Eine wichtige Station in den 70ern war seine Produktionstätigkeit im Wackies-Studio, wo er u. a. für das legendäre Dub-Album „African Roots Act 1“ aufnahm. Nach 2000 wurde er Hausproduzent von VP Records und verantwortete u. a. das schöne „We Remember Dennis Brown“-Tribut-Album. Nun also „Blue Lizzard“ – benannt nach Hunts Spitznamen. Was für ein superber Sound! Präzise, crisp, tight, volltönend, warm und wohlig. Kein Wunder, wenn die Bläser Bobby Ellis, Nambo Robinson und Dean Fraser, die Keyboarder Robbie Lyn und Bubbler Waul, der Gitarrist Wayne Armond sowie die Drummer Squidley Cole und Kirk Bennet heißen. Ein wahres Hit Team! Sie spielen wunderschöne Evergreens neben neuen Kompositionen, allesamt ausgeklügelt und abwechslungsreich arrangiert – kein Vergleich zu so mancher allzu glatter Taxi Gang-Produktion. Erst im Kontrast zu solch perfektem Handwerk fällt auf, welch erbärmliche Produktionsqualität so manche moderne Dub-Alben bieten (die dann allerdings oft andere Qualitäten haben). „Blue Lizzard“ ist Old School im besten Sinne. Da die Bläser im Zentrum des Geschehens stehen, bemüht VP den Vergleich zu Rico Rodriguez’ „Man From Wareika“. Das ist nicht abwegig. Hätte der Perfektionist Rico sein Album heute aufgenommen, würde es wahrscheinlich klingen wie „Blue Lizzard“. Es ist zu befürchten, dass es nicht mehr lange Reggae-Produzenten und -Musiker geben wird, die diese herausragende handwerkliche und künstlerische Qualität abliefern können. Ein Grund mehr, jetzt ganz aus dem Häuschen zu sein.

Bewertung: 5 von 5.