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Soul Revivers: Grove Dub

Ein neuer Name mit altbekannten Protagonisten aus dem Sound-System-Dub-Umfeld der West-Londoner Nachbarschaft von Ladbroke Grove und Notting Hill. Hier entstand in den späten 70ern das Coverfoto, hier hat Nick Manasseh sein Studio The Yard, wo er zusammen mit David Hill die Soul Revivers ins Leben gerufen hat. Beide sind eher dem linken Flügel der jamaikanischen Musik zugetan und lieben die Roots der 70er Jahre. Der eine war Steppaz-Influencer der ersten Stunde und hat mit Sound Iration gespielt, der andere wurde nach seiner Zeit bei den Ballistic Brothers Berater für Label wie Soul Jazz oder Auralux. Mit Musikern der lokalen Jazz- und Reggae-Szene produzierten Manasseh und Hill im Yard das Album „On The Grove“, eine Kollektion von Vocal- und Instrumental-Tunes. Daran beteiligt unter anderen der Gitarrist und Gründer der Band Galliano und der Ruff Cut Drummer Adrian McKenzie, dessen filigran-virtuoses Spiel in dem Retro & Roots Set die stilistische Brücke zur Gegenwart baut. Die Hälfte der Songs sind jazzig angehauchte Instrumentals, zwei davon dienen dem Gitarristen Ernest Ranglin als Vorlage für Improvisationen. Ein opulenter Bläsersatz ist mit Veteranen wie Henry Tenyue, der schon auf Aswads „Live & Direct“ dabei war, und jungen Stars der Szene besetzt. Darunter die Trompeterin Sheila Maurice-Grey, deren Afro-Jazz-Band Kokoroko derzeit in London alles abräumt. Sie spielt das Solo auf der Instrumental-Version zu Earl 16s „Where The River“. Die Vocaltunes stammen durchweg von prominenten Artists. Earl 16 hat noch einen zweiten Tune, basierend auf seinem 1976 für Augustus Pablo aufgenommen Song „Changing World“. Der Song erlebt hier seine Auferstehung als „Got To Live“ und ist jetzt gesegnet mit einem Bläserthema für die Ewigkeit. Der 1997 verstorbene jamaikanische Sänger Devon Russel, den Manasseh noch kurz vor dessen Tod aufgenommen hat, singt Curtis Mayfields „Underground“. Das alte Studio One Playback „Tripe Girl“ der Heptones  wird aufgefrischt für einen neuen Song der Soul-Sängerin Alexia Coley. Und Ken Boothe steuert einen Tune bei, über den David Rodigan sagt: „Glaubt mir, mit der Zeit wird ‚Tell Me Why‘ als einer seiner größten Tracks angesehen werden.“ Es war klar, dieses Album brauchte ein Dub-Pendant. Und es war ebenso klar, dass die Dubs analog am Mischpult entstehen mussten. „In Zeiten in denen Musik komplett am Computer entsteht“ sagt Nick Manasseh, „bleibt das Mischen von Dub ein Bereich, in dem Old School Mischpulte sowie Filter-, Hall- und Echogeräte unersetzlich sind für das organische Gefühl von Dub.“ Dort wo die Aufnahmen von „On The Grove“ entstanden, hat Manasseh auch „Grove Dub“ gemischt. Von der Musik hinter den Gesängen schuf er filigrane, zu keinem Zeitpunkt grobschlächtige Mixe, über die sich ein Netz malerischer Echos spannt. Schon der Auftakt „Meanwhile Dub“ zelebriert die Dubkunst als dynamisches Wechselspiel zwischen Offbeat, Posaunen-Fills und Drum’n’Bass-Parts. Der dezente Charme des unaufdringlichen Openers setzt sich fort in den weiteren Titeln, bei denen die ursprünglichen Sänger und Instrumentalisten nur noch Farbtupfer liefern. Am Computer wäre etwas anderes entstanden, da ist sich Manasseh sicher, seine Mixe stehen für den Augenblick in dem sie passieren: „Dub ist spontan. Du entscheidest on the fly und es dauert genauso lange wie der Tune läuft. Drei Minuten dreißig und du hast einen Dub.“ Die Veröffentlichung beider Alben auf dem renommierten Acid Jazz Label zeigt den hohen Stellenwert beider Platten, die vom NuJazz-Hype Londons genauso geprägt sind wie von den goldenen Jahren der Dread & Roots Ära.

Bewertung: 5 von 5.
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Joe Yorke: Noise and Emptiness

Schon klar, Falsetto ist nicht jedermanns Sache. In meinen Playlists findet sich gerade auch deswegen kein einziger Cedric Myton-Track, geschweige denn eines seiner Alben. Anders verhält es sich mit Falsetto-Backing Vocals in der Machart der frühen Aswad-, Steel Pulse- oder Tamlins-Aufnahmen – da passt’s einfach, da wurde harmonischer und ton-sicherer Kopfstimmen-Gesang abgeliefert. Siehe „Baltimore“ – was wäre der Track ohne diese Harmonies?

Auch Joe Yorke’s Debut „Noise and Emptiness“ (Rhythm Steady) liefert mitunter astreinen, treffsicheren Falsetto ab – sowohl als Lead- als auch als wunderbar gelungene Backing-Vocals. Nun sind wir aber das dubblog.de und Stimmen interessieren uns nur peripher; deshalb sei zur Entwarnung darauf hingewiesen, dass das Album mit dubbigen Instrumentals durchsetzt ist. Die Mischung macht’s aus; sie befreit den Release prophylaktisch von der gefürchteten Falsetto-Überdosis. Zweifellos tragen Yorke’s weit gestreute Tätigkeiten als Sänger, Produzent und Komponist zum Erfolg der Produktion bei; auch die eine oder andere Kollaboration mit mid-range Vokalisten wird ihren Anteil daran haben.

Es weht also frischer Wind von England gen die internationale Reggae-Community, was sich vor allem an der hervorragenden Produktion zeigt – alles sauber und vor allem nicht überbordend arrangiert. Das gibt der mitunter fast schon kargen Instrumentierung Raum zum atmen – ähnlich wie wir es aus dem knochentrockenen Rub-a-Dub der frühen 1980er kennen. Und ja, auch hier gibt’s fetten Bass zu hören:

Freilich ist „Noise and Emptiness“ ein Angebot, auf dass sich der werte Dub-Connaisseur erst einlassen muss – auch bei mir war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber: Die Tunes haben enormes Wachstumspotential und krallten sich im Hörgang des Rezensenten fest. Und so kommt es, dass das Album zu meinen persönlichen Favoriten des Jahres zählt und eine fette Empfehlung wert ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Horace Andy: Midnight Scorchers

Adrian Sherwood.

…und fertig! Manchmal braucht’s tatsächlich nur zwei Worte und eine aussagekräftige Rezension hat sich quasi selbst geschrieben – zumindest für die gut informierte dubblog.de-Gemeinde. Über Herrn Sherwood, sein On-U Sound-Label und das von ihm produzierte Oeuvre – von Creation Rebel, New Age Steppers über African Headcharge, Singers & Players bis hin zum Dub Syndicate; zu Lee Perry, Bim Sherman und vielen anderen – braucht man wohl keine großen Worte mehr zu verlieren. It’s On-U Sound, man!

Doyen Sherwood selbst hat in seiner mehr als 30-jährigen Produzenten-Geschichte niemals an Relevanz eingebüßt – gut, manchmal hat er sich in etwas obskurere Gefielde begeben (etwa seine Zusammenarbeit mit Pinch), aber allein seine Produktionen mit dem Dub Syndicate und/oder Lee Perry zeigten wie sehr er am Puls der Zeit und darüber hinaus arbeitet. Wer erinnert sich nicht an Perry’s epochalen „Rainford„-Release und seinem nicht minder zu wertenden Counterpart „Heavy Rain„?

Jetzt haben wir wieder ein feines Doppel-Pack vor uns: Das bereits vor wenigen Monaten erschienene Horace Andy-Album „Midnight Rocker“ und sein eben herausgekommener Counterpart „Midnight Scorchers„. Ersteres überrascht durch einen für Sherwood-Verhältnisse recht klassischen Sound mit einem Horace Andy in Bestform; zweiteres mit, nun ja, Neuinterpretationen. So ein richtiges Sherwood-Treatment geht weit über Dub-Grenzen hinaus, kehrt das Innerste nach außen, läßt im Vocal-Mix Verschüttetes glänzen, fügt Instrumente und Vocals (Daddy Freddy, Lone Ranger) hinzu, blendet im Gegenzug Spuren aus und fettet das Gesamte soundmäßig dem Original gegenüber gewaltig auf. Alles Gründe, warum mir der Begriff „Dub Album“ zu wenig weit greift und ich das umfassendere „Counterpart“ für angebrachter halte.

Letztlich nur noch die Hard Facts: „Midnight Scorchers“ enthält sieben alternative Versionen von „Midnight Rocker“-Tracks plus drei neue Stücke, allesamt versehen mit dem tonnenschweren On-U Sound-Gütesiegel. Adrian Sherwood eben… und fertig!

Bewertung: 5 von 5.

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Death by Dub: Abundance

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber Instrumentals oder Dubs unter Blechbläserführung scheinen 2022 absolut im Trend zu liegen. Ich bin sehr glücklich darüber, denn schon immer haben mir die Bläsersätze im Reggae gut gefallen. So gut, dass ich stets bedauerte, dass die Produktionen den Bläser-Sektionen oft nur so wenig Platz in den Stücken einräumen. Dass sie dann im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung Keyboard-Fake-Bläsern zum Opfer gefallen sind, gehört zu den dunklen Kapiteln der Reggae-Geschichte. Aber nun scheint ja die Zeit für Entschädigung angebrochen zu sein: Youthie, Dub Vallila, The Super 20 und nun noch: Death by Dub mit dem Album „Abundance“ (Color Red). Zur Zeit bläst es aus allen Richtungen. Beeinflusst von den üblichen Verdächtigen, Perry und Tubby und natürlich Tommy McCook und Rico Rodriguez, haben Dan Africano und Scott Flynn eine Band gegründet, die sich vollkommen Dub und Blechbläsern verschrieben hat. Dan Africano und Scott Flynn sind alt gediente Reggae-Musiker und haben (genau wie Lee Hamilton und Craig Welsch von The Super 20) ihre Reggae-Lehre bei John Brown’s Body absolviert. Um 2018 machten die beiden sich selbständig, zogen nach Denver, Colorado, und gründeten Death by Dub. Nun legen sie ihr Debutalbum „Abundance“ vor. Wie bei den „Whinds of Wareika“ haben hier eine Vielzahl von Musikern ihre Hände im Spiel. Entsprechend opulent sind die Arrangements. Doch anders als bei den „Whinds“, haben wir es bei „Abundance“ mit echten Dubs zu tun. Der Sound ist tighter und die Beats schwerer. Ich bin hellauf begeistert von diesem Album. Es hält die perfekte Balance zwischen Konzentration und Offenheit. Die Rhythms sind hervorragend produziert und die Bläsermelodien inspiriert komponiert. Hier stimmt eigentlich alles. Zudem ist der Vibe des ganzen Albums so wunderbar positiv und uplifting, dass es einfach nur Freude macht, mit dieser Musik durch den Sommer zu schweben.

Bewertung: 5 von 5.
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Israel Vibration: The Same Song Dub

„And you don’t know what tomorrow’s gonna bring… Life is one big road…“- Cecil „Skelly“ Spence.
Die nächste tragende Säule des klassischen Roots-Reggae ist weggebrochen und hat sich zu den Vorfahren in Richtung Mount Zion aufgemacht. Cecil „Skelly“ Spence von den Israel Vibration ist am 26. August knapp 70-jährig in einer New Yorker Klinik verstorben. Aus diesem traurigen Anlass habe ich mir zum x-ten-Mal die „Israel Vibration: The Same Song Dub“ angehört. Ich sage es gleich: Eine faszinierend schöne Platte, die mich beinahe mein ganzes „Reggae-Leben“ begleitet. Umso härter hat mich Skellys Tod getroffen. Dieser zerbrechliche Mann, dem wir so herrliche Songs wie „The Same Song“, „Why Worry“, „I’ll Go Through“, „Prophet Has Arise“ und viele andere wunderschöne Songs verdanken, ist an den Folgen einer unbehandelbaren Krebserkrankung gestorben.

Kingston, Jamaika war der Geburtsort der Reggae-Harmonie-Gruppe Israel Vibration. Nachdem Anfang der 1950er eine Polio-Epidemie über die Insel gefegt war, erkrankten viele Kinder an Polio. Polio-Impfseren steckten noch in den Kinderschuhen und so erkrankten auch noch sehr viele Kinder auf der ganzen Welt an dieser heimtückischen Krankheit. Ihre erste Begegnung hatten Cecil „Skelly“ Spence, Lascelle „Wiss“ Bulgin und Albert „Apple Gabriel“ Craig schon als Kinder, sie lernten sich in der Mona Rehabilitation Clinic kennen. In den 1970er Jahren gründeten sie das Roots-Reggae-Ensemble „Israel Vibration“.
Nachdem Hugh Booth, ein Mitglied der Twelve Tribes Of Israel, die drei Männer in einem Waldgebiet außerhalb Kingstons singen gehört hatte, sammelte er für die drei Jungs und eröffnete ihnen mit einer Spende die Möglichkeit, ihr erstes Album aufzunehmen. Ihre erste Veröffentlichung war die Single „Why Worry“, die 1976 im Treasure Isle Studio aufgenommen und Ende desselben Jahres auf dem Label der Twelve Tribes veröffentlicht wurde. Aufgrund der Popularität, welche die Gruppe mit der Veröffentlichung der Single erlangte, baten viele jamaikanische Künstler wie Dennis Brown, Inner Circle und auch Bob Marley darum, sie als Vorband bei einem ihrer Konzerte auftreten zu lassen.
Israel Vibration begannen dann mit dem Produzenten Tommy Cowan zusammenzuarbeiten und veröffentlichten 1977 auf dem Top Ranking Label die Single „The Same Song“. Im folgenden Jahr, 1978, veröffentlichten sie das gleichnamige Album. Bei „The Same Song“ wurden sie von Mitgliedern der Inner Circle Band unterstützt. Die Platte und ihr Dub-Pendant „The Same Song Dub“ waren international erfolgreich, was zu einer Partnerschaft mit dem EMI-Label Harvest führte, um das Album in Großbritannien zu veröffentlichen.
Jetzt zum Dub-Album: Am Mischpult saß der relativ unbekannte jamaikanische Singer/Songwriter Paul Donaldson, von dem recht wenig existiert. Aber mit den Alben „The Same Song“ und „The Same Song Dub“ hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt, denn beide Alben sind Sternstunden der Reggae/Dub. Hört euch exemplarisch meinen Lieblingssongs „Ball Of Fire“ aus dem Dubalbum an, dann hört ihr vielleicht, dass solch ein Opus nicht jeden Tag am Reggaehimmel auftaucht. Schlicht ein Meisterwerk voll Traurig- und Zerbrechlichkeit. Skellys durch den Raum schwirrende Stimmfragmente lassen mich immer wieder demütig auf die Knie gehen.
Anmerkung: Es existiert noch eine zweite, komplett andere Abmischung des Albums: „Fatman Riddim Section: Israel Tafari“, das ebenfalls von Tommy Cowan produziert und auf dem Top Ranking Label der Lewis Brüder erschienen ist. Beide Alben verdienen das Prädikat „besonders wertvoll“.

R.I.P. Cecil „Skelly“ Spence, eure Live-Performances bleiben unvergessen.

Bewertung: 5 von 5.
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Burning Spear: Original Living Dub Vol. 1

Hip Hip Hurray, what a happy Day. Burning Spear, the „Master of Roots“ is back. Sein letztes Studio-Album „Jah is real“ ist 2008 erschienen. Danach wurde es ziemlich ruhig um den „Master of Wailing“, denn er zog sich auf sein Altenteil zurück und ging „in Rente“. Endlich hat sich der 77-Jährige umentschieden und tourt wieder. So haben hoffentlich noch viele Menschen die Möglichkeit, ein Konzert von Burning Spear live zu erleben. Die meisten Konzerte, die ich mit Burning Spear gesehen habe, waren mystische Ereignisse. Live haben mich Burning Spear und seine virtuose Burning Band nie enttäuscht.
Aufgrund des freudigen Anlasses habe ich die letzten Tage damit verbracht, mir wieder einmal Burning Spears Werke – und für den Dubblog selbstverständlich bevorzugt die „Living Dubs“ – sehr aufmerksam anzuhören.
Burning Spear veröffentlichte 1978 auf Jamaika seine erste Eigenproduktion „Marcus‘ Children“. Von Island wurde die LP mit dem Titel „Social Living“ veröffentlicht und prompt von vielen als Roots-Meisterwerk gefeiert. Das Album zählt auch heute noch zu Recht zu den besten Reggae-Werken aus dieser Ära.
Kurz nach der Veröffentlichung von „Marcus‘ Children“ brachte Winston Rodney auf Jamaika „Living Dub Vol. 1“, gemixt von Silvan Morris, unter die Leute. Um diesen Original-Mix geht es auch bei der 2003 veröffentlichten „Burning Spear: Original Living Dub Vol. 1“ (Nocturne), die es tatsächlich noch bei den Streamingdiensten zu finden gibt. „Living Dub Volume 1“ in seiner Urfassung ist zweifelsfrei eine Spear‘sche Dub-Explosion. Die dargebotenen Riddims und Grooves sind die reinste Essenz hypnotischer Musik der Marke Burning Spear. Diese unglaublichen Dubs transzendieren den menschlichen Geist in die andere Dimension musikalischer Erfahrung. Da sind sie zu hören, diese unsterblichen Bass- und Drum-Rhythms, diese Echos und Reverbs, mit Spears Gesangsspur, die in den Mix ein- und ausgeblendet wird und vor allem dieser einzigartige Vibe, den nur Burning Spear bieten kann. „(Original) Living Dub Volume 1“ ist definitiv eines der Alben, welches ich auf die einsame Insel mitnähme. Lasst euch verzaubern and keep the Spear burning!

Kurze Anmerkung zur von Barry O’Hare remixten Version: Die 1992er „Living Dub Volume One“ hat eine etwas andere Titelliste als der Original-Mix und ausgerechnet der Rasta-Song „Irie Nyah Keith“ – mein Lieblingssong des Originalalbums – den Spear bereits im Studio One mit dem Titel „Zion Higher“ einsang – fehlt und wurde durch „Run Come Dub“ ersetzt. Außerdem finden wir auf der Veröffentlichung einen zusätzlichen Titel: „Hill Street Dub“. Ok, Sammler brauchen natürlich auch dieses bei Heartbeat erschienene, komplett neu abgemischte Album. Die O’Hare’sche Interpretation ist keineswegs schlecht, klingt aber, bedingt durch seine digitale Reinheit, schon anders. Deshalb werden Reggae Puristen eher „Original Living Dub Vol. 1“ den Vorzug geben.

Bewertung: 5 von 5.
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Paul Fox: Dub Blood

Der Sänger und Produzent Paul Fox aus Winchester UK ist hier im Dubblog ein zu Unrecht fast unbeschriebenes Blatt. Der Roots, Reggae und Dub Künstler veröffentlicht unter eigenem Namen seit 1992 Musik und hat bereits mit vielen bekannten Künstlern und Produzenten zusammengearbeitet. Auf der Liste der Künstler, die mit Paul Fox im Studio waren, finden sich solch illustre Namen wie: Nick Manasseh, Robert Tribulation, Michael Rose, Rod Taylor, Fullness, Dubheart, Jonah Dan, Brother Culture und Alpha & Omega, mit denen Paul Fox auch 2008 in Europa auf Tour war. Stark beeinflusst wurde sein Sound von Jah Shaka, Nick Manasseh, Jah Observer und Aba Shanti. Er war von deren Musik und Vibes so sehr beeindruckt, dass er Ende der 1980er selbst anfing, zu Hause im stillen Kämmerlein mit einem Vierspurgerät zu experimentieren. Mit Julian Ryan, einem Freund und Musiker, der ihn mit Jonah Dan bekannt machte, erfolgten die ersten Studio-Gehversuche in Sachen Reggae und Dub. Der Perkussionist Jonah Dan hatte ein kleines Studio in West London und die drei trafen sich regelmäßig jede Woche, um Roots Reggae einzuspielen und die passenden Dubs daraus zu fertigen. Nachdem sie ein paar Jahre lang zusammen unter dem Projekt-Namen „Shades of Black“ Aufnahmen veröffentlichten, trennten sich Anfang der 2000er ihre Wege und jeder machte sich mit der Gründung eines eigenen Studios selbständig. Mittlerweile wurden über 50 Alben veröffentlicht, auf denen Paul Fox, sei es als Produzent, Soundengineer oder Sänger, in Erscheinung trat.

Bisher habe ich es noch nicht erwähnt, aber Paul Fox schenke ich schon recht lange – auch wegen seiner ungemein angenehmen Stimme – größere Beachtung. Umso mehr war ich selbst erstaunt, dass ich die Veröffentlichung seiner beiden aktuellen Alben „Same Blood“ und „Dub Blood“ aus dem vergangenen Dezember regelrecht verpennt habe. Von allem, was ich bisher von Paul Fox gehört habe, muss „Dub Blood“ zweifellos zu seinen besten Aufnahmen gezählt werden. Pauls weiche Stimme schwebt immer wieder durch den Raum und verflüchtigt sich in melodischen, dubbigen Klanglandschaften. Der Sound erinnert vage an Jah Shaka, aber auch Mad Professor – also englischer Dub par excellence. Ich möchte jetzt nicht jeden Track explizit erwähnen, denn tatsächlich jeder hat seinen ganz besonderen Reiz. Lediglich meinen ganz persönlichen Favoriten möchte ich als Primus inter Pares hervorheben. „Living in a Dub Zone“, das Pendant zu „Warzone Part Two Refugees“ aus dem Song-Album „Same Blood“. Beginnend mit dem feinen Klang einer arabischen Oud oder türkischen Saz und richtig satten Binghi-Drums führt uns im Laufe des Songs die Textzeile: „Still wondering if all of these wars gonna cease – still wondering if I’m ever gonna live to see peace“ und explosionsartigen Kriegsgeräuschen mitten in die aktuelle Situation im Osten Europas sprich Ukraine. Der Kriegsschauplatz könnte natürlich eher die fatale Situation in Syrien widerspiegeln, denn arabeske Klänge finden sich an mehreren Stellen des Albums. Egal, der Song packt mich jedes Mal mit voller Wucht.
Eines möchte ich doch noch erwähnen, dem aufmerksamen Hörer werden auch das herrliche Binghi-Drumming bei „Burning Dub“ und „Soon is the Dub“ nicht entgangen sein. Generell gefallen mir die Percussions auf allen Tracks des Albums außerordentlich gut. „Dub Blood“ nimmt etwa in Mitte des Albums einen musikalischen Wendepunkt, denn der Rest der Tracks klingt ab da leicht symphonisch angehaucht.

Fazit: Schon sehr lange nicht mehr so ein schönes, aktuelles „Roots-Dub-Album“ zu Ohren bekommen. Für meinen Geschmack das bisher beste Album des Jahres 2022.

Bewertung: 5 von 5.
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Soul Sugar: Excursions in Dub

Als Mitte letzten Jahres die „Excursions in Soul, Reggae, Funk & Dub“ von Soul Sugar erschienen, war es Liebe auf den ersten Blick. Mich begeisterte der samtige Retro-Sound, die an Jackie Mittoo erinnernden Klänge der Hammond-Orgel und die für Reggae sehr unorthodoxen Arrangements – und natürlich auch die Klänge aus den anderen im Titel genannten Genres. Dennoch verkniff ich mir damals eine Rezension. Doch nun ist sie zwingend, denn (bereits seit Dezember) liegt eine amtliche Dub-Version des großartigen Albums vor, Soul Sugar: „Excursions in Dub“ (Gee Recordings).

Ich muss ein wenig ausholen. Hinter Soul Sugar verbirgt sich ein „collaborative collective“, in dessen Zentrum der Franzose Guillaume Metenier steht. Er studierte bei Jazzorgel-Legende Dr. Lonny Smith und widmete seine ersten Gehversuche ganz dem Hammond-Funk der 1960er und 70er Jahre. Inzwischen ist er immer mehr in Richtung Reggae gedriftet und produziert nun einen Mix & Match-Sound zwischen Studio One und Jackie Mittoo auf der einen und Jimmy Smith und Jimmy McGriff, also Jazz, Funk und Soul auf der anderen Seite. Wie sehr Guillaume Metenier mittlerweile dem Reggae nahe steht, ist schon an der Besetzungsliste der beiden genannten Alben abzulesen. Dort sind Sly & Robbie, Blundetto und Roberto Sanchez mit von der Partie – und neben Slikk Tim und Thomas Naim natürlich auch Metenier selbst, der unter seinem mittlerweile vertrauten Alias ??Booker Gee für die Orgelsoli verantwortlich zeichnet. Ein fantastisches Album, das jetzt in seiner Reinkarnation als Dub-Version noch mal gesteigert wird. Und das sogar im ganz handfestem Sinne, denn es enthält zwei Titel mehr als das Original. Einer davon ist „Peace Treaty“ von Jahno, ein kongeniales Reworking der Jackie Mittoo-Version, die er Mitte der 1970ern für Bunny Lee aufnahm. Die Dubs wurden übrigens von den Musikern selbst gemixt – was nahe liegt, denn Sanchez, Blundetto und Janho sind versierte Dub-Produzenten. Klanglich liegen Original und Dub-Version übrigens nahe beieinander. Die Dub-Meister haben ihre eigenen Vorlagen keineswegs neu erfunden. Die Mixe sind eher klassisch-zurückhaltend. Meist sind lediglich die Soli etwas gekürzt. Lediglich der „Matumbee“-Remix von Blundetto unterscheidet sich durch seine Reduktion deutlich vom Original. Für mich ist das absolut okay, da das Original ja ohnehin kaum zu toppen ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Ambient Warrior: Dub Journey’s

Jetzt haben wir einen erneuten Beleg dafür, dass unser kleines, feines Sub-Genre Dub zeitlos und grenzenlos ist. Angetreten hat diesen Beweis das australische Isle of Jura Label mit der offiziellen Neuauflage eines äußerst ungewöhnlichen Dub-Albums von Ambient Warrior: Dub Journey’s, das ursprünglich bereits 1995 auf dem englischen Label Lion Inc veröffentlicht wurde. Das Album ist grundsätzlich tief im Dub verwurzelt, bedient sich jedoch eines viel breiteren Spektrums, das gleichwertig verschiedenste musikalische Einflüsse und Stile aus der ganzen Welt aufnimmt und zu diesen wunderbaren Klanglandschaften zusammenfügt. Das Konzept für „Ambient Warrior“ wurde als Seitenprojekt für Ronnie Lion und Andreas Terrano geschaffen. Dem nicht ganz unbekannten Ronnie Lion war bei Aufnahmen ziemlich schnell aufgefallen, dass Andreas Terrano ein sehr talentierter Gitarrist und Keyboarder ist und so waren sich die Beiden in dem Ansinnen schnell einig, ein Oeuvre zu erschaffen, welches die vielfältigen musikalischen Einflüsse beider Protagonisten widerspiegelt. Andreas ist z. B. italienischer, armenischer und russischer Abstammung, was auf Dub Journey’s unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Ronnie Lion aus Brixton kennen Insider als Labelbetreiber aus den Anfängen des britischen Neo-Dub.

Seit den frühesten Dubversuchen von King Tubby, Lee Scratch Perry, Augustus Pablo, Prince Jammy und wie sie alle heißen, wissen wir, dass guter Dub dich in deinem tiefsten Inneren berühren muss. Deshalb nimmt mich Ronnie Lions Slogan: „This is Ambient Warrior…coming to You from the Heart“, vorgetragen mit einer markanten Stimme (Dennis Rootical), die an Prince Far I erinnert, vom Start weg mit auf (m)eine unvergessliche Pilgerreise zum Kailash. (Kailash: Er gilt den Tibetern als heiligster Berg, wird verehrt von Hindus, Buddhisten und Bön, stellt das Quellgebiet der vier größten Ströme des indischen Subkontinents.) Wie bitte, der Kailash? Ja, weil diese typischen Klänge der tibetischen Gebetsglöckchen omnipräsent sind und immer wieder erklingen. Das Album ist wie aus einem Guss und verbreitet bei mir eine wohlig warme meditative Stimmung. Andreas Terrano webt sehr weiche Gitarrensoli und Synthesizer- /Keyboardklänge zu wunderbaren Klanglandschaften zusammen. Was der Vielseitigkeit des Albums sehr guttat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Musiker verschiedenster Genres und Instrumente an den Aufnahmen beteiligt waren. Neben südamerikanischen Elementen wie Tango und Bossa Nova (Eastern Dub; Cajun Dub); hören wir auch Harfe (Cajun Dub), russisches Akkordeon (Bayan; Southern Dub), Vibraphon und Maultrommel (The Good, the Bad and the Dub).

Meine Quintessenz des Albums lautet: Großartige Dub-Alben schleichen sich ganz langsam an dich heran. Du kannst sie einmal abspielen und sie sind „ganz nett“. Spiele sie zig-mal und ganz langsam formt sich ein Bild: kleine Details tauchen auf, der Geist des Dub und die Glückseligkeit der Wiederholung bahnen sich ihren Weg in deine Seele.

Schön, dass es noch Labels gibt, die es sich zur Aufgabe machen, solch äußerst seltene, einzigartige Dub-Klänge vor der Vergessenheit zu bewahren. Deshalb bekommt Isle of Jura für die Wiederveröffentlichung des Ambient Warrior: Dub Journey’s Albums von mir sechs von fünf Sternen.

Bewertung: 5 von 5.
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Roots Makers: Dubbers EP

Die Roots Makers haben mich schon einmal mit Ihrem gleichnamigen Debut – einem Instrumental- plus zugehörigem Dub-Album – recht glücklich gemacht. Kollege Helmut Philipps hat die Roots Makers gar in seine Top 5 des Jahres 2021 aufgenommen, was ich nur zu gut nachvollziehen kann. Da hat alles gestimmt, und wenn der ewig nörgelnde Rezensent etwas zu bemängeln hatte, dann wäre es wohl das Fehlen von Vocals bzw. Vocal-Snippets gewesen. So klassisch Dub halt, wenn man das so ausdrücken möchte.

Jetzt ist es nun mal so, dass wir im dubblog.de üblicherweise keine EPs oder Singles rezensieren und uns auf Alben beschränken. Hier möchte ich aber ausnahmsweise eine EP in den Fokus rücken – wenn man’s nicht so genau nimmt, könnte man ja aus der „Dubbers“-EP (Eigenverlag) und dem zugehörigen Vocal-Counterpart, der „Summer Lovers“-EP, ein 8 Track-Album zaubern. Beides Releases allerhöchster Qualität – und wenn man schon so eine Vocal-Vorlage hat, kann im Dub-Bereich eigentlich nichts mehr schief gehen:

Und tatsächlich, die Dubs sind im klassischen Roots-Bereich das Beste, das ich seit längerem gehört habe. Da stimmt alles: schöner Mix, feine Effekte, mitsummbare Basslines und die Stimm-Sprengsel stellen den Bezug zu den Vocal-Versionen her. Hör ich da jemanden Roots Radics sagen? Aber ja doch, der Vergleich ist mehr als zulässig, der Vibe erinnert mich sogar leicht an Bunny Wailers feines „Rock’n’Groove“-Album, an den klassischen 80‘s Lovers-Rock und ein wenig Aswad-Backing Vocals höre ich auch raus.

Alles gut also? Aber ja doch – ein Album… äh… eine EP, der ich 5 Sterne nicht verweigern kann.

Bewertung: 5 von 5.