Kategorien
Five Star Review

Ambient Warrior: Dub Journey’s

Jetzt haben wir einen erneuten Beleg dafür, dass unser kleines, feines Sub-Genre Dub zeitlos und grenzenlos ist. Angetreten hat diesen Beweis das australische Isle of Jura Label mit der offiziellen Neuauflage eines äußerst ungewöhnlichen Dub-Albums von Ambient Warrior: Dub Journey’s, das ursprünglich bereits 1995 auf dem englischen Label Lion Inc veröffentlicht wurde. Das Album ist grundsätzlich tief im Dub verwurzelt, bedient sich jedoch eines viel breiteren Spektrums, das gleichwertig verschiedenste musikalische Einflüsse und Stile aus der ganzen Welt aufnimmt und zu diesen wunderbaren Klanglandschaften zusammenfügt. Das Konzept für „Ambient Warrior“ wurde als Seitenprojekt für Ronnie Lion und Andreas Terrano geschaffen. Dem nicht ganz unbekannten Ronnie Lion war bei Aufnahmen ziemlich schnell aufgefallen, dass Andreas Terrano ein sehr talentierter Gitarrist und Keyboarder ist und so waren sich die Beiden in dem Ansinnen schnell einig, ein Oeuvre zu erschaffen, welches die vielfältigen musikalischen Einflüsse beider Protagonisten widerspiegelt. Andreas ist z. B. italienischer, armenischer und russischer Abstammung, was auf Dub Journey’s unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Ronnie Lion aus Brixton kennen Insider als Labelbetreiber aus den Anfängen des britischen Neo-Dub.

Seit den frühesten Dubversuchen von King Tubby, Lee Scratch Perry, Augustus Pablo, Prince Jammy und wie sie alle heißen, wissen wir, dass guter Dub dich in deinem tiefsten Inneren berühren muss. Deshalb nimmt mich Ronnie Lions Slogan: „This is Ambient Warrior…coming to You from the Heart“, vorgetragen mit einer markanten Stimme (Dennis Rootical), die an Prince Far I erinnert, vom Start weg mit auf (m)eine unvergessliche Pilgerreise zum Kailash. (Kailash: Er gilt den Tibetern als heiligster Berg, wird verehrt von Hindus, Buddhisten und Bön, stellt das Quellgebiet der vier größten Ströme des indischen Subkontinents.) Wie bitte, der Kailash? Ja, weil diese typischen Klänge der tibetischen Gebetsglöckchen omnipräsent sind und immer wieder erklingen. Das Album ist wie aus einem Guss und verbreitet bei mir eine wohlig warme meditative Stimmung. Andreas Terrano webt sehr weiche Gitarrensoli und Synthesizer- /Keyboardklänge zu wunderbaren Klanglandschaften zusammen. Was der Vielseitigkeit des Albums sehr guttat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Musiker verschiedenster Genres und Instrumente an den Aufnahmen beteiligt waren. Neben südamerikanischen Elementen wie Tango und Bossa Nova (Eastern Dub; Cajun Dub); hören wir auch Harfe (Cajun Dub), russisches Akkordeon (Bayan; Southern Dub), Vibraphon und Maultrommel (The Good, the Bad and the Dub).

Meine Quintessenz des Albums lautet: Großartige Dub-Alben schleichen sich ganz langsam an dich heran. Du kannst sie einmal abspielen und sie sind „ganz nett“. Spiele sie zig-mal und ganz langsam formt sich ein Bild: kleine Details tauchen auf, der Geist des Dub und die Glückseligkeit der Wiederholung bahnen sich ihren Weg in deine Seele.

Schön, dass es noch Labels gibt, die es sich zur Aufgabe machen, solch äußerst seltene, einzigartige Dub-Klänge vor der Vergessenheit zu bewahren. Deshalb bekommt Isle of Jura für die Wiederveröffentlichung des Ambient Warrior: Dub Journey’s Albums von mir sechs von fünf Sternen.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Roots Makers: Dubbers EP

Die Roots Makers haben mich schon einmal mit Ihrem gleichnamigen Debut – einem Instrumental- plus zugehörigem Dub-Album – recht glücklich gemacht. Kollege Helmut Philipps hat die Roots Makers gar in seine Top 5 des Jahres 2021 aufgenommen, was ich nur zu gut nachvollziehen kann. Da hat alles gestimmt, und wenn der ewig nörgelnde Rezensent etwas zu bemängeln hatte, dann wäre es wohl das Fehlen von Vocals bzw. Vocal-Snippets gewesen. So klassisch Dub halt, wenn man das so ausdrücken möchte.

Jetzt ist es nun mal so, dass wir im dubblog.de üblicherweise keine EPs oder Singles rezensieren und uns auf Alben beschränken. Hier möchte ich aber ausnahmsweise eine EP in den Fokus rücken – wenn man’s nicht so genau nimmt, könnte man ja aus der „Dubbers“-EP (Eigenverlag) und dem zugehörigen Vocal-Counterpart, der „Summer Lovers“-EP, ein 8 Track-Album zaubern. Beides Releases allerhöchster Qualität – und wenn man schon so eine Vocal-Vorlage hat, kann im Dub-Bereich eigentlich nichts mehr schief gehen:

Und tatsächlich, die Dubs sind im klassischen Roots-Bereich das Beste, das ich seit längerem gehört habe. Da stimmt alles: schöner Mix, feine Effekte, mitsummbare Basslines und die Stimm-Sprengsel stellen den Bezug zu den Vocal-Versionen her. Hör ich da jemanden Roots Radics sagen? Aber ja doch, der Vergleich ist mehr als zulässig, der Vibe erinnert mich sogar leicht an Bunny Wailers feines „Rock’n’Groove“-Album, an den klassischen 80‘s Lovers-Rock und ein wenig Aswad-Backing Vocals höre ich auch raus.

Alles gut also? Aber ja doch – ein Album… äh… eine EP, der ich 5 Sterne nicht verweigern kann.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

High Tone Meets Zenzile: Zentone, Chapter 2

Man muss konstatieren: Corona hat auch sein Gutes! Diese beiden (!) Alben, nämlich: High Tone Meets Zenzile – Zentone, Chapter 2 (Jarring Effects). Was für ein fulminantes Dub-Werk! Hervorgegangen aus der deprimierendsten aller Pandemien, fünfzehn Jahre nach dem „Chapter 1“. Offenbar haben die neun Musiker der zwei profiliertesten Dub-Bands Frankreichs es in der Einsamkeit ihrer Homeoffices nicht länger ausgehalten und sich ganz konspirativ für eine Woche in Lyon im Studio eingeschlossen, um – ja unglaublich – von Angesicht zu Angesicht miteinander zu musizieren. Ohne viel Studio-Rocket Science (ganz im Gegensatz zu „Chapter 1“). Statt dessen mit einem einfachen Sound System-Setting, spontan, direkt und improvisiert. Alles, was zählte war der zwischenmenschliche Vibe. Das Ergebnis ist atemberaubend. Zwei Alben voller fantastischer, inspirierter Kompositionen mit insgesamt 22 Tracks, die vor Wärme, Intensität und echter Schönheit nur so strotzen. Katalysator dieser Qualität war offenbar die pure Lust an der persönlichen Begegnung – vielleicht gepaart mit ein paar während der Lockdowns angestauten musikalischen Ideen aller Beteiligten. Substanz statt Effekt lautete das Motto. Alle Tracks wurden live produziert und anschließend auf analogen Konsolen gemixt. Der Sound ist warm, komplex und voller Dynamik. Hier stimmt einfach alles. Und natürlich passt zu solch einem Ansatz die Einbeziehung von Sängern. Ja, tatsächlich! Ich bin eigentlich Dub-Purist, aber hier liefern Nai-Jah, Nazamba, Jolly Joseph und Rod Taylor einen absolut essenziellen Beitrag zur musikalischen Vielfalt, ohne dabei den Dub-Vibe auch nur im Geringsten zu schmälern. Ihre Performances – vor allem Nai-Jahs und Nazambas – sind einfach grandios.

Okay, jetzt muss aber noch die Geschichte mit den zwei Alben aufklärt werden: Zenzile und High Tone haben während ihrer Woche in Lyon insgesamt zehn Rhythms aufgenommen. Zenzile hat sich anschließend alle zehn Stück vorgeköpft, gemixt und zu einem Album zusammen gestellt, das als CD oder Download gekauft werden kann. High Tone hat sich hingegen nur die vier Rhythms vorgenommen, für die ein Sänger aufgenommen wurde und präsentiert sie im Showcase-Style: Vocal-Version, Instrumental-Version, Dub-Version – und kommt so auf zwölf Tracks, die als Doppel-Vinyl angeboten werden (sie könne aber auch als Download erworben werden). Um die Sache jetzt aber schön kompliziert zu machen, gibt es noch eine Streaming-Variante. Diese besteht aus den zehn Zenzile-Mixes sowie den vier Vocal-Versions von High Tone. Alles klar?

Echte Dub-Nerds werden die Mixes natürlich miteinander vergleichen und feststellen, das High Tone traditioneller ans Werk geht und mit seinen Mixes auf den Sound System-Einsatz zielt, während Zenzile zu etwas verspielteren, Sofa-kompatiblen Ansätzen neigt. Ich kann mich aber gar nicht entscheiden, was mir besser gefällt – deshalb höre ich stets beide Alben hintereinander.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Late Night Tales Presents Version Excursion Selected by Don Letts

Wir Dubheads leben in unserer kleinen, hermetischen Dub-Blase und feiern unser very, very special interest Sub-Genre als den Nabel der Welt. Einen Nabel, dessen Existenz 99,999999 Prozent der Menschheit allerdings noch nicht einmal erahnen. Im Vergleich zu Rock, Pop und Hip Hop lebt die Musik, um die wir Zeitlebens kreisen, absolut in Verborgenen. Geradezu zynisch ist diese Unbekanntheit angesichts der Tatsache, dass die Abkömmlinge von Dub, wie z. B. Discomixes, Remixes oder Bass Music, längst Teil des Mainstreams geworden sind. Aber was soll’s? Solange es noch Musiker und Produzenten gibt, die unsere Blase mit Nachschub versorgen, kann es uns ja egal sein, ob die Welt da draußen Notiz von uns nimmt. Und doch … Irgendwie regt sich der Missionar in mir: „Hey Leute, hört euch das hier mal an. Es wird euer Leben verändern!“. Na, ja, man wird träumen dürfen. Aber in der Tat eröffnet sich gerade eine fantastische Chance, zwar nicht dem Mainstream, aber doch musikinteressierten Menschen außerhalb unserer Blase einen Blick auf die Schönheit von Dub zu gewähren: „Late Night Tales Presents Version Excursion Selected by Don Letts“. Late Night Tales ist eine Compilation-Reihe, die seit 2001 Artists und DJs einlädt, tief in ihre persönliche Sammlung einzutauchen und den „ultimate late night mix“ zu kuratieren. Vor 20 Jahren war das ein komplette neues und äußerst beliebtes Konzept. Wir erinnern uns z. B. an die äußerst populäre KJ Kicks-Reihe, oder an die legendären Fabric-Compilations. Was diese CD-Serien damals so interessant machte: Mit aufwändigem Marketing richteten sie sich an ein aufgeschlossenes Musikpublikum und ermöglichten den versammelten Genre-Produktionen eine unvergleichliche Reichweite. Im Spotify-Zeitalter ist das vielleicht nicht mehr ganz so bedeutsam – funktioniert aber immer noch. Deshalb ist es schon etwas ganz Besonderes, wenn eine Serie wie „Late Night Tales“ (laut GQ der „Rolls Royce unter den Serien“) den DJ, Radio-DJ und Filmemacher Don Letts einlädt, ein Dub-Album zu kuratieren.

Wer, wenn nicht Don Letts, wäre der perfekte Mann, um dieses missionarische Crossover anzuführen, steht er doch seit je her für die Mischung diverser Musikkulturen und Dub. “A disciple of sound system, raised on reggae n’ bass culture my go to sound was dub. Besides being spacious and sonically adventurous at the same time, its most appealing aspect was the space it left to put yourself ‘in the mix’ underpinned by Jamaica’s gift to the world – bass. But that’s only half the story as the duality of my existence meant I was also checking what the Caucasian crew were up to not to mention the explosion of black music coming in from the States.“ Erläutert Don Letts seinen musikalischen Hintergrund und fährt fort: „That’s why „Late Night Tales Presents Version Excursion“ crosses time, space and genre, from The Beach Boys to The Beatles, Nina Simone to Marvin Gaye, The Bee Gees to Kool & The Gang, The Clash to Joy Division and beyond. You’d think it impossible to draw a line between ‚em? But not in my world. Fortunately, the ‘cover version’ has played an integral part in the evolution of Jamaican music and dub covers were just a natural extension.”

Was für eine coole Idee! Da Dub – zumindest in Letts Auffassung – Remix bedeutet, offeriert er hier ausschließlich Versions von Songs, die außerhalb des Reggae entstanden sind. Ein starkes Konzept, das nicht nur ästhetisch eine Runde Sache, sondern ideal geeignet ist, ein Mainstream-Publikum außerhalb des Reggae anzusprechen.

Ja, Don Letts ist der Missionar, der ich gerne wäre. Sich seiner Chance bewusst, begnügte er sich zudem keineswegs damit, eine schnöde Titelliste bei Late Night Tales einzureichen, sondern macht aus seiner kleinen Dub-Ausstellung ein richtiges Meisterwerk, indem er das Remix-Prinzip von Dub nicht nur zum Prinzip seiner Auswahl an Cover Versions, sondern auch zum Prinzip seiner Präsentation machte. Deshalb sind 13, seiner 21 Tracks „Exclusives“, also Remixe, bzw. Re-Dubs historischer Produktionen, die von Leuten wie Mad Professor, Scientist oder Dennis Bovell erstellt wurden.

Tja, der Mann ist konzeptverliebt – bin ich aber auch und kann daher seine Late Night Tales Version Excursions nur in den höchsten Tönen loben. Da die ganze Sache mit ordentlichem Budget und viel Marketing und aufgezogen wird, gibt es auch ein unterhaltsames Video, in dem Letts die Kriterien seiner Auswahl erläutert und ein paar Anekdoten zu den einzelnen Titeln zum Besten gibt. Cooler Typ und reichlich eloquent. Ein geborener Ambassador of Dub.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

KMFDM: In Dub

Es gibt Musik, die einen im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Vor einigen Wochen kam meine Tochter mit der Frage, ob ich „KMFDM: In Dub“ (Metropolis Records) kennen würde; ich müsse mir das Album unbedingt einmal anhören – nach tonnenschweren Sounds von frühestem Kindesalter an, kennt sie ihren „Alten“ zu gut. Und was soll ich euch sagen? Die vor fast exakt einem Jahr veröffentlichte „In Dub“ ist wieder einmal eines dieser Dub-Kuriosa, die mich schon immer in ihren Bann ziehen.

KMFDM wurde 1984 von Sascha „Käpt’n K“ Konietzko als Performance-Kunstprojekt in Hamburg gegründet, verlegte 1991 seinen Sitz nach Chicago und ist seit über 36 Jahren in Sachen Industrial Metal / Industrial Rock erfolgreich unterwegs. Kein geringerer als das ON .U Sound Mastermind Adrian Sherwood, der schon seit Label-Gründung die unendlichen Möglichkeiten der Dub-Musik auslotet, produzierte 1988 das KMFDM Album „Don’t Blow Your Top“ und setzte mit seinem Gemisch aus Industrial, Rock, Dub erneut kreative Maßstäbe.

Zu dem Album selbst erzählt „Käpt’n K“ in einem Interview: „Die Idee, eine Dub-Platte zu machen, braute sich seit einigen Jahren zusammen. Ich hatte bisher einfach nie die Zeit gefunden, mich hinzusetzen und das Projekt anzugehen. Einige meiner frühesten musikalischen Einflüsse waren Dub und Reggae und ich habe das Projekt wirklich Old-School gemacht. Die Demontage der Original-Tracks sowie die Bläser-Arrangements haben mir eine Menge Spaß bereitet. Dabei fand ich heraus, dass Songs mit 125 BPM zu dubben nicht so ideal ist. Es funktionierte am besten mit den langsamen und wirklich schnellen Titeln.“ Das klingt doch schon einmal hochinteressant. Also habe ich mich an das Album gemacht und die Materie vertieft. „Käpt’n K“ hat zwölf Songs, die ihre gesamte Karriere umspannen, neu interpretiert. Bereits nach dem ersten satten Rimshot auf der Snare bei „Dub Light“ wusste ich, dass dies ein Album so ganz nach meinem Geschmack ist. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass sich dieses groovelastige und rockige Ausgangsmaterial derart gekonnt in ein Dubkostüm transferieren lässt. Lucia Cifarelli singt „Everything Old Is New Again“ auf „Real Dub Thing“ und definiert damit perfekt die Kraft von „In Dub“. KMFDM-Hymnen werden neu interpretiert und so mit einem Sammelsurium meditativer Grooves mit fetzigen Gitarrenpassagen, schrillen Hörnern, intensiven Orgelklängen und schweren Basslines garniert, wie auf „A Dub Against War“, „Hau Dub“, „Bumaye“ präsentiert. Bei „Bumaye“ meine ich kurz eine Sequenz mit Nina Hagens Stimme herauszuhören.
Insgesamt ein Album, das vor Ideen nur so strotzt und dennoch Dubheads polarisieren wird. Zitat eines Fans: „Meine Freundin mag Reggae, aber KMFDM nicht so sehr. Jetzt mag sie auch KMFDM“. Für ON .U Sound Addicts der ersten Stunde, ist „KMFDM: In Dub“ eine leichte Übung und der Zugang zu diesen selten gehörten Klängen möglicherweise ein wenig einfacher.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Gladiators: The Time Is Now Discomixes

Die Gladiators gehören zweifelsfrei zum Urgestein der Reggaehistorie und ihre musikalischen Wurzeln lassen sich bis in Clement „Sir Coxsone“ Dodds Studio One zurückverfolgen. Meine erste Begegnung mit deren Musik war erst Mitte der 1970er. Ihr damaliger Produzent Tony Robinson hatte einen Deal in Europa klargemacht und so erschienen die ersten (regulären) Alben der Gladiators bei Virgin Records. Am 15.12.2020 verstarb Albert Griffiths 74-jährig nach langer Krankheit an Parkinson. Der Kopf des Trios mit klassischen Harmonie-Vocals à la Wailers, Culture, Abyssinians, Israel Vibration, Meditations, Mighty Diamands etc. hat das Erscheinen der „Gladiators: The Time Is Now Discomixes“ (Tabou1) noch erlebt und ich kann mir vorstellen, dass er sich sehr über das Endresultat gefreut hat. Dartanyan „GreenLion“ Winston, ein junger amerikanischer Soundtüftler Anfang 30 aus Ohio, hat sich ein paar Titel aus dem beinahe unerschöpflichen Repertoire der Gladiators ausgesucht und wunderbar klassisch anmutende Discomixes geschaffen. Acht Originalsongs werden gekonnt dekonstruiert und mit einer Tonne Energie, Studio- und Mischpult-Zauberei wieder rekonstruiert. Dartanyan „GreenLion“ Winston zieht alle Register und liefert ein wunderbar sprudelndes Klangbad aus Vocals, Echo, Hall und Delay. Meine Highlights, der auf acht Minuten ausgedehnten Titel, sind: „Fussing and Fighting“ – ein Marley Song, bei dem am deutlichsten wird, wie sehr Albert Griffiths‘ Stimme der von Bob Marley ähnelte – und „Dreadlocks your Time is now“ natürlich. Das Album-Cover erweckt den Eindruck, als wäre es unter Einfluss psychoaktiver oder eher noch halluzinogener Stubstanzen in der Hippie-Ära entstanden. Auch wenn ich eine etwas andere Songauswahl getroffen hätte, ist „The Time Is Now Discomixes“ im Nachhinein eine wunderschöne Hommage an die wundervollen Gladiators, die unverdientermaßen immer etwas im Abseits der ganz großen Vocal-Trios standen.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Jallanzo: Dubbin’ It & Luvin’ It

Da heißt es immer, in Jamaika stünde Dub kurz vor dem ableben. Aber dann zuckt der Intensivpatient doch noch immer mal wieder und versetzt alle anwesenden in helle Aufregung. Zuletzt geschehen bei Teflon Zincfences Album „Dub Policy“. Nun geht wieder eine Schockwelle durch die Intensivstation: Jallanzo veröffentlicht mit „Dubbin’ It & Luvin’ It“ ein großartiges Dub-Album made in Jamaica. Jallanzo?? Ich kannte seinen Namen bisher noch nicht, wohl aber seine Musik, denn der Multiinstrumentalist, Songwriter, Sänger und Dub-Produzent spielte noch vor wenigen Jahren bei der Dubtonic Kru, deren Musik ich sehr zu schätzen wusste. Nun also ein Solo-Projekt – und das in Form eines Dub-Albums! Keine Ahnung, wer hier die Tracks eingespielt hat, ob sie Zweitverwertung sind oder von vornherein als Dubs geplant waren. Ich weiß nur: Sie klingen atemberaubend. So crisp, druckvoll und dynamisch, dass sie schon ein Genuss wären, selbst wenn wenn es nicht dieses perfekte Timing, die schönen Melodien, die ausgeklügelten Arrangements und den inspirierten Mix gäbe. Hier stimmt einfach alles – außer das häßliche Cover. Ein Grund, auf das Vinyl zu verzichten. Der Titel des Albums stammt übrigens von einem Zitat Jallanzos: „Music is my life, my life is my music and I am dubbing it and loving it”. Seit er 13 Jahre alt war, verschreibt sich Jallanzo der Musik. Er arbeitet vor allem als Studiomusiker und ist auf den Produktionen vieler namhafter Artists zu hören. Hoffen wir mal, dass wir seine Musik in Zukunft auch ohne Vocals im Vordergrund werden genießen dürfen.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Dub Spencer & Trance Hill: Black Album

Die Zürcher Dub-Combo Dub Spencer & Trance Hill ist im dubblog ein regelmässiger Gast. Ihre Alben heimsen in der Regel 5 von 5 Sternen ein, also die Höchstbewertung. Wenn einen nun ein Bekannter via Twitter auf ein „bislang offiziell unveröffentlichtes, nur einem kleinen Kreis bekannten“ Werk hinweist, das auf Youtube aufgetaucht sei, wird man natürlich hellhörig. Seit September 2020 ist das „Black Album“ dort offenbar online und hat bis dato gut 800 Hörerinnen und Hörer erreicht. Ist also ein Insider-Tipp geblieben und hat dafür umso mehr Fragen aufgeworfen. In der Tat: Was hat es mit diesem „Black Album“ auf sich?

Band-Bassist und -Manager Marcel „Masi“ Stalder bringt auf Anfrage Licht in die Sache. Um den Zeitpunkt von „Riding Strange Horses“ (2010) habe Nicolai Beverungen für sein Plattenlabel Echo Beach – wo auch Dub Spencer & Trance Hill ihre Sachen veröffentlichen – die Idee eines Echo-Beach-Jubiläumsalbums gehabt mit verdubbten Versionen bekannter Songs, zu dem auch die Zürcher einen Beitrag leisten sollten. Weil Stalder und Kollegen damals so viel Spass daran hatten, fremden Songs ein dubbiges Kleid anzuziehen, hatten sie plötzlich rund ein Dutzend Titel eingespielt mit der Idee, diese als eigenes Album zu veröffentlichen. Das Problem: Nicht für alle Lieder lagen die Rechte vor. Deshalb verschwand das Album in der Schublade – mit Ausnahme eines Songs, der es auf das erwähnte, ausschliesslich mit Coverversionen bestückte „Riding Strange Horses“ schaffte: „Enter Sandman“ von Metallica.

Der Rest des „Black Album“ fand auf anderem Weg das Licht der Öffentlichkeit. Zum einen boten es Dub Spencer & Trance Hill ihren Fans nach Konzerten auf selbergebrannten CDs an; es war allerdings eine Kleinstauflage von nur rund 100 Stück. Zum anderen brachte Echo Beach 2017 mit „Return Of The Supervinyl“ eine Best-of der Zürcher Band heraus. Wie es der Name besagt, nur auf Vinyl, dafür mit einem Zückerchen – einem Link auf das offiziell nie erschienene „Black Album“. Weil die Aktivierung des Links nur auf Umwegen möglich war und einiges an Nerven brauchte, die Vinyl-Auflage dazu schnell ausverkauft war, blieb das ominöse Werk weiterhin einem kleinen Kreis Interessierter vorbehalten. Bis es nun, vor mittlerweile fast einem Jahr, auf Youtube geladen wurde. Mutmasslich von einem Fan.

Nachdem die verschlungenen Wege des „Black Album“ damit geklärt wären, steht noch die wichtigste Frage im Raum: Lohnt es sich, den darauf enthaltenen zehn Songs ein Ohr zu leihen? Unbedingt – wenn man auf verdubbte Coverversionen steht! Marcel Stalder erklärt mit einem Lachen, jedes Bandmitglied habe seine „Jugendsünden“, seine „musikalischen Hasslieben“ eingebracht. Was Dub Spencer & Trance Hill daraus gemacht haben, ist – einmal mehr – schlicht grossartig. Selbst „The Final Countdown“ von Europe (das Original bereitet mir persönlich schier körperliche Schmerzen) ist ein Erlebnis. Im Gegensatz zu „Riding Strange Horses“ fehlen auf dem „Black Album“ allerdings die ursprünglichen Stimmen. Macht aber gar nichts. Wohl nur so konnte „I Feel Good“ von James Brown derart spooky und düster geraten. Mehr sei nicht verraten, ausser dass man sich solche Jugendsünden sehr gerne gefallen lässt. Das Album reiht sich nahtlos ins Frühwerk von Dub Spencer & Trance Hill ein. Dass sich der Schreibende eine nachträgliche offizielle Veröffentlichung wünscht, lässt sich aus den vorangegangenen Zeilen wohl unschwer herauslesen.

Tracklist:

1. „Enter Dubman“ („Enter Sandman“ von Metallica)

2. „The Final Dub Down“ („The Final Countdown“ von Europe)

3. „Eye Of The Lion“ („Eye Of The Tiger“ von Survivor vom „Rocky IV“-Soundtrack)

4. „Bomb Back“ feat. Nya („Bomb Track“ von Rage Against The Machine)

5. „Chilly Jean“ („Billie Jean“ von Michael Jackson)

6. „Tire“ („Fire“ von Jimi Hendrix)

7. „I Feel Stoned“ („I Feel Good“ von James Brown)

8. „Owner Of A Dub Heart“ feat. The Homestories („Owner Of A Lonely Heart“ von Yes)

9. „The Sea“ („The Ocean“ von Led Zeppelin)

10. „Until The End Of The Disc“ („Until The End Of The World“ von U2)

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

International Observer: Bat

Langsam gehen mir die lobenden Worte aus. Über die Werke von International Observer – hinter dem sich der Lead-Singer der historischen Thompson Twins, Tom Bailey, verbirgt – habe ich mir schon die Finger wund geschrieben. Ich liebe seine relaxten Dubs über alle Maßen. Am meisten fasziniert mich, dass sie einerseits unfassbar entspannt, andererseits aber hochspannend sind. Ein verrücktes Paradox. Wer Reggae und Dub aus Neuseeland kennt, ahnt aber, was ich damit meine: Perfekt getimte Rhythms voller Groove und innerer Spannung, dargeboten in Zeitlupe. Faszinierend. Außerdem kennt Tom Bailey sein Handwerk. Seine Tracks sind superb produziert: knackig, dynamisch, volltönend. Und dann wären da noch das ausgeklügelte Arrangement, die fantastischen Basslines und die wunderbaren, bunt schillernden Melodien. Alles vom Mix zu einem großen, umfassenden, vielschichtigen Wohlklang verwoben.

Für die Dubs von Tom Bailey gibt es eigentlich keine Schublade. Es handelt sich zweifellos um hundert Prozent Reggae-Dub handwerklicher Perfektion, der sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat. Verrückt, oder? Tom hat eine ganz und gar eigenständigen Dub-Stil erschaffen, der sich zwar formal der Ästhetik des Reggae bedient, die Genre-Konventionen aber ansonsten hinter sich lässt. Keine „Jah“-Ausrufe, keine Sirenen, kein Steppers, keine historischen Basslines oder Bläsersätze – Observer Dubs sind ganz und gar sie selbst, ohne Zitate und oberflächliche Referenzen. Deshalb kann ich mir seine Musik auch beim besten Willen nicht auf einem Sound System-Event vorstellen. Undenkbar! Aber zu einem neuseeländischen Pop-Open Air-Festival würde sie perfekt passen.

Die Akribie der Produktionen erklären auch, warum der Observer nur sporadisch neue EPs (geschweige denn komplette Alben) veröffentlicht. Hier geht Qualität vor Quantität. „Bat“ (Dubmission) ist sein neustes Werk. Es ist nach „Mink“ und „Pangolin“ die dritte EP in der „Tier-Reihe“ – und diese ist selbstredend so hervorragend wie auch alle anderen Arbeiten dieses außergewöhnlichen Dub-Protagonisten.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle: To drive the Dub Starship through the Horror Zone

Häufig ertappe ich mich bei der Frage: „Wie würden Jim Morrison, Jimi Hendrix, Bob Marley u. v. a. heute klingen, wenn sie nicht viel zu früh gestorben wären?“ Diese Frage drängt sich mir auch bei Lee „Scratch“ Perry auf. Nein, nein, Scratch ist gottlob noch am Leben. Aber was wäre gewesen, wenn Lee „Scratch“ Perry in den späten 1970er Jahren nicht in eine zunehmend unberechenbare, depressive und destruktive Phase gerutscht wäre, die als Endresultat im Abfackeln seines Black Ark Studios in Washington Gardens, Kingston mündete? Wie würden heute Alben aus dem Black Ark Studio klingen? Zum Glück gibt es einen Adrian Maxwell Sherwood und einen Daniel Boyle, die noch die Fähigkeit besitzen, diesen weit über 80-jährigen alten Herrn zu Höchstleistungen anzuspornen.

Maxwell Livingston Smith alias Max Romeo fertigte im Black Ark bereits 1976 zusammen mit Lee Perry und den Upsetters sein Meisterstück – ein bis heute gewaltiges, weit sichtbares Bergmassiv in der weiten Reggaelandschaft. Beinahe 40 Jahre nach „War ina Babylon“ veröffentlichten 2015 Max Romeo, Daniel Boyle, Lee „Scratch“ Perry und drei Ur-Upsetters eine weitere Zusammenarbeit: „Horror Zone„. Auf keinen Fall ist „Horror Zone“ ein billiger Abklatsch von „War ina Babylon“, sondern eher ein gelungenes Anknüpfen an alte Zeiten, also eher eine Art Weiterentwicklung. Dem Vokal-Album „Horror Zone“ lag das Dub-Album in guter alter Manier bereits bei. Und was folgt nun? Nachdem „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ schon 2020 in limitierter Vinyl-Auflage zum Record Store Day erschienen war, folgt jetzt das Dub Album des Dub Albums in digitaler Form. Boyle und Perry haben die original „Horror Zone“-Dubs erneut einer Bearbeitung am Mischpult unterzogen und einen Kosmos mit Unmengen von höhlenartigem Hall und analogen Spezial-Effekten veredelt, die laut Credits Lee „Scratch“ Perry zugeschrieben werden. Wieder einmal bekommen wir überzeugend zu Gehör gebracht, dass es für Perry & Boyle keine Herausforderung darstellt, ein bereits gutes Dub-Album ein weiteres Mal abzumischen, denn diese zwei Dubmaster sind immer in der Lage noch einen draufzusetzen. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen, denn die Zwei haben eine intergalaktische, dubwise Supernova erschaffen, welche die gesamte Galaxie noch heller erstrahlt als das Original.
Produziert, aufgenommen und gemischt wurde in Daniel Boyles Rolling Lion Studio ausschließlich mit analogen Geräten aus den 50ern bis in die 80er Jahre und charakteristischem Black Ark-Sound, der jedoch verständlicherweise nicht zu 100 % erreicht wird. Nichtsdestotrotz bin ich mir ziemlich sicher, dass „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ ein neuer Klassiker in Lee „Scratch“ Perrys Gesamt-/Lebenswerk sein wird.

Bewertung: 5 von 5.