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Mantra Move: Raven Dub

Heute empfehle ich wieder den andersgearteten Dub, der in diesem Fall zu einer Reise durch das mystische Indien einlädt. Das Projekt Mantra Move: „Raven Dub“ (Liquid Sound Design) ist bereits 1997 in den Köpfen des Bassisten Paul Raven (Killing Joke, Ministry, Prong, Raggadeath) und des Sängers Koze Kozma (Raggadeath) gereift. Nahm aber erst Ende 2019 – über 12 Jahre nach dem plötzlichen Herztod von Paul Raven – Gestalt an. Mantra Move ist eine bunte Truppe von Musikern, Sängern und Dichtern wie: Youth, Koze Kozma, Laurence Harvey (Kuba), Nik Turner (Hawkwind), Mark Gemini Thwaite (The Mission), Lee Harris, Shaky, Twixymillia u. v. a. Das Konglomerat solch unterschiedlicher Künstler schuf im Studio aus einer Vielzahl von Musikstilen und Genres eine ganz besondere Atmosphäre. Es entstand eine Fusion von Dub, Downbeat Electronica, Reggae und Psychedelic/Progressive Rock. Dessen nicht genug, sind auch Flamencoklänge und traditionelle indische Instrumente wie Sitar, Dhol und Banshi zu entdecken. Die Texte, teilweise aus dem Sanskrit übersetzt und vom Poeten Lee Harris rezitiert, passen wunderbar in diese teilweise magische Stimmung.
Lawrence Harvey (Kuba), einer der großen Chill-Out- und deep Downtempo-Künstler hielt bei „Raven Dub“ alle Fäden in der Hand. Er erzeugte mit der Kombination unterschiedlichster Stile eine unglaublich entspannte und ruhige, aber auch erfrischende Atmosphäre. Mit dieser intelligenten Mischung aus Upbeat, Downtempo sowie coolen Dubby Lounge Grooves entwickelte er ein wunderbares Musikerlebnis. Durch die Verschmelzung verschiedenster Genres und Rhythmen entstand ein Album, das von Anfang bis Ende frisch klingt und immer wieder gehört werden kann. Eine hervorragende Hommage, die dem Bassisten und Musikproduzenten Paul Vincent Raven (16. Januar 1961- 20. Oktober 2007) gewidmet ist.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Liquid Rainbow: 8 × 8

Am 16. November 1938 synthetisierte Albert Hofmann in Basel eine Substanz, die er selbst am 19. April 1943 erstmalig ausprobierte. Dieser Tag sollte als „Bicycle Day“ in die Geschichte eingehen, weil Albert Hofmann den Effekt der Droge erstmalig auf der Heimfahrt mit seinem Fahrrad wahrnahm. Mit dieser Entdeckung hat Hofmann die Pforten der menschlichen Wahrnehmung ins Unendliche erweitert. Warum dieser Exkurs?
Wenn sich eine Formation Liquid Rainbow nennt und dann noch mit solch einem flippigen Kaleidoskop-Cover und diesem eigenwilligen, musikalischen Sammelsurium aus Dub, Psychedelic, Electronica, Chillout und Field Recordings um die Ecke kommt, habe ich genau diese Assoziationen. Bereits Anfang 2014 wurde das Liquid Rainbow Album: „8 × 8“ veröffentlicht und hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren. Das Opus sind acht Original-Songs und acht Dubs, die von Stefano Contini aka Dubmaster Conte nachträglich gemixt wurden. Liquid Rainbow sind drei Herren aus Italien. Die zwei Multiinstrumentalisten Stefano Contini aka DUBMASTER CONTE und Francesco Allegro aka FRANK WIZARDD spielen Bass, Drums & Percussions, Keyboards, Sampler, Baritone Guitar, Electric und Slide Guitar, Sampler und Field recordings. Roberto Beretta aka ROBY B steuert Electric Guitar, Banjo und Keyboards dem Sound-Gemisch bei.
Der Mailänder Dubmaster Conte spielte als Teenager Bass in einer Punkrock-Band, die sehr stark von The Clash inspiriert war. Und wie könnte es anders sein, just über diese Schiene fand Dubmaster Conte seinen Zugang, zu den legendären Dub-Produzenten wie King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist und auch Mad Professor, die wiederum Dubmaster Conte zu seinen Mischtechniken inspirierten. Lange Rede kurzer Sinn: Man könnte das Album am besten als eine clevere Zusammenstellung aus Psychedelic Dub im Trip-Hop-Kostüm mit Ambient-Soundscapes und fetzigen Gitarrenklängen charakterisieren. „8 × 8“ ist folglich schon etwas abseitiger vom Mainstream-Reggae-Dub zu verorten – genau mein Ding.

Bewertung: 4 von 5.
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Bob Marley & The Wailers: In Dub Vol. 1

Wie doch die Zeit vergeht. Genau heute vor vierzig Jahren traf mich eine Nachricht im Radio mitten ins Mark. Ich fuhr meinen alten VW-Käfer an den Straßenrand, hielt wie in Schockstarre an und fühlte mich so, als wenn ich gerade die traurige Nachricht erhalten hätte, dass ein sehr guter Freund von mir gestorben wäre. Die Galionsfigur des Reggae, der Tuff Gong, hatte seinen letzten Kampf gegen den Krebs verloren. Nachdem sich Bob Marley beinahe acht Monate in der Ringberg Klinik in Rottach-Egern hat behandeln lassen, verschlechterte sich Anfang Mai 1981 sein Gesundheitszustand sehr deutlich und er beschloss, zurück nach Jamaika zu fliegen, um dort die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Dieses Ziel sollte er leider nicht mehr erreichen. Bereits auf dem Rückweg in die Karibik kollabierte er auf dem Flughafen in München-Riem. Nach einer Zwischenlandung in Miami am Morgen des 11. Mai war er für einen Weiterflug zu schwach. Er wurde in eine Klinik gebracht, wo er kurze Zeit später verstarb. Einer der charismatischsten und herausforderndsten Interpreten unserer Zeit, eine musikalische, politische und sogar spirituelle Figur mystischen Ausmaßes verstarb 36-jährig und ist und bleibt Reggaes größte Ikone und eine herausragende Figur unserer Zeit. Kein Künstler in der modernen Musik hat sein Genre so dominiert wie Bob Marley den Reggae. Marley sang von Rebellion, Aufständen, Rasta und der Kraft der Liebe. Ein Mann, der sich aus bescheidensten Verhältnissen erhob, um ein Vorbild für die Unterdrückten zu werden. Er war der renommierteste jamaikanische Künstler, der dem täglichen Kampf seines Volkes und der Rastafari-Kultur (s)eine Stimme gab und obendrein der Erste, der globalen Ruhm erlangte.
Bob Marley & the Wailers haben zusammen zu Lebzeiten acht Studio- und zwei Live-Alben eingespielt. Anlässlich seines 65. Geburtstags (6. Februar) – wenn er ihn erlebt hätte – wurde 2010 „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ veröffentlicht.
Wenn man einmal von Soul Revolution II absieht, die Lee Perry ursprünglich nur auf seinem Label veröffentlichte, ist „In Dub Vol. 1“ einer der wenigen Versuche Marley Dubs in Albumlänge zu veröffentlichen. Das macht das Album von vornherein interessant, aber auch gewagt. Mit „Roots Rock Dub“ startet das Album und die skanking Rhythmusgitarre in Kombination mit fragmentierten Backing Vocals werden durch jazzige Saxofon Klänge ergänzt. Die „Jamming Version“ verzichtet fast vollständig auf Echo und Hall. „Is This Love Dub“ kommt wesentlich stärker: Die Lead-Vocals werden ein- und ausgeblendet, Echo, Hall und schöne Percussions weißen den Weg. „One Love/People Get Ready Dub“ klingt in meinen Ohren ebenfalls gelungen. Bei „Forever Loving Jah Dub“ übernimmt Aston Barretts unvergleichlicher Bass die Rolle, die ihm im Dub auch gebührt, die Hauptrolle. Beim „Lively Up Your Dub“ wurde mehr von Bob Marleys Stimme beibehalten als bei einigen anderen Tracks. „Three Little Birds Dub“ klingt ein bisschen wie aus den Anfängen des Reggae, vielleicht auch aufgrund der klassischen Instrumentierung. „Crazy Baldhead Dub“ wirkt noch dunkler und dadurch auch interessanter, während „Waiting in Vain“ mir noch wesentlich düsterer erscheint als das Original. „She’s Gone Dub“ enthält einen Großteil des Originalgesangs, bevor es in einen großartigen Old-School-Version/Dub-Stil übergeht. Das Album schließt mit einer „Smile Jamaica Version“ und einem für die damalige Zeit charakteristischen, etwas dumpfen, Produktionssound.
„Lively Up Your Dub“ ist der einzige Track auf diesem Album, bei dem zweifelsfrei zu erkennen ist, dass er von Scientist gemixt wurde. Die restlichen zehn Tracks könnten Bob Marley zusammen mit Aston Barrett oder andere im Tuff Gong Studio tätige Sound-Engeneers gemixt haben. Auf dem Album sind diesbezüglich leider keinerlei weitere Informationen zu finden.
Abschließend kann man feststellen, dass auf „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ keine größeren Mischpult Tricksereien stattfinden oder ein Dubfeuerwerk abgebrannt wird. Vielmehr bekommen wir vor Augen und besonders Ohren geführt, dass auch im reduzierten Dubsound Robert Nesta Marleys Songs und Melodien wie Fixsterne im unendlichen Universum erleuchten.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub Garden: Doctor Wind In Dub

Jedes Mal, wenn ich das vorliegende Album höre, denke ich, dass ich es unbedingt im Dubblog besprechen sollte. Dub Garden sind eine vierköpfige Truppe – zwei Mädels und zwei Jungs – aus Thessaloniki, die in Sachen trip-hoppiger Musik seit 2016 unterwegs sind. Im Sommer 2017 veröffentlichten sie ihr erstes Album: „Doctor Wind“, dem sie 2019 eine Dub-Überarbeitung in Form von Dub Garden: „Doctor Wind In Dub“ folgen ließen. Trip Hop(pige) Formationen aus Anfang der 1990er wie: Massive Attack, Portishead, Thievery Corporation, Groove Corporation, Waldeck, Kruder & Dorfmeister u. v. a. haben maßgeblich dazu beigetragen, dass mein Interesse an Dub über die vielen Jahre nicht gelitten hat und ich immer noch tief in der Materie bin. Ganz besonders muss ich aus der Zeit noch zwei Alben hervorheben: Massive Attack/Mad Professor: „No Protection“ und Groove Corporation: „Co-Operation Dub“, die mir das Fehlen guten, aktuellen, jamaikanischen Dubs wesentlich erträglicher machten. Haargenau dieses Erbe vertreten die griechischen Dub Garden mit ihrem hier vorliegenden Album „Doctor Wind In Dub“, einem Trip Hop-Album, das sehr stark vom Dub beeinflusst ist. Die acht um die vier Minuten langen Tracks reflektieren verschiedenste Musikeinflüsse und nehmen uns mit sehr angenehmen Gesangseinsprengseln, stoischen Basslines, wohl akzentuierten Gitarren-Licks auf eine melodische und ebenso groovige Reise von den frühen Neunzehnneunzigern bis heute. Über teils ethnische, Blues- aber auch Ambient-Elemente begeben wir uns auf weniger bekanntes Dubterrain und ausgelatschte Dubpfade.
Kurz: Wir haben hier eine großartige Mischung aus traditionellem Dub und Innovation. „Doctor Wind In Dub“ ist zeitlos und vertreibt hoffentlich nicht nur mir die schlechten Vibes, welche die „Infamitäten des Lebens“ gelegentlich mit sich bringen.

Bewertung: 4 von 5.
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Nachur: Cicada Sessions

Okay, okay, der hottest Shit ist das 2013 entstandene Album „Nachur: Cicada Sessions“ tatsächlich nicht. Aber eines der interessanteren, die ich in letzter Zeit in meinem Archiv wiederentdeckt habe. Anfang 2012 machten sich zwei Multiinstrumentalisten, der Neuseeländer Isaac Chambers (Produktion, Programmierung, Sampling, Recording, Keyboards, Percussion) und der Kanadier Prosad (Sitar, Gitarre, Didgeridoo, Bansuri, Melodika, Keyboards, Percussion) daran, ihre einzigartigen Ideen, Einflüsse und vielfältigen Fähigkeiten zu kombinieren, um Live-Electronica zu kreieren. Die zwei Protagonisten stellten kurzerhand ein temporäres Studio in einem alten Bus zusammen. Anschließend fuhren sie zum neuseeländischen „Abel Tasman National Park“ mit Blick auf den Ozean und begannen ihre Songs zu komponieren. Die dabei entstandenen „Cicada Sessions“ leiten offenbar ihren Namen von den Zikaden ab. Wer einmal Zikaden in einem südfranzösischen Pinienwald an einem Sommertag gehört hat, kann sich die Geräusche lebhaft vorstellen. Deshalb wurde das Album ausschließlich nachts produziert. Die Aufnahmen begannen bei Sonnenuntergang und dauerten meist bis Sonnenaufgang. Viele andere Naturgeräusche, auch die Zikaden, fanden dennoch ihren Weg auf die leider etwas zu kurz geratene EP. Wenn es nach mir ginge, könnte das Album auch gerne doppelt so lang sein, und ich würde mich immer noch nicht langweilen. Viele der Soli wurden in einem einzigen Take aufgenommen und keinerlei Overdubs unterzogen.
Inspiriert von Dub, Roots, Jazz & Downbeat Electronica, verschmilzt „Nachur“ (sprich Nature) moderne digitale Produktionen mit erdigen analogen Klängen. Die Songs werden gefühlvoll mit Dub-Elementen wie Delay und Hall kombiniert, wodurch tiefe atmosphärische Klanglandschaften entstehen. Elektronische Beats und Reggae-Basslines werden schwerelos mit Sitar, Gitarre, Bansuri (indische Bambusflöte), Didgeridoo und Melodika verwoben. Epische Gitarrensoli, die an David Gilmour von Pink Floyd erinnern, werden mit östlichen Sitar- und indigenen Instrumenten arrangiert, um den Hörer auf eine wahre Klangreise mitzunehmen.
Das Ziel des „Nachur“ Projektes war, einfach eine Musik zu schaffen, die Positivität und den tiefen Respekt zur Natur vermittelt. Das Ergebnis kann sich hören lassen, denn herausgekommen ist ein optimistisches und anregendes Klangwerk.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Bunny Wailer: Dub D’sco Vol. 1

Eine sehr traurige Nachricht erschüttert gerade die Reggae/Dub-Welt. Der letzte noch lebende Wailer aus dem Triumvirat der Wailing Wailers, Bunny Wailer, ist gestern (02.03.2021) 73-jährig im Kingstoner Krankenhaus gestorben. Aus diesem traurigen Anlass möchte ich nochmal die „Dub D’sco Vol. 1“ in Erinnerung bringen. Ein Album, das Bunny Wailer 1977 auf seinem Solomonic-Label veröffentliche und das von mir damals wie heute abgefeiert wird. Bunny Wailers erstes Dub-Album enthält (nur) sieben Tracks, die laut Bunny Wailer speziell für die Dancehall Massive ausgewählt wurden.
Das Album wird perfekt mit „Roots Raddics“ (aus Roots, Raddics, Rockers, Reggae) eröffnet. Ein heute immer noch unglaublicher und richtig packender Dub. Darauf folgt das mäandernde „Battering Down“ (aus Blackheart Man), das eine großartige Dub-Stimmung verbreitet, die träge und auf faszinierende Weise dahinfließt. Es ist immer wieder eine wahre Freude, die andere Dimension des Original-Gesangsstücks zu hören. Als Nächstes kommt „Armagedon“ (aus Blackheart Man), eine atemberaubende, mit Nyahbinghi Drumming verfeinerte, räumliche Klanglandschaft. Eine weitere großartige Version ist „Fig Tree“, die viele Vocals im Mix enthält. „Love Fire“ (aus Love Fire) erinnert ein wenig an „Dub Of Parliament“, Lee Perrys Dub-Version des Meditations Klassikers „House Of Parliament“. Die Hymne „Rasta Man“ (aus Blackheart Man) ist eine fantastische Dub-Version mit einer schillernden Atmosphäre. Sehr schön, wie gerade da Carly Barretts Drumming herauszuhören ist. Abgerundet wird dieses unglaubliche Meisterwerk durch „Dream Land“ (aus Blackheart Man), das ein paar herrlich kitschige Weltraum-Synthie-Klänge enthält.
Die meisten der auf Dub D’sco Vol. 1 enthaltenen Songs werden den Reggae-Fans mehr als geläufig sein, dennoch ist es immer wieder eine aufregende Erfahrung, sie in einem anderen, hier Dubwise-Stil zu hören. Die Art und Weise wie alle Songs von den weniger bekannten Dub-Meistern Sylvan Morris und Karl Pitterson im Kontrollraum eine inspiriert klingende Dub-Behandlung erhalten haben, kann als Sternstunde des Dub bezeichnet werden. Selten wurden der Instrumentierung und vor allem Bunny Wailers Stimme in Dub-Mixes so viel Raum gelassen. Es mag sein, dass Dub D’sco mit seinen Spezialeffekten etwas überproduziert daherkommt, aber letztendlich macht die Stärke der Songs und die exquisiten Darbietungen der Musiker dieses Album zu einem absoluten Muss für den Die-Heart-Dub-Fan.
R.I.P. Neville O’Riley Livingston aka Bunny Wailer

Bewertung: 5 von 5.
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R-Juna: Rockers Dub

Vom zyprischen Dubophonic Label gibt es wieder etwas Neues zu vermelden. Ein Jahr nach seiner Reggae/Dub-Debütveröffentlichung „Dubs And Praises“ ist der US-amerikanische Produzent aus Indiana Roy Waterford alias R-Juna mit seinem zweiten Dub-Album „Rockers Dub“ (Dubophonic Records) zurück. Und was soll ich euch sagen? Da geht einem alten Deadhead wie mir das Herz auf, wenn sich ein Dub-Künstler über 25 Jahre nach Jerry Garcias plötzlichem Tod (1995) und der offiziellen Auflösung der Grateful Dead zwei absolute Klassiker der Band: „Franklin’s Tower“ und „Fire On The Mountain“ vornimmt, sie einer Dubbehandlung unterzieht und durch die Echokammer jagt. Natürlich sind die beiden Titel auch Beleg dafür, welch außerordentlichen Stellenwert Grateful Dead – *die „amerikanischste“ aller Bands – in den USA innehat(te). Und was gibt’s noch auf der Neuerscheinung zu entdecken? In der Sammlung der zehn neuen Produktionen finden sich außerdem eine schöne Dubinterpretation des Red Stripes all-time Krachers „Seven Nation Army“ und des Doors Klassikers „Riders On The Storm“ mit Samples von Jim Morrisons Originalstimme. Die verbleibenden sechs Titel sind ordentliche Eigenkompositionen im herkömmlichen Roots-Dub-Style, die R-Juna elegant zwischen die Klassiker positioniert hat. Produziert, gemischt und gemastert wurde das Album wieder von Roy Waterford im Alleingang. Lediglich für die Dubbearbeitung der Grateful Dead Tracks wurde Colton Lantz an der Gitarre als Unterstützung angeheuert. Als kleinen Wermutstropfen muss ich konstatieren, dass Colton Lantz noch nicht einmal im Entferntesten an den glasklaren Gitarrensound eines Jerry Garcias herankommt. Wobei es ihm beim „Fire on the (Mountain) Dub“ etwas besser gelingt. Sei’s drum, denn das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie bereits R-Junas erstes Dub-Album „Dubs & Praises“ kostet auch „Rockers Dub“ wieder nur das, was du zu zahlen gewillt bist.

*Die „amerikanischste“ aller Bands deshalb, weil sie es verstanden, mühelos fast alle amerikanischen Musikstile in ihren einzigartigen Band-Sound zu adaptieren.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Tor.Ma In Dub: I Dub You! Vol. 1

Heutzutage gibt es verdammt gute aber auch viele sehr gleichförmige Dubs. Wenige davon sind wirklich schlecht. Trotzdem sind die meisten davon nicht so faszinierend und beeindruckend, dass sie nicht nach zwei- bis dreimaligem Hören auf lange Zeit oder sogar für immer im Archiv verschwinden. Eine dieser positiven Überraschungen ist der Mexikaner Rafael Hernandez aka Tor.Ma In Dub mit seinem neuen Album: „I Dub You! Vol. 1“. Tor.Ma In Dub ist Musiker, Produzent und DJ, der große Begeisterung für die meisten Formen elektronischer Musik: Psytrance, Goa, Progressive & Ethnic Trance, Dub, Ambient, Jazz und Reggae hegt. Viele dieser Genres werden auch auf der aktuellen EP „I Dub You! Vol. 1“ mit unterschiedlicher Gewichtung verwendet. Wobei der Schwerpunkt zweifelsfrei auf der Dub-Reggae-Seite und der elektronischen Tanzmusik liegt. Die Idee hinter „I Dub You! Vol. 1“ ist so genial wie simpel. Tor.Ma In Dub setzte sich ans Mischpult und fertigte aus purem Vergnügen Remixe oder Versions von Tracks der Künstler und Genres, die seinen Musikgeschmack nachdrücklich beeinflussten. Herausgekommen ist eine wahrlich wilde, ich möchte eher sagen, gewagte Mischung: Gorillaz, 2Pac feat. Dr. Dre, The Doors, Rage against the Maschine, Chemical Bros und Sublime. Boah, geht das zusammen? Für meinen Geschmack schon. Solch eine abgefahrene Mischung finde ich einfach nur weltklasse. Alleine den Gorillaz: „Clint Eastwood“ Track habe ich damals im Original schon richtig abgefeiert. Als Dub ist er geradezu phänomenal. Über die Dub-Veredelung des all time Klassikers der Doors: „Riders on the Storm“ – Jim Morrisons allerletzter Song zu Lebzeiten – freue ich mich ganz besonders. Insgesamt ist diese EP eine völlig ausgeflippte Mischung mit zum Teil sehr rhythmisch treibenden Kompositionen, die sowohl ideal für die Tanzfläche sind, als auch das trippige Kopfhörer-Erlebnis garantieren. Wer so etwas zustande bringt, hat wie Adrian Sherwood auch keinerlei Berührungsängste und schaut ganz weit über den Tellerrand. Meines Erachtens entwickeln gerade Künstler wie Sherwood (sowieso), Kutiman, DubRajah, Dreadzone oder jetzt Tor.Ma In Dub das Genre entscheidend weiter und geben ihm neue, frische Impulse. Insgesamt eine sehr positive, vor allem kreative Weiterentwicklung des Dub. Freue mich jetzt schon auf Vol. 2!

Bewertung: 4.5 von 5.

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Kutiman: Wachaga In Dub

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen und pünktlich finde ich noch einen passenden Abschluss. Eine Kuriosität, eines dieser Dubious-Music-Alben, die ich so sehr liebe, rotiert bei mir seit zwei Wochen Minimum zweimal täglich. Im ersten Moment klingt das Album, als hätten sich die ON-U Sound Legenden Adrian Sherwood, African Head Charge und Strange Parcels zusammengetan und veröffentlichten jetzt ein Seitenprojekt unter dem Künstlernamen „Kutiman“. Aber weit gefehlt, der israelische Kibbuznik, Produzent, Filmemacher und Multiinstrumentalist Ophir „Kutiman“ Kutiel steckt hinter dem Ganzen. Musikalisch ist Kutiman in ganz unterschiedlichen Genres wie Funk, Afrobeat, Worldmusik, Jazz, Psychedelic Rock und Alternative zu Hause. Ganze sechs Jahre hat er sich nun Zeit gelassen, um „Kutiman: Wachaga In Dub“ zu veröffentlichen.
Mit großer Ausrüstung (Mikrofone, Videoaufzeichnungsgeräte) flog Kutiman, den in Israel beinahe jedes Kind auf der Straße erkennt, 2014 nach Tansania, Afrika. Dort arbeitete er mit Stämmen der Massai und der Wachaga, einer Gruppe indigener Völker zusammen, die am Fuße des Kilimandscharo leben. Basierend auf den dort entstandenen Feldaufnahmen lokaler Musiker, Stammesgesängen und singenden Schulkindern aus Arusha, stellte er dann im heimischen Studio akribisch „Wachaga“ zusammen. Aus fünf der neun Originaltitel seines vierten Studioalbums schuf er jetzt „Wachaga In Dub“. Im Geiste klassischer Dub-Alben nimmt Kutiman Teile des ursprünglichen Ausgangsmaterials, ordnet sie neu, fügt Delay, Reverb und Phaser hinzu, um seine Musik in neue halluzinogene Höhen zu pushen. Entstanden ist ein wahrlich einzigartiges Konzept, das traditionelle afrikanische Gesänge und Rhythmen mit spirituellem Jazz und frisch klingender Elektronik kombiniert. Die Rhythmusmuster, Gesänge und die sich wiederholenden Passagen bieten die perfekte Plattform für Kutimans bewusstseinserweiternde Erkundungen. Das psychedelische „Awake In Dub“ klingt, als hätte Doug Wimbish die satten Bass-Lines eingespielt. „Maasai In Dub“ ist ein akustisch-afrikanischer Trip – (m)ein Killertrack. Das Mini-Album ist eine Tour de Force, die mitten ins Schwarze trifft, weil sich durch die Verschmelzung von Sampling, Electronica, Jazz und extrem vielen Dub-Effekten eine Exotik offenbart, die man in der Art sehr selten zu hören bekommt. Bitte mehr davon, Kutiman.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Super Hi-Fi: Yule Analog Vol. 2

Sonntag haben wir den ersten Advent. Eines kann ich heute schon sagen: Es wird wegen Corona ein Advent, wie ihn bisher niemand von uns kennt.
Was bietet sich mehr an, als eine Sammlung klassischer Weihnachtslieder im Reggae-Rhythmus und ordentlicher Dub-Behandlung zu besprechen?
Beim Gedanken an Weihnachten habe ich Visionen unserer Familienfeiern mit Tante, Onkel, Cousinen, Cousins und dem von mir so verhassten Weihnachtsliedersingen mit Blockflöte, Klarinette und dem ganzen Schmus. Mit fortschreitender Dauer des Abends wurden dann die Erwachsenen, dank Mums selbstgemachtem Eierlikör für die Damen und dem Punsch mit reichlich Rum für die Herren, immer breiter und dichter. Dann war die Stimmung auf dem Siedepunkt und das Ganze kaum noch zu ertragen. Was hätte ich aus heutiger Sicht dafür gegeben, wenn es mal eine Platte wie die von „Super Hi-Fi: Yule Analog Vol. 2“ auf den Plattenteller geschafft hätte? Aber so etwas geiles gabs vor über 50 Jahren leider noch nicht.
In medias res: Bassist Ezra Gale hat sich mit seinen Hi-Fiers ein weiteres Mal zehn Weihnachtslieder vorgeknöpft und eine schräge, Gebläse-lastige, jazzige Mischung aus Weihnachtsstandards mit tiefen Dubs und Remixes gebastelt. Ezra Gale und Schlagzeuger Madhu Siddappa beherrschen die Kunst, sirupartige Grooves aus den Weihnachtsklassikern herauszukitzeln. Für mich sind die zwei Posaunen das Markenzeichen der Band. Eine ziemlich coole Mischung aus schnoddrigem und auch keckem „Gebläse“, gemischt mit einem stellenweise etwas weicheren Posaunenspiel à la Rico Rodriguez. Das Album beginnt mit einer „Stille Nacht“ Version, wie könnte es anders sein? Eine sehr schöne, eigenwillige Version von Pyotr Ilych Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“ aus der Nussknacker-Suite ist auch vertreten, gefolgt von Bob Browns interaktivem White Board Song, hier: „Santa bring me an Echoplex“ im Ska-Rhythmus. Sehr witzig! Die Dubs wurden, wie bereits „Yule Analog Vol. 1“, von Prince Polo gemixt- siehe auch dazu „Destroy Babylon„.
Mein Fazit: Die jazzige Horn-Section bietet uns die Essenz alter Standards in neuem Gewandt und ist für meine Ohren wie geschaffen, um diese dunkle Zeit der kommenden Rauhnächte (25. Dezember bis 06. Januar) gut zu überstehen. Prince Polo macht „Yule Analog Vol. 2“ erneut zu einem sehr angenehmen Hörerlebnis. Wer Lust auf feine Hörner im Reggae-Stil mit Dub-Magie hat, ist hier bestens beraten.

Bewertung: 4 von 5.