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Linval Thompson Meets Roberto Sanchez At The Ark: Marijuana Sessions In Dub

Das 1978 erschienene Album „I Love Marijuana“ war Linval Thompsons erstes selbst produziertes Album. Stimmlich war Linval Thompson 1978 auf dem Höhepunkt seiner Fähigkeiten. Seine Stimmlage und sein selbstbewusstes Auftreten – nicht unähnlich dem von Ken Boothe – machten ihn so einnehmend wie die amerikanischen Soulsänger, die in den 60er und 70er Jahren nicht wenige junge jamaikanische Sänger inspirierten. Dem Erfolg seiner Hitsingle „I Love Marijuana“ folgte die gleichnamige LP und mit ihr einige der besten Songs seiner Karriere. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen brachte Thompson einige ausgesprochen starke Stücke mit ins Channel One Studio der Hookim Brüder, zum anderen hatte er mit The Revolutionaries eine der besten Bands Jamaikas an seiner Seite. Am Bass hören wir Aston Barrett oder Robbie Shakespeare, am Schlagzeug Horsemouth Wallace oder Sly Dunbar, an der Orgel Ossie Hibbert, gefolgt von Ansel Collins am Piano. Die Gitarre zupfte Earl Stanley Smith, besser bekannt als „Chinna“ Smith. Das Endergebnis war eine äußerst raffinierte LP mit Reggae aus den späten Siebzigern. Auf dem Album trifft die Wärme und Romantik des Rock Steady auf den knallharten Sound der damals aufkeimenden Natty Roots-Szene. Auf der Original-LP war als Leckerli nur der letzte Track ein Dub, „Jamaican Colley (Version)“, eine Dub-Version des Titelstücks. Obwohl der Engineer nicht namentlich genannt wurde, deutet vieles darauf hin, dass entweder Tubby selbst, Philip Smart oder Prince Jammy an den Reglern saßen. Zu den Höhepunkten des Albums gehören neben dem Titeltrack das funkige „Dread are the Controller“ und Ken Boothes rätselhaft widersprüchlicher 1969er Klassiker „Just Another Girl“ aus dem Studio 1. Das von Tony Robinson produzierte 1975er-Album von U-Roy „Dread in a Babylon“ enthält ebenfalls einen fantastischen Toast von „Just Another Girl“ namens „Runaway Girl“.
Seitdem hat sich Linval Thompson auch als Produzent einen Namen gemacht und Arbeiten mit und von Dennis Brown, Barrington Levy, The Viceroys, Revolutionaries, Scientist und unzähligen anderen Künstlern veröffentlicht.

Kommen wir nun zu „Linval Thompson meets Roberto Sanchez At The Ark: Marijuana Sessions In Dub“ (A-LONE PRODUCTIONS). Linval Thompson, der in den letzten Jahren immer wieder mit dem spanischen Musiker, Soundengineer und Produzenten Roberto Sanchez zusammengearbeitet hat, hat Roberto Sanchez die Originalbänder zur Verfügung gestellt, um daraus ein ebenso geniales Dub-Album zu basteln. Und was die beiden im A-Lone Ark Studio im nordspanischen Santander zusammengeschraubt haben, kann sich hören lassen. Wir kennen viele Beispiele, bei denen ein solches Unterfangen – gelinde gesagt – brutal in die Hose ging. Doch weit gefehlt, Roberto Sanchez und Linval Thompson haben es mühelos geschafft, einen Klassiker in die Jetztzeit zu transferieren. Herausgekommen ist ein zeitloses Dub-Album mit wunderbaren Basslines à la Aston ‚Familyman‘ Barrett, fetten Riddims und frei im Raum schwebenden Songfragmenten von Linval Thompson, das tatsächlich so klingt, als wäre es in der Blütezeit des Reggae entstanden. Was soll man da noch meckern? Angesichts der Tatsache, dass die Nachfrage nach Reggae-Klassikern nach wie vor stetig steigt, kann man Sanchez und Thompson zu diesem Ergebnis nur gratulieren und ausrufen: „Well done men, I like it very much!

Bewertung: 4 von 5.

Das Album wird am 24.05.2024 auch als Schallplatte veröffentlicht.

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Five Star Review

Roots Architects: From Then ‚Til Now

Was für ein wunderbares musikalisches Vermächtnis wird uns hier präsentiert? Ein Album, das im Grunde bereits 1978 seinen Anfang nahm, sich als geistiges Kind weiterentwickelte und 2017 in die Tat umgesetzt wurde, um schließlich 2024 mit der Veröffentlichung seine Vollendung zu finden. Aber zuerst alles der Reihe nach.

Das Coverbild von „Roots Architects: From Then ‚Til Now“ (Fruits Records) zeigt eine typische Straßenszene in Kingston. Hunde fressen weggeworfene Essensreste vom Bürgersteig. Eine junge Frau im Hintergrund starrt den Betrachter misstrauisch an. Ältere Männer sitzen auf einer Bank und blicken mit unendlicher Geduld auf die staubige Straße, während sich ein ergrauter, bärtiger Herr mit einem Gehstock uns nähert. Ein ganz normaler Tag auf Jamaika.

Wenn wir uns mit der Geschichte des Reggae beschäftigen, wird diese meist über Sänger, Produzenten und Soundsysteme erzählt. Ein Sänger oder Toaster wurde engagiert, um über einen bereits existierenden Rhythmus zu singen oder zu skandieren. Der Produzent bezahlte die Aufnahmekosten und testete den Song bei einem Dance, um zu sehen, ob er ein Hit werden könnte. In den 1970er Jahren, als der Reggae dekonstruiert und in seinen avantgardistischen Ableger Dub verwandelt wurde, rückten die Toningenieure, die ihre Studios als Instrumente benutzten, immer mehr in den Mittelpunkt. Die engagierten Studiomusiker, die die eigentlichen Rhythmen produzierten, werden dabei oft übersehen. Außer vielleicht von ein paar Liebhabern, die immer auch ein Augenmerk auf die beteiligten Instrumentalisten hatten.

Der jamaikanisch-chinesische Roots Reggae Sänger I Kong – alias Errol Kong, Neffe des legendären Leslie Kong – veröffentlichte 1978 die LP „The Way It Is“ mit einer einzigartigen Besetzung, die fast alle führenden Session-Musiker der Insel umfasste. Obwohl das Album von den Kritikern hochgelobt wurde, floppte es finanziell, und I Kong ging in ein selbst auferlegtes musikalisches Exil aufs Land. Anfang der 2010er Jahre wurde er vom Schweizer Produzenten und Vintage Reggae Liebhaber Mathias Liengme kontaktiert. Liengme hatte sich 2011 mit Leroy „Horsemouth“ Wallace angefreundet. „Horsemouth“ dürfte vielen aus dem Rockers Film und als Schlagzeuger der frühen Burning Spear Aufnahmen bekannt sein. Einige Zeit später fand sich Liengme in Jamaika wieder, wo er die lebenden Legenden der goldenen Reggae Ära aufnahm, die das Land und den Reggae weltberühmt gemacht hatten. Durch I Kong lernte Liengme Robbie Lyn kennen. Robbie Lyn hatte auf „The Way It Is“ und Hunderten anderer berühmter jamaikanischer Aufnahmen Keyboards gespielt. Nach der gemeinsamen Arbeit an I Kongs lang erwartetem Album „A Little Walk“ wandte sich Liengme für sein ehrgeiziges Vorhaben an Lyn. Robbie Lyn öffnete sein Adressbuch, ließ seine Beziehungen spielen und das ambitionierte Projekt nahm Gestalt an. Das Werk des Schweizer Pianisten und Produzenten Mathias Liengme ist ein wahres Veteranentreffen. Im Februar und März 2017 reiste Mathias Liengme zum fünften Mal nach Kingston, um die Musiker zu ehren, die seit seiner Jugend seine Ohren erfreuten und ihn dazu brachten, eine Doktorarbeit über die jamaikanische Musik zu schreiben. Er wollte mit möglichst vielen der noch lebenden Veteranen unter den Session Musikern aufnehmen. Mit Hilfe einiger von ihnen wie Robbie Lyn, Fil Callender oder Dalton Browne gelang es ihm, mehr als 50 Musiker im Alter von 54 bis 85 Jahren für neun Instrumentalsongs zusammenzubringen. Fünfzig der größten Studiomusiker in der Geschichte Jamaikas, deren Arbeit von den Anfängen des Reggae Ende der 1960er Jahre bis heute reicht und die zum internationalen Erfolg des Reggae beigetragen haben. Dieses großartige Instrumentalalbum ist eine Hommage an die unbekannten Helden, die all diese fantastischen Riddims erschaffen haben. Allein die Namen sprechen für sich: Ernest Ranglin, Sly & Robbie, Karl Bryan, Vin Gordon, Glen DaCosta, Robbie Lyn, Ansel Collins, Dougie Bryan, Mao Chung, Boris Gardiner, Jackie Jackson, Lloyd Parks, Bo Pee, Dalton Browne, Flabba Holt, Fil Callender, Mikey Boo, Barnabas, Horsemouth, Dean Fraser, Ibo Cooper, Cat Coore, Derrick Stewart, Dwight Pinkney, Bubbler, Lew Chan, etc… Sie alle sind verantwortlich für Tausende von Aufnahmestunden und Millionen von Minuten, die von Musikliebhabern auf der ganzen Welt gehört wurden.

So sind die Roots Architects, die Legenden des Reggae, in die Studios von Kingston zurückgekehrt, um das zu tun, was sie schon immer am besten konnten: gemeinsam Instrumentalmusik machen. Herausgekommen ist ein großartiges Album, das für alle Liebhaber jamaikanischer Musik, instrumentalen Reggaes oder einfach schöner Musik unverzichtbar ist. Für Musiker ist „From Then ‚Til Now“ das, was „Inna de Yard“ für Sänger ist. Schlicht und einfach, eine Hommage an die ganz Großen. Doch leider ist „From Then ‚Til Now“ inzwischen auch zu einer Art Epitaph für die Musiker geworden, die seit den Aufnahmen im Jahr 2017 verstorben sind. Winston „Bo Pee“ Bowen, der Namensgeber des Albums, starb am 26. März 2019 im Alter von 62 Jahren an einem tödlichen Herzinfarkt. Arnold Brackenridge verstarb am 7. Oktober 2020 im Alter von 70 Jahren an Prostatakrebs. David Trail starb zu einem unbekannten Zeitpunkt in diesem Jahr. Dalton Browne war 70 Jahre alt, das gleiche Alter wie Bo Pee, als er am 1. November 2021 starb. Bongo Joe starb im Alter von 86 Jahren am 5. September 2021. Mikey Boo, dessen Schlagzeugspiel durch einen Schlaganfall und anschließende Demenz beeinträchtigt war, starb am 28. November 2021 im Alter von 74 Jahren. Nur zehn Tage später erlag Robbie Lyns guter Freund Robbie Shakespeare im Alter von 68 Jahren einer Nierenoperation. Ihm folgte noch im selben Monat der 71-jährige Mikey Chung. Der jüngste Musiker des Projekts, Bassist Christoper Meredith, starb am 27. Juli 2022 im Alter von nur 54 Jahren. Nach einer Reihe gesundheitlicher Komplikationen verstarb Lyns geliebter „großer Bruder“ und ehemaliger Bandleader Fil Callender am 27. Mai 2022 im Alter von 75 Jahren. Robbies Keyboard-Kollege und enger Freund Tyrone Downie starb am 5. November 2022 im Alter von 66 Jahren in einem Krankenhaus in Jamaika. Ihr Keyboard-Kollege Ibo Cooper verstarb am 12. Oktober 2023 im Alter von 71 Jahren.

Mögen sie alle in Frieden ruhen, während ihre unsterbliche Musik Lautsprecher, Körper und Seelen für unendlich viele Tänze in der Zukunft erschüttern.

Bewertung: 5 von 5.

Diese Rezension widme ich meinem lieben Freund Endi (pfälzisch für Andi), der sich nach langer Krankheit ins Reich der Ahnen aufgemacht hat. Er ist, so wie die oben genannten Helden, nicht von uns gegangen, sondern lediglich vor uns.

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The Aggrovators & The Revolutionaries: Guerilla Dub (Re-Release)

Ok, so wie ich den Kommentaren im Release-Radar entnehme, sind zu dem vorliegenden Album noch einige Fragen offen, die ich gerne zum Anlass nehme, um ein wenig mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Mal ganz abgesehen davon, dass Burning Sounds seine 1978 eingeschlagene Fehlinformation beibehält, wie zum Beispiel der Name The Aggravators weiterhin falsch geschrieben bleibt, sind auch falsche Angaben über das Studio zu lesen, in dem die Bands die Riddims aufgenommen haben sollen. Entgegen der Angabe auf dem Cover wurden die Tracks niemals in King Tubbys Studio aufgenommen. Die Aufnahmen der Tracks fanden vielmehr im Channel One der Hookim Brüder und im Harry J Studio statt. Später wurden die Tracks von Oswald ‚Ossie‘ Hibbert in King Tubbys viel kleinerem Studio abgemischt, das, wie wir bereits aus Helmut Philipps genialer Dub Konferenz wissen, nur für die Vertonung und den Mix genutzt wurde.

Also, Burning Sounds hat das Album „The Aggravators (The Aggrovators) & The Revolutionaries: Guerilla Dub“ anlässlich des diesjährigen Record Store Day (RSD) erneut aufgelegt. Ursprünglich wurde Guerilla Dub 1978 von der britischen Plattenfirma auf transparentem Vinyl veröffentlicht, im Jahr 2016 wurde das 10-Track-Album auf CD und 180-Gramm-Vinyl-LP neu aufgelegt. Jetzt wurde anlässlich des RSD die LP noch einmal veröffentlicht, diesmal als rot gefärbte Vinyl-LP.

Die Aggrovators, sind benannt nach Bunny ‚Striker‘ Lees Plattenladen Agro Sounds. In den 1970er und 1980er Jahren war die Band mit ständig wechselnder Besetzung die wichtigste Session-Band für ‚Striker‘. Im gleichen Zeitraum waren The Revolutionaries die Hausband des Channel One Studios. Wie bereits erwähnt, wechselte die Besetzung beider Bands häufig, wobei Bunny Lee und die Hookims den Bandnamen für die Musiker, mit denen sie gerade zusammenarbeiteten, beibehielten. Musiker wie Aston & Carlton Barrett, Sly & Robbie, Bertram McLean, Tommy McCook, Bobby Ellis, Vin Gordon, Ossie Hibbert, Earl „Chinna“ Smith etc. spielten zeitweise in beiden Bands.

Kommen wir nun zum „Guerilla Dub“, auf dem sich ebenfalls fast die gesamte Crème de la Crème der damaligen jamaikanischen Musikszene tummelt. Als Beispiel bleibe ich jetzt nur mal bei den Riddim Sections: Am Bass hören wir Aston Barrett, Robbie Shakespeare, George ‚Fully‘ Fullwood, Bertram ‚Ranchie‘ McLean, Lloyd ‚Sparks‘ Parks und Earl ‚Bagga‘ Walker und an den Drums: Carlton Barrett, Lowell ‚Sly‘ Dunbar, Lloyd ‚Tin Leg‘ Adams, Basil ‚Benbow‘ Creary und Carlton ‚Santa‘ Davis. Der „Guerilla Dub“ enthält Dub-Pendants von Jimmy Rileys LPs „Majority Rule“, „Showcase“ und „Tell The Youths The Truth“ aus den späten 70ern, von denen einige zuvor als 7 Inch-Singles in Jamaika veröffentlicht wurden. Dank einiger Gesangsschnipsel, die in den meisten Tracks enthalten sind, ist es für den Hörer relativ einfach, sie mit den ursprünglichen Gesangsaufnahmen in Verbindung zu bringen. Die Reise in den Dub beginnt mit „Cuddoe Dub“, einem schönen Riddim im Rockers-Stil mit subtilen Orgelparts. Es folgt der fesselnde „Garvey Dub“, das Dub-Gegenstück zu Jimmy Rileys Titeltrack auf der „Majority Rule“ LP. Der „Garvey Dub“ ist, wenn auch anders abgemischt, auch als „The Conqueror“ von The Revolutionaries bekannt. „Paul Bogle Dub“ ist eine Version von Jimmy Rileys Hit „Nyah-Bingi“, der auf seiner „Showcase“ LP zu hören ist und der „Malcolm X Dub“ ist der Dub zum Vocal-Cut „A You“, der ebenfalls auf der „Showcase“ LP zu finden ist. Abgerundet wird die A-Seite mit dem „Martin Luther Dub“, einem Remix von Alton Ellis‘ „Can I Change My Mind“ Riddim. Die B-Seite der Platte bietet die gleiche Art von klassisch schönen Ossie Hibbert Dubs. Zu den bemerkenswertesten Beiträgen gehören der Titeltrack „Guerilla Dub“ und „Maroon Dub“, eine Version von „Cleaning Up The Streets“, das in den 1970er Jahren ein großer Hit für Jimmy Riley war.

Auch wenn die Ossie Hibbert Dubs auf „Guerilla Dub“ heute nicht mehr die absoluten Sahnehäubchen sind, gehört der 2012 an einem Herzinfarkt verstorbene Musiker, Sound Engineer und Produzent für mich zu den vielen unbesungenen Helden der jamaikanischen Musikszene. Einige kennen von ihm sicher auch Crueshal Dub“, Leggo Dub“ und Earthquake Dub“ – alles sehr schöne, energiegeladene Dub-Werke aus der Blütezeit des Reggae/Dub. Trotzdem hat mir das Wiederhören dieses Klassikers wieder enorm viel Spaß gemacht.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Dub Obsession W/ Aston „Familyman“ Barrett

Lieber spät als nie, aber ich muss doch noch ein paar Worte zum Tod dieser wegweisenden Musiklegende verlieren.
Am 3. Februar 2024 verstarb nach einem „langen Kampf“ gegen die Krankheit Aston Francis Barrett, einigen besser bekannt als Familyman oder kurz Fams. Der legendäre Bassist der Wailers starb im Alter von 77 Jahren im Krankenhaus der Universität von Miami in Florida, der Stadt, in der 1981 auch Bob Marley verstarb.

Aston Barrett wurde am 22. November 1946 in Kingston, Jamaika, geboren. Als viertes von fünf Kindern von Wilford Barrett, einem Schmied, und Viola (geborene Marshall) wuchs Aston in einem großen Mietshaus in der Beeston Street im Zentrum von Kingston auf, in dem auch der Saxophonist Val Bennett wohnte. Zu arm, um sich einen richtigen Bass leisten zu können, baute sich Familyman seinen ersten Bass aus einer Gardinenstange. Mitte der 1960er Jahre schloss er sich der Clubband The Hippy Boys an und begleitete den Sänger Max Romeo bei verschiedenen Auftritten in Kingston. Der Produzent Bunny „Stricker“ Lee war von seinen Basslines so beeindruckt, dass er Barrett 1968 ins Studio holte, um Slim Smiths „Watch This Sound“ – eine Adaption des Buffalo Springfield-Hits „For What It’s Worth“ – aufzunehmen. In der Zeit, in der Aston Barrett zu Lees Hausband, den Aggrovators, gehörte, veröffentlichte er auch selbstproduzierte Werke auf den Labels Fam’s und Cobra. Die Singles „Distant Drums“, „Eastern Memphis“ und „Cobra Style“ zeugen von einer unverwechselbaren Herangehensweise an Instrumentalmusik und Dub-B-Seiten.

Seinen Spitznamen „Familyman“ verdankt er der Tatsache, dass Aston seine Musikerkollegen als Familie betrachtete und stets eine führende Rolle beim Arrangieren ihrer gemeinsamen Arbeit einnahm. Der Name Familyman rührt nicht daher, dass er viele Kinder hatte – 23 Töchter und 18 Söhne nannte er 2013 der BBC.

Ende 1969 schafften es die Barrett Brüder Aston und Carly mit Max Romeos schlüpfrigem „Wet Dream“ und dem Orgel-Instrumental „The Liquidator“ in die britischen Top Ten. Nach dem Erfolg des Instrumentals „Return of Django“ gingen sie im November mit den Upsetters auf Tournee durch das Vereinigte Königreich, obwohl sie selbst auf der Platte nicht mitgespielt hatten. Als Mitglied der Studioband The Upsetters lieferte Barrett kräftige und melodiöse Basslines, die auf den Aufnahmen zu hören sind, die die Wailers 1970-71 für den Produzenten Lee „Scratch“ Perry machten. Sein jüngerer Bruder Carlton „Carly“ Barrett spielte Schlagzeug. Der Autodidakt mit einem angeborenen Gespür für musikalische Arrangements und einem außergewöhnlichen Sinn für Timing spielte als Bassist und Bandleader von Bob Marley and the Wailers eine wesentliche Rolle bei der Beliebtheit und internationalen Verbreitung des Reggae. Als sich die Wailers von Lee „Scratch“ Perry trennten, um ihr eigenes Label Tuff Gong zu gründen, überredete Bob Marley die Barrett Brüder, die Upsetters zu verlassen. Von nun an bildeten Aston und Carly die Rhythmusgruppe, das Rückgrat der Wailers. Die Gruppe unterschrieb 1972 bei Island Records und die Erfolgsgeschichte begann. Als Fams 1973 bei den Aufnahmen zu „Natty Dread“ zum Bandleader und musikalischen Arrangeur avancierte, war er mit seinem Bass die treibende Kraft für Marleys berühmte Hymnen. Songs wie „No Woman, No Cry“ verlieh er die nötige Schwere.

Obwohl die Gruppe während der Island-Jahre viele Veränderungen erlebte, blieben die Barrett Brüder die Konstante, die stabilisierende Kraft in der Band. Familymans souveräne Beherrschung seines Instruments und sein gekonntes Zusammenspiel auf der Bühne bildeten das Rückgrat der elektrisierenden Auftritte der Band, während Marley seine Texte in tranceartigem Zustand vortrug.

Aston Barrett war auch ein wesentlicher und wichtiger Bestandteil des Mitte der 1970er Jahre aufkommenden Dub-Subgenres, außerdem war er auch Mentor für jüngere Musiker wie den Keyboarder Tyrone Downie und den Bassisten Robbie Shakespeare.

Neben seinen Aufgaben bei Bob Marley and the Wailers wirkte Barrett an Keith Hudsons „Pick A Dub“, Yabby Yous Debütalbum „Conquering Lion“, Peter Toshs „Legalize It“, Bunny Wailers „Blackheart Man“, Burning Spears bahnbrechenden Veröffentlichungen „Marcus Garvey“, „Dry And Heavy“, Social Living und Augustus Pablos „East Of The River Nile“ mit. Durch die Tourneen der Wailers wurde seine Sessionarbeit etwas weniger. Es würde den Rahmen sprengen, alle Alben aufzuzählen, auf denen Astons legendärer Fender Bass überall zu hören ist.
Nach dem Tod von Bob Marley nahm Familyman weiterhin mit Burning Spear auf (z. B. Hail H.I.M.) und arbeitete eine Zeit lang eng mit Rita Marley zusammen. Auf dem von ihm selbst produzierten Album „Juvenile Delinquent“ (1981) spielte er die meisten Instrumente selbst ein.
Aston und Carlton spielten auch auf dem fantastischen 1986er-Album „Jerusalem“ des ivorischen Reggae-Stars Alpha Blondy. Im darauf folgenden Jahr wurde Carlton jedoch ermordet.

Familyman tourte bis in die 90er Jahre hinein regelmäßig mit der Wailers Band – danach wurden seine Auftritte seltener. Zuletzt lebte er in Miami und wurde 2021 von der jamaikanischen Regierung mit dem Order of Distinction ausgezeichnet.

Zum Abschluss habe ich etwas weniger Bekanntes ausgewählt – eine Live Reggae Dub Session mit dem Meisterbassisten, Innovator und Schöpfer des typischen Bob Marley Sounds. „Dub Obsession w/ Aston „Familyman“ Barrett“ (Island King Records) ist eine improvisierte, ungeprobte, seltene und klassische Dub Session, live aufgenommen auf St. John, U.S. Virgin Islands. Während einer kurzen Auszeit von seinem endlosen Tourneeplan traf Familyman 2004 den ehemaligen Hausmixer der Wailers, Liston Bernie, der auf St. John lebt. Sie beschlossen, die Insel mit einer echten Dub Session zu verwöhnen. Die Reggae-Musiker der Insel konnten es kaum erwarten, mit diesem legendären Musiker aufzutreten, und das Publikum war mehr als begeistert. Der Auftritt wurde nicht angekündigt, und als sich die Nachricht in der Stadt verbreitete, strömten Fans aus allen Gesellschaftsschichten herbei, um bei diesem einmaligen Ereignis dabei zu sein.
Die 9 Tracks mit einer Spieldauer von knapp 75 Minuten sind definitiv ein Sammlerstück. Allein schon deshalb, weil Fams berühmter Fender Bass, mit dem er so unglaublich viele unsterbliche Basslines kreierte, für immer verstummt ist!

Bewertung: 4 von 5.
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aDUBta / Roots Organisation: A Tale Of Dubbing Horns

Die Roots Organisation aus der steirischen Landeshauptstadt Graz begeisterte mich bereits mit ihrer ersten EP “Strictly Recreational“. Ein Jahr später, im Oktober 2022, folgte das Album „A Tale Of Skanking Horns“ (Ginkgo Tree Music), ein Longplayer mit instrumentalem Reggae, feinsten jazzigen Bläsersätzen und Soli, auf dem die Roots Organisation wieder genial zu überzeugen wusste und einen vom ersten Ton an mitriss. Erinnerungen an die Urväter des Genres – die Skatalites – wurden wach. Die Riddims sind kraftvoll und strotzen vor Energie. Dazu kommen unzählige fein ausgearbeitete Bläsersätze mit viel Wucht. Am besten kommt dieser Sound zur Geltung, wenn die Bläser gleichzeitig eingesetzt werden. Hier sind wirklich Musiker am Werk, die es meisterhaft verstehen, im Grazer Stress Studio wunderbare Stimmungen und Spannungsbögen zu erzeugen. Neben der 8-köpfigen Band samt Bläsern waren als Gäste Fabian Supancic an der Orgel (Track 2 & 8), Michael Leitner an der Violine (Track 7) und Andreas „aDUBta“ Bauer an den Percussions mit von der Partie.

Mit aDUBta schließt sich nun der Kreis, denn die oben genannten Alben wurden bereits von ihm produziert, gemixt und gemastert. Eineinhalb Jahre später hat sich aDUBta erneut „A Tale Of Skanking Horns“ vorgenommen. Von den ursprünglich zehn Tracks wurden für „A Tale Of Dubbing Horns“ sechs von aDUBta einer Dub-Behandlung unterzogen, ordentlich entschleunigt und eine ganze Ecke tiefer gelegt. Das Mastering übernahm ein »gewisser« Umberto Echo, der hier im Dubblog kein Unbekannter ist.
Der Roots Organisation ist meines Erachtens ein nächster großer Wurf gelungen. Rundum hervorragend durchdachter Dub mit extrem viel Entspannungspotential. Ein wirklich exzellentes Album, das leider viel zu kurz geraten ist, da vier Tracks des Originalalbums bedauerlicherweise nicht gedubbt wurden!

Bewertung: 4 von 5.
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Christos DC: Kung Fu Action Theatre

Christos DC ist das Pseudonym von Christopher Vrenios, einem Sohn zweier professioneller Opernsänger aus Washington D.C. – was den letzten Teil seines Künstlernamens sofort erklärt. Den Spitznamen Christos verdankt Christopher seiner griechischen Großmutter. Nach seinem Mini-Album „Matchbox In Dub“ von 2023 meldet sich der griechisch-amerikanische Reggae-Musiker und Produzent mit einem bahnbrechenden Projekt „Christos DC: Kung Fu Action Theatre“ (Honest Music) zurück. Ein reines Instrumentalprojekt, das traditionelle chinesische Instrumente mit Roots-Reggae-Arrangements verschmilzt. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber ich bin der Meinung, dass die Verwendung chinesischer Instrumente ein Novum in diesem Genre ist.
In einem Interview nennt Christos DC zwei Gründe, weshalb er ausgerechnet ein Instrumentalalbum mit traditionellen chinesischen Instrumenten veröffentlichen wollte. Christos DC ist mit Kung-Fu-Filmen aufgewachsen, und die Musik, die er dabei hörte, hat ihn schon immer fasziniert, was ihn wiederum dazu brachte, mehr über klassische chinesische Musik im Allgemeinen zu erfahren. Die Idee, diese beiden Stile miteinander zu verschmelzen, trug er seit vielen Jahren mit sich herum, und das Ergebnis ist nun „Kung Fu Action Theatre“. In „Kung Fu Action Theatre“ kommen drei klassische chinesische Instrumente zum Einsatz: die Guzheng (eine Halbröhrenzither, die mit den Fingern gespielt wird), die Yangqin (ein chinesisches Hackbrett, das einem Saiteninstrument ähnelt und mit Klöppeln gespielt wird) und die Erhu (eine zweisaitige Röhrenlaute, die mit dem Bogen gestrichen wird, ähnlich einer zweisaitigen Geige). Kaum zu glauben, der Hintergrund ist zu 100 Prozent traditioneller Reggae, aber eines kann ich ohne Umschweife sagen: Die chinesischen Instrumente fügen sich traumwandlerisch in eine Fülle kreativer Arrangements ein und schaffen einen neuen Sound, der von Natur aus geheimnisvoll ist.
Zwei Tracks aus dem Projekt wurden bereits vorab von Christos DC veröffentlicht: das eklektische »Mountain King«, das auf Edvard Griegs klassischem Bühnenstück „In the Hall Of The Mountain King“ basiert, und das hypnotische »Distance«, bei dem die chinesische Instrumentierung im Vordergrund steht.
Insgesamt sind die Kompositionen, Darbietungen und die Produktion von „Kung Fu Action Theatre“ von höchster Qualität. An einfallsreichen Arrangements mangelt es nicht. Von der mäandernden, leicht melancholischen Grundidee von »Dread And Alive« bis zu »Far East«, bei dem das Tempo und der Fluss des rhythmischen Arrangements zunehmen. »Long Road« greift mit einer melancholischen, beunruhigenden Komposition den Titel des Albums auf, während »Mystic« mit seinem schnellen Schlagzeugarrangement etwas von Steppers hat. »Rising Sun« ist pures Vergnügen, »Survival« stimmt nachdenklich, während »Swan Lake« (ähnlich wie »Mountain King«) das Lied der Schwäne aus Pjotr Iljitsch Tschaikowskis klassischem Ballett aufgreift und neu belebt.

Es fällt sofort auf, dass sich Christos DC diesmal für einen warmen Roots-Sound mit Bläsern (Brian Falkowski – Saxophon und Paul Hamilton – Posaune) entschieden hat. Ein Sound, der mich sofort an US-amerikanische Virigin Islands-Produktionen erinnert, und das ist kein Zufall, denn das gesamte Projekt wurde von Laurent ‚Tippy I‘ Alfred von I Grade Records professionell abgemischt. Wir hören kein überbordendes Dub-Feuerwerk, sondern einen exzellenten meditativen Klangteppich mit ruhig mäandernden Riddims ohne viel Schnickschnack. Mit Musikern wie Style Scott, Flabba Holt, Kenyatta Hill, chinesischen Künstlern und vielen anderen hat Christos DC letztlich alles richtig gemacht und ein höchst anspruchsvolles Werk geschaffen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Ronnie Lion: Spanish Town

Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich die Wiederveröffentlichung des Albums „Ambient Warrior: Dub Journey’s“ in den höchsten Tönen gelobt. Noch heute begeistern mich diese wunderbaren Klanglandschaften immer wieder aufs Neue. Auch die Vielseitigkeit dieses 1995er-Albums war schon außergewöhnlich. Hier waren bereits südamerikanische Elemente wie Tango und Bossa Nova zu hören.
Das Kult-Reissue-Label Isle Of Jura veröffentlichte gerade das erste Soloalbum von Ronnie Lion, der einen Hälfte der oben erwähnten Ambient Warrior. Seit einigen Dekaden betreibt Ronnie Lion von Brixton aus sein Reggae-Label »Lion Music«, das seit vielen Jahren für seinen offenen Ansatz bekannt ist, Reggae mit unzähligen anderen Stilen zu mischen. Und welch Überraschung, das Album „Ronnie Lion: Spanish Town“ macht da weiter, wo „Ambient Warrior: Dub Journey’s“ aufgehört hat. Diese bekannten Sounds finden sich auch auf „Spanish Town“ wieder. „Spanish Town“ ist eine tiefe, gefühlvolle Verbeugung vor der Hauptstadt St. Catherine im Südosten Jamaikas. Die Rhythmusgruppe mit Ronnie Lion am Bass und Horseman am Schlagzeug bildet ein solides Fundament für die komplexen und eingängigen Hooks von Sean Wilkinsons spanischer Gitarre. Geschmeidige, lyrische Flamenco-Melodien des Lead-Gitarristen, werden gekonnt über schlendernde Roots- und Dub-Reggae-Grooves gelegt.
Wie vage Erinnerungen an einen erholsamen Urlaub am Meer wirken die neun wunderschön instrumentierten Instrumentalstücke auf „Spanish Town“. Ronnie Lions Basslines unterstreichen die warmen Keyboardsounds und natürlich das erstklassige Fingerpicking von Sean Wilkinson. Die unglaublich schönen Melodien zwischen dem geheimnisvollen, fast nostalgischen Flamenco »Hombre Peligroso« und dem federnden »Alligator Pond« sind dafür wohl der beste Beweis. Allerdings muss ich gestehen, dass die Tracks mit diesen schwülstigen „Synthie-Streicher-Einlagen“ meiner Meinung nach oft knapp an der Fahrstuhlmusik eines Einkaufszentrums vorbeischrammen. Wobei mich der berauschende Skank von „Naranja Colina“ neben dem brodelnden „Grants pen Steppers“ wieder voll überzeugen.

Unterm Strich ein sehr gelungenes, abwechslungsreiches Reggae-Instrumentalalbum mit einem ausgesprochen seltenen Alleinstellungsmerkmal, nämlich der spanischen Gitarre. Ein Album, das geschickt Reggae & Dub mit spanischen Klängen kombiniert, ist nicht nur Dub- und Reggaefans, sondern auch Tango-, Bossa Nova-, Folk- und Weltmusikliebhabern wärmstens zu empfehlen. Sollte man gehört haben.

Bewertung: 4 von 5.
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Awa Fall: Dub & Flames

Die im Oktober 1996 in Bergamo geborene italienische Reggae-Künstlerin senegalesischer Abstammung Awa Fall Mirone meldet sich mit einem Album zurück. Fast ein Jahr nach der Veröffentlichung des Song-Albums „Fire & Flames“ (WOW Records) folgt nun die Dub-Version „Awa Fall: Dub & Flames“ (WOW Records), an der einige illustre Gäste mitgewirkt haben – dazu später mehr.

Seit den 80er Jahren gibt es in Italien eine sehr lebendige Reggae-Szene. Stars wie Alborosie oder Africa Unite und weltbekannte Soundsystems wie One Love Hi Powa sind vielen ein Begriff, nicht zu vergessen das Rototom-Festival. Ein aufsteigender Stern am italienischen Reggae-Himmel ist zweifellos Awa Fall, Tochter eines senegalesischen Vaters und einer italienischen Mutter. Nachdem sie einige Jahre mit ihrer Tante Valentina auf der Bühne gestanden hatte, beschloss Awa Fall im Alter von 18 Jahren, ihr eigenes Projekt zu starten. So veröffentlichte die Sängerin, Songwriterin und Musikerin 2016 ihr erstes Album „Inna dis ya Iwa“ und ging mit den Eazy Skankers auf Tour. Das zweite Album „Words Of Wisdom“ ist im Januar 2019 erschienen. Das Album ist eine schillernde Produktion, die von Reggae über Hip-Hop alle Genres der schwarzen Musik berührt.
Mit durchschnittlich 100 Konzerten pro Jahr hat Awa Fall ihre Musik mittlerweile in ganz Europa und der Welt bekannt gemacht. Sie trat auf vielen großen europäischen Bühnen auf, wie z.B. dem Rototom Sunsplash in Italien, dem African Festival in Deutschland, dem Uprising in der Slowakei, dem Txapel im Baskenland etc. Außerdem hat Awa eine direkte Zusammenarbeit mit der Schule E.M.P PA Unite 15 in Dakar (Senegal) begonnen: für jedes Konzert spendet sie einen Prozentsatz an die Schule, die vielen Kindern, Jungen und Mädchen, von der Grundschule bis zum Gymnasium, eine Ausbildung ermöglicht.

Das nur 26 Minuten lange Album „Dub & Flames“ besteht aus sieben Tracks, die aus den acht Originaltiteln ausgewählt wurden, und wie auf dem abwechslungsreichen Album „Fire & Flames“ zeichnet sich jeder Track durch seinen eigenen Stil aus.
Die ersten beiden Tracks sind »Dub Resurrection« und »Dub & Flames«, die vom österreichischen Label Anaves Music produziert wurden. Der dritte Track ist das bereits bekannte und von Gaudi produzierte »I Wanna Dub«, das schon als Preview mit dem Originaltrack veröffentlicht wurde. »Dub Music« featured den englischen Künstlers Brother Culture und wurde von Dub Tree produziert. »Show Dub« featured den senegalesischen Künstler Ombre Zion und wurde von Nico Roccamo produziert. Der meisterhafte »Dub for the Rights« wurde von Paolo Baldini DubFiles produziert, der den Track in seinem unverwechselbaren Stil gedubbed hat, der ihn seit einigen Jahren auszeichnet. Der letzte Dub-Track des Albums ist »Key To Dub«, produziert von Buriman, dem Reggae & Dub-Produzenten und Mitbegründer des Projektes Moa Anbessa, dessen Dubplates und Veröffentlichungen regelmäßig von Top-Soundsystems wie Jah Shaka und Aba Shanti gespielt wurden/werden.
Alles in allem ein sehr schönes, modernes One-Drop-Reggae-Album auf der einen Seite mit kraftvollem Steppers-Stil auf der anderen.
Das vorliegende Werk wurde vom italienischen Komponisten, Musiker, DJ und Produzenten Walter Buonanno alias Walter Bonnot gemastert.

Bewertung: 4 von 5.
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Thriller featuring Augustus Pablo

Fakt ist: Reggae-Visionär und -Pionier Augustus Pablo war mit seinem einzigartigen Sound maßgeblich an der Entstehung der aufkeimenden Dub-Reggae-Szene beteiligt. Von einem frühen Album soll Augustus Pablo gar nicht begeistert gewesen sein. Es erschien 1975 in England auf dem Label Nationwide und auf dem Cover stand: „Thriller featuring Augustus Pablo“, produziert von Enos McLeod. Im Laufe der Jahre gab es mehrere fragwürdige Veröffentlichungen des Albums. Bei allen verschwand das »Featuring« und es wurde daraus „Augustus Pablo: Thriller“ oder „Augustus Pablo: Pablo Nuh Jester“, mit veränderter Trackreihenfolge und fünf zusätzlichen Titeln – auf die ich am Ende noch kurz eingehen werde. Bei der Wiederveröffentlichung durch das kanadische Label Abraham/Clocktower wurden sowohl der Originaltitel des Albums als auch alle Tracks umbenannt. Also aufgepasst: „Augustus Pablo: Dubbing In A Africa“ ist „Thriller“.
Bei der Vinyl-Wiederveröffentlichung am Black Friday (25.11.2022), die durch ORG Music am Record Store Day (RSD) ermöglicht wurde, waren 1.400 Exemplare zum Preis von je 25,99 Dollar in den Vereinigten Staaten in kürzester Zeit ausverkauft. Ausgerechnet mit dieser längst überfälligen Neuauflage gelang Augustus Pablo posthum erstmals der Sprung in die Billboard Reggae Album Charts.

Auch wenn Augustus Pablo anderer Meinung war: „Thriller“ ist ein herausragendes Album, das einige der besten Arbeiten des viel zu früh verstorbenen Ausnahmemusikers und Produzenten außerhalb seiner gemeinsamen Projekte mit King Tubby enthält. Ein Werk, auf das Enos McLeod als Produzent stolz sein kann. Wobei noch unklar ist, was er davon tatsächlich produziert hat. „Last Of The Jestering“ hat er jedenfalls nicht produziert, das geht eindeutig auf das Konto von Leonard Chin. Dasselbe gilt für „Pablo Nuh Jester“, ein weiteres Stück im gleichen Rhythmus. Von den restlichen acht Stücken kann man „Fat Girl Jean“ definitiv als Pablos Werk abhaken. Der Klang des Klaviers lässt mich das vermuten, denn nur Pablo scheint es zu schaffen, dass ein Piano diesen Sound erzeugt. Die Melodica Tracks lassen sowieso keinen Zweifel daran.

Die A-Seite des Vinyls beginnt mit dem Titeltrack »Thriller«, der mit einem großartigen Posaunenpart aufwartet, während eine superlangsame Bassline über einem Cymbal-lastigen Schlagzeug schwebt.
Bei »Pablo in Red« steht Augustus’ Melodica im Mittelpunkt und ein felsenfester Bass bahnt sich seinen Weg durch die Lautsprecher.
»Pablo Style« ist eine langsame, Melodica geführte Instrumentalversion des Ken Boothe-Klassikers »Everything I Own«.
»Last of the Jestering« ist eine schwere Dub-Version mit schepperndem Schlagzeug, und Augustus spielt auf seiner Melodica die Hauptmelodie einfach großartig. Patti Smith spielte bei ihren Konzerten gerne eine etwas abgespeckte Version des Songs.
Mein ganz persönlicher Favorit ist seit jeher die B-Seite dieses Sammlerstücks. Sie beginnt mit »Pablo Nuh Jester«, einer wesentlich geradlinigeren Version von »No Jestering«, einem Song von Carl Malcolm aus dem Jahr 1973.
Es folgt »Fat Girl Jean«, ein wummernder Bass und ein schleppendes Schlagzeug werden von einer sanften Melodica umschmeichelt.
»Marcus Garvey« macht den alten Burning Spear Klassiker mit seinem deutlich schnelleren Rhythmus zu einem echten Sahnestückchen und Augustus Pablo begeistert mich bei jedem Hören mit dieser vom Piano geführten Instrumentalversion.
In »Rocky Road« zeigt Augustus, welch‘ wunderbare Klänge er seiner Melodica entlocken kann, während die Gitarre gelegentlich zum Einsatz kommt. Zwei weitere Versionen des Burning Spear Studio One Klassikers »Foggy Road« heißen »Rocky Road« und »Skibo Rock«. Beide Stücke können meines Erachtens ebenfalls Pablo zugeschrieben werden. Diesmal aufgrund der sehr ausgeprägten Clavinet-/Keyboardarbeit in »Skibo Rock«. Das schnellere, fast tanzflächentaugliche »Skibo Rock« bildet den krönenden Abschluss eines längst vergessenen Killer-Albums.
Der Sound ist wie bei vielen Alben aus dieser Zeit etwas dumpf, aber der Bass wummert und das Schlagzeug scheppert so unglaublich schön. In meinen Ohren erzeugt der warme, fast sanfte Sound des Albums ein luftiges und zugleich hypnotisches Hörvergnügen.

Anmerkung: Die letzten fünf Dubs auf der CD haben nichts mit „Thriller“ zu tun und werden Lloyd Parks & We The People Band zugeschrieben.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Review

Brynovsky: Dub Section

Nun, manchmal muss man auch den Mut zur Lücke haben, oder besser gesagt, man kann wirklich nicht alles wissen und kennen. So erging es mir nach Andru Branch zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit mit Brynovsky. Der vielseitige Musikmacher, Independent-Künstler, Autor und Produzent Tim Jones aka Brynovsky ist neben seinem alternativen Folk-Rock vor allem für seine Dub- und Reggae-Skills bekannt. Der gebürtige Londoner wuchs in Derby in den englischen East Midlands auf. Heute lebt und arbeitet er in Schottland.
Selbst der legendäre Musiker und DJ Tom Robinson (Band) bezeichnete Brynovsky als „großartige Entdeckung“ und bot den „süßen, süßen Klängen von Brynovsky“ zweimal in seiner BBC6 Music Show eine Plattform und stellte sie seinen Hörern vor. Was mir komplett entgangen ist: Brynovsky wird seit Jahren von Musikprofis für seine Dub-Künste gefeiert.

Das neueste Werk des schottischen Klangalchemisten und Multiinstrumentalisten „Brynovsky: Dub Section“ nimmt den Hörer mit auf eine subtile Dub-Reise, die aus der besten Dub-Tradition schöpft und gleichzeitig in die Zukunft blickt. Kurzum, Tim Jones hat „Dub Section“ im Geiste der Dub-Pioniere produziert. Als erfahrener Produzent und Songwriter hat Brynovsky zwölf Soundfragmente aus älterem Material und B-Takes extrahiert und ihnen einen satten Dub-Anstrich verpasst. Das Ergebnis enttäuscht keineswegs, denn der schottische Musiker findet stets die richtige Balance zwischen Vertrautheit und künstlerischer Schärfe. Eine spielerische und hypnotisierende Mischung aus Afro-Einflüssen, Reggae-Rhythmen und Trip-Hop-Elementen. Dabei hat es Brynovsky verstanden, dass ein Dub-Instrumentalalbum nicht jedermanns Sache ist. Nicht jeder ist mutig genug, sich in einem Meer aus weitläufigem, euphorischem, raumgreifendem, euphorisierendem Klangmaterial zu verlieren. Brynovsky scheut sich nicht, ins Dunkle, Unbekannte und Unkonventionelle des Dub-Universums vorzudringen. „Dub Section“ ist ein ebenso eklektisches wie abstraktes Album, das dennoch Kraft und Schärfe besitzt. Es präsentiert 45 Minuten neu interpretierter Instrumentals, die für den Indie-Künstler Tim Jones, der seit 2010 unter seinem Pseudonym Brynovsky Musik veröffentlicht, eine Rückkehr zu Reggae und Dub bedeuten. In seinem Studio in Schottland hat er im Alleingang Tracks aus seinem Backkatalog im klassischen Dub-Stil bearbeitet und jede Woche einen Track auf Soundcloud und YouTube veröffentlicht, bis er im Januar 2024 ein komplettes Album daraus zusammenstellen konnte.
Sein Album »Hard Curves«, das bereits 2010 veröffentlicht wurde, muss ich hier unbedingt erwähnen. Hört es euch an, es ist in meinen Ohren keinesfalls schlechter als die hier besprochene „Dub Section“. Zum Beispiel ist „Rumba Queen“ ein Dub eines Outtakes aus den Hard Curves Sessions. Ebenfalls vom „Hard Curves“-Album stammen »Red Forest«, ein Dub des Originals „Into a Dream“, und „CMYK Culture“, ein Dub des Tracks „Mischief“.
Die meisten Tracks wie „Power Vacuum“, „Dub Shining“, „Spycops“, „City of Bytes“, „Peace It Together“ sind Dub-Interpretationen des 2014 erschienenen Song-Albums „Time Is Now“, das ursprünglich mit dem jamaikanischen Sänger Leroy Jones* eingesungen wurde.

Alles in allem ist „Dub Section“ ein ungewöhnliches, aber sehr ansprechendes Album.

Bewertung: 4 von 5.

*Leroy Jones (alias Jah Dave) ist Sänger, Perkussionist, Produzent und Mitglied der Congos, mit denen er immer noch als Perkussionist unterwegs ist. Er arbeitete u.a. mit Gregory Isaacs, Horace Andy, Sugar Minott, Johnny Clarke, Prince Far I und Dub Syndicate. Seit 2012 ist er Mitglied der schottischen Reggae-Hybrid-Band Brynovsky und tritt auch solo auf.
Der gebürtige Jamaikaner war in seiner Jugend ein berühmter Jockey und schlug sogar den großen Lester Piggott. Als Leroy zu groß wurde, um Rennen zu fahren, begann er mit Congo Ashanti Roy Musik zu machen und wurde ein Rasta. In den frühen 80er Jahren spielte er als „Jah Dave“ Schlagzeug für viele große Reggae-Künstler. Nach seinem Umzug nach London wurde er Produzent und Sänger. Zusammen mit Mad Professor produzierte er Johnny Clarkes „Do I Do I“ für dessen erste LP „Yard Style“ bei Ariwa, die in Jamaika und in den britischen Reggae-Charts Platz 1 erreichte.