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Augustus Pablo & Rockers All Stars: Lightning & Thunder

Der im Mai 1999 verstorbene Horace Swaby, besser bekannt als Augustus Pablo, ist hier im Dubblog wahrlich kein Unbekannter. Ich muss zugeben, dass mich damals sein viel zu früher Tod mit gerade einmal 44 Jahren sehr berührt hat. Der etwas jazzige Far East Sound des Ausnahmemusikers und Produzenten Augustus Pablo hat schon immer meinen Nerv getroffen. Das erste Augustus Pablo Album, welches meine Sammlung bereicherte, war die von Tommy Cowan produzierte und vom unsterblichen King Tubby gemixte „Ital Dub“. Die 1974 von Trojan veröffentlichte „Ital Dub“ ist eine geniale Momentaufnahme und zeigt Augustus Pablo auf seiner Wegfindung zum Produzenten seiner eigenen Werke. Ob jetzt Peter Tosh oder Augustus Pablo der Erste war, der das Kinderinstrument Melodica im Reggae salonfähig machte, wird höchstwahrscheinlich nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Vor ein paar Tagen ist nun aus den Archiven der Pablos das Album „Augustus Pablo & Rockers All Stars: Lightning & Thunder“ (Onlyroots) erschienen. Eine unglaubliche Sammlung von bisher Unveröffentlichtem und Dubplate Mixes des legendären Jah Shaka, hier zu hören unter dem Titel „Gates of Zion“ und einer völlig anderen Abmischung zum Original. Die Vocals stammen vom damals noch sehr jungen George Nooks aka Prince Mohammed. Das Original lautet „Jah Dub“ und ist auf der „Chanting Dub With The Help Of The Father“ von den Rockers All Stars zu finden. Sicherlich werden euch noch weitere Riddims bekannt vorkommen. So wurde aus „Stop Them Jah“ von der „King Tubby Meets Rockers Uptown“: „Leave The Dreadlocks“ und „Omo Valley Dub“. Ein weiterer Jah Shaka-Favorit ist der Titeltrack „Lightning & Thunder“, hier bekam der Mix den Titel „Sons of Negus“. Und jetzt kommt noch mein absolutes Highlight und der grandiose Schlusspunkt des Albums: „All Nations“ & „All Nations Dub“. Ursprünglich auf dem 1975er Upsetters Album: „Return Of Wax“ mit dem Titel „One-Armed Boxer“ zu finden. Also Leute, auf der „Lightning & Thunder“ gibt es tatsächlich enorm viel zu entdecken und solange noch solche Leckerbissen in den Archiven schlummern, ist mir um den Fortbestand des Dub/Reggae nicht bange.

Auch wenn man bereits unzählige Augustus Pablo Alben kennt oder sogar besitzt, kann ich dennoch dringend empfehlen, in diese Veröffentlichung einmal reinzuhören. Meines Erachtens sogar ein unbedingtes Muss.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Al Brown & Inner Force: Dub Cuts

Paolo ‚Dubfiles‘ Baldini ist seit bereits über 20 Jahren eine geschätzte und stilprägende Figur in der blühenden italienischen Reggae-Dub-Szene. Er war Gründungsmitglied der B. R. Stylers und The Dub Sync. Für die von mir sehr geschätzten Africa Unite stand er außerdem einige Jahre am Bass. Während seiner bisherigen Schaffensphase hat Baldini unzählige Male mit den verschiedensten Künstlern zusammengearbeitet. Besonders die letzten Jahre waren äußerst fruchtbar. Seine Zusammenarbeiten mit Dubblestandart aus Österreich und aktuell dem englischen Label Pressure Sounds sind mir extrem positiv aufgefallen. Sein aktuelles Werk bei Pressure Sounds, „Al Brown & Inner Force: Dub Cuts“ mixed by Paolo ‚Dubfiles‘ Baldini gefällt mir ganz besonders.
Der 1934 in Kingston, Jamaika geborene Al Brown, ist ein relativ unbekannter Reggae-Künstler und viele Informationen über ihn sind selbst im WWW kaum zu finden. Wie könnte es anders sein, machte auch er seine ersten Aufnahmen für Coxsone Dodd. Etwas später tat er sich mit den Volcanoes zusammen, aus der sich dann die Skin Flesh & Bones gründeten, bei denen Brown ebenfalls Mitglied wurde. Aus den Skin Flesh And Bones rekrutierten die Revolutionaries dann wiederum ihre Besetzung. Al Brown veröffentlichte 1974 ein einziges Album mit dem Titel „Here I Am Baby“, eine Version des gleichnamigen Songs von Al Green. Der Titelsong „Here I Am Baby“ war auch in England erfolgreich und mauserte sich zu einem kleinen Hit. Danach wurde es erst einmal für viele Jahre wieder sehr still um Al Brown. Ein paar spätere Singles waren „Caribbean Queen“ und „No Soul Today“, die jedoch nicht an den Erfolg des Debütalbums anknüpfen konnten.
Erst 1991 erschien Al Brown zusammen mit seiner neuen Band Inner Force wieder auf der Bildfläche. Die fünf Musiker und eine Sängerin spielten zusammen mit Al Brown wieder nur ein einziges Album: „Al Brown & Inner Force: Be El Ze Bub“ ein. Dieses Album ist bis zum heutigen Tag lediglich als Cassette erhältlich. Paolo Baldini hat sich für sein Pressure Sounds Projekt just diese Aufnahmen für seine Dubs ausgesucht. Von den ursprünglich zehn Songs wurden sieben – einer davon doppelt – zu einem psychoaktiven Sounderlebnis neu transformiert. Wie wir es von Paolo ‚Dubfiles‘ Baldini gewohnt sind, wurde jeder Dub im Alambic Studio live, ohne Overdubs oder Nachbearbeitungen erstellt. Inspiriert von den analogen Techniken der „Godfathers“ des Dub, King Tubby, Lee Perry, King Jammy und Scientist, geht Baldini sehr empathisch ans Werk. Erfreulicherweise baut er in seinen Remixen genügend Gesangsfragmente ein, was den Tracks das gewisse Extra verleiht und auch für die Wiedererkennung der soullastigen Originalsongs sorgt. Wie Paolo Baldini im Interview selbst sehr treffend formulierte: „Die Hauptzutat für ein gutes Dub-Album ist, lange vor dem Dub-Master, das richtige Songwriting.“

Echte Dub-Reggae-Fans werden mit diesem Album sehr gut zurechtkommen. Paolo Baldini versteht es meisterlich, die Tracks kunstvoll zu bearbeiten, ohne dabei in künstliche Manierismen zu verfallen. Der Klang ist knackig und klar, erkundet dunkle Tiefen und zarte Höhen und wird bei Bedarf mit Echo und Hall verfeinert.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Israel Vibration: The Same Song Dub

„And you don’t know what tomorrow’s gonna bring… Life is one big road…“- Cecil „Skelly“ Spence.
Die nächste tragende Säule des klassischen Roots-Reggae ist weggebrochen und hat sich zu den Vorfahren in Richtung Mount Zion aufgemacht. Cecil „Skelly“ Spence von den Israel Vibration ist am 26. August knapp 70-jährig in einer New Yorker Klinik verstorben. Aus diesem traurigen Anlass habe ich mir zum x-ten-Mal die „Israel Vibration: The Same Song Dub“ angehört. Ich sage es gleich: Eine faszinierend schöne Platte, die mich beinahe mein ganzes „Reggae-Leben“ begleitet. Umso härter hat mich Skellys Tod getroffen. Dieser zerbrechliche Mann, dem wir so herrliche Songs wie „The Same Song“, „Why Worry“, „I’ll Go Through“, „Prophet Has Arise“ und viele andere wunderschöne Songs verdanken, ist an den Folgen einer unbehandelbaren Krebserkrankung gestorben.

Kingston, Jamaika war der Geburtsort der Reggae-Harmonie-Gruppe Israel Vibration. Nachdem Anfang der 1950er eine Polio-Epidemie über die Insel gefegt war, erkrankten viele Kinder an Polio. Polio-Impfseren steckten noch in den Kinderschuhen und so erkrankten auch noch sehr viele Kinder auf der ganzen Welt an dieser heimtückischen Krankheit. Ihre erste Begegnung hatten Cecil „Skelly“ Spence, Lascelle „Wiss“ Bulgin und Albert „Apple Gabriel“ Craig schon als Kinder, sie lernten sich in der Mona Rehabilitation Clinic kennen. In den 1970er Jahren gründeten sie das Roots-Reggae-Ensemble „Israel Vibration“.
Nachdem Hugh Booth, ein Mitglied der Twelve Tribes Of Israel, die drei Männer in einem Waldgebiet außerhalb Kingstons singen gehört hatte, sammelte er für die drei Jungs und eröffnete ihnen mit einer Spende die Möglichkeit, ihr erstes Album aufzunehmen. Ihre erste Veröffentlichung war die Single „Why Worry“, die 1976 im Treasure Isle Studio aufgenommen und Ende desselben Jahres auf dem Label der Twelve Tribes veröffentlicht wurde. Aufgrund der Popularität, welche die Gruppe mit der Veröffentlichung der Single erlangte, baten viele jamaikanische Künstler wie Dennis Brown, Inner Circle und auch Bob Marley darum, sie als Vorband bei einem ihrer Konzerte auftreten zu lassen.
Israel Vibration begannen dann mit dem Produzenten Tommy Cowan zusammenzuarbeiten und veröffentlichten 1977 auf dessen Top-Ranking-Label die Single „The Same Song“. Im folgenden Jahr, 1978, veröffentlichten sie das gleichnamige Album. Bei „The Same Song“ wurden sie von Mitgliedern der Inner Circle Band unterstützt. Die Platte und ihr Dub-Pendant „The Same Song Dub“ waren international erfolgreich, was zu einer Partnerschaft mit dem EMI-Label Harvest führte, um das Album in Großbritannien zu veröffentlichen.
Jetzt zum Dub-Album: Am Mischpult saß der relativ unbekannte jamaikanische Singer/Songwriter Paul Donaldson, von dem recht wenig existiert. Aber mit den Alben „The Same Song“ und „The Same Song Dub“ hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt, denn beide Alben sind Sternstunden der Reggae/Dub. Hört euch exemplarisch meinen Lieblingssongs „Ball Of Fire“ aus dem Dubalbum an, dann hört ihr vielleicht, dass solch ein Opus nicht jeden Tag am Reggaehimmel auftaucht. Schlicht ein Meisterwerk voll Traurig- und Zerbrechlichkeit. Skellys durch den Raum schwirrende Stimmfragmente lassen mich immer wieder demütig auf die Knie gehen.
Anmerkung: Es existiert noch eine zweite, komplett andere Abmischung des Albums: „Fatman Riddim Section: Israel Tafari“, das auch von Tommy Cowan produziert und auf seinem Top-Ranking-Label erschienen ist. Beide Alben verdienen das Prädikat „besonders wertvoll“.

R.I.P. Cecil „Skelly“ Spence, eure Live-Performances bleiben unvergessen.

Bewertung: 5 von 5.
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Well Charged: Vital Dub

I Roy würde beim Anblick des Covers sagen: „Well, this guy is loaded with dynamite and now he is well charged.“
Also, zum Abschluss meiner Mighty Diamonds Dub-Trilogie kommt nun ein Album, welches auf den ersten Blick nirgends auf einen Zusammenhang mit den Mighty Diamonds hinweist. „Well Charged: Vital Dub“ (Virgin Records) war ursprünglich auf dem Well Charge Label der Hookim Brüder mit dem Titel: „Vital Dub Strictly Rockers“ erschienen, bevor es auch in England veröffentlicht wurde und einschlug wie eine Bombe.
Alleine das Cover weckte bei vielen meiner Freunde das Interesse für dieses Album und führte zu jeder Menge Spekulationen: „Der Typ hat eindeutig mehr als nur einen Zug an diesem Spliff gehabt. Der Spliff sieht aus, als wäre er gerade angezündet worden, während der Typ aussieht, als hätte er bereits drei Dübel intus….  In dem Zustand kann der noch nicht einmal mehr eine Triangel zum Klingen bringen, etc.“

Ok, zurück zum eigentlichen Thema: Die Riddims, die auf diesem klassischen Dub-Set aus dem Jahr 1976 zu hören sind, stammen bis auf eine Ausnahme vom unangefochtenen Meisterwerk der Mighty Diamonds: „The Right Time“ aka „I Need A Roof“ und schon alleine diese Verbindung hat den Ruf von „Vital Dub“ begründet. Auch wenn auf dem Album-Cover keine Band genannt wird, genügt ein kurzer Blick auf die Besetzung (trotz einiger Decknamen) und es wird offenbar, dass die Rhythmen dieses Werkes die frühen Revolutionaries eingespielt haben: Drummer Sly Dunbar, Bassist „Ranchie“ McLean (teilweise Ersatz für Robbie Shakespeare), Keyboarder Ansel Collins und all die anderen üblichen Verdächtigen werden erwähnt. Am Mischpult saßen Joseph „Jo Jo“ Hookim oder der Keyboarder Ossie Hibbert. Der Mix ist größtenteils ein geradliniger Durchlauf der Rhythmen, die bis heute immer noch unvergleichlich sind. Die solide Produktion ist eine bemerkenswerte Sammlung instrumentaler Dubs. Die Tracks sind Versionen klassischer Mighty Diamonds-Songs aus ihrer produktiven Front Line-Periode (Virgin/Caroline), darunter Dubs von „Go Seek Your Rights“ (hier präsentiert als „Cell Block 11“) und der Leidenshymne „I Need a Roof“(„Roof Top Dub“). Wie für Hookim-Produktionen typisch, sind die Dub-Arrangements idiomatisch, ohne furchtbar innovativ zu sein. Dennoch sind und bleiben die Instrumentalspuren, auf denen die Tracks basieren, Meilensteine. „Vital Dub“ ist eines der Dub-Alben, welches die Riddim-Twins Sly und Robbie etablierte. Wer einen sanften Einstieg in die Welt des Dubs sucht, könnte weitaus schlechter dran sein, als hiermit anzufangen.

Sly Dunbar erinnert sich: “When we made the riddim for ‘Right Time,’ the Diamonds weren’t in the studio. I went back to Channel One to hear the vocals and I said, ‘This is wicked.’

Der Meinung kann ich mich nur anschließen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Icebreakers with the Diamonds: Planet Mars Dub

Ja, weiter geht’s mit Oldies but Goldies. Nach der Ermordung von Donald „Tabby“ Shaw im März dieses Jahres und dem wenige Tage später eines natürlichen Todes verstorbenen Fitzroy “Bunny” Simpson ist das Gesangstrio The Mighty Diamonds leider nur noch Geschichte. Die Gruppe wurde 1969 in Trenchtown gegründet und hat in den über 50 Jahren ihrer Karriere vor Zigtausend Zuschauern auf der ganzen Welt gespielt. Der plötzliche Tod der beiden Protagonisten verstärkte bei mir wieder den Willen, mich intensiver mit The Mighty Diamonds und deren frühen Dub-Alben zu befassen. Nachdem ich im Dubblog bereits „Deeper Roots (Back to the Channel)“ über den grünen Klee gelobt habe, stürzte ich mich diesmal auf „The Icebreakers with the Diamonds: Planet Mars Dub“ (Virgin Records) aus 1978. Ja, ich weiß, „Tabby“ und viele andere fanden das Song-Album „Planet Earth“, das allererste Album, welches im gerade fertiggestellten Compass Point Studio eingespielt wurde, ziemlich überproduziert. Ok, ich kenne nicht die Originalbänder und ich weiß auch nicht, was Virgin Records noch an den Aufnahmen nachbearbeitet hat. Was ich weiß ist: „Planet Earth“ und sein Dub-Pendant „Planet Mars Dub“ waren damals ziemlich leicht in gut sortierten Plattenläden – auch ohne Vorbestellung – zu finden. Möglicherweise ist das einer der Gründe, weshalb beide Alben bei mir häufig auf dem Plattenteller lagen und ich bis heute jeden darauf befindlichen Ton genauestens kenne. Das Album hat vielen Reggae-Fans den „Dub-Zugang“ erleichtert.

Wie gesagt, auf den Bahamas war gerade Chris Blackwells „Compass Point Studio“ in Betrieb genommen worden. Die Icebreakers – im Grunde ein Ableger der Revolutionaries – stellten die Backing Band, Karl Pitterson produzierte und saß am Mischpult. Karl Pitterson ist auch einer meiner Helden, dem bisher viel zu wenig Beachtung zuteilwurde. Immerhin war er an Alben wie: “Rico: Man From Wareika“; „Bob Marley & Wailers: Exodus“; „IJahman: Are We A Warrior“; „The Abyssinians: Declaration Of Dub“; „Sly & Robbie: Raiders Of The Lost Dub“ und vielen anderen Alben maßgeblich beteiligt.
Pittersons Mixings sind immer wieder erfrischend. Das Wiederhören der “Planet Mars Dubs” spiegelt den gleichen entspannten Stil wider, der auch den Mighty Diamonds nachgesagt wird. Hier allerdings mit einem anderen Ansatz, denn die Hauptantriebskräfte für jeden Mix sind Reverb, Echo und Delay. Pittersons Dub-Versions zeigen nicht nur die stimmlichen Talente des Mighty Diamonds-Trios, sondern auch die starke instrumentale Virtuosität der Icebreakers. Das Album fließt in einem perfekten Tempo von Song zu Song und auch die ständig durch den Raum schwebenden Gesangsfetzen führen nochmals deutlich vor Augen und Ohren, wie unglaublich dicht der Harmoniegesang der Mighty Diamonds auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in den späten 1970er Jahren war.
Der Gesamtsound des Albums ist unüberhörbar geprägt von Karl Pitterson, der bald für seinen raffinierten und reich produzierten Stil geschätzt werden sollte. Möglicherweise war auch die Atmosphäre in den Compass Point Studios eine Oase der Entspannung, im Vergleich zum damaligen politischen Pulverfass Kingston. Wie auch immer: “Planet Mars Dub” schafft es ziemlich erfolgreich, straffe Gesangsharmonien und starke musikalische Begleitung mit (damals) modernster Dub-Technik zu kombinieren.

Noch eine Anmerkung: „Planet Earth“ und „Planet Mars Dub“ sind ziemlich merkwürdige Kapitel in der Geschichte der Mighty Diamonds. Die Icebreakers werden auf der “Planet Mars Dub” zuerst genannt und “The Mighty Diamonds” werden einfach als “Diamonds” aufgeführt. Man spricht von rechtlichen Gründen.

Bewertung: 4 von 5.
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Carl Campbell: Zion Dub

Vor einigen Monaten habe ich bei meiner Suche nach Sly & Robbie Alben den seit Jahren vergriffenen Klassiker „Carl Campbell: Zion Dub“ ausgegraben. Das Album ist extrem rar und wurde bisher nur 1978 in limitierter Auflage bei Carl’s Records als LP veröffentlicht. Kurzzeitig war es nochmals 2017 als CD zu haben. Carl’s Records war offenbar ziemlich kurzlebig. Es erschien noch ein einziges weiteres Album, „357 Magnum Dub„, welches Winston Riley von den Technics zusammen mit Carl Campbell produzierte und veröffentlichte.
Die Aufnahmen zu „Zion Dub“ entstanden in den späten 70ern im Channel One und die Liste der Musiker, welche die Revolutionaries Inkarnation stellt, liest sich wie die Champions League jamaikanischer Session Musiker aus der Zeit. Sly & Robbie bildeten das Rückgrat der Band, dazu gesellten sich Chinna Smith, Tony Chin, Keith Sterling, Augustus Pablo, Winston Wright, Sticky, Skully & Tommy McCook. Herausgekommen ist ein ausgezeichnetes, schwergewichtiges Roots-Dub-Album, das klingt wie eine frühe Ausgabe der Roots Radics mit Scientist at the Controlls. Sämtliche Tracks beginnen mit einem Toast des in Jamaika geborenen und in Brooklyn aufgewachsenen DeeJays Mikey Jarrett. Die Kommentare zu: „Darker Shade Of Black“, „Ten To One“ und „Hot Milk“ etc. sind alle unterhaltsam und lockern so das gesamte Album auf.
DeeJay Mikey Jarrett ist eine Reggae-Legende. Als A&R-Mann für das allseits bekannte Channel One Studio gab er Künstlern wie Lone Ranger und anderen die Möglichkeit, ihre ersten Platten dort aufzunehmen. Seine erste eigene Single „Ku Bly Klan“, die 1974 in New York für das legendäre Bullwackies-Label von Lloyd Barnes gemacht wurde, war ein Hit und erzielt heute sehr hohe Preise auf dem Sammlermarkt.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Burning Spear: Original Living Dub Vol. 1

Hip Hip Hurray, what a happy Day. Burning Spear, the „Master of Roots“ is back. Sein letztes Studio-Album „Jah is real“ ist 2008 erschienen. Danach wurde es ziemlich ruhig um den „Master of Wailing“, denn er zog sich auf sein Altenteil zurück und ging „in Rente“. Endlich hat sich der 77-Jährige umentschieden und tourt wieder. So haben hoffentlich noch viele Menschen die Möglichkeit, ein Konzert von Burning Spear live zu erleben. Die meisten Konzerte, die ich mit Burning Spear gesehen habe, waren mystische Ereignisse. Live haben mich Burning Spear und seine virtuose Burning Band nie enttäuscht.
Aufgrund des freudigen Anlasses habe ich die letzten Tage damit verbracht, mir wieder einmal Burning Spears Werke – und für den Dubblog selbstverständlich bevorzugt die „Living Dubs“ – sehr aufmerksam anzuhören.
Burning Spear veröffentlichte 1978 auf Jamaika seine erste Eigenproduktion „Marcus‘ Children“. Von Island wurde die LP mit dem Titel „Social Living“ veröffentlicht und prompt von vielen als Roots-Meisterwerk gefeiert. Das Album zählt auch heute noch zu Recht zu den besten Reggae-Werken aus dieser Ära.
Kurz nach der Veröffentlichung von „Marcus‘ Children“ brachte Winston Rodney auf Jamaika „Living Dub Vol. 1“, gemixt von Silvan Morris, unter die Leute. Um diesen Original-Mix geht es auch bei der 2003 veröffentlichten „Burning Spear: Original Living Dub Vol. 1“ (Nocturne), die es tatsächlich noch bei den Streamingdiensten zu finden gibt. „Living Dub Volume 1“ in seiner Urfassung ist zweifelsfrei eine Spear‘sche Dub-Explosion. Die dargebotenen Riddims und Grooves sind die reinste Essenz hypnotischer Musik der Marke Burning Spear. Diese unglaublichen Dubs transzendieren den menschlichen Geist in die andere Dimension musikalischer Erfahrung. Da sind sie zu hören, diese unsterblichen Bass- und Drum-Rhythms, diese Echos und Reverbs, mit Spears Gesangsspur, die in den Mix ein- und ausgeblendet wird und vor allem dieser einzigartige Vibe, den nur Burning Spear bieten kann. „(Original) Living Dub Volume 1“ ist definitiv eines der Alben, welches ich auf die einsame Insel mitnähme. Lasst euch verzaubern and keep the Spear burning!

Kurze Anmerkung zur von Barry O’Hare remixten Version: Die 1992er „Living Dub Volume One“ hat eine etwas andere Titelliste als der Original-Mix und ausgerechnet der Rasta-Song „Irie Nyah Keith“ – mein Lieblingssong des Originalalbums – den Spear bereits im Studio One mit dem Titel „Zion Higher“ einsang – fehlt und wurde durch „Run Come Dub“ ersetzt. Außerdem finden wir auf der Veröffentlichung einen zusätzlichen Titel: „Hill Street Dub“. Ok, Sammler brauchen natürlich auch dieses bei Heartbeat erschienene, komplett neu abgemischte Album. Die O’Hare’sche Interpretation ist keineswegs schlecht, klingt aber, bedingt durch seine digitale Reinheit, schon anders. Deshalb werden Reggae Puristen eher „Original Living Dub Vol. 1“ den Vorzug geben.

Bewertung: 5 von 5.
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Sabab presents Revival Style

Auf Irland, der grünen Insel im Atlantik, lebt ein „Dubling“ aus Dublin namens Elias Zaidan. Als Produzent, Tontechniker und Künstler, nennt er sich selbst Sabab. Das arabische Wort Sabab bedeutet soviel wie „Anlass, Initialzündung, Impuls“. Der in Dublin geborene Halb-Libanese, Halb-Ire zieht folgerichtig seine Inspirationen aus beiden Kulturen. Gewiss hätte Sabab auch schöne irische Jigs oder libanesische Dabkehs produzieren können, beides folkloristische Tänze, die „in einer Reihe“ getanzt werden. Oder wenn er Koch geworden wäre, dann hätte er sicherlich einen mit Sumach und feinsten orientalischen Ingredienzien gefüllten Schafsmagen zubereitet. Aber wir verschwenden unsere kostbare Zeit, denn zum Glück hat Sabab eine ganz andere künstlerische Richtung eingeschlagen. Neben Avantgarde, Elektronic, Jazz und auch Filmmusik ist der Sound aus Jamaika und davon ganz besonders Dub seine große Leidenschaft, und davon gibt er uns hier eine bemerkenswerte Demonstration. „Sabab presents Revival Style“ ist sein Erstlingswerk für das Lion Charge Label und der Titel des Albums ist Programm, denn bereits „Wild Style Dub“ führt uns in die richtige Richtung. Die acht im Dubliner Gussie Edwards Studio entstandenen Tracks zeigen überzeugend das Talent, des mir bis dato unbekannten Sound Engineers, der den Old-School-Dub-Sound der späten 70er, Anfang 80er Jahre auf dieser nostalgisch-musikalischen Reise gekonnt einfängt und in die Jetztzeit transferiert. Sabab demonstriert überzeugend seine Qualität am Mischpult und seine ganz besondere Vorliebe für spacig-dubbige Sounds. Ein satter Bass, aus dem tiefsten Verlies hallende Drums – wie zu Scientists besten „King Tubby’s Sessions“ Zeiten, zischende Hi-Hats und entschleunigte Rhythmen schweben durch Raum und Zeit. Die durch Hall, Echo und tubbyeske Soundschleifen erzeugten psychedelischen Klänge klingen herrlich nostalgisch und sind dennoch stilvoll mit einem modernen Touch versehen. Abschließend stellt sich mir lediglich noch die Frage, ob Sabab das Album im Alleingang oder mit Band eingespielt hat, wovon ich bei „Revival Style“ eher ausgehe. In den Credits sind diesbezüglich leider keinerlei Angaben zu finden, was dem Album aber insgesamt keinen Abbruch macht.

Schlussendlich: Eine schöne musikalische Reise in die legendäre End-1970er-Ära Jamaikas, als noch Flyers, Steppers und Rockers auf der Insel den Ton angaben.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Paul Fox: Dub Blood

Der Sänger und Produzent Paul Fox aus Winchester UK ist hier im Dubblog ein zu Unrecht fast unbeschriebenes Blatt. Der Roots, Reggae und Dub Künstler veröffentlicht unter eigenem Namen seit 1992 Musik und hat bereits mit vielen bekannten Künstlern und Produzenten zusammengearbeitet. Auf der Liste der Künstler, die mit Paul Fox im Studio waren, finden sich solch illustre Namen wie: Nick Manasseh, Robert Tribulation, Michael Rose, Rod Taylor, Fullness, Dubheart, Jonah Dan, Brother Culture und Alpha & Omega, mit denen Paul Fox auch 2008 in Europa auf Tour war. Stark beeinflusst wurde sein Sound von Jah Shaka, Nick Manasseh, Jah Observer und Aba Shanti. Er war von deren Musik und Vibes so sehr beeindruckt, dass er Ende der 1980er selbst anfing, zu Hause im stillen Kämmerlein mit einem Vierspurgerät zu experimentieren. Mit Julian Ryan, einem Freund und Musiker, der ihn mit Jonah Dan bekannt machte, erfolgten die ersten Studio-Gehversuche in Sachen Reggae und Dub. Der Perkussionist Jonah Dan hatte ein kleines Studio in West London und die drei trafen sich regelmäßig jede Woche, um Roots Reggae einzuspielen und die passenden Dubs daraus zu fertigen. Nachdem sie ein paar Jahre lang zusammen unter dem Projekt-Namen „Shades of Black“ Aufnahmen veröffentlichten, trennten sich Anfang der 2000er ihre Wege und jeder machte sich mit der Gründung eines eigenen Studios selbständig. Mittlerweile wurden über 50 Alben veröffentlicht, auf denen Paul Fox, sei es als Produzent, Soundengineer oder Sänger, in Erscheinung trat.

Bisher habe ich es noch nicht erwähnt, aber Paul Fox schenke ich schon recht lange – auch wegen seiner ungemein angenehmen Stimme – größere Beachtung. Umso mehr war ich selbst erstaunt, dass ich die Veröffentlichung seiner beiden aktuellen Alben „Same Blood“ und „Dub Blood“ aus dem vergangenen Dezember regelrecht verpennt habe. Von allem, was ich bisher von Paul Fox gehört habe, muss „Dub Blood“ zweifellos zu seinen besten Aufnahmen gezählt werden. Pauls weiche Stimme schwebt immer wieder durch den Raum und verflüchtigt sich in melodischen, dubbigen Klanglandschaften. Der Sound erinnert vage an Jah Shaka, aber auch Mad Professor – also englischer Dub par excellence. Ich möchte jetzt nicht jeden Track explizit erwähnen, denn tatsächlich jeder hat seinen ganz besonderen Reiz. Lediglich meinen ganz persönlichen Favoriten möchte ich als Primus inter Pares hervorheben. „Living in a Dub Zone“, das Pendant zu „Warzone Part Two Refugees“ aus dem Song-Album „Same Blood“. Beginnend mit dem feinen Klang einer arabischen Oud oder türkischen Saz und richtig satten Binghi-Drums führt uns im Laufe des Songs die Textzeile: „Still wondering if all of these wars gonna cease – still wondering if I’m ever gonna live to see peace“ und explosionsartigen Kriegsgeräuschen mitten in die aktuelle Situation im Osten Europas sprich Ukraine. Der Kriegsschauplatz könnte natürlich eher die fatale Situation in Syrien widerspiegeln, denn arabeske Klänge finden sich an mehreren Stellen des Albums. Egal, der Song packt mich jedes Mal mit voller Wucht.
Eines möchte ich doch noch erwähnen, dem aufmerksamen Hörer werden auch das herrliche Binghi-Drumming bei „Burning Dub“ und „Soon is the Dub“ nicht entgangen sein. Generell gefallen mir die Percussions auf allen Tracks des Albums außerordentlich gut. „Dub Blood“ nimmt etwa in Mitte des Albums einen musikalischen Wendepunkt, denn der Rest der Tracks klingt ab da leicht symphonisch angehaucht.

Fazit: Schon sehr lange nicht mehr so ein schönes, aktuelles „Roots-Dub-Album“ zu Ohren bekommen. Für meinen Geschmack das bisher beste Album des Jahres 2022.

Bewertung: 5 von 5.
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Ras Red I: Gweithredu Dub

Soll mir mal einer sagen, dass man sich nicht doch von einer Verpackung beeinflussen lässt. Wäre auf dem Album ein Comic (Wimmel)Bild von Tony McDermott zu sehen gewesen, dann wäre ich viel früher auf dieses Oevre aufmerksam geworden. Leider prangt auf dem vorliegenden Album lediglich ein „Monchhichi“-ähnliches Wesen mit sehr geröteten Augen vor einem Soundsystem. Für Monchhichis war ich Anfang der 80er bereits viel zu alt. Heute stolperte ich wegen des walisischen Wortes „Gweithredu“ (engl. Action) erneut über dieses von mir völlig übersehene Album. Die Rede ist, wie ihr oben unschwer erkennen könnt, von Ras Red I: Gweithredu Dub. Wenn das abgebildete Wesen Ras Red I (lies „Red Eye“) stilisieren soll, dann hat er offensichtlich, feinste Sativa Landrasse konsumiert, die seiner Kreativität einen echten Kick nach vorn verpasste. Russell Squire, so heißt der Multiinstrumentalist, Produzent und Dubmaster aus Taunton, einer Stadt in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands, mit bürgerlichem Namen. Mit „Gweithredu Dub“ hat er eine Werkschau zusammengestellt, die man zweifellos als Hommage an die Blütezeit des Reggae Ende 1970er, Anfang 1980er verorten muss.
In England ist Ras Red I kein Unbekannter und seine Dub-Workshops sind in der Grafschaft Somerset kein Geheimnis mehr. Außerdem engagiert er sich für den Fortbestand der ältesten auf der Insel gesprochenen Sprache, dem Walisisch (Cymru > engl. Wales).
Das vorliegende Album ist eine Mischung aus fast im Alleingang eingespielten Eigenkompositionen, die neu gemixt wurden und einigen Ras Red I Favoriten, die im Laufe der letzten vier Jahre mit anderen Interpreten im eigenen Studio entstanden sind. So gefällt mir „Swine“, eine Anspielung an George Orwell’s Animal Farm, von One Style MDV (MDV = Many Different Variations) ausgesprochen gut. One Style MDV sind eine Band mit Mitgliedern afrikanischen Ursprungs aus London, die bereits auf über 30 Jahre in Sachen British Reggae zurückschauen können und mich immer leicht an Misty in Roots erinnern. Zumindest, was ihren Output anbelangt, sind sie Misty in Roots sehr ähnlich.

Mit seinen eigenen Dub-Tracks und den Dub-Remixen einiger Gastinterpreten zeigt dieses Album Ras Red I als einen vielversprechenden Grassroots-Dub Künstler. Für den sehr relaxten Mix hat dann der Meister lieber ein bisschen einer Indica Variation zu sich genommen, denn „Gweithredu Dub“ versprüht statt „Action“ eher ein wohlig warmes Laid Back Feeling. Genau das, was einen entspannten Abend ausmacht.

Bewertung: 4 von 5.