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KMFDM: In Dub

Es gibt Musik, die einen im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Vor einigen Wochen kam meine Tochter mit der Frage, ob ich „KMFDM: In Dub“ (Metropolis Records) kennen würde; ich müsse mir das Album unbedingt einmal anhören – nach tonnenschweren Sounds von frühestem Kindesalter an, kennt sie ihren „Alten“ zu gut. Und was soll ich euch sagen? Die vor fast exakt einem Jahr veröffentlichte „In Dub“ ist wieder einmal eines dieser Dub-Kuriosa, die mich schon immer in ihren Bann ziehen.

KMFDM wurde 1984 von Sascha „Käpt’n K“ Konietzko als Performance-Kunstprojekt in Hamburg gegründet, verlegte 1991 seinen Sitz nach Chicago und ist seit über 36 Jahren in Sachen Industrial Metal / Industrial Rock erfolgreich unterwegs. Kein geringerer als das ON .U Sound Mastermind Adrian Sherwood, der schon seit Label-Gründung die unendlichen Möglichkeiten der Dub-Musik auslotet, produzierte 1988 das KMFDM Album „Don’t Blow Your Top“ und setzte mit seinem Gemisch aus Industrial, Rock, Dub erneut kreative Maßstäbe.

Zu dem Album selbst erzählt „Käpt’n K“ in einem Interview: „Die Idee, eine Dub-Platte zu machen, braute sich seit einigen Jahren zusammen. Ich hatte bisher einfach nie die Zeit gefunden, mich hinzusetzen und das Projekt anzugehen. Einige meiner frühesten musikalischen Einflüsse waren Dub und Reggae und ich habe das Projekt wirklich Old-School gemacht. Die Demontage der Original-Tracks sowie die Bläser-Arrangements haben mir eine Menge Spaß bereitet. Dabei fand ich heraus, dass Songs mit 125 BPM zu dubben nicht so ideal ist. Es funktionierte am besten mit den langsamen und wirklich schnellen Titeln.“ Das klingt doch schon einmal hochinteressant. Also habe ich mich an das Album gemacht und die Materie vertieft. „Käpt’n K“ hat zwölf Songs, die ihre gesamte Karriere umspannen, neu interpretiert. Bereits nach dem ersten satten Rimshot auf der Snare bei „Dub Light“ wusste ich, dass dies ein Album so ganz nach meinem Geschmack ist. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass sich dieses groovelastige und rockige Ausgangsmaterial derart gekonnt in ein Dubkostüm transferieren lässt. Lucia Cifarelli singt „Everything Old Is New Again“ auf „Real Dub Thing“ und definiert damit perfekt die Kraft von „In Dub“. KMFDM-Hymnen werden neu interpretiert und so mit einem Sammelsurium meditativer Grooves mit fetzigen Gitarrenpassagen, schrillen Hörnern, intensiven Orgelklängen und schweren Basslines garniert, wie auf „A Dub Against War“, „Hau Dub“, „Bumaye“ präsentiert. Bei „Bumaye“ meine ich kurz eine Sequenz mit Nina Hagens Stimme herauszuhören.
Insgesamt ein Album, das vor Ideen nur so strotzt und dennoch Dubheads polarisieren wird. Zitat eines Fans: „Meine Freundin mag Reggae, aber KMFDM nicht so sehr. Jetzt mag sie auch KMFDM“. Für ON .U Sound Addicts der ersten Stunde, ist „KMFDM: In Dub“ eine leichte Übung und der Zugang zu diesen selten gehörten Klängen möglicherweise ein wenig einfacher.

Bewertung: 5 von 5.
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Gladiators: The Time Is Now Discomixes

Die Gladiators gehören zweifelsfrei zum Urgestein der Reggaehistorie und ihre musikalischen Wurzeln lassen sich bis in Clement „Sir Coxsone“ Dodds Studio One zurückverfolgen. Meine erste Begegnung mit deren Musik war erst Mitte der 1970er. Ihr damaliger Produzent Tony Robinson hatte einen Deal in Europa klargemacht und so erschienen die ersten (regulären) Alben der Gladiators bei Virgin Records. Am 15.12.2020 verstarb Albert Griffiths 74-jährig nach langer Krankheit an Parkinson. Der Kopf des Trios mit klassischen Harmonie-Vocals à la Wailers, Culture, Abyssinians, Israel Vibration, Meditations, Mighty Diamands etc. hat das Erscheinen der „Gladiators: The Time Is Now Discomixes“ (Tabou1) noch erlebt und ich kann mir vorstellen, dass er sich sehr über das Endresultat gefreut hat. Dartanyan „GreenLion“ Winston, ein junger amerikanischer Soundtüftler Anfang 30 aus Ohio, hat sich ein paar Titel aus dem beinahe unerschöpflichen Repertoire der Gladiators ausgesucht und wunderbar klassisch anmutende Discomixes geschaffen. Acht Originalsongs werden gekonnt dekonstruiert und mit einer Tonne Energie, Studio- und Mischpult-Zauberei wieder rekonstruiert. Dartanyan „GreenLion“ Winston zieht alle Register und liefert ein wunderbar sprudelndes Klangbad aus Vocals, Echo, Hall und Delay. Meine Highlights, der auf acht Minuten ausgedehnten Titel, sind: „Fussing and Fighting“ – ein Marley Song, bei dem am deutlichsten wird, wie sehr Albert Griffiths‘ Stimme der von Bob Marley ähnelte – und „Dreadlocks your Time is now“ natürlich. Das Album-Cover erweckt den Eindruck, als wäre es unter Einfluss psychoaktiver oder eher noch halluzinogener Stubstanzen in der Hippie-Ära entstanden. Auch wenn ich eine etwas andere Songauswahl getroffen hätte, ist „The Time Is Now Discomixes“ im Nachhinein eine wunderschöne Hommage an die wundervollen Gladiators, die unverdientermaßen immer etwas im Abseits der ganz großen Vocal-Trios standen.

Bewertung: 5 von 5.
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Prince Hendrik and the Other Members of The Royal Family: Aquadub

Schon als Kind war er verrückt nach Musik und als Teenager zog der magische Sound von Reggae und Ska ihn in seinen Bann. Aus diesem Grund flog er mit zwanzig nach Jamaika zu den Wurzeln des Reggae, wo er von 1989 bis 1991 zwei Jahre lebte, eine Jamaikanerin heirate und Vater einer Tochter wurde. Über seine Zeit und sein Leben auf der karibischen Insel sagt der heute 52-jährige Arnheimer Hendrik „Prinz Hendrik“ van Houten: ,,Ich war jung und für alles sehr empfänglich. Ich lebte in Rastakommunen, lernte viel über die Rasta-Philosophie und das Nyahbinghi-Drumming. Mein Aufenthalt dort hat mich sehr positiv geprägt.“
Mitte der 1990er war Prince Hendrik als alleinerziehender Vater im Arnheimer Künstlerviertel Klarendal angekommen und errichtete in seinem Haus sein „Kitchenrock-Homestudio“, ein Multitrack Recording und Mixing Studio. Seit 2012 sind unter dem Namen „Prince Hendrik and the Other Members of The Royal Family“ drei Alben auf CD erschienen und nun wird „Aquarius/Aquadub“ (A Sky High Underground Production) in limitierter und nummerierter Edition von 300 Stück auf Vinyl erneut veröffentlicht.
„Zwei Freunde, die ich mein ganzes Leben lang kenne und mit denen ich früher in Bands war, spielen mit. Einer an Schlagzeug und Bass, der andere als Gitarrist und Cellist. Um Gesang, Keyboards und den Aufnahmeprozess kümmere ich mich selbst“, sagt van Houten und führt weiter aus: „Sonne und Strand sind für mich nicht untrennbar mit Reggae verbunden. Mit der Partyvariante des Reggae habe ich nichts zu tun und mit Dancehall und Raggamuffin noch viel weniger. Letztere verherrlicht oft Aggression und Hass.“ Somit ist über den Reggae-Stil von Prince Hendrik und seinen Freunden schon beinahe alles gesagt. Wir bekommen eine Art relaxten, handgemachten „Underground-Reggae“ geboten – wie Prince Hendrik seinen Stil selbst charakterisiert. Mit „Underground-Reggae“ assoziiere ich unwillkürlich die frühen, teilweise spartanischen aber immer hochinteressanten Dub-Arbeiten eines Keith Hudson. Haargenau daran erinnert mich „Aquadub“ sowohl stimmlich als auch stilistisch. Auf „Aquadub“ ist kein Ton zu viel, jedes Instrument und jeder noch so kleine Dub-Effekt bekommt seinen Raum und genügend Zeit, um sich im Gehör zu entfalten. Besonders angetan hat es mir das Cello, das gelegentlich mit kleinen aber feinen Melodien umgarnt von schönem Gitarrensound aufwartet. Ein Zufallsfund ehrlicher, handgemachter Musik, den ich gerne allen ans Herz legen möchte.

Bewertung: 4 von 5.
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Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle: To drive the Dub Starship through the Horror Zone

Häufig ertappe ich mich bei der Frage: „Wie würden Jim Morrison, Jimi Hendrix, Bob Marley u. v. a. heute klingen, wenn sie nicht viel zu früh gestorben wären?“ Diese Frage drängt sich mir auch bei Lee „Scratch“ Perry auf. Nein, nein, Scratch ist gottlob noch am Leben. Aber was wäre gewesen, wenn Lee „Scratch“ Perry in den späten 1970er Jahren nicht in eine zunehmend unberechenbare, depressive und destruktive Phase gerutscht wäre, die als Endresultat im Abfackeln seines Black Ark Studios in Washington Gardens, Kingston mündete? Wie würden heute Alben aus dem Black Ark Studio klingen? Zum Glück gibt es einen Adrian Maxwell Sherwood und einen Daniel Boyle, die noch die Fähigkeit besitzen, diesen weit über 80-jährigen alten Herrn zu Höchstleistungen anzuspornen.

Maxwell Livingston Smith alias Max Romeo fertigte im Black Ark bereits 1976 zusammen mit Lee Perry und den Upsetters sein Meisterstück – ein bis heute gewaltiges, weit sichtbares Bergmassiv in der weiten Reggaelandschaft. Beinahe 40 Jahre nach „War ina Babylon“ veröffentlichten 2015 Max Romeo, Daniel Boyle, Lee „Scratch“ Perry und drei Ur-Upsetters eine weitere Zusammenarbeit: „Horror Zone„. Auf keinen Fall ist „Horror Zone“ ein billiger Abklatsch von „War ina Babylon“, sondern eher ein gelungenes Anknüpfen an alte Zeiten, also eher eine Art Weiterentwicklung. Dem Vokal-Album „Horror Zone“ lag das Dub-Album in guter alter Manier bereits bei. Und was folgt nun? Nachdem „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ schon 2020 in limitierter Vinyl-Auflage zum Record Store Day erschienen war, folgt jetzt das Dub Album des Dub Albums in digitaler Form. Boyle und Perry haben die original „Horror Zone“-Dubs erneut einer Bearbeitung am Mischpult unterzogen und einen Kosmos mit Unmengen von höhlenartigem Hall und analogen Spezial-Effekten veredelt, die laut Credits Lee „Scratch“ Perry zugeschrieben werden. Wieder einmal bekommen wir überzeugend zu Gehör gebracht, dass es für Perry & Boyle keine Herausforderung darstellt, ein bereits gutes Dub-Album ein weiteres Mal abzumischen, denn diese zwei Dubmaster sind immer in der Lage noch einen draufzusetzen. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen, denn die Zwei haben eine intergalaktische, dubwise Supernova erschaffen, welche die gesamte Galaxie noch heller erstrahlt als das Original.
Produziert, aufgenommen und gemischt wurde in Daniel Boyles Rolling Lion Studio ausschließlich mit analogen Geräten aus den 50ern bis in die 80er Jahre und charakteristischem Black Ark-Sound, der jedoch verständlicherweise nicht zu 100 % erreicht wird. Nichtsdestotrotz bin ich mir ziemlich sicher, dass „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ ein neuer Klassiker in Lee „Scratch“ Perrys Gesamt-/Lebenswerk sein wird.

Bewertung: 5 von 5.
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Mantra Move: Raven Dub

Heute empfehle ich wieder den andersgearteten Dub, der in diesem Fall zu einer Reise durch das mystische Indien einlädt. Das Projekt Mantra Move: „Raven Dub“ (Liquid Sound Design) ist bereits 1997 in den Köpfen des Bassisten Paul Raven (Killing Joke, Ministry, Prong, Raggadeath) und des Sängers Koze Kozma (Raggadeath) gereift. Nahm aber erst Ende 2019 – über 12 Jahre nach dem plötzlichen Herztod von Paul Raven – Gestalt an. Mantra Move ist eine bunte Truppe von Musikern, Sängern und Dichtern wie: Youth, Koze Kozma, Laurence Harvey (Kuba), Nik Turner (Hawkwind), Mark Gemini Thwaite (The Mission), Lee Harris, Shaky, Twixymillia u. v. a. Das Konglomerat solch unterschiedlicher Künstler schuf im Studio aus einer Vielzahl von Musikstilen und Genres eine ganz besondere Atmosphäre. Es entstand eine Fusion von Dub, Downbeat Electronica, Reggae und Psychedelic/Progressive Rock. Dessen nicht genug, sind auch Flamencoklänge und traditionelle indische Instrumente wie Sitar, Dhol und Banshi zu entdecken. Die Texte, teilweise aus dem Sanskrit übersetzt und vom Poeten Lee Harris rezitiert, passen wunderbar in diese teilweise magische Stimmung.
Lawrence Harvey (Kuba), einer der großen Chill-Out- und deep Downtempo-Künstler hielt bei „Raven Dub“ alle Fäden in der Hand. Er erzeugte mit der Kombination unterschiedlichster Stile eine unglaublich entspannte und ruhige, aber auch erfrischende Atmosphäre. Mit dieser intelligenten Mischung aus Upbeat, Downtempo sowie coolen Dubby Lounge Grooves entwickelte er ein wunderbares Musikerlebnis. Durch die Verschmelzung verschiedenster Genres und Rhythmen entstand ein Album, das von Anfang bis Ende frisch klingt und immer wieder gehört werden kann. Eine hervorragende Hommage, die dem Bassisten und Musikproduzenten Paul Vincent Raven (16. Januar 1961- 20. Oktober 2007) gewidmet ist.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Liquid Rainbow: 8 × 8

Am 16. November 1938 synthetisierte Albert Hofmann in Basel eine Substanz, die er selbst am 19. April 1943 erstmalig ausprobierte. Dieser Tag sollte als „Bicycle Day“ in die Geschichte eingehen, weil Albert Hofmann den Effekt der Droge erstmalig auf der Heimfahrt mit seinem Fahrrad wahrnahm. Mit dieser Entdeckung hat Hofmann die Pforten der menschlichen Wahrnehmung ins Unendliche erweitert. Warum dieser Exkurs?
Wenn sich eine Formation Liquid Rainbow nennt und dann noch mit solch einem flippigen Kaleidoskop-Cover und diesem eigenwilligen, musikalischen Sammelsurium aus Dub, Psychedelic, Electronica, Chillout und Field Recordings um die Ecke kommt, habe ich genau diese Assoziationen. Bereits Anfang 2014 wurde das Liquid Rainbow Album: „8 × 8“ veröffentlicht und hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren. Das Opus sind acht Original-Songs und acht Dubs, die von Stefano Contini aka Dubmaster Conte nachträglich gemixt wurden. Liquid Rainbow sind drei Herren aus Italien. Die zwei Multiinstrumentalisten Stefano Contini aka DUBMASTER CONTE und Francesco Allegro aka FRANK WIZARDD spielen Bass, Drums & Percussions, Keyboards, Sampler, Baritone Guitar, Electric und Slide Guitar, Sampler und Field recordings. Roberto Beretta aka ROBY B steuert Electric Guitar, Banjo und Keyboards dem Sound-Gemisch bei.
Der Mailänder Dubmaster Conte spielte als Teenager Bass in einer Punkrock-Band, die sehr stark von The Clash inspiriert war. Und wie könnte es anders sein, just über diese Schiene fand Dubmaster Conte seinen Zugang, zu den legendären Dub-Produzenten wie King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist und auch Mad Professor, die wiederum Dubmaster Conte zu seinen Mischtechniken inspirierten. Lange Rede kurzer Sinn: Man könnte das Album am besten als eine clevere Zusammenstellung aus Psychedelic Dub im Trip-Hop-Kostüm mit Ambient-Soundscapes und fetzigen Gitarrenklängen charakterisieren. „8 × 8“ ist folglich schon etwas abseitiger vom Mainstream-Reggae-Dub zu verorten – genau mein Ding.

Bewertung: 4 von 5.
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Bob Marley & The Wailers: In Dub Vol. 1

Wie doch die Zeit vergeht. Genau heute vor vierzig Jahren traf mich eine Nachricht im Radio mitten ins Mark. Ich fuhr meinen alten VW-Käfer an den Straßenrand, hielt wie in Schockstarre an und fühlte mich so, als wenn ich gerade die traurige Nachricht erhalten hätte, dass ein sehr guter Freund von mir gestorben wäre. Die Galionsfigur des Reggae, der Tuff Gong, hatte seinen letzten Kampf gegen den Krebs verloren. Nachdem sich Bob Marley beinahe sechs Monate in der Ringberg Klinik in Rottach-Egern hat behandeln lassen, verschlechterte sich Anfang Mai 1981 sein Gesundheitszustand sehr deutlich und er beschloss, zurück nach Jamaika zu fliegen, um dort die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Dieses Ziel sollte er leider nicht mehr erreichen. Bereits auf dem Rückweg in die Karibik kollabierte er auf dem Flughafen in München-Riem. Nach einer Zwischenlandung in Miami am Morgen des 11. Mai war er für einen Weiterflug zu schwach. Er wurde in eine Klinik gebracht, wo er kurze Zeit später verstarb. Einer der charismatischsten und herausforderndsten Interpreten unserer Zeit, eine musikalische, politische und sogar spirituelle Figur mystischen Ausmaßes verstarb 36-jährig und ist und bleibt Reggaes größte Ikone und eine herausragende Figur unserer Zeit. Kein Künstler in der modernen Musik hat sein Genre so dominiert wie Bob Marley den Reggae. Marley sang von Rebellion, Aufständen, Rasta und der Kraft der Liebe. Ein Mann, der sich aus bescheidensten Verhältnissen erhob, um ein Vorbild für die Unterdrückten zu werden. Er war der renommierteste jamaikanische Künstler, der dem täglichen Kampf seines Volkes und der Rastafari-Kultur (s)eine Stimme gab und obendrein der Erste, der globalen Ruhm erlangte.
Bob Marley & the Wailers haben zusammen zu Lebzeiten acht Studio- und zwei Live-Alben eingespielt. Anlässlich seines 65. Geburtstags (6. Februar) – wenn er ihn erlebt hätte – wurde 2010 „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ veröffentlicht.
Wenn man einmal von Soul Revolution II absieht, die Lee Perry ursprünglich nur auf seinem Label veröffentlichte, ist „In Dub Vol. 1“ einer der wenigen Versuche Marley Dubs in Albumlänge zu veröffentlichen. Das macht das Album von vornherein interessant, aber auch gewagt. Mit „Roots Rock Dub“ startet das Album und die skanking Rhythmusgitarre in Kombination mit fragmentierten Backing Vocals werden durch jazzige Saxofon Klänge ergänzt. Die „Jamming Version“ verzichtet fast vollständig auf Echo und Hall. „Is This Love Dub“ kommt wesentlich stärker: Die Lead-Vocals werden ein- und ausgeblendet, Echo, Hall und schöne Percussions weißen den Weg. „One Love/People Get Ready Dub“ klingt in meinen Ohren ebenfalls gelungen. Bei „Forever Loving Jah Dub“ übernimmt Aston Barretts unvergleichlicher Bass die Rolle, die ihm im Dub auch gebührt, die Hauptrolle. Beim „Lively Up Your Dub“ wurde mehr von Bob Marleys Stimme beibehalten als bei einigen anderen Tracks. „Three Little Birds Dub“ klingt ein bisschen wie aus den Anfängen des Reggae, vielleicht auch aufgrund der klassischen Instrumentierung. „Crazy Baldhead Dub“ wirkt noch dunkler und dadurch auch interessanter, während „Waiting in Vain“ mir noch wesentlich düsterer erscheint als das Original. „She’s Gone Dub“ enthält einen Großteil des Originalgesangs, bevor es in einen großartigen Old-School-Version/Dub-Stil übergeht. Das Album schließt mit einer „Smile Jamaica Version“ und einem für die damalige Zeit charakteristischen, etwas dumpfen, Produktionssound.
„Lively Up Your Dub“ ist der einzige Track auf diesem Album, bei dem zweifelsfrei zu erkennen ist, dass er von Scientist gemixt wurde. Die restlichen zehn Tracks könnten Bob Marley zusammen mit Aston Barrett oder andere im Tuff Gong Studio tätige Sound-Engeneers gemixt haben. Auf dem Album sind diesbezüglich leider keinerlei weitere Informationen zu finden.
Abschließend kann man feststellen, dass auf „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ keine größeren Mischpult Tricksereien stattfinden oder ein Dubfeuerwerk abgebrannt wird. Vielmehr bekommen wir vor Augen und besonders Ohren geführt, dass auch im reduzierten Dubsound Robert Nesta Marleys Songs und Melodien wie Fixsterne im unendlichen Universum erleuchten.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub Garden: Doctor Wind In Dub

Jedes Mal, wenn ich das vorliegende Album höre, denke ich, dass ich es unbedingt im Dubblog besprechen sollte. Dub Garden sind eine vierköpfige Truppe – zwei Mädels und zwei Jungs – aus Thessaloniki, die in Sachen trip-hoppiger Musik seit 2016 unterwegs sind. Im Sommer 2017 veröffentlichten sie ihr erstes Album: „Doctor Wind“, dem sie 2019 eine Dub-Überarbeitung in Form von Dub Garden: „Doctor Wind In Dub“ folgen ließen. Trip Hop(pige) Formationen aus Anfang der 1990er wie: Massive Attack, Portishead, Thievery Corporation, Groove Corporation, Waldeck, Kruder & Dorfmeister u. v. a. haben maßgeblich dazu beigetragen, dass mein Interesse an Dub über die vielen Jahre nicht gelitten hat und ich immer noch tief in der Materie bin. Ganz besonders muss ich aus der Zeit noch zwei Alben hervorheben: Massive Attack/Mad Professor: „No Protection“ und Groove Corporation: „Co-Operation Dub“, die mir das Fehlen guten, aktuellen, jamaikanischen Dubs wesentlich erträglicher machten. Haargenau dieses Erbe vertreten die griechischen Dub Garden mit ihrem hier vorliegenden Album „Doctor Wind In Dub“, einem Trip Hop-Album, das sehr stark vom Dub beeinflusst ist. Die acht um die vier Minuten langen Tracks reflektieren verschiedenste Musikeinflüsse und nehmen uns mit sehr angenehmen Gesangseinsprengseln, stoischen Basslines, wohl akzentuierten Gitarren-Licks auf eine melodische und ebenso groovige Reise von den frühen Neunzehnneunzigern bis heute. Über teils ethnische, Blues- aber auch Ambient-Elemente begeben wir uns auf weniger bekanntes Dubterrain und ausgelatschte Dubpfade.
Kurz: Wir haben hier eine großartige Mischung aus traditionellem Dub und Innovation. „Doctor Wind In Dub“ ist zeitlos und vertreibt hoffentlich nicht nur mir die schlechten Vibes, welche die „Infamitäten des Lebens“ gelegentlich mit sich bringen.

Bewertung: 4 von 5.
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Nachur: Cicada Sessions

Okay, okay, der hottest Shit ist das 2013 entstandene Album „Nachur: Cicada Sessions“ tatsächlich nicht. Aber eines der interessanteren, die ich in letzter Zeit in meinem Archiv wiederentdeckt habe. Anfang 2012 machten sich zwei Multiinstrumentalisten, der Neuseeländer Isaac Chambers (Produktion, Programmierung, Sampling, Recording, Keyboards, Percussion) und der Kanadier Prosad (Sitar, Gitarre, Didgeridoo, Bansuri, Melodika, Keyboards, Percussion) daran, ihre einzigartigen Ideen, Einflüsse und vielfältigen Fähigkeiten zu kombinieren, um Live-Electronica zu kreieren. Die zwei Protagonisten stellten kurzerhand ein temporäres Studio in einem alten Bus zusammen. Anschließend fuhren sie zum neuseeländischen „Abel Tasman National Park“ mit Blick auf den Ozean und begannen ihre Songs zu komponieren. Die dabei entstandenen „Cicada Sessions“ leiten offenbar ihren Namen von den Zikaden ab. Wer einmal Zikaden in einem südfranzösischen Pinienwald an einem Sommertag gehört hat, kann sich die Geräusche lebhaft vorstellen. Deshalb wurde das Album ausschließlich nachts produziert. Die Aufnahmen begannen bei Sonnenuntergang und dauerten meist bis Sonnenaufgang. Viele andere Naturgeräusche, auch die Zikaden, fanden dennoch ihren Weg auf die leider etwas zu kurz geratene EP. Wenn es nach mir ginge, könnte das Album auch gerne doppelt so lang sein, und ich würde mich immer noch nicht langweilen. Viele der Soli wurden in einem einzigen Take aufgenommen und keinerlei Overdubs unterzogen.
Inspiriert von Dub, Roots, Jazz & Downbeat Electronica, verschmilzt „Nachur“ (sprich Nature) moderne digitale Produktionen mit erdigen analogen Klängen. Die Songs werden gefühlvoll mit Dub-Elementen wie Delay und Hall kombiniert, wodurch tiefe atmosphärische Klanglandschaften entstehen. Elektronische Beats und Reggae-Basslines werden schwerelos mit Sitar, Gitarre, Bansuri (indische Bambusflöte), Didgeridoo und Melodika verwoben. Epische Gitarrensoli, die an David Gilmour von Pink Floyd erinnern, werden mit östlichen Sitar- und indigenen Instrumenten arrangiert, um den Hörer auf eine wahre Klangreise mitzunehmen.
Das Ziel des „Nachur“ Projektes war, einfach eine Musik zu schaffen, die Positivität und den tiefen Respekt zur Natur vermittelt. Das Ergebnis kann sich hören lassen, denn herausgekommen ist ein optimistisches und anregendes Klangwerk.

Bewertung: 4 von 5.
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Bunny Wailer: Dub D’sco Vol. 1

Eine sehr traurige Nachricht erschüttert gerade die Reggae/Dub-Welt. Der letzte noch lebende Wailer aus dem Triumvirat der Wailing Wailers, Bunny Wailer, ist gestern (02.03.2021) 73-jährig im Kingstoner Krankenhaus gestorben. Aus diesem traurigen Anlass möchte ich nochmal die „Dub D’sco Vol. 1“ in Erinnerung bringen. Ein Album, das Bunny Wailer 1977 auf seinem Solomonic-Label veröffentliche und das von mir damals wie heute abgefeiert wird. Bunny Wailers erstes Dub-Album enthält (nur) sieben Tracks, die laut Bunny Wailer speziell für die Dancehall Massive ausgewählt wurden.
Das Album wird perfekt mit „Roots Raddics“ (aus Roots, Raddics, Rockers, Reggae) eröffnet. Ein heute immer noch unglaublicher und richtig packender Dub. Darauf folgt das mäandernde „Battering Down“ (aus Blackheart Man), das eine großartige Dub-Stimmung verbreitet, die träge und auf faszinierende Weise dahinfließt. Es ist immer wieder eine wahre Freude, die andere Dimension des Original-Gesangsstücks zu hören. Als Nächstes kommt „Armagedon“ (aus Blackheart Man), eine atemberaubende, mit Nyahbinghi Drumming verfeinerte, räumliche Klanglandschaft. Eine weitere großartige Version ist „Fig Tree“, die viele Vocals im Mix enthält. „Love Fire“ (aus Love Fire) erinnert ein wenig an „Dub Of Parliament“, Lee Perrys Dub-Version des Meditations Klassikers „House Of Parliament“. Die Hymne „Rasta Man“ (aus Blackheart Man) ist eine fantastische Dub-Version mit einer schillernden Atmosphäre. Sehr schön, wie gerade da Carly Barretts Drumming herauszuhören ist. Abgerundet wird dieses unglaubliche Meisterwerk durch „Dream Land“ (aus Blackheart Man), das ein paar herrlich kitschige Weltraum-Synthie-Klänge enthält.
Die meisten der auf Dub D’sco Vol. 1 enthaltenen Songs werden den Reggae-Fans mehr als geläufig sein, dennoch ist es immer wieder eine aufregende Erfahrung, sie in einem anderen, hier Dubwise-Stil zu hören. Die Art und Weise wie alle Songs von den weniger bekannten Dub-Meistern Sylvan Morris und Karl Pitterson im Kontrollraum eine inspiriert klingende Dub-Behandlung erhalten haben, kann als Sternstunde des Dub bezeichnet werden. Selten wurden der Instrumentierung und vor allem Bunny Wailers Stimme in Dub-Mixes so viel Raum gelassen. Es mag sein, dass Dub D’sco mit seinen Spezialeffekten etwas überproduziert daherkommt, aber letztendlich macht die Stärke der Songs und die exquisiten Darbietungen der Musiker dieses Album zu einem absoluten Muss für den Die-Heart-Dub-Fan.
R.I.P. Neville O’Riley Livingston aka Bunny Wailer

Bewertung: 5 von 5.