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Ras Michael & The Sons of Negus: Rastafari in Dub (Re-Release)

Vor über 30 Jahren haben Labels wie Blood & Fire (1993) oder Pressure Sounds (1994) viele sehr gesuchte Klassiker aus unserem Lieblingsmusikgenre in einer atemberaubenden Qualität wiederveröffentlicht. Der „Überlebenskampf“ der beiden Labels ging dann bis ca. 2014, dann war wegen Unwirtschaftlichkeit Schluss. Umso erfreulicher, dass inzwischen zu beobachten ist, wie andere Labels in ihre Fußstapfen treten. So wurde fünfundzwanzig Jahre nach der letzten Veröffentlichung endlich ein wahrer Klassiker, „Ras Michael & the Sons of Negus: Rastafari in Dub“ bei Charly Records Ltd. wiederveröffentlicht. Ein ursprünglich um 1977/78 ausschließlich in Jamaika auf Tommy Cowans „Top Ranking“ Label veröffentlichtes Album, dessen originale jamaikanische Pressungen seit Jahrzehnten als heiliger Gral unter Reggae- und Dub-Sammlern angesehen werden. So weit würde ich nicht gehen, aber bei „Rastafari in Dub“ handelt es sich schon um ein Dub-Set mit seltener Nyahbinghi-Atmosphäre, die bestenfalls auf dem „Herb Dub Collie Dub“ der Skatalites noch zu finden ist. Außerdem hebt sich „Rastafari in Dub“ hörbar von den herkömmlichen Dub-Alben jener Zeit ab. Anstatt sich ausschließlich auf Studiotricks zu verlassen, verschmolzen Ras Michael & The Sons of Negus Nyahbinghi-Trommelklänge, Grounation-Gesänge und tiefe Roots-Rhythmen zu einer reduzierten, meditativen Dub-Ästhetik und schufen so ein einzigartig spirituelles und atmosphärisches Hörerlebnis. Donnernde, hypnotische Percussion und hallende Rhythmen werden zu einer der markantesten Roots-Aufnahmen ihrer Zeit verschmolzen. Den Nyahbinghi Percussions wurden auf Anraten Cowans noch zusätzliche Instrumente beigefügt, die das Album weit über den „Ethnic Market“ bekannt machten. Das Erste, was einem auffällt, ist Robbie Shakespeare am Bass. Robbie spielt nicht nur; mit seinen stoischen, unter die Haut kriechenden Basslines gibt er den Aufnahmen den nötigen Zusammenhalt. Dann sind da noch Chinna Smith an der Lead-Gitarre und Peter Tosh, der Clavinet und Gitarre spielt. Wohl dosierte Saxofonklänge von David Madden und Glen Da Costa schweben herein wie Morgennebel – da quiekt kein Sax wie eine alte Gießkanne. Alle Beteiligten waren nicht nur Session-Musiker, sie waren als Architekten des Sounds wesentlich an den Arrangements beteiligt. Die Aufnahmen entstanden in den Dynamic Sounds Studios, im Harry J’s Recording Studio und Joe Gibbs Studio. Als Dubs abgemischt wurden sechs Tracks von „Rastafari“ sowie zwei Dubs von „Kibir Am Lak“ durch Mervyn Williams, der äußerst selten als Dub-Toningenieur in Erscheinung trat. Die längst überfällige Wiederveröffentlichung stellt die ursprüngliche Gestaltung des Albums originalgetreu wieder her, einschließlich der markanten Cover-Art von Errol „Irie“ Myrie und bietet gleichzeitig die beste Klangqualität, die das Album je erhalten hat.
Wie bereits oben festgestellt: Der „heilige Gral“ des Dub ist „Rastafari in Dub“ meines Erachtens definitiv nicht, aber Minimum ein Meilenstein, der in keiner seriösen Sammlung fehlen sollte!

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The Expanders: Merciless Dub – The Expanders Dubwise at J’s

Seit nunmehr über 20 Jahren haben es The Expanders geschafft, ein breites Publikum mit ihrer Interpretation des Reggae aus der Blütezeit zu begeistern. Die beiden Gitarristen John Butcher (Gitarre, Gesang) und Devin Morrison (Gitarre, Gesang) sind zusammen aufgewachsen und wurden nach eigenen Angaben von der Plattensammlung des berühmten Reggae-Archivars Roger Steffens geprägt, die einen Großteil ihrer Leidenschaft und ihres „Reggae-Wissens“ ausmacht. Die aus Los Angeles stammende Band spielt den klassischen Roots Reggae der 70er und frühen 80er Jahre mit einem schönen Schuss kalifornischen Feelings. The Expanders formierten sich im Sommer 2003 und arbeiteten in der Zeit von 2006 bis 2010 an ihrem selbst betitelten Debütalbum mit Eigenkompositionen, das schließlich 2011 bei Man-Like Records veröffentlicht wurde. Eine weitere ganz wesentliche Person ist der Grafikdesigner, Toningenieur und Bassist J Bonner aka The Dub Adventurer, dem es gelang, den von der Band angestrebten „jamaican Retro-Sound“ exzellent einzufangen. Man kann sagen: Durch seinen Beitrag am Debütalbum der Expanders wurde er regelrecht zum unverzichtbaren Protagonisten. Kennengelernt hat die Band J Bonner Mitte der 2000er als Bassisten der Aggrolites. Gemeinsam begann man an den ersten offiziellen Studioaufnahmen zu arbeiten. Zusammen mit seiner Frau Nick Idem gestaltete J auch das epische Albumcover. Die Aufnahmen des gerade wiederveröffentlichten Debüts fanden im Killion Sound Studio in Los Angeles statt. Danach wurde das Album in J’s Studio abgemischt. Dabei entstanden auch komplette Dub-Versionen und zwei Disco-Remixe der meisten Stücke im klassischen Dub-Mixing der 70er und frühen 80er Jahre, die bis heute unveröffentlicht blieben. Darum freut sich die Dub-Gemeinde umso mehr, dass die Aufnahmen „The Expanders: Merciless Dub – The Expanders Dubwise at J’s“ (Easy Star Records) endlich auch veröffentlicht werden. Wäre echt schade gewesen, wenn nicht. Auch dieses schöne, etwas martialische Cover stammt von J Bonner.

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Selassie I Rockers: 30 Pieces of Dub (Re-Release)

Ein brillantes Album, das förmlich nach einer Wiederveröffentlichung schrie, ist „Selassie I Rockers: 30 Pieces of Dub“ (Jah Lion Sound System). Ein ziemlich rätselhaftes Projekt, das aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurde, und erst so für diesen sehr abwechslungsreichen Hörgenuss sorgt. Im eigentlichen Sinne eine LP-Compilation, die der in England lebende jamaikanische Produzent und Sänger Winston Curtis 1983 erstmals veröffentlichte. Zwanzig Jahre später veröffentlichte das englische Jah Lion Label dieses ominöse Werk erneut als CD mit zwei Bonus Tracks, darunter ein Dub von Dennis Browns „Children of Israel“. Danach sind die „30 Pieces of Dub“ wieder in der Versenkung verschwunden. Jetzt sorgt Winston Curtis erneut dafür, dass dieser Schatz auf Vinyl wieder ans Licht kommt. Allerdings! Einen kleinen Wermutstropfen gibt es, und darauf muss ich doch etwas genauer eingehen. Die Tracks sind meines Erachtens falsch benannt:
So findet sich „30 Pieces of Dub“, das Melodica-Instrumental von Desmond Craig alias Bob Skeng, auf der B-Seite der Single „African Children“ und heißt im Original „Jack the Ripper“. Der „Africano Dub“ könnte Dennis Bovell mit oder ohne Matumbi sein und sollte möglicher-/logischerweise „Englishman Dub“ lauten. Hinter dem „Gone Dub“ versteckt sich Delroy Wilsons Song „Money“ aus dem Jahr 1978. Ein Dub von Leroy Browns „Color Barrier“ ist „No Dub Like Dis Ya Dub“ und „Jack the Ripper“ ist der Dub zu Gregory Isaacs’ „Sacrifice“. So geht es munter weiter: Für den „Englishman Dub“ ist „Gone Gone“ von Leroy Brown die Grundlage, und im „Fisherman Dub“, der im Original „Fire Horns“ heißt, hört man Vin Gordons Posaune über den Riddims des Freddy Clarke Songs „Fight I Down“.
Okay, ich hoffe sehr, dass ich nicht noch mehr Verwirrung stifte. Das hier ist lediglich eine versuchte Klarstellung eines immer noch außergewöhnlichen Edelsteins aus der unermesslichen Schatzkiste des Dub!

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Scientist: Wins the World Cup (The final King Tubby’s Sessions)


Die peinlichste und pervertierteste Fußballweltmeisterschaft, die ich bisher bewusst verfolgt habe, und es waren derer bereits sechzehn, ist endlich vorüber. Mit Spanien als verdienten Weltmeister kann ich locker leben – Marc Cucurellas einst nicht geahndetes Handspiel sollten wir langsam alle vergessen. Keine andere Mannschaft hat diese Qualität und Konstanz auf den Platz gebracht.

Übrigens, wenn wir von Qualität und Spanien sprechen: Zur FIFA-Fußball-WM 1982 in Spanien brachte Greensleeves „Scientist: Wins the World Cup (The final King Tubby’s Sessions)“ heraus, mit einem beeindruckenden Cover von Tony McDermott, das eine jamaikanische „Rasta“-Mannschaft im Spiel gegen die „Three Lions“, die englische Nationalmannschaft, zeigt, während Scientist gerade ein Tor schießt. Also lag es doch mehr als nahe, nochmal dieses großartige Dub-Album mit seiner wunderschönen Cover-Art auf den Anspielpunkt zu legen. Ein Album, von dem Scientist selbst noch nicht einmal wusste, dass es existiert. Doch das ist eine ganz andere Geschichte, auf die Helmut Philipps in seinem Buch „Dub Konferenz“ explizit eingeht. Als ich das Album 1982 auflegte, klappte mir sofort die Kinnlade runter. Bereits dieser schwere Basssound und Scientists Soundspielereien im „Dangerous Match One“ haben mich komplett umgehauen. Hört euch zuerst „Love is Universal“ von Johnny Osbourne im Original an und danach, was Scientist an den Reglern daraus gemacht hat. Ich denke, dann versteht man am besten, wozu ein begnadeter Sound-Engineer mit den richtigen Vorlagen fähig ist. Ein Album eines Triumvirats und Dream-Teams: Die Roots Radics liefern ihren schweren, basslastigen Sound, den Scientist mit satten, punktgenauen Effekten noch viel tiefer legt. Im Original zehn Dub-Versionen von Songs, die in der Hochphase des Produzenten Henry „Junjo“ Lawes entstanden sind. Songs, die im Channel-One-Studio in der Maxfield Avenue in Kingston aufgenommen wurden, bevor die Bänder ins King-Tubby-Studio zu Scientist kamen.

Zusammenfassend ist „Wins The World Cup“ ein fabelhaftes Werk des Dub Genres. Man findet hier großartige Titel aus der Geschichte des Reggae, die mit damals aufstrebenden Sängern wie Johnny Osbourne, Hugh Mundell und Wayne Jarrett aufgenommen wurden. Der kraftvolle Groove, die tiefen Bässe, die eingängigen Melodien und die immer wieder auftauchenden Gesangsschnipsel machen „Wins The World Cup“ zu einem unverzichtbaren Album der Dub-Historie.

Heute ist Scientist nicht einmal mehr auf dem Cover genannt, geschweige denn zu sehen und Junjo als Referee schießt das Tor – wenn das kein Foul-Spiel ist!

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The Juks: Blue Note Special

Viele jamaikanische Musiker kamen vom Jazz oder Soul zum Reggae, das vergessen heute viele Leute und gleichzeitig sind und waren es sehr versierte Musiker, die häufig in der Alpha School ihre Ausbildung begannen. Was liegt da näher als The Juks, eine in London ansässige Rocksteady-/Reggae-Band, die bereits 2020 mit ihrem ersten Album „Way Back“ meine Wege kreuzte und in Erinnerung blieb? The Juks sind eigentlich nur Toby Kinder an Organ/Wurlitzer und der Multiinstrumentalist und Produzent Lenny Bignell an Guitars/Wurlitzer/Bass/Melodica und Drums, die Jazz-Klassiker aus dem Blue Note Katalog mit der Energie von frühem Reggae- und Dub verbinden. Dabei bewegt sich ihre Musik zwischen warmen, harmonisch interessanten Klangwelten und einem stets treibenden Groove, der von Bass und Schlagzeug geprägt ist. Auf ihrem aktuellen Release „The Juks: Blue Note Special“ entstehen dabei aus den Originalen vielschichtige Konstellationen und Instrumentals, die die Jazz-Klassiker neu und höchst erfrischend interpretieren. Von frühen Arbeiten wie dem ersten Album „Way Back“ bis zu den Veröffentlichungen wie „The Phantom“, dem Opener des aktuellen Albums, ist ein klarer Schwerpunkt festzustellen, der sich in musikalischer Neugier und einem handwerklich präzisen Sound präsentiert. So bauen The Juks einen Stil, der gleichzeitig Kopf und Hüfte anspricht, authentisch in der Reggae-Tradition verhaftet bleibt und dennoch offen für Jazz-Feinheiten und psychedelische Anleihen ist.

Auf „Blue Note Special“ unterziehen The Juks ein Jahrzehnt aus dem Blue-Note-Katalog, einer Neuinterpretation mit Reggae- und Dub-Einflüssen. Die Sammlung vereint die sieben 7-Zoll-Singles aus ihrer Reihe „Blue Note Breakbeats in Reggae“ sowie drei weitere herausragende Titel. Die zehn Tracks sind eine kleine Entdeckungsreise durch das legendäre Jazz-Label, das 1939 von den deutsch-jüdischen Emigranten Alfred Lion und Max Margulis in den USA gegründet wurde. Woher die Inspirationen kommen, ist nicht zu überhören. Der frühe Reggae der Pioneers ist ebenso zu hören wie Anleihen an Ernest Ranglin, Jackie Mittoo, Count Ossie, Light of Saba und Augustus Pablo, die eine Brücke zwischen den zwei musikalisch reichhaltigen Traditionen schlagen.
Lenny Bignell und Toby Kinder interpretieren viele der größten Jazzstücke, die jemals beim Label Blue Note erschienen sind, völlig neu, wobei sie dem gewohnten Kurs des Instrumental-Covers treu bleiben. Exemplarisch habe ich mir den Ronnie Foster Titel „Mystic Brew“ aus dem Jahr 1972 ausgesucht. Ein Jazz-Funk-Klassiker, dessen Melodie langsam zum Reggae aufgebaut wird, der mit sattem Bass, treibendem Rhythmus und psychedelischen Gitarrenklängen durchzogen ist.
Auch bei “Brother Soul” von Lou Donaldson gefällt mir die Gitarre, die mit der Flöte korrespondiert.
Für mich wieder mal ein wunderbares Album, mit schönen, sanften Melodien, sich daraus erhebenden Wah-Wah-Effekten, improvisierten Orgelpassagen und einem jazzigen Hauch kosmischer Keyboard-Verspieltheit.

Allen möchte ich noch zusätzlich die oben erwähnten Singles ans Herz legen, denn da sind auch die Dubs zu hören.

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Roommate: Decades In Dub

Mir altem Deadhead hat es Kalifornien und ganz besonders die Bay Area schon immer angetan. Genau dort im Wohnzimmer der Grateful Dead sind Musik und legendäre Konzerte entstanden, die Deadhead- und Hippie-Herzen immer noch höher schlagen lassen. Nicht nur bei Ganja ist seit etlichen Jahren mit den Cali-Strains eine „Kalifornisierung“ zu beobachten. Inzwischen sind es auch kalifornische Reggae-Bands wie Chuck Foster, Groundation, Arise Roots, The Expanders und zig mehr, die mich mit ihrem nach allen Seiten offenen, typisch locker relaxten, gitarrenlastigen Sound ebenso begeistern. Umso verwunderlicher, dass Roommate bisher eher unbeachtet an mir vorbei gesegelt ist.

Die musikalische Karriere Roommates (Justin McCauley) begann im Alter von 11 Jahren, als er seine erste Gitarrenstunde bekam. Inzwischen hat er seine Fähigkeiten durch die Verschmelzung von organischen und elektronischen Klängen zu seinem unverwechselbaren Stil verfeinert und zu seiner ganz eigenen Handschrift weiterentwickelt. Sein erstes Soloalbum („Dubfunk Vol. 1“) veröffentlichte er 2003 in Eigenregie, das sehr gut ankam und schnell in „Underground-Kreisen“ musikalische Bekanntheit erlangte. Als Dubstep von England kommend erstmals die Straßen der USA eroberte, fand er am neuen Musikstil schnell Gefallen und produzierte gemeinsam mit seinem Freund No Thing einige Meilensteine elektronischer Musik. Roommates Bekanntheitsgrad wuchs nach einer Reihe qualitativ hochwertiger Veröffentlichungen. Was folgte, waren zahlreiche Tourneen mit weltweiten Auftritten, bei denen er mit Intensität und ungebrochener Leidenschaft auftrat. Durch die Erfolge beflügelt, gründete McCauley zwei Musiklabels: „King Dubbist“ und „Avocaudio“, zwei weitere zukunftsweisende, musikalische Projekte, die mit Fokus auf erstklassige Vibes und herausragende Produktionen ein breites Spektrum von Dubstep über Trip-Hop und Jungle bis hin zu Reggae abdecken. Sie vereinen und repräsentieren exemplarisch Roommates musikalisches Spektrum sowie seinen Hang zu musikalischer Frische.

Vergangenes Wochenende bin ich schließlich in das äußerst produktive und abwechslungsreiche Klanguniversum von Justin McCauley aka Roommate eingetaucht. Mit seinem neuen Album „Roommate – Decades in Dub“ (Avocaudio) hat er letztlich auch meinen Geschmack getroffen. Roommate hat sich 12 Tracks seines riesigen Repertoires aus der Zeit von 2016 bis 2025 vorgenommen, um einiges tiefer gelegt, zerlegt und rekonstruiert, um sie mit fantasievollen Klängen zu bereichern. Eine Mischung aus Echos und Hall gepaart mit dem typisch psychedelischen West Coast Sound. Satte Basslines erstrecken sich in Dimensionen, wo sich Melodien im Tape-Delay Nebelschleier auflösen, während vertraute Motive in dubartigen Halluzinationen verschwinden. Das im Original fast sechs Minuten lange „Mezcal“ wurde als „Mezcal Dub“ auf weniger als vier Minuten zurechtgestutzt. Hier finde ich, wird Roommates Studioarbeit am eindrucksvollsten demonstriert. Roommate zeigt sein Dubverständnis durch seine ihm ureigene West Coast Perspektive: Einer Mischung aus Experimentierfreude, Intuition, Fantasie und klanglicher Vielfalt ohne Grenzen. Das Resultat ist dicht, überraschend und enthüllt verborgene Pfade, Versionen und neue Klangwelten des Originalmaterials.

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Prince Lincoln Thompson & The Royal Rasses: God Sent Dub (Deluxe Edition)

Prinzipiell gehört Prince Lincoln Thompson mit seinen Royal Rasses nicht zu meinen absoluten Favoriten. Obwohl ich mit seiner Falsettstimme herzlich wenig anfangen kann, schätze ich seine Alben ganz besonders wegen ihrer unglaublichen Musikalität. Immerhin gehören zwei Dub-Alben von Prince Lincoln Thompson and the Royal Rasses zu meinen absoluten Dubs für die einsame Insel. Das wäre zum Ersten: „Harder Na Rass“ von Prince Jammy gemixt, doch um das Album soll es hier nicht gehen. Mein Augenmerk liegt auf „Prince Lincoln Thompson & The Royal Rasses: God Sent Dub“ (Deluxe Edition) von Burning Sounds aus dem Jahr 2023. Ein Album, das vor dem Re-Release viele Jahre in Vergessenheit geraten war, obwohl es für mich insgesamt ein sehr wichtiges Album aus dieser Ära ist. Dem „God Sent Dub“ ging 1980 das Vokal-Album „Natural Wild“ voraus, der verkrampfe Versuch, ein Reggae-Crossover-Album mit dem damals recht populären Joe Jackson auf die Beine zu stellen, um endlich den erhofften kommerziellen Durchbruch zu schaffen. Die Rechnung ging leider nicht auf. Prince Lincoln Thompson wurde nie die Anerkennung zuteil, die ihm zugestanden hätte. Selbst nachdem Bob Marley gestorben war und die Labels panisch auf der Suche nach dem nächsten Reggae Superstar waren, ging der Ruhm an ihm vorbei. Ehrlich gesagt, ist „Natural Wild“ in der Nachbetrachtung und der Patina von heute 46 Jahren insgesamt ein sehr feines Album.
Sein letztes Album nahm Prince Lincoln Thompson 1997 auf und zwei Jahre später war er tot.

Der „God Sent Dub“ (Burning Sounds) gehört zu meinen absoluten Favoriten im Dub-Sektor. Wenn man sich die Band betrachtet, die ihr Können mit ins Album einbrachte, kann man nur zustimmend mit dem Kopf nicken: Mikey “Boo” Richards (Drums), Bertram “Ranchie” McLean (Bass), Ansel Collins (Orgel, Grand Piano), Aswad’s Tony ‘Gad” Robinson (Synthesizer), Radcliffe “Dougie” Bryan und Willie Lindo (Gitarre). Dazu gesellte sich noch Joe Jacksons Band, die jedoch bei den Dubs kaum akustisch auffällt. Ursprünglich wurde der „God Sent Dub“ als White Label mit einer Auflage von 300 Stück gepresst und unter Dub-Musik-Enthusiasten in London verkauft. Danach war das Album unter Sammlern legendär. Viele Jahre wusste ich nicht, wer den „God Sent Dub“ gemischt hat. Auf der handgeschriebenen Matrix steht auf Seite A „BIBO ‚N‘ CHRIS“ und auf Seite B „DUB CITY“. Zwei geheimnisvolle Toningenieure, zwei Reggae Fans, die, wie man heute weiß, Chris Lane (Reggae Redakteur) und Andy Gierus (Toningenieur) waren. Zwei damals relativ Unbedarfte, die sich Studiozeit sicherten, um aus „Natural Wild“ ein Dub-Album zu machen. Die nächste Hürde, welche die Zwei meistern mussten, war die Studiozeit. Statt der angenommenen vier Stunden Studiozeit, standen lediglich zwei zur Verfügung. Also hieß es, schnell zu arbeiten, nicht auf Kleinigkeiten zu achten und zu improvisieren. Chris Lane und Andy Gierus war es unmöglich, wegen des Zeitmangels alle Tracks ausreichend zu überprüfen und anzupassen, was zwangsläufig zu einigen Fehlern und Störungen führen musste. Später soll Chris Lane noch versucht haben, einzelne Fehler durch Ausschneiden und Einfügen à la King Tubby zu korrigieren. Vielleicht macht gerade dieser Zeitmangel das Dub-Album so authentisch und verleiht ihm Charme und viel mehr Seele als dem Original.

Mein Fazit: Wer sich für die CD entscheidet, bekommt insgesamt 13 Tracks – sieben Originale und sechs alternate Mixes. Der alternate Mix von „Smiling Faces“ fehlt komplett, weil er so stark beschädigt war, dass er nicht mehr restauriert werden konnte. Obwohl Chris Lane zuvor kaum oder gar keine Erfahrung im Abmischen und Remixen hatte, ist es ihm dennoch gelungen, ein außergewöhnliches Projekt im klassischen Roots-Dub-Stil zu erschaffen.

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JazzDubb: One-drop Heart

Gleich vorweg: Allzu viele Informationen zu dieser Band aus Belgien waren beim besten Willen nirgends zu finden. Noch nicht einmal die Website von JazzDubb gibt darüber vernünftig Aufschluss. Hier sind etwas kryptische Sätze zu lesen wie: „…JazzDubb is a collective that blurs the line between a traditional reggae DUB soundsystem and a live studio session. Rather than just playing records, they bring the mixing desk to the center of the dancefloor…“ Ist es jetzt eine Band oder ein Soundsystem mit Band oder um was handelt es sich bei „JazzDubb: One-drop Heart“ tatsächlich? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Trotzdem klingt für mich alles nach einer handfesten Band, die durch warmen analogen One-Drop Sound gepaart mit sparsam, aber gezielt gesetzten Dub-Texturen beeindruckt. Unterstützt von wirklich ganz dezenten, jazzbeeinflussten Improvisationen von Blechbläsern und Klavier orientiert sich „One-drop Heart“ eher an der klassischen Reggae-Dub-Klangwelt. Niemand muss hier beim Namen JazzDubb zusammenzucken und abgedrehte Jazz-Phrasierungen fürchten. Alle 16 Dubs sind zwischen zwei und etwas mehr als drei Minuten lang, somit sind auch lange Free-Jazz-Jams komplett auszuschließen. Vielmehr fokussiert sich die Band auf entspannte, tanzbare One-Drop-Grooves gepaart mit warmen, exzellenten, melodischen Basslines. Außer den Bläsern erinnert wirklich nichts an funky oder skank-betonten Jazz-Reggae. Vielmehr bleibt JazzDubb im traditionellen Roots-/Dub-Tempo und dem maßvollen Einsatz der Dub-Effekte (Echo, Hall, Ping-Pong-Delays), die geschmackvoll zur Unterstützung der Soli eingesetzt werden.
Etwas muss ich dennoch bemängeln: Mir sind die Enden der Tracks zu einfallslos und teilweise zu abrupt. Warum JazzDubb nicht einmal mit einem Fader gearbeitet hat, ist mir schleierhaft.
Doch einen versöhnlichen Abschluss bilden diese unglaublich schönen Basslines, die mich unweigerlich an den großartigen Aston Barrett erinnern. Besonders einen Track möchte ich empfehlen: Bei „Foundation Dub” erinnern die Bassline und der Drive an „Jah is my Driver” von Winston Rodney, auch bekannt als Burning Spear. Wenn mich meine Erinnerung nicht im Stich lässt, war Aston Barrett auch an dem Album aus dem Jahr 1982 beteiligt.
Unterm Strich ist es ein gutes Album, das noch viel besser wäre, wenn dem Ende der Tracks mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre.
Hallo Ras, beim Soundsystem spielt das Ende keine große Rolle, es wird einfach überblendet. Also doch ein Soundsystem mit Band?

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IRIEspect: Lost In Dub

Ok, für den Tanz in den Mai kommt die Rezension etwas zu spät, aber für ein lockeres Tänzchen ist die EP von „IRIEspect: Lost in Dub“ immer noch eine Empfehlung.

Dem Dub-Album ging nach guter alter Tradition im Winter 2025 das Vocalalbum „Lost in Time“ voraus. Bereits da konnte die 2019 von ein paar Freunden an der Ostküste der USA gegründete Band IRIEspect beweisen, dass sie nach einigen Besetzungswechseln eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht hat. Die fünf Mitglieder der Band aus New York, die Reggae mit Rock, Hip-Hop und lateinamerikanischen Klängen kombiniert, sind in den USA aufgrund ihrer bis zu 200 Auftritte jährlich schon recht bekannt. Sie haben die Bühne mit verschiedenen Künstlern geteilt, darunter Barrington Levy, Inner Circle, Sister Nancy, Jesse Royal, Steel Pulse, Long Beach Dub Allstars und Easy Star Allstars.

Zum Album „IRIEspect: Lost in Dub“ :
Schon die ersten Klänge von „Want Me Dub“ sind einfach ein Ohrwurm. Ras Ajais mitreißende Stimme schwebt durch den Raum, während karibische Steel Drum Sounds eine angenehme Atmosphäre erzeugen.
„Nuh Leave Mi A Dub“ präsentiert sich mit dem jamaikanischen Künstler Skygrass intensiver und insbesondere „Dancehall-fokussierter“. Der Dub besticht durch seine kraftvollen Basslines und Gesang, die perfekt für Tanzflächen und Soundsysteme geeignet sind. Man kann die Energie fast physisch spüren. Besonders hier zeigt IRIEspect ihr Talent lebendige Dynamik in eine Aufnahmestruktur einzubringen.
Das Herzstück der EP bildet „Lost Dub“, ein Stück, das die für Dub typische Tiefe und Schwere aufweist und mit reichen Bläserarrangements sowie vielfältigen Instrumentierungen im Kontrast zu den leichteren, beschwingteren Beats steht.
Es folgt eine dubbyeske Neuinterpretation von Manu Chaos Welthit der „Me Gustas Dub“. Die in Englisch und Spanisch gesungenen Teile leiten zu Latin-Reggae mit Hip-Hop-Elementen über. Eine Melodica setzt ein und mit dieser subtilen rhythmischen Eleganz wird dieser Track für mich zum Höhepunkt des Albums.
Das eher rauere, leicht punkige Ende des zwanzigminütigen Mini-Albums liefert „Dangerous Dub“ mit Duvbear, dem Sohn von Matisyahu. Auch hier beweist IRIEspect mit energiegeladenen Riffs, dynamischen Übergängen und rauer klingendem Gesang ihren furchtlosen Umgang mit genreübergreifenden Texturen. Ein gelungener Abschluss und gleichzeitig ein Kontrast zu den eingängigeren Abschnitten der EP. IRIEspect sind für mich eine absolute Entdeckung!

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MARSIAM: Du-b ist alles!

Es ist beeindruckend, wie viel fesselnde Musik immer wieder aus der kleinen Alpenrepublik Schweiz kommt. Dublerone, Dubment und natürlich Dub Spencer & Trance Hill sind hier jedem ein Begriff. Wenn ich mit meinen Recherchen richtig liege, denn im Grunde sind über das Album „MARSIAM: Du-b ist alles!“ nahezu überhaupt keine Informationen zu finden, dann liegt der Ursprung dieses Projekts in der 12-köpfigen Brassband Traktorkestar. Eine progressive Blaskapelle aus Bern und Umgebung, die mit ihrer wilden Mischung aus Balkan-Brass, sehnsüchtig schluchzenden Melodien, schnellen Rhythmen und mächtigem »Gebläse« seit 16 Jahren nicht nur in der Schweiz für gehörig Unruhe sorgt. Klingt schräg, ist schräg, ist aber einfach nur gut, weil dieses Dutzend von ausgebildeten Musikern ihr Handwerk wirklich beherrscht.

Aus diesem Konglomerat von Musikern scheint sich MARSIAM zusammenzusetzen, denn drei Protagonisten konnte ich eruieren: den Multiinstrumentalisten Samuel Zingg (SiAM!); den Saxophonisten und Arrangeur Thierry Lüthy sowie den Posaunisten und Hornisten Maro Widmer, der auch auf „Dublerone: Kailash“ die Posaune spielt. Bisher war mir MARSIAM völlig unbekannt. Doch mit den zwölf relativ kurzen und kurzweiligen Tracks, können sie überzeugen, denn „Du-b ist alles“ ist eine wirklich intelligente Weiterentwicklung und eine gelungene Hommage an die bedeutenden Blechbläser der jamaikanischen Musikgeschichte. Warum das Album tatsächlich entstanden ist, keine Ahnung. Möglicherweise wollten Lüthy, Zingg, Widmer und wer sich sonst noch hinter MARSIAM verbirgt – SiAM! steckt definitiv drin – ausgetretene Pfade verlassen und neue musikalische Wege aufzeigen. Das Resultat kann sich hören lassen, es ist ein harmonisches, relaxtes, Brass-lastiges Dub-Album mit leichten Jazz-Anleihen geworden, das vom Bachelor of Arts Thierry Lüthy gemixt wurde.