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Sabab presents Revival Style

Auf Irland, der grünen Insel im Atlantik, lebt ein „Dubling“ aus Dublin namens Elias Zaidan. Als Produzent, Tontechniker und Künstler, nennt er sich selbst Sabab. Das arabische Wort Sabab bedeutet soviel wie „Anlass, Initialzündung, Impuls“. Der in Dublin geborene Halb-Libanese, Halb-Ire zieht folgerichtig seine Inspirationen aus beiden Kulturen. Gewiss hätte Sabab auch schöne irische Jigs oder libanesische Dabkehs produzieren können, beides folkloristische Tänze, die „in einer Reihe“ getanzt werden. Oder wenn er Koch geworden wäre, dann hätte er sicherlich einen mit Sumach und feinsten orientalischen Ingredienzien gefüllten Schafsmagen zubereitet. Aber wir verschwenden unsere kostbare Zeit, denn zum Glück hat Sabab eine ganz andere künstlerische Richtung eingeschlagen. Neben Avantgarde, Elektronic, Jazz und auch Filmmusik ist der Sound aus Jamaika und davon ganz besonders Dub seine große Leidenschaft, und davon gibt er uns hier eine bemerkenswerte Demonstration. „Sabab presents Revival Style“ ist sein Erstlingswerk für das Lion Charge Label und der Titel des Albums ist Programm, denn bereits „Wild Style Dub“ führt uns in die richtige Richtung. Die acht im Dubliner Gussie Edwards Studio entstandenen Tracks zeigen überzeugend das Talent, des mir bis dato unbekannten Sound Engineers, der den Old-School-Dub-Sound der späten 70er, Anfang 80er Jahre auf dieser nostalgisch-musikalischen Reise gekonnt einfängt und in die Jetztzeit transferiert. Sabab demonstriert überzeugend seine Qualität am Mischpult und seine ganz besondere Vorliebe für spacig-dubbige Sounds. Ein satter Bass, aus dem tiefsten Verlies hallende Drums – wie zu Scientists besten „King Tubby’s Sessions“ Zeiten, zischende Hi-Hats und entschleunigte Rhythmen schweben durch Raum und Zeit. Die durch Hall, Echo und tubbyeske Soundschleifen erzeugten psychedelischen Klänge klingen herrlich nostalgisch und sind dennoch stilvoll mit einem modernen Touch versehen. Abschließend stellt sich mir lediglich noch die Frage, ob Sabab das Album im Alleingang oder mit Band eingespielt hat, wovon ich bei „Revival Style“ eher ausgehe. In den Credits sind diesbezüglich leider keinerlei Angaben zu finden, was dem Album aber insgesamt keinen Abbruch macht.

Schlussendlich: Eine schöne musikalische Reise in die legendäre End-1970er-Ära Jamaikas, als noch Flyers, Steppers und Rockers auf der Insel den Ton angaben.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Paul Fox: Dub Blood

Der Sänger und Produzent Paul Fox aus Winchester UK ist hier im Dubblog ein zu Unrecht fast unbeschriebenes Blatt. Der Roots, Reggae und Dub Künstler veröffentlicht unter eigenem Namen seit 1992 Musik und hat bereits mit vielen bekannten Künstlern und Produzenten zusammengearbeitet. Auf der Liste der Künstler, die mit Paul Fox im Studio waren, finden sich solch illustre Namen wie: Nick Manasseh, Robert Tribulation, Michael Rose, Rod Taylor, Fullness, Dubheart, Jonah Dan, Brother Culture und Alpha & Omega, mit denen Paul Fox auch 2008 in Europa auf Tour war. Stark beeinflusst wurde sein Sound von Jah Shaka, Nick Manasseh, Jah Observer und Aba Shanti. Er war von deren Musik und Vibes so sehr beeindruckt, dass er Ende der 1980er selbst anfing, zu Hause im stillen Kämmerlein mit einem Vierspurgerät zu experimentieren. Mit Julian Ryan, einem Freund und Musiker, der ihn mit Jonah Dan bekannt machte, erfolgten die ersten Studio-Gehversuche in Sachen Reggae und Dub. Der Perkussionist Jonah Dan hatte ein kleines Studio in West London und die drei trafen sich regelmäßig jede Woche, um Roots Reggae einzuspielen und die passenden Dubs daraus zu fertigen. Nachdem sie ein paar Jahre lang zusammen unter dem Projekt-Namen „Shades of Black“ Aufnahmen veröffentlichten, trennten sich Anfang der 2000er ihre Wege und jeder machte sich mit der Gründung eines eigenen Studios selbständig. Mittlerweile wurden über 50 Alben veröffentlicht, auf denen Paul Fox, sei es als Produzent, Soundengineer oder Sänger, in Erscheinung trat.

Bisher habe ich es noch nicht erwähnt, aber Paul Fox schenke ich schon recht lange – auch wegen seiner ungemein angenehmen Stimme – größere Beachtung. Umso mehr war ich selbst erstaunt, dass ich die Veröffentlichung seiner beiden aktuellen Alben „Same Blood“ und „Dub Blood“ aus dem vergangenen Dezember regelrecht verpennt habe. Von allem, was ich bisher von Paul Fox gehört habe, muss „Dub Blood“ zweifellos zu seinen besten Aufnahmen gezählt werden. Pauls weiche Stimme schwebt immer wieder durch den Raum und verflüchtigt sich in melodischen, dubbigen Klanglandschaften. Der Sound erinnert vage an Jah Shaka, aber auch Mad Professor – also englischer Dub par excellence. Ich möchte jetzt nicht jeden Track explizit erwähnen, denn tatsächlich jeder hat seinen ganz besonderen Reiz. Lediglich meinen ganz persönlichen Favoriten möchte ich als Primus inter Pares hervorheben. „Living in a Dub Zone“, das Pendant zu „Warzone Part Two Refugees“ aus dem Song-Album „Same Blood“. Beginnend mit dem feinen Klang einer arabischen Oud oder türkischen Saz und richtig satten Binghi-Drums führt uns im Laufe des Songs die Textzeile: „Still wondering if all of these wars gonna cease – still wondering if I’m ever gonna live to see peace“ und explosionsartigen Kriegsgeräuschen mitten in die aktuelle Situation im Osten Europas sprich Ukraine. Der Kriegsschauplatz könnte natürlich eher die fatale Situation in Syrien widerspiegeln, denn arabeske Klänge finden sich an mehreren Stellen des Albums. Egal, der Song packt mich jedes Mal mit voller Wucht.
Eines möchte ich doch noch erwähnen, dem aufmerksamen Hörer werden auch das herrliche Binghi-Drumming bei „Burning Dub“ und „Soon is the Dub“ nicht entgangen sein. Generell gefallen mir die Percussions auf allen Tracks des Albums außerordentlich gut. „Dub Blood“ nimmt etwa in Mitte des Albums einen musikalischen Wendepunkt, denn der Rest der Tracks klingt ab da leicht symphonisch angehaucht.

Fazit: Schon sehr lange nicht mehr so ein schönes, aktuelles „Roots-Dub-Album“ zu Ohren bekommen. Für meinen Geschmack das bisher beste Album des Jahres 2022.

Bewertung: 5 von 5.
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Ras Red I: Gweithredu Dub

Soll mir mal einer sagen, dass man sich nicht doch von einer Verpackung beeinflussen lässt. Wäre auf dem Album ein Comic (Wimmel)Bild von Tony McDermott zu sehen gewesen, dann wäre ich viel früher auf dieses Oevre aufmerksam geworden. Leider prangt auf dem vorliegenden Album lediglich ein „Monchhichi“-ähnliches Wesen mit sehr geröteten Augen vor einem Soundsystem. Für Monchhichis war ich Anfang der 80er bereits viel zu alt. Heute stolperte ich wegen des walisischen Wortes „Gweithredu“ (engl. Action) erneut über dieses von mir völlig übersehene Album. Die Rede ist, wie ihr oben unschwer erkennen könnt, von Ras Red I: Gweithredu Dub. Wenn das abgebildete Wesen Ras Red I (lies „Red Eye“) stilisieren soll, dann hat er offensichtlich, feinste Sativa Landrasse konsumiert, die seiner Kreativität einen echten Kick nach vorn verpasste. Russell Squire, so heißt der Multiinstrumentalist, Produzent und Dubmaster aus Taunton, einer Stadt in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands, mit bürgerlichem Namen. Mit „Gweithredu Dub“ hat er eine Werkschau zusammengestellt, die man zweifellos als Hommage an die Blütezeit des Reggae Ende 1970er, Anfang 1980er verorten muss.
In England ist Ras Red I kein Unbekannter und seine Dub-Workshops sind in der Grafschaft Somerset kein Geheimnis mehr. Außerdem engagiert er sich für den Fortbestand der ältesten auf der Insel gesprochenen Sprache, dem Walisisch (Cymru > engl. Wales).
Das vorliegende Album ist eine Mischung aus fast im Alleingang eingespielten Eigenkompositionen, die neu gemixt wurden und einigen Ras Red I Favoriten, die im Laufe der letzten vier Jahre mit anderen Interpreten im eigenen Studio entstanden sind. So gefällt mir „Swine“, eine Anspielung an George Orwell’s Animal Farm, von One Style MDV (MDV = Many Different Variations) ausgesprochen gut. One Style MDV sind eine Band mit Mitgliedern afrikanischen Ursprungs aus London, die bereits auf über 30 Jahre in Sachen British Reggae zurückschauen können und mich immer leicht an Misty in Roots erinnern. Zumindest, was ihren Output anbelangt, sind sie Misty in Roots sehr ähnlich.

Mit seinen eigenen Dub-Tracks und den Dub-Remixen einiger Gastinterpreten zeigt dieses Album Ras Red I als einen vielversprechenden Grassroots-Dub Künstler. Für den sehr relaxten Mix hat dann der Meister lieber ein bisschen einer Indica Variation zu sich genommen, denn „Gweithredu Dub“ versprüht statt „Action“ eher ein wohlig warmes Laid Back Feeling. Genau das, was einen entspannten Abend ausmacht.

Bewertung: 4 von 5.
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Sylvan Morris & Harry J: Cultural Dub

Da habe ich jetzt beinahe eine halbe Ewigkeit gesucht, um ein ziemlich rares Album, welches auch noch unter falscher Flagge navigiert, ausfindig zu machen.
Wenn wir hier im Dubblog von Soundengineers sprechen, fallen im Grunde immer die gleichen Namen. Einer, der in diesem fröhlichen Reigen aber auch immer – und das völlig zu Unrecht – vergessen wird, ist Sylvan Morris. Er war beinahe in allen Studios Jamaikas zuhause. Seine Tätigkeit als Mixing-/Soundengineer begann Morris mit zarten 17 Jahren im Dynamics Studio, wo er es ca. zwei Jahre aushielt, um dann nach einem kurzen Intermezzo in Duke Reids Treasure Isle Studio, für sechs Jahre im Studio One bei Clement Dodd anzuheuern, wo Sylvan Morris dem typischen Studio One Sound seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Er gilt immer noch als der beste Engineer, der jemals in 13 Brentford Road (Studio One) am Mischpult saß. Laut eigener Aussage war Sylvan Morris während seiner Zeit bei C. S. Dodd alles in Personalunion: Elektrotechniker, Berater, Arrangeur, Toningenieur und Mixer. Lediglich für die Bezahlung sei C. S. Dodd persönlich verantwortlich gewesen und just aus diesem Grund verließ Sylvan Morris Studio One, um seine neue Arbeitsstätte im Harry J in der Roosevelt Avenue in Kingston anzutreten. Das war Mitte der 1970er und das Harry J Studio war zu jener Zeit eine der Hauptanlaufstellen der besten jamaikanischen Künstler überhaupt. Weit über tausend zum Teil unvergleichliche Songs sind während Sylvan Morris’ 16-jähriger Tätigkeit im Harry J Studio entstanden. Nur ein paar Klassiker zur Erinnerung: Bob Marley: „Natty Dread“ und „Rastaman Vibration“, The Heptones: „Cool Rasta“, Augustus Pablo: „Ital Dub“ und „Earth Rightful Ruler“, The Royal Rasses: „Vortex Dub“, Burning Spear: „Dry & Heavy“, „Marcus’ Children“ und „Man In The Hills“. Oh ja, wenn wir gerade bei Burning Spear sind, die Original „Living Dub Vol. 1 und Vol. 2“ – zwei meiner unangefochtenen Lieblingsplatten – und auch „Dub D’sco Vol. 1 und Vol. 2“ von Bunny Wailer wurden ebenfalls durch Sylvan Morris klanglich vergoldet und somit unvergessen.
Zurück zu meinem Anfangssatz: Als Sylvan Morris 1974 im Harry J Studio aufschlug, ging das „Dub-Ding“ gerade so richtig los. Ergo sind auch von Sylvan Morris ein paar weniger bekannte Dub-Alben unter eigenem Namen: „Morris On Dub“ (1975), „Reggae Workshop“ (1977) und „Cultural Dub“ erschienen. Die 1978 veröffentlichte „Cultural Dub“ finde ich von allen dreien am abwechslungsreichsten. Den Anfang macht der achtminütige „Neighbour Dub“ mit Toastings der auf dem Cover unerwähnten Big Youth & Ras Midas. Nach dem Big Youth Toast geht das Album in einen Showcase-Mix über, um dann mit einem Ras Midas Toast zu enden. „Hearts Of Dub“ featured den unvergessenen und ebenfalls unerwähnten I Roy und die Harry J Allstars klingen hier wie die Revolutionaries. Für den dritten Titel wurde der Rocksteady Evergreen „Rivers Of Babylon“ mit den Melodians neu eingespielt, der wieder in einen klassischen Dubteil übergeht, um mit einem herrlichen Toasting des „mighty Poet I Roy“ (Zitat: LKJ) zu enden. Showcase Alben waren in der Entstehungsphase dieses Albums wirklich angesagt. Bereits in den frühen 70ern hatte Harry J eine Version von „Breakfast In Bed“ mit Sheila Hilton produziert. Sylvan Morris machte daraus kurzerhand den „Breakdown Dub“. Und weiter geht die Entdeckungsreise: „World Of Dub“ heißt im Original „What Kind Of World“ und stammt von den Cables aus alten Studio One Zeiten. Im „Undermind Dub“ hört man die Stimme von John Holt. Ursprünglich stammt „Can I Change My Mind“ von Alton Ellis und wurde bereits 1968 von C. S. Dodd produziert. Den krönenden, leider viel zu kurzen Abschluss dieser Werkschau macht ein perryesker „Cultural Dub“ mit Joe White an der Melodica, fettem Gebläse und ungewöhnlich vielen Soundeffekten.

Mein Fazit: Immer wenn ich nach vielen Jahren solche Alben wiederhöre, erkenne ich, dass es immer noch diese warme, organische Musik ist, die mich für immer in ihren Bann zieht und verzaubert. Da sind sie zu finden, diese unsterblichen Basslines, die den heutigen Aufnahmen viel zu häufig fehlen und von uns alten Hasen so schmerzlich vermisst werden. Im Nachgang betrachtet bekommen wir mit „Cultural Dub“ einen kreativen Querschnitt durch die Schaffensphasen von Sylvan „The Genius“ Morris. Je tiefer ich mich in Sylvan Morris’ Arbeiten wühle, desto offensichtlicher wird, wie immens wichtig dieser Mann hinter dem Mischpult für die gesamte Entwicklung des Reggae und Dub war/ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Ambient Warrior: Dub Journey’s

Jetzt haben wir einen erneuten Beleg dafür, dass unser kleines, feines Sub-Genre Dub zeitlos und grenzenlos ist. Angetreten hat diesen Beweis das australische Isle of Jura Label mit der offiziellen Neuauflage eines äußerst ungewöhnlichen Dub-Albums von Ambient Warrior: Dub Journey’s, das ursprünglich bereits 1995 auf dem englischen Label Lion Inc veröffentlicht wurde. Das Album ist grundsätzlich tief im Dub verwurzelt, bedient sich jedoch eines viel breiteren Spektrums, das gleichwertig verschiedenste musikalische Einflüsse und Stile aus der ganzen Welt aufnimmt und zu diesen wunderbaren Klanglandschaften zusammenfügt. Das Konzept für „Ambient Warrior“ wurde als Seitenprojekt für Ronnie Lion und Andreas Terrano geschaffen. Dem nicht ganz unbekannten Ronnie Lion war bei Aufnahmen ziemlich schnell aufgefallen, dass Andreas Terrano ein sehr talentierter Gitarrist und Keyboarder ist und so waren sich die Beiden in dem Ansinnen schnell einig, ein Oeuvre zu erschaffen, welches die vielfältigen musikalischen Einflüsse beider Protagonisten widerspiegelt. Andreas ist z. B. italienischer, armenischer und russischer Abstammung, was auf Dub Journey’s unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Ronnie Lion aus Brixton kennen Insider als Labelbetreiber aus den Anfängen des britischen Neo-Dub.

Seit den frühesten Dubversuchen von King Tubby, Lee Scratch Perry, Augustus Pablo, Prince Jammy und wie sie alle heißen, wissen wir, dass guter Dub dich in deinem tiefsten Inneren berühren muss. Deshalb nimmt mich Ronnie Lions Slogan: „This is Ambient Warrior…coming to You from the Heart“, vorgetragen mit einer markanten Stimme (Dennis Rootical), die an Prince Far I erinnert, vom Start weg mit auf (m)eine unvergessliche Pilgerreise zum Kailash. (Kailash: Er gilt den Tibetern als heiligster Berg, wird verehrt von Hindus, Buddhisten und Bön, stellt das Quellgebiet der vier größten Ströme des indischen Subkontinents.) Wie bitte, der Kailash? Ja, weil diese typischen Klänge der tibetischen Gebetsglöckchen omnipräsent sind und immer wieder erklingen. Das Album ist wie aus einem Guss und verbreitet bei mir eine wohlig warme meditative Stimmung. Andreas Terrano webt sehr weiche Gitarrensoli und Synthesizer- /Keyboardklänge zu wunderbaren Klanglandschaften zusammen. Was der Vielseitigkeit des Albums sehr guttat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Musiker verschiedenster Genres und Instrumente an den Aufnahmen beteiligt waren. Neben südamerikanischen Elementen wie Tango und Bossa Nova (Eastern Dub; Cajun Dub); hören wir auch Harfe (Cajun Dub), russisches Akkordeon (Bayan; Southern Dub), Vibraphon und Maultrommel (The Good, the Bad and the Dub).

Meine Quintessenz des Albums lautet: Großartige Dub-Alben schleichen sich ganz langsam an dich heran. Du kannst sie einmal abspielen und sie sind „ganz nett“. Spiele sie zig-mal und ganz langsam formt sich ein Bild: kleine Details tauchen auf, der Geist des Dub und die Glückseligkeit der Wiederholung bahnen sich ihren Weg in deine Seele.

Schön, dass es noch Labels gibt, die es sich zur Aufgabe machen, solch äußerst seltene, einzigartige Dub-Klänge vor der Vergessenheit zu bewahren. Deshalb bekommt Isle of Jura für die Wiederveröffentlichung des Ambient Warrior: Dub Journey’s Albums von mir sechs von fünf Sternen.

Bewertung: 5 von 5.
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I Neurologici: I Neurologici

Bei der Flut an Dub-Alben, die uns Dub-Nerds fast täglich überrollt, werden oft Schätze übersehen, die es verdient gehabt hätten, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Aus diesem Grund mache ich von Zeit zu Zeit gerne einmal wieder einen Streifzug durch mein Archiv und werde meist auch fündig. So geschehen mit „I Neurologici“ einem Dub-Kollektiv aus Rom, das seit seiner Gründung 1995 und Phasen des Ausprobierens, die Grundsteine ihrer Musik, eine Melange aus Roots Reggae, Dub mit kleineren ethnischen Einflüssen, schuf. Das hier vorliegende Album „I Neurologici“ wurde bereits 1999 eingespielt und als Miniauflage von 500 LPs zeitnah unter die Leute gebracht. Sechzehn Jahre später wurde „I Neurologici“ remastered und das Album durch einige „alternate Mixes“ aufgemotzt.
Bereits der erste Track „440 Hz“ kann vollstens überzeugen und hat mich mit seiner rollenden Bassline sofort am Haken. „SpaziAl Roots“ beginnt spartanisch mit Bass und Keyboard, bis sich dann majestätische Flötenklänge von Alessandro Mazzioti dazugesellen und eine dunstige Klanglandschaft zeichnen, die einigen Lee Perry „far out Moments“ nicht ganz unähnlich ist. Gefolgt von „Boleto“, einer Variation zum Maurice Ravel „Bolero“, der in der Mitte kurz ein paar punkige Rhythmen erhält, die an die frühen Bad Brains erinnern. Ich könnte jetzt jeden Track einzeln besprechen, denn jeder hat seinen ganz speziellen Reiz, doch das würde hier den Umfang sprengen. Eines sei noch hervorzuheben: Die Querflöte von Alessandro Mazziotti zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufnahmen und der opulente Einsatz von Dub-Effekten schaffen eine satte, Bass-geladene Psychedelika.

Abschließend bleibt nur noch darauf hinzuweisen, dass das Album „fer umme“, wie der Pfälzer sagt, also für umsonst, zu haben ist. „I Neurologici“ sind heute immer noch aktiv und arbeiteten vergangenes Jahr mit Zion Train zusammen.

Bewertung: 4 von 5.
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Tsadqan: Dub Meditation

Wer sich nur ein wenig für Reggae interessiert, kommt an typischen Nyahbinghi Chants nicht vorbei. Meine ersten Kontakte mit Nyahbinghi Songs waren tatsächlich „Rastaman Chant“ von Bob Marley & The Wailers, gefolgt von Bunny Wailers „This Train“, Cultures „So long Babylon a fool I“, IJahmans „Zion Hut“, Bob Marleys „Babylon System“ und selbstverständlich Alben von Ras Michael (Dadawah) und das Paradeexemplar schlechthin: Count Ossie & The Mystic Revelation of Rastafari „Grounation“. Selbst Jimmy Cliff eröffnete seine 1980er Konzerte mit dem Nyahbinghi Chant „Bongo Man“.
Der Musikstil, den der 1976 verstorbene Rasta und Percussionist Oswald Williams alias Count Ossie zusammen mit The Mystic Revelation of Rastafari seit seinen frühen Anfängen in den späten 1950er Jahren bis zum bahnbrechenden Meilenstein „Grounation“ (1973) und darüber hinaus schufen, stellt bis heute das Fundament der „Kings-Music“, sprich des Roots Reggae.
Die Nyahbinghi-Séancen, auch Reasonings oder Grounations genannt, übten einen enorm großen Einfluss auf fast alle jamaikanischen Musiker aus, von Prince Buster, Rico, Cedric „IM“ Brooks, Tommy McCook bis Bob Marley und vielen anderen Foundation Artists. Selbst Keith Richards von den Rolling Stones, ein ausgesprochener Reggae Fan, ist vom klassischen Nyahbinghi Sound begeistert und hat darum in den frühen 1990ern zwei Alben der Wingless Angels – eine Gruppe um Justin Hinds – produziert. Seit 1993 kennt beinahe jeder Musikfreund der Welt wenigstens einen Nyahbinghi Song, nämlich „Oh Carolina“ in der Version von Shaggy. Das von Prince Buster 1958 mit den Folkes Brothers und Count Ossies Afro-Combo produzierte Original wurde 1960 veröffentlicht.

Nyahbinghi leitet sich übrigens von einer ostafrikanischen Territorialbewegung ab, die sich dem europäischen Imperialismus widersetzte und von 1850 bis 1950 in verschiedenen afrikanischen Staaten aktiv war. Diese Bewegung inspirierte in den 50er Jahren ebenfalls viele Jamaikaner sich gegen den britischen Kolonialismus zu widersetzen. Von Jamaika aus erhielt diese Musik dann ihren Namen und wurde zur musikalischen Säule der Rasta-Religion und ihrer Anhänger.

Kommen wir zum eigentlichen Projekt von „Tsadqan: Dub Meditation“, das Dub-Album zu „The Tsadiq Nyahbinghi“. Das aktuelle Album führt uns weit in die Zeit zurück, in der der Nyahbinghi-Stil zum Leben erweckt wurde. Die klassische Instrumentierung: Thunder, Funde und Repeater oder auch Kete genannt, wurde durch elektrischen Bass, sparsam eingesetzten Gitarrensoli und Keyboardinterludes zu einzigartigen Melodien zusammengefügt. Dadurch entstand eine schöne neue Mischung, in der sich Tradition und Neuzeit zu einer einzigartigen Atmosphäre verschmelzen. „Dub Meditation“ enthält zwölf Tracks, pro Track je zwei Dubs, im klassischen Nyahbinghi-Dub-Stil. Die ersten zehn Tracks wurden vom hier nicht unbekannten Nick Manasseh in seinem neuen Londoner Studio dezent, soll heißen: ohne große Dub-Spielereien, gemixt. Bei den letzen beiden Titeln des Albums handelt es sich um zwei unveröffentlichte Bonustracks aus dem Opus „Shakaroot meets Tsadqan“ und hier durfte Petah Sunday sein Mixing-Talent zeigen. Die ersten zehn Tracks sind unveröffentlichte Dub-Cuts aus dem 2020 erschienenen Album „Tsadqan – The Tsadiq Nyahbinghi“, die bis jetzt zurückgehalten und nur bei wenigen Live-Auftritten gespielt wurden.

Wer sich auf diesen typischen, unverfälschten Sound einlässt, wird die meditative Wirkung am eigenen Körper erfahren und sich wie auf den Schwingen eines Adlers in die Lüfte erheben und dahingleiten. Der Sound ist wahrlich back to the Cradle of Roots Music made in Basel, Switzerland.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Five Star Review

KMFDM: In Dub

Es gibt Musik, die einen im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Vor einigen Wochen kam meine Tochter mit der Frage, ob ich „KMFDM: In Dub“ (Metropolis Records) kennen würde; ich müsse mir das Album unbedingt einmal anhören – nach tonnenschweren Sounds von frühestem Kindesalter an, kennt sie ihren „Alten“ zu gut. Und was soll ich euch sagen? Die vor fast exakt einem Jahr veröffentlichte „In Dub“ ist wieder einmal eines dieser Dub-Kuriosa, die mich schon immer in ihren Bann ziehen.

KMFDM wurde 1984 von Sascha „Käpt’n K“ Konietzko als Performance-Kunstprojekt in Hamburg gegründet, verlegte 1991 seinen Sitz nach Chicago und ist seit über 36 Jahren in Sachen Industrial Metal / Industrial Rock erfolgreich unterwegs. Kein geringerer als das ON .U Sound Mastermind Adrian Sherwood, der schon seit Label-Gründung die unendlichen Möglichkeiten der Dub-Musik auslotet, produzierte 1988 das KMFDM Album „Don’t Blow Your Top“ und setzte mit seinem Gemisch aus Industrial, Rock, Dub erneut kreative Maßstäbe.

Zu dem Album selbst erzählt „Käpt’n K“ in einem Interview: „Die Idee, eine Dub-Platte zu machen, braute sich seit einigen Jahren zusammen. Ich hatte bisher einfach nie die Zeit gefunden, mich hinzusetzen und das Projekt anzugehen. Einige meiner frühesten musikalischen Einflüsse waren Dub und Reggae und ich habe das Projekt wirklich Old-School gemacht. Die Demontage der Original-Tracks sowie die Bläser-Arrangements haben mir eine Menge Spaß bereitet. Dabei fand ich heraus, dass Songs mit 125 BPM zu dubben nicht so ideal ist. Es funktionierte am besten mit den langsamen und wirklich schnellen Titeln.“ Das klingt doch schon einmal hochinteressant. Also habe ich mich an das Album gemacht und die Materie vertieft. „Käpt’n K“ hat zwölf Songs, die ihre gesamte Karriere umspannen, neu interpretiert. Bereits nach dem ersten satten Rimshot auf der Snare bei „Dub Light“ wusste ich, dass dies ein Album so ganz nach meinem Geschmack ist. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass sich dieses groovelastige und rockige Ausgangsmaterial derart gekonnt in ein Dubkostüm transferieren lässt. Lucia Cifarelli singt „Everything Old Is New Again“ auf „Real Dub Thing“ und definiert damit perfekt die Kraft von „In Dub“. KMFDM-Hymnen werden neu interpretiert und so mit einem Sammelsurium meditativer Grooves mit fetzigen Gitarrenpassagen, schrillen Hörnern, intensiven Orgelklängen und schweren Basslines garniert, wie auf „A Dub Against War“, „Hau Dub“, „Bumaye“ präsentiert. Bei „Bumaye“ meine ich kurz eine Sequenz mit Nina Hagens Stimme herauszuhören.
Insgesamt ein Album, das vor Ideen nur so strotzt und dennoch Dubheads polarisieren wird. Zitat eines Fans: „Meine Freundin mag Reggae, aber KMFDM nicht so sehr. Jetzt mag sie auch KMFDM“. Für ON .U Sound Addicts der ersten Stunde, ist „KMFDM: In Dub“ eine leichte Übung und der Zugang zu diesen selten gehörten Klängen möglicherweise ein wenig einfacher.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Gladiators: The Time Is Now Discomixes

Die Gladiators gehören zweifelsfrei zum Urgestein der Reggaehistorie und ihre musikalischen Wurzeln lassen sich bis in Clement „Sir Coxsone“ Dodds Studio One zurückverfolgen. Meine erste Begegnung mit deren Musik war erst Mitte der 1970er. Ihr damaliger Produzent Tony Robinson hatte einen Deal in Europa klargemacht und so erschienen die ersten (regulären) Alben der Gladiators bei Virgin Records. Am 15.12.2020 verstarb Albert Griffiths 74-jährig nach langer Krankheit an Parkinson. Der Kopf des Trios mit klassischen Harmonie-Vocals à la Wailers, Culture, Abyssinians, Israel Vibration, Meditations, Mighty Diamands etc. hat das Erscheinen der „Gladiators: The Time Is Now Discomixes“ (Tabou1) noch erlebt und ich kann mir vorstellen, dass er sich sehr über das Endresultat gefreut hat. Dartanyan „GreenLion“ Winston, ein junger amerikanischer Soundtüftler Anfang 30 aus Ohio, hat sich ein paar Titel aus dem beinahe unerschöpflichen Repertoire der Gladiators ausgesucht und wunderbar klassisch anmutende Discomixes geschaffen. Acht Originalsongs werden gekonnt dekonstruiert und mit einer Tonne Energie, Studio- und Mischpult-Zauberei wieder rekonstruiert. Dartanyan „GreenLion“ Winston zieht alle Register und liefert ein wunderbar sprudelndes Klangbad aus Vocals, Echo, Hall und Delay. Meine Highlights, der auf acht Minuten ausgedehnten Titel, sind: „Fussing and Fighting“ – ein Marley Song, bei dem am deutlichsten wird, wie sehr Albert Griffiths‘ Stimme der von Bob Marley ähnelte – und „Dreadlocks your Time is now“ natürlich. Das Album-Cover erweckt den Eindruck, als wäre es unter Einfluss psychoaktiver oder eher noch halluzinogener Stubstanzen in der Hippie-Ära entstanden. Auch wenn ich eine etwas andere Songauswahl getroffen hätte, ist „The Time Is Now Discomixes“ im Nachhinein eine wunderschöne Hommage an die wundervollen Gladiators, die unverdientermaßen immer etwas im Abseits der ganz großen Vocal-Trios standen.

Bewertung: 5 von 5.
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Prince Hendrik and the Other Members of The Royal Family: Aquadub

Schon als Kind war er verrückt nach Musik und als Teenager zog der magische Sound von Reggae und Ska ihn in seinen Bann. Aus diesem Grund flog er mit zwanzig nach Jamaika zu den Wurzeln des Reggae, wo er von 1989 bis 1991 zwei Jahre lebte, eine Jamaikanerin heiratete und Vater einer Tochter wurde. Über seine Zeit und sein Leben auf der karibischen Insel sagt der heute 52-jährige Arnheimer Hendrik „Prinz Hendrik“ van Houten: ,,Ich war jung und für alles sehr empfänglich. Ich lebte in Rastakommunen, lernte viel über die Rasta-Philosophie und das Nyahbinghi-Drumming. Mein Aufenthalt dort hat mich sehr positiv geprägt.“
Mitte der 1990er war Prince Hendrik als alleinerziehender Vater im Arnheimer Künstlerviertel Klarendal angekommen und errichtete in seinem Haus sein „Kitchenrock-Homestudio“, ein Multitrack Recording und Mixing Studio. Seit 2012 sind unter dem Namen „Prince Hendrik and the Other Members of The Royal Family“ drei Alben auf CD erschienen und nun wird „Aquarius/Aquadub“ (A Sky High Underground Production) in limitierter und nummerierter Edition von 300 Stück auf Vinyl erneut veröffentlicht.
„Zwei Freunde, die ich mein ganzes Leben lang kenne und mit denen ich früher in Bands war, spielen mit. Einer an Schlagzeug und Bass, der andere als Gitarrist und Cellist. Um Gesang, Keyboards und den Aufnahmeprozess kümmere ich mich selbst“, sagt van Houten und führt weiter aus: „Sonne und Strand sind für mich nicht untrennbar mit Reggae verbunden. Mit der Partyvariante des Reggae habe ich nichts zu tun und mit Dancehall und Raggamuffin noch viel weniger. Letztere verherrlicht oft Aggression und Hass.“ Somit ist über den Reggae-Stil von Prince Hendrik und seinen Freunden schon beinahe alles gesagt. Wir bekommen eine Art relaxten, handgemachten „Underground-Reggae“ geboten – wie Prince Hendrik seinen Stil selbst charakterisiert. Mit „Underground-Reggae“ assoziiere ich unwillkürlich die frühen, teilweise spartanischen aber immer hochinteressanten Dub-Arbeiten eines Keith Hudson. Haargenau daran erinnert mich „Aquadub“ sowohl stimmlich als auch stilistisch. Auf „Aquadub“ ist kein Ton zu viel, jedes Instrument und jeder noch so kleine Dub-Effekt bekommt seinen Raum und genügend Zeit, um sich im Gehör zu entfalten. Besonders angetan hat es mir das Cello, das gelegentlich mit kleinen aber feinen Melodien umgarnt von schönem Gitarrensound aufwartet. Ein Zufallsfund ehrlicher, handgemachter Musik, den ich gerne allen ans Herz legen möchte.

Bewertung: 4 von 5.