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Ambient Warrior: Dub Journey’s

Jetzt haben wir einen erneuten Beleg dafür, dass unser kleines, feines Sub-Genre Dub zeitlos und grenzenlos ist. Angetreten hat diesen Beweis das australische Isle of Jura Label mit der offiziellen Neuauflage eines äußerst ungewöhnlichen Dub-Albums von Ambient Warrior: Dub Journey’s, das ursprünglich bereits 1995 auf dem englischen Label Lion Inc veröffentlicht wurde. Das Album ist grundsätzlich tief im Dub verwurzelt, bedient sich jedoch eines viel breiteren Spektrums, das gleichwertig verschiedenste musikalische Einflüsse und Stile aus der ganzen Welt aufnimmt und zu diesen wunderbaren Klanglandschaften zusammenfügt. Das Konzept für „Ambient Warrior“ wurde als Seitenprojekt für Ronnie Lion und Andreas Terrano geschaffen. Dem nicht ganz unbekannten Ronnie Lion war bei Aufnahmen ziemlich schnell aufgefallen, dass Andreas Terrano ein sehr talentierter Gitarrist und Keyboarder ist und so waren sich die Beiden in dem Ansinnen schnell einig, ein Oeuvre zu erschaffen, welches die vielfältigen musikalischen Einflüsse beider Protagonisten widerspiegelt. Andreas ist z. B. italienischer, armenischer und russischer Abstammung, was auf Dub Journey’s unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Ronnie Lion aus Brixton kennen Insider als Labelbetreiber aus den Anfängen des britischen Neo-Dub.

Seit den frühesten Dubversuchen von King Tubby, Lee Scratch Perry, Augustus Pablo, Prince Jammy und wie sie alle heißen, wissen wir, dass guter Dub dich in deinem tiefsten Inneren berühren muss. Deshalb nimmt mich Ronnie Lions Slogan: „This is Ambient Warrior…coming to You from the Heart“, vorgetragen mit einer markanten Stimme (Dennis Rootical), die an Prince Far I erinnert, vom Start weg mit auf (m)eine unvergessliche Pilgerreise zum Kailash. (Kailash: Er gilt den Tibetern als heiligster Berg, wird verehrt von Hindus, Buddhisten und Bön, stellt das Quellgebiet der vier größten Ströme des indischen Subkontinents.) Wie bitte, der Kailash? Ja, weil diese typischen Klänge der tibetischen Gebetsglöckchen omnipräsent sind und immer wieder erklingen. Das Album ist wie aus einem Guss und verbreitet bei mir eine wohlig warme meditative Stimmung. Andreas Terrano webt sehr weiche Gitarrensoli und Synthesizer- /Keyboardklänge zu wunderbaren Klanglandschaften zusammen. Was der Vielseitigkeit des Albums sehr guttat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Musiker verschiedenster Genres und Instrumente an den Aufnahmen beteiligt waren. Neben südamerikanischen Elementen wie Tango und Bossa Nova (Eastern Dub; Cajun Dub); hören wir auch Harfe (Cajun Dub), russisches Akkordeon (Bayan; Southern Dub), Vibraphon und Maultrommel (The Good, the Bad and the Dub).

Meine Quintessenz des Albums lautet: Großartige Dub-Alben schleichen sich ganz langsam an dich heran. Du kannst sie einmal abspielen und sie sind „ganz nett“. Spiele sie zig-mal und ganz langsam formt sich ein Bild: kleine Details tauchen auf, der Geist des Dub und die Glückseligkeit der Wiederholung bahnen sich ihren Weg in deine Seele.

Schön, dass es noch Labels gibt, die es sich zur Aufgabe machen, solch äußerst seltene, einzigartige Dub-Klänge vor der Vergessenheit zu bewahren. Deshalb bekommt Isle of Jura für die Wiederveröffentlichung des Ambient Warrior: Dub Journey’s Albums von mir sechs von fünf Sternen.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Roots Makers: Dubbers EP

Die Roots Makers haben mich schon einmal mit Ihrem gleichnamigen Debut – einem Instrumental- plus zugehörigem Dub-Album – recht glücklich gemacht. Kollege Helmut Philipps hat die Roots Makers gar in seine Top 5 des Jahres 2021 aufgenommen, was ich nur zu gut nachvollziehen kann. Da hat alles gestimmt, und wenn der ewig nörgelnde Rezensent etwas zu bemängeln hatte, dann wäre es wohl das Fehlen von Vocals bzw. Vocal-Snippets gewesen. So klassisch Dub halt, wenn man das so ausdrücken möchte.

Jetzt ist es nun mal so, dass wir im dubblog.de üblicherweise keine EPs oder Singles rezensieren und uns auf Alben beschränken. Hier möchte ich aber ausnahmsweise eine EP in den Fokus rücken – wenn man’s nicht so genau nimmt, könnte man ja aus der „Dubbers“-EP (Eigenverlag) und dem zugehörigen Vocal-Counterpart, der „Summer Lovers“-EP, ein 8 Track-Album zaubern. Beides Releases allerhöchster Qualität – und wenn man schon so eine Vocal-Vorlage hat, kann im Dub-Bereich eigentlich nichts mehr schief gehen:

Und tatsächlich, die Dubs sind im klassischen Roots-Bereich das Beste, das ich seit längerem gehört habe. Da stimmt alles: schöner Mix, feine Effekte, mitsummbare Basslines und die Stimm-Sprengsel stellen den Bezug zu den Vocal-Versionen her. Hör ich da jemanden Roots Radics sagen? Aber ja doch, der Vergleich ist mehr als zulässig, der Vibe erinnert mich sogar leicht an Bunny Wailers feines „Rock’n’Groove“-Album, an den klassischen 80‘s Lovers-Rock und ein wenig Aswad-Backing Vocals höre ich auch raus.

Alles gut also? Aber ja doch – ein Album… äh… eine EP, der ich 5 Sterne nicht verweigern kann.

Bewertung: 5 von 5.
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Dactah Chando meets RSD: Guardians of Dub Vol. II

Nach Vol. I folgt bekanntlich Vol. II. und das ist auch bei Dactah Chando so. Ersteres wurde von Umberto Echo recht schön, aber recht brav (um das böse Wort „bieder“ zu vermeiden) abgemischt, wie Kollege Wynands in seiner Rezension für meinen Geschmack etwas zu dezent durchklingen lässt. Bei „Guardians of Dub Vol. II“ (Achinech Productions) sollte offensichtlich ein anderer Vibe her – und siehe da, Rob Smith aka RSD ist diesmal tonangebend dabei.

Gleich vorweggenommen: Die Dubs sind nicht neu, sondern entstanden – wie man der Info dazu entnehmen kann – bereits während der Aufnahmen zu „Sabiduria“ und seinem Counterpart „Sabiduria Roots“. Bei beiden Alben hatte Roberto Sanchez als Produzent seine Finger im Spiel – was überrascht, denn seine typische, musikalische Handschrift ist nicht zu erkennen. Rob Smith war ebenfalls in die damaligen Aufnahmen eingebunden – sein Sound ist vor allem auf den eher dancehall-lastigen „Sabiduria“-Tracks präsent; und er ist es auch, der für die Dub-Mixes von „Guardians of Dub Vol. II“ verantwortlich zeichnet.

Nun steht Rob Smith für eine eigene Klangwelt, die in Sachen Instrumentierung und Klangvielfalt ziemlich karg und eintönig daherkommt. Das bestätigt sich auch auf dem neuen Album – zumindest bei den ersten drei Tracks, die man getrost überspringen kann. Ab Nummer 4 kippt das Ganze in Richtung Roots mit Live-Instrumentierung und es entsteht plötzlich Raum für eine fantasievolle Klangreise mittels erstaunlicher Dub-Effekte. Aber nicht für Rob Smith; er nützt die Gelegenheit nicht und beschränkt sich mehr oder weniger auf eine knappe Dosis Hall und eher unauffällige Echos hier und da. Die Aufnahmen selbst bieten zwar Potential für ein akustisches Abenteuer – aber wenn der Mixer nicht will, dann gibt’s halt keines.

Was bleibt? 12 sehr sauber produzierte, beinahe steril klingende Tracks mit Dub-Anklängen, die ab Track 4 durchaus brauchbar sind, aber letztlich auch nach oftmaligem Hören (trotz ordentlichem Punch auf den Drums) flach klingen und keine neuen Nuancen offenbaren. Schade – es bleibt die Hoffnung auf ein Vol. III, für das ich Roberto Sanchez als Dub-Mixer nominiere.

Bewertung: 3 von 5.
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Zilla Dan meets Riwan Pruvot: Starlight Dub

Nach seinem 2020er-Debüt „Twin Souls Dub“ überrascht der französische Multiinstrumentalist und Tontechniker Zilla Dan mit einem Album, das sich zwar „Starlight Dub“ (Eigenverlag) nennt, tatsächlich aber eher eine Sammlung von atmosphärischen Instrumentals ist, die er mit dem Altsaxophonisten Riwan Pruvot aufgenommen hat.

„Ich war schon als kleines Kind ziemlich musikalisch und wollte später mit meinem besten Freund als Musiker Karriere machen. Aber nachdem er auf tragische Weise in Französisch-Guayana umkam, begann ich damit, eigene musikalische Projekte zu entwickeln“, erklärt Zilla Dan. „Ich traf Riwan Pruvot in Bordeaux. Er ist ein professioneller Altsaxophonist, französisch-algerischer Abstammung. Ich schlug ihm vor, ein Album im Stile von Bunny Lee & King Tubby Present Tommy McCook: Brass Rockers zu produzieren. Riwan war begeistert. Ich spielte Drums, Bass, Klavier und Percussions ein und Riwan zauberte seine Saxophon-Melodien dazu. Anschließend habe ich die Tracks auf analogem Equipment abgemischt, denn ich wollte den Sound von King Tubby, Scientist und Prince Jammy reproduzieren – meinen Heroen der goldenen Ära jamaikanischen Dubs.“

Was für alle mit vorbeugender Saxophon-Phobie abschreckend klingen mag (Kenny G und Dean Fraser lassen grüßen), offenbart sich hier als musikalische Wohltat wie sie im Reggae selten erlebt werden kann: So weich, voll und gefühlvoll war ein Saxophon seit Branford Marsalis‘ Arbeiten für Sting nicht mehr zu hören. Das liegt zum einen an der wunderbaren Spieltechnik von Privot – aber auch an Dan’s exzellenter Aufnahmetechnik bzw. Abmischung des Instruments. Fazit: Das Album hat  es zu Recht noch knapp vor Schluss in eine der dubblog.de-Top 5 geschafft: Die Rehabilitation des Saxophons, hurra! 

Dass Zilla Dan’s Produktion dabei etwas ungelenk wirkt und an frühe I-Grade Aufnahmen erinnert, tut dem Ganzen keinen Abbruch – ganz im Gegenteil, es trägt zum Charme von „Starlight Dub“ bei. Da passt auch das Album-Konzept – eine nicht zu ausschweifende musikalische Reise durch unser Sonnensystem, die Grafiker Matteo Anselmo in einer der schönsten Cover-Artworks des letzten Jahres umgesetzt hat. Alles in die Waagschale geworfen ergibt das summa summarum ein akustisches wie optisches Kleinod, dass den Hörer schon beim ersten Kontakt für sich gewinnen kann. 

Text: gtk und René Wynands

Bewertung: 4.5 von 5.
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El Natty Combo: Flores y Burbujas

Zur Zeit scheinen Instrumentals dem Dub die Schau zu stellen – in den letzten Monaten sind da einige erstaunliche Werke auf dem Markt gekommen, die so manchen Dub-Release locker in den Schatten stellen. Siehe Clive Hunt, Bost & Bim, Roots Organisation, Winds of Matterhorn, The Dub Chronicles – um nur die im dubblog.de Rezensierten zu erwähnen.

Neues Jahr, neues Glück, möchte man meinen: Die El Natty Combo schneit mit ihrem Album „Flores y Burbujas“ herein. Also fast: Das Album ist bereits Ende 2020 erschienen und mir schlichtweg durch die Finger gerutscht. Und weil’s so schön ist und Feiertags-bedingte Flaute im Dubland herrscht, pack‘ ich das alte Teil hier aus.

Von der El Natty Combo kann man durchaus schon mal gehört haben; ihre Diskographie kann sich sehen, besser noch: streamen lassen. Gelesen wird man von ihnen eher weniger haben – die Herrschaften parlieren selten, aber doch in gepflegtem Spanisch. Deshalb in aller gebotenen Kürze:

Die El Natty Combo ist eine 2003 gegründete, argentinische Roots-Reggae Band, Markenzeichen: Gepflegte Bläsersätze, verspielte Saxophon/Posaune/Trompeten-Solis auf gehaltvollem Reggae, der schon mal – no na – ins Lateinamerikanische abdriften kann. Das kann von der Melodieführung oder der Rhythmik herrühren und gibt dem Ganzen einen gewissen Kick. Wobei durchaus auch Erinnerungen an Rico und an Chris Hinze (erinnert sich noch jemand an das „Bamboo Reggae“ aka „Kings of Reggae“- Album“?) wach werden.

Daumen hoch also für „Flores y Burbujas“, das mir Google mal mit „Blumen und Bläschen“, mal mit „Blumen und Blasen“ übersetzt. Nun ja… das wird im Spanischen vermutlich besser rüberkommen. Letztlich ist es ein Album für Freunde der gepflegten Roots-Blasmusik, und mit etwas Glück wird’s davon auch ein Dub-Album geben. Es wär‘ nicht das erste der El Natty Combo.

Bewertung: 4 von 5.
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Lee „Scratch“ Perry meets Dubblestandart: Dub Cuts from Planet Dub

Dieser Release bedarf nur weniger Worte: „Lee Scratch Perry meets Dubblestandart: Dub Cuts from Planet Dub“ (Echo Beach) ist eine weitere Wiederverwertung der LSP-Tracks vom großartigen Dubblestandart-Album „Return from Planet Dub“ – erschienen samt Dubs 2009. Eine Bearbeitung der Tracks gab’s 2014 durch Robo Bass HiFi, 2020 hat Paolo Baldini ein wenig Hand angelegt und jetzt gibt’s also ein Album mit alternativen Dub-Versionen. Die sind mal weniger, mal noch weniger alternativ und dürften bereits vor 12 Jahren beim Abmischen der Originalbänder entstanden sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest – denn die Zeit war nicht gerade gnädig mit den Aufnahmen: Die Sounds wirken veraltet; die dumpfe Abmischung erinnert an die Hiphop- und Jeep Beats von anno dunnemal. Eine Frischzellenkur sieht demnach anders aus; dessen ungeachtet sind die eben erschienenen Dub Cuts aber wie ihre Originale Meilensteine im Oeuvre von Dubblestandart

Und wiederum stellt sich die Frage, ob wir diesen Release, dessen klangtechnischer Zusatznutzen sich in engen Grenzen hält, wirklich brauchen. Der Newswert an und für sich ist eher spärlich und Überraschungsmomente bleiben aus – aber hier haben wir erstmals die Tracks von LSP auf einem Album konzentriert, sprich von der ausufernden Üppigkeit des Original-Releases befreit. Das ergibt dann lediglich acht etwas rauere Dubs (wobei „Blackboard Jungle – Dub Ruff Cut“ als Ausnahme mit extra-heftiger Fäkalsprache aufwartet), die von einer berührend-schönen, in schwarz-weißen gehaltenen Artwork begleitet werden. Zweifellos ein Erinnerungsstück, dass es hoffentlich auch als physischen Tonträger geben wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Lone Ark Riddim Force: Balance Dub

Jamaika, die goldene Ära des Reggaes, ca. 1977 bis 1982. Unzählige Klassiker sind während dieser Zeitspanne entstanden; die Welt hat vorwiegend dank der großen europäischen Labels und deren glattbügelnder studiotechnischen Übersetzungsarbeit endlich die moderne Musik der Insel im größtmöglichen Ausmaß wahrgenommen. Dafür steht ein auch heute noch einzigartiger Sound, der abseits der Marley-Klänge vorwiegend von den Revolutionaries und den Roots Radics geprägt wurde.

Dass dieser Sound oder vielmehr diese Soundtechnik keineswegs unwiederbringlich verloren gegangen ist und Enthusiasten heute gar nicht mehr so wehmütig auf diese Zeit zurückblicken müssen – dafür sorgen Acts und Produzenten wie Pachyman, Pura Vida, Prince Fatty, Rootz Lions und wie sie alle heißen mögen. Sie jagen ziemlich erfolgreich dem Ideal nach und liefern heute annähernd den Soundtrack von damals. Einer aber hat die die Kunst des mittlerweile gut und gern 40 Jahre alten original Rockers- und Steppers-Sound gemeistert: Roberto Sanchez mit seiner Lone Ark Riddim Force – nachzuhören auf dem eben erschienenen Album „Dub Balance“ (A-Lone Productions), dem Dub-Counterpart zu Ras Tweed’s „Balance“-Release.

Keine Frage, Roberto Sanchez hat hier wieder ein sehr schönes Werk abgeliefert – da passt fast alles, das ist eine nahezu perfekte Zeitreise in die 1970er und 80er, das könnte locker aus dem Katalog von Virgin Records stammen. Für vier Titel wurden originäre Drum-Tracks von Style Scott verwendet – dass das überhaupt nicht auffällt, ist Qualitätskriterium: So perfekt imitiert Sanchez Arrangements, Studiotechnik und Ambiente der Ära – und das mit größtmöglichem Respekt, wie ich meine.

Die Übung ist also mehr als gelungen und macht dem Rezensenten durchwegs Freude. Zugleich drängt sich jedoch eine Frage auf: Quo vadis, Roberto? Dass der gute Mann verblüffend ähnliche Nachbauten (Kopien?) von Reggae-Meilensteinen abliefern kann, wissen wir seit geraumer Zeit, sprich etlichen seiner Produktionen. Ich feiere, dass ich quasi neue „historische“ Musik ohne die klangtechnischen Limitierungen von damals hören kann – erwarte mir mittlerweile dennoch etwas mehr. Soll heißen: Ein paar Runden in der Zeitschleife sind fein – insbesondere, wenn die Reproduktionen den Originalen gefühlt in nichts nachstehen. Irgendwann darf es dann aber schon ein wenig kreativer werden.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Indy Boca: Many Roads

Einmal quer durch den Reggae-Gemischtwarenhandel, hier und da und dort zugegriffen, alles einmal grob durchgeschüttelt und fertig ist das Debut „Many Roads“ (Sweet Waters Music) von Indy Boca. Also eigentlich vom französischen Indy Boca Soundsystem, das hier in Zusammenarbeit mit dem SawaSound Studio das Album gestemmt hat. Ich hab’s ja nicht so mit Überraschungstüten, die jeden glücklich machen sollen – und tatsächlich, da gibt’s feine Roots-Riddims, rhythmisch dröge 4-on-the-floor Soundsystem-Tracks, mal instrumental und dann wieder mit Vocals, und zu guter Letzt doch noch zwei Dubs. Eine Mischung, die mir üblicherweise aufstößt, wenn nicht gar für eine gröbere musikalische Verstimmung sorgt. Dem ist hier erfreulicherweise nicht ganz so – denn es gibt etwas, dass die Tracks verbindet und quasi zu einer Familie werden lässt: Ein unglaublich schöner, satter, tiefer, druckvoller und doch ausgefeilter Sound. Wer auch immer das Album abgemischt hat – Chapeau, großartig, danke für den Ohr-Orgasmus.

Vor den Vorhang bitte auch der Verantwortliche für die vielen schönen Samples, die als solche für mich anfangs nicht zu erkennen waren – so scheinen etwa die Streicher live für die Tracks eingespielt worden zu sein, so perfekt fügen sie sich ins Arrangement und wiederum den Mix ein. Die Realität wird natürlich eine andere sein, denn die allerwenigsten Acts aus dem Reggaeland könnten sich ein Streichorchester im Studio leisten – und wenn doch, dann sicher nicht für‘s Debut-Album. Wie auch immer, das Ergebnis allein zählt – und da hilft es natürlich, dass die Samples den Stücken niemals als Gimmick aufgepfropft, sondern als integraler Bestandteil zu verstehen sind.

Wie bewertet man also dieses musikalisches Sammelsurium, insbesondere wenn der Rezensent es bekannterweise nicht so mit digitalem 120 bpm Soundsystem/UK Dub hat? Er drückt beide Augen zu, lässt sich in den warmen Bass der Roots-Tracks fallen und vergibt satte 4 Sterne – wobei ich gut nachvollziehen kann, dass der eine oder andere Hörer sich einen mehr gewünscht hätte.

Bewertung: 4 von 5.
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Marcel-Philipp Meets Scientist

Marcel-Philipp ist auf den Dub-Geschmack gekommen, entstammen doch seine drei letzten Alben allesamt diesem Genre. Doch nach „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough of Dub“ liegt nun ein ganz spezielles Album vor: „Marcel-Philipp Meets Scientist“ (Ashera). Was für eine spannende Zusammenarbeit: Der Multiinstrumentalist und Schöpfer luftig-leichter Reggae-Kompositionen trifft auf den Dub-Großmeister und Kreateur bleischwerer Mixes.

Wie kam es zu dieser bemerkenswerten Zusammenarbeit?

Marcel-Philipp: „Ende 2019 kam der erste Kontakt zustande als ich an der Planung einer Scientist Audio Engineering Master Class in Deutschland beteiligt war. Mitte 2021 habe ich ihm dann das Rohmaterial für einen Track von mir geschickt. Zu Beginn war das Projekt eigentlich auch nur auf einen Track begrenzt doch wir waren beide vom Ergebnis begeistert. Deshalb haben wir beschlossen, ein komplettes Album umzusetzen.“

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?

Marcel-Philipp: „Mit seiner Erfahrung und seinen Fähigkeiten hatte er das ganze Album innerhalb weniger Tage fertig. Die russische Künstlerin Lera (lastcaress), die ich mit dem Cover-Design beauftragt hatte, konnte aus Termingründen erst Ende September liefern, weshalb ich den Release-Termin in den November 2021 legte.“

Was schätzt du an der Arbeit von Scientist?

Marcel-Philipp: „Viele der von Scientist gemischten Alben gehören soundmäßig zu meinen absoluten Lieblingen. Während der Zusammenarbeit war der Kontakt zwischen uns sehr intensiv und ich konnte Einblicke in seine Vorgehensweisen und sein Wissen im Bereich Audio Engineering bekommen.“

Was ist das Geheimnis von Scientist?

Marcel-Philipp: „Noch vor der Erstellung des Dub Tracks haucht Scientist dem Gesamtsound seine spezielle Magie ein. Alle Alben, die von Scientist gemischt wurden, haben diesen einzigartigen Sound. Bei ihm beginnt alles mit dem Schlagzeug-Sound. Seiner Aussage nach, kann er jeden seiner tausenden gemischten Tracks nur am Sound der Kick-Drum ausmachen. Auf die Frage nach dem Vorgehen beim Mixing der Bass Gitarre antwortete er „The bass guitar drives the kick“. Seine Obsession für den Sound ist unfassbar. Die Kombination aus technischer und wissenschaftlicher Herangehensweise gepaart mit seinen künstlerischen Fähigkeiten und dem Interesse am Ausprobieren macht ihn zu dem was sein Künstlername aussagt: einen Wissenschaftler.“

Du bist ganz offenbar ein Fan von Scientist. Wo kommt deine Bewunderung für ihn her?

Marcel-Philipp: „Bei mir beginnt der ganze Schaffensprozess mit den Instrumentalversionen. Aus Mittel zum Zweck habe ich mich deswegen früh intensiv mit Mixing und Mastering auseinandergesetzt. Schon vor Jahrzehnten habe ich den Klang, speziell der Kick und der Snare, von Scientist Tracks analysiert. Nicht um diesen Sound zu kopieren, sondern um zu verstehen, wie und was er da macht. Als sich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit bot, war ich sehr dankbar und enorm gespannt was Scientist mit meinen Instrumentals anstellen würde.“

Und, was hat er mit ihnen gemacht? Wie unterscheiden sich seine Dubs von deinen?

Marcel-Philipp: „Scientist machte große Anpassungen am Sound von Kick und Snare. Die Melodika als Lead-Instrument bekommt bei ihm viel Platz und ist im Vergleich zu meinen Dubs viel mehr präsent. Aus technischer Sicht spielt Scientist beim Einsatz vom Delay viel mit dem Feeback und auch die Verwendung des High-Pass Filters ist bei ihm omnipräsent.“

Bleibt das Joint Venture mit Scientist eine Ausnahme, oder planst du auch mit anderen Dub-Meistern zusammenarbeiten?

Marcel-Philipp: „Ich selbst strebe nicht an, bestimmte Sounds zu reproduzieren und lasse mich bei meinen eigenen Mixes von meinem Gefühl leiten. Aus Komponisten-Sicht sind Kooperationen daher sehr interessant und ich würde mich freuen, wenn ich in Zukunft auch mit anderen Dub-Meistern zusammenarbeiten könnte. Ich höre in meiner Freizeit viel Dub-Musik und bin immer wieder bei den Neuerscheinungen sehr positiv überrascht.“

Klingt so, als wärest du jetzt von deinen Instrumentals voll auf Dub umgestiegen?

Marcel-Philipp: „Mein Hauptfokus liegt immer noch auf den Instrumentals, denn ohne diese kann ich keinen Dub produzieren. Die drei Dub Alben sind ein Ergebnis der vielen Instrumentals die ich in den letzten Jahren fertiggestellt habe. Ich freue mich nun aber wieder darauf viele neue Tracks einzuspielen. Also werden von mir als nächstes wieder ein oder mehrere Instrumental-Alben erscheinen, bevor ich dann auch diese in Dubs verwandele.“

Bewertung: 4 von 5.
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I Neurologici: I Neurologici

Bei der Flut an Dub-Alben, die uns Dub-Nerds fast täglich überrollt, werden oft Schätze übersehen, die es verdient gehabt hätten, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Aus diesem Grund mache ich von Zeit zu Zeit gerne einmal wieder einen Streifzug durch mein Archiv und werde meist auch fündig. So geschehen mit „I Neurologici“ einem Dub-Kollektiv aus Rom, das seit seiner Gründung 1995 und Phasen des Ausprobierens, die Grundsteine ihrer Musik, eine Melange aus Roots Reggae, Dub mit kleineren ethnischen Einflüssen, schuf. Das hier vorliegende Album „I Neurologici“ wurde bereits 1999 eingespielt und als Miniauflage von 500 LPs zeitnah unter die Leute gebracht. Sechzehn Jahre später wurde „I Neurologici“ remastered und das Album durch einige „alternate Mixes“ aufgemotzt.
Bereits der erste Track „440 Hz“ kann vollstens überzeugen und hat mich mit seiner rollenden Bassline sofort am Haken. „SpaziAl Roots“ beginnt spartanisch mit Bass und Keyboard, bis sich dann majestätische Flötenklänge von Alessandro Mazzioti dazugesellen und eine dunstige Klanglandschaft zeichnen, die einigen Lee Perry „far out Moments“ nicht ganz unähnlich ist. Gefolgt von „Boleto“, einer Variation zum Maurice Ravel „Bolero“, der in der Mitte kurz ein paar punkige Rhythmen erhält, die an die frühen Bad Brains erinnern. Ich könnte jetzt jeden Track einzeln besprechen, denn jeder hat seinen ganz speziellen Reiz, doch das würde hier den Umfang sprengen. Eines sei noch hervorzuheben: Die Querflöte von Alessandro Mazziotti zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufnahmen und der opulente Einsatz von Dub-Effekten schaffen eine satte, Bass-geladene Psychedelika.

Abschließend bleibt nur noch darauf hinzuweisen, dass das Album „fer umme“, wie der Pfälzer sagt, also für umsonst, zu haben ist. „I Neurologici“ sind heute immer noch aktiv und arbeiteten vergangenes Jahr mit Zion Train zusammen.

Bewertung: 4 von 5.