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Mantra Move: Raven Dub

Heute empfehle ich wieder den andersgearteten Dub, der in diesem Fall zu einer Reise durch das mystische Indien einlädt. Das Projekt Mantra Move: „Raven Dub“ (Liquid Sound Design) ist bereits 1997 in den Köpfen des Bassisten Paul Raven (Killing Joke, Ministry, Prong, Raggadeath) und des Sängers Koze Kozma (Raggadeath) gereift. Nahm aber erst Ende 2019 – über 12 Jahre nach dem plötzlichen Herztod von Paul Raven – Gestalt an. Mantra Move ist eine bunte Truppe von Musikern, Sängern und Dichtern wie: Youth, Koze Kozma, Laurence Harvey (Kuba), Nik Turner (Hawkwind), Mark Gemini Thwaite (The Mission), Lee Harris, Shaky, Twixymillia u. v. a. Das Konglomerat solch unterschiedlicher Künstler schuf im Studio aus einer Vielzahl von Musikstilen und Genres eine ganz besondere Atmosphäre. Es entstand eine Fusion von Dub, Downbeat Electronica, Reggae und Psychedelic/Progressive Rock. Dessen nicht genug, sind auch Flamencoklänge und traditionelle indische Instrumente wie Sitar, Dhol und Banshi zu entdecken. Die Texte, teilweise aus dem Sanskrit übersetzt und vom Poeten Lee Harris rezitiert, passen wunderbar in diese teilweise magische Stimmung.
Lawrence Harvey (Kuba), einer der großen Chill-Out- und deep Downtempo-Künstler hielt bei „Raven Dub“ alle Fäden in der Hand. Er erzeugte mit der Kombination unterschiedlichster Stile eine unglaublich entspannte und ruhige, aber auch erfrischende Atmosphäre. Mit dieser intelligenten Mischung aus Upbeat, Downtempo sowie coolen Dubby Lounge Grooves entwickelte er ein wunderbares Musikerlebnis. Durch die Verschmelzung verschiedenster Genres und Rhythmen entstand ein Album, das von Anfang bis Ende frisch klingt und immer wieder gehört werden kann. Eine hervorragende Hommage, die dem Bassisten und Musikproduzenten Paul Vincent Raven (16. Januar 1961- 20. Oktober 2007) gewidmet ist.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Michael Palmer: Showcase I’m Still Dancing

Dub Mixe von Peter Chemist zeichnen sich durch eine eigenwillig spröde Ästhetik aus. Da Chemists Output mit nur einer Handvoll Dub-LPs recht überschaubar geblieben ist, hier ein von ihm produziertes Showcase Album. So genau weiß man es nicht: Trägt die LP nun den Titel „Showcase“ oder ist es lediglich ein Hinweis darauf, dass „I’m Still Dancing“ ein Showcase Album ist? Fest steht jedenfalls, dass der Sänger nicht wie auf dem Cover Micheal sondern Michael Palmer heißt. Dessen erste LP von 1983 war seit langem und zu Recht gesucht und kaum unter einem dreistelligen Betrag zu kriegen. Angereichert mit Liner Notes von John Masouri auf einem Extrablatt gibt es die Platte jetzt originalgetreu auf dem französischen Iroko Label. Mit dem alten Cover inklusive Druckfehler, Limonious Comic-Rückseite und ohne schnöden Barcode. Der 1960 geborene Michael Palmer hatte als Teenager für Ossie Thomas seine erste Single „Mr. Landlord“ aufgenommen, erfolgreich wurde der Tune auf dem Get In The Groove Riddim aber erst, nachdem Sonia Pottinger ihn 1980 nochmal aufgenommen hatte. Ab da wurde Palmer einer der gefeierten Sänger der letzten Jahre der prä-digitalen Dancehall-Foundation. Er war kein Dread, er verstand sich als Roots-Reality-Sänger. Palmer kam aus der „feurigen Hölle“ von Kingston 13 (Maxfield Park) und sang im Opener seines bei Channel One produzierten Debüts: „Uptown people want to dance funky – people in the ghetto dance the waterpumpee. Uptown people dance electric boogie – people in the ghetto do the cool & deadly“. Die Riddims stammten von den Roots Radics und wurden vermutlich von Scientist aufgenommen. Anders lässt sich nicht erklären, wie dessen Name auf das Cover kam. Denn „I’m Still Dancing“ ist das Werk von Peter Chemist, den Palmer ausdrücklich in „Ghetto Dance“ erwähnt. Auch der Sound der Produktion, mit kaum wahrnehmbarer Hihat und eigenwilligen Echos, weist auf Peter Chemist. Der fabriziert hier außergewöhnlich spartanisch raue Dubs zu den sechs Vocaltunes. Den Party Time Riddim mischt er ganz ohne Hihat mit verspielten Echos und Akzent auf der Snare. „Ghetto Dub“ positioniert die Drums mit Gated Reverb Effekten um ein verzerrtes Gitarrenthema. „Gwan Dub“ reduziert das Schlagzeug auf Bassdrum mit unterlegten Snare-Echos. Palmer setzte die Zusammenarbeit mit Peter Chemist bei seinem von George Phang produzierten, extrem erfolgreichen Nachfolgealbum „Lick Shot“ fort, auf dessen Coverrückseite er von seiner Art des Songschreibens erzählt. Was die Angabe „all tracks written by Jah Thomas“ auf „I’m Still Dancing“ fragwürdig erscheinen lässt. Thomas hatte das Album für sein Midnight Rock Label produziert, sich ansonsten aber rausgehalten. Den Deejay-Part für eine Greensleeves Maxi des Krachers „Ghetto Dance (Babylon give wi a chance)“ überließ er Jim Brown, eine weitere Greensleeves Maxi mit dem Titelstück der LP und Robert Frenchs „No War“ auf der B-Seite ist aufgrund der Peter Chemist Mixe heute eine gesuchte Rarität, die jede Investition wert ist. Die klanglich überzeugende Neuauflage der LP lockt neben starken Vocaltunes mit seinem ungewöhnlichen Dub-Style. (Der leicht geänderte Text erschien zuerst in RIDDIM 02/21)

Bewertung: 4 von 5.

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Horace Andy: Broken Beats 2

Sieben Jahre ist es her, dass Echo Beach den Meistersänger Horace Andy ins Studio bat, um dort seine großen Hits über neue, zeitgemäße Rhythms zum Besten zugeben. Das Ergebnis trug den Titel „Broken Beats“. Nun folgt „Broken Beats 2“ (Echo Beach), auf dem neue Rhythms zu hören sind – garniert allerdings mit den selben, wohl bekannten Gesangsaufnahmen. Echo Beach hat sich nicht lumpen lassen und unfassbare 27 Tracks in die Digitalversion des Albums gepackt. Da das Material von „Broken Beats 1“ nur acht Songs von Horace Andy umfasst, bedeutet das, dass auf „Broken Beats 2“ alle Songs mehrfach zu Gehör gebracht werden. Spitzenreiter ist „Money, Money“, der hier in zehn Versionen dargeboten wird. Warum das Ganze hier im dubblog auftaucht? Weil die Backings von so illustren Dubbern stammen, wie Subatomic Sound System, Adubta, Adam Prescott, Dreadzone oder Jah Schulz – um nur einige paar zu nennen. Außerdem brillieren neben den vielen Versions auch ein äußerst schöne Dubs – für mich die eigentlichen Highlights des XXL-Albums, denn so sehr ich schon immer die Stimme und die Songs von Horace Andy mochte, so sehr nervt es mich, über die exorbitante Albumlänge die immer gleichen Melodien hören zu müssen. Daher sind die Dubs hier Inseln der Entspannung und Erholung in einem Meer aus „Cuss Cuss“ und „Money Money“. Ganz abgesehen davon, dass die Qualität der Produktionen erst in den Dubs so richtig zur Geltung kommt. Doch leider, leider gibt es auf „Broken Beats 2“ viel zu wenige davon. Aber so, wie ich Echo Beach kenne, wird bald ein mit „Broken Beats 3“ betiteltes Dub-Album erscheinen.

Für Freunde des schwarzen Goldes gibt es übrigens eine „Broken Beats 1&2 Vinyl Edition“ mit acht Songs und sehr schönem Cover.

Bewertung: 3 von 5.
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Liquid Rainbow: 8 × 8

Am 16. November 1938 synthetisierte Albert Hofmann in Basel eine Substanz, die er selbst am 19. April 1943 erstmalig ausprobierte. Dieser Tag sollte als „Bicycle Day“ in die Geschichte eingehen, weil Albert Hofmann den Effekt der Droge erstmalig auf der Heimfahrt mit seinem Fahrrad wahrnahm. Mit dieser Entdeckung hat Hofmann die Pforten der menschlichen Wahrnehmung ins Unendliche erweitert. Warum dieser Exkurs?
Wenn sich eine Formation Liquid Rainbow nennt und dann noch mit solch einem flippigen Kaleidoskop-Cover und diesem eigenwilligen, musikalischen Sammelsurium aus Dub, Psychedelic, Electronica, Chillout und Field Recordings um die Ecke kommt, habe ich genau diese Assoziationen. Bereits Anfang 2014 wurde das Liquid Rainbow Album: „8 × 8“ veröffentlicht und hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren. Das Opus sind acht Original-Songs und acht Dubs, die von Stefano Contini aka Dubmaster Conte nachträglich gemixt wurden. Liquid Rainbow sind drei Herren aus Italien. Die zwei Multiinstrumentalisten Stefano Contini aka DUBMASTER CONTE und Francesco Allegro aka FRANK WIZARDD spielen Bass, Drums & Percussions, Keyboards, Sampler, Baritone Guitar, Electric und Slide Guitar, Sampler und Field recordings. Roberto Beretta aka ROBY B steuert Electric Guitar, Banjo und Keyboards dem Sound-Gemisch bei.
Der Mailänder Dubmaster Conte spielte als Teenager Bass in einer Punkrock-Band, die sehr stark von The Clash inspiriert war. Und wie könnte es anders sein, just über diese Schiene fand Dubmaster Conte seinen Zugang, zu den legendären Dub-Produzenten wie King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist und auch Mad Professor, die wiederum Dubmaster Conte zu seinen Mischtechniken inspirierten. Lange Rede kurzer Sinn: Man könnte das Album am besten als eine clevere Zusammenstellung aus Psychedelic Dub im Trip-Hop-Kostüm mit Ambient-Soundscapes und fetzigen Gitarrenklängen charakterisieren. „8 × 8“ ist folglich schon etwas abseitiger vom Mainstream-Reggae-Dub zu verorten – genau mein Ding.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubstrand Allstars: Dubbing up the Coast

Ihr wollt neue Scientist-Dubs von den Roots Radics hören? Da braucht ihr nicht mehr länger suchen, die Dubstrand Allstars (Brizion mit seinem Bruder als Drummer) kommen auf ihrem zweiten Album „Dubbing up the Coast“ (Dubstrand Music) diesem Hörerlebnis schon sehr nah. 

Schon das Debut „Dubbing on the Bay“ war dem dubblog.de eine Review wert – wenn auch der Rezensent einiges zum herummosern gefunden hat: Gleichförmigkeit, mal in Form langweilig-gleich klingender e-Drums, mal in Form eintöniger Lustlosigkeit, mal simpel mangels musikalischer Ideen. In anderen Worten: Netter Versuch, aber das ginge noch wesentlich besser.

Und wie das besser geht: Auf „Dubbing on the Coast“ sind die e-Drums einem live-Kit gewichen, was schon mal Leben in die Klang-Bude gebracht hat; das ist der Sound, den’s braucht um handgemachte Musik frei atmen zu lassen. So befreit von der klanglichen Tristesse wirken die neuen, im klassischen 80’s-Style arrangierten Stücke tiefenentspannt. Einzig eine etwas zu scharf klingende Snare stört das Klangbild – was zweifellos eine Frage des Geschmacks bzw. der persönlichen Präferenzen ist.

Neu auch die gelungene Melodieführung – einfache und einprägsame Basslinien „old-school jamaican style“ (Flabba Holt lässt grüßen) führen in diesen leichten Trance-ähnlichen Zustand, den der Rezensent am Reggae so liebt. Da kippt man gerne rein; da fängt man rasch an, sich im Rhythmus zu bewegen. Dazu noch feine Gitarrenarbeit und Keyboards, die es dem Hörer mitunter schwer machen, zwischen Instrumental, Version und Dub zu unterscheiden. Selbst die dieser Tage scheinbar unverzichtbare Melodica wird nicht überstrapaziert und fügt sich unaufdringlich ins musikalische Geschehen ein. Im Gesamtbild also eine schöne, runde Sache, die eine musikalische Weiterentwicklung gut erkennen lässt – das mag was heißen, wenn man Brizion’s enormen, aber nicht sonderlich wandlungsfähigen Solo-Output als Maß der Dinge nutzt.

Was das Dub-Mixing betrifft, war der anfängliche Vergleich mit Scientist natürlich übertrieben; wiewohl die Richtung stimmt, wenn man den Vergleich mit den entsprechenden Aufnahmen der frühen 1980er anstellt. Wir haben hier keine spektakulären Dub-Kapriolen, Sound-Gimmicks oder innovatives Mixing vor uns, sondern vielmehr solides Handwerk – obwohl ich bezweifle, dass da an einem old-school Mixing Board gearbeitet wurde. Muss ja auch nicht sein – allein das Ergebnis zählt, und genügsam eingesetztes Echo bzw. Hall machen irgendwie auch ganz schön glücklich.

Bewertung: 4 von 5.
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City Squad: Grenoble

Ein interessantes Konzept verfolgt das französische Label Subsquad. Es kompiliert unter dem Titel „City Squad“ kostenlose Dub-Sampler mit Dubs von Artists aus jeweils einer französischen Stadt. Nach Bordeaux im letzten Jahr war jetzt Grenoble dran. In der Stadt nahe der Alpen leben weniger Einwohner als in Herne, und doch hat Subsquad 15 (!) Tracks verschiedener Dub-Artists zusammen bekommen – alle aus Grenoble. Unfassbar! In der Stadt und der näheren Umgebung sind tatsächlich 14 Sound Systems beheimatet (in Herne kein einziges). Tja, wer hätte das gedacht? Ich habe nicht im geringsten geahnt, dass Grenoble eine Hochburg des Dub ist. Aus unerfindlichen Gründen verorte ich Dub immer noch in Großstädten. Aber spätestens seit Paolo Baldini ist immerhin klar, dass Dub auch durch die Tälern der Alpen schallt. Dass ausgerechnet Grenoble so ein Dub-Hotspot ist, liegt vor allem am Roots ’n’ Culture-Festival, das 2003 als ein der alternativen Musik gewidmetes Sommerfestival startete, sich aber nach und nach Reggae zugewandte und und seit 2017 ein reines Sound System-Event ist. Ich habe es noch nie besucht, aber ich stelle es mir fantastisch vor, denn hier kommen zwei meiner größten Leidenschaften auf magische Weise zusammen: Dub und die Berge. Vom Festival aus infizierte Dub bald die ganze kleine Stadt und das Roots’n’Culture-Kollektiv veranstaltet inzwischen das ganze Jahr durch viele andere Dub-Events in Grenoble. Wer die Dub-History von Grenoble im Detail nachlesen möchte, kann das auf der Subquad-Website machen.

Zurück zum Sampler: Er bietet 15 Tracks von lokalen Artists, von denen zwar bisher nicht ein einziger meinen Weg kreuzte, deren hier versammelte Dubs mich aber voll und ganz überzeugen. Ich habe mir das nächste Roots’n’Culture-Festival schon vorgemerkt.

Bewertung: 4 von 5.
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Crucial Rob: Dreadlocks on the Battlefield

Manchmal ist die Zeit einfach reif. Dann braucht man eine Steppers-Dröhnung. Und zwar so richtig. Insbesondere jetzt wo man zu Hause versauert und Sound Systems sich im Lockdown befinden. „Tailored for the Soundsystem, this EP is just waiting for the return of those evenings that we miss so much“, schreibt Culture Dub, womit das französische Label mir aus dem Herzen spricht. Die Rede ist hier übrigens von der EP „Dreadlocks on the Battlefield“, zusammengehämmert von Crucial Rob. Der Titel passt perfekt, denn wir hören hier wahrlich den Sound schwersten Geschützes. Der Franzose macht definitiv keine Gefangenen. Stoisch stampft die Bassdrum durch die Tracks und der Bass wummert im Hintergrund. Wie Schrapnell fliegen überall synthetische Sounds durch den Raum, schallen von den Wänden zurück und verlieren sich schließlich in der Unendlichkeit. Es gibt sogar kleine rudimentäre Melodien, die als Synthie-Plankton durch die basschwere Atmosphäre schweben. Die eigentlichen Stars dieser Tracks sind allerdings die Percussions. Geradezu virtuos treiben Sie in vertrackten Mustern den Beat voran.
Auf der EP gibt es insgesamt neun Tracks zu hören, die auf drei Rhythms basieren. Es gibt also: Instrumentalversion, Dub 1 und Dub 2. Klingt minimalistisch? Ist es auch, kommt aber der hypnotischen Wirkung der EP massiv zugute. Kurz: Crucial Rob hat Sound System-Dub verstanden. Dunkel, minimalistisch, hart, magisch – so muss er sein.

Wer Crucial Rob kennen lernen möchte, schaue sich dieses (etwas langatmige) Video-Porträt an, das auch sehr schön verdeutlicht, für welchem Kontext Robs Musik gemacht ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Bob Marley & The Wailers: In Dub Vol. 1

Wie doch die Zeit vergeht. Genau heute vor vierzig Jahren traf mich eine Nachricht im Radio mitten ins Mark. Ich fuhr meinen alten VW-Käfer an den Straßenrand, hielt wie in Schockstarre an und fühlte mich so, als wenn ich gerade die traurige Nachricht erhalten hätte, dass ein sehr guter Freund von mir gestorben wäre. Die Galionsfigur des Reggae, der Tuff Gong, hatte seinen letzten Kampf gegen den Krebs verloren. Nachdem sich Bob Marley beinahe acht Monate in der Ringberg Klinik in Rottach-Egern hat behandeln lassen, verschlechterte sich Anfang Mai 1981 sein Gesundheitszustand sehr deutlich und er beschloss, zurück nach Jamaika zu fliegen, um dort die letzten Tage seines Lebens zu verbringen. Dieses Ziel sollte er leider nicht mehr erreichen. Bereits auf dem Rückweg in die Karibik kollabierte er auf dem Flughafen in München-Riem. Nach einer Zwischenlandung in Miami am Morgen des 11. Mai war er für einen Weiterflug zu schwach. Er wurde in eine Klinik gebracht, wo er kurze Zeit später verstarb. Einer der charismatischsten und herausforderndsten Interpreten unserer Zeit, eine musikalische, politische und sogar spirituelle Figur mystischen Ausmaßes verstarb 36-jährig und ist und bleibt Reggaes größte Ikone und eine herausragende Figur unserer Zeit. Kein Künstler in der modernen Musik hat sein Genre so dominiert wie Bob Marley den Reggae. Marley sang von Rebellion, Aufständen, Rasta und der Kraft der Liebe. Ein Mann, der sich aus bescheidensten Verhältnissen erhob, um ein Vorbild für die Unterdrückten zu werden. Er war der renommierteste jamaikanische Künstler, der dem täglichen Kampf seines Volkes und der Rastafari-Kultur (s)eine Stimme gab und obendrein der Erste, der globalen Ruhm erlangte.
Bob Marley & the Wailers haben zusammen zu Lebzeiten acht Studio- und zwei Live-Alben eingespielt. Anlässlich seines 65. Geburtstags (6. Februar) – wenn er ihn erlebt hätte – wurde 2010 „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ veröffentlicht.
Wenn man einmal von Soul Revolution II absieht, die Lee Perry ursprünglich nur auf seinem Label veröffentlichte, ist „In Dub Vol. 1“ einer der wenigen Versuche Marley Dubs in Albumlänge zu veröffentlichen. Das macht das Album von vornherein interessant, aber auch gewagt. Mit „Roots Rock Dub“ startet das Album und die skanking Rhythmusgitarre in Kombination mit fragmentierten Backing Vocals werden durch jazzige Saxofon Klänge ergänzt. Die „Jamming Version“ verzichtet fast vollständig auf Echo und Hall. „Is This Love Dub“ kommt wesentlich stärker: Die Lead-Vocals werden ein- und ausgeblendet, Echo, Hall und schöne Percussions weißen den Weg. „One Love/People Get Ready Dub“ klingt in meinen Ohren ebenfalls gelungen. Bei „Forever Loving Jah Dub“ übernimmt Aston Barretts unvergleichlicher Bass die Rolle, die ihm im Dub auch gebührt, die Hauptrolle. Beim „Lively Up Your Dub“ wurde mehr von Bob Marleys Stimme beibehalten als bei einigen anderen Tracks. „Three Little Birds Dub“ klingt ein bisschen wie aus den Anfängen des Reggae, vielleicht auch aufgrund der klassischen Instrumentierung. „Crazy Baldhead Dub“ wirkt noch dunkler und dadurch auch interessanter, während „Waiting in Vain“ mir noch wesentlich düsterer erscheint als das Original. „She’s Gone Dub“ enthält einen Großteil des Originalgesangs, bevor es in einen großartigen Old-School-Version/Dub-Stil übergeht. Das Album schließt mit einer „Smile Jamaica Version“ und einem für die damalige Zeit charakteristischen, etwas dumpfen, Produktionssound.
„Lively Up Your Dub“ ist der einzige Track auf diesem Album, bei dem zweifelsfrei zu erkennen ist, dass er von Scientist gemixt wurde. Die restlichen zehn Tracks könnten Bob Marley zusammen mit Aston Barrett oder andere im Tuff Gong Studio tätige Sound-Engeneers gemixt haben. Auf dem Album sind diesbezüglich leider keinerlei weitere Informationen zu finden.
Abschließend kann man feststellen, dass auf „Bob Marley & The Wailers – In Dub Vol. 1“ keine größeren Mischpult Tricksereien stattfinden oder ein Dubfeuerwerk abgebrannt wird. Vielmehr bekommen wir vor Augen und besonders Ohren geführt, dass auch im reduzierten Dubsound Robert Nesta Marleys Songs und Melodien wie Fixsterne im unendlichen Universum erleuchten.

Bewertung: 4 von 5.
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Winds of Matterhorn

Ich habe den Eindruck, dass Reggae-Instrumentals gerade ein Revival erleben. Man denke nur an die letzten Veröffentlichungen von Clive Hunt, den Roots Makers, Addis Records oder z. B. an die schöne Gregory Isaacs-Hommage von Megumi Mesaku. Nicht selten spielt dabei die Brass-Section eine große Rolle. So auch bei dieser beeindruckenden EP aus den Schweizer Bergen: „Winds of Matterhorn“. Mit einem Umfang von nur vier Titeln handelt es sich ja eigentlich um eine 12“-Single. Bekanntermaßen sind solche kurzen Formate für den dubblog nicht von Interesse. Aber in diesem Fall müssen wir eine Ausnahme machen. Denn die vier Tracks wiegen ein komplettes Album auf. Mit Schweizer Präzision produziert, handelt es sich keineswegs nur um Rhythms, die eigentlich als Song-Backing aufgenommen wurden, sondern um komplett durch komponierte instrumentale „Songs“. In anderen Musikstilen, wie Jazz, eigentlich eine Selbstverständlichkeiten, im Reggae aber leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Deshalb sind wir bei den Winds of Matterhorn auch meilenweit entfernt von den typischen Dub-Instrumentals bei denen ein Soloinstrument (wie zum Beispiel die Melodica) gänzlich ohne Bezug zum vorproduzierten Rhtyhm ein uninspiriertes Soloding durchzieht. Es ist ganz offensichtlich dass die Tunes von Winds of Matterhorn von vorne herein als Instrumentals geplant, komponiert und ausgeführt wurden. Eine Funktion als Vocal-Backing war nie intendiert. Die Arrangements sind gleichermaßen kunst- wie kraftvoll und folgen einer cleveren Dramaturgie. Instrumental-Soli und Rhythmus sind eng miteinander verwoben, als führten sie einen innigen Dialog. Es gibt ordentliche Kontraste: Sensible, ruhige Passagen prallen auf eine Wall of Sound und die eleglischen Klänge von Flöte und Cello treffen auf schmetternde Bläsersätze. Langeweile kommt hier nicht auf.

Hinter den Winds of Matterhorn stecken Posaunist Matteo D’Amico und Produzent Jean-Baptise Bottliglieri, sowie eine ganze Reihe anderer versierter Musiker. Denn nach alter Manier, wurden hier alle Instrumente von Hand eingespielt. Der Sound ist schlicht fulminant, maximal dynamisch und einfach betörend. Das einzige Manko: Vier Tracks sind viel zu wenig. Wann kommt das Album? Bis dahin tröstet uns die Erkenntnis: Die europäischen Wareika Hills liegen in den Schweizer Alpen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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HabooDubz: Obudubz

Als hätten alle nur auf den Frühling gewartet, purzeln in den letzten Wochen massenweise spannende Dub-Produktionen herein. Vielleicht ist es aber auch nur die Ausbeute von inzwischen mehreren Monaten Home-OfficeStudio.

Dieses Album bereitet mir zur Zeit jedenfalls die meiste Freude: „Obudubz“ (Culture Dub) von HabooDubz. Ja, da verwechselt man schnell mal Artist- und Albumname. Hinter dem niedlichen HabooDubz – der Name würde gut als Titel für ein Kinderbuch taugen – steckt der Globetrotter Gabor Polaak. Er wurde in Budapest musikalisch sozialisiert, ist nach Manchester ausgewandert, dann nach London gezogen, anschließend nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt. Bei seiner Weltumrundung hat er mannigfaltige musikalische Einflüsse aufgesaugt, die nun, beim Dub-Produzieren wieder raus müssen und seiner Musik diesen wunderbaren kosmopolitischen Flair verpassen. Eigentlich handelt es sich um Worldmusic inna Dub-Style. Im wahrsten Sinne: Heavy Bass und Steppers bilden meist die solide Basis, auf der dann exotische Instrumental-Sperenzchen aufbauen. Klingt nach klassischem Muster, doch Polaaks Kunst zeichnet sich gerade durch die organische Verbindung der beiden Ebenen aus. Ihm gelingt es genau das zu vermeidet, was wir beim Dub nicht selten zu hören bekommen: Ein 0815-Beat und darüber, völlig losgelöst, eine Melodica (oder ein anderes stereotypes Solo-Instrument). Das Gegenteil ist bei HabooDubz der Fall: In virtuosen Arrangements fusionieren exotische Harmonien und Rhythmusbasis zu hochspannenden Musik-Trips, denen sich wunderbar analytisch zuhören lässt, die aber auch ordentlich in den Körper fahren und Bewegungsdrang auslösen. Um die faszinierenden World-Sounds nicht auf exotische Melodien oder Samples zu beschränken, fügt Polaak oft typische Percussions hinzu oder setzt ungewöhnliche Melodieinstrumente rhythmisch ein. Nicht zuletzt sorgt auch der Mix dafür, dass die Tracks einer regelrechten Dramaturgie folgen, die stets für überraschende Wendungen und Stimmungswechsel sorgt. Das Beste zum Schluss: Da der ungarische Kosmopolit der Welt Gutes tun will, bietet er seine brillante Musik über die Culture Dub-Seite bei Bandcamp kostenlos zum Download an. Verrückt, aber äußerst sympathisch.

Bewertung: 4.5 von 5.