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Concrete Jungle Dub

Die Erwartungen waren hoch, nachdem Dub Store Records 2016 mit Errol Browns „Orthodox Dub“ einen wahren Dub-Schatz geborgen hatte und danach die Neuauflage des „Concrete Jungle Dub“ von Winston Riley ankündigte. Schließlich handelt es sich dabei um ein heiß begehrtes Album, von dem 1976 in London gerade mal 300 Stück gepresst wurden. Die LP steckte in einem neutralen Cover und wurde nach der Veröffentlichung kaum noch gesehen. Die Mythenbildung der King Tubby zugeschriebenen LP stieg ins Unermessliche. Für die seltenen Exemplare, die auf dem Sammlermarkt auftauchten, wurden exorbitante Summen gezahlt. 2018 legte Dub Store dieses obskure Objekt der Begierde zu einem normalen Preis neu auf, sowohl als LP wie auch als CD. Das Reissue hatte nun ein Cover mit einem Foto, das von der Rückseite der jamaikanischen Pressung der 1976er Pat Kelly LP „Lonely Man“ stammte. Es zeigt Winston und Buster Riley am Pult des Harry J Studios. Nüchtern betrachtet sind die hervorragend klingenden Dubs wie der „Stalag“-Riddim, Donovan Adams‘ und I Roys „Who Is The One“ oder Johnny Osbournes „Ready Or Not“ weitaus unspektakulärer als es der Mythos erwarten lässt. Ob tatsächlich alle Versionen von Tubby selbst gemischt wurden, ist nicht so eindeutig wie behauptet. Die Linernotes bringen wortreich wenig Licht ins Dunkel. Das Vinyl der Neuauflage ist aktuell wieder zu haben. Ob nachgepresst oder als Lagerbestand ist unklar. Aber egal woher die Exemplare kommen, es ist eine dieser sagenumwobenen Platten, die irgendwann definitiv ausverkauft sein wird. Und dann werden die Preise wieder steigen.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Paul Fox: Dub Blood

Der Sänger und Produzent Paul Fox aus Winchester UK ist hier im Dubblog ein zu Unrecht fast unbeschriebenes Blatt. Der Roots, Reggae und Dub Künstler veröffentlicht unter eigenem Namen seit 1992 Musik und hat bereits mit vielen bekannten Künstlern und Produzenten zusammengearbeitet. Auf der Liste der Künstler, die mit Paul Fox im Studio waren, finden sich solch illustre Namen wie: Nick Manasseh, Robert Tribulation, Michael Rose, Rod Taylor, Fullness, Dubheart, Jonah Dan, Brother Culture und Alpha & Omega, mit denen Paul Fox auch 2008 in Europa auf Tour war. Stark beeinflusst wurde sein Sound von Jah Shaka, Nick Manasseh, Jah Observer und Aba Shanti. Er war von deren Musik und Vibes so sehr beeindruckt, dass er Ende der 1980er selbst anfing, zu Hause im stillen Kämmerlein mit einem Vierspurgerät zu experimentieren. Mit Julian Ryan, einem Freund und Musiker, der ihn mit Jonah Dan bekannt machte, erfolgten die ersten Studio-Gehversuche in Sachen Reggae und Dub. Der Perkussionist Jonah Dan hatte ein kleines Studio in West London und die drei trafen sich regelmäßig jede Woche, um Roots Reggae einzuspielen und die passenden Dubs daraus zu fertigen. Nachdem sie ein paar Jahre lang zusammen unter dem Projekt-Namen „Shades of Black“ Aufnahmen veröffentlichten, trennten sich Anfang der 2000er ihre Wege und jeder machte sich mit der Gründung eines eigenen Studios selbständig. Mittlerweile wurden über 50 Alben veröffentlicht, auf denen Paul Fox, sei es als Produzent, Soundengineer oder Sänger, in Erscheinung trat.

Bisher habe ich es noch nicht erwähnt, aber Paul Fox schenke ich schon recht lange – auch wegen seiner ungemein angenehmen Stimme – größere Beachtung. Umso mehr war ich selbst erstaunt, dass ich die Veröffentlichung seiner beiden aktuellen Alben „Same Blood“ und „Dub Blood“ aus dem vergangenen Dezember regelrecht verpennt habe. Von allem, was ich bisher von Paul Fox gehört habe, muss „Dub Blood“ zweifellos zu seinen besten Aufnahmen gezählt werden. Pauls weiche Stimme schwebt immer wieder durch den Raum und verflüchtigt sich in melodischen, dubbigen Klanglandschaften. Der Sound erinnert vage an Jah Shaka, aber auch Mad Professor – also englischer Dub par excellence. Ich möchte jetzt nicht jeden Track explizit erwähnen, denn tatsächlich jeder hat seinen ganz besonderen Reiz. Lediglich meinen ganz persönlichen Favoriten möchte ich als Primus inter Pares hervorheben. „Living in a Dub Zone“, das Pendant zu „Warzone Part Two Refugees“ aus dem Song-Album „Same Blood“. Beginnend mit dem feinen Klang einer arabischen Oud oder türkischen Saz und richtig satten Binghi-Drums führt uns im Laufe des Songs die Textzeile: „Still wondering if all of these wars gonna cease – still wondering if I’m ever gonna live to see peace“ und explosionsartigen Kriegsgeräuschen mitten in die aktuelle Situation im Osten Europas sprich Ukraine. Der Kriegsschauplatz könnte natürlich eher die fatale Situation in Syrien widerspiegeln, denn arabeske Klänge finden sich an mehreren Stellen des Albums. Egal, der Song packt mich jedes Mal mit voller Wucht.
Eines möchte ich doch noch erwähnen, dem aufmerksamen Hörer werden auch das herrliche Binghi-Drumming bei „Burning Dub“ und „Soon is the Dub“ nicht entgangen sein. Generell gefallen mir die Percussions auf allen Tracks des Albums außerordentlich gut. „Dub Blood“ nimmt etwa in Mitte des Albums einen musikalischen Wendepunkt, denn der Rest der Tracks klingt ab da leicht symphonisch angehaucht.

Fazit: Schon sehr lange nicht mehr so ein schönes, aktuelles „Roots-Dub-Album“ zu Ohren bekommen. Für meinen Geschmack das bisher beste Album des Jahres 2022.

Bewertung: 5 von 5.
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Zion I Kings: Future Oceans Echo

Die Zion I Kings – ein Verbund von Musikern und Produzenten der drei Häuser Zion High Productions, I Grade Records und Lustre Kings Productions – haben ohne große Vorankündigung ihr mittlerweile fünftes Dub-Album auf den Markt gebracht: „Future Oceans Echo“ (Galactic Soul Music). Der Titel fasst schon sehr gut zusammen, worum es bei diesem Release geht: um die Ozeane unseres Planeten und ihren Bewohnern. Das Konzept ist nicht neu und auch im Reggae/Dub-Genre zu finden – etwa Sly & Robbie’s „Underwater Dub„, bei dem Producer Blackwood die Tracks durchgehend mit Unterwasser-Geräuschen auffettet – so stringent wie die Zion I Kings hat das allerdings noch kein Act durchgezogen. Dem entsprechend geht man hier auch noch einen Schritt weiter: Ein Teil der Erlöse aus Streaming-Diensten werden für den Erhalt der Korallenriffe in St. Croix (US Virgin Islands) gespendet, wo die Zion I Kings den Großteil ihrer Tracks aufnehmen. Im Dienst der Sache auch das Promo-Video zu „Red Gold & Green Dubmarine“:

Die Zion I Kings stehen heute für Qualität – wunderbare, handgefertigte Riddims, versehen mit feinen Basslines und einem ausgewogenen Sound, an dem es nichts zu mäkeln gibt. Allein die Dub-Effekte – die zwar vielfältig, zeitgemäß und großzügig gestreut eingesetzt werden – verabsäumen es, einen Spannungsbogen auszubauen, eine akustische Geschichte zu erzählen. Das ist freilich mosern auf höchstem Niveau, denn was unter dem Strich bleibt ist immer noch ein sehr gutes Dub-Album, das vorbehaltlos empfohlen werden kann.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub Boat: Dub Boat

Man möge mir verzeihen, dass diese Rezension ein Album featured, das bereits 2020 erschienen ist. Ich selbst bin erst kürzlich darüber gestolpert und fasziniert davon; es ist von atemberaubender musikalischer Brillanz, bietet herrlich weitläufige, durchgängig anspruchsvolle Arrangements und 1A Klangqualität. Ich sag’s offen heraus: Dub Boat, ein Quintett von der amerikanischen Ost-Küste, klingen mitunter wie ein Symphonieorchester – jeder Ton auf Ihrem titellosen, im Eigenverlag erschienenen Debuts zeugt von virtuosem Können – das gilt auch für die Arbeit des/der involvierten Tontechniker. Wohlgemerkt: Wir befinden uns immer noch im Reggae-Genre, und dort nahe am Dub-Bereich. Okay, wir wollen’s mal Instrumentals nennen:

An so einem Werk kann man sich natürlich herrlich aufreiben – denn mit den so vertrauten, schweren Riddims jamaikanischer Provenienz hat das Ganze herzlich wenig zu tun. Wer hier nach diesem typischen erdigem Vibe sucht, der auf Blut, Schweiß und Tränen aufgebaut scheint, wird ihn nicht finden. Es ist Reggae, wie er von Reggae nicht weiter entfernt sein könnte. Freilich lässt sich der  Bass auf ein paar wiederholende Notenfolgen ein – aber nur, um daraus wieder auszubrechen und den ausgefeilten Arrangements zu folgen. Drums, Gitarre, Keys und Trompete/Flügelhorn stehen dem in nichts nach und produzieren zusammen… ja, was eigentlich? Reggae goes Jazz-Rock-Funk’n‘Soul goes Tamtam? Reggae als Stadienrock oder Symphoniker-Freiluftkonzert? Chris Blackwell meets Jim Steinman meets Clive Hunt? Fahrstuhlmusik oder atemberaubende Darbietung?

Ich schlage vor, sich Zeit zu nehmen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Es gibt viel zu entdecken, unvorhergesehene musikalische Überraschungen und den einen oder anderen Dub-Effekt. Assoziationen und Einordnung fallen schwer – würden Dub Spencer & Trance Hill so klingen, wären sie Amerikaner und hauptberuflich mit dem Einspielen von Hollywood-Soundtracks beschäftigt? Oder vielleicht Marcus Urani’s Groundation sans Harrison Stafford, einmal frisch gestärkt und glattgebügelt?

Ein Album – oder besser gesagt: Eine Rezension, die mehr Fragen aufwirft als dass sie Antworten gibt. Ich rate wie immer zur Auseinandersetzung mit solchen Erscheinungen vom Rande des Reggae-Universums – es könnte sich lohnen.

Bewertung: 4 von 5.
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Super Natural Sound: Dub Tapes Volume 1

Manchmal erscheinen sie ganz einfach so – ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung. Alben unbekannter Acts mit für das Reggae-Genre eher unüblicher Cover-Artwork; der Rezensent ist leider geneigt, solche Teile im Streaming-Universum ungehört vorbei ziehen zu lassen. Das sollte man freilich niemals machen, wie ich an Super Natural Sound’s „Dub Tapes Volume 1“ (Super Natural Sound) demonstrieren kann.

Erster Gedanke: woah… Lee Perry’s Black Ark-Studio? Schon der erste Track macht klar wo’s langgeht: Ehrliche, handgemachte Musik, versehen mit Instrumenten wie anno dunnemal. Dass das so weit geht, dass noch Tapes, entsprechende Aufnahmemaschinen und diverse Sound Gadgets wie selbstgebaute Sirenen verwendet werden, erfahre ich erst später im Austausch mit Aaron Sprague, dem Mann hinter Super Natural Sound. 

„ Lee Scratch Perry hat meine Herangehensweise, im traditionellen Stil auf Band mit analogem Equipment zu arbeiten, stark beeinflusst. Meine erste Veröffentlichung war eigentlich ein Track, den ich 2020 mit Lee Perry geschrieben und produziert habe. Als Bassist der New Yorker Roots-Reggae-Band „Mosaic Foundation“ spielte ich damals eine Show mit Perry und hatte das Glück, mit ihm gemeinsam den Song „Garvey Say“ aufnehmen zu können. Ich bin so sehr von Lee’s Stil, dem Black Ark-Sound und seiner spirituellen Herangehensweise beeinflusst worden, dass ich versuche, diese analoge Dub-Tradition weiter am Leben zu erhalten.“

Aaron‘s vorliegendes Debut „Dub Tapes Volume 1“ unter dem Moniker Super Natural Sound ist eine Sammlung von Dubs, die im vergangenen Jahr entstanden sind. Entgegen der ursprünglichen Absicht, zeitlose Musik zu machen, sind die Instrumental-Aufnahmen mit eher spärlich gesäten Dub-Effekten gänzlich im Sound der 70er Jahre verwurzelt. Mitstreiter sind hier Ranking Joe mit dem einzigen Vocal-Track und ein wunderbares Melodica- und Bongo-Duo aus Japan: Aki Mittoo und Goja Bongos. Mittoo’s wohlklingende Melodica unterscheidet sich stark von der Melodieführung und Spielweise eines Addis Pablo oder eines Art-X; wunderbar im Mix eingebettet wirkt das Instrument niemals aufdringlich. 

Dazu kommen noch zwei Schlagzeuger aus Los Angeles und Israel, wobei letzterer für eine extra Portion Punch sorgt und die Aufnahmen leicht in Richtung 1980er hievt. Den Rest der Instrumentierung erledigt Sprague selbst und vervollständigt damit eine Mischung aus vielen Kulturen und Stilen, die „durch die Liebe zum Reggae“ zusammengebracht wurde, wie er selbst sagt.

„Dub Tapes Volume 1“ soll nur das erste von vielen weiteren Alben von Super Natural Sound sein; auf die Veröffentlichung warten bereits fertig eingespielte Vokal-Tracks, die diverse Sängerinnen präsentieren werden. „Die Arbeit mit den unterschiedlichen Musikern treibt mich an und lässt mich immer Neues erschaffen.“, so Aaron Sprague. „Ich sorge dafür, dass die Musik von Super Natural Sound positiv, voller Liebe und guter Stimmung ist. Die analoge Aufnahmetechnik ist hier hilfreich und hilft, diese Vibes bestmöglich zu erhalten. Schliesslich ist Musik Medizin, und ich unterstütze den heilenden Effekt auch durch Klänge, für die ich eigene Instrumente baue. Mein gesamtes Equipment, das älter ist als ich – aus den 60er, 70er und 80er Jahren – spielt dabei eine große Rolle. Ich liebe den Sound von damals und will ihn mit meiner Arbeit verbreiten; ich will aber vor allem Musik machen, die ich selbst hören möchte. Die „Dub Tapes Volume 1“ sind dabei lediglich der Anfang – das Super Natural Sound-Studio hat noch so einiges in petto.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen; der Mann weiß was er tut und was er damit bezwecken will. Respekt für die handgemachte Musik nach alter Rezeptur und auch dafür, dass er das Ganze nicht allein als Ego-Trip durchzieht – ganz im Gegenteil: New York trifft Japan trifft Kalifornien trifft Israel, und trotzdem klingt’s wie aus einem Guss. LSP lebt weiter – in allen Musikern, die er inspiriert hat. „Dub Tapes Volume 1“ zeugt davon.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubvisionist Meets Dr. Markuse: In Studio M7

Es gibt sie noch, die gute, klassische Dub-Wertarbeit. Handgespielt, melodiöse Basslines, sauber produziert, inspiriert gemischt – keine Experimente, kein Steppers, keine ”Bass-Fürze“. Einfach nur gepflegter Dub nach Gold-Standard. Felix Wolter macht es möglich: ”Dubvisionist Meets Dr. Markuse in Studio M7“ (Time Tools). ”Wir hatten für mein Label 11-7 Records ein paar Backings eingespielt“, erklärt Felix, ”die haben wir mit neuen Keyborad-Melodien versehen und Dubs daraus gemixt“. Ganz simpel also. Felix ist ja bekanntermaßen ein Purist alter Schule. Sound-Wizzard, der er (auch) ist, verzichtet er auf Technikschnickschnack, auf große Gesten und spektakuläre Effekte. Er bleibt lieber beim Old-School Dub Handwerk treu, das auf gutem Sound und klassischem Mixing beruht. Das könnte auch langweilig sein, wären da nicht diese superben Aufnahmen, die er, Markus Dassmann (Dr. Markuse) und Marco Baresi so liebevoll und virtuos handgeklöppelt haben. Felix weist auf die Originale hin, die es natürlich auch gibt. Wo wären wir, wenn hier einfach Dubs ohne Originalversion entstünden! Schließlich braucht ein guter Dub immer ein gutes Original! Um diese zu finden, muss man allerdings den 11-7-Katalog durchsuchen. Cleveres Marketing!

Cover und Titel sind übrigens eine unübersehbare Anspielungen auf ”Jah Shaka Meets Aswad in Addis Ababa Studio“ – eines der (aus meiner Sicht) besten Dub-Alben aller Zeiten. Cleveres Marketing! Aber auch wenn der Vergleich vielleicht etwas hoch gegriffen ist: Mir gefällt ”Dubvisionist Meets Dr. Markuse in Studio M7“ ausnehmend gut. Dub, wie er im Lehrbuch steht. Schön zu hören, dass diesem klassischen Konzept noch so schöne Musik zu entlocken ist.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Seanie T meets Aldubb: Armagideon Time (Remixes)

Nach einer „Punky Reggae Party“ kommt oft das böse Erwachen: „Armagideon Time (Remixes)“ (Echo Beach) ist laut Cover eine weitere Zusammenarbeit von Seanie T und Aldubb. Das kann nur gut werden, freut sich der Rezensent – bis er entdeckt, dass auch hier wieder Rob Smith bei einigen Tracks seine eiskalten Finger im Spiel hat. Tja… wo Licht, da Schatten.

Wie „Punky Reggae Party“ war Seanie T’s Version von „Armagideon Time“ erstmals auf Lee Groves „Dance a Dub“ zu hören; jetzt gibt’s die Neuaufnahme des Studio One/Willie Williams-Klassiker auf dem Real Rock-Riddim als Remix-Album. Aldubb liefert fünf wunderbare gemixte Versionen ab – darunter drei Dubs und den Vokal-Track, auf dem Seanie T brillieren kann. Das Ganze mit exzellentem Band-Backing, das dem Original sehr nahe kommt – inklusive dem typischen Snare-Roll und der prominenten Real Rock-Posaune:

Das Album macht also Freude, bis ab Track 6 Rob Smith aka RSD zuschlägt: Schon die ersten grell-nervenden Kindergarten-Keyboards, die steril-staccato-artige Synth-Bassline und das Flying Cymbal offenbaren das ganze Dilemma. Wo der Computer regiert, vertschüsst sich der Vibe (auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel). Da fragt man sich schon, warum das Echo Beach-Label immer wieder auf Rob Smith zurückgreift, wenn es etwas in Richtung Dance gehen soll. Sein Stil ist noch nicht mal mehr up-to-date, das können andere besser und zeitgemäßer, siehe Lee Groves & Konsorten. Mehr ist dazu auch nicht mehr zu sagen:

Wie bewertet man also dieses Remix-Album? Aldubb und Seanie T schrammen knapp an fünf Sternen vorbei, Rob Smith „war stets bemüht“. Macht summa summarum… 

Bewertung: 3 von 5.
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Seanie T / Aldubb / Rob Smith: Punky Reggae Party

So ein One Riddim-Album hat’s nicht leicht: Es gibt da die Besseren – etwa Ijahman Levi’s „On Track„, dessen Riddim zwar grottig ist, aber Ijahman’s Stimme und Songwriting machen dieses Manko locker wett. Oder etwa Seeed’s „Doctor’s Darling„-Riddim, der zwar unter mehr oder weniger schiefen Vocals und dem berüchtigten VP-Mastering leidet, aber der Riddim ist nun mal Killer: © Roots Radics, mit mächtig Druck neu eingespielt von Seeed. Dann gibt’s natürlich auch die Schlechteren – dafür braucht man sich nur einmal quer durch VP’s „Riddim Driven“-Katalog hören. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, siehe oben.

Wenn dann so ein Riddim-Album auch noch ausschliesslich mit Instrumentals oder Dubs bestückt ist, wird der Unterschied zwischen Gut und Schlecht noch deutlicher. Mickey Dread’s 1982’er „Jungle Signal„-Theme zur britischen TV-Doku „Deep Roots Music“ – verewigt in mehreren majestätischen Versionen auf dem gleichnamigen Album – gilt wohl als einer der besten Releases dieser Art (auch wenn dort, zugegebenermaßen, noch andere Dub-Versions zu hören sind).

Als negatives Gegengewicht nenne ich hier Adrian Donsome Hanson’s „Freedom Sound Riddim (Dub Mix)„. Der blasse, eintönige-platte Riddim bringt’s einfach nicht – auch wenn Herr Hanson meint, dass er ein 14 Track-Album wert ist. Letztlich muss das Erfolgsgeheimnis wohl ein gehaltvoller, eingängiger Riddim sein, der Schicht für Schicht neue Einblicke gewährt – beim zuvor erwähnten „Junge Signal“ funktioniert das prächtig; da braucht’s dann noch nicht mal mehr große Dub-Effekte.

Wie macht sich nun Seanie T/Aldubb/Rob Smiths‘ neuer „Punky Reggae Party (Remixes)„-Release (Echo Beach)? Bob Marley’s Originalversion wird wohl schwer zu toppen sein: Ein Killer Riddim mit mächtig Drive dahinter. Interessanterweise eine völlig untypisch klingende Lee Perry-Produktion, für die wohl eher Island Records verantwortlich ist – zumal der Track dort als B-Seite der „Jamming“- 7″ und 12″ erschienen ist. LSP’s Ur-Version mag wohl sehr anders geklungen haben:

Aber zurück zum neuen Material, zur Neuaufnahme mit Seanie T am Micro. Erstmals zu hören auf Lee Groves „Dance A Dub„-Album als flotter Dance-Groove mit mehr als überzeugenden Vocals, gefolgt von einer eher dem Island Records-Original entsprechenden Dub-Version auf dem „Dub for Fashion 1„-Sampler. Letztere stammt von Aldubb, der sie jetzt als Vocal-, Extended-, Riddim-Instrumental- und was-auch-immer-Version vorlegt. Einen guten Riddim kann man halt nicht killen, besonders wenn man wie Aldubb relativ nah am Original bleibt. Das gelingt noch nicht mal den notorischen-monotonen Arrangements von Rob Smith, der bei seinen Versionen wieder mal mit den ewig gleichen Sounds hantiert. Als Wiedergutmachung gibt’s dann noch einen Dub-Mix von Umberto Echo, der hier mit Abstand den schönsten Sound aus Aldubb’s Aufnahme heraus kitzelt:

Ob es sich bei den „Punky Reggae Party“-Remixes um Aldubb vs. Rob Smith, sprich: ein One- oder Two-Riddim-Album handelt, möge der Hörer entscheiden. Ich bleibe bei einem eindeutigen 1:0 für Aldubb’s Riddim; der Siegerpokal geht aber an Umberto Echo.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Mad Professor: Covidub Illusion

Als hätte der Professor nur darauf gewartet, dass King Jammy sein „Destroys the Virus With Dub“-Album heraus bringt! Nur eine Woche nach dessen Release antwortet Mad Professor mit „Covidub Illusion“ (Ariwa). Hier finden sich so illustre Titel wie „Fake News Dub“ oder „Herd Immunity“. Aber der Prof. zieht das Konzept nicht so konsequent durch wie der King, denn anders als auf dessen Album, zahlen die anderen Titel nicht auf das Corona-Konto ein. Das Cover dafür aber umso mehr! Hier zeigt sich der Professor – zumindest im Spiegelbild – als grüner Alien mit einer Corona aus Spike-Proteinen. Dabei steht er inmitten einer verrückt gewordenen Welt, in der ein Boris Johnson Party feiert, Abba von Waterloo singt und Wladimir Putin auf einer Bombe reitet. Das ist schöne alte „Dub Me Crazy“-Cover-Tradition. Ich fühle mich glatt in die 1980er Jahre gebeamt. Auch musikalisch – was bei Mad Professor aber eigentlich üblich ist. Denn er ist – zumindest gefühlt – seinem Stil stets treu geblieben. Wilde Polyrhythmen, harter, scharfer Klang, überbordend-virtuoses Mixing und ein Füllhorn an Effekten. Ich mag das nach wie vor. Allerdings verfügt er nicht immer über seinen Dubmixing-Qualitäten gerecht werdendes Basismaterial. Manche Produktionen geraten ihm einfach zu langweilig. Daraus lässt sich dann auch mit großer Kunst kein guter Dub destillieren. Nicht so auf der Covidub-Illusion! Vielleicht hat mich das psychedelisch anmutende Cover in seinen Bann gezogen, vielleicht war die Durststrecke bemerkenswerter neuer Dub-Alben seit Jahresende zu lang, oder ich höre Mad Professor zum ersten Mal seit langen wieder aufmerksam zu, aber auf „Covidub Illusion“ kann ich keine Ausfälle erkennen. Langeweile kommt nicht auf. Im Gegenteil: Mir macht das Album richtig Spaß. Anders übrigens als Jammys Virus-Werk, das mich merkwürdig kalt lässt.

Bewertung: 4 von 5.
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King Jammy: Destroys The Virus With Dub

Heute erscheint via Greensleeves / VP Records ein neues Dub Album von King Jammy. Nein, kein Re-Issue, sondern tatsächlich ein neues, reales, haptisches Album. Würde der Senior – er ist mittlerweile 74 Jahre alt – nicht von Zeit zu Zeit seine Bestände durchforsten und sich nochmal ans Pult begeben, Jamaikas Dub-Szene läge vollends brach. Die hohe Veröffentlichungs-Frequenz von Alborosie fällt aus der Bewertung, er ist als Zugereister ein Sonderfall. Eine lokale Next Dub Generation existiert nicht. Obwohl 2018 Teflon Zincfence mit dem vielversprechend soundkreativen Statement-Album „Dub Policy“ überraschte und mit zahlreichen Reminiszenzen an die Goldene Ära des Dub Geschichts-bewusstsein gezeigt hat. Am Ende war‘s nur ein kurzes Aufbäumen, das nicht zu einer haptischen Veröffentlichung geführt hat. Der Dubtonic Kru Gitarrist Jallanzo versucht es mit Neo-Dub ina UK Style und hat bislang ein digitales Album auf den Weg gebracht. Rory Stoneloves militant-düstere Dubs sind die positive Ausnahme, kennen aber nur Insider, die bereit sind, für LPs wie Samory I‘s „Black Gold“ sehr viel Geld in Showcase-Vinyl zu investieren (Was sich aber unbedingt rentiert!). Und das zurecht als Album des vergangenen Jahres gefeierte „Still“ des jamaikanischen Nu Roots Sängers Micah Shemaiah ist zwar ambitioniert dubwize gemischt und hat vier Dubs an Bord, entstand aber unter den Händen eines Amerikaners in Florida. Die letzten Dub-Aktien Jamaikas hält einzig Lloyd James. Nach seinem eher spannungsarmen „Waterhouse Dub“ von 2017 legt er jetzt „Destroys The Virus With Dub“ auf und demonstriert Haltung. Während sich auch Jamaika aufreibt zwischen Denken und Anders Denken, votiert der Dub-Virologe für Injektion, Lockdown, Social Distance, Quarantäne, Nachverfolgung… Jeder einzelne Track ein Fanal gegen jene, die wegen der Corona-Maßnahmen mit Bob Marleys „Get Up Stand Up“ durch die Straßen ziehen. Die Mixe basieren auf Songs von Barry Brown, Sugar Minott, Patrick Andys „Every Tongue Shall Tell“ oder Hugh Mundells „Jah Fire Will Be Burning“ von 1980, das in der Kurzform „Jah Fire“ zum Titelstück der LP mit Lacksley Castell wurde. Aus dem von Jammy 1981 mit Bläsern aufgerüsteten Remix von Black Uhurus „Time To Unite“ wird ironischerweise „Closed Border Dub“. Alle Tracks sind mit altersweiser Leichtigkeit inszeniert. Jammy hatte schon früh begonnen, seine Produktionen komplett zu digitalisieren. Jetzt dubbt er mit digitalem Equipment von digitalen Quellen. Was seinen Dubsound zwangsläufig verändert. Er schraubt die Tunes nicht mehr durch endlose Echoschleifen, sondern gestaltet sie mit klaren Basstönen als groovende Instrumentals. Der Hall rumpelt in dumpfen Kellern und wird oft von einem Gate beschnitten, darüber boostern Bläser Injektionen aus scharfem Blech. Das neue Klangdesign schafft es, selbst digitale Riddims, die Mitte der 1980er den Absturz des jamaikanischen Dub verursacht haben, organisch zu integrieren. Tracks von Junior Delgado oder Frankie Pauls „Peel Off A Mask“ von der 1987er LP „Sara“ fallen ebenso wie Gregory Isaacs Thinking Riddim von dessen 1988er LP „Come Along“ nur durch ihren maschinellen Drumsound aus dem Rahmen. Sie bilden keine Störfaktoren zwischen den analogen Playbacks. Alle Mixe leben von den Hooklines der weithin bekannten Tunes des Erfolgsproduzenten. „Destroys The Virus With Dub“ kommt auf Vinyl mit 10 Titeln, die CD-Version hat zwei mehr.

Bewertung: 3 von 5.