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Roots Inspiration meets Breadwinner: By the Rivers of Water

Roots Inspiration – ein UK Soundsystem/Studio bzw. eine lose Ansammlung von Musikern rund um Hughie Izzachar – legen ein neues Dub-Album vor: „By the Rivers of Water“ (Eigenverlag) heißt das Teil, abgemischt von Al Breadwinner aus, wie sollte es anders sein, Manchester, einem der UK-Hotspots für „all things Reggae“.

Ich habe noch Roots Inspiration’s 2020er „Organic Roots Vol. 1„-Album in guter Erinnerung: Es hält, was der Titel verspricht: Wunderbarer Roots-Dub in mitunter schönen, rauhen Soundgewändern, für die Dougie Wardrop verantwortlich zeichnet. Die Dub-Effekte sind auch nicht von schlechten Eltern: Herr Wardrop läßt’s mitunter krachen, das die Wand wackelt. Dieses Album als Referenz genommen, kommt „By the Rivers of Water“ nicht ganz so gut weg, was in erster Linie an Al Breadwinner’s Sound (und nicht den Dub-Effekten!) zu liegen scheint.

Der obige Video-Track kommt entsprechend besser rüber als die finale Version auf dem Album. Davon abgesehen: Geht es nur mir so oder sind des öfteren die live-Video-Aufnahmen aus den Studios die besseren Versionen? Der Vergleich scheint das auch bei diesem Track zu bestätigen: Die Effekte sind ungleich schöner und prominenter platziert.

Womit wir beim letzten Thema wären: Dem Album-Sound schlechthin. Breawinner’s Mix erinnert des öfteren an Mafia & Fluxy-Alben, die durchwegs (Ausnahmen bestätigen die Regel) in den niedereren Hz-Bereichen dröge dahinwummern: Eine superweiche Kick-Drum verschmilzt dermaßen mit einem nicht minder weichen Synth-Bass, sodass eine blubbernd-weiche Sound-Masse entsteht. Hier eine Bassline auszumachen, fällt schwer… und das klingt dann so:

Es lebe also der Rimshot, der das Ganze doch noch rausreißt. Ähnlich ergeht es, wenn auch in geringerem Ausmaß, den Tracks auf „By the Rivers of Water“. Möglicherweise wird der eine oder andere Dubhead diesen Sound schätzen – ich hingegen bevorzuge eine Kick-Drum mit Punch und eine klar definierte Basslinie.

Dem Leser bleibt wohl nichts anderes über, als sich selbst eine Meinung zu bilden; dafür gibt’s die beiden oben genannten Roots Inspiration-Alben als Stream auf den diversen Plattformen, Bandcamp hingegen bietet ungleich mehr Material von Roots Inspiration und Al Breadwinner an. Möge es ein Hörvergnügen werden!

Bewertung: 3.5 von 5.

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Drop Collective meets Chalart58 in Dub

Jazz oder Reggae? Reggae oder Jazz? Es ist fast alles da – One Drop, Key- und Gitarren-Skank, allein beim Bass hapert’s ein wenig: Virtuos gespielt, aber die hypnotische Wiederholung mag sich einfach nicht auf Dauer einstellen. Das und die Bläser(sätze) sind der massive Jazz-Anteil an der neuen EP des Drop Collective; simpel „Drop Collective meets Chalart58 in Dub“ nennt sie sich, erschienen beim notorisch bekannten Brixton Records-Label. Der Titel könnte nicht aussagekräftiger sein – was drauf steht, ist drin: Mit dem für den Dub-Mix verantwortlichen Produzent Chalart58 erhält man summasummarum eine kleine (4 Tracks) Portion katalanischer Klangkunst aus Barcelona.

10 Mann/Frau hoch – da mag sich schon der Gedanke an eine Kapelle, wenn nicht gar an eine Big Band einstellen – so klingt’s stellenweise. Freilich ist der heftige Jazz-Anteil nicht jedermann’s Sache, auch begeistern die Vokal-Fetzen einer doch recht belanglos klingenden Stimme nicht; aber die Tracks wachsen zweifellos, je öfter man sie hört. Schuld daran ist Chalart58, der mit seinem Mix feinste, wenn auch klassische Dub-Effekte aus dem doch etwas langweilig geratenem Vokal-Gegenstück „Come Shine“ heraus kitzelt.

Ich empfehle diese EP all jenen, die Groundation schätzen und gewillt sind, noch ein paar größere Schritte in Richtung Jazz zu machen; anderen wird das Ganze möglicherweise etwas zu intellektuell klingen. Gebt dem Teil eine Chance.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Five Star Review

Soul Revivers: Grove Dub

Ein neuer Name mit altbekannten Protagonisten aus dem Sound-System-Dub-Umfeld der West-Londoner Nachbarschaft von Ladbroke Grove und Notting Hill. Hier entstand in den späten 70ern das Coverfoto, hier hat Nick Manasseh sein Studio The Yard, wo er zusammen mit David Hill die Soul Revivers ins Leben gerufen hat. Beide sind eher dem linken Flügel der jamaikanischen Musik zugetan und lieben die Roots der 70er Jahre. Der eine war Steppaz-Influencer der ersten Stunde und hat mit Sound Iration gespielt, der andere wurde nach seiner Zeit bei den Ballistic Brothers Berater für Label wie Soul Jazz oder Auralux. Mit Musikern der lokalen Jazz- und Reggae-Szene produzierten Manasseh und Hill im Yard das Album „On The Grove“, eine Kollektion von Vocal- und Instrumental-Tunes. Daran beteiligt unter anderen der Gitarrist und Gründer der Band Galliano und der Ruff Cut Drummer Adrian McKenzie, dessen filigran-virtuoses Spiel in dem Retro & Roots Set die stilistische Brücke zur Gegenwart baut. Die Hälfte der Songs sind jazzig angehauchte Instrumentals, zwei davon dienen dem Gitarristen Ernest Ranglin als Vorlage für Improvisationen. Ein opulenter Bläsersatz ist mit Veteranen wie Henry Tenyue, der schon auf Aswads „Live & Direct“ dabei war, und jungen Stars der Szene besetzt. Darunter die Trompeterin Sheila Maurice-Grey, deren Afro-Jazz-Band Kokoroko derzeit in London alles abräumt. Sie spielt das Solo auf der Instrumental-Version zu Earl 16s „Where The River“. Die Vocaltunes stammen durchweg von prominenten Artists. Earl 16 hat noch einen zweiten Tune, basierend auf seinem 1976 für Augustus Pablo aufgenommen Song „Changing World“. Der Song erlebt hier seine Auferstehung als „Got To Live“ und ist jetzt gesegnet mit einem Bläserthema für die Ewigkeit. Der 1997 verstorbene jamaikanische Sänger Devon Russel, den Manasseh noch kurz vor dessen Tod aufgenommen hat, singt Curtis Mayfields „Underground“. Das alte Studio One Playback „Tripe Girl“ der Heptones  wird aufgefrischt für einen neuen Song der Soul-Sängerin Alexia Coley. Und Ken Boothe steuert einen Tune bei, über den David Rodigan sagt: „Glaubt mir, mit der Zeit wird ‚Tell Me Why‘ als einer seiner größten Tracks angesehen werden.“ Es war klar, dieses Album brauchte ein Dub-Pendant. Und es war ebenso klar, dass die Dubs analog am Mischpult entstehen mussten. „In Zeiten in denen Musik komplett am Computer entsteht“ sagt Nick Manasseh, „bleibt das Mischen von Dub ein Bereich, in dem Old School Mischpulte sowie Filter-, Hall- und Echogeräte unersetzlich sind für das organische Gefühl von Dub.“ Dort wo die Aufnahmen von „On The Grove“ entstanden, hat Manasseh auch „Grove Dub“ gemischt. Von der Musik hinter den Gesängen schuf er filigrane, zu keinem Zeitpunkt grobschlächtige Mixe, über die sich ein Netz malerischer Echos spannt. Schon der Auftakt „Meanwhile Dub“ zelebriert die Dubkunst als dynamisches Wechselspiel zwischen Offbeat, Posaunen-Fills und Drum’n’Bass-Parts. Der dezente Charme des unaufdringlichen Openers setzt sich fort in den weiteren Titeln, bei denen die ursprünglichen Sänger und Instrumentalisten nur noch Farbtupfer liefern. Am Computer wäre etwas anderes entstanden, da ist sich Manasseh sicher, seine Mixe stehen für den Augenblick in dem sie passieren: „Dub ist spontan. Du entscheidest on the fly und es dauert genauso lange wie der Tune läuft. Drei Minuten dreißig und du hast einen Dub.“ Die Veröffentlichung beider Alben auf dem renommierten Acid Jazz Label zeigt den hohen Stellenwert beider Platten, die vom NuJazz-Hype Londons genauso geprägt sind wie von den goldenen Jahren der Dread & Roots Ära.

Bewertung: 5 von 5.
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Palmer in Dub

Hä, was hat den Eighties-Pop-Ikone Robert Palmer mit Reggae zu tun? Ihr wisst es nicht? Hier ist die ganze Geschichte:

Robert Palmer ist weithin bekannt (vielleicht inzwischen aber auch vergessen) für seine Auftritte in eleganten Anzügen, mit einer Band bestehend aus Fotomodellen ohne Kabeln in ihren Instrumenten. Aber der 2003 verstorbene Sänger war mehr als der Dandy der MTV-Generation. Als Palmer mit „Addicted to Love“ und „Simply Irresistible“ in Deutschland die Charts eroberte, blickte der weltoffene Brite bereits auf eine höchst respektable Diskographie zurück, die weit über Steam-Hammer-Pop hinausging.

Als Teenager entdeckte der im Norden Englands aufgewachsene Robert Palmer seine Leidenschaft für schwarze Musik aus den USA und spielte in einigen Soul- und R&B-inspirierten Bands, bevor er von Chris Blackwell für sein neues Label Island unter Vertrag genommen wurde. Nach dem in New Orleans aufgenommenen Debüt „Sneaking Sally Through The Alley“ mit den Meters als Begleitband, zog Palmer nach New York und entdeckte den Reggae für sich: Er nannte sein Album „Pressure Drop“ (1975) nach dem Song von Toots & The Maytals, den er coverte. Nach einem weiteren Umzug auf die Bahamas wurde das Album „Double Fun“ im von Blackwell eingerichteten Compass Studio in Nassau produziert, inklusive des Klassikers „Every Kinda People“, der später passenderweise von Chaka Demus & Pliers gecovert wurde. In jenen Tagen besuchte Palmer auch das Black Ark Studio von Lee „Scratch“ Perry in Jamaika, in der Hoffnung, ein wenig vom Geist des ansässigen Reggae-Genies zu profitieren. Allerdings verlief die Session nicht wie erhofft: Die einheimischen Rastas hatten Spaß daran, den weißen Sänger zu ärgern, der von Perry produzierte Mix „Best of Both Worlds“ blieb unveröffentlicht (inklusive Dub), und am Ende erschien nur die Single B-Seite “Love Can Run Faster“. Nach dieser Folge stellte Palmer mit den Alben „Secrets“ und „Clues“ sowie dem Disco-Funk „Looking For Clues“ die Weichen für die Achtziger und die Chart-Highlights seiner Karriere: Rockgitarren, Prince-inspirierter Funk und schließlich The Power Station mit den Chic-Musikern Tony Thompson und Bernard Edwards sowie John und Andy Taylor von Duran Duran.

»Aber was wäre passiert, wenn an diesem Tag im Black Ark Studio alles glatt gelaufen wäre? Wenn Palmer an Jamaika und seinen Vibes festgehalten und all seine vergangenen und zukünftigen Hits in diesem legendären Studio produziert hätte?« fragt das Presse-Info von Echo Beach und das Label gibt auch gleich eine Antwort in Form des Albums »Palmer in Dub« (Echo Beach).

Mitgewirkt daran haben interessante Musiker: Schlagzeuger Achim Färber (Automat, Ben Lucas Boysen), Klangkünstler Max Loderbauer (Ambiq, Moritz von Oswald Trio), Bassist Zeitblom (Automat, Pole) und Ingo Krauss (Tonmeister, Teilmischung, ehemals Conny Plank Studio), und DEADBEAT (Scott Monteith) sowie Doug Wimbish.

Das Ergebnis ist – sagen wir mal: Interessant. Perry wäre damit sicher nicht d’accord gewesen. Abgesehen davon, das Robert Palmers mit Echos überhäufte Stimme nur stört, sind auch die Rhythms nicht wirklich gut geworden. Sie klingen schlicht monoton und uninspiriert. Der Sound wirkt stumpf und selbst der Bass entfaltet keine Dynamik. Erschwerend hinzu kommt, dass mache Songs bis zu drei mal (in leicht unterschiedlichen Mixen) auf dem Album wiederholt werden. Von dem Song »Jonny & Mary« gibt es sogar ein eigenes Remix-Album mit 8 Versionen des Stücks. Das Verrückte dabei: Es ist abwechslungsreicher als »Palmer in Dub«. Wir hier im dubblog lieben die Arbeit von Echo Beach, aber mit »Palmer in Dub« kann uns unser Lieblingslabel nicht überzeugen.

Bewertung: 2 von 5.
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Soothsayers Meets Victor Rice and Friends in Dub

Vocal first, dub second (if at all), so lautet das Motto für die meisten Dub-Werke. Diese Reihenfolge ist ja auch logisch. Der Dub wird ja bekanntlich aus einem Vocal-Original gemischt, muss also zwangsläufig an zweiter Stelle stehen. Die meisten Bands und Produzenten lassen sich mit dem zweiten Schritt Zeit. Viel Zeit. Kommerziell macht es kaum einen Unterschied, da das Dub-Album sowieso nur von einer sehr, sehr kleinen Hörerschaft goutiert wird. Doch es gibt sie noch, die Bands und Produzenten, die diese Praxis mißachten und dem Dub einen gleichrangigen Stellenwert wie dem Original einräumen. Als da wären: die Soothsayers und Victor Rice. Das neue Instrumentalalbum der Band „Soothsayers Meets Victor Rice and Friends in Dub“ (Red Earth Music) erschien zeitgleich mit „Soothsayers Meets Victor Rice and Friends“. Zwei grandiose Alben, die eigentlich gleichermaßen in diese Kolumne passen, denn das „Original“ ist ein reines Instrumentalalbum.
Die Soothsayers sind eine britische Band mit Sitz in London. Sie wurde 1998 von zwei Blechbläsern gegründet (Idris Rahman und Robin Hopcraft) und verschrieb sich Ska, Reggae und Afrobeat. Sounds, denen sie bis heute treu geblieben ist. Entsprechend wird ihre Musik dominiert von kraftvollen Bläsersätzen, meist schnellen Shuffle-Beats, vielen Jazz-Einflüssen und generell einem sehr analogen Studio-Sound. Wenig überraschend also, aber von absoluter Perfektion und unbändiger Spielfreude. Vor allem die Jazz-Anleihen sorgen für eine schön komplexe Struktur, die kongenial zum repetitiven Rhythmus kontrastiert. Wohltuend ist auch, dass sowohl die Geschwindigkeit der Beats, wie auch die Arrangements von Stück zu Stück stark variieren. So wird das Instrumentalalbum zum richtigen Hörerlebnis.
Das Dub-Pendant addiert noch den Remix-Layer hinzu. Aber natürlich zeichnet sich guter Dub durch eine clevere Reduktion auf das Wesentliche aus. Produzent und Remixer Victor Rice weiß das natürlich und eliminiert folgerichtig mehr als er addiert. Rice ist ohne Zweifel exakt er richtige Man für diesen Job. Sozialisiert wurde er als Bassist, Sound-Engineer und Produzent in der New Yorker Ska-Szene der 1990er und 2000er Jahre. 2002 emigrierte er nach São Paulo in Brasilien, gründete seine eigene Band, produzierte und remixte unzählige Alben (u. a. wurde er einer der wichtigsten Produzenten bei Easy Star Records) und befasste sich insbesondere intensiv mit Dub. Letzteres ist für einen Ska-Musiker eine recht ungewöhnliche Entscheidung, ist Ska doch eine Musik, die aufgrund ihrer Geschwindigkeit kaum Platz für Dub lässt. Nun, Victor Rice machte aus diesem Dilemma seinen USP und steht seit etlichen Jahren für faszinierende Dub-Versionen von Ska oder Ska-beeinflusster Musik. Deshalb taucht sein Name im Dubblog auch regelmäßig auf.
Auf „Soothsayers Meets Victor Rice and Friends in Dub“ liefert er wieder ein Paradebeispiel seiner Kunst. Seine Dub-Mixes fügen sich organisch in die komplexe Struktur der Instrumentals und erschaffen eine gänzlich neue, originelle Interpretationen der Originale. Das Dub-Album hat eine gänzlich andere Tonalität, als das Instrumentalalbum. Während letzteres einem Feuerwerk gleicht, ist die Dub-Version eher ein Lagerfeuer, an dem man sich wärmen kann. Konzentration und Introversion statt überbordendem Temperament und hemmungsloser Extroversion. Beides hat seinen Reiz, aber wir Freunde des Dub neigen naturgemäß eher zum Weniger, als zum Mehr (nur beim Bass ist es anders herum ;-). Übrigens wäre Victor nicht Rice, wenn er nicht auch schon einige der Instrumentals mit sanften Dub-Effekten ausgestattet hätte. Daher bleibt nur die Empfehlung: Streamt einfach beide Alben!

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Joe Yorke: Noise and Emptiness

Schon klar, Falsetto ist nicht jedermanns Sache. In meinen Playlists findet sich gerade auch deswegen kein einziger Cedric Myton-Track, geschweige denn eines seiner Alben. Anders verhält es sich mit Falsetto-Backing Vocals in der Machart der frühen Aswad-, Steel Pulse- oder Tamlins-Aufnahmen – da passt’s einfach, da wurde harmonischer und ton-sicherer Kopfstimmen-Gesang abgeliefert. Siehe „Baltimore“ – was wäre der Track ohne diese Harmonies?

Auch Joe Yorke’s Debut „Noise and Emptiness“ (Rhythm Steady) liefert mitunter astreinen, treffsicheren Falsetto ab – sowohl als Lead- als auch als wunderbar gelungene Backing-Vocals. Nun sind wir aber das dubblog.de und Stimmen interessieren uns nur peripher; deshalb sei zur Entwarnung darauf hingewiesen, dass das Album mit dubbigen Instrumentals durchsetzt ist. Die Mischung macht’s aus; sie befreit den Release prophylaktisch von der gefürchteten Falsetto-Überdosis. Zweifellos tragen Yorke’s weit gestreute Tätigkeiten als Sänger, Produzent und Komponist zum Erfolg der Produktion bei; auch die eine oder andere Kollaboration mit mid-range Vokalisten wird ihren Anteil daran haben.

Es weht also frischer Wind von England gen die internationale Reggae-Community, was sich vor allem an der hervorragenden Produktion zeigt – alles sauber und vor allem nicht überbordend arrangiert. Das gibt der mitunter fast schon kargen Instrumentierung Raum zum atmen – ähnlich wie wir es aus dem knochentrockenen Rub-a-Dub der frühen 1980er kennen. Und ja, auch hier gibt’s fetten Bass zu hören:

Freilich ist „Noise and Emptiness“ ein Angebot, auf dass sich der werte Dub-Connaisseur erst einlassen muss – auch bei mir war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber: Die Tunes haben enormes Wachstumspotential und krallten sich im Hörgang des Rezensenten fest. Und so kommt es, dass das Album zu meinen persönlichen Favoriten des Jahres zählt und eine fette Empfehlung wert ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Gaudi + Savona: Havana Meets Kingston in Dub

„Havana Meets Kingston“ war 2017 eine große Sache. Ganz nach dem Vorbild von Buena Vista Social Club, lud Jake Savona aka Mista Savona – angeblich Australiens „leading reggae producer“ – alt gediente kubanische Musiker in alt gediente kubanische und jamaikanische Studios ein, wo sie alt gediente Reggae-Musiker, wie Sly & Robbie, Ernest Ranglin, Bongo Herman und andere trafen, um gemeinsam Musik aufzunehmen – und natürlich, um einen Dokumentarfilm zu drehen (aus dem aber scheinbar nichts geworden ist). Ein Riesenaufwand, der sich durch den (relativen) Erfolg des Albums auszahlte. Doch es wäre zu schade, die Aufnahmen nicht noch weiter zu verwerten – und da bietet sich doch ein Dub-Album an! Wer so groß denkt, kann nicht irgend einen Remixer beauftragen, weshalb Savona sich an Gaudi wandte, der auch außerhalb des Reggae-Kosmos Ruhm und Ansehen genießt. Gaudi ließ sich ganze fünf Jahre Zeit, um die neun Dubs zu mixen, die sich nun auf „Havana Meets Kingston in Dub“ (Mista Savona) finden. Vielleicht hat er ja jede Reglerdrehung vielfach intensiv durchdacht und gegen Alternativen abgewogen, um nach Monaten der Planung tatsächlich einen Dub aufzunehmen. Vielleicht befand er sich aber auch einfach nur in einer heftigen Corona-Lethargie. Jetzt jedenfalls ist es endlich so weit, das Dub-Album liegt vor und es ist wahrlich gut geworden. Gaudis Akribie zahlt sich aus, denn Sound und Mix sind schlicht superb. Es hätte allerdings schon viel schief gehen müssen, um aus den brillanten Vorlagen nicht ebenfalls brillante Dubs zu dengeln. Die Arrangements sind einfach klasse und die handwerkliche Perfektion der Musiker lässt keine Wünsche offen. Also: Gaudi beschert uns ein wunderschönes Dub-Album, auf dem sich das warten gelohnt hätte, wenn man von dessen geplanter Existenz gewusst hätte. Ich bin sogar der Meinung (wen wundert’s), dass die Dub-Version des Albums besser ist als das Original. Der Sound ist tighter und die übervollen Arrangements wurden auf ein Maß reduziert, das jedes einzelne Instrument wirklich zur Geltung kommen lässt. Mit Hall und Echo hält sich Gaudi ziemlich zurück, denn auch ohne diese passiert schon genug. Perfekt dosiert, würde ich konstatieren. Außerdem fällt auf, dass der von Savona produzierte organische Live-Sound in sehr reizvollem Kontrast zu Gaudis eher an elektronischen Tracks entwickeltem Dub-Mixing steht. Insgesamt sicher eines der bemerkenswerten Dub-Highlights 2022.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Blue & Red: Hidden Dubs

Die 1990er waren in musikalischer Hinsicht ein aufregendes Jahrzehnt. Es war die Zeit des UK-Dub und die Geburtsstunde der Dub-Sound Systems, wie wir sie heute kennen (okay, Jah Shaka, Originator und Urvater des modernen Dub, war schon viele Jahre früher aktiv). Dub war groß und schwappte sogar ganz vage in den Mainstream. Schuld daran war ein Dub-Stil, der eine deutliche Nähe zu House entwickelte. Denken wir an Dreadzone, Zion Train, Groove Corporation oder Rockers Hi-Fi. Was zeitgleich im UK passierte war die Entstehung von Jungle. Frisch und ungehört, eine absolut verrückte, stark Reggae-beeinflußte Musik. More Rockers und Smith & Mighty produzierten Jungle-Tracks, die ganz, ganz nah an Dub gebaut waren. Nur wenige Alben dürfte ich häufiger aufgelegt haben, als „Selection 2“ von More Rockers. Warum erzähle ich das? Weil hinter More Rockers, ebenso wie hinter Smith & Mighty ein Mann stand, der uns noch heute häufig über den Weg läuft: Rob Smith aka RSD aka Blue&Red. Wir kennen ihn vor allem als häufig von Echo Beach gebuchten Remixer, aber auch wegen seiner eigenen, recht speziellen Dub-Produktionen – an denen sich übrigens regelmäßig die Geister scheiden. Denn was Smiths Produktionen so speziell macht, ist sein rigoroser Minimalismus, seine stoische Repetitivität und die nackte Rauheit seiner Dubs. Alles drei Eigenschaften, die ich in ihrer Konsequenz sehr schätze, doch es gibt viele Dubheads, die Smiths Musik als Verrat am Genre verstehen. Nun ist sein Album „Hidden Dubs Vol. 1“ erschienen und ich habe arge Zweifel, ob es geeignet ist, die Rob Smith-Verächter zu bekehren. Wie zur Verteidigung zitiert Rob Smith Style Scott mit den Worten: “Dub is really what you would call a deconstruct, you strip it down, you strip it right down to bone!”. So gesehen, muss Dub minimalistisch und „raw“ sein. Und genau das liefert er uns mit seinen „Hidden Dubs“ – Tracks, die aus den vergangenen 25 Jahren stammen, einige von ihnen als überarbeitete Version, andere unverändert. Allesamt harte Dubs, pur, rau mit teils übersteuertem Bass und minimaler Instrumentierung. Hier klingt ganz deutlich die Junge/Drum&Bass-Schule durch. Ein klassischer Reggae-Producer würde Dub niemals so scheinbar „seelenlos“ umsetzen. Doch die Härte hat ihren Reiz und der Verzicht auf Schönheit ist zwar radikal, aber auch befreiend.

Bewertung: 4 von 5.
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Vibronics Meets Mafia & Fluxy in Brixton

Da fügen sich zwei Welten wunderbar harmonisch zueinander: Steve Vibronics, Urgestein des UK-Dub und Mafia & Fluxy, britische Rhythmtwins und Hit-Produzenten. Steht ersterer für die klassische UK-Soundsystem-Kultur, sind letztere eher Protagonisten des klassischen Reggaes und Lovers Rock. Klassiker sind sie jedenfalls beide. Aber Mafia & Fluxy können auch anders. Auf „Vibronics Meets Mafia & Fluxy in Brixton“ (Scoops Records) spielen sie richtig harten Steppers. Perfekte Grundlage für Steve Vibronics, um daraus ausgesprochen qualitätsvolle Dubs zu schmieden (angeblich hat er die Rhythms „komponiert“ und sie die beiden nur einspielen lassen). Im Vergleich zu den jüngeren Kollaborationswerken von Mr. Vibronic sticht dieses Album deutlich heraus. Der Sound der Rhythmstwins ist einfach besser und ihre Arrangements spannender. Oft sind des ja die Details, die einen riesigen Unterschied im Gesamtergebnis machen. Und hier lässt sich konstatieren, dass drei Perfektionisten und Meister ihrer Fächer zusammen gefunden und gemeinsam ein richtig schönes Dub-Album erschaffen haben.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Augustus Pablo & Rockers All Stars: Lightning & Thunder

Der im Mai 1999 verstorbene Horace Swaby, besser bekannt als Augustus Pablo, ist hier im Dubblog wahrlich kein Unbekannter. Ich muss zugeben, dass mich damals sein viel zu früher Tod mit gerade einmal 44 Jahren sehr berührt hat. Der etwas jazzige Far East Sound des Ausnahmemusikers und Produzenten Augustus Pablo hat schon immer meinen Nerv getroffen. Das erste Augustus Pablo Album, welches meine Sammlung bereicherte, war die von Tommy Cowan produzierte und vom unsterblichen King Tubby gemixte „Ital Dub“. Die 1974 von Trojan veröffentlichte „Ital Dub“ ist eine geniale Momentaufnahme und zeigt Augustus Pablo auf seiner Wegfindung zum Produzenten seiner eigenen Werke. Ob jetzt Peter Tosh oder Augustus Pablo der Erste war, der das Kinderinstrument Melodica im Reggae salonfähig machte, wird höchstwahrscheinlich nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Vor ein paar Tagen ist nun aus den Archiven der Pablos das Album „Augustus Pablo & Rockers All Stars: Lightning & Thunder“ (Onlyroots) erschienen. Eine unglaubliche Sammlung von bisher Unveröffentlichtem und Dubplate Mixes des legendären Jah Shaka, hier zu hören unter dem Titel „Gates of Zion“ und einer völlig anderen Abmischung zum Original. Die Vocals stammen vom damals noch sehr jungen George Nooks aka Prince Mohammed. Das Original lautet „Jah Dub“ und ist auf der „Chanting Dub With The Help Of The Father“ von den Rockers All Stars zu finden. Sicherlich werden euch noch weitere Riddims bekannt vorkommen. So wurde aus „Stop Them Jah“ von der „King Tubby Meets Rockers Uptown“: „Leave The Dreadlocks“ und „Omo Valley Dub“. Ein weiterer Jah Shaka-Favorit ist der Titeltrack „Lightning & Thunder“, hier bekam der Mix den Titel „Sons of Negus“. Und jetzt kommt noch mein absolutes Highlight und der grandiose Schlusspunkt des Albums: „All Nations“ & „All Nations Dub“. Ursprünglich auf dem 1975er Upsetters Album: „Return Of Wax“ mit dem Titel „One-Armed Boxer“ zu finden. Also Leute, auf der „Lightning & Thunder“ gibt es tatsächlich enorm viel zu entdecken und solange noch solche Leckerbissen in den Archiven schlummern, ist mir um den Fortbestand des Dub/Reggae nicht bange.

Auch wenn man bereits unzählige Augustus Pablo Alben kennt oder sogar besitzt, kann ich dennoch dringend empfehlen, in diese Veröffentlichung einmal reinzuhören. Meines Erachtens sogar ein unbedingtes Muss.

Bewertung: 4.5 von 5.