Kategorien
Review

R.Esistance in Dub Meets Longfingah: The Longfingah Attack

Selten habe ich einen so stilsicheren Old School-MC wie Longfingah gehört. Schon mit seinen frühen Aufnahmen als Sänger von Illbilly Hitec war er mir positiv aufgefallen. Nicht nur mir, denn es folgten Produktionen u. a. mit Mungo’s HiFi, Zion Train und Dubmatix. Mit „Urban Mystic“ folgte dann ein Album und nun liegt mit „The Longfingah Attack“ eine richtig schöne neue EP mit vier Vocal-Tunes und vier Dubs vor. Doch dem MC gebührt hier nicht das alleinige Lob: Die italienische Live-Dub-Band R.Esistance in Dub hat kongenial passende Dub-Rhythms geliefert; niemand geringeres als Paolo Baldini hat produziert und die Dubs gemischt. Ein überaus starkes deutsch-italienisches Gesamtpaket. Einziger Kritikpunkt: Ein ganzes Album wäre mir erheblich lieber gewesen – aber vielleicht liegt ja die Würze in der Kürze.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Dub Machinist Meets Gary Clunk

Schon mal von der „Bordeaux Dub School“ gehört? Noch nicht? Sie besteht aus zwei Akteuren: The Dub Machinist und Gary Clunk – welche wiederum in den Fußstapfen von Manutension und Improvisators Dub wandeln. Was sagt uns das? Das schöne südfranzösische Städtchen ist auf Dub gebaut! Und wie! Das Album „Dub Machinist Meets Gary Clunk“ (Culture Dub Records) legt darüber beredtes Zeugnis ab. Entstanden im Untergrund von Bordeaux, bietet es dreizehn tonnenschwere Dubs, die Saint-André – die berühmte gotische Kathedrale – so stark erschütterten, dass der Turm einstürzte (weshalb die Kathedrale nun ohne Turm da steht). Also Vorsicht, wenn ihr das Album abspielt – tut es nur mit genügend Sicherheitsabstand zu hohen Gebäuden! Ich höre es aus Sicherheitsgründen nur über Kopfhörer, was zwar die wohligen Vibrationen im Brustkorb vermissen lässt, aber die nötige Lautstärke erlaubt, nach der diese Steppers-Orgie verlangt. Doch das Album hat viel mehr als nur Bassgestampfe zu bieten; die beiden Franzosen haben auch schöne One Drops sowie einen ganzen Haufen guter Ideen in den Tracks unter gebracht. Kleine, feine Melodien zum Beispiel, orientalische und indische Klänge, clevere Rhythmuskonstruktionen und sogar sehr abwechslungsreiche, spannungsvolle Mixe -. Das alles in einer super tighten Produktion. Wer jetzt an Kanka denkt, liegt richtig. So langsam beginnt man den Bordeaux-Style zu verstehen.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Haze St. Dub: A New Beginning

Es ist eine der Veröffentlichungen, über die man zufällig stolpert. Man hört kurz rein, etwas lässt aufhorchen. Noch kann man nicht sagen was, aber wiederholtes Hören legt Schicht um Schicht frei und letztlich eröffnet sich etwas Interessantes, Spezielles, Schönes. Etwas, das den Rezensenten zur Recherche herausfordert. Was er schlussendlich findet ist das Debut eines (vermeintlich) unbekannten Künstlers, von dem er mehr wissen möchte und mit dem er Kontakt aufnimmt. Es ist Andrew Stoch aka Drew Keys, der unter dem Pseudonym Haze St. Dub das Album „A New Beginning“ (Haze St. Studios) herausgebracht hat. Drew ist begeistert von der Idee, Teile eines Interviews in eine dubblog.de-Rezension einfließen zu lassen. Ich maile ihm am 12. Dezember 2020 die Fragen dafür – „… lass Dir Zeit und beantworte nur die, die Du interessant findest“.

Und hier sind wir nun – mit einem feinen Album, oder besser gesagt: einer feinen 7-Track EP, die bis auf den Track „Nebula“ wie aus einem Guss wirkt. Sicher, das sind Dub-Tracks, aber nicht von der althergebrachten Sorte: Die Arrangements und Instrumentierung sind dafür einen Tacken zu einfallsreich und erinnern, auch vom nicht sonderlich bass-lastigen Mixdown her, an Rock/Pop-Instrumentals im Reggae-Gewand. Das ist keineswegs despektierlich gemeint, zumal da offenkundig versierte Musiker*innen am Werk sind. Drew Keys selbst fährt Keyboard-Sounds auf, die man bislang selten oder gar nicht im Genre gehört hat; sie klingen zeitgemäß, angesagt und könnten genauso auf einem in den Billboard-Charts gelisteten Track auftauchen. Ähnliches könnte man von seinem Dub-Mix sagen – klassisch Echo und Hall: ja, aber da sind auch Effekte, die man eher einem Club-Remix zuordnen würde. Contemporary Dub? Nein, das wäre übertrieben; es ist vielmehr eine interessante Mixtur aus musikalischem Können, Klangfarben und unüblichen Effekten. Ist das noch Dub oder sind es schon Instrumentals? Manche Fragen stellen sich im Nachhinein als völlig unwichtig heraus. Es ist jedenfalls ein Album, dass den engen Horizont des klassischen Dubs etwas weiter nach hinten rückt. 

Drew Keys selbst ist versierter und gefragter Keyboarder und Posaunist; er arbeitet mit Shaggy, Arkaingelle, den Zion-I-Kings rund um Tippy Laurent, den Common Kings und vielen mehr auf der Bühne und im Studio. „A New Beginning“ ist sein Debut unter eigenem Label, aufgenommen im eigenen Studio und ein wichtiger Teil seines musikalischen Vermächtnisses. Er ist am 18. Dezember 2020 verstorben. 

Live Dub by Haze St Dub aka Drew Keys.

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Review

Dubmatix: Riddim Full

This is not a Dub Album. Es ist noch nicht mal ein neues Album; Dubmatix‘ „Riddim Full“ (Renegade Recordings) erschien schon letzten November und wird als Nachfolger von „Riddim Driven Vol. 1“ (aka „Versions Vol. 1“) vermarktet. Der Titel ist Programm: 11 weitere Riddims aus dem Haus Dubmatix, wie sie so im Laufe der Zeit entstanden und in der Community mitunter als Vokal-Versionen bekannt geworden sind. 

So weit, so schlecht: Das ist nun mal dubblog.de und nicht riddimblog.de. Aber… warum nicht mal reinhören, wenn die Gelegenheit günstig ist? Um Stimmen erleichtert, eröffnen die einzelnen Tracks tiefe Einblicke in die Arrangements und Produktionstechnik von Dubmatix; überraschen hier mal mit schönen Bläser-Sätzen (Can’t Keep Us Down Riddim), enttäuschen da mal mit einfallslosen Loops (Rock N Hard Riddim). Verlässlich hingegen der typische Dubmatix-Sound: Der Offbeat drängt sich in den Vordergrund, der Bass hält sich etwas zurück, die Drums kann man auch schon mal mit einem Dampfhammer verwechseln. Richtig, da schielt jemand immer wieder mal in Richtung Dancefloor.

Im direkten Vergleich zieht „Riddim Full“ beim Rezensenten den kürzeren; der Vorgänger „Riddim Driven Vol. 1“ ist eine Spur abwechslungsreicher. Ärgerlich bei beiden Releases ist das Album-Mastering, so es überhaupt eines gegeben hat: Es kann doch nicht sooo schwer sein, 10 bzw. 11 Tracks ein halbwegs ähnliches Volume Level zu verpassen. Komm schon, Dubmatix… tu’s für mich.

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

Joe Ariwa: The Next Generation of Dub!

Wie der Vater, so der Sohn – diese Befürchtung trifft auch auf Joe Ariwa zu. Während Papa Mad Professor wieder mal Jubiläum feiert, bringt der Sohnemann sein neues Album „The Next Generation of Dub!“ (Ariwa Sounds) unter die Leute. Mit so einem Titel steigt natürlich die Erwartungshaltung – was könnte das wohl sein, die nächste Dub-Generation, welche bahnbrechende Weiterentwicklung hat da stattgefunden, dass man gar den Generationen-Vergleich bemüht?

Ich mach’s kurz und schmerzlos: Nichts, nada, nothing, rien, zero hat sich da weiterentwickelt. Same-same and definitely not different. Joe Ariwa klingt, riecht, schmeckt und wirkt wie Mad Professor – er ist sozusagen das Ariwa-Generikum (kostet aber gleich viel). Da wie dort die gleichen Arrangements, Klänge und Effekte, sogar das Markenzeichen des verrückten Professors, der berühmte Bass-Furz (in Ermangelung einer passenderen Bezeichnung), findet ausgiebig Verwendung. Auch soundmäßig gibt’s nichts Neues zu vermelden: Die Ohren des Rezensenten bluten hüben wie drüben.

Wer also Fan von Mad Professor’s Dub-Ansichten ist, darf sich freuen: Es gibt jetzt mehr vom Gleichen! Wer sich Anderes oder eine Weiterentwicklung erwartet hat, wird enttäuscht sein: Stillstand ist die Devise. „The Next Generation of Dub“ muss anderswo stattfinden.

Bewertung: 2.5 von 5.
Kategorien
Five Star Review

The Mikey Dread Show: African Anthem Dubwise

„Him don’t steal, him don’t gamble, talking ‘bout man called Michael Campbell“ heißt es an einer Stelle auf der LP . Michael Campbell (1954 – 2008) alias Mikey Dread kam zu Ruhm, als er 1976 nach einer Ausbildung zum Radio- und Tontechniker eine enorm erfolgreiche Radioshow beim Jamaican Broadcasting Service (JBC) startete, mit der er an sechs Tagen der Woche vier Stunden lang um Mitternacht das Reggae-Radio-Format erfand. Er war der Erste, der im Sound System Style live on air ging. Nach zwei Jahren überwarf sich Campbell mit JBC. Er kündigte, gründete das Dread At The Control (DATC) Label und begann, sich selbst und andere zu produzieren. Die ersten LPs aus dem Jahr 1979 kopierten sowohl das Prinzip wie auch den Titel seiner eingestellten Radiosendung: Auf dem Debüt „Dread At The Controls“ (a.k.a. „Evolutionary Rockers“) präsentierte sich Campbell als eine Mischung aus MC und Deejay. Gleich mit dem Nachfolger „African Anthem Dubwise“ gelang ihm dann nicht nur sein bestes Album überhaupt, sondern auch eine der brillantesten Dub LPs aller Zeiten. Ein Monster der Version-Kultur, das wesentlich zur europäischen Erfolgsgeschichte des Dub beitrug. Als Basis dienten je zwei von Mikey Dread produzierte Songs von Rod Taylor („Behold Him“ + „His Imperial Majesty“) und Edi Fitzroy („Country Man“ + „Miss Molly“) sowie fünf seiner eigenen Titel. Die Riddims wurden von Prince Jammy in einer Nachtsession bei King Tubby gemischt und anschließend nach London verfrachtet. Dort kübelte der 2016 verstorbene, mit Campbell und Jammy eng befreundete Engländer Dave Hendley, auf dessen kurzlebigem Cruise Label „African Anthem Dubwise“ zuerst erschien, eine Wagenladung an Jive Talk, Synthie-, Sound- und Stimmeffekten über die rohen Dubs, was ihnen eine archaische Wildheit verlieh. Im Gegensatz zu den ebenfalls in England vorgenommen Overdubs bei den Greensleeves Alben von Scientist war die Aktion mit Mikey Dread abgesprochen bzw. ausdrücklich von ihm bestellt. Er hatte Hendley dafür ein vorbereitetes Tape mit Gimmix gegeben, die alle aus seiner Radioshow stammten. Darunter viele Jingles wie „Oh my gosh, the music just turns me on“, „Riddim full of culture, ya“ oder „Brandnew – Good For You“, die zu tausendfach gesampelten Klassikern wurden. „African Anthem Dubwise“ erschien zuletzt vor 15 Jahren in einer erweiterten Deluxe Version mit anderem – banalen – Cover. Music On Vinyl hat die LP im Original Artwork wiederveröffentlicht, mit modernem, bauchigen und weniger schrillen Sound. Zuerst erschien sie limitiert auf 1.000 nummerierten Exemplaren in blauem Vinyl, am 29.01.2020 kommt sie in schwarzem Vinyl. Alles was es sonst zu der Platte zu sagen gibt, erklärt Big Youth im Auftakt zu Seite Zwei: „Who is the man who plays Roots Rock Reggae? Michael Campbell, the Dread at the control, to thrill your soul. Alright? Alright!“ (Der Text erschien zuerst in RIDDIM 04/20 und wurde aktualisiert.)

Bewertung: 5 von 5.

Kategorien
Review

Errol Brown: Culture Dub & Medley Dub

„Culture Dub & Medley Dub“ sind zwei gesuchte Dub Alben, die von Doctor Bird zusammen mit sagenhaften 25, zum Teil äußerst raren Bonusdubs aus dem Nachlass des Treasure Isle Labels auf eine DoCD gepackt wurden. Alle Tracks entstanden, nachdem Sonia Pottinger im Jahr 1974 den Betrieb von Duke Reid aufgekauft hatte. Gemischt wurden sie von Errol Brown, dem Resident Engineer bei Treasure Isle, den Mrs Pottinger mit übernahm. Sie beauftragte Brown mit der Produktion von Dubalben, was der Duke bis dahin abgelehnt hatte. Nach den Erfolgen der ersten „Treasure“ und „Pleasure“ Dub-LPs aus Reids Backkatalog wollte Mrs Pottinger dann auch ein Album mit Versions ihrer eigenen Produktionen aus den Jahren 1968 bis ’71. So erschien 1976 auf High Note die LP „Medley Dub“, ein Album, das – abgesehen von einer japanischen CD Ausgabe – lange Zeit nur schwer aufzutreiben war. Die meisten der Titel darauf stammen von den Melodians, darunter vier Medleys, von denen zwei durch Voicings von Dennis Alcapone bekannt wurden. Dazu ein Dub zu Max Romeos „Let The Power Fall For I“, der verwirrend „Swing & Dub“ heißt, was vermutlich nur ein Druckfehler war. Denn einen Dub zu dem Melodians Hit „Swing & Dime“ gibt es ebenfalls. Dazu enthielt die LP Dubs zu Titeln von Errol Dunkley und Ken Boothe. Doctor Bird hat das Album angereichert mit 15 seltenen, zum Teil von harschen Kurzhalleffekten geprägten Single-B-Seiten aus den späten 70er Jahren. Darunter Versions zu „Lick And Run“ von Ruddy Thomas, „Stormy Weather“ von Bobby Ellis, und „Wake Up Everybody“, ein Soultune von Harold Melvin & The Blue Notes bzw. Teddy Pendergrass, den O. C. Roberts 1976 für Sonia Pottinger gecovert hat. Zwei Jahre später produzierte Errol Brown „Harder Than The Rest“, das zweite Album von Culture, die sich von Joe Gibbs getrennt und einen Vertrag mit Virgins Sublabel Fontline unterschrieben hatten. Für das Gesangstrio wie auch für Brown erwies sich der Wechsel zu Treasure Isle als Glücksgriff. Nach Fertigstellung der LP ging er mit ihnen auf Tour und begann, sich einen Namen als dubbender Live-Engineer zu machen. Zuvor hatte er, ungeachtet des Frontline Deals, von acht Songs des „Harder Than The Rest“ Albums für Sonia Pottingers Label eine Dub LP gemischt, die mit zwei unterschiedlichen Covern veröffentlicht wurde. Doctor Bird hat die uninspirierte jamaikanische High Note Variante gewählt, obwohl das Afro-Motiv der englischen Ausgabe – mit Sklavinnen, Krieger und Schamane – eines der ausdruckstärksten Cover des Genres darstellt. Immerhin wird die Zeichnung des UK Sky Note Labels im Booklet abgelichtet, das jedoch ansonsten nur bedingt überzeugt, da die Linernotes bei kaum noch lesbaren Minibuchstaben mehr Lobhudelei als Fakten bietet. Daten zu den Ursprüngen der Bonustracks wären eher angebracht gewesen. Dennoch ist diese Kollektion, die auf der zweiten CD neben der Culture LP mit 10 weiteren Single-B-Seiten der Gruppe aufwartet, ein Füllhorn mit insgesamt 43 Mixen eines Ausnahme-Tontechnikers, der bei Treasure Isle die gebührende Anerkennung vermisst hat, deshalb 1979 zu Tuff Gong wechselte und Bob Marleys Live-Engineer wurde. (Der Text erschien zuerst in RIDDIM 04/19)

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Shankara NZ: Dawn Chrous

Shankara NZ ist ein Duo aus Neuseeland (Brendan Evans und Elijah Wilson-Kelly), das sich elektronischen Downtempo-Beats mit exotischen Einflüssen verschrieben hat. Fette Bassflächen, indische Sitar-Klänge und Tablas – so klingen die meisten Produktionen des Duos. Doch mit der EP „Dawn Chorus“ haben die beiden einen konsequenten Schritt zum Dub gemacht und ein faszinierend betörend meditatives Dub-Werk abgeliefert. Ich habe ja schon öfters die These vertreten, dass gerade Genre-Außenseiter die spannendsten Dub-Produktionen kreieren, da sie sich nicht um Konventionen scheren und zudem ihre ganz speziellen, nicht Dub-spezifischen Kompetenzen einbringen. Bei Shankara NZ handelt es sich dabei definitiv um das untrügliche Gespür für tieffrequent schwingende, meditative Beats, eingebettet in einen weichen, aber dennoch kraftvollen Sound – der mich übrigens stark an den International Observer (Tom Baily) erinnert. „Dawn Chorus“ – läuft im Stream unter der Rubrik „Downtempo“ – ist für Freunde gepflegten Dubs jedenfalls eine echte Überraschung und ein perfekter Begleiter für Cozy-Feiertage in der dunklen Jahreszeit.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Mad Professor: 40 Years of Dub

Wenn man es richtig bedenkt, dann ist Neil Fraser tatsächlich der dienstälteste, kontinuierlich bis heute tätige Dub-Fabrikant des Planeten. Congratulations! Seit Gründung des 4-Track-Ariwa-Studios 1979 in seinem Wohnzimmer produziert er Dubs. 1982 kam das legendäre Album „Dub Me Crazy“ heraus, dem 11 weitere Alben mit gleichem (Unter-)Titel folgen sollten: Meilensteine der Dub-History. Nun feiert er sich mit „40 Years of Dub“ (Ariwa) selbst. Dafür hat er tief im Berg seiner Aufnahmebänder gegraben und – wie mir scheint – seine persönlichen Favoriten aus 40 Jahren zusammen gestellt. Was eine sehr persönliche Auswahl nahe legt, ist die Tatsache, dass gerade seine großen Dub-Hits (welch Contradictio in adiecto!) hier nicht zu finden sind. Das läßt das Album frisch und unverbraucht klingen, zumal der verrückte Professor seine Aufnahmen neu gemastert hat. Viele der aufgeführten Titel lassen sich nicht im Ariwa-Back-Catalogue finden, so dass es gut möglich ist, dass hier auch bisher unveröffentlichte Dubs vergangener Jahrzehnte zu hören sind – es sei denn, der Verrückte hätte den Tracks einfach nur neue Titel verpasst. Wie dem auch sei: Das Album macht Spaß und die stilistische Entwicklung des Professors und seiner Musik ist spannend. Mit dem letzten Track „Forward 2 Africa“ ist er ganz im Hier und Jetzt angekommen – ach was: Er ist sogar wieder seiner Zeit ein Stück voraus!

Bewertung: 4.5 von 5.

Kategorien
Review

Kutiman: Wachaga In Dub

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen und pünktlich finde ich noch einen passenden Abschluss. Eine Kuriosität, eines dieser Dubious-Music-Alben, die ich so sehr liebe, rotiert bei mir seit zwei Wochen Minimum zweimal täglich. Im ersten Moment klingt das Album, als hätten sich die ON-U Sound Legenden Adrian Sherwood, African Head Charge und Strange Parcels zusammengetan und veröffentlichten jetzt ein Seitenprojekt unter dem Künstlernamen „Kutiman“. Aber weit gefehlt, der israelische Kibbuznik, Produzent, Filmemacher und Multiinstrumentalist Ophir „Kutiman“ Kutiel steckt hinter dem Ganzen. Musikalisch ist Kutiman in ganz unterschiedlichen Genres wie Funk, Afrobeat, Worldmusik, Jazz, Psychedelic Rock und Alternative zu Hause. Ganze sechs Jahre hat er sich nun Zeit gelassen, um „Kutiman: Wachaga In Dub“ zu veröffentlichen.
Mit großer Ausrüstung (Mikrofone, Videoaufzeichnungsgeräte) flog Kutiman, den in Israel beinahe jedes Kind auf der Straße erkennt, 2014 nach Tansania, Afrika. Dort arbeitete er mit Stämmen der Massai und der Wachaga, einer Gruppe indigener Völker zusammen, die am Fuße des Kilimandscharo leben. Basierend auf den dort entstandenen Feldaufnahmen lokaler Musiker, Stammesgesängen und singenden Schulkindern aus Arusha, stellte er dann im heimischen Studio akribisch „Wachaga“ zusammen. Aus fünf der neun Originaltitel seines vierten Studioalbums schuf er jetzt „Wachaga In Dub“. Im Geiste klassischer Dub-Alben nimmt Kutiman Teile des ursprünglichen Ausgangsmaterials, ordnet sie neu, fügt Delay, Reverb und Phaser hinzu, um seine Musik in neue halluzinogene Höhen zu pushen. Entstanden ist ein wahrlich einzigartiges Konzept, das traditionelle afrikanische Gesänge und Rhythmen mit spirituellem Jazz und frisch klingender Elektronik kombiniert. Die Rhythmusmuster, Gesänge und die sich wiederholenden Passagen bieten die perfekte Plattform für Kutimans bewusstseinserweiternde Erkundungen. Das psychedelische „Awake In Dub“ klingt, als hätte Doug Wimbish die satten Bass-Lines eingespielt. „Maasai In Dub“ ist ein akustisch-afrikanischer Trip – (m)ein Killertrack. Das Mini-Album ist eine Tour de Force, die mitten ins Schwarze trifft, weil sich durch die Verschmelzung von Sampling, Electronica, Jazz und extrem vielen Dub-Effekten eine Exotik offenbart, die man in der Art sehr selten zu hören bekommt. Bitte mehr davon, Kutiman.

Bewertung: 4.5 von 5.