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Death by Dub: Abundance

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber Instrumentals oder Dubs unter Blechbläserführung scheinen 2022 absolut im Trend zu liegen. Ich bin sehr glücklich darüber, denn schon immer haben mir die Bläsersätze im Reggae gut gefallen. So gut, dass ich stets bedauerte, dass die Produktionen den Bläser-Sektionen oft nur so wenig Platz in den Stücken einräumen. Dass sie dann im Zuge der zunehmenden Kommerzialisierung Keyboard-Fake-Bläsern zum Opfer gefallen sind, gehört zu den dunklen Kapiteln der Reggae-Geschichte. Aber nun scheint ja die Zeit für Entschädigung angebrochen zu sein: Youthie, Dub Vallila, The Super 20 und nun noch: Death by Dub mit dem Album „Abundance“ (Color Red). Zur Zeit bläst es aus allen Richtungen. Beeinflusst von den üblichen Verdächtigen, Perry und Tubby und natürlich Tommy McCook und Rico Rodriguez, haben Dan Africano und Scott Flynn eine Band gegründet, die sich vollkommen Dub und Blechbläsern verschrieben hat. Dan Africano und Scott Flynn sind alt gediente Reggae-Musiker und haben (genau wie Lee Hamilton und Craig Welsch von The Super 20) ihre Reggae-Lehre bei John Brown’s Body absolviert. Um 2018 machten die beiden sich selbständig, zogen nach Denver, Colorado, und gründeten Death by Dub. Nun legen sie ihr Debutalbum „Abundance“ vor. Wie bei den „Whinds of Wareika“ haben hier eine Vielzahl von Musikern ihre Hände im Spiel. Entsprechend opulent sind die Arrangements. Doch anders als bei den „Whinds“, haben wir es bei „Abundance“ mit echten Dubs zu tun. Der Sound ist tighter und die Beats schwerer. Ich bin hellauf begeistert von diesem Album. Es hält die perfekte Balance zwischen Konzentration und Offenheit. Die Rhythms sind hervorragend produziert und die Bläsermelodien inspiriert komponiert. Hier stimmt eigentlich alles. Zudem ist der Vibe des ganzen Albums so wunderbar positiv und uplifting, dass es einfach nur Freude macht, mit dieser Musik durch den Sommer zu schweben.

Bewertung: 5 von 5.
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Dub Spencer & Trance Hill: Imago Cells

Die „Imago“ ist das aus dem Jugendstadien hervorgegangene geschlechtsreife Insekt, also die Adultform. Um eine Raube in ihr Imago zu verwandeln – einen Schmetterling (wie er auf dem Cover der neuen Albums von Dub Spencer & Trance Hill abgebildet ist) – werden im Raupenkörper so genannte „Imagozellen“ aktiv. Sie sind die Auslöser der Metamorphose. Interessanter Weise befinden sich die Imagozellen von Geburt an im Körper der Raupe, werden aber vom Immunsystem des Insekts zunächst unterdrückt. Erst, wenn es ihnen auf Dauer gelingt, sich zu behaupten und zu vermehren, wird die Metamorphose eingeleitet.
Eine interessante Geschichte, die Masi Stalder, Markus Meier, Julian Dillier und Philipp Greter da aufgespürt haben, um damit metaphorisch den Wandel ihres musikalischen Stils zu illustrieren. Denn, in der Tat, vollziehen die Luzerner Dub-Musiker mit ihrem neuen Album „Imago Cells“ (Echo Beach) eine deutliche stilistische Veränderung, nämlich von Dub zu Trance. Einen Wandel, der – laut eigener Aussage (und den Bandname legt es nahe) schon von Anfang an in der Band „steckte“. Zwar sind immer noch Offbeats zu hören, doch treibende Dance-Beats sind deutlich dominanter. Außerdem – gänzlich ungewohnt bei den Luzernern – sind die elektronische Synthie-Klänge. Zum Glück nicht in Form der für Trance typischen „Flächen“, sondern rhythmisch eingesetzt. Insgesamt erinnert mich das entfernt an den 90er-Jahre Sound von Dreadzone, Rockers Hifi oder Zion Train. Andererseits ist da aber auch noch der gewohnte, unverkennbar analog/akustisch wirkende Signature-Sound von Dub Spencer & Trance Hill. Was mir besonders gefällt: Die Musik der Viererbande groovt wie nie zuvor. Was früher teils verkopfter Dub war, ist jetzt körperorientierte Dance-Music. Ich bin gespannt, wohin die Metamorphose die vier experimentierlustigen Luzerner in Zukunft noch führen wird.

Bewertung: 4 von 5.
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Israel Vibration: The Same Song Dub

„And you don’t know what tomorrow’s gonna bring… Life is one big road…“- Cecil „Skelly“ Spence.
Die nächste tragende Säule des klassischen Roots-Reggae ist weggebrochen und hat sich zu den Vorfahren in Richtung Mount Zion aufgemacht. Cecil „Skelly“ Spence von den Israel Vibration ist am 26. August knapp 70-jährig in einer New Yorker Klinik verstorben. Aus diesem traurigen Anlass habe ich mir zum x-ten-Mal die „Israel Vibration: The Same Song Dub“ angehört. Ich sage es gleich: Eine faszinierend schöne Platte, die mich beinahe mein ganzes „Reggae-Leben“ begleitet. Umso härter hat mich Skellys Tod getroffen. Dieser zerbrechliche Mann, dem wir so herrliche Songs wie „The Same Song“, „Why Worry“, „I’ll Go Through“, „Prophet Has Arise“ und viele andere wunderschöne Songs verdanken, ist an den Folgen einer unbehandelbaren Krebserkrankung gestorben.

Kingston, Jamaika war der Geburtsort der Reggae-Harmonie-Gruppe Israel Vibration. Nachdem Anfang der 1950er eine Polio-Epidemie über die Insel gefegt war, erkrankten viele Kinder an Polio. Polio-Impfseren steckten noch in den Kinderschuhen und so erkrankten auch noch sehr viele Kinder auf der ganzen Welt an dieser heimtückischen Krankheit. Ihre erste Begegnung hatten Cecil „Skelly“ Spence, Lascelle „Wiss“ Bulgin und Albert „Apple Gabriel“ Craig schon als Kinder, sie lernten sich in der Mona Rehabilitation Clinic kennen. In den 1970er Jahren gründeten sie das Roots-Reggae-Ensemble „Israel Vibration“.
Nachdem Hugh Booth, ein Mitglied der Twelve Tribes Of Israel, die drei Männer in einem Waldgebiet außerhalb Kingstons singen gehört hatte, sammelte er für die drei Jungs und eröffnete ihnen mit einer Spende die Möglichkeit, ihr erstes Album aufzunehmen. Ihre erste Veröffentlichung war die Single „Why Worry“, die 1976 im Treasure Isle Studio aufgenommen und Ende desselben Jahres auf dem Label der Twelve Tribes veröffentlicht wurde. Aufgrund der Popularität, welche die Gruppe mit der Veröffentlichung der Single erlangte, baten viele jamaikanische Künstler wie Dennis Brown, Inner Circle und auch Bob Marley darum, sie als Vorband bei einem ihrer Konzerte auftreten zu lassen.
Israel Vibration begannen dann mit dem Produzenten Tommy Cowan zusammenzuarbeiten und veröffentlichten 1977 auf dessen Top-Ranking-Label die Single „The Same Song“. Im folgenden Jahr, 1978, veröffentlichten sie das gleichnamige Album. Bei „The Same Song“ wurden sie von Mitgliedern der Inner Circle Band unterstützt. Die Platte und ihr Dub-Pendant „The Same Song Dub“ waren international erfolgreich, was zu einer Partnerschaft mit dem EMI-Label Harvest führte, um das Album in Großbritannien zu veröffentlichen.
Jetzt zum Dub-Album: Am Mischpult saß der relativ unbekannte jamaikanische Singer/Songwriter Paul Donaldson, von dem recht wenig existiert. Aber mit den Alben „The Same Song“ und „The Same Song Dub“ hat er sich selbst ein Denkmal gesetzt, denn beide Alben sind Sternstunden der Reggae/Dub. Hört euch exemplarisch meinen Lieblingssongs „Ball Of Fire“ aus dem Dubalbum an, dann hört ihr vielleicht, dass solch ein Opus nicht jeden Tag am Reggaehimmel auftaucht. Schlicht ein Meisterwerk voll Traurig- und Zerbrechlichkeit. Skellys durch den Raum schwirrende Stimmfragmente lassen mich immer wieder demütig auf die Knie gehen.
Anmerkung: Es existiert noch eine zweite, komplett andere Abmischung des Albums: „Fatman Riddim Section: Israel Tafari“, das auch von Tommy Cowan produziert und auf seinem Top-Ranking-Label erschienen ist. Beide Alben verdienen das Prädikat „besonders wertvoll“.

R.I.P. Cecil „Skelly“ Spence, eure Live-Performances bleiben unvergessen.

Bewertung: 5 von 5.
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The Super 20: Winds of Wareika

Mit einer Nähe zu Rico Rodriguez Meisterwerk „Man from Wareika“ haben schon einige Reggae-Alben geworben. Bei „Winds of Wareika“ (The Super 20) von The Super 20 wäre ich geneigt, diese Marketingstrategie durchgehen zu lassen, denn was die auf dem Album versammelten 12 Musiker hier abliefern, ist schlichtweg grandiose Blasinstrumentalmusik. Mastermind der Super 20, der New Yorker Saxophonist Lee Hamilton, beschwört hier die klassischen Bläserklänge von Don Drummond, Rico Rodriguez, The Crusaders oder Fela Kuti herauf und verschmilzt diese Einflüsse mit modernen Sounds a la Thievery Corporation oder Quantic. Dabei überschreitet er gelegentlich die engen Grenzen des Reggae, was aber keineswegs negativ auffällt. Mal kommt Latin zum tragen, mal klingt es nach Afro Beat. Aber immer spielt das Saxophon die Hauptrolle. Neben Hamilton haben zahlreiche weitere Musiker an der Entstehung dieses Debut-Albums mitgewirkt, was auch deutlich zu hören ist, denn die Produktionen sind reich und opulent instrumentiert. Überhaupt muss betont werden, dass die Produktionen überaus gelungen sind. Sie sind ein Gemeinschaftswerk von Hamilton und dem Bostener Produzenten und Toningenieur Craig Welsch. Die Zusammenarbeit der beiden begann in den frühen Tagen von der Band John Brown’s Body, wobei Hamilton die Bläsersektion bildete und Welsh als Tontechniker fungierte. Die beiden teilen also schon seit Jahren eine gemeinsame Vorstellung davon, was sich beim Musikmachen „gut anfühlt“. Hier zeigt sich, dass Trompete, Posaune und Saxophon mit Leichtigkeit schaffen, was der Melodica verwehrt bleibt, nämlich die nötige Ausdruckskraft zu entfalten, um Instrumentalstücke anzuführen und sie locker über Albumlänge zu tragen. Kein Wunder also, dass sich das ganze Album auch für mich supergut anfühlt.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dexter Dub: From Dub to Bass

Dub ist ja bekanntlich trotz seiner minimalistischen Formel ein ziemlich wandelbares Genre. Eine sehr beeindruckende Auslotung der Grenzen bietet und der Kölner Dexter Dub mit seinem neuen Album „From Dub to Bass“ (Nippes Home Productions). Der Sub-Titel ist ein Kurzmanifest von Dexters Ansatz: „Electronic Translation of Reggae Music“. Dexter in eigenen Worten: „Zentraler Drehpunkt in meinen aktuellen Produktionen ist die Liebe zu Reggae in allen Facetten und der Versuch den Reggae-Vibe in elektronische/digitale Genres, wie Dub, Dubstep, Deep Dub, Jungle, Drum‘n’Bass oder wie man es auch immer bezeichnen will, zu übersetzen“. „Übersetzen“ ist meines Erachtens nicht der treffende Begriff, denn alle aufgezählten Genres sind ja mehr oder weniger direkte Abkömmlinge von Reggae und Dub. Aber wir wissen, was Dexter meint, und so überrascht es nicht, dass er auf „From Dub to Bass“ ein ausgesprochen buntes Potpourri fast aller Stile liefert, die unter dem Begriff „Bass Music“ subsumiert werden. Manchmal kombiniert er sogar mehrer Stile in einem Track. Wunderbar eklektizistisch das Ganze, ja fast anarchistisch – und deshalb ungemein erfrischend. Bekanntlich ist nichts wohltuender, als ein beherzter Schritt über Grenzen. Eine Wohltat, die wir Freunde des Dub uns viel zu selten gönnen. Hier haben wir die Gelegenheit dazu.

Bewertung: 4 von 5.
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Culture Horn Sound System: Dublaboratory Vol. 1

Ich bin sehr d’accord damit, Russland und russische Produkte zu boykottieren. Keine Frage. Aber wie sieht es mit dem Album eines russischen Sound Systems aus? Ich denke, hier gilt der Boykott nicht – und zwar aus drei Gründen: 1. Ein russisches Dub-Album ist per se kein kommerzielles Produkt. Es nicht zu hören, fügt der russischen Wirtschaft somit keinen Schaden zu – es zu boykottieren wäre daher sinnlos. 2. Freie (!) Kunst und Kultur dient fast immer der Verständigung von Menschen und damit dem Frieden. 3. Ich gehe fest davon aus, dass die Akteure eines russischen Sound Systems der Staatsmacht gegenüber subversiv und kritisch eingestellt sind. Daher befinden wir uns auf der gleichen Seite. Daraus folgt: Ich möchte euch guten Gewissens auf das Album „Dublaboratory Vol. 1“ (Dubophonic) vom Culture Horn Sound System aufmerksam machen. Es handelt sich dabei sicher nicht um ein Dub-Meisterwerk, aber vielleicht haben die Culture Horn-Dubheads ein wenig Solidarität der Dub-Gemeinde verdient. Das Sound System aus Kremenki in the Kaluga-Region hat hier zur Feier seines zehnjährigen Bestehens die vier besten Produktionen des eigenen Oeuvres versammelt und präsentiert sie im Dublaboratory in je zwei Versionen: als Instrumental und als Dub. Ich tippe mal auf volldigitale Produktionen, Steppers Style – aber nicht brutal. Hört mal rein und schickt ein paar Kudos in den russischen Untergrund.

Bewertung: 3 von 5.
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Nocturnal Emissions: In Dub

Oha, um ein Haar hätte ich Nocturnal Emissions als unbekannten Bedroom-Producer abgetan. Doch die Web-Recherche offenbarte ein ganz anderes Bild: Die Nocturnal Emissions gibt es seit seit 1980! Damals war es noch eine echte Rockband, die Industrial und Punk spielte. In den 1990er Jahren folgte die elektronische Phase, an die sich dann eine Minimal- und Downtempo-Phase anschloss. Es gibt in dem Oeuvre der Londoner Band (die seit etlichen Jahren nur noch aus dem Gründer Nigel Ayers besteht) sogar zwei Dub-Alben jüngeren Datums. Das nun neu erschienene Album „In Dub“ (Holuzam) präsentiert eine Auswahl von acht Tracks, die alle von diesen beiden Alben stammen. Also nicht unbedingt brandneues Material, aber dennoch ziemlich spannend, denn Nigel Ayers schert sich natürlich kein Bisschen darum, wie guter Dub zu sein hat. Statt dessen liefert er äußerst schräge Minimal-Produktionen, die ohne den eindeutigen Albumtitel wahrscheinlich kaum als Dub erkennbar wären. Mit dem Mind-Set „Dub“ jedoch lässt sich das Album als großes Experiment verstehen: Wie stark lässt sich die Musik abstrahieren, ohne die Zuordnung „Dub“ gänzlich zu verlieren? Oder anders gesagt: Wie weit lässt sich Dub reduzieren, bis er aufhört, Dub zu sein? Die erstaunliche Erkenntnis: Ziemlich weit. Doch es geht Ayers keineswegs nur um Minimalismus. Seine sparsamen Tonfolgen sind interessante Hörerlebnisse und entwickeln teils sogar einen beachtlichen Groove. Wer mal über den Tellerrand des konventionellen Dub hinaus blicken will, sollte sich den Nocturnal Emissions (den feuchten Träumen) einfach mal genussvoll hingeben.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Well Charged: Vital Dub

I Roy würde beim Anblick des Covers sagen: „Well, this guy is loaded with dynamite and now he is well charged.“
Also, zum Abschluss meiner Mighty Diamonds Dub-Trilogie kommt nun ein Album, welches auf den ersten Blick nirgends auf einen Zusammenhang mit den Mighty Diamonds hinweist. „Well Charged: Vital Dub“ (Virgin Records) war ursprünglich auf dem Well Charge Label der Hookim Brüder mit dem Titel: „Vital Dub Strictly Rockers“ erschienen, bevor es auch in England veröffentlicht wurde und einschlug wie eine Bombe.
Alleine das Cover weckte bei vielen meiner Freunde das Interesse für dieses Album und führte zu jeder Menge Spekulationen: „Der Typ hat eindeutig mehr als nur einen Zug an diesem Spliff gehabt. Der Spliff sieht aus, als wäre er gerade angezündet worden, während der Typ aussieht, als hätte er bereits drei Dübel intus….  In dem Zustand kann der noch nicht einmal mehr eine Triangel zum Klingen bringen, etc.“

Ok, zurück zum eigentlichen Thema: Die Riddims, die auf diesem klassischen Dub-Set aus dem Jahr 1976 zu hören sind, stammen bis auf eine Ausnahme vom unangefochtenen Meisterwerk der Mighty Diamonds: „The Right Time“ aka „I Need A Roof“ und schon alleine diese Verbindung hat den Ruf von „Vital Dub“ begründet. Auch wenn auf dem Album-Cover keine Band genannt wird, genügt ein kurzer Blick auf die Besetzung (trotz einiger Decknamen) und es wird offenbar, dass die Rhythmen dieses Werkes die frühen Revolutionaries eingespielt haben: Drummer Sly Dunbar, Bassist „Ranchie“ McLean (teilweise Ersatz für Robbie Shakespeare), Keyboarder Ansel Collins und all die anderen üblichen Verdächtigen werden erwähnt. Am Mischpult saßen Joseph „Jo Jo“ Hookim oder der Keyboarder Ossie Hibbert. Der Mix ist größtenteils ein geradliniger Durchlauf der Rhythmen, die bis heute immer noch unvergleichlich sind. Die solide Produktion ist eine bemerkenswerte Sammlung instrumentaler Dubs. Die Tracks sind Versionen klassischer Mighty Diamonds-Songs aus ihrer produktiven Front Line-Periode (Virgin/Caroline), darunter Dubs von „Go Seek Your Rights“ (hier präsentiert als „Cell Block 11“) und der Leidenshymne „I Need a Roof“(„Roof Top Dub“). Wie für Hookim-Produktionen typisch, sind die Dub-Arrangements idiomatisch, ohne furchtbar innovativ zu sein. Dennoch sind und bleiben die Instrumentalspuren, auf denen die Tracks basieren, Meilensteine. „Vital Dub“ ist eines der Dub-Alben, welches die Riddim-Twins Sly und Robbie etablierte. Wer einen sanften Einstieg in die Welt des Dubs sucht, könnte weitaus schlechter dran sein, als hiermit anzufangen.

Sly Dunbar erinnert sich: “When we made the riddim for ‘Right Time,’ the Diamonds weren’t in the studio. I went back to Channel One to hear the vocals and I said, ‘This is wicked.’

Der Meinung kann ich mich nur anschließen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Kanka & Art-X: Daydream

Kanka ist einer meiner Lieblinge. Eine Präferenz von mir, für die ich mich schon oft rechgtfertigen musste. Immerhin steht Kanka für sehr harten Stepper Sound, was in der Szene gerne als „seelenlos“ abgetan wird. Ich sehe das anders und schätze Kanka dafür, dass er diese maximal energetische Musik aus Bits & Bytes zusammenzucoden weiß. Auch bewundere ich seine Mixing-Virtuosität, die vor allem live absolut beeindruckend ist. Normalerweise agiert der Franzose allein. Ich stelle mir vor, wie der Dub-Nerd nachts alleine in seinem Studio sitzt und an Beats schraubt, bis seine Finger wund sind oder ihm die Ohren abfallen. Nun aber stellt er seine Musik in den Dienst des Melodicaspielers Art-X. Und plötzlich klingt auf „Daydream“ (ODGPROD) alles so sanft und kultiviert. Wo ist „mein“ Kanka geblieben? Und mal ehrlich, eigentlich ist doch klar, warum die Melodica als Kinderinstrument gilt. Ihr Klangspektrum ist wirklich extrem klein, was zwangsläufig dazu führt, dass man sich an ihrem Klang schnell satt hört. Deshalb kann ich den wenig prägnanten Melodien Art-X nicht viel abgewinnen. Kurz: Ein „normales“ Kanka-Album wäre mit lieber gewesen.

Bewertung: 3 von 5.
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The Icebreakers with the Diamonds: Planet Mars Dub

Ja, weiter geht’s mit Oldies but Goldies. Nach der Ermordung von Donald „Tabby“ Shaw im März dieses Jahres und dem wenige Tage später eines natürlichen Todes verstorbenen Fitzroy “Bunny” Simpson ist das Gesangstrio The Mighty Diamonds leider nur noch Geschichte. Die Gruppe wurde 1969 in Trenchtown gegründet und hat in den über 50 Jahren ihrer Karriere vor Zigtausend Zuschauern auf der ganzen Welt gespielt. Der plötzliche Tod der beiden Protagonisten verstärkte bei mir wieder den Willen, mich intensiver mit The Mighty Diamonds und deren frühen Dub-Alben zu befassen. Nachdem ich im Dubblog bereits „Deeper Roots (Back to the Channel)“ über den grünen Klee gelobt habe, stürzte ich mich diesmal auf „The Icebreakers with the Diamonds: Planet Mars Dub“ (Virgin Records) aus 1978. Ja, ich weiß, „Tabby“ und viele andere fanden das Song-Album „Planet Earth“, das allererste Album, welches im gerade fertiggestellten Compass Point Studio eingespielt wurde, ziemlich überproduziert. Ok, ich kenne nicht die Originalbänder und ich weiß auch nicht, was Virgin Records noch an den Aufnahmen nachbearbeitet hat. Was ich weiß ist: „Planet Earth“ und sein Dub-Pendant „Planet Mars Dub“ waren damals ziemlich leicht in gut sortierten Plattenläden – auch ohne Vorbestellung – zu finden. Möglicherweise ist das einer der Gründe, weshalb beide Alben bei mir häufig auf dem Plattenteller lagen und ich bis heute jeden darauf befindlichen Ton genauestens kenne. Das Album hat vielen Reggae-Fans den „Dub-Zugang“ erleichtert.

Wie gesagt, auf den Bahamas war gerade Chris Blackwells „Compass Point Studio“ in Betrieb genommen worden. Die Icebreakers – im Grunde ein Ableger der Revolutionaries – stellten die Backing Band, Karl Pitterson produzierte und saß am Mischpult. Karl Pitterson ist auch einer meiner Helden, dem bisher viel zu wenig Beachtung zuteilwurde. Immerhin war er an Alben wie: “Rico: Man From Wareika“; „Bob Marley & Wailers: Exodus“; „IJahman: Are We A Warrior“; „The Abyssinians: Declaration Of Dub“; „Sly & Robbie: Raiders Of The Lost Dub“ und vielen anderen Alben maßgeblich beteiligt.
Pittersons Mixings sind immer wieder erfrischend. Das Wiederhören der “Planet Mars Dubs” spiegelt den gleichen entspannten Stil wider, der auch den Mighty Diamonds nachgesagt wird. Hier allerdings mit einem anderen Ansatz, denn die Hauptantriebskräfte für jeden Mix sind Reverb, Echo und Delay. Pittersons Dub-Versions zeigen nicht nur die stimmlichen Talente des Mighty Diamonds-Trios, sondern auch die starke instrumentale Virtuosität der Icebreakers. Das Album fließt in einem perfekten Tempo von Song zu Song und auch die ständig durch den Raum schwebenden Gesangsfetzen führen nochmals deutlich vor Augen und Ohren, wie unglaublich dicht der Harmoniegesang der Mighty Diamonds auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in den späten 1970er Jahren war.
Der Gesamtsound des Albums ist unüberhörbar geprägt von Karl Pitterson, der bald für seinen raffinierten und reich produzierten Stil geschätzt werden sollte. Möglicherweise war auch die Atmosphäre in den Compass Point Studios eine Oase der Entspannung, im Vergleich zum damaligen politischen Pulverfass Kingston. Wie auch immer: “Planet Mars Dub” schafft es ziemlich erfolgreich, straffe Gesangsharmonien und starke musikalische Begleitung mit (damals) modernster Dub-Technik zu kombinieren.

Noch eine Anmerkung: „Planet Earth“ und „Planet Mars Dub“ sind ziemlich merkwürdige Kapitel in der Geschichte der Mighty Diamonds. Die Icebreakers werden auf der “Planet Mars Dub” zuerst genannt und “The Mighty Diamonds” werden einfach als “Diamonds” aufgeführt. Man spricht von rechtlichen Gründen.

Bewertung: 4 von 5.