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Zion Train: Dubs of Perception

Der Auftakt von „Dubs of Perception“, dem neuen Album von Zion Train, ist ein kalkulierter Schock: Aus dem Nichts hallen archaisch anmutende Stammesgesänge, roh, ungestimmt, wie eine Beschwörung am Lagerfeuer. Kaum hat man sich auf diesen pseudoethnografischen Trip eingelassen, wuchtet ein monotoner Sub?Bass heran, so dick und stoisch, dass er die Stimmen beinahe verschluckt. In der nächsten Minute prallen diese beiden Pole immer wieder aufeinander?–?ein zeremonielles Echo und eine tieffrequente Wucht, die zusammen eigentlich nicht funktionieren dürften. Dann ein Break. Klangebenen verzahnen sich und der eigentliche Dub beginnt, der weder Roots?Tradition noch Club?Schema bedienen will. Genau in diesem Moment wird klar, welches Spiel hier gespielt wird: Erwartung erzeugen, Erwartung zerreißen, Kontrast auf Maximum, und dann alles in einen neuen Kontext bringen.

„Ich habe dieses Mal bewusst einen anderen Ansatz gewählt.“ erklärt Neil Perch, Produzent und treibende Kraft hinter Zion Train. „Im Studio habe ich geplant, neue Technologien mit alten, fast schon vergessenen Methoden zu verbinden. Ich wollte wieder zurück zu den Wurzeln des Live?Dub?Mixings – mit einem 40?Jahre alten, restaurierten 32?Kanal?Analogpult. Dieses Mischpult hat Geschichte, es war zum Beispiel in den legendären Music?Works Studios auf Jamaika im Einsatz.“

Trotzdem klingt das Album keineswegs museal, sondern überraschend gegenwärtig. „Gleichzeitig habe ich aber moderne Effekte integriert, wie das Zen?Delay und eine neue Version des Roland?TB?303 – das ist die klassische Acid?House?Bassmaschine. Diese Kombination aus Alt und Neu macht den Sound des Albums aus.“ In den tiefen Frequenzen brummt also Vergangenheit, darüber flirrt das „Hier und Jetzt“, gestützt von Cara?Jane?Murphys (sehr sporadischen) Gesangslinien, Roger?Robinsons Spoken?Word?Akzenten und der energiegeladenen Zion?Train?Bläsersektion. Gastmusiker wie Paolo?Baldini oder die Veteranen Trinny?Fingers und Blacka?Wilson füllen das Klangbild mit einem Selbstverständnis, das nur entsteht, wenn Studio?Sessions noch echtes Zusammenspiel bedeuten.

Das zentrale Prinzip des Albums bleibt jedoch die Unvorhersehbarkeit: „Beim analogen Mixing ist alles impulsiv.“, sagt Neil. „Ich stelle den Mix grob ein, wähle die Effekte – aber ab dem Moment, wo ich auf Play drücke, ist es reine Improvisation. Da kannst du nichts mehr durchplanen. Du folgst einfach dem Vibe, und das bringt Seiten meines künstlerischen Charakters zum Vorschein, die bei komplett durchdachten Produktionen nie auftauchen würden. Genau das macht die Arbeit spannend. Auch nach über 35?Jahren überrascht mich dieser Prozess immer wieder selbst.“ Diese Haltung spürt man in jedem Stück. So zum Beispiel in „Travelling“, das mit einem Burning Spear-Sample beginnt und dann zu einem 303-Gewitter wird, als wolle die Maschine die Grundfesten des Subwoofers testen. Dann gesellt sich eine liebliche Flötenmelodie hinzu – schräger lassen sich Dubs kaum komponieren. Dass diese Ästhetik nahtlos an „Siren“ anknüpft, bestätigt Neil: „Es gibt eine klare Verbindung zu meinen frühen Sachen. Damals in den 90ern habe ich viel mit Acid?House?Maschinen gearbeitet. Auf dem Album „Siren“ hatte ich sie dann zum letzten Mal eingesetzt. Jetzt bin ich mit meinem Equipment wieder in diese Richtung zurückgegangen. Vor allem, weil ich diesen Klang liebe?–?aber auch, weil mich das, was ich in den letzten fünf bis acht Jahren in der Dub?Szene gehört habe, ziemlich gelangweilt hat. Ursprünglich mochte ich Dub, weil er im Vergleich zum Reggae spannend war. Reggae wurde meiner Meinung nach schon in den 1990ern langweilig und ist es bis heute. Also wandte ich mich Dub zu, weil er in den Achtzigern und Neunzigern noch aufregend war: neue Ideen, neue Technik, viele neue Gruppen. Doch während sich das Dub?Virus verbreitete?–?was einerseits großartig ist, weil nun die ganze Welt Dub hört?–?wurde die Musik für mich irgendwann ebenfalls langweilig.“ beschreibt Neil seine musikalische Entwicklung. „Technologisch versuche ich beim Musikmachen stets, mich weiterzuentwickeln, anzupassen und zu erneuern. Mich motiviert vor allem: Klänge zu erschaffen, die nicht ständig auf die heutige Dub? und Reggae?Sprache zurückgreifen – denn die empfinde ich als vollkommen vorhersehbar, kommerziell und uninspirierend. Zu viel Musik klingt exakt gleich, ist voller Klischees, kultureller Aneignung und falsch verstandener Konzepte – all das meide ich konsequent.“

Mit „Dubs?of?Perception“ liefert er nun Material, das diesem Dub-Mainstream zuwider läuft – Tracks, die sich nicht in einem simplen Steppers-Beat erschöpfen, sondern sich erst durch wiederholtes Hören erschließen.

Gerade darin liegt die Stärke des Albums: Es fordert Zuhören, ohne sich der Tanzbarkeit zu verweigern. Die Live?Erfahrung der Band – 2024 erneut auf Bühnen von Mexiko bis Kroatien erprobt – scheint ins Studio hineinzuwirken. Modulationen, Delays und abrupt gesetzte Breaks erinnern an jene Momente, in denen Neil während eines Konzerts den Hallfader hochreißt, bis der Raum nur noch aus Echo besteht. So schafft „Dubs?of?Perception“ das Kunststück, gleichzeitig Rückschau und Zukunftsentwurf zu sein. Die handwerkliche Sorgfalt, mit der Neil seine Tracks komponiert, verbindet sich mit der Lust am Risiko, neue Verbindungen zu knüpfen und Mainstream-Pfade zu verlassen. Wenn Dub heute oft wie ein Genre klingt, das seine eigenen Rituale endlos wiederholt, legt Zion?Train genau dort den Hebel an: Neil nimmt das Ritual ernst, aber er variiert es – und zwar so radikal, dass man am Ende eines Tracks das Gefühl hat, eine vertraute Sprache neu gelernt zu haben. Wer wissen will, wohin sich Dub jenseits der gängigen Steppers?Schablonen bewegen kann, findet hier eine faszinierende und überaus leidenschaftliche Antwort.

Bewertung: 5 von 5.

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Perfect Giddimani & Sinky Beatz: Sibusiso in Dub

Würde ich Gesang im Reggae mögen, wäre Perfect Giddimani mit Sicherheit einer meiner Favoriten – der Mann hat’s drauf: Er kann nicht nur singen (sprich: er trifft Töne und hat Phrasierung und Atemtechnik drauf) und gibt den DJay vortrefflich; vor allem kann er auch feine Texte und eingängige Hooklines schreiben. Gut, hin und wieder passieren ihm Schreianfälle, über die man mal geflissentlich hinwegschauen bzw. hinweghören kann. Ein gutes Händchen beweist Perfect Giddimani jedenfalls bei der Auswahl seiner Produzenten bzw. bei der Auswahl seiner Backing-Tracks – etwa von House of Riddim oder Irie Vibrations.

Bild © Victor Gallardo / https://sinkybeatz.com

Diesmal hat sich Perfect Giddimani für die Zusammenarbeit mit Victor Gallardo aka Sinky Beatz entschieden – einem spanischen Musikproduzenten und gelerntem Jazz-Musiker, der sich eigenen Angaben nach auf Roots Reggae und Dub spezialisiert hat. Das gelingt ihm recht gut und jedermann kann seine Riddims für wohlfeile 49 bzw. 99 US$ via seiner Website erstehen. So könnte das auch Perfect Giddimani für sein aktuelles Album „Sibusiso (Blessings)“ gehandhabt haben – es ist allerdings davon auszugehen, dass die Zusammenarbeit doch tiefer geht. Sinky Beatz veröffentlicht seine Riddims übrigens auch auf den diversen Streaming-Plattformen – es stellt sich freilich die Frage, warum? So eintönige, durch weiche Keyboard-Teppiche eingeschmalzene Instrumentals sind für den versierten Hörer nicht unbedingt attraktiv und zählen definitiv zur Kategorie Hintergrundmusik. Dass das auch anders geht, hat das letztjährige Album „Dubphilia“ bewiesen – eine angenehm zu hörende Sammlung feiner Dub-Tunes mit eingängigen Basslines und dem rechten Maß an Dynamik. Was da echt instrumentiert ist und was Samples bzw. AI zu verdanken ist, sei dahingestellt; das Album ist jedenfalls empfehlenswert – unter anderem, weil dort mit den Keyboard-Layers eher sparsam umgegangen wird.

Gleiches gilt für das eben erschienene „Sibusiso in Dub“ (Giddimani Records), dem Companion-Album zu Perfect Giddimani’s „Sibusiso (Blessings)“. Solide von Sinky Beatz produziert, punktet es mit erstklassigem Sound und wunderbar eingebetteten Dub-Effekten; auch hat man nicht vergessen, viele Hooklines im Mix zu belassen. Einzig und allein der überstrapazierte Bass-Soundeffekt hätte etwas sparsamer eingesetzt werden könnte. Wir kennen ihn von den Mad Professor-Mixen, wo er als sein USP gesehen werden kann. Allerdings hat der Professor es nie geschafft, ihn so schön und perfekt wie Sinky Beatz in den Mix zu integrieren.

Ist „Sibusiso in Dub“ also Roots-Dub at it’s best? Nein, aber ziemlich nahe dran. Etwas weniger Perfektion hätte dem Album vielleicht gutgetan – von allzu viel Schönheit hat man bald mal genug. Nichtsdestotrotz einen Daumen hoch für diese Produktion… und ich bin hin und wieder stark versucht, auch den zweiten Daumen anzuheben. 

Bewertung: 4 von 5.
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Scientist Meets Blanc du Blanc: Before the Beginning

Blanc du Blanc, wer ist das denn? Ich muss zugeben, dass ich diesen Bandnamen noch nie gehört habe, obwohl sie in den letzten Jahren zwei sehr empfehlenswerte Alben („The Blanc Album“; „Regatta du Blanc du Blanc“) und eine EP („Wind of Change“) veröffentlicht haben. Die Band arbeitete bei „Wind of Change“ – der Scorpions-Ballade – sogar mit dem legendären Lee „Scratch“ Perry zusammen und segelten trotzdem unter meinem Radar. Blanc du Blanc ist ein Heteronym. Zum einen ist es eine imaginäre Figur, die derzeit mit Umhang und Maske auftritt. Zum anderen ist es auch das Gesicht einer Gruppe von wechselnden Musikern aus New Jersey, die sich einer einfachen Charakterisierung widersetzen und sich selbst als „created by an undercover artist, working as an agent for Monrovia“ beschreiben.
Es handelt sich um eine Gruppe von Musikern, um Mastermind und Bandleader Chris Harford. Sie agieren live maskiert im Verborgenen und haben Verbindungen zu Bands wie Morphine, Bad Brains und JRAD. Chris Harford ist definitiv kein unbeschriebenes Blatt und wahrlich ein Tausendsassa der amerikanischen Musik- und Kunstszene. Er ist Sänger, Songwriter, Gitarrist und Maler und hat seit 1992 eine Reihe von Alben mit seiner Band „Band of Changes“ veröffentlicht.

In der Welt des Dub / Reggae verlassen sich Musiker und Produzenten normalerweise in der Regel stark auf alte und analoge Geräte und Techniken. Nicht so bei Blanc du Blanc. Im Gegensatz zu den jüngeren Veröffentlichungen anderer Bands, die fast schon historisches Equipment verwenden, ist das Album „Before the Beginning“ eindeutig im digitalen Zeitalter entstanden und erinnert teilweise an modernere Produzenten wie Bill Laswell.

Kommen wir nun zum eigentlichen Objekt der Begierde: Das Projekt „Scientist meets Blanc du Blanc: Before the Beginning“ (Soul Selects Records) ist nicht nur das Aufeinandertreffen zweier genialer Künstler – es ist der Zusammenprall von Welten, Frequenzen und Zeitlinien. Scientist, der Dub-Pionier, der den Sound von Generationen geprägt hat, nimmt die Spektraltransfers von Blanc du Blanc und verwandelt sie in etwas Irdisches und doch Kosmisches. Er lässt jenseitige Klänge auf tief verwurzelte jamaikanische Tradition treffen. Scientist ist in seinem Element und liefert, was das Dub-Herz begehrt: Hypnotische Delays, interstellare Reverbs und fette Basslines, die durch die Galaxien schwingen. Sie bilden ein Portal zu einer neuen Dub-Dimension, in der die Echos der Vergangenheit auf die Zukunft des Sounds treffen. Scientist vermischt analoge Wärme mit experimentellem Drift und nimmt uns mit auf eine Klangreise durch Raum und Zeit. Er erkundet Frequenzen, bei denen die Bässe wie kosmische Wellen vibrieren.
Dabei bleiben Scientists Markenzeichen, das Live-Mixing und die Konzentration auf den Klang. Und diese sind durchgängig präsent, was von abstrakteren Beiträgen von Blanc du Blanc überlagert wird. Traditionelle Dub-Motive werden durch gefilterte Synthies, Ambient-Texturen und subtile Dissonanzen ersetzt. Hier geht es definitiv nicht um den Rhythmus, sondern um die Stimmung. Die Struktur weicht definitiv einem tonalen Drift. Für mich steht fest: Das ist Musik zum Abhängen und Treibenlassen.

Bewertung: 4 von 5.
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Gladiators: Roots Natty

Obwohl die Karriere der Gladiators mehr als 40 Jahre umspannte, standen sie meines Erachtens nicht in der ersten Reihe der Jamaikanischen Vokal-Trios. Dennoch haben die Gladiators die Entwicklung der jamaikanischen Musik von Rocksteady über Roots bis hin zum modernen Reggae souverän gemeistert. Wie viele Bands hatten auch sie ihre Blütezeit von Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre.

Mit der Veröffentlichung von „Gladiators: Roots Natty“ (Tabou1) zum Record Store Day erhalten Reggae-Fans eine schöne Zusammenstellung einiger ihrer frühen Stücke aus der Blütezeit der Roots-Ära, als Tony Robinson noch Produzent der Gladiators war. Einzige Ausnahme ist der Opener „Give Thanks And Praise“ – eine seltene Yabby You-Produktion. Die Lead Vocals stammen von Clinton Fearon und auf dem nahtlos anschließenden Toast ist der im April 2021 verstorbene DJ Trinity a.k.a. Junior Brammer zu hören. Die meisten der 11 Tracks auf „Roots Natty“ sind seltene jamaikanische Singles und Maxis, die bisher weder auf LP noch digital erhältlich waren. Auf dem Album sind noch die Originalmitglieder Albert Griffiths, Clinton Fearon und Gallimore Sutherland zu hören. Insgesamt repräsentiert „Roots Natty“ die Essenz feiner, zeitloser jamaikanischer Musik. Die Compilation enthält zweifellos das eine oder andere Stück, das man so noch nie gehört hat. Die meisten kennen sicherlich „Jah O Jah O“, einen der mitreißendsten Tracks des Albums, mit seiner dreckigen, fetten Bassline und dem sofort wiedererkennbaren Refrain. Weniger bekannt dürften die Dub-Version von „Till I Kiss You“ oder die Ganja-Hymne „Light Up Your Spliff“ sein. Mit insgesamt nur 11 Tracks ist „Roots Natty“ etwas kurz geraten, aber mir gefällt alles an dieser Veröffentlichung. Großartiger Gladiators-Gesang, dazu einige Bonus-Dubs von „Give Thanks“ und „Nyabinghi Marching“. Alles bisher unveröffentlichte Aufnahmen, extended Versions und jamaikanische Mixe, die angeblich härter, dreckiger und basslastiger klingen als das, was für den Rest des westlichen Musikmarktes produziert wurde.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Aufnahmen, die ursprünglich nur in kleinen, exklusiven Auflagen auf Jamaika veröffentlicht wurden, die ungeschönte, authentische Energie der Gladiators vorbildlich repräsentieren.

Bewertung: 4 von 5.
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Zion I Kings: Live Free

Bei den Zion I Kings weiß man nicht so recht, was man von den Herrschaften halten soll. Diese Kings sind – wir erinnern uns – die vereinigten Protagonisten der Zion High, I Grade und Lustre Kings-Produktionsställe. Viel mehr mag man darüber nicht sagen; Näheres kann man den diversen dubblog.de-Kritiken früherer Zion I Kings-Releases entnehmen – wobei man sich da nicht allzu viel Bemerkenswertes erhoffen darf. Diese Kritiken beziehen sich naturgemäß lediglich auf deren Dub-Alben; der Hauptaugenmerk der Kings liegt hingegen auf den Vokal-Produktionen für Akae Beka bis Protoje – zumindest legt das die Anzahl der Vocal-Releases nahe. Dabei finden die Produzenten schon mal den einen oder anderen ihrer eigenen Tracks so cool, das sie ihm ein Dub-Treatment gönnen. Das hat noch bei Stücken ihrer Dub Album-Premiere, „Dub in Style“ bestens funktioniert – auch, weil man das Produkt als Vermächtnis von Style Scott sehen kann. Dann ging’s leider bergab, wobei mit dem völlig überproduzierten und sinnfreien („ich leg‘ jetzt mal ein Sammelsurium an asiatischen Instrumenten d’rüber“) Instrumental/Dub-Album „Kung Fu Action Theatre“ von Christos DC wohl der Tiefpunkt erreicht wurde. Wesentlich besser das für Protoje eingespielte „In Search of Zion“-Album: Hier wurden Roots-Tracks rund um die Vocals von Protoje‘s „In Search of Lost Time“-Release geschmiedet und die Dubs dazu gleich mitgeliefert. Und es zeigt sich: Es sind die Vocal-Snippets, insbesondere Protoje’s Hook-Lines, die diesen Dubs Character und Wiedererkennbarkeit geben. Ohne die hätten wir’s wohl mit gesichtslosem Dub-Einheitsbrei zu tun.

Was uns direkt zum aktuellen „Live Free“-Album (I Grade Records) der Zion I Kings bringt. Was soll man dazu noch sagen außer „Sind das Instrumentals oder Dubs oder kann das weg?“ Gleich vorab: Die Tracks sind wie immer superb, sprich makellos, produziert – so sauber, dass man sich geradezu Ecken und Kanten herbei wünscht – oder irgend etwas, dass die Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchte. Das bleibt freilich Wunschdenken: Alles ist schön ausgewogen, da stört nichts, quasi eine perfekt runde Sache – schmeckt aber auch fade wie eine Kaffeebohne durch drei Liter Wasser geschossen. Man darf sich auch diesmal getrost die Frage stellen: Ist das schon Fahrstuhlmusik oder fehlen da lediglich die Vocals, um die Produktion noch auf Spur zu bringen? Der Kunde möge entscheiden.

Bewertung: 3 von 5.

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Zulu Vibes: Friendly Melodies

Es gibt Alben, die man auflegt und sofort in eine positive Stimmung eintaucht – „Friendly Melodies“ (Zulu Vibes) von Zulu Vibes ist genau so eines. Ich wusste schon nach den ersten Takten, dass mich dieses Album länger begleiten würde. Der französische Produzent, der 2018 mit „Silver Wind“, dem Debütalbum von Youthie, erstmals für Aufsehen sorgte, hat hier etwas geschaffen, das nicht nur gut klingt, sondern sich auch gut anfühlt. Die Tracks sind warm, lebendig und voller Spielfreude – man spürt, dass hier jemand mit echter Liebe zu Reggae und Dub am Werk war. Der Sound von „Friendly Melodies“ hat eine wohltuende Lebendigkeit und Fröhlichkeit. Vielleicht liegt es an der Art, wie die Arrangements atmen, wie jedes Instrument seinen Raum bekommt oder daran, dass der Mix einfach so organisch klingt. Hier wird Dub nicht einfach nur produziert – hier wird er „gespielt“. Das Album hat einen Groove, der der sich aus vielen kleinen Details nährt, Details, die man erst nach mehrmaligem Hören entdeckt. Ich ertappe mich dabei, wie ich das Album in meiner Mediathek unwillkürlich immer wieder anklicke und abspiele. Vielleicht liegt das auch an der Vielseitigkeit der 12 Tracks. Jeder davon bringt eine neue Facette ins Spiel – mal treibend und energiegeladen, mal entspannt und meditativ. Die Dub-Mixes sind fein abgestimmt und sorgen für eine zusätzliche Tiefe, ohne sich in Effekthascherei zu verlieren. Manche Dub-Alben klingen nach Studioarbeit – durchdacht, aber auch etwas distanziert. Friendly Melodies ist anders. Es fühlt sich an, als wäre man direkt dabei, als würde die Musik in einem Raum voller Instrumente und frischer Ideen entstehen. Wer auf Dub steht, der geerdet und gleichzeitig frisch klingt, wird hier definitiv fündig. Ein Album, das nicht nur für gute Vibes sorgt, sondern auch immer wieder neue Nuancen offenbart – und seinem Titel absolut gerecht wird.

Bewertung: 4 von 5.
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Danubian Dub: Red Horizon und Beyond Horizon

Dub aus der kleinen Alpenrepublik Österreich ist nicht gerade an der Tagesordnung. Umso schöner, dass Danubian Dub soeben gar ein Doppelalbum mit 22 Tracks veröffentlicht hat. Wobei: Das Doppelalbum sind eigentlich zwei Alben: „Red Horizon“ und „Beyond Horizon“ (beide Danubian Dub Records), die gleichzeitig erschienen sind und in etwa das gleiche bieten: Steppers-Dub gemischt mit Vocals. „Beyond“ ist dabei nicht einfach nur die Dub-Version von „Red“ – obgleich es einen ausgeprägteren Härtegrad hat. Insgesamt geht es bei beiden Alben nicht um bahnbrechende Experimente, sondern um solides Handwerk, technische Brillanz und ein tiefes Verständnis für die Soundsystem-Kultur. Und dann wäre da ja noch die schiere Menge an Tunes! Ein beeindruckender Beweis für die immense Produktivität des Produzententeams, das nicht nur im Studio aktiv ist, sondern auch mit eigenen Events und dem selbst organisiertem Dubstetten-Festival in der Szene aktiv ist. Schon der Opener „Armageddon“ auf Red Horizon hat mich beeindruckt. Der Track basiert auf einer zufällig aufgenommenen aramäischen Chorpassage aus einer Kirche. Genau diese Art von Detail macht Danubian Dub aus: Sie verarbeiten spontane Inspirationen und lassen sie in ihre Produktionen einfließen. Das Album schließt mit „Where Have You Been“, einer persönlichen Vocal-Nummer mit Tom Spirals, die nicht nur musikalisch, sondern auch emotional nachhallt. „Beyond Horizon“ setzt das Konzept fort und bringt 11 Stücke massiver Steppas-Vibes, mit starken Gastbeiträgen von Kol.EE aka King D, Amando Atodos und natürlich den Danubian Dub-Sängern FerdI und Dave. Der letzte Track „Poverty“ ist ein kraftvolles Statement gegen soziale Ungleichheit. Sehr schön! Soundtechnisch ist das Album herausragend. Die Produktionen sind druckvoll, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und zeigen, dass Danubian Dub ihr Handwerk perfekt beherrschen. Es ist ein Album, das nicht nur auf großen Sound Systems funktioniert, sondern auch in einer ruhigen Umgebung seine Wirkung entfaltet. „Red Horizon“ und „Beyond Horizon“ sind zwar keine Alben, die Dub neu erfinden – aber sie sind eine beeindruckende Demonstration davon, was solide Produktion und Hingabe an das Genre bewirken können.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Slimmah Sound: Dub Foundation

Mit „Dub Foundation“ (Slimmah Sounds) präsentiert Tim „Slimmah Sound“ Baumgarten ein neues, äußerst schönes Dub-Album. Der niederländische Drummer und Produzent, dessen Wurzeln im Roots- und Dub-Reggae verankert sind, beweist mit diesem Werk erneut seine handwerkliche Präzision und kreative Vision. Sein Stil, der live eingespielte Instrumente mit digitaler Produktion verbindet, klingt reifer denn je und trägt eine spürbare Tiefe in sich, die sich durch alle Tracks zieht. „Dub Foundation“ ist (einmal mehr) eine Hommage an die goldene Ära des Roots Reggae. Die schweren Basslines und die klar strukturierten Riddims erinnern an die Großmeister der 70er und 80er Jahre – Sly & Robbie, Yabby You oder Linval Thompson –, doch gleichzeitig bringt Slimmah Sound moderne Produktionsweisen ein, die seine Musik im aktuellen Sound System-Vibe verorten. Einflüsse von Zion Train, Vibronics und Alpha & Omega sind klar erkennbar. Jetzt wird es kompliziert: „Dub Foundation“ ist die Dub-Version von „INI Foundation“ – was allerdings ein Showcase-Album mit 12 Tracks ist. Fünf der sechs Dubs auf diesem Album, finden sich nun auf „Dub Foundation“ wieder. Klingt nach keinem gute Deal, allerdings erscheint mir der Sound auf dem „kleinen“ Album viel besser. Die Tracks auf „Dub Foundation“ entfalten sich langsam, lassen Raum für Echo, Hall und fein abgestimmte Dub-Arrangements. Besonders beeindruckend ist die rhythmische Struktur der Dubs, die immer spannend bleibt. Zudem ist der klassische Dub-Mix hervorragend gelungen – er erzeugt eine fast magische Wirkung. Besonders beeindruckend ist die Detailverliebtheit, mit der Tim Baumgarten klassische Dub-Techniken einsetzt, ohne in einen Retro-Habitus zu verfallen. Der Sound ist warm, tief und organisch, jedes Element hat seinen Platz und trägt zur Gesamtwirkung bei. Die Verschmelzung von Analog-Feeling mit digitaler Präzision ist zweifellos besonders gelungen. Allerdings ist das Album mit nur fünf Tracks recht kurz geraten. Wer mehr möchte, sollte zu „INI Foundation“ greifen, das neben den Dub-Versionen auch die Vocal-Interpretationen von Idren Natural enthält.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Wavestate Project: Dubocracy

Regelmäßig tauchen Dub-Alben scheinbar aus dem Nichts auf. „Dubocracy“ (Dave Meeker) von The Wavestate Project ist genau so ein Fall. Plötzlich ist es da – mit einem ansprechenden Cover, einem Titel, der zur aktuellen Weltlage passt, und neun Tracks, die sich spontan in meine Wahrnehmungssphäre gedrängt haben. Die Recherche zur Urheberschaft des Werkes fördert spärliche offiziellen Informationen zutage, laut derer das Album die Fusion von Reggae, Dub und Acid-Synthesizern erforscht, um eine neue Klanglandschaft zu erschaffen. Klingt nach einem generischen ChatGPT-Textchen. Also bleibt nichts anderes, als genau hinzuhören. Ein erster Verdacht drängt sich auf: Hat hier jemand sein neues Spielzeug ausprobiert? Immerhin gibt es von Korg einen Synthesizer mit dem Namen „Wavestate“. Und tatsächlich, der zweite Track klingt direkt so, als hätte The Wavestate Project einfach mal drauflosgespielt – dominante Synthie-Sounds, etwas holpriger Rhythm. Doch dann ändert sich das Bild schlagartig: Plötzlich sind da wunderbar produzierte Dub-Tracks, die alle Register des Genres ziehen. Entweder hat der Produzent eine steile Lernkurve hingelegt, oder hier ist doch ein erfahrener Dub-Nerd am Werk. Aber lassen wir die Spekulationen. Entscheidend ist, was hinten rauskommt – und das überzeugt. Die Reggae-Rhythmen sind tight produziert, der Sound ist satt und sauber, die Dub-Mixes spannend. Die Musik strahlt eine helle, beschwingte Grundstimmung aus, die sofort gute Laune verbreitet. Das prägende Element des Albums ist jedoch in der Tat zweifellos der Synthesizer. Doch keine Sorge – hier gibt es keine nervigen Flächen oder ausufernde elektronische Spielereien. Der Korg-Synth übernimmt vielmehr die Rolle des Lead-Instruments und fügt sich ganz bescheiden und harmonisch in das Gesamtbild ein. Er bleibt zwar immer als Synthesizer erkennbar, aber er stellt sich ganz in den Dienst markanter, schöner Melodien, die weit über das generische Gedudel hinausgehen, das man von manchem „echten“ Live-Leadinstrument im Dub kennt. Das Resultat: Dub-Songs, die fast zum Mitsummen einladen. „Dubocracy“ ist kein Album für Dub-Puristen, die ausschließlich nach klassischen Klängen suchen. Aber für alle, die Dub mit offenen Ohren genießen bietet es eine spannende und erfrischende Hörerfahrung. Ein Album, das gute Laune macht – und das ist ja schon viel Wert.

Bewertung: 4 von 5.

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Mr. Woodwicker: Under My Voodo

Es ist fast ein Fluch, über aktuellen Dub zu schreiben. Wie beneide ich all jene Musikjournalisten, die sich mit bekannten Hip-Hop- oder Pop-Artists befassen dürfen! Artists also, die ein umfangreiches Oeuvre vorweisen, zu denen es zahllose Interviews, Feuilleton-Artikel oder sogar handfeste Skandale gibt – kurz: über die es eine Menge zu erzählen gibt. Ich hingegen durchforste spärliche Bandcamp-Biografien oder stolpere über lieblos gepflegte Instagram-Accounts. Das Konzept „Website“ mit umfassender Discographie und detaillierter Künstlerbiografie? Offenbar ein Relikt vergangener Zeiten. Bleibt also nur die Musik. Doch seien wir ehrlich: So groß die experimentellen Freiräume im Dub auch sind, neunzig Prozent der Produktionen unterscheiden sich nur in Nuancen voneinander. Ich sitze dann vor meinem Mac und frage mich: Was kann ich noch über diese Musik schreiben, das ich nicht schon tausendmal gesagt habe? Und während ich grüble, schweifen meine Gedanken ab – in (selbst-)kritische Reflexionen wie diese hier, die letztlich auch nirgendwohin führen. Tragisch. Warum dieser Exkurs? Weil „Under My Voodoo“ (Mr. Woodwicker Records) von Mr. Woodwicker wieder so ein Fall ist. Bei Bandcamp erfahre ich nur „Udine, Italy“ und eine nichts sagende Randnotiz, dass seine Musik vom Dub der 1970er inspiriert sei. Welch bahnbrechende Erkenntnis! Viel mehr kann ich euch also nicht über diesen Künstler berichten – außer, dass sein Album „Under My Voodoo“ wirklich schöner Dub ist. Ja, er atmet den Geist der 70er, ist aber soundtechnisch auf modernem Niveau produziert. Handgemixte Dubs, satte Bässe, Riddims, die vertraut klingen – aber keine Remakes sind. Aber hey – am Ende ist der dubblog doch nichts anderes als eine kompetent kuratierte Dub-Ausstellung. Ihr habt den Albumtitel, also ab zu Spotify, Bandcamp oder wo auch immer ihr eure Musik hört. Viel Spaß dabei!

Bewertung: 4 von 5.