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Gladiators: The Time Is Now Discomixes

Die Gladiators gehören zweifelsfrei zum Urgestein der Reggaehistorie und ihre musikalischen Wurzeln lassen sich bis in Clement „Sir Coxsone“ Dodds Studio One zurückverfolgen. Meine erste Begegnung mit deren Musik war erst Mitte der 1970er. Ihr damaliger Produzent Tony Robinson hatte einen Deal in Europa klargemacht und so erschienen die ersten (regulären) Alben der Gladiators bei Virgin Records. Am 15.12.2020 verstarb Albert Griffiths 74-jährig nach langer Krankheit an Parkinson. Der Kopf des Trios mit klassischen Harmonie-Vocals à la Wailers, Culture, Abyssinians, Israel Vibration, Meditations, Mighty Diamands etc. hat das Erscheinen der „Gladiators: The Time Is Now Discomixes“ (Tabou1) noch erlebt und ich kann mir vorstellen, dass er sich sehr über das Endresultat gefreut hat. Dartanyan „GreenLion“ Winston, ein junger amerikanischer Soundtüftler Anfang 30 aus Ohio, hat sich ein paar Titel aus dem beinahe unerschöpflichen Repertoire der Gladiators ausgesucht und wunderbar klassisch anmutende Discomixes geschaffen. Acht Originalsongs werden gekonnt dekonstruiert und mit einer Tonne Energie, Studio- und Mischpult-Zauberei wieder rekonstruiert. Dartanyan „GreenLion“ Winston zieht alle Register und liefert ein wunderbar sprudelndes Klangbad aus Vocals, Echo, Hall und Delay. Meine Highlights, der auf acht Minuten ausgedehnten Titel, sind: „Fussing and Fighting“ – ein Marley Song, bei dem am deutlichsten wird, wie sehr Albert Griffiths‘ Stimme der von Bob Marley ähnelte – und „Dreadlocks your Time is now“ natürlich. Das Album-Cover erweckt den Eindruck, als wäre es unter Einfluss psychoaktiver oder eher noch halluzinogener Stubstanzen in der Hippie-Ära entstanden. Auch wenn ich eine etwas andere Songauswahl getroffen hätte, ist „The Time Is Now Discomixes“ im Nachhinein eine wunderschöne Hommage an die wundervollen Gladiators, die unverdientermaßen immer etwas im Abseits der ganz großen Vocal-Trios standen.

Bewertung: 5 von 5.
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Jallanzo: Dubbin’ It & Luvin’ It

Da heißt es immer, in Jamaika stünde Dub kurz vor dem ableben. Aber dann zuckt der Intensivpatient doch noch immer mal wieder und versetzt alle anwesenden in helle Aufregung. Zuletzt geschehen bei Teflon Zincfences Album „Dub Policy“. Nun geht wieder eine Schockwelle durch die Intensivstation: Jallanzo veröffentlicht mit „Dubbin’ It & Luvin’ It“ ein großartiges Dub-Album made in Jamaica. Jallanzo?? Ich kannte seinen Namen bisher noch nicht, wohl aber seine Musik, denn der Multiinstrumentalist, Songwriter, Sänger und Dub-Produzent spielte noch vor wenigen Jahren bei der Dubtonic Kru, deren Musik ich sehr zu schätzen wusste. Nun also ein Solo-Projekt – und das in Form eines Dub-Albums! Keine Ahnung, wer hier die Tracks eingespielt hat, ob sie Zweitverwertung sind oder von vornherein als Dubs geplant waren. Ich weiß nur: Sie klingen atemberaubend. So crisp, druckvoll und dynamisch, dass sie schon ein Genuss wären, selbst wenn wenn es nicht dieses perfekte Timing, die schönen Melodien, die ausgeklügelten Arrangements und den inspirierten Mix gäbe. Hier stimmt einfach alles – außer das häßliche Cover. Ein Grund, auf das Vinyl zu verzichten. Der Titel des Albums stammt übrigens von einem Zitat Jallanzos: „Music is my life, my life is my music and I am dubbing it and loving it”. Seit er 13 Jahre alt war, verschreibt sich Jallanzo der Musik. Er arbeitet vor allem als Studiomusiker und ist auf den Produktionen vieler namhafter Artists zu hören. Hoffen wir mal, dass wir seine Musik in Zukunft auch ohne Vocals im Vordergrund werden genießen dürfen.

Bewertung: 5 von 5.
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Dub Spencer & Trance Hill: Black Album

Die Zürcher Dub-Combo Dub Spencer & Trance Hill ist im dubblog ein regelmässiger Gast. Ihre Alben heimsen in der Regel 5 von 5 Sternen ein, also die Höchstbewertung. Wenn einen nun ein Bekannter via Twitter auf ein „bislang offiziell unveröffentlichtes, nur einem kleinen Kreis bekannten“ Werk hinweist, das auf Youtube aufgetaucht sei, wird man natürlich hellhörig. Seit September 2020 ist das „Black Album“ dort offenbar online und hat bis dato gut 800 Hörerinnen und Hörer erreicht. Ist also ein Insider-Tipp geblieben und hat dafür umso mehr Fragen aufgeworfen. In der Tat: Was hat es mit diesem „Black Album“ auf sich?

Band-Bassist und -Manager Marcel „Masi“ Stalder bringt auf Anfrage Licht in die Sache. Um den Zeitpunkt von „Riding Strange Horses“ (2010) habe Nicolai Beverungen für sein Plattenlabel Echo Beach – wo auch Dub Spencer & Trance Hill ihre Sachen veröffentlichen – die Idee eines Echo-Beach-Jubiläumsalbums gehabt mit verdubbten Versionen bekannter Songs, zu dem auch die Zürcher einen Beitrag leisten sollten. Weil Stalder und Kollegen damals so viel Spass daran hatten, fremden Songs ein dubbiges Kleid anzuziehen, hatten sie plötzlich rund ein Dutzend Titel eingespielt mit der Idee, diese als eigenes Album zu veröffentlichen. Das Problem: Nicht für alle Lieder lagen die Rechte vor. Deshalb verschwand das Album in der Schublade – mit Ausnahme eines Songs, der es auf das erwähnte, ausschliesslich mit Coverversionen bestückte „Riding Strange Horses“ schaffte: „Enter Sandman“ von Metallica.

Der Rest des „Black Album“ fand auf anderem Weg das Licht der Öffentlichkeit. Zum einen boten es Dub Spencer & Trance Hill ihren Fans nach Konzerten auf selbergebrannten CDs an; es war allerdings eine Kleinstauflage von nur rund 100 Stück. Zum anderen brachte Echo Beach 2017 mit „Return Of The Supervinyl“ eine Best-of der Zürcher Band heraus. Wie es der Name besagt, nur auf Vinyl, dafür mit einem Zückerchen – einem Link auf das offiziell nie erschienene „Black Album“. Weil die Aktivierung des Links nur auf Umwegen möglich war und einiges an Nerven brauchte, die Vinyl-Auflage dazu schnell ausverkauft war, blieb das ominöse Werk weiterhin einem kleinen Kreis Interessierter vorbehalten. Bis es nun, vor mittlerweile fast einem Jahr, auf Youtube geladen wurde. Mutmasslich von einem Fan.

Nachdem die verschlungenen Wege des „Black Album“ damit geklärt wären, steht noch die wichtigste Frage im Raum: Lohnt es sich, den darauf enthaltenen zehn Songs ein Ohr zu leihen? Unbedingt – wenn man auf verdubbte Coverversionen steht! Marcel Stalder erklärt mit einem Lachen, jedes Bandmitglied habe seine „Jugendsünden“, seine „musikalischen Hasslieben“ eingebracht. Was Dub Spencer & Trance Hill daraus gemacht haben, ist – einmal mehr – schlicht grossartig. Selbst „The Final Countdown“ von Europe (das Original bereitet mir persönlich schier körperliche Schmerzen) ist ein Erlebnis. Im Gegensatz zu „Riding Strange Horses“ fehlen auf dem „Black Album“ allerdings die ursprünglichen Stimmen. Macht aber gar nichts. Wohl nur so konnte „I Feel Good“ von James Brown derart spooky und düster geraten. Mehr sei nicht verraten, ausser dass man sich solche Jugendsünden sehr gerne gefallen lässt. Das Album reiht sich nahtlos ins Frühwerk von Dub Spencer & Trance Hill ein. Dass sich der Schreibende eine nachträgliche offizielle Veröffentlichung wünscht, lässt sich aus den vorangegangenen Zeilen wohl unschwer herauslesen.

Tracklist:

1. „Enter Dubman“ („Enter Sandman“ von Metallica)

2. „The Final Dub Down“ („The Final Countdown“ von Europe)

3. „Eye Of The Lion“ („Eye Of The Tiger“ von Survivor vom „Rocky IV“-Soundtrack)

4. „Bomb Back“ feat. Nya („Bomb Track“ von Rage Against The Machine)

5. „Chilly Jean“ („Billie Jean“ von Michael Jackson)

6. „Tire“ („Fire“ von Jimi Hendrix)

7. „I Feel Stoned“ („I Feel Good“ von James Brown)

8. „Owner Of A Dub Heart“ feat. The Homestories („Owner Of A Lonely Heart“ von Yes)

9. „The Sea“ („The Ocean“ von Led Zeppelin)

10. „Until The End Of The Disc“ („Until The End Of The World“ von U2)

Bewertung: 5 von 5.
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International Observer: Bat

Langsam gehen mir die lobenden Worte aus. Über die Werke von International Observer – hinter dem sich der Lead-Singer der historischen Thompson Twins, Tom Bailey, verbirgt – habe ich mir schon die Finger wund geschrieben. Ich liebe seine relaxten Dubs über alle Maßen. Am meisten fasziniert mich, dass sie einerseits unfassbar entspannt, andererseits aber hochspannend sind. Ein verrücktes Paradox. Wer Reggae und Dub aus Neuseeland kennt, ahnt aber, was ich damit meine: Perfekt getimte Rhythms voller Groove und innerer Spannung, dargeboten in Zeitlupe. Faszinierend. Außerdem kennt Tom Bailey sein Handwerk. Seine Tracks sind superb produziert: knackig, dynamisch, volltönend. Und dann wären da noch das ausgeklügelte Arrangement, die fantastischen Basslines und die wunderbaren, bunt schillernden Melodien. Alles vom Mix zu einem großen, umfassenden, vielschichtigen Wohlklang verwoben.

Für die Dubs von Tom Bailey gibt es eigentlich keine Schublade. Es handelt sich zweifellos um hundert Prozent Reggae-Dub handwerklicher Perfektion, der sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat. Verrückt, oder? Tom hat eine ganz und gar eigenständigen Dub-Stil erschaffen, der sich zwar formal der Ästhetik des Reggae bedient, die Genre-Konventionen aber ansonsten hinter sich lässt. Keine „Jah“-Ausrufe, keine Sirenen, kein Steppers, keine historischen Basslines oder Bläsersätze – Observer Dubs sind ganz und gar sie selbst, ohne Zitate und oberflächliche Referenzen. Deshalb kann ich mir seine Musik auch beim besten Willen nicht auf einem Sound System-Event vorstellen. Undenkbar! Aber zu einem neuseeländischen Pop-Open Air-Festival würde sie perfekt passen.

Die Akribie der Produktionen erklären auch, warum der Observer nur sporadisch neue EPs (geschweige denn komplette Alben) veröffentlicht. Hier geht Qualität vor Quantität. „Bat“ (Dubmission) ist sein neustes Werk. Es ist nach „Mink“ und „Pangolin“ die dritte EP in der „Tier-Reihe“ – und diese ist selbstredend so hervorragend wie auch alle anderen Arbeiten dieses außergewöhnlichen Dub-Protagonisten.

Bewertung: 5 von 5.
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Mungo’s Hi Fi: Antidote

Es wurde auch Zeit, dass Mungo’s Hi Fi mal wieder ein richtiges Dub-Album vorlegt. Die drei Schotten produzieren sich die Finger wund, hauen im Stakkato die coolsten Alben und EPs raus und sparen an Dub?! Okay, „Serious Time“ bekam 2014 ein Dub-Pendant, aber das war es dann auch schon. Doch jetzt ist Schluss damit: „Antidote“ (Scotch Bonnet), das neue Dub-Meta-Werk der Glasgower ist da. „Meta“, denn es enthält zehn Dub-Versions von Titeln aus dem Mongo’s-Oeuvre. Also die Meta-Studie zu den bestehenden Mungo’s-Produktionen – womit wir auch direkt beim Titel wären: „Antidote“. Corona lässt grüßen. Doch die Mungo’s-Crew bezieht ihr Gegenmittel nicht auf das böse Virus, sondern „it’s an antidote to all the stress and restriction of modern life“. Aha, da schwingt offenbar ein wenig Frustration mit. Kein Wunder. Für ein Sound System, das von Festivals und Partys lebt, dürften die letzten Monate eine Zumutung gewesen sein. Wer die Schotten von Live-Auftritten kennt, wird wissen, dass sie jede Party rocken. Ihre Mischung aus Old School-Dancehall und Modern Bass-Music ist schlicht unwiderstehlich. Ich habe schon schönste Soundsystem-Nächte in den Basswellen von Mungo’s Hi Fi zugebracht. Umso mehr hat es mich erstaunt, dass auf „Antidote“ gerade NICHT die Post ab geht. Dub ist für die drei Glasgower Jungs offenbar Serious Business. Geradezu akademisch sezieren sie hier ihre Rhythms, streichen sie rigoros zusammen und reduzieren sie auf Drum und Bass. Ziemlich puristisch und konsequent. Unerwartet, aber nicht schlecht. „It’s a sonic journey that will leave all who enter cleansed and replenished on the other side“, versprechen sie. Eine Entschlackungskur, gewissermaßen. Genau dieser Kur haben sie auch ihre Musik unterzogen und heraus gekommen ist eine Dub-Katharsis. Pure and clean, wie Gregory es bezeichnen würde. Auf dass wir gereinigt in die neu gewonnene Freiheit durchstarten.

Bewertung: 4 von 5.
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Prince Hendrik and the Other Members of The Royal Family: Aquadub

Schon als Kind war er verrückt nach Musik und als Teenager zog der magische Sound von Reggae und Ska ihn in seinen Bann. Aus diesem Grund flog er mit zwanzig nach Jamaika zu den Wurzeln des Reggae, wo er von 1989 bis 1991 zwei Jahre lebte, eine Jamaikanerin heiratete und Vater einer Tochter wurde. Über seine Zeit und sein Leben auf der karibischen Insel sagt der heute 52-jährige Arnheimer Hendrik „Prinz Hendrik“ van Houten: ,,Ich war jung und für alles sehr empfänglich. Ich lebte in Rastakommunen, lernte viel über die Rasta-Philosophie und das Nyahbinghi-Drumming. Mein Aufenthalt dort hat mich sehr positiv geprägt.“
Mitte der 1990er war Prince Hendrik als alleinerziehender Vater im Arnheimer Künstlerviertel Klarendal angekommen und errichtete in seinem Haus sein „Kitchenrock-Homestudio“, ein Multitrack Recording und Mixing Studio. Seit 2012 sind unter dem Namen „Prince Hendrik and the Other Members of The Royal Family“ drei Alben auf CD erschienen und nun wird „Aquarius/Aquadub“ (A Sky High Underground Production) in limitierter und nummerierter Edition von 300 Stück auf Vinyl erneut veröffentlicht.
„Zwei Freunde, die ich mein ganzes Leben lang kenne und mit denen ich früher in Bands war, spielen mit. Einer an Schlagzeug und Bass, der andere als Gitarrist und Cellist. Um Gesang, Keyboards und den Aufnahmeprozess kümmere ich mich selbst“, sagt van Houten und führt weiter aus: „Sonne und Strand sind für mich nicht untrennbar mit Reggae verbunden. Mit der Partyvariante des Reggae habe ich nichts zu tun und mit Dancehall und Raggamuffin noch viel weniger. Letztere verherrlicht oft Aggression und Hass.“ Somit ist über den Reggae-Stil von Prince Hendrik und seinen Freunden schon beinahe alles gesagt. Wir bekommen eine Art relaxten, handgemachten „Underground-Reggae“ geboten – wie Prince Hendrik seinen Stil selbst charakterisiert. Mit „Underground-Reggae“ assoziiere ich unwillkürlich die frühen, teilweise spartanischen aber immer hochinteressanten Dub-Arbeiten eines Keith Hudson. Haargenau daran erinnert mich „Aquadub“ sowohl stimmlich als auch stilistisch. Auf „Aquadub“ ist kein Ton zu viel, jedes Instrument und jeder noch so kleine Dub-Effekt bekommt seinen Raum und genügend Zeit, um sich im Gehör zu entfalten. Besonders angetan hat es mir das Cello, das gelegentlich mit kleinen aber feinen Melodien umgarnt von schönem Gitarrensound aufwartet. Ein Zufallsfund ehrlicher, handgemachter Musik, den ich gerne allen ans Herz legen möchte.

Bewertung: 4 von 5.
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Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle: To drive the Dub Starship through the Horror Zone

Häufig ertappe ich mich bei der Frage: „Wie würden Jim Morrison, Jimi Hendrix, Bob Marley u. v. a. heute klingen, wenn sie nicht viel zu früh gestorben wären?“ Diese Frage drängt sich mir auch bei Lee „Scratch“ Perry auf. Nein, nein, Scratch ist gottlob noch am Leben. Aber was wäre gewesen, wenn Lee „Scratch“ Perry in den späten 1970er Jahren nicht in eine zunehmend unberechenbare, depressive und destruktive Phase gerutscht wäre, die als Endresultat im Abfackeln seines Black Ark Studios in Washington Gardens, Kingston mündete? Wie würden heute Alben aus dem Black Ark Studio klingen? Zum Glück gibt es einen Adrian Maxwell Sherwood und einen Daniel Boyle, die noch die Fähigkeit besitzen, diesen weit über 80-jährigen alten Herrn zu Höchstleistungen anzuspornen.

Maxwell Livingston Smith alias Max Romeo fertigte im Black Ark bereits 1976 zusammen mit Lee Perry und den Upsetters sein Meisterstück – ein bis heute gewaltiges, weit sichtbares Bergmassiv in der weiten Reggaelandschaft. Beinahe 40 Jahre nach „War ina Babylon“ veröffentlichten 2015 Max Romeo, Daniel Boyle, Lee „Scratch“ Perry und drei Ur-Upsetters eine weitere Zusammenarbeit: „Horror Zone„. Auf keinen Fall ist „Horror Zone“ ein billiger Abklatsch von „War ina Babylon“, sondern eher ein gelungenes Anknüpfen an alte Zeiten, also eher eine Art Weiterentwicklung. Dem Vokal-Album „Horror Zone“ lag das Dub-Album in guter alter Manier bereits bei. Und was folgt nun? Nachdem „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ schon 2020 in limitierter Vinyl-Auflage zum Record Store Day erschienen war, folgt jetzt das Dub Album des Dub Albums in digitaler Form. Boyle und Perry haben die original „Horror Zone“-Dubs erneut einer Bearbeitung am Mischpult unterzogen und einen Kosmos mit Unmengen von höhlenartigem Hall und analogen Spezial-Effekten veredelt, die laut Credits Lee „Scratch“ Perry zugeschrieben werden. Wieder einmal bekommen wir überzeugend zu Gehör gebracht, dass es für Perry & Boyle keine Herausforderung darstellt, ein bereits gutes Dub-Album ein weiteres Mal abzumischen, denn diese zwei Dubmaster sind immer in der Lage noch einen draufzusetzen. Das Ergebnis kann sich mehr als hören lassen, denn die Zwei haben eine intergalaktische, dubwise Supernova erschaffen, welche die gesamte Galaxie noch heller erstrahlt als das Original.
Produziert, aufgenommen und gemischt wurde in Daniel Boyles Rolling Lion Studio ausschließlich mit analogen Geräten aus den 50ern bis in die 80er Jahre und charakteristischem Black Ark-Sound, der jedoch verständlicherweise nicht zu 100 % erreicht wird. Nichtsdestotrotz bin ich mir ziemlich sicher, dass „Lee Scratch Perry meets Daniel Boyle to drive the Dub Starship through the Horror Zone“ ein neuer Klassiker in Lee „Scratch“ Perrys Gesamt-/Lebenswerk sein wird.

Bewertung: 5 von 5.
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Paolo Baldini DubFiles Meets Noiseshaper: Shaping the Noise

Ich habe schon immer vermutet, dass der Sound von Rockers HiFi zeitlos ist. Er war vor rund zwanzig Jahren seiner Zeit um mindestens 20 Jahre voraus. Deshalb klingt Paolo Baldini DubFiles Meets Noiseshaper: „Shaping the Noise“ (Echo Beach) heute so fresh. Als sei das Album eben erst aufgenommen worden. Was es ja auch ist – nur eben mit alten Aufnahmen. Ha, die Newbies sind verwirrt. Hier kommt die Auflösung: Hinter dem Namen Noiseshaper verbergen sich die Wiener Knaben Axel Hirn und Florian Fleischmann, die in den 1990er Jahren bei Rockers HiFi in die Lehre gingen und zu Beginn des aktuellen Milleniums selbst fantastische „housey downbeats with a fat reggae flavor“ hervor brachten. Höhepunkt ihrer Karriere war zweifellos die Verwendung ihres Songs „The Only Redeemer“ in der US-Fernsehserie CSI: Miami, was ihnen eine Mainstream Singel-Veröffentlichung auf Palm Pictures einbrachte und ihre Musik auf die weltweiten Dancefloors katapultierte. Wer Referenzen wünscht: Ich muss beim Noiseshaper-Sound unwillkürlich an Dreadzone, Kruder & Dorfmeister, Thievery Corporation oder International Observer denken – ein Sound, den ich bis heute liebe, der aber leider in Vergessenheit geraten ist. Lediglich der Internationale Beobachter ist ihm treu geblieben. Wie schön, dass Echo Beach dem Oevre der Wiener und dem unwiderstehlichen Different Drummer-Sound nun Respekt zollt. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte das Label einen Retro-Sampler mit ihrer Musik, doch erst jetzt kommt der eigentlich Clou: Palolo Baldini hat die schon damals fantastischen Tracks durch die Echokammer gejagt und dadurch noch viel fantastischer gemacht. Wer Paolo Baldini ist, dürften auch Newsbies wissen: Ein Dub-Meister sonder gleichen, der hoch oben, in den italienischen Alpen residiert.

Kollege Karsten Frehe konstatiert „Shaping the Noise“, dass das Album durch Baldinis Dubmix „nicht wie ein erneuter Aufguss von Altbekanntem klingt, sondern erfrischend neu“. Wie recht er hat! Durch Baldinis Dub-Künste klingt die fünfzehn Jahre alte Musik taufrisch. Ich würde hier von einer klassischen Win-Win-Situation sprechen. Ausgeklügelte, komplexe und ungemein groovende Produktionen aus der Vergangenheit treffen auf einen akribischen, ideenreichen und perfektionistischen Dubmixer der Gegenwart mit untrüglichem Gespür für Timing und Dramaturgie. Das Ergebnis ist doppelt gut. Hört euch das Album am besten mal ganz konzentriert mit Kopfhörern an (auf Apple-Music übrigens in Lossless-Qualität). Ein großes Dub-Hörerlebnis.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Bost & Bim: Warrior Brass

Und schon wieder ein unfassbar gutes Reggae-Instrumentalalbum: Bost & Bim: „Warrior Brass“ (Bombist). Ich muss ja gestehen, dass ich sehr auf gute Instrumentals abfahre, denn wie Dub erfüllen sie ein wesentliches Kriterium: keinen Text. Seien wir ehrlich: Text ist im Reggae ziemlich überbewertet. Die Zeiten der Rebel Music und ihrer sozialkritischen Texte scheint seit Jahrzehnten vorbei zu sein. Längst müssen wir uns mit verbalen Ergüssen zu Themen wie Religion, Herb oder Sex zufrieden geben oder uns gar homophoben oder gewaltverherrlichenden Philippiken aussetzen. Mich ärgert das – oder langweilt mich zumindest. Wie schön ist es da doch, sich ganz purer Musik hinzugeben. Musik, die ganz sie selbst sein kann, die nicht im Dienste einer Textbotschaft steht und zum „Backing“ degradiert wird. Deshalb liebe ich auch diese latent arrogante Tradition im Dub, eine Gesangsstimme bereits nach wenigen Worten einfach im Echo verhallen zu lassen …

Doch ich mag gute Reggae-Instrumentals nicht nur wegen dessen was fehlt, sondern auch wegen dessen, was sie mehr haben – und ich muss gestehen, dass das nicht in gleichem Maße für Dub gilt – nämlich den vollen, satten Sound einer komplett besetzten Reggae-Kapelle. Höre ich z. B. das Stück „Tommy’s Mood“, dann drückt da nicht nur der Bass aus den Subwoofern, sondern eine ganze Wall of Sound kommt auf mich zugerollt. Ein üppig reiches, harmonisches und wohlig warmes Klangbild, garniert mit ebenso sanften wie kraftvollen Blechbläser-Sätzen. Perfekt durcharrangiert, superb eingespielt und satt produziert – Reggae mit Bläser-Sektion ist stets eine Wonne.

Bost & Bim sind übrigens als Reggae-Produzenten eine durchaus beachtenswerte Nummer – was ich gar nicht so auf dem Schirm hatte. So haben die beiden Franzosen bereits erfolgreiche Tunes für Morgan Heritage, Chronixx oder Winston McAnuff produziert. Matthieu Bost ist zudem ein begnadeter Saxophonist, was er hier auf „Warrior Brass“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Komplettiert wird die klassische Brass-Section durch Trompete (Manuel Faivre) und Posaune (Marc Delhaye). Neben den drei Hauptperonen sind weitere hervorragende Musiker am Werk, wie z. B. Ticklah, Horseman oder Mista Savona. Es gibt übrigens nicht nur Bläsersolos zu hören, auch andere Instrumente kommen zum Zuge und übernehmen den Lead. Daher erinnert „Warrior Brass“ immer auch ein wenig an ein Jazz-Album – eine Assoziation, die nicht zuletzt auch von der Cover-Gestaltung stark getriggert wird. Tatsächlich aber ist es aber eher eine Hommage an klassische jamaikanische Instrumentalmusik, mit vielen charmanten Zitaten (z. B. Lee Perry), kleinen Exkursionen zu Nyabinghi und Calypso und zwei Tommy McCook und Cedric Brooks gewidmeten Titeln.

Bewertung: 5 von 5.
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Tuff Scout Presents: Out On The Floor Dub

Ich gebe es zu. Ich habe „Out on the Floor Dub“ aus dem Hause Tuff Scout als digitales Release gekauft und herunter geladen. Dabei ist das Album nichts anderes als eine hingebungsvolle Hommage an die guten alten Plattenläden und ihre Schätze: Vinyl-Schallplatten. Tja, mein digitaler Faux Pas ist bezeichnend, denn diese Läden, denen wir früher so regelmäßig Besuch abstatteten (bei mir war es immer der Samstagvormittag), um nach neuen Dosen für unsere Musiksucht zu suchen, gibt es kaum noch. Wie sich dieses Ritual in den einschlägigen Londoner Reggae-Läden wie Dub Vendor oder Lasco’s Music Den gestaltete, beschreibt Steve Barrow wehmütig in seinen schönen Liner-Notes zu diesem Album (die übrigens auf der Bandcamp-Seite zu lesen sind). Ach, das waren noch Zeiten! Klar, einige Läden gibt es noch heute, aber die stehen schon fast unter Denkmalschutz oder werden als Kulturerbe eingestuft. Sie sind der Sphäre des Alltäglichen längst entwachsen und handeln hauptsächlich noch mit historischen Pressungen und Memorabilia. Vorbei sind die Zeiten der 7“-Pre-Releases aus JA.

Einer, dieser Kulturerbe-Läden ist Out on the Floor Records in Camden, London. Ein Relikt der 1990er Jahre – aber immer noch aktiv. Neben Soul, Funk, Rock, Punk, etc. gibt es dort vor allem eines: Reggae-Vinyl, denn Jake, einer der drei Betreiber, ist fanatischer Sammler historischer JA-Pressungen. Außerdem betreibt der Mann das Reggae-Label Tuff Scout, das zwar neue Aufnahmen veröffentlicht, die aber stets so klingen als hätten sie schon 50 Jahre auf dem Buckel. „Out on the Floor Dub“ ist nun eine Sammlung von Dub-Versions des Labels, produziert und gemixt von Gil Cang und Demus. Leider drückt sich Jake vor allem im Medium Musik aus, weshalb kaum Hintergrundinfos zu den Akteuren und deren Produktionen aufzutreiben sind. Aber ist ja auch egal, denn wichtig ist ja nur, was hinten raus kommt, wie ich in Anlehnung an unseren Alt-alt-Kanzler zu sagen pflege. Und das ist – Lemmi wird mir bestimmt beipflichten – definitiv eine Vinyl-Pressung wert. Richtig schöner Old School-Dub, nur mit fetterem Sound. Spannend gemixt und zu einem Dub-Album mit perfektem Flow kombiniert.

Während wir den Download übrigens mit einem trivialen Langweil-Cover in die Mediathek gebeamt bekommen, ziert das Vinyl eine fantastische Illustration. Sie zeigt den Laden im Camden (u. a. mit „LKJ in Dub“ im Schaufenster, meiner ersten Dub-Platte!). In der Tür steht Jake. Was hinter ihm los ist, zeigt die Cover-Rückseite: Ein Menschenauflauf, wie er zuletzt 1999 in einem Plattenladen gesehen wurde.

Bewertung: 4 von 5.