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Various: Dub Masters

Das „Various“ aka „Various Artists“ im Titel der Rezension ist ein ziemliches Overstatement, zumal am zu rezensierenden Album lediglich die Riddims/Dub Versions der Herrschaften Sly & Robbie, der Roots Radics und Peter Chemist beteiligt sind. Wobei Letzterer in seiner Produzenten-Rolle wiederum u.a. die beiden ersten als Instrumentalisten nutzt. Ein Kreis schliesst sich sozusagen, noch bevor man den ersten Ton gehört hat.

Das vor kurzem erschienene Album „Dub Masters“ (Reggae Library Records), geriert sich vom Cover-Artwork her als Billigprodukt, und in einem gewissen Sinn ist es das auch: Hier werden einige wenige Dubs unterschiedlichster akustischer Qualität ohne erkennbaren Grund zusammengewürfelt; Mastering hat offensichtlich (offenhörlich wenn’s denn das Wort gäbe) nicht stattgefunden. Quasi ein Produkt für die Letztverwertung am digitalen Wühltisch, Marke K-Tel. Macht alles in allem einen Gnaden-Stern, danke für’s Gespräch.

Ein anderer Ansatz für die Rezension ergibt sich, wenn man den Blick auf die Tracklist richtet: Da findet sich eine kleine, aber eindrucksvolle Ansammlung exzellenter Dubs bzw. Tracks von Black Uhuru, Earl Cunningham, Barrington Levy, Jimmy Riley und Sly Dunbar himself; dazu noch ein paar klassische Dub-Outings von nicht minder klassischen Riddims: Cuss Cuss, Level Vibes oder Breaking Up (hier irrtümlich als Real Rock Dub angeführt). Das Album ist also ein kleines „Powerhouse“ und der Makel des fehlenden Masterings trägt plötzlich zur Authentizität der Tracks bei – wenn auch das herumfiedeln am Lautstärkeknopf ziemlich nervt.

Und so liefert „Dub Masters“ einen Blick zurück in die ‚good old days‘ – so plus/minus das Jahr 1980 würde ich sagen – und erinnert daran, was Dub jamaikanischer Prägung damals ausmachte: Die absolute Vormachtstellung von Drum & Bass und das gewiefte Aus- und Einblenden der (ohnehin schon kargen) anderen Tonspuren. Diese Konzentration auf’s Wesentliche klappt akustisch hervorragend und zeigt, dass man durchaus auf die heute mitunter grenzenlosen Echo & Hall-Orgien verzichten kann: Ein paar Akzente hie und da tun’s auch. Wenn der Rohling – sprich: der Riddim – Qualität hat, braucht’s nicht viel um Ohrengold zu produzieren. Well done, Dubmasters – und damit meine ich die eigentlichen Stars des Albums: Die Toningenieure und Mix-Meister, die die Kunst des Weglassens zelebrieren. Hat wohl jemand bei Reggae Library Records vergessen, sie namentlich zu erwähnen.

Bewertung: 4 von 5.
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African Head Charge: A Trip to Bolgatanga

Es hat sich ja bereits herumgesprochen, dass das neue African Head Charge-Album „Trip to Bolgatanga“ (On-U Sound) im Vergleich zum übermächtigen Frühwerk nicht ganz aus einem Guss ist. Das war vorauszusehen. Die fünf bis sechs Referenz-Alben, die zuletzt auch als Box-Set wieder veröffentlicht wurden, sind nun mal der Goldstandard, den dieses Langzeitprojekt selbst gesetzt hat. Alle bis hin zu zuletzt „Voodoo of the Godsent“ (2011) sind erklärtermaßen Studio-Projekte, bipolare Klangexperimente mit dem Drumming von Bonjo I als Wurzelwerk und Erdung, und als zweitem Kraftzentrum: Sherwoods Reservoir an Sounds, Riddims, Geräten und Mixmanövern sowie sein erweiterter Freundeskreis. Daneben hat es aber immer wieder Projekte und Phasen gegeben, in denen der Soundpegel eher in Richtung Bonjo neigte: AHC live zum Beispiel, wenn Sherwood nicht am Mischer stand, oder der Ausflug zum Acid Jazz Label, der Bonjo Gelegenheit gab, sich als Bandleader auszuprobieren. Die Alben haben eher apokryphen Status, denn die damals gern so genannten „Sci-Fi-“ und „Industrial“-Elemente blieben dabei draußen. Nämliches gilt für das eigens für Bonjos Roots-Forschung eingerichtete Projekt Noah House of Dread, das ich damals als Ethno-Kitsch empfand. Heute urteile ich milder und erkenne es als frühen und völlig verständlichen Versuch Bonjos, sich künstlerisch freizuschwimmen. In allen seinen Arbeiten aber, und das gilt auch für „A Trip to Bolgatanga“, spiegelt sich sein jeweiliges Verhältnis zu Afrika. Geboren auf Jamaika, wuchs Bonjo Iyabinghi Noah zunächst im Rasta-Camp seiner Großmutter in Clarendon auf. Seinen Eltern folgte er nur widerwillig nach England, wo er sich in den Sechzigern als Trommler etablierte, bis sich sein Weg schließlich mit dem Adrian Sherwoods kreuzte.

Zum Zeitpunkt des ersten AHC-Albums war das „Africa“ für ihn wie für Sherwood noch eher eine abstrakte Idee, ein Traumland wie in Brian Enos und David Byrnes Album „My Life in a Bush of Ghosts“, auf das AHC eine britische Antwort sein wollten. Als Inspiration dienten ihnen eher die Einwandererkultur und die Diaspora-Perspektive von UK als eigene Erfahrungen am realen Ort. „Visions of a Psychedelic Africa“ hieß es noch 2005, dabei war inzwischen allerhand passiert. Mehrere Reisen nach Ghana Bonjo dazu gebracht, sich für immer längere Perioden dort aufzuhalten, und mittlerweile hat sich sein Lebensmittelpunkt komplett dorthin verlagert. Afrika wurde für ihn mehr und mehr vom Sehnsuchtsort zu Realität. Nach einer Zeit an der Küste ist er mittlerweile ins Landesinnere gezogen, in die Upper Region nahe der Grenze zu Burkina Faso. Das Klima ist hier trockener, Muslime sind im Vergleich zum christlichen Süden in der Mehrheit, und musikalisch dominiert die Kultur der ethnischen Gruppe der Frafra: zum Einen eine sehr eigene Form von, zumeist von Frauen gesungenen, Gospel, sowie zum Anderen die Jungskultur der Kologo-Barden. Das sind die Griots der Gegend, sie begleiten ihren Gesang mit zweisaitigen Lauten und dürfen auf keiner Hochzeit, keiner Beerdigung fehlen.
King Ayisoba ist der erste, der aus dieser Graswurzelkultur heraus eine internationale Karriere aufbaute, und er eröffnet das Album auf seine bewährte Weise. Das hat soundtechnisch keinen Präzedensfall auf irgendeinem AHC-Album, abgesehen von Mutabarukas Gastauftritt auf „Vision of a Psychedelic Africa“ (2005), ein Album, auf dem sich das Schisma, mit dem wie es hier zu tun haben, bereits abzuzeichnen begann. Bass und Percussions sind hier noch aufs Allerzurückhaltendste reduziert, und auch der Mix belässt es bei zwei, drei Hallfahnen. Das folgende Instrumental „Accra“ will offenbar ein Tribut and die Hauptstadt sein und imitiert gewissermaßen deren von Afrobeats dominierten, urbaneren Sound. Zum normalerweise elektronisch glatt frisierten Original verhält es sich freilich wie seinerzeit Sherwood-Tunes wie „Zero Zero One“ zum damaligen Dancehall-Reggae. Einen Kreis zum Frühwerk schließt dabei unaufdringlich Klarinettist Steve Beresford, der sonst eher in Free-Jazz-Zirkeln tätig ist, damals aber auch seinen (atonalen) Teil zum AHC-Debüt beigetragen hat. Seine (tonale) Klarinette ist auch dabei, als das Album im dritten Song endlich vertrautes Terrain erreicht: „Push Me Pull You“ wiegt sich majestätisch in abgebremstem Tempo und hätte auf jedes der klassischen Alben gepasst. „I Chant Too“ behält den schleppenden Groove und natürlich das Chanting bei, beschwört dabei aber via Keyboard eine seltsame New Age Stimmung herauf, die den Track zum schlappsten der ersten Seite macht. Denn mit „Asalatua“ schließt die A-Seite mit einem Uptempo-Chaser, der wohlige Erinnerungen an „In Pursuit of Shashamane Land“ weckt.

Zwischen diesen vier (!) Polen – Lokale Dialekte, klassischer AHC-Sound, Pop-Experiment und misslungene Ballade – wiederholt sich das Spiel mit Variationen auf der zweiten Seite. Damit hat das Album ein stilistisches Spektrum, das eher an einen „Pay It All Back“ Sampler erinnert. Das macht die Songauswahl für DJs allerdings auch anschlussfähig für andere Genres von Afrobeat über House bis Reggae und Dubstep… und in Einzelfällen auch für die deepe Listening Session. Viel ärgerlicher finde ich im Vergleich zu zwei Ausfällen dass auch die guten Nummern unter vier Minuten bleiben und damit kaum Gelegenheit bekommen, sich zu entfalten. Hier müssen wir auf folgende Remixes und B-Seiten warten. Von der Produktion ist das Album zwar ein bisschen vielseitiger als ihm gut tut, dabei aber auch sehr subtil und durchlässig. Dass die vertrauten Hausmusiker Doug Wimbish, Skip McDonald und Crocodile dabei sind, ist der Musik kaum anzumerken, so minimalistisch und pointiert und manchmal schlicht technisch sind ihre Beiträge – möglicherweise Anzeichen von Altersmilde. Vor allem schreibt sich in dem Album die produktive Spannung zwischen Bonjo und Sherwood als Songwriter und Songgestalter fort, die nach einer Weile auf Augenhöhe nun zugunsten Bonjos Seite ausgeschlagen ist. Für den ist Afrika mittlerweile eine sehr reale Angelegenheit, und alle Songs reflektieren dies auf musikalische, philosophische oder soziale Weise. Das betrifft auch sein eigenes Drumming, dass einst auf Nyabinghi-Patterns basierte, während er sich nun mittlerweile auch die vielfältigen westafrikanischen Dialekte angeeignet hat. Auch insofern ist „Afrika“ für ihn weit konkreter als zur Zeit von „Off the Beaten Track“. Natürlich war in Bolgatanga außer King Aysoba noch die halbe Nachbarschaft in das Projekt involviert. African Head Charge ist in 2023 Bonjos Projekt, wir hören seine neue Heimat durch seine Ohren und Drums. Und wie bei jedem guten Storyteller lohnt es sich immer, einfach mal zuzuhören.

Bewertung: 4 von 5.
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Review Zweite Meinung

Jah Myhrakle: Who Keeps The Seals Dub

Es braucht nicht viel, um den Rezensenten glücklich zu machen; es reicht ein basslastiger, aber trotzdem dynamischer Mix mit Drums der Marke Sledgehammer – sprich solche, die man nicht nur hören, sondern vor allem fühlen kann… Drums der druckvollen Art, liebevoll „Schädelspalter“ genannt. Dann noch ein paar Dub-Effekte dazu – mehr braucht’s tatsächlich nicht für das kleine Glück, den Ohr-Orgasmus.

Ein solches Erlebnis bietet – entsprechende Lautstärke vorausgesetzt – Jah Myhrakle’s „Who Keeps The Seals Dub“ (Gold Den Arkc Recordz). Also schnell fünf Sterne für das Album vergeben und fertig. Danke für’s Gespräch!

Von wegen – ich kram‘ gerne die akustische Lupe aus und werf‘ einen Blick hinter die Kulissen; so ein klassischer Dub erscheint ja nicht plötzlich aus dem Nichts. Das gilt auch für Jah Myhrakle, auf dessen Vokal-Album „He Who keeps The Seals“ der zu besprechende Dub-Release basiert.

Herr Myhrakle selbst bedient sich gerne lustiger Schreibweisen und haut ein Album nach dem anderen raus – alle mit mehr oder weniger schöner Cover-Artwork. Seiner mitunter schwer verständlichen, vermutlich tiefgründigen Texte betet er gnaden- und emotionslos runter, komme was da wolle. Wer sich jetzt an Vaughn Benjamin aka Akae Beka erinnert fühlt, hat recht: Wir haben es hier mit einem Klon zu tun. Oder mit einer Kreuzung von Akae Beka und Jah Rubal – das trifft’s wohl am Besten. Und da wie dort gilt: Weniger wäre mehr gewesen, denn maximaler Output ist nun mal nicht mit maximaler Qualität gleichzusetzen.

Zurück zum Dub, zurück zu „Who Keeps The Seals Dub“. Wie oben festgestellt, ist die dynamische Akustik beglückend; die Dub Effekte sind gut gemacht, wenn auch zumeist sinnfrei platziert. Geht man etwas tiefer und zerpflückt die Strukturen der Tracks, kommt man leider an den belanglosen, uninspirierten Basslines nicht vorbei – ein großes Manko im Dub-Universum, wo die wahren Hooks zumeist in den Basslines zu finden sind. Unter Berücksichtigung aller Pros und Cons bleibt also unter’m Strich – trotz des mediokren Ausgangsmaterials – ein Album mit Hammer-Dynamik: Keineswegs schlecht, aber 5-Sterne-Material muss mehr bieten können.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Jah Myhrakle: Who Keeps The Seals Dub

Beginnen wir doch mit einem Kommentar und der darin enthaltenen Feststellung von lemmi: „… da es wohl sehr schwer zu sein scheint, da überhaupt etwas drüber zu erfahren!“

Ja, das kann ich ohne weiteres unterschreiben, und weil ich bis heute keinen Fratzebook-Account habe und auch keinen brauche, weiß ich auch nicht, was dort auf dem Account von Jah Myhrakle zu lesen ist. Gutes Marketing sieht anders aus. Was ich von Jah Myhrakle über andere Kanäle herausfinden konnte, ist, dass er mit bürgerlichem Namen Eric Garbutt heißt und aus Belize kommt. Bereits 2020 veröffentlichte er sein drittes Album „All 4 U“. In der Zwischenzeit sind noch etliche dazugekommen. Es ist der helle Wahnsinn, wie viele Tracks von Jah Myhrakle alleine bei Amazon zu finden sind. Im Mai 2023 wurde „He Who Keeps The Seals“ veröffentlicht, dem dann im Juli „He Who Keeps The Seals Dub “ (Gold Den Arkc Recordsz) folgte. Wie schon auf den Vorgängeralben zeichnet sich auch Jah Myhrakles neues Album „He Who Keeps The Seals (Dub)“ durch einen originalen Roots-Reggae-Sound aus, der auch seine kraftvolle Stimme und die spirituelle Botschaft von Rastafari sehr überzeugend zum Ausdruck bringt. Die Vocals wurden in Brooklyn, New York, bei Gold Den Arkc Recordsz aufgenommen und abgemischt. Wo die fantastischen Dub-Mixe entstanden sind und wer dafür verantwortlich ist, kann ich leider nicht mit völliger Gewissheit sagen. Da Jah Myhrakle aber schon öfter mit dem einflussreichen Produzenten und Soundengineer Laurent „Tippy“ Alfred von I Grade Dub aus St. Croix zusammengearbeitet hat, könnte ich mir vorstellen, dass der auch dieses Album gemixt und gemastert hat. Die fetten Dub-Soundscapes und der gemächliche, ruhige Flow lassen mich darauf schließen. Die One-Drop-Riddims und sanften Basslines verschmelzen mit leicht Jazz-inspirierten Gitarren-Sounds, akustischen Texturen und eingewobenen Dub-Elementen zu einem prächtigen Gesamtwerk. Irgendwo kann ich in der vorliegenden Musik auch eine enge Verwandtschaft zu dem im November 2019 verstorbenen Vaughn Benjamin von Akae Beka heraushören, mit dem Jah Myhrakle ebenfalls zusammengearbeitet hat. Jah Myhrakle ist offensichtlich unerschütterlich auf seiner Mission, die kraftvolle Botschaft Rastafaris unter das Volk zu bringen. Für mich ist der vielschichtige Sound von „He Who Keeps The Seals Dub“ Meditation, Inspiration und Intensität in einem.


Kurzum: Jah Myhrakle ist ein elektrisierender Reggae-Künstler, der dich – im positiven Sinne – mental und spirituell beeinflussen wird.

Bewertung: 5 von 5.
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Aquarius Rock: The Hip Reggae World of Herman Chin-Loy

Herman Chin-Loy war von Kindheit an musikbegeistert. Zu Unrecht wird Herman Chin-Loy viel zu oft einfach vergessen, wenn die ganz Großen der Dub-Geschichte aufgezählt werden. Dabei gehört er mit seinem „Aquarius Dub“ aus 1973 im Grunde zu den Speerspitzen dieses Genres. Bevor er 1969 im zarten Alter von 21 Jahren seinen eigenen Plattenladen Aquarius und sein eigenes Label eröffnete, verkaufte er Schallplatten, arbeitete in Plattenläden und legte als DJ in einigen der angesagtesten Clubs Kingstons auf.

Obwohl er für die Gesangsspuren verantwortlich war, waren es seine fabelhaften Instrumentalstücke, die seine frühe Karriere am besten definieren und auf die sich diese Zusammenstellung konzentriert. Herman Chin Loy hat einen Sound, der so unverwechselbar ist wie kaum ein anderer im Reggae. Wie Lee Scratch Perry, war auch er stets auf das Schräge und Ungewöhnliche spezialisiert. Seine Labels Scorpio und Aquarius sind für einige der innovativsten Instrumentalstücke des Reggae verantwortlich. Von seinem Plattenladen in Kingston aus konnte er Anfang der 70er Jahre die „Street“-Vibes vieler seiner jungen, hippen Kunden perfekt einfangen. Anfangs entstanden seine ersten Instrumentalplatten unter dem Namen Augustus Pablo. Bis ein dünner junger Mann namens Horace Swaby mit einer Melodica in seinem Laden auftauchte. Herman gab dem jungen Swaby den Namen Augustus Pablo und nahm ihn mit ins Studio. Der Rest ist Geschichte.

Hier auf „Aquarius Rock“ (Pressure Sounds) haben wir einige der lebendigsten funky Reggae-Tracks, die je auf Jamaika gemacht wurden. Es gibt auch eine Handvoll Vokal-Tracks, aber auch die sind Killas. Die auf dem Album versammelten Instrumentalstücke zeigen eindrucksvoll Hermans frühe Studiokarriere. Chin-Loy machte sich im Studio die Talente der Hippy Boys (auch als The Upsetters II bekannt) und der Now Generation zunutze und begann, eine Flut von Instrumentals zu veröffentlichen, auf die sich diese Zusammenstellung verstärkt konzentriert. Die von Keyboards dominierten Stücke wurden Augustus Pablo zugeschrieben, unabhängig davon, wer tatsächlich an den Tasten saß. Von dem jungen Melodica-Spieler, der bei Chin-Loy aufgetaucht war, veröffentlichte der Produzent dessen erste Single „Iggy Iggy“ ebenfalls unter dem Pseudonym Augustus Pablo. Horace Swaby behielt seinen neuen Künstlernamen bei und landete immer wieder Hits, allen voran „East of the River Nile“, mit dem er seinen unverwechselbaren Far-East-Sound etablierte.

Auf „Aquarius Rock“ findet sich ein halbes Dutzend klassischer Pablo/Swaby-Solosingles, bei denen der Produzent zum Teil auch als DJ fungiert. Einige Aufnahmen sind mit Instrumentalstücken kombiniert, was die außergewöhnliche Arbeit der Band und die erstaunliche Kreativität von A. Pablo selbst noch mehr unterstreicht. Das musikalische Können ist durchweg phänomenal, sei es bei den Instrumentalstücken der Band, den Soloausflügen der Bläser, den mitreißenden Melodica-Stücken und natürlich den von Keyboards dominierten Stücken. Diese Instrumentalstücke sowie die Solostücke von A. Pablo machen den Großteil des vorliegenden Sets aus. Zwei Vokalstücke stammen von Alton Ellis, der sein „Alton’s Official Daughter“ sauber, jedoch etwas ungeschliffen vorträgt, während Dennis Brown das „Song My Mother Used to Sing“ gefühlvoller beisteuert. Eine unbekannter Archie McKay singt „Pick Up the Pieces“, das nichts mit dem Klassiker der Royals zu tun hat. Beres Hammond präsentiert hier eine seiner frühesten Aufnahmen, ein unglaublich warmes „No More War“, gefolgt von Hermans „No More Version“. Weniger bekannt als sein Cousin Leslie Kong, verdient Herman Chin-Loy dennoch die vollste Aufmerksamkeit, und diese Compilation ist eine längst überfällige Hommage an eines der einflussreichsten Talente des Reggae. Die feinen Scat-Intros stammen alle von Herman Chin-Loy höchstpersönlich.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Alborosie: Shengen Dub / Embryonic Dub

Um mit etwas Positiven zu beginnen: Alborosie ist mit seinem Shengen Clan ein großartiger Live-Act. Das war’s aber auch schon wieder. Dabei hat der Italiener mit landestypischer Reibeisenstimme (Umberto Tozzi, Gianna Nannini, Zucchero & Co lassen grüßen) zu Beginn seiner Solo-Karriere ordentlich abgeliefert: Wer erinnert sich nicht an den „Herbalist“? Und wer konnte ahnen, dass dieser Track die Blaupause für so ziemlich alles weitere sein würde, das da in Alborosie’s Shengen Studio produziert wird?

Voluminöse Drums, eine simple Bassline und Credibility-Samples verpackt in ein einfaches 80’s Rubadub-Arrangement ohne nennenswerte Hooklines; ein Italiener der sich in Patois versucht und vielleicht gerade deshalb knapp an gehaltvollen Inhalten vorbei schrammt: Das war alles noch halblustig beim „Herbalist“; aber eine ganze Karriere auf diesem Konzept aufzubauen… nun ja, das hat wider Erwarten tatsächlich funktioniert! Alborosie-Fans werden wohl nicht mit mir übereinstimmen, dass alle Alben gleich klingen und die Tracks austauschbar sind – das gilt, behaupte ich, für die Vocal- und insbesondere auch für die gepflegte Langeweile verbreitenden Dub-Alben. Auch der Künstler selbst scheint am Mischpult nicht so richtig Spaß zu haben:

Kommen wir also zu Alborosie’s aktuellen Dub-Release: Shengen Dub / Embryonic Dub (Greensleeves/VP Music Group) nennt sich die Stream-Version, die mit erstaunlichen 22 Tracks aufwartet. Dieser gefühlt niemals endende Gleichklang kann den einen oder anderen Hörer schon mal erschlagen – Freunde des Vinyls hingegen dürfen sich auf zwei Alben einstellen, die sehr wahrscheinlich besseren Sound bieten und allein schon durch die Aufteilung in zwei Portionen leichter zu verdauen sein dürften. Oder man macht sich’s einfach und schwindelt sich durch’s akustische Konvolut – im Sinne von: Hat man einen Track gehört, hat man alle gehört:

Um dann doch noch mit etwas Positiven zu enden: Alborosie ist mit seinem Shengen Clan ein großartiger Live-Act!

Bewertung: 2.5 von 5.
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Fire feat. Adrian Sherwood: Live

Meine Rezension möchte ich mit einem recht herzlichen Dank an lemmi beginnen. Er war derjenige, welcher mich auf dieses unglaublich fremdartige und doch faszinierende Projekt aufmerksam machte. Asche auf mein Haupt: Die Veröffentlichung im Januar dieses Jahres habe ich komplett verschlafen.

Mir ist sonnenklar, dass diese Platte nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Möglicherweise gefällt sie mir gerade deshalb umso mehr. Die Aufnahmen zu „Fire feat. Adrian Sherwood“ (Salgari Records) sind bereits am 04. Oktober 2020 beim Turiner Jazz Festival, in Italien, entstanden. Ein musikalisches Audio-Video-Projekt, das so ambitioniert ist, dass ich die Biografie der Band gerne als Lackmustest für das heranziehe, was auf dieser Platte heraufbeschworen wird: Fire feat. Adrian Sherwood ist eine Kollision von elektronischer Musik, Dub, Jazz, Global Beats, Field Recordings und visueller Kunst. Es ist die Verdichtung musikalischer und visueller Sprachen, die sowohl für die Künstler als auch das Publikum allumfassend ist. Fünf gestandene Musiker, eine englische Dub-Legende – Adrian Sherwood, die absolute »Schutzgottheit« des englischen Dub – und ein Videokünstler lassen die Techniken des zeitgenössischen elektronischen Jazz mit Live-Dubbing und der Echtzeit-Aufführung eines Films kollidieren. Zwischen Publikum und Musikern wurde der Film auf der Bühne auf eine Leinwand projiziert.

Jetzt wurden endlich diese faszinierenden Live-Aufnahmen dem Publikum zugänglich gemacht. Das höchst bemerkenswerte Ensemble wurde vom Trompeter Ivan Bert (Dark Magus Orchestra, Emma for Peace, Jazz TO Nepal) gegründet. Zur Crew gesellten sich: Saxofonist Gianni Denitto (Zion Train, T.U.N., Kora Beat), der Vibraphonist und Perkussionist Pasquale Mirra – einer der vielseitigsten und inspiriertesten Jazz-Vibraphonisten Europas – (Mop Mop, C-mon Tigre), der Drumer Filoq (Italian Institute of Cumbia, Uhuru Republic, Vinicio Capossela), sowie der Multiinstrumentalist, Gitarist und Produzent Marco „Benz“ Gentile (Africa Unite, Meg, Architorti). Für die Visuals dieses Multimedia-Projekts war Riccardo Franco-Loiri aka Akasha verantwortlich.

Kurzum: Das Resultat ist lysergisch. Es wurden beruhigende und beunruhigende Atmosphären geschaffen. Die Wechsel zwischen menschlichen Stimmen und bizarren exotischen Elementen sowie zwischen Jazzelementen und postindustrieller Einsamkeit wurden perfekt in das Gesamtkonzept integriert. Die Band, aber auch Adrian Sherwood sind wahrlich »on fire«. Durch Sherwoods genialen Dub-Mix mit z. T. schon lange vergessenen Samples von Prince Far I, Andy Fairley, Dub Syndicate und Albert Einstein wird das Endprodukt noch überproportional verstärkt. Da sind sie, die ungehörten Sounds, denn On .U Sound presents: „Tunes from the Missing Channel“! Die Interaktion zwischen Fire und Sherwood ist atemberaubend. So etwas kann meines Erachtens nur der open-minded, schon immer alle Konventionen brechende, A. M. Sherwood. Einzigartig!

Bewertung: 4.5 von 5.
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King Size Dub 23

Nun ist das Jahr 2023 gekommen, das auf Echo Beach-Veröffentlichungen seit jeher als Produkionsjahr angegeben wurde, und mit Nummer 23 die neuste Ausgabe der Compilation-Reihe King Size Dub. Das Cover von King Size Dub 23 (Echo Beach) gehört schon mal zu den schönsten der Serie: Hier sehen wir also den legendären Echo Beach durch die Augen des slowenischen Künstlers ROK, der ja auch schon für Ariwa tätig war. Junge und Alte aller Herkünfte feiern unter Palmen das Sound System, und in der Tür lehnt lächelnd der Hausheilige King Tubby. Was also bringt der Sound? Zunächst mal eine Reihe alter Bekannter: Die eigentlich aufgelösten Noiseshaper eröffnen überraschenderweise mit einem quicklebendigen Dub-House-Track. Gleich danach wird es deep mit Mexican Dubwiser, einem der interessantesten aktuellen Label-Acts. Mit einer so humor- wie effektvollen Version von JJ Cales Koksklassiker „Cocaine“, gesungen von Earl 16, erklingt dann auch schon die erste von zahlreichen Coverversionen. Gut die Hälfte der Tracks sind Interpretationen von (hauptsächlich) Pop-, New Wave- und einigen Reggae-Klassikern, ein Feld, dem sich das Label in den letzten zehn Jahren mit besonderer Hingabe gewidmet hat. Dass dieser Maximalismus auf der Verbraucherseite gewisse Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen provoziert, ist verständlich. Aber auf dieser Strandparty mischt sich die Prominenz ganz unbefangen unter die ganz normalen Leute, und es lohnt sich den Partygesprächen genauer zuzuhören. Mit „Armagideon Time“ wird Willie Williams’ zeitlose Apokalyptik einmal mehr aktualisiert. Die Version von Seanie T und Aldubb orientiert sich melodisch an der von The Clash, Rob Smiths Onedrop Remix führt ihn einerseits rhythmisch wieder zurück zu seinen jamaikanischen Wurzeln, schreckt dabei aber auch nicht vor Streicher-Pizzicato zurück. The Clash recken noch mal ihr Haupt mit „Guns of Brixton“, minimalistisch auf Drums&Bass reduziert von Mannaseh, und eingespielt von den Schweizern Dub Spencer & Trance Hill, die ja ihre ganz eigenen Art von Reggae-Populismus entwickelt (und ihrem Hamburger Label damit den Floh mit den Coverversionen wohl erst so richtig tief ins Ohr gedrillt) haben. An dieser Stelle ist, was auf Albumlänge einfach zuviel des Guten und mitunter Mittelmäßigen war, richtig portioniert. Musikalisches Highlight ist die Version von Dub Syndicates „Mafia“ feat. Bim Sherman, ein Tune bei dem offenbar nicht viel falsch zu machen ist. Darüber hinaus sorgen Misled Convoy meets Uncle Fester on Acid nicht nur für den bodenlosensten Droput-Moment, sondern auch für die Verbindung zum verschwägerten On-U-Sound-Label. Für Highlights der eigenen Art sorgen schließlich Autor Alan Moore mit einem Spoken-Word-Beitrag und Kid Loco mit einer Version von Kraftwerks „Robots“, letztere ein leckerer Vorgeschmack auf kommende Ereignisse an diesem Strand. Abschreckendes Gegenbeispiel ist „Dub to be Wild“ von RE-201 ft. Awa Fall. Ein Steppenwolf im Dub-Pelz, diesen missglückten Kalauer kann auch ein Zion-Track-Remix nicht retten. Und auch Paolo Baldini hat sich in seiner Kollabo mit L.A.B. einfach einen etwas schwachen Track ausgesucht. Ansonsten gehört Volume 23 zu den Höhepunkten der dienstältesten Dub-Serie im deutschsprachigen Raum. Nicht nur wegen der Zahlenmagie, sondern dank des breiten Spektrums an Stimmen und Meinungen und einer gerade noch ausgewogenen Balance zwischen Altbekanntem und Neuem, Experimenten und Mainstream-Manövern. Mehr Frauen im Line-Up als auf dem Cover wären für die Zukunft wünschenswert. Und weniger Rocksongs.

Bewertung: 4 von 5.
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Rougher All Stars: Dub Me Like That

Erinnert sich noch jemand an den legendären Auftritt der Blue Riddim Band aus Kansas, Missouri? Die erste amerikanische Reggae-Band, die 1982 beim legendären Reggae Sunsplash auftrat und in den frühen Morgenstunden vor rund 14.000 Zuschauern den Jarrett Park in Montego Bay mit einem sensationellen Auftritt zum Kochen brachte. Die knapp 36-minütige LP „Alive in Jamaica“ (Flying Fish) aus dem Jahr 1986 dokumentiert diesen spektakulären Gig, der vom Rockers Magazine zur besten Performance des viertägigen Festivals gekürt und vier Jahre später für den Grammy Award für das beste Reggae-Album des Jahres nominiert werden sollte.

Ja, aber was haben die Rougher All Stars mit der Blue Riddim Band zu tun? Eine ganze Menge. Beide Bands kommen aus Kansas und sind im Grunde eins, wie das 2013 erschienene Album „Blue Riddim Band Meets Rougher All Stars: Enter The Riddim“ (Rougher Records) zeigt. Einige der beteiligten Musiker wie die Multiinstrumentalisten Todd „Bebop“ Burd aka „The Little General“ und Emily „Goldie/Goldilocks“ Madison spielten in beiden Bands. Die beiden waren auch für die Co-Produktion und den Mix des o. g. Albums verantwortlich, auf dem sich der Song „Do Me Like That“ befindet, der wiederum für den Titel des neuen Albums Pate stand, von dem hier die Rede sein soll.
Weitere zehn Jahre später erscheint nun „Rougher All Stars: Dub Me Like That“ (Rougher Records) und die Rougher All Stars sind inzwischen zum Duo geschrumpft. Die acht sorgfältig ausgearbeiteten Dubs und Instrumentals wurden von Todd „Bebop“ Burd und Emily „Goldie/Goldilocks“ Madison produziert, geschrieben und arrangiert. „Dub Me Like That“ spiegelt die Musik der Pioniere dieses Genres wider. Mit gebührendem Respekt vor dem musikalischen Erbe verkörpert dieses Album den Geist der ganz Großen des klassischen Reggae. Todd Burds und Emily Madisons Engagement für Authentizität ist in jedem Ton des Albums zu hören. Von pulsierenden Basslinien bis hin zu komplexen Bläserarrangements wurde jeder Track in Echtzeit mit Gastmusikern aufgenommen. Die Dub-Effekte wurden sparsam, aber gezielt eingesetzt, und das Spektrum der dargebotenen Tracks reicht von schnelleren Ska-ähnlichen Nummern bis hin zu klassischen Dub-Takes. Kurzum, das Ergebnis spiegelt unbestritten die wahre Essenz des zeitlosen Reggae-Dub-Sounds wider. Burd erklärt im Interview: „Wir wollten ein Album machen, das der goldenen Ära des Dub Tribut zollt, aber auf die uns eigene Art und Weise. Während wir unseren Wurzeln treu bleiben, verleihen die subtilen Jazz-Nuancen dem Sound eine einzigartige Note, was meiner Meinung nach zu einem fesselnden Erlebnis führt.“ Weiter fügt Emily Madison hinzu: „Wir wollten ein Album schaffen, das die Zeit überdauert. Darum hoffen wir, dass die Leute noch viele Jahre diese Stücke hören werden.“ Zu wünschen wäre es den Rougher All Stars allemal.

Bewertung: 4 von 5.
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Ras I Mothep: Orbital Dub System

Vor nahezu exakt einem Jahr habe ich mich dazu bekannt, das Album „Reconciliation“ von Ras I Mothep ganz schamlos gut zu finden, obwohl es ausschließlich ziemlich brutalistischen Steppers-Dub offeriert. Nun liegt mit „Orbital Dub System“ (Subsquad) das nächst Album des Sound Systems aus Aix-en-Provence vor, und schon wieder muss ich fasziniert hinhören. Simpelste digitale Produktionen, Rhythmus pur, Bass ohne Ende und ansonsten 4-to-the-floor. Wo bleibt die Raffinesse? Wo die Kunst? Wo der gute Geschmack? Ich weiß es nicht, und ich kann auch nicht darüber nachdenken, denn mein Kopf ist voll von Bass und digitalem Gepluckere. Im Ernst: Es fällt nicht leicht, über die Musik von Ras I Mothep eine differenzierte Review zu schreiben, aber andererseits sind die Dubs aus dem Süden Frankreichs zu betörend, um sie unter den Tisch fallen zu lassen. Sagen wir mal so: Der reichhaltige Sound von Dub lässt sich auch auf ganz simple Basics herunter brechen: Synkopierte Beats, Bass, Effekte. Genau das, und nicht mehr, bietet „Orbital Dub System“. Das Geheimnis liegt im Arrangement der Beats, das einer geheimen Formel folgt: Es verschränkt sich unmittelbar mit den Stoffwechselprozessen im menschlichen Gehirn und erzeugt unwillkürlichen Zwang. Zwang, den nächsten Track hören zu müssen. Dabei ist dem Zwangsbefallenen bewusst, dass er gegen seinen Willen an diese Musk gefesselt wird. Ein schreckliches Schicksal. Also überlegt euch gut, ob ihr das Album anspielt.

Bewertung: 4 von 5.