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African Head Charge: A Trip to Bolgatanga

Es hat sich ja bereits herumgesprochen, dass das neue African Head Charge-Album „Trip to Bolgatanga“ (On-U Sound) im Vergleich zum übermächtigen Frühwerk nicht ganz aus einem Guss ist. Das war vorauszusehen. Die fünf bis sechs Referenz-Alben, die zuletzt auch als Box-Set wieder veröffentlicht wurden, sind nun mal der Goldstandard, den dieses Langzeitprojekt selbst gesetzt hat. Alle bis hin zu zuletzt „Voodoo of the Godsent“ (2011) sind erklärtermaßen Studio-Projekte, bipolare Klangexperimente mit dem Drumming von Bonjo I als Wurzelwerk und Erdung, und als zweitem Kraftzentrum: Sherwoods Reservoir an Sounds, Riddims, Geräten und Mixmanövern sowie sein erweiterter Freundeskreis. Daneben hat es aber immer wieder Projekte und Phasen gegeben, in denen der Soundpegel eher in Richtung Bonjo neigte: AHC live zum Beispiel, wenn Sherwood nicht am Mischer stand, oder der Ausflug zum Acid Jazz Label, der Bonjo Gelegenheit gab, sich als Bandleader auszuprobieren. Die Alben haben eher apokryphen Status, denn die damals gern so genannten „Sci-Fi-“ und „Industrial“-Elemente blieben dabei draußen. Nämliches gilt für das eigens für Bonjos Roots-Forschung eingerichtete Projekt Noah House of Dread, das ich damals als Ethno-Kitsch empfand. Heute urteile ich milder und erkenne es als frühen und völlig verständlichen Versuch Bonjos, sich künstlerisch freizuschwimmen. In allen seinen Arbeiten aber, und das gilt auch für „A Trip to Bolgatanga“, spiegelt sich sein jeweiliges Verhältnis zu Afrika. Geboren auf Jamaika, wuchs Bonjo Iyabinghi Noah zunächst im Rasta-Camp seiner Großmutter in Clarendon auf. Seinen Eltern folgte er nur widerwillig nach England, wo er sich in den Sechzigern als Trommler etablierte, bis sich sein Weg schließlich mit dem Adrian Sherwoods kreuzte.

Zum Zeitpunkt des ersten AHC-Albums war das „Africa“ für ihn wie für Sherwood noch eher eine abstrakte Idee, ein Traumland wie in Brian Enos und David Byrnes Album „My Life in a Bush of Ghosts“, auf das AHC eine britische Antwort sein wollten. Als Inspiration dienten ihnen eher die Einwandererkultur und die Diaspora-Perspektive von UK als eigene Erfahrungen am realen Ort. „Visions of a Psychedelic Africa“ hieß es noch 2005, dabei war inzwischen allerhand passiert. Mehrere Reisen nach Ghana Bonjo dazu gebracht, sich für immer längere Perioden dort aufzuhalten, und mittlerweile hat sich sein Lebensmittelpunkt komplett dorthin verlagert. Afrika wurde für ihn mehr und mehr vom Sehnsuchtsort zu Realität. Nach einer Zeit an der Küste ist er mittlerweile ins Landesinnere gezogen, in die Upper Region nahe der Grenze zu Burkina Faso. Das Klima ist hier trockener, Muslime sind im Vergleich zum christlichen Süden in der Mehrheit, und musikalisch dominiert die Kultur der ethnischen Gruppe der Frafra: zum Einen eine sehr eigene Form von, zumeist von Frauen gesungenen, Gospel, sowie zum Anderen die Jungskultur der Kologo-Barden. Das sind die Griots der Gegend, sie begleiten ihren Gesang mit zweisaitigen Lauten und dürfen auf keiner Hochzeit, keiner Beerdigung fehlen.
King Ayisoba ist der erste, der aus dieser Graswurzelkultur heraus eine internationale Karriere aufbaute, und er eröffnet das Album auf seine bewährte Weise. Das hat soundtechnisch keinen Präzedensfall auf irgendeinem AHC-Album, abgesehen von Mutabarukas Gastauftritt auf „Vision of a Psychedelic Africa“ (2005), ein Album, auf dem sich das Schisma, mit dem wie es hier zu tun haben, bereits abzuzeichnen begann. Bass und Percussions sind hier noch aufs Allerzurückhaltendste reduziert, und auch der Mix belässt es bei zwei, drei Hallfahnen. Das folgende Instrumental „Accra“ will offenbar ein Tribut and die Hauptstadt sein und imitiert gewissermaßen deren von Afrobeats dominierten, urbaneren Sound. Zum normalerweise elektronisch glatt frisierten Original verhält es sich freilich wie seinerzeit Sherwood-Tunes wie „Zero Zero One“ zum damaligen Dancehall-Reggae. Einen Kreis zum Frühwerk schließt dabei unaufdringlich Klarinettist Steve Beresford, der sonst eher in Free-Jazz-Zirkeln tätig ist, damals aber auch seinen (atonalen) Teil zum AHC-Debüt beigetragen hat. Seine (tonale) Klarinette ist auch dabei, als das Album im dritten Song endlich vertrautes Terrain erreicht: „Push Me Pull You“ wiegt sich majestätisch in abgebremstem Tempo und hätte auf jedes der klassischen Alben gepasst. „I Chant Too“ behält den schleppenden Groove und natürlich das Chanting bei, beschwört dabei aber via Keyboard eine seltsame New Age Stimmung herauf, die den Track zum schlappsten der ersten Seite macht. Denn mit „Asalatua“ schließt die A-Seite mit einem Uptempo-Chaser, der wohlige Erinnerungen an „In Pursuit of Shashamane Land“ weckt.

Zwischen diesen vier (!) Polen – Lokale Dialekte, klassischer AHC-Sound, Pop-Experiment und misslungene Ballade – wiederholt sich das Spiel mit Variationen auf der zweiten Seite. Damit hat das Album ein stilistisches Spektrum, das eher an einen „Pay It All Back“ Sampler erinnert. Das macht die Songauswahl für DJs allerdings auch anschlussfähig für andere Genres von Afrobeat über House bis Reggae und Dubstep… und in Einzelfällen auch für die deepe Listening Session. Viel ärgerlicher finde ich im Vergleich zu zwei Ausfällen dass auch die guten Nummern unter vier Minuten bleiben und damit kaum Gelegenheit bekommen, sich zu entfalten. Hier müssen wir auf folgende Remixes und B-Seiten warten. Von der Produktion ist das Album zwar ein bisschen vielseitiger als ihm gut tut, dabei aber auch sehr subtil und durchlässig. Dass die vertrauten Hausmusiker Doug Wimbish, Skip McDonald und Crocodile dabei sind, ist der Musik kaum anzumerken, so minimalistisch und pointiert und manchmal schlicht technisch sind ihre Beiträge – möglicherweise Anzeichen von Altersmilde. Vor allem schreibt sich in dem Album die produktive Spannung zwischen Bonjo und Sherwood als Songwriter und Songgestalter fort, die nach einer Weile auf Augenhöhe nun zugunsten Bonjos Seite ausgeschlagen ist. Für den ist Afrika mittlerweile eine sehr reale Angelegenheit, und alle Songs reflektieren dies auf musikalische, philosophische oder soziale Weise. Das betrifft auch sein eigenes Drumming, dass einst auf Nyabinghi-Patterns basierte, während er sich nun mittlerweile auch die vielfältigen westafrikanischen Dialekte angeeignet hat. Auch insofern ist „Afrika“ für ihn weit konkreter als zur Zeit von „Off the Beaten Track“. Natürlich war in Bolgatanga außer King Aysoba noch die halbe Nachbarschaft in das Projekt involviert. African Head Charge ist in 2023 Bonjos Projekt, wir hören seine neue Heimat durch seine Ohren und Drums. Und wie bei jedem guten Storyteller lohnt es sich immer, einfach mal zuzuhören.

Bewertung: 4 von 5.
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King Size Dub 23

Nun ist das Jahr 2023 gekommen, das auf Echo Beach-Veröffentlichungen seit jeher als Produkionsjahr angegeben wurde, und mit Nummer 23 die neuste Ausgabe der Compilation-Reihe King Size Dub. Das Cover von King Size Dub 23 (Echo Beach) gehört schon mal zu den schönsten der Serie: Hier sehen wir also den legendären Echo Beach durch die Augen des slowenischen Künstlers ROK, der ja auch schon für Ariwa tätig war. Junge und Alte aller Herkünfte feiern unter Palmen das Sound System, und in der Tür lehnt lächelnd der Hausheilige King Tubby. Was also bringt der Sound? Zunächst mal eine Reihe alter Bekannter: Die eigentlich aufgelösten Noiseshaper eröffnen überraschenderweise mit einem quicklebendigen Dub-House-Track. Gleich danach wird es deep mit Mexican Dubwiser, einem der interessantesten aktuellen Label-Acts. Mit einer so humor- wie effektvollen Version von JJ Cales Koksklassiker „Cocaine“, gesungen von Earl 16, erklingt dann auch schon die erste von zahlreichen Coverversionen. Gut die Hälfte der Tracks sind Interpretationen von (hauptsächlich) Pop-, New Wave- und einigen Reggae-Klassikern, ein Feld, dem sich das Label in den letzten zehn Jahren mit besonderer Hingabe gewidmet hat. Dass dieser Maximalismus auf der Verbraucherseite gewisse Ermüdungs- und Abnutzungserscheinungen provoziert, ist verständlich. Aber auf dieser Strandparty mischt sich die Prominenz ganz unbefangen unter die ganz normalen Leute, und es lohnt sich den Partygesprächen genauer zuzuhören. Mit „Armagideon Time“ wird Willie Williams’ zeitlose Apokalyptik einmal mehr aktualisiert. Die Version von Seanie T und Aldubb orientiert sich melodisch an der von The Clash, Rob Smiths Onedrop Remix führt ihn einerseits rhythmisch wieder zurück zu seinen jamaikanischen Wurzeln, schreckt dabei aber auch nicht vor Streicher-Pizzicato zurück. The Clash recken noch mal ihr Haupt mit „Guns of Brixton“, minimalistisch auf Drums&Bass reduziert von Mannaseh, und eingespielt von den Schweizern Dub Spencer & Trance Hill, die ja ihre ganz eigenen Art von Reggae-Populismus entwickelt (und ihrem Hamburger Label damit den Floh mit den Coverversionen wohl erst so richtig tief ins Ohr gedrillt) haben. An dieser Stelle ist, was auf Albumlänge einfach zuviel des Guten und mitunter Mittelmäßigen war, richtig portioniert. Musikalisches Highlight ist die Version von Dub Syndicates „Mafia“ feat. Bim Sherman, ein Tune bei dem offenbar nicht viel falsch zu machen ist. Darüber hinaus sorgen Misled Convoy meets Uncle Fester on Acid nicht nur für den bodenlosensten Droput-Moment, sondern auch für die Verbindung zum verschwägerten On-U-Sound-Label. Für Highlights der eigenen Art sorgen schließlich Autor Alan Moore mit einem Spoken-Word-Beitrag und Kid Loco mit einer Version von Kraftwerks „Robots“, letztere ein leckerer Vorgeschmack auf kommende Ereignisse an diesem Strand. Abschreckendes Gegenbeispiel ist „Dub to be Wild“ von RE-201 ft. Awa Fall. Ein Steppenwolf im Dub-Pelz, diesen missglückten Kalauer kann auch ein Zion-Track-Remix nicht retten. Und auch Paolo Baldini hat sich in seiner Kollabo mit L.A.B. einfach einen etwas schwachen Track ausgesucht. Ansonsten gehört Volume 23 zu den Höhepunkten der dienstältesten Dub-Serie im deutschsprachigen Raum. Nicht nur wegen der Zahlenmagie, sondern dank des breiten Spektrums an Stimmen und Meinungen und einer gerade noch ausgewogenen Balance zwischen Altbekanntem und Neuem, Experimenten und Mainstream-Manövern. Mehr Frauen im Line-Up als auf dem Cover wären für die Zukunft wünschenswert. Und weniger Rocksongs.

Bewertung: 4 von 5.