Dr. Israel: In Dub

Und noch ein Echo Beach Serious Classics-Release: Dr. Israel, „In Dub“ (Echo Beach). Der Doktor aka Douglas Bennett ist mir schon seit den 1990ern ein Begriff, allerdings pflegte ich ein gespaltenes Verhältnis zu seinen Produktionen. Die Nähe seines Sounds zu Punk à la Bad Brains verwehrte mir die Identifikation mit seiner Musik. Bis in die 2000er Jahre hinein, lief er mir immer wieder über den Weg – insbesondere auf Veröffentlichungen des legendären Wordsound-Labels, das klanglich irgendwo zwischen Trip Hop und Dub unterwegs war und reichlich schräge Produktionen hervor brachte. Nun bietet Echo Beach dem Grenzgänger aus Brooklyn eine Retrospektive, die sich nahezu über sein komplettes Werk von 1998 bis 2005 erstreckt. 15 ausgewählte Tracks, teils Vocals, teils Dubs, gibt es hier zu hören. Inhomogen, überraschend und durchaus herausfordernd. Nicht gerade eine Easy Listening-Erfahrung, sondern eher eine Dub-Exkursion entlang der Grenzen des Genres. Schön, das Best Of des Dr. Israel Oeuvres so kompetent kuratiert dargeboten zu bekommen.

Meine Wertung:

B. R. Stylers: In Dub

Die Echo Beach Serious Classics-Serie ist eine Zeitmaschine. Dieses Mal wurde sie auf die Jahre zwischen 2002 und 2009 eingestellt und auf die italienische Band B. R. Stylers fokussiert. Ein Projekt von Paolo Baldini, den jeder Dubhead unter dem Namen Paolo Baldini DubFiles auf dem Schirm haben dürfte. Während der Produzent und Bassist unter „DubFiles“ bis heute superbe Dub-Alben heraus bringt, stammt das letzte Lebenszeichen der B. R. Stylers von 2009. Bis jetzt, denn das Hamburger Dub-Label Echo Beach hat in den Archiven gekramt, ein „Best Of“ der Stylers zusammen gestellt, es schlicht „In Dub“ (Echo Beach) betitelt und in der Serious Classics-Serie veröffentlicht. Sagenhafte 18 Tracks sind hier versammelt. Schneller, energetischer Dub, auf rund der Hälfte der Tracks mit Vocals von Michela Graina fein garniert.

Meine Wertung:

Simba Khan: Brutal Tide

Jetzt schreibe ich schon so lange über Dub und werde immer noch überrascht von Produktionen, die mich so richtig catchen, ohne, dass ich sagen könnte, woran das genau liegt. So geht es mir jedenfalls mit der neuen EP „Brutal Tide“ (Dub Records) von Simba Kahn. Auf den ersten Blick drei simple Steppers-Produktionen (+ drei Versions). Digital und genau so, wie meine lieben Mitautoren des Dubblog sie nicht mögen. Bei mir aber läuft die EP in Dauerrotation. Warum? Ich versuche mal eine Erklärung: 1. Ich liebe Dynamik und Timing der Beats. Es geling mir beim Hören nicht, den Kopf still zu halten. Irgendwie passt der Groove voll auf meinen inneren Rhythmus. 2. Die Polyrhythmik der Percussions fasziniert mich. Von wegen, „simples Steppers-Gestampfe“! Hier liegen diverse Rhythmusstrukturen übereinander und verbinden sich zu einem faszinierend komplex-einfachem Muster. 3. Die Sound System-Atmo holt mich bei meinen schönsten Dub-Erinnerungen ab. Das ist Mukke, die für dunkle Nächte und hohe Lautsprechertürme geschrieben wurde – und für hunderte Dubheads, die in ihrem Rhythmus skanken. Ach ja, wer ist eigentlich Simba Khan? Ich hätte auf einen indischen Dub-Produzenten getippt. Tatsächlich aber lebt er in Belgien und ist dort Mitglied des Islanders-Sound Systems. Muss man im Blick behalten, den Mann.

Meine Wertung:

Jah Schulz: Right Time – Right Dub

Man könnte ja meinen, dass das wirklich wahre und echte Sound System-Futter stets aus dem UK, Frankreich oder Italien käme. Aber nix da! Mit Jah Schulz haben wir einen der besten Steppers-Produzenten überhaupt – und zwar in Stuttgart. Nachzuhören auf seinem neuen Album: „Right Time – Right Dub“ (Railroad). Wie gewohnt straighter Hardcore-Steppers, wuchtig, brutal, überwältigend. Wie gewohnt live gemischt und wie gewohnt ohne Kompromisse. Kein Wunder, dass seine Dubs in internationalen Sound Systems für Furore sorgen. Dub ist schon seit vielen Jahren das Zentrum der Welt von Michael Fiedler aka Tokyo Tower aka Jah Schulz. Unter letzterem Pseudonym konzentriert er sich auf Steppers – live und im Studio. Wobei er angeblich auch im Studio beim Mixen die Live-Methode pflegt. Ist aber nicht so wesentlich, denn was hinten raus kommt ist purer Steppers-Dub, nice gemixt, aber letztlich zählt hier Rhythmus, Atmosphäre, Härte und Bass. Und diese Ingredienzien beherrscht Herr Schulz par excellence. Wobei hier jetzt nicht der Eindruck entstehen soll, die Dubs wären stupides Gestampfe. Ganz und gar nicht. Die richtige Zeit für den richtigen Schulz-Dub kann auch Sonntag Vormittags auf dem Sofa sein. Dann ist er weniger ein physisches, als ein kognitives Erlebnis, denn fürs bewusste, analytische Zuhören bieten Schulzes Produktionen ebenfalls reichlich Input. Kurzum: Right Dub – zu jeder Zeit.

Meine Wertung:

100 x Dub Evolution

Wie ihr wisst, schreibe ich die Dub-Kolumne in der Riddim. Soeben ist die hundertste Ausgabe der Riddim erschienen. Unglaublich! Ich habe somit hundert (!) Dub Evolution-Kolumnen geschrieben. Das sind hochgerechnet an die 900 bis 1000 rezensierte Dub-Alben. Ich wundere mich selbst, wie sich über Dub so viel schreiben lässt. Immerhin handelt es sich um ein kleines Sub-Genre, weitgehend ohne Stars, ohne Skandale, Tratsch oder Crime-Stories. Ja sogar ganz ohne Lyrics. Es bleibt die bloße Musik, meist sogar herunter gestrippt auf Drum, Bass und Effekte. Kein Wunder, dass sich für nicht Eingeweihte bei Dub alles gleich anhört. Aber wenn sich über Briefmarken oder Zierfische ganze Kompendien füllen lassen, dann ist es doch wohl auch möglich, 100 Kolumnen über Dub zu schreiben! Immerhin haben wir es mit einem der faszinierendsten Musikstile der Welt zu tun. Dub ist purer Rhythmus und Sound – ganz um seiner selbst willen und nicht nur als Hintergrund für einen Song. Kein Text, (fast) keine Melodie, nichts außer Klang: pure Musik. Würde man ihn mit der Malerei vergleichen, dann wäre Dub abstrakte Kunst. Sie steht nicht im Dienste einer Darstellung, sondern ist reine sinnliche Erfahrung (wer je ein Dub-Soundsystem erlebt hat, weiß, dass Dub eine maximal sinnliche Erfahrung ist). Dub ist wie ein Bild von Barnett Newman: Eine riesige Farbfläche, die den Betrachter vollständig einnimmt. Oder, um es neudeutsch zu formulieren: Dub ist immersiv. Man taucht ein, versinkt, wird vollständig eins mit Dub. Warum? Weil Dub einen Raum aufspannt, dessen gewaltige Dimension sich an reflektiertem Hall und Echo nur erahnen lässt. Outer-Space, gefüllt mit dunkler Bass-Materie. Aber – und das liebe ich sehr – Dub ist nicht nur immersiv: So wie die Hochtöner an der Spitze eines Lautsprecherboxenberges, gibt es eine helle, rationale, bewusste Kopfstimme über der Bass-Materie. Sie ermöglicht es, Dub bewusst zuzuhören, seine Form zu analysieren und dem Soundengineer virtuell über die Schulter zu schauen. Es ist so, als würde man in einem Film für einen Moment aufhören, der Story zu folgen und die Aufmerksamkeit auf die Form lenken, darauf, wie die Story inszeniert ist. Dieser analytische Blick drängt sich bei Dub geradezu auf. Das ostentative Spiel mit Arrangements und Effekten lässt Zuhörern keine andere Wahl – insbesondere wenn experimentierfreudige Engineers wie Adrian Sherwood oder Mad Professor am Werk sind.
Ja, Dub ist klein, aber tief. Ich könnte den ganzen Dubblog damit füllen, über das Wesen von Dub nachzudenken, die Mutter aller Remixe, den Pionier der Bass-Music – überhaupt: die erste Musik, die alles dem Primat von Rhythm und Sound untergeordnet hat. Eine wahrlich revolutionäre Musik, über die sich gar nicht genug schreiben lässt.

Ras Teo: Mystic Dub

Ras Teo ist uns schon letztes Jahr mit seinem Album „Ras Teo Meets Lone Ark: Ten Thousand Lions“ begegnet. Vor allem die Produktionen und Dub-Mixes von Roberto Sánchez haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nun veröffentlicht Teodik Hartoonian aka Ras Teo (in LA lebender Schwede armenischer Abstammung) ein reines Dub-Album: „Mystic Dub“ (Teo). Es handelt sich um die Dub-Version seines Debuts „Mystic Morning“ von 2009, die also elf Jahre benötigte, um das Licht der Welt zu erblicken. Produziert von diversen Producern, vor allem aber von Rebel Steppa und Reuben Addis, bleibt es qualitativ hinter „Ten Thousand Lions“ zurück, ist aber dennoch hörenswert. Digitale Rhythms im UK Steppers-Style der milderen Sorte bestimmen den Sound, der locker den 1990er Jahren entsprungen sein könnte. Auf fünf Tracks ist Hornsman Coyotes Posaune zu hören. Klingt nicht sonderlich spannend? Stimmt. „Mystic Dub“ ist ein gänzlich unspektakuläres, leicht antiquiert wirkendes Album, das aber dennoch durch seinen relaxten, warmen Vibe zu überzeugen weiß. Lasst es beim Arbeiten oder Lesen im Hintergrund laufen und ihr werdet euch wohl fühlen.

Meine Wertung:

Dubsouls in Session

Passen Dub und Jazz eigentlich zusammen? Ersterer eine super-strukturierte Musik mit eher sanftem Flow, letzterer oft frei flotierendes Chaos und planlose Improvisation. (So weit die Klischees). Aber es gibt ja einige wunderschöne Beispiele, wie beides gut zusammen gehen kann: Angefangen bei Ernest Ranglin über meinen Liebling „Dub på Svenska“, hin zu „Nordub“ von Nils Petter Molvær und zuletzt den „Natural Hights“ des Guiding Star Orchetras. Nun haben wir ein weiteres Paradebeispiel dafür, dass Dub und Jazz füreinander bestimmt sind: „Dubsouls in Session“ (Youth Sounds) von den Dubsouls. Hinter diesem charmanten Namen verbirgt sich ein Septett, geführt von dem britischen Jazzgitarristen Andrew Murphy. Es spielt ungemein entspannten Reggae im lockeren Retro-Style, smooth & easy mit Orgel, Blechbläsern, erstaunlich maximalem Bass und minimalem Dub-Mixing. Der perfekte steady Hintergrund für die hübschen, frei fließenden Jazz-Soli von Murphy & Co. So ein einfaches Rezept! Eigentlich nichts Besonderes – und doch bin ich total hooked. Der Flow ist einfach umwerfend und die Jazz-Gitarrenklänge betörend. Ich kann nur sagen: Dub & Jazz gehören zusammen wie Butter und Brot. Und überhaupt: Ist Dub-Mixing nicht sowieso irgendwie freie Jazz-Improvisation?

Meine Wertung:

Lee Perry: Life of the Plants

Und noch ein neues Perry-Album. Der Madman des Reggae ist mit seinen 82 Jahren immer noch erstaunlich produktiv. Allerdings beschränkt sich sein Arbeitsaufwand auf das Nötigste. Bei „Life of the Plants“ (Stones Throw) waren es Aaron Coyes und Indra Dunis (beide bilden die Kalifornische Electronic-Dub-Band Peaking Lights), die  in akribischer Vorarbeit sehr progressive Tracks im Spannungsfeld von Reggae und Elektronik produzierten, während Perry anschließend mit seinen spontanen Vocals in Rekordzeit durch war. Die beiden beschreiben die Recording-Session sehr amüsant: „Die Session fand in den Stones Throw Studios in Los Angeles statt. Perry kam am Morgen, stellte Kerzen auf, verbrannte Salbei, dekorierte den Raum nach seinen Wünschen und begann mit der Aufnahme. Seine erste Gesangsaufnahme dauerte unerwartete 20 Minuten. Studioingenieur Jake Viator verlängerte den Track manuell in Echtzeit, solange Perry weitermachte. Direkt danach free-stylte Perry den Overdub Back-Up-Track in weiteren 20 Minuten.“ Fertig war das Werk. Die EP besteht aus nur drei Tracks und zwei Dub-Versions – alle zwischen 8 und 10 Minuten lang. Die Arrangements sind schön sperrig und könnten als Adrian Sherwood-Plagiat durchgehen. Bei mir verursacht Perrys „Gesang“ stets latenten Stress, den die Musik der Peaking Lights rücksichtslos weiter anfacht. Zum entspannten Genuss lädt das Leben der Pflanzen also nicht gerade ein. Aber als horizonterweiterndes Dub-Experiment lass ich es durchgehen.

Meine Wertung:

The Dub Chronicles: The Take Over

Wo wir gerade vom Jazz reden: Die kanadischen Brüder Craig und Jonathan Rattos – ein Schlagzeug/Piano-Duo – spielen unter dem Namen The Dub Chronicles auch wunderbar jazzigen Reggae. Nun liegt ihr neues Album „The Take Over“ (VPAL) vor. Es ist viel näher am klassischen Dub als am Jazz gebaut, atmet den Jazz-Vibe aber dennoch mit jeder Note. Kein Wunder, denn die Brüder sind ausgebildete Jazz-Profis, die ihr Herz an instrumentalen Reggae verloren haben. „Two soldiers creating the soundscapes of an entire army“ – wie sie sich selbst beschreiben, denn fast jedes Instrument auf „The Take Over“ wurde von ihnen selbst eingespielt. Well done, meine Herren. Und kaum zu glauben, dass der Bass angeblich aus einem Keyboard stammt. Mir gefällt der lockere, offene und doch ziemlich druckvolle Sound und die Jazz-Vibes mag ich sowieso. Für mich ein Highlight in der dunklen Jahreszeit.

Meine Wertung:

Adam Prescott Meets Joe Ariwa

Seit Vater Neil Fraser, der verrückte Professor, in Teilrente ist, kümmert sich sein Sohn Joe um neue Ariwa-Produktionen. Und da er eine Vorliebe für Kooperationsprojekte mit anderen Produzenten hat, gibt es jetzt das Album „Adam Prescott Meets Joe Ariwa“ (Ariwa). Beide haben ihre Produktions-Skills zusammen getan, Black Steel und Ashanti Selah (Sohn von Aba Shanti-I) als Musiker engagiert und feiste Roots-Rhythms gebaut: klassischen One-Drop, aber auch wuchtigen Steppers. Aus meiner Sicht sind letztere besser gelungen. Sie machen mit purer Energie wett, was ihnen an Melodie und Arrangement fehlt. Indeed: die meisten Dubs sind nicht sonderlich inspiriert. Da helfen auch die beiden Vocal-Tunes von Ranking Joe und Donovan KingJay nicht wirklich. Eben so wenig wie Adam Prescotts Melodicaspiel. Ich finde es wunderbar, dass Joe die Arbeit seines Vaters fortführt, aber so richtig haben mich seine Alben bisher nicht begeistern können. Leider macht „ Adam Prescott Meets Joe Ariwa“ da (wieder) keine Ausnahme.

Meine Wertung: