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Rockers Hi Fi: Original Lo Fi

Das Interessanteste an Original Lo-Fi (!K7) von Rockers Hi-Fi ist, was man nicht hört: hochglanzpolierte Studioarbeit, berechnetes Arrangement, das geölte Handwerk erfahrener Profis. Stattdessen: ein Lagerraum über einem Klavierladen in Birmingham, Casio-Sampler, ein Atari 1040 und das Gefühl, dass hier Leute etwas ausprobieren, das noch keinen richtigen Namen hat. Genau diese Rauheit, diese produktive Uninformiertheit der frühen Neunziger, ist es, die das Album drei Jahrzehnte später zu einem so aufschlussreichen Dokument macht.
Was mich dabei besonders beeindruckt: Rockers Hi-Fi waren ihrer Zeit voraus (indem sie die Grenzen von Dub beherzt überschritten) – und lagen gleichzeitig exakt im Zeitgeist. Wie Dreadzone, Zion Train, Groove Corporation oder Rhythm & Sound gelang ihnen der Crossover ins House-Genre, ohne den Dub-Kern aufzugeben. Auf „Sexy Selector“ und „DeMat DubRim“ hört man das deutlich: Dub-Ästhetik, die sich nicht schämt, für Dancefloors produziert worden zu sein. Und „Clint Eastwood Is Tuffer Than Lee Van Cleef“ ist ein Dub-House-Bastard der besten Sorte – direkt, ruppig, unvergessen.
Dass das Album jetzt, dreißig Jahre nach seiner Entstehung, neu zusammengestellt und remastered erscheint, ergibt vollkommenen Sinn. Es klingt nicht nach Nostalgie, sondern nach einer Idee, die sich inzwischen bestätigt hat. Wer wissen will, woher ein Gutteil des heutigen Dub-Electronica-Diskurses kommt, findet hier eine der Wurzeln.

Bewertung: 4 von 5.

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Echoes from the Machine

Warum KI-generierter Dub unser Verständnis von Kreativität und Musikkultur erschüttert.

Vor einiger Zeit schrieb ich eine Review des aktuellen Haris-Pilton-Albums „Think Dubby“, das mir ganz gut gefiel. Eine von Tausenden Reviews, die ich in meinem Leben geschrieben habe. Und doch war sie es, die eine ziemliche Kontroverse hier im Dubblog losgetreten hat, denn mir war nicht aufgefallen, dass Haris Pilton zur Produktion seiner Dubs offenbar künstliche Intelligenz verwendet hatte. Zumindest wurde dieser Vorwurf erhoben – wenn auch nicht bewiesen. Andererseits hat Haris auch nicht eindeutig dementiert, sodass in der Tat davon auszugehen ist, dass KI im Spiel war.

Zum Glück traf es bei dem Disput weniger mich und meine Review. Die war eigentlich nur der Anlass, um Haris Pilton schwere Vorwürfe zu machen. Er würde die Dub-Community betrügen und unser heiliges Genre entehren.

Während sich in manchen Genres niemand wirklich darum zu scheren scheint, ob bei der Produktion KI involviert ist, macht es zumindest bei Dub offenbar einen Riesenunterschied zwischen „ehrlicher“ Musik und Musikbetrug.

Ich muss zugeben, dass auch ich etwas schockiert war und leise an meiner Dub-Kompetenz gezweifelt habe. Wie konnte ich nicht hören, dass die Dubs KI-generiert waren? Wie konnte mir das entgehen? In der Tat schwankt die Qualität der Pilton-Produktionen ziemlich stark, und sein Oeuvre erscheint zudem stilistisch disparat. Das hätte mich skeptisch machen sollen. Zudem wirkt das Album „Think Dubby“ selbst nicht sehr geschlossen. Es gibt brillante Tracks, aber auch einige schlechtere, die aus dem Rahmen fallen.

Erst im Nachgang fragte ich mich, warum es eigentlich einen solchen Unterschied macht, ob Dub KI-generiert ist oder „handwerklich“ produziert wurde. Mein Motto lautet eigentlich, ganz nach Helmut Kohl: „Es zählt, was hinten raus kommt“. Dazu stehe ich auch: Letztlich zählt das, was wirklich zu hören ist. Ein Werk ist gut oder schlecht, ganz egal, wie es zustande kam, welche Technik eingesetzt wurde, wer es erzeugt hat, ob viel oder wenig Geld, viel oder wenig Zeit, viel oder wenig Talent investiert wurde. Informationen darüber mögen unsere Rezeption beeinflussen und uns dabei helfen, ein Werk besser zu verstehen. Aber an der Qualität der Musik ändert es nichts, denn der Schall, der an unsere Ohren dringt, bleibt gleich – ganz egal, was wir darüber wissen. Also müssen wir die Qualität eines Musikstücks ohne all das Vorwissen beurteilen können, nur auf Basis dessen, was wirklich da ist: die pure Musik. So gesehen spielt es keine Rolle, ob echte Musiker und Musikerinnen am Werk waren, ob digital mit Logic Pro produziert wurde, ob gesampelt wurde oder ob die Musik KI-generiert ist, oder? 

Merkwürdig, dass es trotzdem nicht so ist. KI-Musik vom Brighton Dub Club oder von Full Dub Riddims höre ich mir nicht gerne an. Da regt sich ein Widerwille in mir – und offenbar auch in vielen anderen Dub-Freunden. Woran liegt das?

Erklärungsversuch 1

Eine Erklärung könnte sein, dass KI-Dubs ein betrügerischer Rip-off menschlicher Musiker und Musikerinnen sind, denn die KI wurde ja mit dem Material menschlicher Musikschaffender trainiert – ohne dass diese dafür entlohnt wurden. Dieses Argument ist oft von Kreativen unterschiedlicher Disziplinen zu hören: Grafiker:innen, Illustrator:innen, Fotograf:innen, Texter:innen, Videograf:innen, Schriftsteller:innen und vielen mehr. Diese haben viel Zeit und Mühe in das Erlernen ihrer Fähigkeiten investiert – und nun nimmt die KI ihnen die Jobs weg. Das gelingt der KI perfiderweise nur deshalb, weil sie ihre Fähigkeiten an den Werken der Kreativen „trainiert“ hat. Juristisch läuft das auf die Frage hinaus, ob die KI-Hersteller zum Training ihrer Modelle widerrechtlich urheberrechtlich geschütztes Material verwendet haben. Das ist Gegenstand aktueller juristischer Diskussionen, und wir werden wohl bald erfahren, ob OpenAI, Google, Anthropic und die anderen eine Art „GEMA“ werden nachzahlen müssen.

Das generelle Prinzip des Lernens anhand der Werke anderer ist jedenfalls nicht schändlich. Denn was macht die KI denn eigentlich anders als menschliche Schüler:innen, die von den Werken großer Meister lernen? Ist es nicht ganz normale Ausbildungspraxis, dass an den Werken anderer die eigenen Fähigkeiten trainiert werden? Wir trainieren prinzipiell genauso wie eine KI es tut, indem wir uns die Werke anderer anschauen, sie analysieren und studieren. Abgesehen davon, dass wir dabei um Dimensionen effizienter lernen, ist es genau dasselbe, was die KI macht. Allerdings – das ist ein wesentlicher Unterschied – haben wir zuvor Geld für einen Museumsbesuch, ein Buch oder ein Spotify-Abo ausgegeben. Wir haben also – über Umwege – die Kreativen dafür bezahlt, dass wir ihre Werke studieren durften.

Dass wir uns der Werke anderer bedienen, wird noch viel deutlicher beim Sampling, bei Collagen oder „Zitaten“. Hier wird regelrecht kopiert – was aber gemeinhin akzeptiert ist. Gut gewählte Samples werden sogar anerkennend gelobt, ein cleveres Zitat geschätzt, und Collagen gelten als eigenständige künstlerische Werke. Warum also, verdammt noch mal, haben wir ein Problem mit KI-generierten Dubs?

Erklärungsversuch 2

Vielleicht ist es gekränkte Eitelkeit, weil sich niemand wirklich die Mühe gemacht hat, die Musik zu erschaffen, der ich meine Zeit widme, um sie aufmerksam zu hören? Kann ich Musik genießen, wenn es keinen Artist gibt, dem es um mich als Hörenden geht? Wenn da niemand ist, der mir gefallen will, der sich um mein Vergnügen bemüht, der mir im besten Fall etwas mitzuteilen hat? Kurz: Kann ich Musik genießen und wertschätzen, wenn kein menschlicher Schöpfer dahintersteht?

Bei einer idyllischen Landschaft ist das seltsamerweise kein Problem. Auch hinter ihr steht kein menschlicher Schöpfer, und doch genießen und schätzen wir sie inbrünstig. Das gilt auch für andere Naturschönheiten. Wie faszinierend ist der Anblick mancher Pflanzen oder Tiere, die ebenfalls nicht das Werk eines Künstlers oder einer Künstlerin sind. Warum sollte das bei Musik, Malerei oder Film anders sein? Vielleicht schafft es eine wirklich gute KI in Zukunft, nur noch gute Musik zu komponieren. All killer, no filler! Was wäre dagegen einzuwenden?

Erklärungsversuch 3

Vielleicht muss man etwas tiefer in der Psyche des westlichen Menschen graben, um eine Erklärung für das Unbehagen zu finden, das uns befällt, wenn wir KI-Musik oder KI-Kunst vor uns haben. Also starten wir mal bei Sigmund Freud. In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 beschreibt Freud die Widerstände, die der von ihm entwickelten Psychoanalyse seiner Auffassung nach entgegenstehen. Wie jede wissenschaftliche Neuerung müsse auch sie sich gegen etabliertes Denken durchsetzen – nicht zuletzt deshalb, weil durch sie „starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind“.

Freud nennt drei große Kränkungen des menschlichen Narzissmus: die kosmologische Kränkung durch Kopernikus, der den Menschen aus dem Mittelpunkt des Weltalls vertrieb; die biologische Kränkung durch Darwin, der den Menschen in die Reihe der Tiere stellte; und schließlich die psychologische Kränkung durch Freud selbst, der dem Ich erklärte, es sei „nicht Herr im eigenen Haus“.

Seitdem sind weitere Kränkungen hinzugekommen. Die Neurobiologie hat die alte Trennung von Körper und Geist zumindest stark erschüttert. Das Ich, das wir so gerne als autonome Instanz begreifen, erscheint immer mehr als Funktion eines Körpers, der von Chemie, Biologie, Trieben, Routinen und unbewussten Prozessen bestimmt wird. 

Und nun kommt, ziemlich aktuell, die nächste Zumutung hinzu: Auch Intelligenz und Kreativität sind offenbar nicht mehr exklusiv menschlich. Maschinen schreiben Texte, malen Bilder, komponieren Musik, entwerfen Designs, erzeugen Stimmen, imitieren Stile und lösen Probleme, für die wir bis vor Kurzem noch Begabung, Bildung, Erfahrung oder wenigstens ein empfindsames Innenleben vorausgesetzt hätten.

Das kränkt. Natürlich kränkt das. Denn es nimmt uns eine weitere Bastion, auf der wir es uns lange bequem gemacht hatten. Wenn eine Maschine plötzlich ein Dub-Album erzeugen kann, das zumindest auf den ersten Blick funktioniert, dann stellt das nicht nur die Maschine zur Diskussion, sondern auch unsere Vorstellung davon, was menschliche Kreativität eigentlich ist. Wer mag sich schon unbefangen an einem Werk erfreuen, das zugleich den Verdacht nahelegt, dass einige unserer heiligsten Unterschiede zwischen Mensch und Maschine vielleicht weniger stabil sind, als wir dachten?

Aber diese Erklärung reicht nicht aus. Der Widerstand gegen KI-Musik ist nicht bloß verletzter Stolz. Er ist auch nicht einfach die beleidigte Reaktion einer Spezies, die feststellen muss, dass sie Konkurrenz bekommen hat. Viele Einwände gegen KI sind sehr viel handfester. Musiker:innen, Produzent:innen, Grafiker:innen, Autor:innen und andere Kreative fürchten nicht nur, dass Maschinen besser werden könnten als sie. Sie fürchten, dass Plattformen, Labels, Streamingdienste und Content-Farmen KI nutzen, um menschliche Arbeit zu entwerten, Honorare zu drücken, Rechte zu umgehen und Kultur in massenhaft verfügbaren, jederzeit austauschbaren Stimmungsbrei zu verwandeln.

Das ist keine bloße narzisstische Kränkung, sondern eine reale Machtfrage. Wer besitzt die Trainingsdaten? Wer verdient an den Modellen? Wer wird ersetzt, wer wird bezahlt, wer bleibt sichtbar? Wer kann es sich leisten, menschliche Kreativität weiterhin als kostbares Gut zu behandeln, wenn synthetische Alternativen billiger, schneller und beliebig skalierbar sind? In diesem Sinne ist das Unbehagen an KI-Musik auch ein Misstrauen gegenüber den ökonomischen Strukturen, in denen diese Musik entsteht und verbreitet wird. Vielleicht richtet sich unser Widerwille also gar nicht nur gegen die Maschine selbst, sondern gegen die Welt, die sie hervorbringt und die sie aller Wahrscheinlichkeit nach noch effizienter, glatter und rücksichtsloser machen wird.

Trotzdem bleibt die psychologische Kränkung ein wichtiger Teil des Problems. Denn selbst wenn alle rechtlichen Fragen geklärt wären, selbst wenn Musiker:innen fair vergütet würden, selbst wenn transparent gekennzeichnet wäre, welche Musik KI-generiert ist und welche nicht, bliebe vermutlich ein Rest Unbehagen. Die Vorstellung, dass Kreativität aus Wahrscheinlichkeiten, Mustern und Kontextfenstern entstehen kann, ohne Erfahrung, Verletzlichkeit, Langeweile, Sehnsucht oder Weltbeziehung, widerspricht unserem eingeübten Kunstverständnis. Wir wollen hinter einem Werk jemanden vermuten: ein Subjekt, eine Absicht, einen Körper, ein Leben. Die KI aber liefert womöglich ein Resultat, ohne diese Geschichte mitzuliefern. Und genau darin liegt ihre Zumutung.

Erklärungsversuch 4

Womit wir beim Thema der Künstler:innen-Persönlichkeit wären. Seit Tausenden von Jahren sind wir als Menschen darauf geprägt, dass kulturelle und künstlerische Werke von begabten Individuen stammen. Galten die Künstler früher als Handwerker, so entstand im 18. Jahrhundert die Idee des Künstlergenies. Dieses wird bis heute als originelles, schöpferisches Individuum verstanden, das aus innerer Kraft Neues hervorbringt. Ihren Höhepunkt erreicht diese Vorstellung in der Romantik um 1800: Der Künstler wird fast zu einer visionären, außergewöhnlichen Figur mit besonderem Zugang zu Wahrheit, Natur oder dem Absoluten. Kunst erschien als Ausdruck einer besonderen inneren Kraft. Dieser „Künstlermythos“ besteht – abgeschwächt – bis heute fort und prägt unseren Blick auf Kunst und Kultur. Auch wenn aus dem einsamen Schöpfergenie zunehmend eine Figur im Geflecht aus Gesellschaft, Markt, Technik und Zusammenarbeit wurde, so fällt es uns aktuell extrem schwer, Kunst als etwas zu verstehen, das womöglich ohne menschlichen Schöpfer bzw. ohne menschliche Schöpferin auskommt. 

Hinzu kommt, dass Kunst jahrhundertelang vornehmlich im Dienste der Religion stand. Ihre Aufgabe bestand darin, die Narrative der Religion zu mythisieren. Kunst und Religion sind also seit je her eng miteinander verknüpft. Als mit der Moderne diese Funktion zunehmend in den Hintergrund trat, begann die Kunst im Zuge ihrer „Befreiung“, sich selbst zu mythisieren, zu überhöhen und zu verherrlichen. Die Kunst wurde somit selbst zu einer Religion – und Künstler zu ihrem Priestern.

Wenn wir diese Vorstellung von Kunst und Künstler:innen nun angesichts der KI über den Haufen werfen wollen, müssen wir gegen die seit Jahrhunderten etablierte Prädisposition ankämpfen, an höhere Ordnungen, Autoritäten und Sinnsysteme zu glauben und an charismatische Führer – seien es Kleriker, Herrscher oder eben Künstler. Dieser Glaube hat uns all die Zeit Sinn, Schutz, Ordnung, Zugehörigkeit und Entlastung ermöglicht – und jetzt sollen wir angesichts denkender Maschinen davon ablassen? Wie können wir das alles einfach so infrage stellen, weil wir plötzlich lernen, dass unter anderem Kunst ohne die traditionellen Autoritäten der Kunst, auskommt?

Erklärungsversuch 5

Hinzu kommt noch ein weiterer arger Verlust: der Verlust des Kunstwerkes. Wir Vinylsammler taten uns schon extrem schwer damit, von der physischen, haptischen Repräsentation eines musikalischen Werkes abzulassen und stattdessen ein MP3-File im iTunes-Store zu kaufen – immerhin hatten wir diese Datei dann noch auf unserer Festplatte liegen. Durch das Streaming ist uns auch dieser Besitz abhandengekommen. Musik wurde zu einem immateriellen Gut. Aber immerhin existiert ja noch das Werk in Form eines Albums oder zumindest eines Musikstückes, als kleinste Entität in unserer Spotify-Mediathek.

Aber stellen wir uns mal vor, wie es in vielleicht fünf Jahren aussehen wird, wenn die Spotify-KI keine Songs mehr vorproduzieren muss, wie es aktuell noch der Fall ist, sondern sie „on the fly“, also in Echtzeit, generieren kann. Wenn also der Spotify-Stream, anders als jetzt, nicht mehr zum Großteil aus vorproduzierten KI-Stücken besteht, sondern aus einem Flow in Echtzeit generierter Musik, die exakt auf unseren Geschmack hin designt ist. Die Musik gäbe es dann tatsächlich nur im Moment ihrer Entstehung. Damit wäre auch die virtuelle Musiksammlung einer Mediathek passé, und mit dem Artist hätte sich auch das Werk verflüchtigt.

Eine Dystopie? Dann lasst uns diesen Artikel in die Bookmarks speichern und in fünf Jahren noch mal lesen. Ich bin selbst gespannt, wie es dann um unsere Lieblingsmusik bestellt sein wird.

Jedenfalls – ich glaube, das ist deutlich geworden – bin ich nicht davon überzeugt, dass KI-Musik und insbesondere KI-Dubs per se böse sein müssen. Es ist vielmehr unsere psychische Verfasstheit – narzisstische Kränkung, Kunstglaube, Verlustängste –, die uns im Weg steht, die vermeintlichen Qualitäten von KI-Musik zu sehen und anzunehmen.

Ich muss sagen, dass es mir selbst schwerfällt, dies zu schreiben.

Weiter: Lasst uns ohne Vorurteile auf die aktuelle Musikproduktion und die der Zukunft blicken. Lasst uns genau hinhören und allein an dem, was in unsere Ohrmuscheln dringt, entscheiden, ob es sich um gute oder um schlechte Musik handelt. „None of us can stop the time“.

Oder?

Versöhnungsversuch 1

Dabei liegt genau hier vielleicht der eigentliche Widerspruch. Einerseits bleibt der Schall derselbe. Ein Basslauf wird nicht schlechter, nur weil ich nachträglich erfahre, dass ihn keine Bassistin und kein Bassist eingespielt hat. Ein Echo verliert nicht messbar an Tiefe, weil es aus einem Algorithmus stammt. Der Hallraum schrumpft nicht physikalisch zusammen, sobald ich weiß, dass ihn niemand mit den Händen am Mischpult geöffnet hat. Was an mein Ohr dringt, bleibt identisch. Und doch hören wir Musik offenbar nie nur als reinen Schall. Wir hören sie immer auch als Spur einer Praxis, einer Haltung, einer Szene, einer Geschichte.

Gerade bei Dub ist das schwer auszublenden. Dub ist ja nicht bloß eine Klangästhetik aus Bass, Hall, Echo, Drop-outs und Delay-Schleifen. Dub ist Studiohandwerk, Sound-System-Kultur, Improvisation, Materialbearbeitung, soziale Herkunft, Körperlichkeit und Raumgefühl. Dub lebt davon, dass jemand ein meist vorhandenes Material anfasst, auseinandernimmt, neu zusammensetzt, in die Tiefe zieht, verschwinden lässt und wieder auftauchen lässt. Im besten Fall hört man nicht nur ein Ergebnis, sondern einen Vorgang: Hände am Mischpult, Entscheidungen im Moment, Mut zur Lücke, Lust am Risiko, manchmal auch die charmante Unvollkommenheit einer Idee, die gerade deshalb lebendig wirkt.

Wenn KI-Dub dieses ganze Beziehungsgeflecht nur nachbildet, ohne tatsächlich daran teilzunehmen, entsteht womöglich ein Mangel, den man nicht unbedingt im Frequenzspektrum nachweisen kann. Vielleicht klingt alles „richtig“: der Bass warm, die Snare trocken, das Delay schön versetzt, die Melodica an der passenden Stelle. Und trotzdem fehlt etwas. Nicht, weil die Maschine den falschen Sound gewählt hätte, sondern weil der Sound keine Geschichte mehr mitbringt – oder jedenfalls keine, an die ich glauben kann. Das Defizit liegt dann nicht im Klang selbst, sondern in der Bedeutung des Gehörten. Es ist kein akustischer, sondern ein kultureller Verlust.

Das macht die Sache komplizierter, als mir lieb ist. Denn wenn ich sage: „Es zählt nur, was hinten raus kommt“, dann reduziere ich Musik auf ihr hörbares Resultat. Das ist als Gegenmittel gegen Vorurteile sinnvoll. Aber vielleicht ist es zugleich zu wenig. Vielleicht besteht ein musikalisches Werk eben nicht nur aus Schwingungen in der Luft, sondern auch aus den Beziehungen, die sich in ihm verdichten: zwischen Musiker:innen, Technik, Tradition, Szene, Publikum, Geschichte und Gegenwart. Gerade Dub war immer mehr als ein Sound. Er war eine Methode, ein Ort, eine Haltung zur Welt. Und genau deshalb trifft uns KI-Dub vielleicht empfindlicher als KI-Fahrstuhlmusik. Er imitiert nicht nur eine Oberfläche, sondern eine kulturelle Praxis, die für viele von uns mit sehr viel mehr aufgeladen ist als mit ein paar hübschen Echoeffekten.

Ihr seht mich also von Widersprüchen zerrissen. Lasst uns gerne einen Diskurs über diese Fragen führen. In jedem Fall aber gilt: Wir werden sehen, was kommt. Ich bin überzeugt davon, dass Reggae und Dub so starke musikalische Ideen sind, dass sie auch unter veränderten Produktionsbedingungen Bestand und Kraft haben werden. Aber das geschieht nicht von allein. Wenn Dub mehr bleiben soll als eine hübsch hallende Stiloberfläche, dann müssen wir weiter darüber streiten, was ihn wirklich ausmacht. Vielleicht zählt am Ende tatsächlich, „was hinten raus kommt“. Aber was da herauskommt, ist nie nur Schall. Es ist auch Geschichte, Haltung, Herkunft, Praxis, Versprechen, Täuschung, Sehnsucht und manchmal eine Kränkung, die wir erst verstehen müssen, bevor wir sie überwinden können.

Übrigens ist vor kurzem Haris Pilton: Think Dubby, Vol. 2 erschienen. Mir gefällt’s.

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Charts Review

Dubblog Jahres-Charts 2025

Das Jahr geht zu Ende und wir servieren euch unsere Best of the Best-Auswahl des Jahres 2025. Natürlich unverschämt subjektiv und ganz arrogant ohne weitere Begründung. Wir sind gespannt darauf, wie ihr unsere Auswahl beurteilt – und was dieses Jahr eure Favorites waren. Schreibt’s in die Kommentare.

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Review

Total Hip Replacement: In Dub

Mit „In Dub“ (Echo Beach) legt die dänische Band Total Hip Replacement ein Album vor, das ihre warmen, souligen und von Highlife beeinflussten Reggae-Kompositionen durch die Hände ausgewählter Dub-Produzenten laufen lässt – und das Ergebnis ist ebenso vielfältig wie überraschend. Die Band aus Aarhus, die zuletzt mit Musikern aus Ghana gearbeitet hat, öffnet ihre Songs hier für Neuinterpretationen, die mal reduziert, mal poppig, mal tief bassig und mal leichtfüßig daherkommen. Bemerkenswert ist dabei, dass viele der beteiligten Dub-Mixer in Deutschland leben: Aldubb, der Dubvisionist, Dr. Markuse und Oliver Frost prägen das Album maßgeblich, während MF DUB aus Dänemark und Dubmatix aus Toronto als internationale Gäste herausragen. Erschienen ist „In Dub“ passenderweise bei Echo Beach in Hamburg – und damit ist der Großteil dieser Produktion letztlich ein deutsches Dub-Projekt, das die Vielfalt der hiesigen Szene widerspiegelt.
Die Mixe selbst schwanken in ihrer Qualität: Einige sind atmosphärisch dicht und wirklich spannend, andere sind zwar virtuos, leiden aber etwas unter dem Ausgangsmaterial. Was mich persönlich weniger überzeugt, ist der immer wieder durchscheinende Originalgesang, der manchen Dub-Versionen die wünschenswerte Tiefe nimmt. Dazu kommen einzelne poppigere Klangästhetiken aus den Ursprungstracks, die im Dub-Kontext nicht immer optimal funktionieren. Trotzdem ist das Album hörenswert und vielseitig – ein schöner Showcase der deutschen Dub-Mixkultur und ein interessanter neuer Blick auf die Band Total Hip Replacement – die mir tatsächlich bisher unbekannt war.

Bewertung: 4 von 5.

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Five Star Review

The Alien Dub Orchestra: Play the Breadminster Songbook

Es passiert nicht oft, dass man ein Dub-Album hört und sofort merkt: Hier öffnet sich gerade eine Tür, von der man bis eben gar nicht wusste, dass sie existiert. „The Alien Dub Orchestra Plays the Breadminster Songbook“ (Alien Transistor) ist genau so ein Moment. Für mich ist es die schrägste, ungewöhnlichste und dabei wohl innovativste Dub-Veröffentlichung der letzten Jahre – und ein beeindruckender Beweis dafür, wie weit Dub gehen kann, wenn man sich frei macht von Traditionen, Produktionsdogmen und Erwartungshaltungen.
Das Projekt selbst ist schon außergewöhnlich. Das Alien Dub Orchestra ist ein zusammengesetzter Haufen bayerischer Musiker*innen – unter anderem aus dem Umfeld von The Notwist und G.Rag y los hermanos Patchekos. Ihr Ansatz: die Songs des britischen Dub-Exzentrikers Elijah Minnelli aus dessen sogenanntem Breadminster Songbook als komplette Band einzuspielen. Minnelli, der seine „fransigen, melancholischen Hymnen an seine Heimat“ sonst – nach eigener Aussage – in einem feuchte Keller am Computer zusammenschraubt, wurde selbst von der Idee überrumpelt. „Echte Profis spielen etwas, das man selbst zusammengepuzzelt hat – das ist überwältigend“, sagt er. Und tatsächlich: Seine schräge Musik klingt plötzlich so, wie sie vielleicht schon immer von ihm intendiert war.
Das Album arbeitet sich durch Minnellis cumbia-infizierten Dub-Reggae – aber statt digitaler Loops und Rough-Mix-Atmosphäre gibt es hier eine voll instrumentierte, fast schon anarchisch bunte Bandbesetzung: Guiro, Akkordeon, Melodica, Sousaphon, Trompete, allerlei Percussion. Es klingt, als hätte man in einem Münchner Hinterhof-Kollektiv alte Studio-One-Aufnahmen, europäische Folk-Tradition und südamerikanische Rhythmen gleichzeitig wiederentdeckt und kurzerhand miteinander verschraubt. Schräg? Ja. Aber vor allem mind blowing.
Stücke wie „Vine and Fig Tree“ zeigen, was passiert, wenn man Minnellis rätselhaft schöne Melodien plötzlich aus Holz und Blech statt aus Bits und Bytes formt: Die Harmonien werden greifbar, der Bass (diesmal als johlende Sousaphon-Line!) bekommt diese körperliche Wärme, die man nur mit echten Luftsäulen und echten Händen bekommt. Bei anderen Nummern – etwa „Slats“ – fragt man sich beinahe, ob Minnellis Original nicht unbewusst für diese Band gedacht war. So natürlich, so eigen, so rund klingt das.
Und dann kommt der zweite Teil des Albums – der eigentliche Mindfuck: die Dub-Versions! Eine kreisrunde Metamorphose, die das Projekt endgültig in den Experimentalraum jenseits von Dub-Konventionen katapultiert. Für diese Dubs holte Minnelli den Soundkünstler Raimund Wong dazu, der mit einem anarchischen Setup aus Tape-Maschinen und Effektketten arbeitet. Alles wurde One-Take gemischt: Minnelli an den Fadern, Wong mit Filtern und Effekten, die den Dub zerlegen, verzerren, verflüssigen.
„Pundit Dub“ ist dabei vielleicht das beste Beispiel – ein hypnotischer, droniger Trip, der sich in psychedelische Schwaden auflöst und klingt, als würde das gesamte Album durch ein Portal in eine fremde Dimension gleiten. Es ist kein klassischer Dub und will auch keiner sein. Es ist Dub als Idee, als Kollaps, als radikale Öffnung der Form.
Am Ende ist „Play the Breadminster Songbook“ nichts weniger als eine Liebeserklärung an Dub als lebendiges Prinzip. Folk, Cumbia, Dub, Avantgarde – alles kollidiert, überschneidet sich, verschmilzt miteinander, ohne je beliebig zu werden. Die Musik wirkt wie eine dauernde Transformation, ein offener Dialog zwischen Minnellis digitaler Intimität und dem analogen Überschwang einer Band, die sichtbar Freude daran hat, Regeln zu missachten.
Ich würde bilanzieren: Dieses Album zeigt, wie weit Dub seit King Tubby gekommen ist – und dass es immer noch möglich ist, ihn zu dehnen, zu verbiegen und trotzdem seinen Kern strahlen zu lassen. „Play the Breadminster Songbook“ ist schräg, mutig, verspielt und visionär. Für mich das innovativste Dub-Projekt der letzten Jahre. Ein Meisterwerk des Unkonventionellen.

Bewertung: 5 von 5.

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Lone Ark Riddim Force: Soul Rebel in Dub

Soul Rebel in Dub“ der Lone Ark Riddim Force (A-Lone/Evidence) ist für mich eines dieser Alben, die man nicht nur hört, sondern irgendwann einfach kennt. Viele der Vocal-Versionen aus dem Lone-Ark-Kosmos – mit Alpheus oder Ras Teo – habe ich über die Jahre ohnehin verinnerlicht, und genau deshalb fühlt sich dieses Dub-Set so vertraut an. Roberto Sánchez, der in seinem Studio in Santander seit Jahren unzählige fantastische Tracks produziert, hat sich hier schon fast selbst übertroffen. Jeder Track ein Killer – no Filler – wie wir früher zu sagen pflegten. So viele musikalische Ideen auf einen Haufen gab es selten – auch nicht von Roberto Sánchez. Was mich an diesem Album besonders packt, ist die kongeniale Rocksteady und Early-Reggae-Ästhetik. Die Rhythms haben die leichtfüßige Beschwingtheit, jener goldenen Ära – aber hier eben mit satten, zeitgenössischen Sound. Die gezupften Gitarrenmelodien sind wunderschön, die Bläser sitzen perfekt, nichts ist überladen oder aufgeblasen. Und da Sánchez eher sparsam mit Dub-Effekten umgeht – teilweise klingt es fast wie klassische B-Seiten-Versionen –, wirkt das Ganze auf eine sehr angenehme Art entschlackt: klare Räume, klare Ideen, keine selbstzweckhafte Effekte, sondern musikalische Substanz.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Flying Vipers: World Inversion

Endlich mal wieder ein Dub-Album im klassischen Sinne, nämlich als Instrumental-Mix auf Basis eines Vocal-Albums. „World Inversion“ (Easy Star Records“ von den Flying Vipers ist die Dub-Version von „Off World“, jenem wunderschön, souligem Album vom April diesen Jahres. Während „Off World“ mit Kellee Webbs Vocals, Sozialkritik, Cover-Raritäten und jazzigen Gastmomenten ein ziemlich großes Panorama aufgezogen hat, zieht sich World Inversion zurück in den Maschinenraum des Klangs – dorthin, wo Rhythmen dekonstruiert werden, Melodien auftauchen und wieder verschwinden und die Welt hinter dem Mix plötzlich größer wirkt als die davor. Die Vipers rekonstruieren ihr Material aus „Off World“ auf charmant verschrobene Weise: manchmal fast werkgetreu, manchmal völlig ins Off gedreht. Es klingt, als hätten sie die Songs durch einen Spiegel geschickt, der die Proportionen verschiebt, aber die Essenz erhält. Die Grooves sind tief, die Räume offen, die Echos weitschweifend. Es verkörpert die Idealform klassischen Dubs – bis hin zur durch und durch analogen Klangästhetik.
Die Gastauftritte sind kleine Sternschnuppen im Mix: Earl Sixteen, dessen Stimme jeden Dub vergoldet; Roger Miller von Mission of Burma, der mit Gitarren und Cornet kurz die Tür zu einer ganz eigenen Parallelwelt aufstößt; und natürlich wieder Brandee Younger an der Harfe, die schon auf „Off World“ dieses schwer greifbare, schwebende Element beigesteuert hat. Hier wirkt sie wie ein Licht, das durch schwere Dub-Nebel dringt.
Was ich besonders schätze, ist, dass World Inversion nicht versucht, modern oder progressiv aufzutreten. Es ist stolz darauf, Dub zu sein – im klassischen Sinne. Bass und Drum im Zentrum, die Effekte als Kompass, die Melodien als flüchtige Schatten. Es gleitet, ohne zu eilen. Es groovt, ohne aufzudrehen. Es ist psychedelisch, aber nie kitschig. Für mich ist das genau die Art Dub, die man sowohl konzentriert hören als auch nebenbei fühlen kann.
Die Produktion – gemixt von John “JBo” Beaudette – ist ein weiterer Grund, warum das Album so gut funktioniert. Der Klang ist warm, satt, erdig, aber mit genügend Luft zwischen den Schichten, damit jedes Echo seine eigene Bahn ziehen kann. Ein Album, das sich wie eine liebevolle Umarmung anfühlt, eines, das nicht glänzt, sondern leuchtet.

Bewertung: 4.5 von 5.

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Haris Pilton: Think Dubby

Es gibt Artists, deren Werk so unüberschaubar, wechselhaft und stilistisch zerfasert ist, dass man jedes neue Release zunächst vorsichtig beäugt – ohne zu wissen, ob einen ein Geheimtipp oder ein Schnellschuss erwartet. Haris Pilton gehört für mich genau in diese Kategorie. Sein Output ist enorm, sein Stil bisweilen flatterhaft, seine Veröffentlichungen reichen von charmant bis unverständlich. Doch dann kommt „Think Dubby“ – und plötzlich ist da ein Album, das sich wie ein ruhender Pol im Pilton-Universum anfühlt. Ein Glanzstück. Vielleicht sogar sein Glanzstück.
Schon der Untertitel macht klar, wohin die Reise geht: „Haris Pilton Tribute to King Tubby“. Und tatsächlich – dieses Album verneigt sich nicht nur vor Tubby, es huldigt ihm geradezu. Hier geht es um Ehrfurcht, um Respekt und darum, ein Kapitel jamaikanischer Musikgeschichte so authentisch wie möglich weiterklingen zu lassen. Der von Pilton verfasste Begleittext zeichnet Tubby als das, was er war: Wissenschaftler am Mischpult, Schöpfer einer musikalischen Sprache, der Mann, der aus Drum & Bass spirituelle Architekturen formte. Pilton knüpft daran an. Nicht nur in der Ästhetik, sondern auch im Anspruch.
Wer auf „Think Dubby“ tatsächlich spielt – oder ob überhaupt jemand spielt – bleibt im Verborgenen. Angesichts Piltons Produktionsgeschwindigkeit liegt der Verdacht nahe, dass hier viel digital entstanden ist. Und doch klingt das Album beeindruckend analog: warm, staubig, historisch. Die Basslines rollen wie aus einer alten Channel-One-Session, die Drums klingen trocken, die Effekte – Delay, Federhall, Filter – könnten direkt aus Tubbys Labor stammen. Es ist fast irritierend, wie sehr diese Tracks nach 1975 riechen. Nicht im Sinne von Nostalgie-Kitsch, sondern wie echte, ehrliche Dub-Arbeit aus der Blütezeit des Genres. Manche der Versionen wirken so tubbysk, dass man sie beim Blindhören für unveröffentlichte King-Tubby-Cuts halten könnte – wenn Tubby damals schon einen so druckvollen Sound hätte mastern können.
Das Album ist stilistisch schlanker, konzentrierter und ernsthafter als vieles, was Pilton sonst veröffentlicht. Keine Experimente, keine Abwege – nur klas­si­scher, geradliniger Dub. Und dieser Fokus tut ihm hörbar gut. Die Rhythms sind großartig: feste Fundamente, tief geerdet, aber elegant. Die Mixe sind sauber, unaufdringlich, aber wirkungsvoll – nicht der Versuch, Effekte zu stapeln, sondern sie gezielt einzusetzen. Genau so, wie Dub im Kern gedacht war: als Kunst des Weglassens und der Betonung. Die Produktion bleibt trotz der Retro-Orientierung klar, druckvoll und gut ausbalanciert. Es ist ein Album, das Spaß macht, ohne anbiedernd zu sein. Ein Album, das man hören kann, ohne ständig darüber nachzudenken, wie es gemacht wurde – und gleichzeitig genau dafür Respekt empfindet, dass es so klingt. Für mich ist „Thing Dubby“ eines der schönsten Werke von Haris Pilton: ausgewogen, fokussiert, geschmackssicher und klanglich erstaunlich authentisch. Ein Album, das man in Ruhe durchhören kann, das aber auch sofort im Bauch landet, wenn man es laut über gute Boxen laufen lässt. Ja, „Think Dubby“ klingt wie eine Postkarte an King Tubby, geschrieben mit Respekt und voller Liebe zu den Wurzeln des Dub.

Bewertung: 4.5 von 5.

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Five Star Review

Soul Sugar Meets Dub Shepherds: Blue House Rockin‘

Was für ein herrlich geerdetes Album! „Blue House Rockin’“ von Soul Sugar meets Dub Shepherds (GEE Recordings) ist für mich weit mehr als ein weiteres schönes Herbst-Release – es ist eines dieser Werke, von dem man schon vor dem ersten Ton weiß: Das wird gut! Hier steckt Leidenschaft drin. Wärme. Hingabe. Können. Und vor allem: echtes Handwerk. Während so vieles heute glattgebügelt algorithmisch weichgespült klingt, kommt dieses Album als Gegenentwurf daher – einer, der sich nicht nur hören lässt, sondern der sich auch absolut richtig anfühlt.
Die Kombination aus Soul Sugar (Guillaume Metenier) und den Dub Shepherds (Jolly Joseph, Dr. Charty, Jahno) wirkt wie ein glücklicher Zufall der Musikgeschichte. Alle vier teilen diese tiefe Zuneigung zu analoger Klangwelt und jamaikanischem Studiogeist. Allein die Produktionsweise ist schon eine Hommage an die goldenen Zeiten: zwei Tage live eingespielt im Blue House Studio, Röhren- und Bändchenmikros aus den 50ern und 60ern, direkt aufs 24-Spur-Tape, später analog gemischt bei Bat Records. Kein künstlicher Bombast, keine digitale Luftpolsterfolie – sondern Musik, pure & direct. Jeder Ton hat Sinn, jede Pause Bedeutung, jedes Echo eine Funktion.
Dass das Album stilistisch nicht in einer Schublade steckt, sondern ganz selbstverständlich zwischen Roots Reggae, Soul, Funk und Dub wandert, macht es so reizvoll. Gleich zum Auftakt: Curtis Mayfields „Give Me Your Love“. Ein leises Statement. Soulig, warm, mit Jolly Josephs Falsett, das perfekt über dem Groove liegt. Ähnlich berührend: Aaron Frazers „My God Has a Telephone“ – hier in einem Reggae-Gewand, das die Seele des Originals bewahrt und gleichzeitig eine völlig neue Farbe hinzufügt. „Hold My Hand“ – während der Session entstanden – fügt sich so natürlich ins Gesamtbild ein, als hätte der Song immer schon existiert. Ein Hauch Lovers Rock, aber ohne Kitsch, dafür mit Gefühl und viel Wärme. Und dann: „Family Affair“. Shniece McMenamin verwandelt den Track in einen vibrierenden Reggae-Hybrid voller Haltung und Soul. Ein Highlight.
Guillaume Metenier an der Hammond-Orgel – das ist ohnehin schon fast eine Garantie für Magie. So auch hier: Die Instrumentals „Disco Jack“, „Choice of Music“ und „Drum Song“ verneigen sich tief vor Jackie Mittoo, und das nicht nur formal. Sie grooven, sie schweben, sie leben – und zeigen, wie viel Seele in Instrumentals steckt, wenn sie mit Talent und Leidenschaft gespielt werden. Und als letzter Gruß aus dem Studio: „Blue House Rock“. Eine spontane Jam, roh, funky, durchzogen vom Geiste Studio Ones. Ein kleines Wunder zum Schluss.
Warum das alles so gut funktioniert? Weil es ehrlich ist. Weil dieses Album nicht versucht, etwas zu sein – sondern einfach ein selbstbewusst Statement ist. Keine Retro-Show, sondern eine echte Verbeugung vor musikalischen Wurzeln. Analoge Produktion, aber keine verstaubte Nostalgie. Blue House Rockin’ berührt mich wirklich, weil es einfach richtig schöne Musik im klassischen Sinne ist. So klangen meine Reggae-Alben, als ich anfing diese Musik zu lieben. Ich glaube, diese Erinnerungen erfüllt mich mit viel nostalgischer Sentimentalität, die es mir unmöglich macht, hier wirklich objektiv zu urteilen. Klar ist jedenfalls: Für mich ist „Blue House Rockin’“ eines der besten Releases von 2025.

Bewertung: 5 von 5.

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Interview

Interview mit Zion Train

Zwischen Bass und Bewusstsein – ein Gespräch mit Neil Perch von Zion Train

Seit über drei Jahrzehnten prägt der Produzent und Aktivist mit seinem Projekt Zion Train die europäische Dub-Szene – und denkt sie gleichzeitig neu. Sein aktuelles Album „Dubs of Perception“ ist mehr als eine musikalische Veröffentlichung: Es ist eine Einladung, tiefer zu hören, genauer hinzusehen und über den Tellerrand genretypischer Reiz-Reaktionsmuster hinauszudenken.

Wenn Neil Perch, Mastermind hinter Zion Train, ein neues Album vorlegt, dann ist das nie bloß ein musikalisches Ereignis. Es ist eine Einladung zum Nachdenken, ein Statement, ein Soundtrack zur politischen Auseinandersetzung. Sein aktuelles Werk „Dubs of Perception“ bildet da keine Ausnahme – im Gegenteil: Es steht exemplarisch für ein künstlerisches Selbstverständnis, das Dub-Musik als kulturellen, sozialen und geistigen Resonanzraum begreift.
„Ich habe mich im Dub-Bereich zuletzt zunehmend gelangweilt“, sagt Perch mit jener unverblümten Klarheit, die ihn auszeichnet. „Früher war Dub aufregend, experimentell, technologisch vorn – heute klingt vieles nach Schema F. Jeder will diesen einen Stepper bauen, der auf dem Sound System explodiert. Das interessiert mich nicht.“ Was ihn interessiert, ist Eigenständigkeit. Echtheit. Klangliche Identität. „Ich liebe es, wenn jede Künstlerin und jeder Künstler den eigenen Ausdruck findet – nicht, um zu gefallen, sondern weil man sich selbst etwas zu sagen hat.“

Für „Dubs of Perception“ kehrte Neil Perch zurück zu den Wurzeln seiner Produktionsweise – zu analogem Live-Mixing. „Ich habe ein 32-Kanal-TAC Scorpion-Pult im Studio – über 40 Jahre alt, aber liebevoll überholt. Ein Gerät, das in Jamaika viel verwendet wurde – unter anderem bei Mikey Bennett im Music Works Studio.“ Die Entscheidung für das analoge Setup war nicht nostalgisch, sondern eine bewusste Abkehr vom Übermaß an digitalen Möglichkeiten: „Ich hatte einfach genug davon, alles im Rechner zu machen. Ich wollte zurück zu einer Arbeitsweise, in der Überraschung und Spontaneität möglich sind.“ Spontaneität, das meint bei ihm nicht Chaos, sondern musikalische Intuition. „Wenn ich analog mische, ist alles impulsiv. Ich richte die Effekte ein, drücke Play – und dann fließt es. Ich folge dem Vibe. Ich kann nichts planen. Und genau das liebe ich. Ich überrasche mich dabei selbst.“

„Für mich ist Dub nicht einfach eine Stilrichtung – es ist eine Herangehensweise an Musik“, sagt er und lehnt sich nachdenklich zurück. „Ich sehe das Mischpult als Instrument. Wenn ich live dubbe – und damit meine ich das Mischen in Echtzeit im Studio, auf dem analogen Mischpult –, dann ist das ein performativer Akt. Ich spiele das Mischpult wie andere ein Schlagzeug oder eine Gitarre.“ Die Arbeit mit dem TAC Scorpion ist für ihn ein bewusster Gegenentwurf zur computergesteuerten Produktion. „Ich könnte alles automatisieren, Filterkurven vorausplanen, die Effekte perfektionieren. Aber das ist nicht mein Weg. Ich will im Moment entscheiden – mit den Händen, dem Ohr, dem Bauch. Ich will, dass der Mix atmet.“

Diese Herangehensweise zieht sich durch das gesamte Album. „Ich bereite vieles vor: Spuren, Effekte, Routings. Aber sobald ich Play drücke, ist alles offen. Ich habe eine Idee, aber keine Kontrolle. Und genau das liebe ich. Ich will, dass etwas Unerwartetes passiert. Wenn ich beim Dubben selbst überrascht werde, ist das ein gutes Zeichen. Das liebe ich – diese Spannung zwischen Routine und Zufall.“
Beim Dubben ist er in Bewegung. „Ich greife zu den Fadern, drehe die Aux-Sends, schiebe Delay-Trails auf und ab, ziehe den Bass raus, dann wieder rein. Das ist körperlich. Und es hat mit Präsenz zu tun – ich bin voll da, in diesem Moment, in diesem Klang.“

Er lacht kurz: „Viele halten Studioarbeit für steril. Aber das ist Unsinn. Wenn ich einen Dub mixe, bin ich genauso emotional involviert wie auf der Bühne. Vielleicht sogar mehr. Der Unterschied ist nur: Es schaut mir niemand dabei zu.“ Und dann wird er wieder ernst: „In einer Welt, die immer stärker auf Kontrolle, Präzision und Wiederholbarkeit setzt, ist diese Form des Arbeitens ein Statement. Ich lasse Raum für Fehler, für Unschärfe, für Instinkt. Für das Menschliche. Ich glaube, das ist ein Grund, warum viele digitale Produktionen so leblos klingen – weil sie zu glatt sind. Ich will keine Perfektion. Ich will Wahrheit im Klang.“ Ein weiterer neuer, alter Klanggeber ist die TB-303, jene sagenumwobene Acid-Machine von Roland. „Ich habe ein modernes analoges Modell im Studio – dieser Sound ist wieder da, nicht nur wegen der Nostalgie, sondern weil ich diese Art von Klang einfach spannend finde.“

Doch so sehr er über Ästhetik und Produktionsweisen spricht – sein eigentliches Anliegen geht weit darüber hinaus. Die Musik von Zion Train ist durchzogen von Philosophie, Kulturgeschichte und politischem Bewusstsein. Jeder Songtitel, jeder Albumname ist ein Verweis, eine Einladung zum Weiterdenken. „Dubs of Perception bezieht sich direkt auf Aldous Huxleys The Doors of Perception. Es geht um Wahrnehmung, Bewusstsein – um das, was wir sehen, wenn wir die Perspektive verändern.“ Der Track „Cosmic Serpent“ verweist auf Jeremy Narbys Buch über Schamanismus, Ethnografie und Psychopharmakologie. Und „Népantla“ greift ein Konzept aus der Nahuatl-Kultur auf: „Es bezeichnet den Zwischenraum – zwischen zwei Kulturen, zwei Identitäten, zwei Realitäten. Das ist ein zentraler Begriff für mein Leben. Ich bin ein brauner Mann, geboren in England, lebend in Deutschland, mit karibischen Wurzeln. Ich existiere in diesem Dazwischen.“

Diese Idee prägt auch seine Musik: Sie ist nicht Reggae, nicht Techno, nicht Dubstep, nicht Ambient – und doch durchdrungen von all dem. Musik in Bewegung. Hybrid, aber nie beliebig. Was er dabei radikal ablehnt, ist das Kopieren. „Ich lasse mich inspirieren – vom Vogelgesang genauso wie von Techno. Aber ich kopiere nicht. Plagiarismus ist ein Verbrechen gegen die Kunst. Selbst wenn nur zwei Leute mein Stück mögen – wenn ich es selbst liebe, ist es ein Erfolg.“

Seit jeher tourt Zion Train mit eigenem Sound System – auch wenn das heute seltener wird. „2002 habe ich mein System nach Deutschland gebracht. Damals gab es nur wenige Anlagen mit richtigem Druck. Heute gibt es Sound Systems in jeder Stadt, von Polen bis Spanien, von Norwegen bis Sizilien.“
Doch der Erfolg des Movement bringt auch Schatten: „Mit der Verbreitung kam die Uniformität. Zu viele Tracks klingen gleich. Ich mag keine Musik, die auf Effekt gebürstet ist. Ich will Emotion, Tiefe – keine Drops fürs kollektive Durchdrehen.“

Emotion und Tiefe – beides findet sich reichlich auf „Dubs of Perception“. Auch, weil Perch Musik nie von Politik trennt. „Alles, was ich tue, ist politisch. Ob ich Fahrrad fahre oder Auto. Ob ich Bio kaufe oder Billigfleisch. Ob ich Nachrichten bei ARD oder bei Al Jazeera schaue – alles sind politische Entscheidungen.“ Er bezieht Stellung. Nicht mit Slogans, sondern durch Haltung. „Ich bin Antikapitalist. Anarchist im Sinne von selbstorganisierter Gesellschaft. Ich glaube, dass Menschen sich um ihre Gemeinschaften kümmern können – wie es die Black Panthers in den 1970er-Jahren getan haben: kostenlose Frühstücke, Alphabetisierung, medizinische Versorgung. Nicht, weil der Staat es sagt, sondern weil es nötig ist.“ Dabei schreckt er auch vor unbequemen Aussagen nicht zurück. „Es gibt Dinge, über die man in Deutschland kaum sprechen darf – zum Beispiel die israelische Politik. Wenn ich sage, dass es Unrecht ist, Kinder in Gaza zu bombardieren, werde ich als Antisemit diffamiert. Aber das ist falsch. Ich kann für die Existenz Israels sein – und trotzdem gegen Kriegsverbrechen. Ich kann jüdische Menschen schätzen – und trotzdem gegen Kolonialismus sein.“

Die gesellschaftliche Analyse, die er liefert, ist messerscharf: „Das Problem ist nicht Migration. Das Problem ist Kapitalismus. Die Dörfer veröden, der Nahverkehr stirbt, Menschen sind überfordert – und man gibt Migranten die Schuld.“ Dabei brauche Deutschland Zuwanderung: „Jährlich 400.000 Menschen, sonst bricht das System zusammen. Aber was fehlt, ist eine kluge, empathische Integrationspolitik. Die Angst der 70-jährigen Dorfdeutschen ist genauso real wie die Verzweiflung des 22-jährigen Syrers. Beide brauchen eine Bühne für ihre Stimme. Aber statt Gespräch gibt es Parolen.“ Er plädiert für offene, vorurteilsfreie Debatten. Für mehr Zuhören. Für mehr Mut, unbequeme Fragen zu stellen. Und eine neue Wertschätzung für das, was wirklich zählt: „Es kann nicht sein, dass der Mann, der Rheinmetall-Aktien kauft, mehr Anerkennung bekommt als die Frau, die Kinder im Kindergarten betreut. Das ist krank.“

Ein weiterer Einflussfaktor in seinem Leben: die Vaterschaft. „Früher war ich fünf Tage die Woche im Studio. Heute verbringe ich weniger Zeit dort – aber viel intensiver. Ich entwickle Ideen im Kopf, bringe sie gezielt ins Studio, arbeite effizienter.“ Doch die Rolle als Vater beeinflusst nicht nur den Alltag, sondern auch das Herz. „Es gibt Tracks, bei denen ich beim Hören weine. Ich weiß nicht warum – aber es überkommt mich. Die einzige andere Sache im Leben, die solche Gefühle in mir auslöst, ist die Liebe zu meinen Kindern.“

Für Perch ist Musik kein Konsumgut, sondern Medizin. „Musik ist Magie. Sie heilt. Sie verbindet. Sie gehört uns allen. Und wenn sie zur Ware degradiert wird – durch Plattformen wie Spotify oder durch KI-generierte Songs –, dann wird diese Magie missbraucht.“ Dabei ist ihm bewusst, dass die Realität dieser Kommerzialisierung nicht aufzuhalten ist. „Spotify ist ein geniales System – aber in den Händen eines Kapitalisten, Daniel Ek, der sich für nichts außer Profit interessiert. Ich höre privat kein Spotify. Ich will diesem Mann keinen Cent geben.“

Was bleibt nach zwei Stunden Gespräch mit Neil Perch, ist das Bild eines Künstlers mit Haltung. Eines Menschen, der sich nicht abfindet mit der Welt, wie sie ist. Der Musik macht, nicht um zu flüchten, sondern um zu kämpfen. Gegen Lethargie. Gegen Beliebigkeit. Für Bewusstsein, Empathie und Veränderung. Sein Dub ist kein Echo der Vergangenheit. Er ist ein akustisches Zukunftsmanifest.