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2. Meinung Dub

Aldubb: Mesozoic Valley

Aldubb ist unser aller Liebling. Seine „Planets of Dub“-Alben eroberten die Herzen der stolzesten Dub-Kritiker; – und was mich betrifft, besitzt der Berliner spätestens seit Erscheinen seines Epos „A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor“ den Adelstitel „Al von und zu Dubb“. Mit seinem neuen Album „Mesozoic Valley“ (One Drop Music) widmet er sich erneut der Ur- und Frühzeit unseres Planeten (die „Planet of Dub“-Alben gehören offenbar thematisch auch in die Reihe, wie mir gerade auffällt). Doch während die Symphonie ein im wahrsten Sinne „großes“ Werk war, kommt „Mesozoic Valley“ (One Drop) als rein digitale Produktion, also gewissermaßen als Laptop-Dub, geradezu bescheiden daher. Doch sobald der erste Track startet, ist es vorbei mit der Bescheidenheit. Der Bass bläst einem ins Gesicht und die Ohrläppchen flattern im Wind. Das ist Hardcore-Stuff fürs Sound System. Raus damit und Spaß haben – so kommt es mir vor. Mein Dubblog-Kollege gtkritz bemängelt fehlende Hooklines und mangelnde Prägnanz, womit er zwar durchaus Recht hat, was aus meiner Sicht hier aber gar nicht so entscheidend ist. Warum nicht einfach mal in Bass baden und sich wohl fühlen? Warum nicht mal nonchalant System 2 abschalten und System 1 seinen Spaß haben lassen? Ich würde sagen: „Mesozoic Valley“ anklicken (Streaming ist die passende Konsumform für das Album) und schön laut aufdrehen. Wer dann noch sagt: „nee, da fehlt mir Komplexität und die Reflexion der Bedingungen unserer Existenz“, den (oder die) verweise ich an die „Timescale of Creation“.

Lest auch die Rezension von gtkriz.

Bewertung: 4 von 5.

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Interview

20 Questions to Alpha Steppa

Your name: Alpha Steppa
You live in: France
Title of your last album: Raise The Ark

What is your personal definition of dub?

It stems from a style of mixing pio- neered in Jamaica and became a genre of music in its own right. At the core, it is drum and bass with life and soul woven in via the hands of the dub mix- er. It’s magic.

What makes a good dub?

Space, bass and texture.

Which aspects of dub music fascinate you the most?

I love the spontaneity, the freedom and the experimentation.

How did you discover your passion for dub and how did you develop your- self and your music since then?

My dad taught me how to mix dub from a young age. I developed through incorporating all my other influences in life and music into my dub.

What does the process of creating a typical dub track look like?

You need a spark; a vocal line, a bass line, a sample, a melody, percussion, a feeling… something to ignite the idea, then get out the way and let the track build it- self.

When are you satisfied with a dub track you produced?

When I feel it drop and the crowd rise in a dance.

What is your special strength?

I have no need to fit in. This frees me and my music.

Which one of your albums do you consider your best work up until now?

Raise The Ark

Are you able to make a living with music?

Yes, I live a simple and happy life so don’t need much.

What aspects of your job do you enjoy the most?

I love to create. And it pleases me to know it brings joy to others.

What do you dread in the studio?

When I forget to drink my tea and it goes cold.

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?

My hammock.

What do you listen to besides dub music?

Folk, hiphop, trap, trad, blues, classical

If money and time didn’t matter: Which project would you like to realize?

Money and time doesn’t matter. But I need a new septic tank. I’d also like to develop a community where people could come to develop new ways of sustainable living and practice self inquiry.

Are there any sound system events that you particularly like to attend? Why?

Jah Shaka, always and forever the greatest, deepest and most mystical soundsystem experience.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?

I love both. But if I had to choose one, creation is paramount, so studio would win.

Whom do you consider the greatest dub artist of all time?

My dad and aunt (Alpha & Omega)! Ha ha

And who is currently the most interesting dub artist?

Currently the most interesting dub artist is JahYu

Which sound system do you value the most?

Jah Shaka

What are your personal top 5 dub albums?

A&O: Voice In The Wilderness
Jonah Dan: Intergalactic Dub Rock
King Tubbys: Meets Rockers Uptown
Upsetters: Black Board Jungle
Scientist: Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires

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2. Meinung Dub

Paolo Baldini DubFiles meets Dubblestandart: Dub Me Crazy

In letzter Zeit ist öfters von Paolo Baldini zu hören. Der italienische Reggae- und Dub-Produzent scheint einen Lauf zu haben. In schöner Regelmäßigkeit brachte er zuletzt jedes Jahr einen Longplayer heraus und war in zahlreichen Remix-Projekten unterwegs. Erst im März veröffentlichte Echo Beach eine Retrospektive seiner ersten Band, den B. R. Stylers. Nun kommt der zweite Streich aus gleichem Hause: Paolo Baldini DubFiles Meets Dubblestandart, „Dub Me Crazy“ (Echo Beach). Wien trifft auf Pordenone: Dubblestandart – ihres Zeichens selbst Dub-Produzenten – legt das Oeuvre der Band in die Hände Baldinis, um aus den Dubs weitere Dubs machen zu lassen. Ich finde, das klappt ganz gut. Der Italiener versteht sein Handwerk und liefert wunderbar kreativ gemixte Dubs ab. Allerdings muss man den trockenen, etwas spröden Sound von Dubblestandart mögen, um die Remixe angemessen würdigen zu können. On.U-Sound und das Dub Syndicate lassen grüßen. Baldini geht jedenfalls ganz Old School ans Werk: reines Mixing, keine Overdubbs oder neue Beats. Da Dubblestandart ja als Remix-Enthusiasten bekannt sind und die meisten ihrer Produktionen bereits x-fach durch verschiedenste Dub-Wölfe gedreht und durch Echo-Kammern gejagt wurden (ich erinnere nur an Tracks wie „Chrome Optimism“ oder „Holding you Close“ zu denen komplette Remix-Alben existieren), dürfte es für Paolo Baldini nicht ganz einfach gewesen sein, den Tracks neue Aspekte abzugewinnen. Erstaunlich, dass es ihm trotzdem so gut gelungen ist. Ich bin gespannt, wer als nächstes remixen darf.

Lest auch die Review von gtkritz

Bewertung: 4 von 5.

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Dub

Irie Miah & the Massive Vibes: Dub Conference

Die gute alte Dub Conference, 1976 von Harry Mudie und King Tubby ins Leben gerufen, tagt immer noch. Heute am Rednerpult: Irie Miah & the Massive Vibes, auf dem Podium einige von Deutschlands profiliertesten Dub-Mixern: The Dubvisionist, Dr. Mabuse, MrtnDrms, Biba Sattadub und Chris Sattadub vom Kunterbunt Soundsystem sowie The Dub Ape himself. Auf „Dub Conference“ (Gemelo) erörtern sie die Tracks des Miah-Albums „Times of Trouble“ von 2018. Während der eine Hall ins Feld führt, kontert der andere mit Echo, mancher dreht alle Spuren auf, andere schalten sie nach ausgeklügeltem Plan ab. Die musikalischen Argumente fliegen hin und her, alle sehr kreativ erdacht und akribisch formuliert. Doch trotz aller Kontroversen sind sich alle Podiumsteilnehmer bei einer Sache einig: beim Bass. Hier wagt niemand Abstriche zu machen. Ein Kompliment gilt auch dem technischen Konferenzteam hinter den Kulissen: Der Sound der Übertragung ist fantastisch. Einen Mitschnitt der Konferenz gibt es auf Vinyl. Inzwischen wird sie dann auch weltweit ausgestreamt.

Bewertung: 4 von 5.

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2. Meinung Dub Five Star

Manasseh Meets Praise

Die Versuche, Reggae – insbesondere Dub – und klassische „E-Musik“ zu kreuzen, sind zwar rar – dafür aber umso spannender. Der Erste, der die Herausforderung meiner Meinung nach gemeistert hat, war 2006 Matthias Arfmann, als er für die Deutsche Grammophon das Oeuvre von Herbert von Karajan remixte. Seither ist viel geschehen. Ich erinnere nur an die Op’ra-Alben des Opernsängers Uli E. Neuens oder an Matos „Classical Dub“ aus dem letzen Jahr. Ging es bei diesen Alben stets um die Neuinterpretation klassischer Werke, so gibt es auch noch eine andere Form des Crossovers, bei der die Integration „klassischer“ Instrumente wie Geige, Querflöte oder Violine in die Dub-Soundsphäre im Vordergrund steht. Violinbwoy legte vor zwei Jahren ein düsteres Werk vor, das eher vom Kontrast zwischen Violine und Bass lebte, als von deren harmonischer Vereinigung. Aber jetzt gibt es eine neue Klassik/Dub-Benchmark: „Manasseh Meets Praise“ (Roots Garden). Unfassbar sanfte und doch druckvolle Reggae-Beats äußerst harmonisch, ja geradezu kongenial, umspielt von feinsten Violinen- und Viola-Klängen. Manchmal gesellen sich sogar noch eine Flöte und Harmoniegesang dazu. Klingt kitschig und sentimental? Aber nur auf dem Papier. Im Ohr ist es einfach nur schön. Ja, es ist eine im ursprünglichen Wortsinn sinfonische Musik – was sich selbst bei Arfmann nur mit Einschränkung behaupten lässt. Über Manasseh muss ich nicht viele Worte verlieren. Der Mann ist legendärer Dub-Veteran und Producer par excellence. Ich liebe seine Musik, seit ich in den 1990ern sein Album „Dub the Millennium“ gehört habe. Bei Praise handelt es sich um einen klassisch ausgebildeten Violinisten mit einem ausgeprägten Faible für Reggae. Seit rund zehn Jahren verschwinden Nick Manasseh und Praise regelmäßig im Studio und nehmen diese wunderbaren Instrumentals auf. Nun war es endlich an der Zeit, das entstandene Material in die Welt zu entlassen und Menschen wie mich damit zu beglücken. Ich bin mir sicher, dass die Meinungen über dieses Werk weit auseinander gehen werden. Aber wie immer man dazu stehen mag, so ist es doch wunderbar zu sehen, welche stilistischen Extreme unser Lieblingsgenre in sich aufnehmen kann.

Lest auch die Rezension von gtkriz.

Bewertung: 5 von 5.

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Dub

Pickout All Star Band: Revelation Dub

Im November letzten Jahres erschien Milton Blakes Album „Temporary Obstacle“ (Pickout), produziert von Lloyd Dennis. Dennis gründete 1987 „Pickout Recordings“ in Kingston und später „Pickout Records“ in London. Inzwischen scheint er komplett im UK tätig zu sein, jedenfalls wurde Blakes Album dort aufgenommen. Um genau zu sein: Im Conscious Sounds-Studio mit Dougie Wardrop im Control Tower und Mafia & Fluxy, und vor allem Russ Disciples, an Logic Pro. Während Blake klassische Reggae-Songs zum Besten gibt, lieferte vor allem Russ D. ordentlichen Steppers Style mit Schmackes und Wumms, der in den sechs Dubs des Showcase-Albums bestens zur Geltung kommt. Aber da war offenbar noch mehr möglich, weshalb nun auf der Basis von „Temporary Obstacle“ ein reines Dub-Album das Licht der Welt erblickte, das äußerlich alle Verbindungen zu Blakes Album negiert: Pickout All Star Band – „Revelation Dub“ (Pickout Recordings). Anderer Titel, völlig anderes Cover-Design (schrecklich übrigens) und alle Tracks tragen neue Titel, – obwohl ihre Reihenfolge beibehalten wurde. Immerhin handelt es sich nicht einfach um die gesammelten Dubs von „Temporary Obstacle“. Alle Dubs wurden neu gemischt – ich nehme an von Dougie Conscious – und liegen jeweils in zwei Cuts vor. Wirkt auf den ersten Blick alles recht lieblos, aber die Dubs haben es in sich. Fetter, fetter Sound, dynamisch, crisp und wuchtig, routiniertes aber effektvolles Dub-Mixing und superbes Mastering. Das Album erschien als rein digitaler Release, below the line und ohne PR-Begleitung. Die einzige Werbung besteht aus folgendem Satz auf Bandcamp: „This is a very good roots reggae dud album“ (sic). Aber deshalb gibt es ja den dubblog, damit ihr solche Dub-Perlen nicht einfach überseht.

Bewertung: 4 von 5.

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Dub Five Star

Tubby Isiah: Rising High

Ich bin hier ja bekanntlich derjenige, der die Steppers-Fahne hoch hält – und ich habe ein neues Lieblingsalbum: Tubby Isiah, „Rising High“ (Moonshine Recordings). Tubby who? Cooler Name, der sofort klar macht, worum es geht – um Dub nämlich. Aber wer steckt dahinter? Im Web findet sich die Info, dass es sich um das neue Projekt von Javon Ives und seinem Dad, Jason Ives handele. Javon Who? Das kann ein so engstirniger Dubhead wie ich natürlich nicht wissen: Javon Ives ist ein Soul-R ‚n’ B-Produzent und -Sänger. Vielleicht steht Paps ja auf Reggae und Dub, was der Grund für „Rising High“ sein könnte. Doch wie dem auch sei, die beiden haben ein wirklich gutes Dub-Album geschaffen. Offenbar wissen sie, was sie tun. Mit „Steppers“ ist übrigens keineswegs alles zu den Tracks gesagt. Es gibt auch schöne, sanfte One Drop-Beats. Sogar ein leicht Dub-Techno-inspiriertes Stück ist zu hören. Insgesamt aber alles maximal harmonisch, weich, warm und bassig. Da das Werk zudem noch ein schickes Cover ziert, vergebe ich hier guten Gewissens fünf Sterne.

Bewertung: 5 von 5.
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Interview

Interview mit Paul Zasky (Dubblestandart)

Dein Name: Paul Zasky
Du lebst in: Wien und Los Angeles
Titel deines letzten Albums: Dubblestandart meets The Firehouse Crew Reggae Classics

Erzähle mal ein wenig von dir.

Ich würde mich grundsätzlich als die treibende Kraft hinter all den Themen Dubblestandart und bald The New Blade Runners Of Dub bezeichnen. ABER, ohne der Crew bin ich nichts, pflege ich zu sagen. Ali, unser Mann am Drum und Herb, der ja bei House Of Riddim ist, und Robbie Ost sind mein Backbone ohne die drei läuft gar nichts. Sie halten mir trotz schwieriger existentieller Bedingungen für eine Band wie der unsrigen seit Jahrzehnten die Stange. Das muss man auch mal bringen und das respektiere und schätze ich sehr. Das ist etwas, das kannst du nicht mit Geld zusammenhalten, das ist ein Spirit, der ist da oder eben nicht.

Ich war Anfang der 90er Teil der Urcommunity von Musikern hier in Wien, die sich für Klang an sich, Post New Wave, Psychedelic, Early Electronic Music und dann bald Dub & Reggae interessiert haben. Wir hatten und haben den Proberaum (er war auch unser erstes Studio) gegenüber vom Flex, den für uns damals wichtigsten Club des Wiener Universums, wo Suga B, Gümix & Sweet Susi Dub und alle dessen Spielarten auflegten – von 1990 onwards.

Viele Leute und Musiker ging bei uns ein und aus. Die meisten hatten gute Ideen, aber es musste auch jemanden geben, der sie in die Tat umsetzte und dafür sorgt, dass Musik entsteht, die sich auf Platte pressen ließ. Darum bin ich dann irgendwann los …

Robbie war dabei immer der Mann am Gerät und nachdem ich die ersten paar Alben in den 90ern ja noch alle selbst gemischt hatte (auf 4 und 8 Spuren), hat er dann übernommen und auf Hi Tech umgestellt.

Ich war außerdem immer für die Kontakte zu Label, Booking, Promo, etc. zuständig und bin in der Welt zwischen Wien, New York, LA und Kingston herum gereist. Dabei habe ich eine Menge Leute kennengelernt, woraus dann über die Jahre viele Freundschaften und Collaborations entstanden sind.

Speziell in Jamaica hat mir mein guter Freund Devon Denton viele Türen geöffnet, zu Sly & Robbie, Ken Boothe, Dillinger, der Firehouse Crew usw. Nicolai von Echo Beach hat uns mit Ariup, Adrian und der OnU-Sound Posse zusammen gebracht. David Lynch hab ich nach unserer Show im Elysee Montmartre in Paris bei seiner Ausstellungseröffnung einfach angesprochen. So gibt es noch viele Beispiele. Ich bin vielen Leuten sehr dankbar.

Wie lautet deine persönliche Definition von Dub?

Landschaftsmalerei mit Klängen.

Was macht einen guten Dub aus?

Eine Atmosphäre zu schaffen die inspiriert, wo akustische Phantasiewelten aufgehen und gleichzeitig auf den „distinct“ Rhythm, seinen Mix und die detaillierte klangliche Bearbeitung besonderes Augenmerk gelegt wurde.

Welche Aspekte von Dub-Music faszinieren dich am meisten?

Dass es ein offenes Stilspektrum ist und sehr viel ermöglicht.

Wie hast du deine Leidenschaft für Dub entdeckt und wie hast du dich und deine Musik seid dem entwickelt?

Als ich ca. 16 oder 17 Jahre alt war – Mitte der 80er Jahre – hab ich mir Taxi Gang: “The Sting” und “A Dub Experience” von Sly & Robbie im damaligen “Hand In Hand”-Reggae-Laden in Wien gekauft. Die Crew dort waren Rastas aus Kingston und Addis Abeba und ein Quäntchen cooler und relaxter als der Rest der Stadt. Zudem hatten sie viel Fachwissen hinsichtlich der damaligen Produktionen, dem Vertrieb und der internationalen Szene. Das hat mich fasziniert und angezogen. Kurz darauf “Megaton 1” von Lee Perry. Mich haben die nach vorn geschobenen Bass- & Drum-Linien, sowie die psychedelischen Flanger- und Phaserloops auf den Sounds von Lees 8-Spur-Produktionen fasziniert. Kurz darauf habe ich dann die Singers & Players und Creation Rockers auf OnU-Sound entdeckt und das wars dann. Dub war für mich die logische Weiterentwicklung von allem was mich bis dahin musikalisch interessiert hatte.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von euch aus?

Meist schwirrt irgend ein Groove oder Basslinie in meinem Kopf herum, lange bevor wir eine Session mit der Band machen. Irgendwann gehen wir dann ins Studio und bauen darauf Instrumental-Livesessions auf. Da kommen dann nochmal Ideen vom Rest der Crew. Dann selektieren wir die Jams aus und spielen die Best-Offs präzise mit Klick ein.

Die Zeit danach verbringe ich mit Robbie im Studio wo die tatsächlichen Tracks entstehen. Oft nimmt das eine ganz andere Richtung als bei der Session. Ab und an holen wir die Jungs retour für einzelne Overdubs oder machen Collaborations mit Artists. Alle Keyboardparts, Analogsynthsounds, Samples etc. machen ausschließlich Robbie und ich, da das unseren Sound definiert. Insofern ist Dubblestandart ein Zwei-Stufen Projekt: Es gibt die Produzententätigkeit von Robbie und mir und die Band, die diesen Sound dann live umsetzt, aber im Entstehungsprozess eben auch für die Ursuppe verantwortlich ist.

Bevor es zu einem Mixdown kommt schrauben wir lange an Klang und Arrangement.Vor einer finalen Version wird an Sounds, Effekten, am eigentlichen Klang von Schlagzeug und Bass sowie echten und elektronischen Instrumenten getüftelt. Für mich ist ein Dub nicht der freegestylte Livemix einer Version. Für mich ist ein Dub ein kompletter eigenständiger Song mit Stimmen, Soundsamples und Realworld-Geräuschen, der einer eigenen Struktur und Dramaturgie folgt. Robbie zieht dann von diesen sehr konkreten Klangwelten oft noch Dubs für Vinylauskoppelungen, etc.

Wann bist du mit einem von dir produzierten Dub-Track zufrieden?

Ich produziere die Dubs nie alleine. Wenn wir beide sagen, das isses, dann isses das. In words not 2 be defined.

Was ist beim Produzieren von Dub am wichtigsten?

Authentizität. Es gibt beim Musikmachen keine Gesetze. Es gibt halt Schubladendenken. Musik ist aber frei und das gilt auch für die Ideen. Die Leute sollten sich wesentlich mehr trauen. Ich würde mir von den nachfolgenden Generationen mehr Experimentierfreudigkeit wünschen.

Was ist deine besondere Stärke?

Ich bleib dran, vor allem wenn’s ungemütlich wird.

Welches Album hältst du für euer bestes?

“Immigration Dub”, “Marijuana Dreams” und “Dub Realistic”.

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?

Nein, hat es nie und wird es wohl auch nie. I keep my feed on the ground. Das was ich mit Musik verdiene, investiere ich ausschließlich wieder in Produktionen.

Welche Aspekte deines Jobs machen dir am meisten Spaß?

Musikmachen ist weder Hobby noch Job. Irgendwann fängst du damit an und es wird zur wichtigsten Sache in deinem Leben, um die herum du alles baust: Beziehungsleben, Familie, Moneybusiness.

Wovor graust es dir im Studio?

Zeitdruck und wenn zu viele Leute da sind. Das lenkt ab.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?

Ich bin in dem einen oder anderen Kulturprojekt involviert, fange im Herbst auch als Schauspieler in einer Theaterprodutkion an, bisschen Deejaying, setze mich zudem mit AI und psychotherapeutischen Themen auseinander. Habe außerdem in LA ein neues Bandprojekt begonnen.

Was hörst du außer Dub?

Alternative Music, Reggae, Electronic Music, Drum ‘n’ Bass, Industrial, Downtempo, HipHop, Avantgarde, Jazz, Singer Song Writer.

Wenn Geld und Zeit keine Rolle spielten: Welches Projekt würdest du gerne verwirklichen?

“Sade in Dub” und “Nine Inch Nails in Dub”.

Gibt es Sound System-Events, die du besonders gerne besuchst? Warum?

Aktuell Corona-bedingt nada. Ansonsten ist alles, was Bassmusik angeht hier im Fluc in Wien meistens sehr cool!! Ansonsten: Subaudio.Basstrace, RAW, Donnerdub, Treasure Isle, der legendäre Dub Club im Flex back in the day. Truly missed!

Was bevorzugst du: Studioarbeit oder Sound System-Performance?

Studioarbeit, dann Live-Performance mit der Band, dann Selector at a Sound System. So ist die Reihenfolge.

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?

Adrian Sherwood

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?

Jah 9

Welches Sound System schätzt du am meisten?

Jah Shaka und OnU-Soundsystem.

Was sind deine persönlichen Top 5 Dub-Alben?

Dub Syndicate: “Stoned Immaculate”
Sly & Robbie: “A Dub Experience”
Burning Spear: “Living Dub Vol 1”
I- Roy: “Dread Baldhead”
Lincoln Sugar Minott: “Ghetto-ology Dubwise”

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Dub

Zion Train: Illuminate

Nach fünf Jahren wieder ein neues Album von Zion Train. Mir ist das Soundsystem von Neil Perch wirklich ans Herz gewachsen. Ich kann mich noch gut an ein 1995 von der damals blühenden Plattenfirma EFA organisiertes Zion Train-Konzert in Köln erinnern. Verantwortlich war übrigens der damalige Labelmanager Nicolai Beverungen, der heute Echo Beach betreibt. Ja, das waren Zeiten! Schöne Erinnerungen, die meine Beurteilung neuer Zion Train-Releases bis heute beeinflussen. Deshalb verwundert es nicht, dass mir das neue Werk „Illuminate“ (Universal Egg) wieder ausnehmend gut gefällt: Tolle Melodien, treibende Beats, clevere Arrangements. Wer die Musik von Zion Train kennt, weiß was zu erwarten ist. Übrigens ausdrücklich kein instrumentales Dub-Album, sondern ein Vocal-Set mit 11 Songs (und zwei Instrumentals), das soundtechnisch aber trotzdem im Dub-Kosmos angesiedelt ist. Normalerweise beurteile ich ein Album bevorzugt als Ganzes und vermeide es, einzelne Tracks zu sezieren. Hier aber muss ich doch Michela Grenas Song „Cultural Memories“ heraus greifen und die Frage stellen, warum dieses melodische Meisterwerk nicht längst auf Platz 1 der Reggae Charts steht? Ideenreich produziert und wunderschön gesungen: ein echter Ohrwurm. Tja, hier liegt Neil Perchs großes Talent: Talente zu entdecken und starke Melodien zu kreieren. Das ist in der Soundsystem- und Dub-Szene einzigartig. Und genau das ist es, was aus neuen Zion Train-Alben immer eine kleine Sensation macht. Einziger Wermutstropfen: Die schönen Songs und Dubs hätten ein besseres Mastering verdient.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Alpha Steppa: Raise the Ark

Alpha Steppa, Sohn und Neffe des Dub-Duos Alpha & Omega, legt ein neues Album vor – ein „experimentelles“, laut eigener Aussage. Mal sehen, ob das stimmt. Der Sprosen-Sprössling hat jedenfalls ein fantastisches Gespür für spannungsvolle Beats, geniale Basslines, dunkle Atmosphäre und nice Melodien. Über allem schwebt ein Hauch von Mystik und Spiritualität. Vordergründig wird man seine Musik dem „Steppers“-Style zuordnen, was formal auch durchaus zutreffend ist. Wer aber Steppers für banal hält, sollte auf seinem neuen Album „Raise the Ark“ (Steppas) mal genauer hinhören. Wie schon bei Vater und Tante, liegen hier viele Sound-Layer übereinander und erzeugen ein komplexes Klangbild. Nicht ohne Grund spielt der Album-Name auf Lee Perrys „Raise the Ark“ an, denn ein undurchdringlicher Sound-Dschungel war auch schon dessen Markenzeichen. Wer aufmerksam in dieses Klanggewebe hinein lauscht, erkennt hier polyrhythmische Beats mit teils verrückten Percussions, auf jeden Fall aber gewaltigem Bass und fein ziselierten Arrangements. Tatsächlich hört man Rhythmusstrukturen, die sich nicht mehr eindeutig Reggae zuordnen lassen. So viel zum „Experimentellen“ des Albums. Ich empfinde den Begriff zwar als etwas zu großspurig, muss aber gestehen, dass „Raise the Ark“ für ein Mitglied der Dub Dynasty ziemlich abwechslungsreich klingt. Das liegt nicht zuletzt auch an den großartigen Vokalisten, die Ben Alpha hier versammelt hat. Allesamt steuern ordentliches Liedgut bei, das sich in die Gehörgänge gräbt und im Schädel einnistet. Erschwerend kommt sogar noch hinzu, dass viele der Lyrics inhaltlich deutlich mehr als Spiritualität zu bieten haben. Es gibt übrigens unglaubliche 22 Tracks zu hören, zuerst die Vokal-Versions, anschließend die Dubs.

Bewertung: 4.5 von 5.