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Paolo Baldini DubFiles Meets Noiseshaper: Shaping the Noise

Ich habe schon immer vermutet, dass der Sound von Rockers HiFi zeitlos ist. Er war vor rund zwanzig Jahren seiner Zeit um mindestens 20 Jahre voraus. Deshalb klingt Paolo Baldini DubFiles Meets Noiseshaper: „Shaping the Noise“ (Echo Beach) heute so fresh. Als sei das Album eben erst aufgenommen worden. Was es ja auch ist – nur eben mit alten Aufnahmen. Ha, die Newbies sind verwirrt. Hier kommt die Auflösung: Hinter dem Namen Noiseshaper verbergen sich die Wiener Knaben Axel Hirn und Florian Fleischmann, die in den 1990er Jahren bei Rockers HiFi in die Lehre gingen und zu Beginn des aktuellen Milleniums selbst fantastische „housey downbeats with a fat reggae flavor“ hervor brachten. Höhepunkt ihrer Karriere war zweifellos die Verwendung ihres Songs „The Only Redeemer“ in der US-Fernsehserie CSI: Miami, was ihnen eine Mainstream Singel-Veröffentlichung auf Palm Pictures einbrachte und ihre Musik auf die weltweiten Dancefloors katapultierte. Wer Referenzen wünscht: Ich muss beim Noiseshaper-Sound unwillkürlich an Dreadzone, Kruder & Dorfmeister, Thievery Corporation oder International Observer denken – ein Sound, den ich bis heute liebe, der aber leider in Vergessenheit geraten ist. Lediglich der Internationale Beobachter ist ihm treu geblieben. Wie schön, dass Echo Beach dem Oevre der Wiener und dem unwiderstehlichen Different Drummer-Sound nun Respekt zollt. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte das Label einen Retro-Sampler mit ihrer Musik, doch erst jetzt kommt der eigentlich Clou: Palolo Baldini hat die schon damals fantastischen Tracks durch die Echokammer gejagt und dadurch noch viel fantastischer gemacht. Wer Paolo Baldini ist, dürften auch Newsbies wissen: Ein Dub-Meister sonder gleichen, der hoch oben, in den italienischen Alpen residiert.

Kollege Karsten Frehe konstatiert „Shaping the Noise“, dass das Album durch Baldinis Dubmix „nicht wie ein erneuter Aufguss von Altbekanntem klingt, sondern erfrischend neu“. Wie recht er hat! Durch Baldinis Dub-Künste klingt die fünfzehn Jahre alte Musik taufrisch. Ich würde hier von einer klassischen Win-Win-Situation sprechen. Ausgeklügelte, komplexe und ungemein groovende Produktionen aus der Vergangenheit treffen auf einen akribischen, ideenreichen und perfektionistischen Dubmixer der Gegenwart mit untrüglichem Gespür für Timing und Dramaturgie. Das Ergebnis ist doppelt gut. Hört euch das Album am besten mal ganz konzentriert mit Kopfhörern an (auf Apple-Music übrigens in Lossless-Qualität). Ein großes Dub-Hörerlebnis.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Five Star Review

Bost & Bim: Warrior Brass

Und schon wieder ein unfassbar gutes Reggae-Instrumentalalbum: Bost & Bim: „Warrior Brass“ (Bombist). Ich muss ja gestehen, dass ich sehr auf gute Instrumentals abfahre, denn wie Dub erfüllen sie ein wesentliches Kriterium: keinen Text. Seien wir ehrlich: Text ist im Reggae ziemlich überbewertet. Die Zeiten der Rebel Music und ihrer sozialkritischen Texte scheint seit Jahrzehnten vorbei zu sein. Längst müssen wir uns mit verbalen Ergüssen zu Themen wie Religion, Herb oder Sex zufrieden geben oder uns gar homophoben oder gewaltverherrlichenden Philippiken aussetzen. Mich ärgert das – oder langweilt mich zumindest. Wie schön ist es da doch, sich ganz purer Musik hinzugeben. Musik, die ganz sie selbst sein kann, die nicht im Dienste einer Textbotschaft steht und zum „Backing“ degradiert wird. Deshalb liebe ich auch diese latent arrogante Tradition im Dub, eine Gesangsstimme bereits nach wenigen Worten einfach im Echo verhallen zu lassen …

Doch ich mag gute Reggae-Instrumentals nicht nur wegen dessen was fehlt, sondern auch wegen dessen, was sie mehr haben – und ich muss gestehen, dass das nicht in gleichem Maße für Dub gilt – nämlich den vollen, satten Sound einer komplett besetzten Reggae-Kapelle. Höre ich z. B. das Stück „Tommy’s Mood“, dann drückt da nicht nur der Bass aus den Subwoofern, sondern eine ganze Wall of Sound kommt auf mich zugerollt. Ein üppig reiches, harmonisches und wohlig warmes Klangbild, garniert mit ebenso sanften wie kraftvollen Blechbläser-Sätzen. Perfekt durcharrangiert, superb eingespielt und satt produziert – Reggae mit Bläser-Sektion ist stets eine Wonne.

Bost & Bim sind übrigens als Reggae-Produzenten eine durchaus beachtenswerte Nummer – was ich gar nicht so auf dem Schirm hatte. So haben die beiden Franzosen bereits erfolgreiche Tunes für Morgan Heritage, Chronixx oder Winston McAnuff produziert. Matthieu Bost ist zudem ein begnadeter Saxophonist, was er hier auf „Warrior Brass“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Komplettiert wird die klassische Brass-Section durch Trompete (Manuel Faivre) und Posaune (Marc Delhaye). Neben den drei Hauptperonen sind weitere hervorragende Musiker am Werk, wie z. B. Ticklah, Horseman oder Mista Savona. Es gibt übrigens nicht nur Bläsersolos zu hören, auch andere Instrumente kommen zum Zuge und übernehmen den Lead. Daher erinnert „Warrior Brass“ immer auch ein wenig an ein Jazz-Album – eine Assoziation, die nicht zuletzt auch von der Cover-Gestaltung stark getriggert wird. Tatsächlich aber ist es aber eher eine Hommage an klassische jamaikanische Instrumentalmusik, mit vielen charmanten Zitaten (z. B. Lee Perry), kleinen Exkursionen zu Nyabinghi und Calypso und zwei Tommy McCook und Cedric Brooks gewidmeten Titeln.

Bewertung: 5 von 5.
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Tuff Scout Presents: Out On The Floor Dub

Ich gebe es zu. Ich habe „Out on the Floor Dub“ aus dem Hause Tuff Scout als digitales Release gekauft und herunter geladen. Dabei ist das Album nichts anderes als eine hingebungsvolle Hommage an die guten alten Plattenläden und ihre Schätze: Vinyl-Schallplatten. Tja, mein digitaler Faux Pas ist bezeichnend, denn diese Läden, denen wir früher so regelmäßig Besuch abstatteten (bei mir war es immer der Samstagvormittag), um nach neuen Dosen für unsere Musiksucht zu suchen, gibt es kaum noch. Wie sich dieses Ritual in den einschlägigen Londoner Reggae-Läden wie Dub Vendor oder Lasco’s Music Den gestaltete, beschreibt Steve Barrow wehmütig in seinen schönen Liner-Notes zu diesem Album (die übrigens auf der Bandcamp-Seite zu lesen sind). Ach, das waren noch Zeiten! Klar, einige Läden gibt es noch heute, aber die stehen schon fast unter Denkmalschutz oder werden als Kulturerbe eingestuft. Sie sind der Sphäre des Alltäglichen längst entwachsen und handeln hauptsächlich noch mit historischen Pressungen und Memorabilia. Vorbei sind die Zeiten der 7“-Pre-Releases aus JA.

Einer, dieser Kulturerbe-Läden ist Out on the Floor Records in Camden, London. Ein Relikt der 1990er Jahre – aber immer noch aktiv. Neben Soul, Funk, Rock, Punk, etc. gibt es dort vor allem eines: Reggae-Vinyl, denn Jake, einer der drei Betreiber, ist fanatischer Sammler historischer JA-Pressungen. Außerdem betreibt der Mann das Reggae-Label Tuff Scout, das zwar neue Aufnahmen veröffentlicht, die aber stets so klingen als hätten sie schon 50 Jahre auf dem Buckel. „Out on the Floor Dub“ ist nun eine Sammlung von Dub-Versions des Labels, produziert und gemixt von Gil Cang und Demus. Leider drückt sich Jake vor allem im Medium Musik aus, weshalb kaum Hintergrundinfos zu den Akteuren und deren Produktionen aufzutreiben sind. Aber ist ja auch egal, denn wichtig ist ja nur, was hinten raus kommt, wie ich in Anlehnung an unseren Alt-alt-Kanzler zu sagen pflege. Und das ist – Lemmi wird mir bestimmt beipflichten – definitiv eine Vinyl-Pressung wert. Richtig schöner Old School-Dub, nur mit fetterem Sound. Spannend gemixt und zu einem Dub-Album mit perfektem Flow kombiniert.

Während wir den Download übrigens mit einem trivialen Langweil-Cover in die Mediathek gebeamt bekommen, ziert das Vinyl eine fantastische Illustration. Sie zeigt den Laden im Camden (u. a. mit „LKJ in Dub“ im Schaufenster, meiner ersten Dub-Platte!). In der Tür steht Jake. Was hinter ihm los ist, zeigt die Cover-Rückseite: Ein Menschenauflauf, wie er zuletzt 1999 in einem Plattenladen gesehen wurde.

Bewertung: 4 von 5.
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Horace Andy: Broken Beats 2

Sieben Jahre ist es her, dass Echo Beach den Meistersänger Horace Andy ins Studio bat, um dort seine großen Hits über neue, zeitgemäße Rhythms zum Besten zugeben. Das Ergebnis trug den Titel „Broken Beats“. Nun folgt „Broken Beats 2“ (Echo Beach), auf dem neue Rhythms zu hören sind – garniert allerdings mit den selben, wohl bekannten Gesangsaufnahmen. Echo Beach hat sich nicht lumpen lassen und unfassbare 27 Tracks in die Digitalversion des Albums gepackt. Da das Material von „Broken Beats 1“ nur acht Songs von Horace Andy umfasst, bedeutet das, dass auf „Broken Beats 2“ alle Songs mehrfach zu Gehör gebracht werden. Spitzenreiter ist „Money, Money“, der hier in zehn Versionen dargeboten wird. Warum das Ganze hier im dubblog auftaucht? Weil die Backings von so illustren Dubbern stammen, wie Subatomic Sound System, Adubta, Adam Prescott, Dreadzone oder Jah Schulz – um nur einige paar zu nennen. Außerdem brillieren neben den vielen Versions auch ein äußerst schöne Dubs – für mich die eigentlichen Highlights des XXL-Albums, denn so sehr ich schon immer die Stimme und die Songs von Horace Andy mochte, so sehr nervt es mich, über die exorbitante Albumlänge die immer gleichen Melodien hören zu müssen. Daher sind die Dubs hier Inseln der Entspannung und Erholung in einem Meer aus „Cuss Cuss“ und „Money Money“. Ganz abgesehen davon, dass die Qualität der Produktionen erst in den Dubs so richtig zur Geltung kommt. Doch leider, leider gibt es auf „Broken Beats 2“ viel zu wenige davon. Aber so, wie ich Echo Beach kenne, wird bald ein mit „Broken Beats 3“ betiteltes Dub-Album erscheinen.

Für Freunde des schwarzen Goldes gibt es übrigens eine „Broken Beats 1&2 Vinyl Edition“ mit acht Songs und sehr schönem Cover.

Bewertung: 3 von 5.
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Interview

Interview mit Brizion

Your artist name: Brizion
Your real name: Brian Zanchetta
You live in: San Diego, California
Title of your last album: A Hundred Tones Of Dub

What is your personal definition of dub?

  • An alternative version of a song that emphasizes the bass & drum parts.
  • A musical form of improvisation where the mixing engineer alchemizes the song using the application of space and texture in the mix process.
  • A practice of transformation and transcendence within the realm of sound.

What makes a good dub?

A heavy bassline, solid drum pocket, big reverb and some stimulating fader throws into the echo chamber.

Which aspects of dub music fascinate you the most?

The aspect of dynamics and improvisation. How a seemingly very simple and repetitive instrumental track could play out in an infinite number of ways by the dynamic mixing moves and effects combinations. It’s as though the dubwise treatment to a song sends it into a kind of perpetual motion.

How did you discover your passion for dub and how did you develop yourself and your music since then?

I always loved Reggae from when I was a young child. I discovered Dub as a teenager while digging deeper in Reggae music and instantly became obsessed. It became imperative that I find a way to create my own expression and interpretation of Dub. Already being a musician, I sold some of my equipment to buy some basic recording gear. I always had an aspiration to recording engineering and mixing just as much as being a musician. So I developed with those two passions in parallel.

What does your process of creating a dub track look like?

  1. Building a raw rhythm, drums, bassline and chordal comping.
  2. Then adding embellishments, and melodic parts.
  3. Balancing the mix of these elements.
  4. Then finally sending it off into the dub realm and doing multiple improvised takes with variations, usually in a sequence of versions, typically the first version is the straight instrumental, two is a typical dub path I follow. Then each additional chapter of Dub becomes more and more nuanced.

Live performance is such an enjoyable experience. But I’m truly fulfilled by studio work.

When are you satisfied with a dub track you produced?

When I hear it back and it gives that physical sensation of excitement or emotional reaction. When for even just a moment you are lost in the motion. The two most satisfying feelings of producing for me are: Hearing the track playback on vinyl record and hearing the bassline of my tune drop on a proper sound system

What is most essential when producing dub music?

Uninterrupted attention and a perseverant attitude.

What is your special strength?

Working quickly… perhaps.

Which one of your albums do you consider your best work up until now?

I released an album with one hundred different tracks compiled from the last decade called “A Hundred Tones Of Dub”. I think it is gives a kind of all-encompassing sense of the different styles I’ve worked through over the years. But my personal favorite album ‘series’ I’ve done is called “Deep Space Dubplates” which currently has 5 chapters.

Are you able to make a living with music?

Attempting.

What aspects of your job do you enjoy the most?

I love creating the most, if I can play my role of being creative. It is truly fulfilling. However I really enjoy helping people as well. I love mixing projects for artists and bands. I also really love teaching and education. I truly just enjoy anything music related.

What annoys you in the studio?

Computer problems.

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?

I love to cook. My other passion besides music.

What do you listen to besides dub music?

I have a deep love for jazz music.

Jah Shaka is my role model. One of the most humbling occurrences in my musical career was to see Shaka play tunes I had produced in his sessions.

If money and time didn’t matter: Which project would you like to realize?

A difficult question to answer in a broad sense… But since we are on the subject of music, I would love to develop an organized program to inspire youth to create music and give them an opportunity to see how music can be produced. Having a creative outlet was so vital to me growing up, I would love to develop more channels that allow for youth to discover their own creative outlets in music.

Are there any sound system events that you particularly like to attend? Why?

There are some local events we do here in San Diego, where a few sounds gather at a park near the bay and play all through the day. It’s always an uplifting community vibe.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?

Live performance is such an enjoyable experience. But I’m truly fulfilled by studio work.

What is your greatest musical role model and why?

Jah Shaka. So many aspects of his musical endeavors have been deeply inspiring to so many worldwide. Jah Shaka wasn’t the first dub music I heard, but it was the music that made me want to make my own dub. One of the most humbling occurrences in my musical career was to see Shaka play tunes I had produced in his sessions.

Is there a sound system that you particularly appreciate?

A sound system here in San Diego called Blackheart Warriors HiFi were my earliest supporters as well as mentors in Reggae music. They were the first sound ever to play Dubplates I had produced (all acetate cuts). I truly admire all their contributions, vision and vigilance of musical endeavors.

What are your personal top 5 dub albums?

King Tubby: The Roots Of Dub
Jah Shaka & Mad Professor: New Decade Of Dub
Jah Shaka meets Aswad: In Addis Ababa Studio
King Tubby & Augustus Pablo: King Tubbys Meets Rockers Uptown
Roots Radics & King Tubby: Dangerous Dub

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City Squad: Grenoble

Ein interessantes Konzept verfolgt das französische Label Subsquad. Es kompiliert unter dem Titel „City Squad“ kostenlose Dub-Sampler mit Dubs von Artists aus jeweils einer französischen Stadt. Nach Bordeaux im letzten Jahr war jetzt Grenoble dran. In der Stadt nahe der Alpen leben weniger Einwohner als in Herne, und doch hat Subsquad 15 (!) Tracks verschiedener Dub-Artists zusammen bekommen – alle aus Grenoble. Unfassbar! In der Stadt und der näheren Umgebung sind tatsächlich 14 Sound Systems beheimatet (in Herne kein einziges). Tja, wer hätte das gedacht? Ich habe nicht im geringsten geahnt, dass Grenoble eine Hochburg des Dub ist. Aus unerfindlichen Gründen verorte ich Dub immer noch in Großstädten. Aber spätestens seit Paolo Baldini ist immerhin klar, dass Dub auch durch die Tälern der Alpen schallt. Dass ausgerechnet Grenoble so ein Dub-Hotspot ist, liegt vor allem am Roots ’n’ Culture-Festival, das 2003 als ein der alternativen Musik gewidmetes Sommerfestival startete, sich aber nach und nach Reggae zugewandte und und seit 2017 ein reines Sound System-Event ist. Ich habe es noch nie besucht, aber ich stelle es mir fantastisch vor, denn hier kommen zwei meiner größten Leidenschaften auf magische Weise zusammen: Dub und die Berge. Vom Festival aus infizierte Dub bald die ganze kleine Stadt und das Roots’n’Culture-Kollektiv veranstaltet inzwischen das ganze Jahr durch viele andere Dub-Events in Grenoble. Wer die Dub-History von Grenoble im Detail nachlesen möchte, kann das auf der Subquad-Website machen.

Zurück zum Sampler: Er bietet 15 Tracks von lokalen Artists, von denen zwar bisher nicht ein einziger meinen Weg kreuzte, deren hier versammelte Dubs mich aber voll und ganz überzeugen. Ich habe mir das nächste Roots’n’Culture-Festival schon vorgemerkt.

Bewertung: 4 von 5.
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Crucial Rob: Dreadlocks on the Battlefield

Manchmal ist die Zeit einfach reif. Dann braucht man eine Steppers-Dröhnung. Und zwar so richtig. Insbesondere jetzt wo man zu Hause versauert und Sound Systems sich im Lockdown befinden. „Tailored for the Soundsystem, this EP is just waiting for the return of those evenings that we miss so much“, schreibt Culture Dub, womit das französische Label mir aus dem Herzen spricht. Die Rede ist hier übrigens von der EP „Dreadlocks on the Battlefield“, zusammengehämmert von Crucial Rob. Der Titel passt perfekt, denn wir hören hier wahrlich den Sound schwersten Geschützes. Der Franzose macht definitiv keine Gefangenen. Stoisch stampft die Bassdrum durch die Tracks und der Bass wummert im Hintergrund. Wie Schrapnell fliegen überall synthetische Sounds durch den Raum, schallen von den Wänden zurück und verlieren sich schließlich in der Unendlichkeit. Es gibt sogar kleine rudimentäre Melodien, die als Synthie-Plankton durch die basschwere Atmosphäre schweben. Die eigentlichen Stars dieser Tracks sind allerdings die Percussions. Geradezu virtuos treiben Sie in vertrackten Mustern den Beat voran.
Auf der EP gibt es insgesamt neun Tracks zu hören, die auf drei Rhythms basieren. Es gibt also: Instrumentalversion, Dub 1 und Dub 2. Klingt minimalistisch? Ist es auch, kommt aber der hypnotischen Wirkung der EP massiv zugute. Kurz: Crucial Rob hat Sound System-Dub verstanden. Dunkel, minimalistisch, hart, magisch – so muss er sein.

Wer Crucial Rob kennen lernen möchte, schaue sich dieses (etwas langatmige) Video-Porträt an, das auch sehr schön verdeutlicht, für welchem Kontext Robs Musik gemacht ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Winds of Matterhorn

Ich habe den Eindruck, dass Reggae-Instrumentals gerade ein Revival erleben. Man denke nur an die letzten Veröffentlichungen von Clive Hunt, den Roots Makers, Addis Records oder z. B. an die schöne Gregory Isaacs-Hommage von Megumi Mesaku. Nicht selten spielt dabei die Brass-Section eine große Rolle. So auch bei dieser beeindruckenden EP aus den Schweizer Bergen: „Winds of Matterhorn“. Mit einem Umfang von nur vier Titeln handelt es sich ja eigentlich um eine 12“-Single. Bekanntermaßen sind solche kurzen Formate für den dubblog nicht von Interesse. Aber in diesem Fall müssen wir eine Ausnahme machen. Denn die vier Tracks wiegen ein komplettes Album auf. Mit Schweizer Präzision produziert, handelt es sich keineswegs nur um Rhythms, die eigentlich als Song-Backing aufgenommen wurden, sondern um komplett durch komponierte instrumentale „Songs“. In anderen Musikstilen, wie Jazz, eigentlich eine Selbstverständlichkeiten, im Reggae aber leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Deshalb sind wir bei den Winds of Matterhorn auch meilenweit entfernt von den typischen Dub-Instrumentals bei denen ein Soloinstrument (wie zum Beispiel die Melodica) gänzlich ohne Bezug zum vorproduzierten Rhtyhm ein uninspiriertes Soloding durchzieht. Es ist ganz offensichtlich dass die Tunes von Winds of Matterhorn von vorne herein als Instrumentals geplant, komponiert und ausgeführt wurden. Eine Funktion als Vocal-Backing war nie intendiert. Die Arrangements sind gleichermaßen kunst- wie kraftvoll und folgen einer cleveren Dramaturgie. Instrumental-Soli und Rhythmus sind eng miteinander verwoben, als führten sie einen innigen Dialog. Es gibt ordentliche Kontraste: Sensible, ruhige Passagen prallen auf eine Wall of Sound und die eleglischen Klänge von Flöte und Cello treffen auf schmetternde Bläsersätze. Langeweile kommt hier nicht auf.

Hinter den Winds of Matterhorn stecken Posaunist Matteo D’Amico und Produzent Jean-Baptise Bottliglieri, sowie eine ganze Reihe anderer versierter Musiker. Denn nach alter Manier, wurden hier alle Instrumente von Hand eingespielt. Der Sound ist schlicht fulminant, maximal dynamisch und einfach betörend. Das einzige Manko: Vier Tracks sind viel zu wenig. Wann kommt das Album? Bis dahin tröstet uns die Erkenntnis: Die europäischen Wareika Hills liegen in den Schweizer Alpen.

Bewertung: 4.5 von 5.
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HabooDubz: Obudubz

Als hätten alle nur auf den Frühling gewartet, purzeln in den letzten Wochen massenweise spannende Dub-Produktionen herein. Vielleicht ist es aber auch nur die Ausbeute von inzwischen mehreren Monaten Home-OfficeStudio.

Dieses Album bereitet mir zur Zeit jedenfalls die meiste Freude: „Obudubz“ (Culture Dub) von HabooDubz. Ja, da verwechselt man schnell mal Artist- und Albumname. Hinter dem niedlichen HabooDubz – der Name würde gut als Titel für ein Kinderbuch taugen – steckt der Globetrotter Gabor Polaak. Er wurde in Budapest musikalisch sozialisiert, ist nach Manchester ausgewandert, dann nach London gezogen, anschließend nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt. Bei seiner Weltumrundung hat er mannigfaltige musikalische Einflüsse aufgesaugt, die nun, beim Dub-Produzieren wieder raus müssen und seiner Musik diesen wunderbaren kosmopolitischen Flair verpassen. Eigentlich handelt es sich um Worldmusic inna Dub-Style. Im wahrsten Sinne: Heavy Bass und Steppers bilden meist die solide Basis, auf der dann exotische Instrumental-Sperenzchen aufbauen. Klingt nach klassischem Muster, doch Polaaks Kunst zeichnet sich gerade durch die organische Verbindung der beiden Ebenen aus. Ihm gelingt es genau das zu vermeidet, was wir beim Dub nicht selten zu hören bekommen: Ein 0815-Beat und darüber, völlig losgelöst, eine Melodica (oder ein anderes stereotypes Solo-Instrument). Das Gegenteil ist bei HabooDubz der Fall: In virtuosen Arrangements fusionieren exotische Harmonien und Rhythmusbasis zu hochspannenden Musik-Trips, denen sich wunderbar analytisch zuhören lässt, die aber auch ordentlich in den Körper fahren und Bewegungsdrang auslösen. Um die faszinierenden World-Sounds nicht auf exotische Melodien oder Samples zu beschränken, fügt Polaak oft typische Percussions hinzu oder setzt ungewöhnliche Melodieinstrumente rhythmisch ein. Nicht zuletzt sorgt auch der Mix dafür, dass die Tracks einer regelrechten Dramaturgie folgen, die stets für überraschende Wendungen und Stimmungswechsel sorgt. Das Beste zum Schluss: Da der ungarische Kosmopolit der Welt Gutes tun will, bietet er seine brillante Musik über die Culture Dub-Seite bei Bandcamp kostenlos zum Download an. Verrückt, aber äußerst sympathisch.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Dub Chronicles: Simba (Return to the Throne)

Im beständigen Flow an Dub-Sounds aus aller Welt, gibt es gelegentlich Produktionen, die ragen heraus wie riesige Felsbrocken. Eine flüchtige Sneak-Preview genügt, um zu wissen: Wow, das hier ist etwas Besonderes. Ein solcher Fels ist das neue Album der Dub Chronicles: „Simba (Return to the Throne)“ (Brothers in Dub). Was für ein Sound! Tight, crisp & heavy. „Two soldiers creating the soundscapes of an entire army“ – wie sich die beiden Brüder aus Toronto selbst beschreiben. Wer sich die Youtube-Videos anschaut, in der Jonathan und Craig Rattos in einsamer Zweisamkeit stoisch ihre Riddims einspielen, fragt sich in der Tat, wie dieser Army-Sound mit so geringen Mitteln erzeugt werden kann. Craig spielt Schlagzeug und Jonathan sitzt hinter einem Keyboard, auf dem er Piano, Orgel, Melodica und – man glaubt es kaum – sogar Bass spielt.


Die Brüder aus Toronto befinden sich seit dem Erscheinen ihres Albums „Kingston“, 2018, in meiner Wahrnehmunssphäre. Ein Jahr später folgte dann „The TakeOver“, über das ich begeistert schrieb, es atme den Jazz-Vibe mit jeder Note. Nun ist mit „Simba“ das dritte Album der Brothers in Dub erschienen und überragt die beiden Vorgänger – und das, obwohl einige der Simba-Tracks auf den Aufnahmen von „The TakeOver“ basieren. Hier wie dort ist der Jazz-Vibe prägend, ebenso wie die schönen Instrumentalmelodien. Aber die Arrangements auf „Simba“ wirken noch „reicher“ und harmonischer und der Sound noch dynamischer. Vielleicht liegt das auch am dritten Rattos-Bruder, Ryan, der hier als Gastmusiker das Gitarrenspiel beigesteuert hat. Anders als bei den Vorängeralben, gibt es auf „Simba“ zudem vier Vocal-Tunes, die sich jedoch wunderbar in den Instrumental-Sound eingliedern und das Gesamtwerk ihrerseits mit äußerst schönen Melodien bereichern. Das Album ist übrigens ein Showcase. Die zweite ist die Dub-Version der ersten Hälfte – gemixt von Casey Burnett. Interessant, aber nicht unbedingt zwingend. Das einzige, was aber wirklich mißlungen ist: Das Cover! Ein Löwe (mit Krone!) im Abendrot vor dem Mount Meru? Okay, „Simba“ wurde inspiriert durch eine Kenja-Reise von Jonathan (und bekanntermaßen bedeutet „Sima“, Löwe). Aber ist es wirklich sinnvoll, die eigenwillige Musik des Trios in solch einem visuellen Klischee zu verpacken?

Bewertung: 4.5 von 5.