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Five Star Review

Joe Yorke: Noise and Emptiness

Schon klar, Falsetto ist nicht jedermanns Sache. In meinen Playlists findet sich gerade auch deswegen kein einziger Cedric Myton-Track, geschweige denn eines seiner Alben. Anders verhält es sich mit Falsetto-Backing Vocals in der Machart der frühen Aswad-, Steel Pulse- oder Tamlins-Aufnahmen – da passt’s einfach, da wurde harmonischer und ton-sicherer Kopfstimmen-Gesang abgeliefert. Siehe „Baltimore“ – was wäre der Track ohne diese Harmonies?

Auch Joe Yorke’s Debut „Noise and Emptiness“ (Rhythm Steady) liefert mitunter astreinen, treffsicheren Falsetto ab – sowohl als Lead- als auch als wunderbar gelungene Backing-Vocals. Nun sind wir aber das dubblog.de und Stimmen interessieren uns nur peripher; deshalb sei zur Entwarnung darauf hingewiesen, dass das Album mit dubbigen Instrumentals durchsetzt ist. Die Mischung macht’s aus; sie befreit den Release prophylaktisch von der gefürchteten Falsetto-Überdosis. Zweifellos tragen Yorke’s weit gestreute Tätigkeiten als Sänger, Produzent und Komponist zum Erfolg der Produktion bei; auch die eine oder andere Kollaboration mit mid-range Vokalisten wird ihren Anteil daran haben.

Es weht also frischer Wind von England gen die internationale Reggae-Community, was sich vor allem an der hervorragenden Produktion zeigt – alles sauber und vor allem nicht überbordend arrangiert. Das gibt der mitunter fast schon kargen Instrumentierung Raum zum atmen – ähnlich wie wir es aus dem knochentrockenen Rub-a-Dub der frühen 1980er kennen. Und ja, auch hier gibt’s fetten Bass zu hören:

Freilich ist „Noise and Emptiness“ ein Angebot, auf dass sich der werte Dub-Connaisseur erst einlassen muss – auch bei mir war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber: Die Tunes haben enormes Wachstumspotential und krallten sich im Hörgang des Rezensenten fest. Und so kommt es, dass das Album zu meinen persönlichen Favoriten des Jahres zählt und eine fette Empfehlung wert ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Emmanuel Anebsa: Dub Ina Sun

Emmanuel Anebsa, gebürtiger Brite mit jamaikanischen Vorfahren väterlicherseits, war mir eine bislang unbekannte Größe. Dabei hat der Mann seit dem Jahr 2000 laut Spotify gezählte 48 (!!!) Alben und noch mehr Singles herausgebracht – darunter Zusammenarbeiten mit Junior Kelly, Turbulence, Anthony B und anderen. Reggae allein ist dem Mann allerdings zu wenig: Er versucht sich auch als bluesiger Folk-Singer-Songwriter (soll heissen: Anebsa begleitet sich selbst an der Klampfe) und als Rapper, Produzent und Mixer; er scheint kein Genre auszulassen, das man in Richtung „Indie“ hinbiegen könnte. Und in der Tat, alle seine Releases sind auf dem eigenen Wontstop Record Label erschienen – was unter Umständen die schiere Menge an Output erklärt.

Jetzt liegt also sein neuestes Dub-Album vor (es gibt deren mehrere): „Dub Ina Sun“ (Wontstop Records). Es lässt den Rezensenten zwiespältig zurück – einerseits der dumpfe Mix und die grottig aufgenommenen Drums, andererseits schön dominierende, magen-massierende Basslines wie man sie in aktuellen Produktionen nur noch selten bis gar nicht zu hören bekommt. Wohltuend auch die Absenz jeglicher Tasteninstrumente; kein penetrant-lautes Skanken am Piano, dafür viele mit und ohne Effekte eingespielte Gitarren. Das Ergebnis ist ein erdig-purer, fast schon rudimentärer Klang, der den Aufnahmen ein gewisses Proberaum-Keller-Flair verleiht.

Großartige Dub-Effekte gibt’s nicht zu hören – ein wenig Hall hie und da, die eine oder andere Instrumentalspur wird ein- und ausgeblendet. Vielleicht ginge der Release sogar als Instrumental-Album durch; letztlich überzeugen aber die einfach gestrickten, einprägsamen Basslines mit ihrer klanglichen Dominanz und die mitunter exzellente Gitarrenarbeit. Klare Empfehlung für Gitarren-Junkies!

Bewertung: 3.5 von 5.

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Five Star Review

Horace Andy: Midnight Scorchers

Adrian Sherwood.

…und fertig! Manchmal braucht’s tatsächlich nur zwei Worte und eine aussagekräftige Rezension hat sich quasi selbst geschrieben – zumindest für die gut informierte dubblog.de-Gemeinde. Über Herrn Sherwood, sein On-U Sound-Label und das von ihm produzierte Oeuvre – von Creation Rebel, New Age Steppers über African Headcharge, Singers & Players bis hin zum Dub Syndicate; zu Lee Perry, Bim Sherman und vielen anderen – braucht man wohl keine großen Worte mehr zu verlieren. It’s On-U Sound, man!

Doyen Sherwood selbst hat in seiner mehr als 30-jährigen Produzenten-Geschichte niemals an Relevanz eingebüßt – gut, manchmal hat er sich in etwas obskurere Gefielde begeben (etwa seine Zusammenarbeit mit Pinch), aber allein seine Produktionen mit dem Dub Syndicate und/oder Lee Perry zeigten wie sehr er am Puls der Zeit und darüber hinaus arbeitet. Wer erinnert sich nicht an Perry’s epochalen „Rainford„-Release und seinem nicht minder zu wertenden Counterpart „Heavy Rain„?

Jetzt haben wir wieder ein feines Doppel-Pack vor uns: Das bereits vor wenigen Monaten erschienene Horace Andy-Album „Midnight Rocker“ und sein eben herausgekommener Counterpart „Midnight Scorchers„. Ersteres überrascht durch einen für Sherwood-Verhältnisse recht klassischen Sound mit einem Horace Andy in Bestform; zweiteres mit, nun ja, Neuinterpretationen. So ein richtiges Sherwood-Treatment geht weit über Dub-Grenzen hinaus, kehrt das Innerste nach außen, läßt im Vocal-Mix Verschüttetes glänzen, fügt Instrumente und Vocals (Daddy Freddy, Lone Ranger) hinzu, blendet im Gegenzug Spuren aus und fettet das Gesamte soundmäßig dem Original gegenüber gewaltig auf. Alles Gründe, warum mir der Begriff „Dub Album“ zu wenig weit greift und ich das umfassendere „Counterpart“ für angebrachter halte.

Letztlich nur noch die Hard Facts: „Midnight Scorchers“ enthält sieben alternative Versionen von „Midnight Rocker“-Tracks plus drei neue Stücke, allesamt versehen mit dem tonnenschweren On-U Sound-Gütesiegel. Adrian Sherwood eben… und fertig!

Bewertung: 5 von 5.

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Mato: Jazz-Funk Dub Tribute

Thomas Blanchot aka Mato ist quasi ein Garant für exzellente analoge Produktionen made in France – man erinnere sich nur an seine Interpretation von Daft Punks „Homework„, das Filmmusik-Tribute „Holywoo Dub„, den Ausflug in die E-Musik „Classical Dub“ und schlussendlich seine Verbeugung vor dem Horror-Genre „Scary Dub„. Dafür gab’s bislang im dubblog.de gute bis sehr gute Rezensionen, obwohl wir es hier gefühlsmäßig eher mit Instrumental- denn Dub-Alben zu tun haben. Nicht, dass Mato mit Effekten geizt – im Gegenteil: Echo, Hall & Konsorten fügen sich dermaßen gut ins Gesamtbild ein, dass eher musikalische Exzellenz und feine Arrangements im Fokus stehen.

Einen Teil des Erfolgs der Mato-Werke macht sicher deren Wiedererkennungswert aus: Die Originale sind allgemein bekannt; deren Reggae- bzw. Dub-Interpretationen überraschen. Bislang zumindest, denn dieser Wiedererkennungseffekt fehlt Mato’s neuem Release „Jazz-Funk Dub Tribute“ völlig. Das ist freilich eine sehr subjektive Aussage; Hörer*innen, die im Jazz-Funk Genre – insbesondere den Aufnahmen der 1070er – zu hause sind, werden die neuen Reggae-Interpretationen vermutlich feiern. Dem Rezensenten hingegen fehlt dieser Bezug völlig, obwohl die Originale von Funk-Kapazundern wie Kool & The Gang, War, Grover Washington Jr. und Jazz-Größen wie Lonnie Liston Smith oder Weather Report stammen.

Unter’m Strich liefert Mato auf seinem nicht gerade originell, aber zutreffend betitelten „Jazz-Funk Dub Tribute“ wieder erstklassiges Handwerk ab, keine Frage. Da sitzt alles wo es hingehört, da kann man nicht meckern – der Wille zur Perfektion ist da, der Wille zur musikalischen Weiterentwicklung eher nicht. Ähnliche Instrumentierungen und Arrangements, so perfekt sie auch sein mögen, konnte man schon auf früheren Alben hören – diesmal aber fehlt der zündende Funke, die Lust an Neuem, am Experimentieren und der Mut, ausgetrampelte Pfade zu verlassen. Da wünscht sich der Rezensent mehr künstlerisches Risiko, mehr Überraschungen, weniger Weichspüler. Und er wünscht sich auch keine fade-outs mehr – die könnten zwar als eine Referenz an die 70er Jahre gesehen werden, wirken 2022 aber wie eine von Fantasielosigkeit geprägte Arbeitsvermeidung… muss nicht sein, Mato.

Bewertung: 4 von 5.
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Youthie & Macca Dread: The Roots Explorers

Wiewohl mich die ersten Monate des Jahres 2022 in Sachen Dub ziemlich ratlos, wenn nicht gar enttäuscht hinterlassen haben, scheint es in den letzten Wochen einen richtigen Schub sehr guter Releases gegeben zu haben: Zuerst überzeugte JonQuan & Associates auf voller Länge, dann lieferten Dub Vallila ein feines Album ab, und jetzt dröhnt mir Youthie & Macca Dread’s aktuelles Set „The Roots Explorers“ aus den Boxen entgegen. Was für ein eklektischer Mix aus Reggae, Jazz, Dub und World Music im weitesten Sinn, der dem hier ebenfalls besprochenen Vorgänger „Nomad Skank“ in nichts nachsteht.

Ras Vorbei’s treffende Rezension von „Nomad Skank“ könnte hier 1:1 wiedergegeben werden, zumal die Protagonisten die selben wie damals sind: Youthie – eine begnadete musikalische Handwerkerin – arbeitet sich an Trompete, Flöte und Akkordeon ab, Produzent Macca Dread sorgt für’s kongeniale Klangbild. Zusammen ergibt das quasi eine akustische Reise einmal rund um den Globus, mit gröberen Aufenthalten in diversen frankophonen Ländern, bei den Kelten und bei den – wie sagt man heutzutage politisch korrekt? – nun ja, bei den „Mobilen Ethnischen Minderheiten“. Langeweile kommt hier jedenfalls nicht auf, dazu sind Kompositionen, Arrangements und musikalische Ideen viel zu ausgefeilt. Dank der im Mixdown bestens erhaltenen Dynamik klingt „The Roots Explorers“ auch nach oftmaligem Hören nicht ermüdend: Ordentlich Bass und Punch auf den Drums – was wollen die verwöhnten Ohren mehr?

Und doch muss man sich auf dieses Album bewußt einlassen – es ist eines von der (mehr oder weniger) intellektuellen Sorte. Liebhaber von Bare Bones-Riddims der klassischen Art könnten hier ob der musikalischen Opulenz ein wenig überfordert sein und die durchaus berechtigte Frage stellen, was denn das alles mit Dub zu tun hätte. Nicht viel, werte Leser, nicht viel. „The Roots Explorers“ zählt vielmehr zu den besten und vielfältigsten Instrumental-Alben im Reggae-Genre, hands down.

Bewertung: 5 von 5.
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Dub Vallila – Katakom Beat

Spoileralarm: 4,5 Sterne für ein sehr schönes, groovendes, Dub-geschwängertes Instrumental-Album, das sich seinen eigenen Weg zu uns gebannt hat aus – man lese und staune: aus Helsinki / Finnland. Warum auch nicht; Talente sind überall zu finden. Hier haben wir’s allerdings mit einer Anhäufung davon zu tun; Band und Dub Mixer ergänzen sich idealst:

Die Band nennt sich Dub Vallila und „Katakom Beat“ (Playground Music Oy) ihr gelungenes Debut-Album. Die Besetzung so simpel wie effektvoll: Klassischer Reggae-Hornsatz trifft auf ebensolche Band; allein der Einsatz einer Hang-Drum fällt etwas aus der Reihe. Aber warum nicht; die Hang wird in den feinen Arrangements ebenso passend wie unaufdringlich eingesetzt. Das Ganze funktioniert auch live sehr schön:

Letztlich gilt es noch, den Dub-Mixer vor den Vorhang zu zerren – ein gewisser Micho Dread, der den kongenialen Partner am Mixingboard gibt: Sehr schöne klassische wie moderne Effekte, die punktgenau passen aber niemals die Hauptrolle übernehmen. Wer seinen Stil mag, findet mehr davon auf „Dub by Studiored„.

Und das alles aus Finnland, wer hätte das gedacht. Man könnte jetzt spitzfindig sein und sich einen etwas wärmeren overall-Sound wünschen; aber der Rezensent will überraschenderweise mal nicht kleinlich sein und sich einfach nur an den Basslines, Bläsersätzen und Dub-Effekten erfreuen. Wird wohl sein Sommer-Soundtrack 2022!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Christos DC: Crisis 2.0 in Dub

Wo „I Grade“ drauf steht, ist Qualität drin – keine Frage: Bester Sound, Marke „sophisticated“. Siehe dazu die Rezension vom kürzlich erschienen Zion I Kings-Album „Future Oceans Echo„, das in erster Linie vom Konzept und nun ja, in zweiter Linie von den Riddims und den Effekten lebt. Wenn aber ersteres fehlt und zweites auch nicht das Gelbe vom Ei ist, dann hört sich das so an wie Christos DC’s neuer Dub Counterpart zu seinem „Crisis 2.0“ Album, das sich, no-na, „Crisis 2.0 in Dub“ (Honest Music) nennt – beides abgemischt von Laurent Alfred aka I Grade.

Um’s kurz zu machen: Hier steht „sophisticated“ für gepflegte Langeweile. Die Riddims plätschern ohne Spannungsbogen gepflegt dahin; es will sich mangels prägnanter Basslines kein Wiedererkennungswert einstellen. Selbes gilt für den Mix: Obwohl da nicht mit Effekten gegeizt wird, mag’s nicht recht zünden. Im Klangbild scheint alles mehr oder weniger gleich laut/leise zu sein, mutige Ausblendungen fehlen, akustische Gleichförmigkeit regiert, weniger wäre mehr. Eine Enttäuschung, da ist man von I Grade bessere Dubs gewohnt. Im Vergleich dazu schneidet das Vokal-Album „Crisis 2.0“ besser ab: Es ist Christos DC’s Stimme, die das Ganze zusammenhält und Orientierung bietet.

Das obige Beispiel mag nicht die eingängigste Melodieführung demonstrieren, ist aber, hands down, der beste Riddim des Albums. Und so kommt es letztlich, dass ich im vorliegendem Fall tatsächlich die Vokal-Tracks der Dub-Variante vorziehe, zumal auch dort Sound-Spielereien eingearbeitet wurden. Was zeigt: Manchmal hat man das Beste bereits abgeliefert und es Bedarf keiner weiteren Bearbeitung – und ja, man kann’s auch übertreiben mit der Perfektion.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Dubmatix Meets Future Dub Orchestra: Frontline Dub

Es war einmal das Future Dub Orchestra – ein loses Musiker-Kollektiv rund um den Briten J.T. Clarke – dass das ziemlich belanglose, vor sich hin dudelnde Album „Echoes“ veröffentlicht hat: Geeignet bestenfalls für Lounges, schlechtesten Falls für’n Aufzug, der hippe Scouts zum nächsten hitverdächtigen Startup katapultiert. Das war 2017; flashforward to 2022 und der genialen Idee, das Future Dub Orchestra mit Herrn Dubmatix zusammenzuspannen. Das macht was her, wie man auf dem eben veröffentlichten „Frontline Dub“ (Echo Beach) nachhören kann.

Beide Beteiligten profitieren vom neuen Album: Das Orchestra kriegt dank Dubmatix den Hintern hoch und der wiederum erweitert wohltuend seinen musikalischen Horizont: eine Win-Win-Situation, sozusagen. Und tatsächlich ist „Frontline Dub“ ein kurzweiliges Werk, das aus fünf Instrumentals plus deren Dub-Versions besteht und als solches perfekt in den Echo Beach-Katalog passt: Die tanzbare, knapp am Reggae vorbei rauschende Elektro-Variante von Hall & Echo. Fans dieser Genre-Mischung – für die es eigentlich schon lange eine benamste Schublade geben sollte – werden das Album lieben, keine Frage. Und tatsächlich: So far der beste Echo Beach-Release des Jahres, wobei wir ja quasi erst Halbzeit haben…

Bewertung: 4 von 5.
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Zion I Kings: Future Oceans Echo

Die Zion I Kings – ein Verbund von Musikern und Produzenten der drei Häuser Zion High Productions, I Grade Records und Lustre Kings Productions – haben ohne große Vorankündigung ihr mittlerweile fünftes Dub-Album auf den Markt gebracht: „Future Oceans Echo“ (Galactic Soul Music). Der Titel fasst schon sehr gut zusammen, worum es bei diesem Release geht: um die Ozeane unseres Planeten und ihren Bewohnern. Das Konzept ist nicht neu und auch im Reggae/Dub-Genre zu finden – etwa Sly & Robbie’s „Underwater Dub„, bei dem Producer Blackwood die Tracks durchgehend mit Unterwasser-Geräuschen auffettet – so stringent wie die Zion I Kings hat das allerdings noch kein Act durchgezogen. Dem entsprechend geht man hier auch noch einen Schritt weiter: Ein Teil der Erlöse aus Streaming-Diensten werden für den Erhalt der Korallenriffe in St. Croix (US Virgin Islands) gespendet, wo die Zion I Kings den Großteil ihrer Tracks aufnehmen. Im Dienst der Sache auch das Promo-Video zu „Red Gold & Green Dubmarine“:

Die Zion I Kings stehen heute für Qualität – wunderbare, handgefertigte Riddims, versehen mit feinen Basslines und einem ausgewogenen Sound, an dem es nichts zu mäkeln gibt. Allein die Dub-Effekte – die zwar vielfältig, zeitgemäß und großzügig gestreut eingesetzt werden – verabsäumen es, einen Spannungsbogen auszubauen, eine akustische Geschichte zu erzählen. Das ist freilich mosern auf höchstem Niveau, denn was unter dem Strich bleibt ist immer noch ein sehr gutes Dub-Album, das vorbehaltlos empfohlen werden kann.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub Boat: Dub Boat

Man möge mir verzeihen, dass diese Rezension ein Album featured, das bereits 2020 erschienen ist. Ich selbst bin erst kürzlich darüber gestolpert und fasziniert davon; es ist von atemberaubender musikalischer Brillanz, bietet herrlich weitläufige, durchgängig anspruchsvolle Arrangements und 1A Klangqualität. Ich sag’s offen heraus: Dub Boat, ein Quintett von der amerikanischen Ost-Küste, klingen mitunter wie ein Symphonieorchester – jeder Ton auf Ihrem titellosen, im Eigenverlag erschienenen Debuts zeugt von virtuosem Können – das gilt auch für die Arbeit des/der involvierten Tontechniker. Wohlgemerkt: Wir befinden uns immer noch im Reggae-Genre, und dort nahe am Dub-Bereich. Okay, wir wollen’s mal Instrumentals nennen:

An so einem Werk kann man sich natürlich herrlich aufreiben – denn mit den so vertrauten, schweren Riddims jamaikanischer Provenienz hat das Ganze herzlich wenig zu tun. Wer hier nach diesem typischen erdigem Vibe sucht, der auf Blut, Schweiß und Tränen aufgebaut scheint, wird ihn nicht finden. Es ist Reggae, wie er von Reggae nicht weiter entfernt sein könnte. Freilich lässt sich der  Bass auf ein paar wiederholende Notenfolgen ein – aber nur, um daraus wieder auszubrechen und den ausgefeilten Arrangements zu folgen. Drums, Gitarre, Keys und Trompete/Flügelhorn stehen dem in nichts nach und produzieren zusammen… ja, was eigentlich? Reggae goes Jazz-Rock-Funk’n‘Soul goes Tamtam? Reggae als Stadienrock oder Symphoniker-Freiluftkonzert? Chris Blackwell meets Jim Steinman meets Clive Hunt? Fahrstuhlmusik oder atemberaubende Darbietung?

Ich schlage vor, sich Zeit zu nehmen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Es gibt viel zu entdecken, unvorhergesehene musikalische Überraschungen und den einen oder anderen Dub-Effekt. Assoziationen und Einordnung fallen schwer – würden Dub Spencer & Trance Hill so klingen, wären sie Amerikaner und hauptberuflich mit dem Einspielen von Hollywood-Soundtracks beschäftigt? Oder vielleicht Marcus Urani’s Groundation sans Harrison Stafford, einmal frisch gestärkt und glattgebügelt?

Ein Album – oder besser gesagt: Eine Rezension, die mehr Fragen aufwirft als dass sie Antworten gibt. Ich rate wie immer zur Auseinandersetzung mit solchen Erscheinungen vom Rande des Reggae-Universums – es könnte sich lohnen.

Bewertung: 4 von 5.