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Dub

Rebelution: Dub Collection

Acts wie Rebelution, Stick Figure, Tribal Seeds und wie sie alle auch heißen mögen, scheinen auf dem Reißbrett entworfen zu sein: Die Musik ein Hybrid irgendwo zwischen Reggae, Rock und Ballade, die Texte ohne Referenzen zu jeglichen Dogmen, die Zielgruppen mit College Kids, Beach Bums, Surfer Dudes und Dopeheads eindeutig definiert – Marke weiße Mittelklasse mit Vorliebe für Bier und Canabis; mit nötigem Kleingeld, aber immer noch aufgeschlossen für soziale Themen. Der All American Boy mit seinem All American Girl sozusagen, Wohnsitz vorzugsweise in den Sunny States. Damit kann man Geld machen – weniger mit Releases, umso mehr mit Tourneen, Merchandise, Bier und Weed. Rebelution machen’s vor und haben Ihre Marke ins Brauerei- und Cannabis-Geschäft eingebracht und für deren 2021er-Tour gibt’s natürlich schon die Premium-Tickets samt Merchandise-Bundle zu erstehen – mit Rebelution-Stainless Steel Water Bottle, Rebelution-Gitarren Plektrum und vielen Rebelution-Dingens mehr – um wohlfeile +/- 115 Dollar. Bei Gigs in Kalifornien, Oregon, Colorado usw. wird das Merch-Angebot vorort einschlägig erweitert, keine Frage.

Rebelution & Konsorten haben anscheinend zielgenau geschafft, woran jamaikanische Acts kläglich gescheitert sind: Reggae wieder ins Bewusstsein einer kaufkräftigen Klientel zu bringen. Gut, vom puristischen Standpunkt hat das seinen Preis – dann gibt’s eben keinen One Drop, keinen Jah und kein Rasta-Patois; und wenn man sich mal gedankenloserweise „Soldiers of Jah Army“ benannt hat, tauft man sich kurzerhand ins unverfänglichere „SOJA“ um. Für die jamaikanischen Großväter bleiben immer noch die Tingel-Bühnen – oder man nimmt sie halt als Support-Act mit auf große Tour. Every nickle makes a muckle, Yardie!

Sarkasmus beiseite – ganz so ist es freilich nicht. Die genannten Bands sind keineswegs am Reißbrett entstanden, sondern haben sich einfach aus ihrem natürlichen Umfeld entwickelt: College-Dude raucht Weed, College-Dude hört Marley, College-Dude klimpert auf Gitarre & der Rest ist Band-Geschichte. Seiner ersten Fangemeinde ist er treu geblieben, auch wenn mittlerweile schon die nächste Generation Spring-Breaker in den Startlöchern scharrt. Aus der Nische ist ein mehr als passabler Markt geworden, denn Colleges gibt es in den Staaten landauf, landab. Good vibes, man!

Rebelution ist jedenfalls das Aushängeschild der einschlägigen kalifornischen Reggae-Bands und ein sehr erfolgreicher Tour-Act – nicht so sehr in Europa mangels… nuja, Colleges; aber als Support für Groundation reicht‘s dann doch auf heimischen Bühnen, wo sie tatsächlich ihr Geld wert sind. So ungefähr Roots Reggae, angetrieben von einem dreckigen Rock-Schlagzeug – das macht was her und kommt mit einiger Power aus den Lautsprechern. Erstaunlicherweise gelingt es Rebelution, diesen Drive und den typischen Live-Sound im Studio zu reproduzieren und auf allen ihren Alben beizubehalten. Das wirkt frisch und gleichzeitig schwergewichtig – ein wichtiger Gegenpol zu den oft übersimplifizierten Texten („Lazy Afternoon“) und einfachen Gesangslinien.

Text & Gesang sollten beim aktuellen Release „Dub Collection“ kein Problem sein. Das Album featured eine Auswahl an Tracks aller bisher erschienen Rebelution-Alben – und die haben mitunter schon 13 Jahre auf dem Buckel. Trotzdem passt alles soundtechnisch zusammen und wirkt wie aus einem Guss. Für den digitalen Dub-Mix zeigt sich ein gewisser Kyle Ahern verantwortlich – seines Zeichens Tour-Gitarrist von Rebelution. „Warum er?“ fragt sich der Rezensent nach dem ersten Hördurchgang; warum nicht Dubmatix, Prince Fatty, Roberto Sanchez, Paolo Baldini, warum nicht irgendwer der sein Handwerk versteht und Dub als spannende, aufregende und mit überraschenden Effekten gespickte Reise in unendliche Sound-Weiten versteht? Das Album lässt mich sprachlos zurück – so dröge, leb-, spaß- und spannungslose Dubs habe ich schon lange nicht mehr gehört. Wenn ein Dub-Mixer nicht kann, nicht will oder nicht wagt, dann entstehen solche Dubs. An den ausgewählten Tracks selbst kann‘s nicht liegen – die hätten allemal Potential zu etwas Großartigem gehabt, aber es sollte wohl nicht sein. Dann lieber noch mal das „Falling into Place“-Album in die Streaming-Pipeline hieven… Rebelution at their best, hands down.

Bewertung: 1.5 von 5.

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Dub

C Jones meets Ale X: Kalimba is my Telephone in Dub

Man sieht sich immer zweimal. Habe ich eben noch Robbie Ost von den Go East-Studios einen „nicht sonderlich beeindruckenden Mix“ unterstellt, biegt ein neues Album um die Ecke, dass mir die Ohren schlackern lässt – im allerpositivsten Sinn, wohlgemerkt. Ich habe selten einen so schön ausbalancierten Mixdown gehört – und das obwohl hier offensichtlich Soundschicht über Soundschicht gelegt und ein wunderbarer analoger Dub-Effekt dem anderen folgt. Das Ganze ergibt ein dicht verwobenes Netz an Klängen, dass auch nach dem x-ten Mal hören immer noch neues, Ungehörtes offenbart. Und ja, an diesem wirklich beeindruckenden Mix hat Robbie Ost mitgewirkt und er findet sich auf dem Album „C Jones meets Ale X: Kalimba is my Telephone in Dub“ (Echo Beach).

Ich habe vollstes Verständnis für alle, denen weder Artist noch Albumtitel etwas sagen; mir ging’s nicht anders. Deshalb hier ein Schnelldurchlauf: Ale X ist Ali Tersch, Drummer von Dubblestandart und Supermax, der auch mit Steel Pan-Musiker Courtney Jones und Flötistin Lore Grutschnig als Trio „Steel Pan meets Kalimba“ unterwegs war. Während die trinidadische Steel Pan allgemein bekannt sein dürfte, handelt es sich bei der Kalimba um das afrikanische “Daumenklavier“, das heute noch in Simbabwe zeremoniell benutzt wird um mit den Ahnen in Verbindung zu treten. Ali Tersch und Lore Grutschnig haben das Instrument weiterentwickelt und als elektrifizierte Versionen bei Auftritten eingesetzt: 

Fünf Jahre nach dem Tod von Courtney Jones hat Ali Tersch aka Ale X jetzt Studioaufnahmen des Trios finalisiert. Ursprünglich als regulärer Release geplant, entstand beim langwierigen Mischen der Tracks die Idee eines Dub-Albums. Dessen Titel „Kalimba is my Telephone in Dub“, so Ale X, steht metaphorisch für den Kontrast zwischen neuester digitaler und jahrtausendealter musikalischer Kommunikation – letztlich ist er aber auch Ausdruck der Verbundenheit mit dem verstorbenen Courtney Jones.

Electro Dub? World Dub? Ale X wehrt sich gegen die Schubladisierung – und in der Tat fällt eine Zuordnung der Musik schwer. Erinnerungen an die mittlerweile bereits 20 Jahre alte Howie B/Sly & Robbie Produktion „Drum & Bass Strip to the Bone“ werden geweckt – könnte man das neue Album als eine zeitgemäße Weiterentwicklung dieses Konzepts unter Einsatz der heutigen technischen Möglichkeiten begreifen? Ale X sieht den Vergleich als Kompliment; waren und sind Sly & Robbie für ihn nach wie vor federführend. Tatsächlich hat er nicht nur mit den ursprünglichen Studioaufnahmen gearbeitet, sondern auch mit Audio-Snippets und Field Recordings, die u.a. bei Reisen – etwa in Indien – entstanden sind. Die Hauptrollen kommen aber den Elektro-Kalimbas und der Steel Pan zu – beide waren für den Rezensenten mitunter erst nach oftmaligem Hören als solche erkennbar. Das macht auch den Reiz des Albums aus: Steel Pan, Flöte, Kalimbas, Percussions – alles mit an Bord; aber niemals „in your face!“, sondern diffizil im Mix integriert und verwoben, sodass sich immer wieder neue Nuancen offenbaren.

Deshalb dem Album eine naive-liebliche, vielleicht sogar belehrende Ethno-World Music-Mentalität zu unterstellen, wäre ein fataler Fehler: Ale X sorgt mit Loops und Beats für anständigen Groove und nutzt Dub-Techniken nicht nur für einzelne Effekte, sondern als Stilmittel – oder als eigenständiges Instrument, wenn man so will. Das Ganze ergibt zusammen ein wunderbares Klangpaket, das sich anfänglich vielleicht etwas spröde zeigt – nur um sich dann nach und nach zu öffnen und seine vielen Klanggeheimnisse preiszugeben. Letztlich kein Dub-Album im konservativsten Sinn – aber ein gehaltvolles, durch & durch gelungenes Debut eines versierten Musikers.

(…und für die extrem schöne Cover Art leg’ ich doch glatt noch einen halben Stern d’rauf)

Bewertung: 4.5 von 5.

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Dub

Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart

Letztlich kann ich Releases nur anhand der zeitlichen Entwicklung der Künstler halbwegs (!) objektiv einschätzen. So festigt sich meine Meinung zu einem Album tatsächlich erst dann, wenn ich auch dessen Vorgänger und dessen Nachfolger gehört habe. Ohne diesen Vorher-nachher-Vergleich erschließt sich mir lediglich ein spontaner Eindruck; nicht mehr als eine Momentaufnahme ohne Bezugspunkt – und ich stehe nicht an zu sagen, dass das mitunter die bescheidene Grundlage für meine Rezensionen im dubblog ist. Bei Debuts funktioniert diese vergleichende Kritik per se nicht; bei allen anderen stelle ich die Frage, was sich im Laufe von drei aufeinander folgenden Album-Releases geändert hat. Gab es einen Richtungswechsel, personelle Veränderungen, verschiedene Produzenten oder Mixing-Engineers? Bewegen sich die Alben in unterschiedlichen Klangwelten, gibt es divergierende Konzepte oder vielleicht gar Qualitätsschwankungen; in welchem Verhältnis steht das jeweilige Werk zur musikalischen Realität seiner Zeit? Kurzum: Ich lote aus, wie und in welchem Ausmaß eine durch verschiedene Umstände bedingte (Weiter-)Entwicklung stattgefunden hat. Schlussendlich beschäftigen wir uns mit einem kreativen Bereich, mit Kunst – und die ist per se nicht statisch.

Bei Paul Zasky und seinem Dubblestandart-Konglomerat konnte man unlängst durchaus eine künstlerische Entwicklung festzustellen, wenn auch leider eine rückläufige – gab es doch zuletzt mit dem Album „Dubblestandart & Firehouse Crew present Reggae Classics“ einen unerwarteten, veritablen Qualitätseinbruch. Wir erinnern uns: Weder Zasky noch die Firehouse Crew waren der Aufgabe gewachsen, Monumente der Reggae-Geschichte neu zu interpretieren. Auch Mixmeister Robbie Ost ist mit seinem nicht sonderlich beeindruckenden Mix mehr oder weniger gescheitert – vermutlich war aus den Aufnahmen, die im krassen Gegensatz zum feinen Vorgänger-Album „Dub Realistic“ stehen, nicht mehr rauszuholen. Ein Paolo Baldini hingegen, der wie Zasky Bassist ist und auf eine ähnlich lange Geschichte im Reggae-Business zurückblicken kann, entzieht sich meines Erachtens einem zeitlichen Vergleich: Seine Produktionen und Dub Mixes, von „Paolo Baldini Dubfiles at Song Embassy Papine Kingston 6“ über Mellow Moods „Large Dub“ bis hin zum „Dolomite Rockers“-Release zeichnen sich durch eine durchwegs gleichbleibend hohe Qualität aus – was sowohl die kreativen als auch soundtechnischen Aspekte betrifft.

Just die beiden hat das Echo Beach-Label jetzt für ein Albumlänge zusammengespannt: „Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart“ featured ältere und neuere Dubblestandart-Tracks, die Baldini mit Dub-Mixes überarbeitet hat. Nicht wirklich überraschend funktioniert diese Kombi ausnehmend gut und ich bin versucht, dem italienische Dub-Mixer den „Midas Touch“ anzudichten: Es scheint sich alles, was er in seinem Studio anfasst, zu musikalischem Edelmetall zu verwandeln. 

Wie macht der Kerl das? Ich kann nur vage Vermutungen anstellen; aber vor meinem geistigen Auge verteilt Baldini erst mal eine Handvoll Dreck auf die Tracks und nimmt damit der Musik die Dubblestandart-eigene Perfektion, die mitunter in Sterilität mündet. „Squeaky clean“ ist wohl der passende Anglizismus dafür. Als nächstes dürfte Baldini die Tracks auseinanderklamüsern um das Gute vom weniger Guten zu trennen – nur um dann den einen oder anderen neuen Sound wieder behutsam hinzuzufügen, ohne dass aus dem Musikstück ein nicht wiederzuerkennender Mutant wird. Das Resultat ist ein hörbar gut durchlüftetes Basismaterial, in das er seine Dub-Effekte bestens platzieren kann. 

Dieser Prozess – wie auch immer er in der Realität tatsächlich aussehen mag – wirkt wie eine Verjüngungskur, zumal Paolo Baldini beim Dub-Mixing mit einer gefühlten Portion Respektlosigkeit an die Sache herangeht: Das ist nichts vorsichtig oder mit Bedacht platziert; Echo und Hall drängen sich oft frech in den Vordergrund und erinnern ein wenig – wag‘ ich es zu sagen? – an die Dub-Techniken eines King Tubby, dessen größtes Asset ebenfalls eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber der Musik und der Studiotechnik war. Guter Dub muss auch heute noch vom Dub-Mixer mit Verve umgesetzt und mit Leben erfüllt werden; andernfalls es zu Studio-Totgeburten kommt, die an Langweile, Lustlosigkeit und kalter Sterilität nicht zu überbieten sind. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Baldini diese Dubs live erarbeitet hat: ganz old-school, sprich spontan und kreativ am analogen Board. 

Dass Dubblestandart ihre Tracks gern für Remixe aus der Hand geben, ist bekannt und wirkt sich oft wohltuend erfrischend auf ihre Musik aus. Man erinnere sich an die Remix-Schlacht rund um den Marcia Griffiths-Feature „Holding You Close“, der mit sage und schreibe 22 Versionen zu Buche schlägt, darunter der großartige Alpendub-Remix. In den großen Kreis der Dubblestandart-Kollaborateure reiht sich jetzt also auch Paolo Baldini ein und lässt es sich nicht nehmen, „Holding You Close“ einen weiteren Dub-Anstrich zu verpassen. Bei der restlichen Titel-Auswahl für „Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart“ beschränkt er sich auf Tracks der letzten vier regulären Dubblestandart-Releases – inklusive zwei der unglückseligen Aufnahmen mit der Firehouse Crew, die auch hier trotz offensichtlicher Bemühungen nur wie Wiedergänger wirken. Der Rest aber lebt auf, atmet sich frei und vibriert durch „Acres of Space“. Ein kleines, rettendes Dub-Wunder, dass die Messlatte für seinen Nachfolger hoch gelegt hat. 

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Dubvisionist presents PFL Dubsessions

Zugegeben, beim ersten Mal habe ich nur halbherzig und nebenbei via Notebook-Speaker zugehört. Größter denkbarer Fehler eines Rezensenten, keine Frage – Schande über mich. Unter Umständen kann ich ein wenig Verständnis heischen, wenn ich gestehe, dass mich Dubvisionist’s „Yoga in Dub“ ziemlich unberührt zurückgelassen hat. Ein Album, dass im Work-Life-Balance-Trend sicher seine Berechtigung hat und etwa bei einem Vinyasa-Flow gut einsetzbar ist – sofern man bei der Ausführung der Asanas keine Stille ertragen kann. Und doch: Ich habe die Annäherung von Reggae/Dub zur „New Age“-Musik im allerweitesten Sinn schon besser gehört. Tiefenentspannte Leser*innen mögen sich Deva Premal’s hervorragendes, von Maneesh de Moor produziertes Mantra-Chanting-Album „A Deeper Light“ zu Gemüte führen; oder Jay Uttal’s „Roots, Rock, Rama!“-Release, bei dem das Kirtan-Urgestein seine Chants mit handfesten Reggae-Grooves unterfüttert.

Tatsächlich geht’s hier aber um den Nachfolger von „Yoga in Dub“, der sich da „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ (Echo Beach) nennt. Felix Wolter aka Dubvisionist ist wohlbekannt und geschätzt in der Dub-Szene; der dubblog.de Rezension seiner feinen „King Size Dub Special“-Werkschau ist nichts mehr hinzuzufügen. PFL bzw. Pre Fade Listening als der heute eher unbekannte Part in der Gleichung würde ich als eine der musikalischen Inkarnationen Felix Wolters sehen: Ein Projekt, das mit seinen Lounge-Produktionen anno dunnemal durchaus von sich reden machte.

„Lounge“ als Bezeichnung für ein Sammelsurium unterschiedlichster Musikstile war mir allerdings immer schon ein rätselhaftes Phänomen – sicher, es ist meist richtig entspannter Downbeat; oft instrumental oder mit mehr oder weniger schleierhaften Ethno-Vocals und -Samples versehen. Irgendwo zwischen Alles und Nichts angesiedelt, dient er den Millenials als Hintergrundbeschallung in den coolen Bars und hippen Club-Lounges. Dort trifft man sich zum gepflegten chill out, hegt Freund- und Bekanntschaften und plant zusammen womöglich den weiteren Verlauf der Nacht. Kurzum: Dort wo man statt „schön“, „gut“ oder „fein“ das Wort „nice“ benutzt, ist die Wahrscheinlichkeit, Lounge zu hören sehr hoch. Das alles hat in erster Linie mit Kommunikation zu tun; Musik spielt eine untergeordnete Rolle: Nicht zu laut, nicht zu präsent, nicht zu aufdringlich oder im schlimmsten Fall gar das Gespräch störend. Passive Musik, die man eigentlich nicht hören, sondern bestenfalls als Hintergrundgesummse wahrnehmen möchte, sich jedoch hervorragend zum Überbrücken der Stille eignet – für den Fall, das man sich so gar nichts mehr zu sagen hat. Sarkasmus beiseite: Unter dem Label „Lounge Music“ wurde vor allem in den Nullerjahren eine ganze Menge Geld eingefahren; es war vermutlich der letzte Hype, bei dem physische Tonträger eine Rolle gespielt haben. Was bleibt ist ein Kuriosum: Musik, die man eigentlich nicht (bewusst) hören will.

Zurück zum Thema; zurück zu einem Album, das im richtigen Setting – sprich einer Subwoofer-mächtigen Musikanlage – zu einem veritablen Bassmonster gerät. Freilich haben wir hier keinen klassischen Reggae/Dub vor uns; Hardcore-Dubheads werden aber durchaus den einen oder anderen Snipet einer Reggae-Bassline identifizieren; etwa im Track „Going Underground“, in dem der Groove von The Tamlins‘ bzw. Sly & Robbie‘s „Baltimore“ zu erkennen ist. Oder wie wär’s gleich mit der ganzen “Drum Song“-Bassline im „Long Reasoning Dub“? Selbst Nyabinghi-Drums kommen zum Einsatz („Searching for the Magic Frequency“), und doch würde ich das Album eher unter Downbeat einordnen – auch, um den unglückseligen Begriff Lounge zu vermeiden. Dafür ist der Release einfach zu interessant, verlangt nach gebührender Aufmerksamkeit, um viele kleine und größere Sound-Gimmicks zu entdecken – wie Vocal-Samples, eine rockige Gitarre und wunderbare Percussions. 

Darf man „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ vielleicht gar mit dem Dub Syndicate zu besten On-U Sound-Zeiten vergleichen? Nun ja, ein Style Scott ist nicht ersetzbar, aber Adrian Sherwood experimentiert auch gerne mit allen möglichen Einflüssen und Stilen. Insofern kann man Parallelen ziehen; und würde man mir den Track „The Lone Ranger“ als verschollene Dub Syndicate-Aufnahme verkaufen wollen – ich würde es vermutlich nicht hinterfragen. Abgesehen vom Langweiler-Track „Yoga Secret“ ein interessantes Album also, dass mit Dub-Effekten nicht geizt. Soundmäßig ist es mit seinen eher zurückhaltenden Höhen in der Dubvisionist-spezifischen Klangwelt zuhause, die auf früheren Releases schon mal wesentlich dumpfer daherkam. Balsam für Hörer*innen wie den Rezensenten, dem schneidende, extreme Höhen blutende Ohren bescheren, der dafür aber Eingeweide-Massagen im unteren Hz-Bereich umso mehr feiert.

Letztlich empfehle ich den geneigten Leser*innen, sich nicht vom Album-Cover, dem Track-Titel „Skylarkin Lounge“ und der Lounge-Phobie des Rezensenten irritieren zu lassen. Alben der etwas anderen Art verlangen nach Offenheit und der Bereitschaft, sich auf sie einzulassen – insbesonders wenn sie nicht den gängigen Dub-Klischees entsprechen. Wer so auf „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ zugeht, wird belohnt werden.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub

Manasseh meets Praise

Ich will nicht lange herumdrücken und gleich vorweg gestehen: Das ist kein Dub Album. Da gibt’s keine Echos, kaum Hall oder sonstige Effekte. Das ist beileibe keine Reise durch’s Dub-Universum geschweige denn ein mehrdimensionaler Soundflash in Trip-Qualität. Aber es ist ein schönes, atmosphärisches Instrumental-Album der anderen Art – und ich stehe nicht an es als einen der bislang besten Releases des diesbezüglich dürren Jahres 2020 zu bezeichnen.

Die Rede ist von der neuen Produktion von Nick Manasseh, die er mit Praise eingespielt hat. Letzterer ist, soweit man der allwissenden Datenmüllhalde Google glauben möchte, ein versierter und gefragter Violinist, der schon mit diversen Größen im Studio und auf der Bühne zugange war. Damit wird klarer, in welche Richtung wir uns hier bewegen: Zum Clash der anderen Art – wenn Streichinstrumente auf Reggae treffen. Das ist per se keine Sensation und auch nicht neu, wie etwa Cat Coore, Ras Divarious oder zahlreiche Sherwood-Produktionen belegen. Bei „Manasseh Meets Praise“ (Roots Garden Records) gehen die beiden Komponenten allerdings eine nahezu perfekte Symbiose ein. 

Das mag einerseits am Produzenten Manasseh liegen, der hier seinen sanften aber unerschütterlichen, vom Earl Sixteen-Release „Gold Dust“ bekannten Stil weiterführt: Akustische Gitarren schweben über einem trägen Bassmonster. Hier kann sich Praise mit mehrschichtigen Streicher-Aufnahmen perfekt einbringen, sodaß mitunter der Eindruck entsteht als ob ein Streichquartett melancholische Musik zu einem ebensolchen Film einspielte – wie man auch im Video zum Track „Yes Mic“ nachvollziehen kann:

Warum man gerade dieses Stück für das Promo-Video ausgewählt hat, entzieht sich meiner Kenntnis; mein Verkaufsargument wäre jedenfalls „London Babylon“ gewesen, das mit seiner Melodieführung und seinem ausgeklügelten Arrangement mein Highlight des Albums ist. Vielleicht fiel die Auswahl schwer, weil die Tracks von „Mannasseh Meets Praise“ ein wunderbar abgestimmtes Potpourri ergeben und letztlich wie aus einem Guß wirken – und das obwohl die Aufnahmen über einen Zeitraum von nahezu zehn Jahren stattfanden.

Seinen größten Charme entfaltet das Album aber durch seinen wohltemperierten Klang. So wohlig weich, so tief und gleichzeitig mächtig hört man selten einen Reggae-Bass, auch die Höhen sind angenehm zurückhaltend. Im Mixdown sind die Violinen (und mitunter eine Querflöte) sanft eingebettet; da kreischt nichts, da ist kein Klang enervierend – und trotzdem ist man von „glattgebügelt“ meilenweit entfernt. Im rezensionsüblichen Selbstversuch habe ich auch diesen Release in Dauer-Schleife gehört; er war niemals langweilig oder hat durch die Wiederholungen genervt – aber er hat immer wieder neue Nuancen offenbart: Im Klangbild, im Arrangement, in der (imo klassischen) Melodieführung.

Wenn ich schlussendlich die Qualitäten des Albums in ein Wort zusammenfassen müsste, dann wäre es wohl „feinsinnig“. Diese Einschätzung wird nicht jedem behagen – Hardcore Dubheads könnte das alles zu lasch sein. Wer sich hingegen offen für nuancierte akustische Klänge zeigt, wird das Album und die Art, wie es latent ins Unterbewusstsein sickert, mögen. 

Bewertung: 4 von 5.

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Dub

Pyrotechnist: Fire Crackers

Langsam reicht’s dann auch wieder mit dem 70s Revival. Neuaufnahmen mit verklärten Blick auf die gute alte Zeit gab’s ja in letzter Zeit zuhauf: Hier ein Teil Roots, da ein Teil Lovers Rock, gewürzt mit einem Hauch Ska und/oder Rocksteady, das ganz wahlweise gerührt oder geschüttelt mit analogen Instrumenten und Dub-Effekten – fertig ist der neue, alte Cocktail wie er jetzt auf amerikanischen und europäischen Plattformen serviert wird. Dass der durchaus schmecken kann, haben vor allem die eher Roots-orientierten Produktionen von Roberto Sanchez bewiesen: Ihm ist es gelungen, die Essenz jamaikanischer Produktionen der späten 70er zu replizieren und ins heute zu verfrachten. Sanchez hat damit einen Meilenstein gesetzt, anhand dessen man andere Produktionen durchaus messen kann – auch wenn sie zeitlich eher ansetzen und Aufnahmen der frühen 70er als Referenz nehmen.

Man kann und sollte die Frage in den Raum stellen, ob so ein 70s Revival-Trend überhaupt Sinn macht: Warum einen Sound reproduzieren, von dem es dank Labels wie Pressure Sounds exzellente Originale zuhauf gibt? Wozu die alten Meister des Genres imitieren, wenn man nicht deren Ideenreichtum, Experimentierfreude, aber auch Unverfrorenheit und Respektlosigkeit gegenüber jeglichen technischen Standards und Gepflogenheiten aufbringen kann? Das waren damals keine bedachten, ausgewogenen Klänge die das Ohr umschmeichelt haben, sondern die volle Breitseite über den Anschlag hinaus: Einem King Tubby war es hörbar egal, ob ein Effekt völlig übersteuert und die PA bzw. die Studiomonitore über Grenzen hinaus belasten; allein das Ergebnis zählte. Dieser Wagemut fehlt den Replika völlig; mitunter kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass lediglich Mittoo-eske Hintergrundbeschallung für gediegene Einkaufstempel à la Galerie Lafayette aufgenommen wurde: Langweilig, belanglos. Und doch ist den Revival-Bands als Live-Act ein gewisser Stellenwert zu zusprechen; mit wesentlich druckvollerem Sound machen sie die Bühne zum Ort, wo die Arrangements á la 70s so richtig Spaß machen können. 

Ich gehe davon aus, dass es sich beim belgischen Band-Projekt Pyrotechnist ähnlich verhält. Deren Album „Fire Crackers“ (Badasonic Records) ist dieser Tage erschienen und bietet neben sauberem Sound gediegene Arrangements, die nicht zu knapp mit Dub-Effekten versetzt sind. Die frühen 70er stehen im Mittelpunkt; es werden Erinnerungen an Jackie Mittoo, Augustus Pablo, Dave Barker & Ansel Collins, aber auch Sly Dunbar bemüht. Das ergibt in summa eine eklektische und unspektakuläre Mischung aus Reggae und Rocksteady mit Ska-Anklängen. Spannend wird es lediglich dann, wenn Bläsersätze ins Spiel kommen; wenn Drums soweit in den Hintergrund gemixt werden, dass nur mehr Snare und Fills hörbar sind; wenn (endlich wieder einmal) das Clavinet eine Rolle spielt oder sich die mitunter hervorragenden Dub-Effekte in den Mittelpunkt drängen. 

Freilich kann man das Album in seiner Gesamtheit als Verbeugung vor den obgenannten Meister-Instrumentalisten verstehen; die Aufnahmen werden den Originalen aber nicht gerecht. Wer wird also Freude an „Fire Crackers“ haben? Vermutlich Nostalgiker und die Galerie Lafayette; allen anderen empfehle ich die entsprechenden Releases von Blood & Fire, Pressure Sounds & Co.

Bewertung: 2 von 5.

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Dub

Aldubb: Mesozoic Valley

Wie nennt man eigentlich Musik – und in unserem Fall Dub – die zur Gänze am Computer entstanden ist? Digital Dubs, Laptop-Mucke, EDM (frech abgewandelt: Electronic Dub Music)? So ganz taufrisch ist das digitale Handwerk ja nicht – unglaubliche 35 Jahre ist es her, dass Prince Jammy den Sleng Teng-Riddim produziert und damit einen Paradigmenwechsel ausgelöst hat, der die Reggae-Welt grundlegend verändern sollte. Gut und gerne 15 Jahre haben die digitalen Klänge vorgegeben, wo’s lang geht – und der nach Tubby’s Tod zum King avancierte Jammy war zumindest in der ersten Dekade das Maß aller Dinge. Heute sind seine Aufnahmen nur mehr akustische Zeugen längst vergangener Tage, und auch die frühen digitalen Werke anderer Produzenten und Musiker wie Fatis Burell, Bobby Digital oder Gussie Clarke haben die Zeit – wenn überhaupt – nur geringfügig besser überdauert. Allen gemein ist aber der immense und nachhaltige Eindruck, den sie im Reggae (und im Dub) hinterlassen haben.

Diesem Einfluss war sicher auch Aldubb ausgesetzt; seine Musik hat allerdings die engen Grenzen von Roots und Dancehall überwunden und zeigt sich offen für wohldosierte Prisen anderer Musik-Genres. Hochgeschätzt aufgrund seiner beiden wunderbaren „Planets of Dub“-Releases, veröffentlicht der Berliner jetzt eine Auswahl von Laptop-Dubs, die die Wartezeit auf Planet of Dub Vol. 3 verkürzen soll. Das macht „Mesozoic Valley“ (One Drop Music) keineswegs zum Lückenbüßer; die (diesmal) rein digital instrumentierten Stücke können durchaus für sich alleine stehen. Überaus gelungen der Opener „Jurassic Extinction“, der sich mit einem zurückhaltenden Streicher-Sample heranschleicht, um dann mit einem Drum & Bass-Drop eine physisch spürbare Druckwelle zu erzeugen – bei entsprechender Lautstärke wohlgemerkt. Dieser erste „Woah… Mörder-Bass!“–Eindruck erstreckt sich über die ganze Albumlänge und ist mein persönliches klangliches Leitmotiv von „Mesozoic Valley“, das auch sonst durch exzellente Abmischung und perfekt platzierte, aber dennoch unaufdringliche (analoge!) Dub-Effekte glänzt.

Alles gut also? Nicht so ganz; die oben erwähnten „wohldosierten Prisen“ sind diesmal für meinen Geschmack zu stark ausgefallen – etwas weniger Trap- und HipHop-Elemente („Velociraptor“) und Dubstep-Anleihen („Tethys“) würden dem konservativen Dubhead besser gefallen. Stattdessen hätte ich mir mehr „lebensechte“ Samples wie die anfänglichen Streicher gewünscht, die einen schönen Kontrast zu den programmierten Beats bilden. Größtes Manko des Albums sind aber die fehlenden Hooklines – da hilft weder der erwähnte druckvolle, fast schon subsonisch spürbare Bass noch der gelungene Mixdown: Wenn sich keine melodische Phrase oder Basslauf im Ohr festkrallen will, plätschern die Tracks beim oftmaligen Hören dann doch mehr oder weniger austauschbar vor sich hin. Da nützt auch nicht das durchaus interessante Konzept, in das Aldubb seine Tracks eingebettet hat: Die Titel erzählen vom Erdmittelalter, dem auseinander driftenden Urkontinent Pangea, der Tethys und allem was da im Jura so kreucht und fleucht – bis der Asteroid kommt und das große Aussterben beginnt. Die Musik selbst hat keinerlei Bezug zu den Titeln; platt gesagt kreischt uns kein Velociraptor im gleichnamigen Track entgegen; der riesige Triceratops will in seinem Stück partout nicht aufstampfen und klangtechnisch auf sich aufmerksam machen. Das soll nicht heißen, dass mir ein akustischer Comic besser gefallen hätte; allein meine Aufmerksamkeit und der damit verbundene Wiedererkennungswert wären so wesentlich höher gewesen.

Letztlich lässt mich „Mesozoic Valley“ als Rezensenten mit durchaus ambivalenten Gefühlen zurück. Im Gegensatz dazu werden alle, die Aldubbs frühere Werke wie „Let There Be Dub“ oder „Advanced Physics“ schätzen und lieben, diesen Zwiespalt nicht nachvollziehen können und meiner Wertung noch den einen oder anderen Stern hinzufügen. Nur zu!

Bewertung: 3 von 5.
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Dub

Pachyman: At 333 House

Hier haben wir also eine Veröffentlichung, die „from scratch“ als Dub-Album konzipiert wurde; eine Produktion, die wohl aus Freude und Liebe zum klassischen Reggae bzw. zur analogen Dub-Technik entstanden ist. Das Album scheint aber auch einem Trend zu entsprechen, der in letzter Zeit vermehrt zu hören ist: Es präsentiert ein Klangbild, dass den Eindruck erweckt, als würde man sich mit dem Künstler in einen ziemlichen muffigen, dumpfen, zur Schallisolierung ausgepolsterten Proberaum befinden. Da ist nichts geschönt; das laute Hi-Hat und die Becken klingen blechern, die Bass-Drum als auch der Bass trocken und flach. Musiker werden sich beim Hören an ihre Anfänge zurückversetzt fühlen – damals, mit der Band im feuchten, kalten Keller für den die Bezeichnung „Proberaum“ ein schlechter Witz war. 

Ein Sound also, der so gar nichts mit den tiefen Bässen und den scharfen Höhen von z.B. jamaikanischen Produktionen zu tun hat. Insofern werden klassische Dubheads keine große Freude an Pachyman’s „At 333 House“ (Mock Records) haben. Es ist das zweite (Solo-)Album des in LA lebenden Puerto-Ricaners, der die Inspiration für seine selbstgeschriebenen und nahezu im Alleingang eingespielten Riddims offensichtlich aus den späten 70ern bezieht. Auch damit ist er nicht allein; in den letzten Monaten gab es immer wieder Produktionen, die sich in jeglicher Hinsicht der goldenen Ära des Reggaes verschrieben haben. Die Revolutionaries oder die frühen Roots Radics lassen grüßen – wenn es damals schon großartig war, warum nicht auch heute?

Dieses Konzept geht nur bedingt auf. Pachyman mag zwar talentiert sein und mehrere Instrumente spielen können – dass alles aber anscheinend nur durchschnittlich. Die Qualität seiner Bassläufe reicht von unsäglicher Langeweile („Smokeshop“) bis wunderbar groovend („Babylon Will Fall“). Der Sound-Mix ist schwierig und ermüdend, da die Instrumente annähernd gleich laut, sprich ohne Dynamik, abgemischt sind. Der Dub-Mix per se ist unspektakulär und bar jeglicher Höhepunkte: Da mal ein Hall, hier mal ein Hall; mit Echo geht Pachyman ziemlich knausrig um und die stellenweise hochgepitchten Bässe hat der Mad Professor wesentlich besser drauf. Und unter uns: Fade-outs sind heute nicht mehr notwendig oder üblich, da kann man gerade auch als Dub-Mixer geniale Sachen zaubern.

Kann man „At 333 House“ also getrost wieder aus der Playlist schmeissen? Vielleicht; man sollte aber Pachyman ohne weiteres zugestehen, dass da gefühlt jede Menge Potential vorhanden ist. Ich vermute er könnte es besser nutzen, wenn er den Kokon verlassen und seine Ideen von Band, Mixing-Engineer bzw. Tontechniker filtern, beleben und umsetzen ließe. Einen Versuch wäre es wert, Pachyman.

Bewertung: 2 von 5.

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Dub

The Loving Paupers: Lines in Dub

Schön, wieder mal ein „echtes“ Dub-Album rezensieren zu dürfen – sprich eines, das klassisch aus der (Weiter-)Bearbeitung eines zuvor veröffentlichten Vokal-Albums entstanden ist, es soundtechnisch in neue Dimensionen führt, aber den Bezug zum Original niemals verliert – in dem es die ursprüngliche musikalische und mitunter auch die textliche Message verstärkt, weiterspinnt, karikiert, ad absurdum führt oder ins Gegenteil verwandelt. Das ist die Essenz des Dub: Ohne das Original als Referenz kann es keine Dub Version geben; das wäre so sinnlos wie Dub-Tuning ohne Auto.

Natürlich gibt es trotzdem zuhauf Instrumentals jeglicher Genres, die bar jeder Vorlage mit Dub-Techniken und -Ingredienzien erarbeitet wurden. Ob allerdings der bloße Einsatz von Effekten wie Echo, Hall oder das Ein- und Ausblenden von Tonspuren die Bezeichnung „Dub“ rechtfertigt, ist eine durchaus diskussionswürdige Frage.

The Loving Paupers, ein Septett rund um Sängerin Kelly Di Filippo aus den Vereinigten Staaten, fühlen sich offensichtlich der Tradition verpflichtet und haben ihr Album „Lines“ auch als – nomen est omen – „Lines in Dub“ (Jump Up Records) veröffentlicht. Label als auch Künstler geben als Genre „Lovers Rock“ an, was zu kurz gegriffen scheint und mit herkömmlichem, doch eher platten Lovers Rock wenig zu tun hat. Die Texte des Vokal-Albums sind dafür zu ausgefeilt und verschlüsselt; der vermittelte Gemütszustand ist pure Melancholie und der tonsichere, oft in zweistimmige Harmonie gesetzte Gesang von Di Filippo erinnert sehr an genrefremde Künstlerinnen wie Rumer, die frühe Dusty Springfield, mitunter auch an Sade. Unterstützt wird der Eindruck durch eingängige Melodieführungen, die eher in Richtung Singer/Songwriter, Country oder Pop/Rock verweisen.

Das Fundament bilden allerdings pure, originäre Roots-Riddims: Ohne Gesangsspur könnten sie vom Arrangement als auch von der Instrumentierung her durchaus als Produktionen der späten 70er Jahre durchgehen. Einzig die zurückgefahrenen Höhen und der damit einhergehende dumpfe Klang sind das Manko von „Lines“.

„Lines in Dub“ hingegen behebt diese Schwäche und überzeugt mit einem klaren, druckvollen Sound, der die Dubs zum Glitzern bringt. Der Unterschied wundert ein wenig, hat doch Victor Rice bei beiden Alben an den Reglern gedreht. Seine Klangwelt ist nach wie vor nicht jedermanns Sache, insbesondere seine knochentrockenen, fast schon blechernen Drum-Sounds. Der Mann weiß aber ganz genau, wann er welchen Effekt einsetzt und Gesangspuren aus- und einblendet; herausgekommen ist dabei das subjektiv beste Dub-Album aus dem Hause Rice. Es kann für sich alleine stehen, wirkt aber am Besten in Kombination mit dem Vokal-Album – eben weil es die melancholische Stimmung perfekt weiterträgt: Ein schöner Soundtrack für dunkelbunte Regentage.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Sly & Robbie: Dub Serge

Um es vorwegzunehmen: Sly & Robbie waren das beste, innovativste und spielfreudigste Drum & Bass-Duo – auch wenn andere wie Style Scott und Flabba Holt bisweilen wesentlich sauberere Arbeit ablieferten, es aber niemals zur Genre übergreifenden Anerkennung brachten. Sly & Robbie hingegen wurden weltweit gebucht, um auch Pop und Rock-Größen wie Joe Cocker, Bob Dylan, Mick Jagger, Serge Gainsbourg und viele mehr im Studio oder live zu unterstützen. Dass sie zudem das Reggae-Genre mit ihren Riddims wesentlich weiterentwickelten, steht wohl außer Frage.

Aber das war in den späten 70er und frühen 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts; die Zeiten der musikalischen Innovationen, des musikalischen Neulands sind für die beiden vorbei. Sly & Robbie scheinen heute in einer Zeitblase gefangen zu sein: Sie reproduzieren ihre eigene musikalische Vergangenheit und zelebrieren mehr oder weniger die Riddims, die sie anno dunnemals zur musikalischen Speerspitze des Reggae gemacht haben. 

So auch auf ihrem neuen Release „Sly & Robbie Dub Serge“ (Taxi Records), für den sie nichts weiter als ihre eigenen Riddims vom exzellenten Serge Gainsbourg-Album „Aux Armes Et Caetera“ (1979) nochmals eingespielt haben. Warum, wieso? Das weiß wohl nur Guillaume Bougard, der hier als Co-Produzent fungiert und gemeinsam mit Gaylord Bravo den uninspirierten Dub-Mix zu verantworten hat. Bedarf an diesen blutleeren, endlos ausgewalzten und bestenfalls langweiligen Versionen kann es nicht gegeben haben, zumal das Original-Album (wie auch sein Nachfolger) in den letzten Jahren als Deluxe– und Super-Deluxe Version samt Dubs veröffentlicht wurde.

Die Frage ist also: Braucht man dieses neue Album? Unbedingt, wenn man hören will wie zwei exzellente Musiker ihr Lebenswerk demontieren. Andernfalls: Hände weg davon und statt dessen eines der vielen genialen Sly & Robbie-Alben aus den 1980er-Jahren hören. Wie wär’s mit dem epochalen “A Dub Experience” aus Island’s “Reggae Greats”-Serie?

Bewertung: 1 von 5.