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Dubstrand Allstars: Dubbing up the Coast

Ihr wollt neue Scientist-Dubs von den Roots Radics hören? Da braucht ihr nicht mehr länger suchen, die Dubstrand Allstars (Brizion mit seinem Bruder als Drummer) kommen auf ihrem zweiten Album „Dubbing up the Coast“ (Dubstrand Music) diesem Hörerlebnis schon sehr nah. 

Schon das Debut „Dubbing on the Bay“ war dem dubblog.de eine Review wert – wenn auch der Rezensent einiges zum herummosern gefunden hat: Gleichförmigkeit, mal in Form langweilig-gleich klingender e-Drums, mal in Form eintöniger Lustlosigkeit, mal simpel mangels musikalischer Ideen. In anderen Worten: Netter Versuch, aber das ginge noch wesentlich besser.

Und wie das besser geht: Auf „Dubbing on the Coast“ sind die e-Drums einem live-Kit gewichen, was schon mal Leben in die Klang-Bude gebracht hat; das ist der Sound, den’s braucht um handgemachte Musik frei atmen zu lassen. So befreit von der klanglichen Tristesse wirken die neuen, im klassischen 80’s-Style arrangierten Stücke tiefenentspannt. Einzig eine etwas zu scharf klingende Snare stört das Klangbild – was zweifellos eine Frage des Geschmacks bzw. der persönlichen Präferenzen ist.

Neu auch die gelungene Melodieführung – einfache und einprägsame Basslinien „old-school jamaican style“ (Flabba Holt lässt grüßen) führen in diesen leichten Trance-ähnlichen Zustand, den der Rezensent am Reggae so liebt. Da kippt man gerne rein; da fängt man rasch an, sich im Rhythmus zu bewegen. Dazu noch feine Gitarrenarbeit und Keyboards, die es dem Hörer mitunter schwer machen, zwischen Instrumental, Version und Dub zu unterscheiden. Selbst die dieser Tage scheinbar unverzichtbare Melodica wird nicht überstrapaziert und fügt sich unaufdringlich ins musikalische Geschehen ein. Im Gesamtbild also eine schöne, runde Sache, die eine musikalische Weiterentwicklung gut erkennen lässt – das mag was heißen, wenn man Brizion’s enormen, aber nicht sonderlich wandlungsfähigen Solo-Output als Maß der Dinge nutzt.

Was das Dub-Mixing betrifft, war der anfängliche Vergleich mit Scientist natürlich übertrieben; wiewohl die Richtung stimmt, wenn man den Vergleich mit den entsprechenden Aufnahmen der frühen 1980er anstellt. Wir haben hier keine spektakulären Dub-Kapriolen, Sound-Gimmicks oder innovatives Mixing vor uns, sondern vielmehr solides Handwerk – obwohl ich bezweifle, dass da an einem old-school Mixing Board gearbeitet wurde. Muss ja auch nicht sein – allein das Ergebnis zählt, und genügsam eingesetztes Echo bzw. Hall machen irgendwie auch ganz schön glücklich.

Bewertung: 4 von 5.
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Reggae Angels with Sly & Robbie: Remember Our Creator – Fox Dubs

Kalifornien scheint ein Brutkasten für Talente zu sein, die Reggae mit allen möglichen Einflüssen verbinden – Rock, Pop, Soul, Hip-Hop. Da wären etwa Rebelution, Tribal Seeds, Iya Terra, Slightly Stupid, Long Beach All Stars, John Brown’s Body usw. usf. Das macht sich in der Musik selbst, in den Arrangements, im Mix, und in den Lyrics bemerkbar. Da ist mehr oder weniger Party angesagt, ein wenig Sozialkritik darf auch sein. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel – dazu zähle ich etwa Groundation, aber auch die die Reggae Angels. Letzteren Act gibt’s seit 1992; er besteht mehr oder weniger aus Sänger Peter Wardle mit wechselnden Backing-Bands – was nicht weiter interessant oder erwähnenswert wäre, wenn… ja wenn da nicht Sly & Robbie’s Taxi Gang seit einigen Jahren im Studio und bisweilen auch live den musikalischen Teppich für die Reggae Angels ausbreiteten.

Seit mittlerweile drei Alben sind die Riddim Twins an Wardle’s Seite; immer abgemischt von Jim Fox, der die Tracks dann noch einer extra Dub-Behandlung unterzieht. Ergibt zusammen das satte Vocal/Dub-Package, das dann als Doppel-Album daherkommt. Ähnlich funktioniert’s auch beim neuen Album „Remember Our Creator“, wobei die Dubs diesmal als eigenes Album angeboten werden: „Remember Our Creator – Fox Dubs“ (Kings Music International). Allein die Liste der an den Aufnahmen Mitwirkenden lässt erkennen, dass Peter Wardle extrem gut mit der jamaikanischen Reggae-Szene vernetzt ist und die entsprechenden Kapazunder in den Kingstoner Anchor- und One Pop-Studios versammeln konnte. Das Ganze dann nicht in JA abzumischen, sondern in Jim Fox‘ Hände zu legen, scheint geradezu genial.

Nun kann man von Wardle‘s Gesang halten was man möchte – mich erinnert er an Roots-Recken wie Cedric Myton oder Lascelle Bulgin; die Backing-Vox (u.a. seine Tochter) hingegen an die Melody Makers minus dem Feuer von Cedella Marley. Mit seinen durchaus positiven, Gott-zentrierten Texten prägt er jedenfalls auch das musikalische Geschehen, sprich die Arrangements. Es ist schön, dass Sly Dunbar hier mal vorwiegend One Drops spielt und so eine solide Roots-Grundlage für die ausgeklügelten Arrangements bietet, die exzellent umgesetzt sind. Auf den Track mit Drum-Machine hätte ich freilich verzichten können; er demonstriert aber sehr gut den Unterschied zwischen Mensch und Maschine – gerade wenn’s um Gefühl und eine gewisse Sanftheit geht:

Wobei wir eigentlich bei Jim Fox gelandet sind, der bei „Remember Our Creator“ bzw. „Remember Our Creator – Fox Dubs“ für den Klang verantwortlich ist. Er ist zweifellos ein Meister seines Fachs und spielt in einer Liga mit Steven Stanley und Godwin Logie; entsprechend ausgewogen und facettenreich sein typisch unaufgeregtes Klangbild. Wunderbar die tiefergelegte, satte, weiche und gleichzeitig präzise Bass-Drum, die eine tolle Dynamik liefert und das Herz des Rezensenten höher schlagen lässt. Fox schafft es sogar, Aggro-Sax-Player Dean Fraser einen Dämpfer zu verpassen bzw. soundmäßig tief ins Geschehen zu integrieren, anstatt ihn kreischend oben drauf zu setzen – ein Kunststück für sich. Nicht ganz so gut gelungen Dunbar’s Hi-Hat, die zu trocken und laut daherkommt und etwas zu viel Einblick in die aktuell nicht-ganz-so-exakte Beckenarbeit des Drummers bietet. Die – wenn man das so dramatisch sehen will – Katastrophe des Albums ist aber ein kitschig-aufdringliches Keyboard Marke Korg & Konsorten. Sowas hörte man zuletzt in den 1980ern, als sich genrefremde Musiker am Reggae vergingen. Ich laste das Peter Wardle selbst an, der Keyboards spielt und sich hier wohl mit ein paar Overdubs eingebracht hat. Schuldig auch Jim Fox; er hätte diese Keys im Mix vergraben können. 

Was soll man machen – er ist halt ein guter Kerl, der Jim. Deshalb wollen wir ihm auch den zwar klanglich brillanten, aber doch recht unspektakulären Dub-Mix nachsehen. Es ist nun mal sein Markenzeichen als Dub-Mixer: Das Original wird nicht groß verändert, sondern vorwiegend durch dezente Delays ergänzt. Wer das mag, nennt diesen Vorgang „veredeln“; ich behaupte aber: Das Edle an „Remember Our Creator – Fox Dubs“ ist der wunderbar ausgeglichene Sound, der schon beim Abmischen des Vocal-Albums entstanden ist. Minus dem Kitsch-Keyboard, wohlgemerkt.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Review

Roots Makers: In Dub

Manchmal kommt man einfach nicht weiter, und das muss man schlussendlich auch akzeptieren. Es gibt da dieses neue Dub-Album (eigentlich sind’s zwei Alben), über dass sich zum Zeitpunkt dieser Rezension so gut wie nichts bzw. nur herzlich wenig Informatives erfahren lässt. Und das, obwohl die Band / die Musiker / das Produzenten-Konglomerat eine eigene Website, eine Facebook-Page, einen Instagram-Account und einen YouTube-Kanal betreibt; die Herrschaften mögen auch nicht auf Anfragen reagieren. Insofern ist vieles, was hier zu lesen, reine Mutmaßung.

… und so waren es einmal drei Menschen, vermutlich aus einem frankophonen Land stammend, die sich zusammengerottet haben um ein im klassischen Stil gehaltenes Dub-Album einzuspielen. Nicht sonderlich einfallsreich „Roots Makers in Dub“ benannt, ist es der Counterpart zu einem Instrumental-Release, der sich – no na – simpel „Roots Makers“ betitelt. Beide sind am selben Tag erschienen, und die Künstler nennen sich… *gähn* …Roots Makers.

Man möge sich von dieser Einfallslosigkeit nicht täuschen lassen; der Name ist Programm: Hier liegt eines der besten Roots-Dub-Alben des noch jungen Jahres vor; das dazugehörige Instrumental Album lässt ebenso große Freude aufkommen. Die Riddims sind eingängig, im klassischen Stil instrumentiert und superb abgemischt; da findet selbst der Rezensent wenig zu mosern. Nun ja, vielleicht hätte der Drummer sich mit den Fills ein wenig zurückhalten können und es besteht der Verdacht, dass da keine Bläser live im Studio waren – das war’s aber auch schon. 

Zum Dub-Mix gibt’s leider (oder Gott sei Dank?) nicht viel zu sagen: Klassische Effekte, bestens platziert; nicht zu dominant, aber auch nicht unter der Wahrnehmungsschwelle. Kurzum: Es fügt sich alles gut zusammen und ergibt in Summe ein feines Dub-Album, das man sehr gern weiter empfiehlt – vor allem in Kombination mit den Instrumentals.

Die drei Roots Makers bieten übrigens auf Ihrer Website die einzelnen Tracks als Übungstracks an – also mal ohne Schlagzeug, dann mal ohne Bass, Gitarre usw. Für (angehende) Reggae-Musiker im Lockdown geradezu ideal, möchte man meinen.

Letztlich bleibt zu hoffen, dass die Qualität der Musik die Hörer*innen überzeugt, denn Promotion ist augenscheinlich keine Stärke der Roots Makers. In diesem Sinne meine vorbehaltslose Empfehlung: Reinhören & genießen. 

Bewertung: 4.5 von 5.

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Interview

Interview mit Thomas Blanchot (Mato)

Dein Name: Thomas „Mato“ Blanchot
Du lebst in: Paris, Frankreich
Dein aktuelles Album: Scary Dub

Wie lautet deine persönliche Definition von Dub?

Ich würde sagen Dub ist Klangkunst. Es ist ein einzigartiger Stil, der die totale Kontrolle des Tracks beansprucht – sowohl was die Komposition (durch Edits) als auch den Mix (durch Effekte) betrifft. Was wir heute als Remix kennen, hat seinen Ursprung vor langer Zeit im Dub. Voraussetzung dafür war eine neue Art von Künstler: Der Dub-Mixer. Tatsächlich habe die Beatles den Weg dafür geebnet, als sie ihre Tontechniker feuerten und selbst die Kontrolle über die Aufnahmetechnik übernahmen. Das Studio selbst – also Equipment samt Tontechniker – ist zweifellos ein vollwertiges Bandmitglied, wenn Musik aufgenommen wird. Die Tonspuren werden dann zu grenzenlos formbaren Material; ähnlich dem improvisierenden Stil im Jazz. Letztlich geht‘s darum jeden Moment, jede Note bzw. Melodie zu veredeln.

„Unterschiedlichste Musikstile als Reggae-Dub zu adaptieren – das ist mein Markenzeichen.“

Braucht Dub eine Referenz, etwa einen Vokal-Counterpart oder kann er als Selbstzweck für sich allein im Studio entstehen? 

Am Beginn stand die durch den Mix bearbeitete Version eines Titels. Das sind die Wurzeln von Dub, der mit anwachsendem Repertoire zum eigenen Stil avancierte. Produzenten wie Mad Professor oder Jah Shaka haben hingegen haben eigene Dub-Tracks aufgenommen und nicht auf bereits existierendes Material zurückgegriffen. Ich sehe meine Produktionen irgendwo dazwischen; ich suche nach bekannten Titeln, die sich gut adaptieren lassen und produziere sie neu – nur um sie dann dubben zu können. Ich brauche also unbedingt eine Referenz zu meiner Arbeit und sehe Dub als Counterpart zu etwas bereits Existierendem. Meine Referenzen find sich allerdings nicht im Reggae; dass ist das Besondere an meiner Arbeit.

Natürlich kann man alles dubben – einige Stile sind dafür besser geeignet als andere. Ein hypnotischer, melodischer Reggae-Bass kann den Hörer für Stunden in Trance fallen lassen, während ein harmonisch-unterstützender Pop-Bass diese Tragkraft nicht besitzt. Ein melodischer Bass, der rhythmische Skank und die Platzierung von Drum-Fills sind jedoch unbestrittene Elemente eines gelungenen Dub-Rezepts.

„Ich sehe Dub als Counterpart zu etwas bereits Existierendem.“

Gibt es Grundvoraussetzung bei der Dub-Produktion?

Kenntnis und ein Gefühl für die Kultur ist immer ein guter Beginn – das Wissen, welche Techniken es gibt und in welchen Aufnahmen sie bisher benutzt wurden, bereichert ungemein und bietet Orientierung. Ich habe Stunden um Stunden Dub gehört bis mir die Ohren geblutet haben. Der weitere Weg eines Dub-Novizen ist zu lernen und zu versuchen, die Klassiker des Genres zu reproduzieren. Wenn man das alles verdaut und durch hat, dann „ist“ man Dub, dann kann man sich in dieser Kunst ausdrücken. Wer den Klang beherrscht, kann eine Geschichte ohne Worte erzählen.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von Mato aus?

Unterschiedlichste Musikstile als Reggae-Dub zu adaptieren- das ist meine künstlerische Identität, mein Markenzeichen. Und es ist ein gutes Mittel, die Musikrichtung Dub Menschen vorzustellen, die einen völlig anderen musikalischen Horizont haben. Durch bekannte Melodien erwecke ich nicht nur Gefühle und Erinnerungen, sondern auch Neugier. Das ist meine Art, Musik universell und mein Publikum divers zu halten; ich und meine Produktionen lassen sich nicht von einer einzelnen Community vereinnahmen.

Die Melodie ist das Um & Auf meiner Dub-Adaptionen. Ich benötige eine faszinierende Melodie, die ich durch Tempo und Arrangement fein-tune. Die Rhythmik muss natürlich fließen: Ob Steppers, Rockers, One Drop – wenn’s nicht passt, wird’s wieder geändert. Wichtig ist, die Aufnahme nicht zu verwässern; es muss eine Adaption bleiben – keinesfalls eine komplette Umwandlung.

„Die Melodie ist das Um & Auf meiner Dub-Adaptionen.“

Auf meinen Aufnahmen wird alles live eingespielt und keine Samples verwendet. Ich selbst spiele Keyboards, Drums/Percussions und Bass; je nach Bedarf kommen noch andere Musiker dazu. Gelegen kommt, dass ich mir im Laufe der Zeit eine breite Palette an Sounds und verschiedensten Instrumenten zulegen konnte – etwa Percussions, Vintage-Synths, SynDrums und dergleichen.

Der beste Teil meiner Arbeit ist aber der Mix: Von der alten Schule kommenden, habe mit unterschiedlichen Boards und Techniken gearbeitet. Seit 15 Jahren verwende ich nur mehr Pro Tools; es erlaubt mir die Mixes solange wie notwendig zu überarbeiten. Ich verwende auch viele alte Gerätschaften wie den Roland Space Echo RE-201, verschiedene Spring Reverbs (Federhall), Vintage Phasers, selbst Zusammengebasteltes usw.

Mato-Produktionen haben einen typischen, „cleanen“ Sound, der mich an Produktionen der frühen 1980er erinnert – ist das beabsichtigt?

Ich bin ein großer Fan der 70’s und 80’s Sounds, will sie aber nicht nachahmen – ich versuche lediglich die Tonspuren meinem eigenem Hörempfinden anzupassen. Ich bin jedenfalls ein großer Fan des Channel One-Sounds – das ist mein persönlicher Meilenstein, den es zu erreichen gilt. Dieser Sound profitiert noch von der Glut der 1970er, hat allerdings bereits einen klareren, präziseren Klang. Noch eine kleine Dosis „2.0“ dazu und fertig ist der Mato-Sound.

Die Drums auf Deinen Aufnahmen haben einen ganz eigenen, unverkennbaren Klang – weich, aber mit einem heavy Punch. Lass‘ mich raten: Du spielst die Drums selbst. 

Richtig! Ich habe mit 13 Jahren zu spielen begonnen, weil mein Bruder einen Drummer für seine Band gebraucht hat. Nach einiger Erfahrung habe ich eine Reggae Band gegründet – oder besser gesagt: ein Orchester mit Bläsersatz und allem Drum & Dran. Das war mir nicht nur in der Musik eine wichtige Lektion: Die anderen zu hören, sich untereinander wahrzunehmen.

Nach der Schule habe ich begonnen, Schlagzeug zu studieren – zuerst in Frankreich, dann weiter in den USA, wo ich die Los Angeles Music Academy 1998 abgeschlossen habe. Ich bin also an erste Stelle Drummer, der seine Riddims einspielt. Ich adjustiere und stimme meine Trommeln präzise um den Sound zu erreichen, den ich mir vorstelle. Das ist wahrscheinlich die zeitintensivste Arbeit in meinen Produktionen, aber Ursprung meiner eigenen Klang-Identität. Die Drums müssen immer präsent und präzise sein; holprig dürfen sie nur sein, wenn ich Hip-Hop mache (ich bin ein großer Fan von Dr. Dre). Das Geheimnis ist also gelüftet: Hinter einem Album des Dub Mix-Produzenten Mato steckt tatsächlich das Album eines Drummers!

In Deinen Produktionen gibt’s nicht den extra-heavy Bass, den man sich vom Dub erwartet. Er scheint eher zurückhaltend, möglicherweise um sich an europäische Hörgewohnheiten anzupassen. Wie wichtig ist Dir Sound generell?

Wie bei jeder Musikrichtung gibt es im Dub unterschiedliche Möglichkeiten und niemals nur einen Weg, um zum Ziel zu kommen. Selbst wenn ich alle Mittel nutze, kann ich immer noch meinen eigenen Stil einbringen. Als Drummer liebe ich kraftvolle Bässe – es gibt nichts Effektiveres in meiner Musik als den Sub-Bass denn ich verwende. Aber im Gegensatz zu anderen Stilen, in denen der Bass in den Vordergrund gemixt wird, bevorzuge ich die herkömmliche, ausgewogenen Abmischung. Ich würde das nicht als Europa-bezogen sehen … mein Publikum findet sich in aller Welt.

Deine geniale Version von Daft Punk’s „Homework“ hat mich damals umgehauen und ich schätze auch die darauffolgenden Alben sehr. Woher kommt Deine Inspiration, wie wählst Du die Themen für Deine Konzeptalben aus?

Danke für die netten Worte. Wie gesagt – im Grunde genommen bin ich Schlagzeuger, und als Instrumentalist ist es schwer, in der internationalen Musikszene Fuß zu fassen – selbst wenn man viele unterschiedliche Stile beherrscht. Ich bin in der glücklichen Lage, alles was ich mag in meine Musik reinpacken zu können: Die Drums sind mein Superstar; Melodien werden mit Echos, Sound-Gimmicks, Delays und vielen anderen Effekten komplettiert – herrlich!

„Die Drums sind mein Superstar.“

Ich suche nach ansprechenden Konzepten, die mir die Umsetzung meiner musikalischen Vorstellungen erlauben. Angefangen habe ich mit zwei Alben mit Reggae-Covers klassischer französischer Chansons (Anm.: „Il est cinq heures, Kingston s’eveille 1 und 2“), denen die entsprechenden Dub-Alben folgten (Anm.: „Il est cinq heures in Dub 01 und 02“). Dann produzierte ich vier Reggae-Hip-Hop-Remix Alben, die mich international bekannt gemacht haben. Schlussendlich habe ich mit der Serie von Konzept-Alben begonnen, die ich seither laufend ausbaue. Glücklicherweise fehlt’s nicht an Inspiration – die Arbeit am nächsten Album hat schon längst begonnen. 

Üblicherweise starte ich mit einer Konzept-Idee – wobei es wichtig ist, dass die in Frage kommende Titel starke Melodien haben, ins Reggae-Rhythmus-Gefüge überführbar und … ja, auch spirituell akzeptabel sind. So entstehen durch simple Soundgimmicks Titel wie „Close Encounters of the Third Kind Dub“ oder elaborierte, komplex arrangierte Stücke wie „Enter the Dragon Dub“ (Anm.: beide vom „Hollywoo Dub“-Album). 

„Mein Heiliger Gral ist das ‚Classical Dub‘-Album.“

Den aktuelle „Scary Dub“-Release kann man durchaus als Sequel zu „Hollywoo Dub“ sehen, obwohl es ursprünglich nicht so geplant war. Mein „Heiliger Gral“ ist allerdings das „Classical Dub“-Album – es hat mich unendlich viel Zeit und Energie gekostet, klassische Musik als Dub zu adaptieren.

Beim „Homework“-Album hat mich übrigens der Manager von Daft Punk kontaktiert und ein Vorab-Exemplar verlangt. Ich war sehr nervös und habe ein „no way“ als Antwort erwartet – Daft Punk hatten den Ruf knallhart zu sein, wenn es um ihre Musik ging. Letztlich haben sie aber nur gefragt, ob Sie das Album auf einer Party spielen dürften – das Teil war damit genehmigt!

Die Tracks von „Scary Dub“ wirken auf mich wie kurze Comic-Strips mit all den Horror-Soundeffekten. Stimmst Du mir zu oder siehst Du die Tracks in einem anderen Licht?

Ich stimme absolut zu. Wie in der dubblog.de-Review sehr gut erklärt ist, bin ich Konzeptkünstler. Meine Konzept-Alben laden zu einer Reise mit unvorhergesehen Ereignissen ein; sozusagen ein akustisches Abenteuer innerhalb eines vorgegebenen Rahmens, das in seiner Form aber eindeutig neu ist. 

Wenn das Konzept ist, Filmmusik von Horror-Klassikern als Dubs zu adaptieren, dann bietet die Leichtigkeit von Humor natürlich einen interessanten Blickwinkel dafür. Sind nicht Angst und Fröhlichkeit zwei unkontrollierbare Zwillingsemotionen? Es ist allerdings wichtig, die Musik selbst nicht zu verunglimpfen – ich habe da großen Respekt vor. 

In meiner „Dub Top 5“ finden sich übrigens zwei Alben, die zu meinen Inspirationsquellen gehören und sehr gut zu meiner eigenen Arbeit passen – Mikey Dread’s „African Anthem“ und „Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires“. Ohne jeden Zweifel haben mich die von Henry „Junjo“ Laws produzierten Scientist-Konzeptalben immer schon zutiefst beeindruckt!

Die Reviews von »Scary Dub« auf dubblog.de haben gutes Feedback bekommen – abgesehen von der Kritik, dass manche Deiner Dubs zu kurz geraten sind und mit Fade-outs enden – oder sind gerade diese nur +/- 3 Minuten langen Tracks Teil Deines Erfolgs? 

Ich bin old-school unterwegs – selbst wenn ich gegensätzliche Musikrichtungen verbinde, möchte ich die klassischen Stilmittel beibehalten. Meine Geschichten sind kurz, aber gehaltvoll – auch, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht zu verlieren. Wir neigen ja z.B. dazu, gedanklich abzuschweifen, wenn jemand zu viel bzw. zu lange redet. Insofern: Ja, das kurze Pop-Format ist wohl Teil meines Rezepts. Letztlich geht es immer um die Story – die man so arrangieren kann, dass sie mit einem Ausrufezeichen oder mit Auslassungspunkten enden. Diese Fade-outs interpretiere ich als einen Traum, der sich verflüchtigt und verschwindet. 

„Das kurze Pop-Format ist wohl Teil meines Rezepts.“

Was bringt die Zukunft für Mato? Gibt es ein Konzept für das nächste Album, möchtest Du schon etwas dazu sagen?

Das neue Projekt wird ein Soul/Jazz/Funk-Tribute, das mir sehr am Herzen liegt. Letzten Herbst habe ich eine erste Single daraus veröffentlicht – eine Dub-Adaption von Herbie Hancock’s „Maiden Voyage“ und eine neue Version von „Also sprach Zarathustra“, die von Jazzpianisten Eumir Deodato inspiriert ist. Als nächstes kommen 45er von Kool & the Gang, Bill Withers und sicherlich noch mehr Singles bevor das Album veröffentlicht wird. Bleibt dran, das wird großartig!

Wird es einmal ein Mato-Album geben, das statt Dub-Adaptionen selbstgeschriebenes Original-Material enthält?

Ja, und das Projekt ist bereits fertig: Eine EP mit 4 Tracks, die ich alle selbst komponiert habe. Es ist ein Mix aus meinen Lieblings-Stilrichtungen: Reggae/Dub-Jazz/Soul/Funk und Disco. Und diesmal sind die Tracks mindestens 5 bis 6 Minuten lang und für den Einsatz in Clubs gedacht. Auf „Scary Dub“ gibt es übrigens schon drei von mir geschriebene Titel um das Album zu komplettieren. Es gibt ja leider keine sofort wiederkennbaren Melodien für Dracula, Frankenstein oder die Mumie – also habe ich selbst welche geschrieben.

Wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden – welches Projekt würdest Du gerne realisieren?

Tatsächlich musste ich immer mit dem arbeiten, was gerade zur Verfügung stand. Meinen ersten Dub habe ich auf einem 4 Track-Tape aufgenommen; mit einem Mikrophon für die Drums, einem Roland Synthesizer und einem Delay-Pedal für die Gitarren. Heute habe ich ein gut ausgestattetes Studio, aber die musikalische Idee ist immer noch mehr wert als das ganze Equipment.

„Die musikalische Idee ist immer noch mehr wert als das ganze Studio-Equipment.“

Ich bin jetzt in der glücklichen Lage, dass ich machen kann was ich liebe und arbeite auch mit einem Label zusammen, das mich in all meinen Entscheidungen unterstützt. Das gestattet mir, meine Musik mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen – was schon ein Projekt für sich ist.

Das „Classical Dub“-Album hat mich gelehrt, dass es Zeit und Erfahrung braucht, um klassische Musik mit einem gewissen Flow als Dub umzusetzen; deshalb plane ich ein Opern-Dub Projekt – eigentlich mehr eine musikalische Komödie, die ich eines Tages verwirklichen möchte. Auch dazu benötigt es mehr Inspiration als finanzielle Möglichkeiten; es soll ja „nur“ ein Album werden und keine Live-Show. Das wird ein anspruchsvolles Projekt. Mal sehen wie es sich entwickelt.

Wie siehst Du das Aufleben von Dub und Roots Reggae, dass seit einiger Zeit in Europa stattfindet? Es gibt viele europäische Produktionen, die mitunter authentischer klingen als der aktuelle jamaikanische Output.

Es ist großartig! Musik von einer kleinen Insel infiziert die ganze Welt und gegen Reggaemylitis braucht’s noch nicht mal Impfungen!

Spaß beiseite, Jamaica ist ein sehr armes Land und Gewalt ist auf der Insel allgegenwärtig. Aktuelle Produktionen sind Ausdruck dieser Gegenwart und die jamaikanische Regierung fördert nun mal kein Roots & Culture – ganz im Gegenteil. Gott-sei-Dank gibt es weltweit viele Botschafter, die Roots & Culture am Leben erhalten: Reggae-Musiker, -Sänger, -Produzenten, -Sound Systems, -Labels und -Tontechniker finden sich überall – und sie setzen Zeichen. Es ist halt wie bei jeder Schöpfung: Letztlich entrinnt sie dem Schöpfer und macht sich selbständig.

Wen hältst du für den größten Dub-Künstler aller Zeiten?

Es gibt heute so viele talentierte Künstler und jeder davon hat seine eigenen Helden – für mich sind es die Altvorderen, die Erfinder des Dub: Scientist ist wahrscheinlich mein Sound-Vorbild, aber King Tubby ist der Schöpfer der Dub-Kunst wie wir sie heute kennen. Paul „Groucho“ Smykle ist mein dritter Dub-Hero – man braucht die Credits gar nicht erst zu lesen, wenn man seine atemberaubenden Dub Mixes hört. Sie sind von den ersten Takten an sofort wiedererkennbar. Was für eine Kunst, was für ein Können, was für eine Raffinesse! Ewig schade, dass Groucho diesen Weg nicht weiter gegangen ist.

Und wer ist aktuell der interessanteste Dub-Artist?

Es gibt jetzt eine Reihe von Bands in Europa, die Dub auch live performen – mit Videos, Lichtchoreographie usw. Sie haben damit einen sehr modernen Stil entwickelt, der mit aktuellen Mainstream-Musikdarbietung mithalten kann. 

Was sind deine persönlichen Top 5 Dub-Alben?

Die Auswahl ist mir sehr schwer gefallen – die Liste meiner Top-Dub Alben ist sehr lang. Hier ein Versuch, die wichtigsten fünf zu nennen:

Scientist – Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires 
Black Uhuru – The Dub Factor
Mickey Dread – African Anthem
Sly & Robbie – A Dub Experience
King Tubby & The Aggrovators – King Tubby’s „Controls“

Anmerkung der Redaktion: Um des Sprachflusses willen haben wir in diesem Interview auf Gendern verzichtet.

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Review

Dubstrand Allstars: Dubbing on the Bay

Es gibt da diese „New Releases“-Sektion auf dubblog.de, in die der Rezensent gerne und regelmäßig reinschaut – und sei’s nur um zu sehen, was die Kollegen da alles zwischen Gut und Böse reinstellen. Das ist die ganz, ganz breite Palette; nur Besonderes und/oder Interessantes (im positiven wie negativen Sinn) findet seinen Weg in die Reviews. Also mutig reingesprungen in die Flut an Neuheiten, stichprobenartig reingehört und tatsächlich fündig geworden: Es ist Dubstrand Allstars‘ Debut-Album „Dubbing on the Bay“ (Dubstrand Music), das ich hiermit ins grelle Rezensions-Licht zerre.

Zugegeben: Es sind wieder mal die Drums, die meine erste Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben; sie erinnern in ihrer Abmischung sehr an Releases aus dem Jahr 1981, als da wären Peter Tosh‘ „Wanted Dread & Alive“, Jimmy Cliff’s „Give the People What They Want“ oder Pablo Mosers‘ „Pave the Way“. Dieser harte Sound, der nicht sonderlich basslastig war, aber mit seinem Punch in entsprechender Lautstärke wahrscheinlich Löcher im Trommelfell hinterlassen hat; diese Kickdrum, die ziemlich martialisch daherkommt und quasi befiehlt, wo’s langgeht. Der damals relativ kurzlebige Trend findet sich jetzt auf dem „Dubbing on the Bay“-Album wieder – ob das beabsichtigt oder Zufall war bleibt offen.

Meine zweite Aufmerksamkeit hat den Dubstrand Allstars selbst gegolten – nie gehört, nie gesehen, wer soll das sein? Die online-Recherche lässt mich vorerst komplett auflaufen; dann findet sich doch noch ein Bruchstück einer Information und weist auf Brizion hin. Der Mann ist mir schon öfters aufgefallen; weniger wegen seiner mediokren Musik denn ob der schieren Menge seines Outputs: Der Kalifornier dürfte einmal Husten und am anderen Ende schießen 5 Alben raus, die dann leider auch so klingen. Klarer Fall von Quantität vor Qualität. Man stelle sich vor, Vaughn Benjamin hätte sich mit Brizion zusammen getan… das wäre wohl eine endlose Flut an dahinbrabbelnden Alben geworden.

Die Dubstrand Allstars hingegen sind dankenswerterweise kein weiteres Soloprojekt von Brizion; er nimmt sich (hurra!) doch glatt einen zweiten Musiker – sprich Drummer – an Bord. Keine Frage, das lässt die Musik aufleben, wenn auch mit Wermutstropfen: Der Mann spielt E-Drums, die per se keine großen klanglichen Varianten bieten. Schläge auf die E-Snare klingen immer ermüdend gleich, eine akustische Snare hingegen klingt bei jedem Schlag eine Nuance anders – je nachdem wo der Stick das Fell trifft. Ein kleiner Unterschied der eine Klangwelt ausmacht.

Zurück zum Album – es ist nicht sonderlich basslastig mit einem gefühlten Cutoff bei 60Hz, aber siehe oben: Was für Tosh und Cliff damals gut genug war, sollte man heute auch den Dubstrand Allstars zugestehen. Letztlich bleibt eine Ansammlung klassisch anmutender Riddims; sparsamst instrumentiert mit unaufdringlich eingearbeiteten Dub-Effekten. Da ist nicht viel falsch gemacht worden, und doch wirkt alles gleichförmig, eintönig. Das ist sicher nicht nur den Drums geschuldet, sondern eher dem, dass da lediglich zwei Musiker ihr Bestes geben: Der eine spielt Schlagzeug, der andere spielt den überschaubaren Rest der Instrumente. Lust kommt da keine auf, musikalische Ideen sind nicht zu finden. Das Ganze wirkt eher wie eine Pflichtübung und ist damit weit von einem Meisterstück entfernt. Wer jedoch gewillt ist seine Erwartungen entsprechend herunterzuschrauben, wird durchaus Freude an „Dubbing on the Bay“ haben. 

Bewertung: 2.5 von 5.
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Review

Papa Dee: Sir Pinkerton Investigates Another Murder in Red Hut Studio

Ah… wunderbar! Wieder ein Dub-Counterpart zu einem Vocal-Release – wie sich’s gehört, meine ich. Eines bedingt das andere und überhaupt: One foot can’t run. Ich präsentiere also „“Sir Pinkerton Investigates Another Murder in Red Hut Studio“ (Red Hut Studios) – das Dub-Album zu Papa Dee’s vorjährigem, eher schlicht benannten „The Red Hut Sessions“-Release. Die Vorfreude darauf war meinerseits groß, gab es doch schon einmal von Papa Dee eine sehr schöne Vocal/Dub-Kombination, die zwar eine etwas schräge Erscheinungshistorie hat, aber auf ganzer Linie überzeugte: „Papa Dee Meets the Jamaican Giants“ und „Papa Dee Meets the Jamaican Giants vs. Internal Dread: In Dub“.

Mit den „Jamaican Giants“ ist es diesmal nichts geworden; „Sir Pinkerton“ ist schwedischer als schwedisch (wie Wasa Knäckebrot möchte ich fast sagen, aber das haben sich längst schon die Barilla-Nudelkocher einverleibt). Zur Erklärung: Papa Dee ist Schwede, die Musiker sind Schweden; Studio, Aufnahme, Mix, Mastering: alles in Schweden, durch Schweden & von Schweden. Was soll ich sagen: Europe rules, zumindest was klassischen (Roots-)Reggae und Dub betrifft. Die werden hier seit geraumer Zeit sehr gut, mit Liebe zum Detail und mit viel Respekt vor den ganz Großen gemacht. Kein Wunder, dass für uns so manche europäische Produktion jamaikanischer als der dortige Output klingt.

Zurück zu Papa Dee und seinem Dub-Release: Das große, nicht ganz unwitzige, in Variationen schon öfter untergekommene Thema sind hier Mordfälle, in denen die berühmte „Pinkerton National Detective Angency“ Ermittlungen durchführt – und zwar durch Begründer Sir Pinkerton höchstpersönlich. Was das mit der Musik zu tun hat? Rein gar nichts; Titel wie „Serial Killing“ oder „Pure Murder Dub“ sind wohl irgendwie auch als Anleihe an jamaikanische Vorbilder zu verstehen. 

Schlußendlich kann man über „Sir Pinkerton investigates…“ (die Albumtitel-Länge ist wirklich Marketing-feindlich) viel Gutes sagen: Schöne, handgeklöppelte Riddims, feiner Klang und ein gelungener, klassischer Dub-Mix, der der Echo-Schleife durchaus schon mal ordentlich Zeit einräumt – King Tubby lässt grüßen! Einzig störend der eine Rocksteady- (oder doch Ska?) Track, was allerdings mehr oder weniger einer persönlichen Abneigung geschuldet ist. Raus mit dem Teil aus der Playlist und alles ist wieder gut & empfehlenswert.

Bewertung: 4 von 5.

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Review Zweite Meinung

Mato: Scary Dub

Was mussten meine trüben Augen sehen? Hat da nicht letztens Kollege Wynands das neue Album von Mato mäklerisch mit läppischen 3 Sternen abgespeist und damit wahrscheinlich nicht nur bei mir Schnappatmung ausgelöst? Diesen wunderbaren, neuen Release „Scary Dub“ (Styx Records) vom französischen Wunderwuzzi Thomas Blanchot, der unter seinem Pseudonym Mato 1A-Reggae, -Dub, -Hip Hop und diverse Remixes produziert? Also dem Mann, der sich 2014 mit seiner Dub-Version von Daft Punk’s „Homework“ ins kollektive Dub-Gedächtnis eingebrannt hat? Ja, werte Leser*innen… ich kann Eure Empörung ob dieses unglaublichen Fehlurteils sehr gut nachvollziehen! Ich geb‘ mal spontan eine Runde Riechsalz oder Baldriantropfen (je nach Bedarf) aus für alle deren Blutdruck ob des Schrecks verrückt spielt.

Eine Schockstarre später muss man wohl anmerken, dass Mato’s Dub eigentlich nichts für die original Dubheads ist. Da stellt sich nicht der wohlige Dub-Rausch ein – Ihr kennt das: Wenn die Knie weich werden und leicht einknicken; wenn der Kopf unwillkürlich im Rhythmus zu nicken beginnt und die akustische Welt aus einer hypnotischen, endlos-repitativen Bassline und schleppend-schweren Schlägen auf die Drums besteht – und noch dazu mit Echo & Hall & sonstigem Effekt-Arsenal ins psychodelische Traumland führt, wo Zeit dann nur noch aus Langsamkeit besteht. Also so fühlt sich’s jedenfalls bei mir an – gebt Bescheid, wenn Ihr da eher medizinischen Handlungsbedarf vermutet.

Nein, Mato ist eher Konzeptkünstler, Geschichtenerzähler, Comic-Zeichner, der 2 bis 3-Minuten-Stories in akustische Kleinode umsetzt. Oder sich auch schon mal der klassischen Musik oder der Filmmusik zuwendet, und das alles perfekt produziert & abgemischt – natürlich nicht für’s große Dance-Soundsystem, sondern für die gepflegte Heim-Anlage. Da findet noch nicht mal der sonst pingelig-kritische Rezensent etwas zu bemängeln, was schon mal eine Sensation für sich ist. Wie auch immer, Mato hat sich in seiner neuen Arbeit wieder mit der Filmmusik auseinandergesetzt; diesmal etwas enger gefasst mit dem Horror Movie-Genre. Da ist quasi alles vertreten was Rang & Namen hat – von Dracula, Frankenstein über Freddy Krueger und Michael Myers bin hin zu Fox Mulder und Dana Scully; wir wollen auch den weißen Hai und das Ding aus dem Sumpf nicht vergessen. Ein Album voller „Scary Dubs“ eben.

Jeder Track ist ein Comic für sich; die Film-Melodien sofort wiedererkennbar, die passenden Soundeffekte sensationell: Eine unheimliche Orgel, kreischende Frauen, Christopher Lee’s Stimme – „I am Dracula“ ist beste Dub-Unterhaltung:

Oder wie wär’s mit der Dub-Version vom „Jaws“-Theme, sprich dem „Weißen Hai“? Die langsam anschwellenden, dann nervösen, panik-verbreitenden Streicher… die Erinnerung an die späten 70er Jahre ist sofort wieder da:

Einen hab‘ ich noch: Michael Myers goes Reggae im „Halloween Dub“… uh… scaaary!!!

Mato macht diesmal also Musik für die SciFi/Horror/Splatter-Movie-Fans und natürlich auch für das Kind in den Dubheads. Es ist lockere Unterhaltung, leichte Kost, bestens präsentiert… und ich liebe es. Ich schmeiss‘ mich tatsächlich noch jedesmal weg, wenn ich den „Jaws Dub“ höre – und das Album läuft derzeit in Endlosschleife!

Das ergibt insgesamt locker 4 Sterne, Kollege Wynands… ach was, ich leg‘ noch einen halben Stern drauf: Es läuft gerade Akte X in Dub – „Die Wahrheit ist irgendwo da draussen“. Sooo scaaary!!!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Ancient Mountain: Ghetto Dub Vol. 2

Allein schon ein Albumtitel wie „Ghetto Dub“ lässt auf ein veritables One Drop-Bassmonster aus den tiefsten 1970ern, Marke „Blackheart Man“, hoffen. Wenn als Artist dann auch noch ein majestätisch-ehrwürdiges „Ancient Mountain“ angeführt wird, steigt die Erwartung ins Unermessliche: So ein Album hat keine andere Wahl als entweder fetzgeil oder grottenschlecht zu sein; dazwischen gibt’s Null Spielraum. Aber wie das nun mal ist mit vorgefassten Meinungen: Sie halten der Realität nicht stand. Und so staunt der Rezensent nicht schlecht, als er entdeckt, dass es sich hier um eine deutsche Produktion handelt. Eine ausgiebige Recherche und ein Interview später ist die Welt wieder in Ordnung und das Album in Perspektive gesetzt. Also mit Kopfsprung rein in die Materie und her mit den Hardcore-Facts:

Ancient Mountain ist Label, Studio und musikalisches Projekt von Martin Musch und Markus Dassmann. Während letzterer als Multiinstrumentalist Bass, Gitarre, Piano, Orgel und Melodica einspielt, steuert Musch Schlagzeug und Mix bei und ist damit im wahrsten Sinn des Wortes tonangebend. Für alle, die Linernotes lesen, ist der Drummer kein Unbekannter – mit Uwe Banton’s Movements, der Sharp Axe Band oder Irie Miah’s Massive Vibes ist er längst fixer Teil der deutschen Reggae-Szene; über Markus Dassmann von den Senior Allstars braucht man wohl kein Wort mehr zu verlieren.

Ghetto Dub Vol. 2“ (Ancient Mountain Records) ist nicht die erste Zusammenarbeit der beiden; auf dem 2020 erschienen De Soto-Album „Silverado Days“ hatte Dassmann den Lead und setzte seine musikalischen Vorstellungen um. Das wird im direkten Hörvergleich offensichtlich: „Silverado Days“ könnte durchaus als zugänglicheres Senior Allstars-Album durchgehen; zwar bei weitem nicht so kopflastig, aber vom Mix her ein typischer Altherren-Release: flacher als flach. „Das sind nahezu 15 Jahre alte Homestudio-Aufnahmen, die Markus im Alleingang fertig eingespielt und gemischt hat – ich habe lediglich die Drums beigesteuert“, erklärt Musch. „Für die Ancient Mountain-Aufnahmen hingegen nutzen wir ein professionelles Analog-Studio, wo noch eine Hammondorgel mit Leslie-Speaker steht; es gibt ein Klavier, ein Wurlitzer E-Piano, eine Riesenauswahl an alten (Röhren-)Mikros und die entsprechende Technik dazu.“ Danach geht‘s mit den Old School-Aufnahmen ins eigene Ancient Mountain Studio, wo Musch die Sachen „hybrid“, sprich mit Hilfe von ausgesuchten analogen EQ’s und Kompressoren, Federhall und einem kleinen Pult abmischt. 

Ghetto Dub Vol. 2 und sein (derzeit nur auf Bandcamp erhältlicher) Vorgänger Vol. 1 sind – entgegen der vom Titel herrührenden Erwartungen – von der klassischen Idee der B-Sides und Versions beseelt. „Als „Ghetto Dub“ bezeichnen wir eine Spielart des Reggae – den klassisch hart gespielten und reduzierten Channel One-Sound in Moll, wie ihn die Revolutionaries oder die Roots Radics zu ihrer Blütezeit Ende der 1970er bis Anfang der 80er gepflegt haben.“ Davon ab gesehen, so Musch, bedeute „Ghetto“ fernab vom soziokulturellen Kontext natürlich auch einen Raum beschränkter Möglichkeiten und Improvisation. Soll heißen: Keiner der Tracks wurde mit der Absicht eines Album-Releases aufgenommen. Es ist vielmehr die klassische Resteverwertung – aus einem Sammelsurium an musikalischen Ideen, dass sich im Laufe der Zeit angesammelt hat und zu Schade zum Wegwerfen war; von musikalischen Bruchstücken, die anderswo doch nicht veröffentlicht wurden und übrig blieben. Das tut der Qualität des Materials allerdings keinen Abbruch: „Was bei Ancient Mountain letztlich zählt, sind gute Songs und ein spezieller Analogsound.“

Die Übung ist durchaus gelungen: „Ghetto Dub Vol. 2“ glänzt zwar nicht mit rauschenden Dub-Effekten – dafür sind die simplen und damit umso eingängigeren Basslines bestes klassisches Reggae-Handwerk. Martin Musch gibt dazu kongenial seinen besten Sly Dunbar: „Wir können unseren musikalischen Background nun mal nicht verleugnen: Channel One, Sly & Robbie, die Roots Radics usw. sind musikalischen Riesen, die diesen einzigartigen Sound geschaffen haben und den wir zu reproduzieren versuchen.“

Keine Frage, originäre Sounds und qualitativ hochwertiger Klang sind Musch persönlich wichtiger als flashige Effekte: „Wir nutzen ausschließlich akustische Instrumente. Ein Flügel, der mit zwei Kondensatormikrofonen abgenommen wird, klingt eben immer noch anders als die beste Emulation.“ Gerade bei den Drums, die Musch überwiegend ohne Clicktrack eingespielt hat, kommt die analoge Aufnahmetechnik den Hörgewohnheiten sehr entgegen. „Mit meinem Hintergrund als Schlagzeuger versuche ich einen spannenden Kontrast zwischen weichen Sounds und perkussiven Elementen zu schaffen. Viel Sound kommt natürlich auch aus den Fingern, sprich der langjährigen Erfahrung. Ohne einen versierten Universalmusikern wie Markus Dassmann würde Ancient Mountain sicher anders klingen.“ 

Also Routine und Können versus kreativem Wagemut? Nun ja, mit „Ghetto Dub Vol. 2“ wird sicher nicht King Tubby‘s Wiederauferstehung abgefeiert – dafür setzten Musch und Dassmann auf kleine Bass-Juwelen und den klassischen, aber heute um Welten besser klingenden analogen Sound: Channel One Deluxe, sozusagen. Allein zwei mediokre Ausflüge ins Funkige stören den Album-Flow und mindern den positiven Gesamteindruck – ohne sie wäre das Album wahrscheinlich die in sich stimmigste Resteverwertung ever.

Bewertung: 4 von 5.
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Zion I Kings: Zion Ites Dub Vol. 4

Das Produzenten-Konglomerat Zion I Kings sollte mittlerweile keine unbekannte Größe mehr sein, vereint es doch das Beste der Häuser Zion High Productions, Lustre Kings und I Grade. Alle drei verbindet man mit Reggae aus den US-Virgin Islands, und dort in erster Linie mit den Produktionen für Vaughn Benjamin bzw. seinen Midnite- und Akae Beka-Inkarnationen. Das Ergebnis waren mitunter sehr feine Alben wie „Infinite Quality“ / „Infinite Dub“ (Lustre Kings Productions), „Livicated“ (Zion High Productions) oder die superbe Alben-Trilogie „Beauty for Ashes„, „Ride Tru“ und „Portals“ (I Grade Productions).

Obwohl unmittelbar hintereinander erschienen, waren die letztgenannten I Grade-Alben freilich niemals als Triplett konzipiert. Und doch verbinden sie nicht nur exzellente Produktion, erstklassiger Sound und für Vaughn Benjamin-Verhältnisse geradezu hitverdächtige Hooklines; es ist auch Style Scott’s unverkennbares Schlagzeug, das die meisten dieser Tracks immens aufwertet. Es war vermutlich eine seiner letzten und, wie ich meine, besten Sessions. So gut, dass sich die Zion I Kings aus traurigem Anlass zusammenfanden und aus diesen Aufnahmen ein Dub-Tribute abmischten: „Dub in Style – A Zion I Kings Tribute to Style Scott„.

Und so ist der Dub-Gigant entstanden, an dem sich alle nachfolgenden Zion I Kings-Dub Releases zu messen hatten. Mittlerweile sind wir bei „Zion Ites Dub – Zion I Kings Dub Vol. 4“ (Zion High Productions) angekommen, und ich gebe unumwunden zu: Ohne Style Scott ist das Ganze nur die Hälfte wert, verdient aber durchaus das Prädikat ‚Gelungen‘. Es mag sich diesmal zwar partout keine Bassline in der Hörschnecke einnisten; der eine oder andere gelungene Bläsersatz scheint dafür aber durchaus geeignet zu sein. An der Produktion selbst ist, typisch Zion I Kings, wenig aussetzen – vom zeitlosen, auf Echo und Hall konzentrierten Dub-Mix unter Verzicht auf weiteren soundtechnischen Schnickschnack bis hin zum Dynamik-konservierenden Mixdown waren altgediente Profis am Werk. Einzig die Kick-Drum kommt ein wenig dumpf daher, macht sich so aber erstaunlich gut in den mitunter meditativ angelegten Klanglandschaften:

Hier scheint auch die zugegebenermaßen etwas seltsame Stärke des Albums zu liegen: Obwohl abwechslungsreich, hat sich selbst nach oftmaligem Hören kein Track als Favorit herauskristallisiert. „Zion Ites Dub“ scheint so eine akustische Reise durch eine weite Ebene zu sein, die von vorn anfängt, sobald sie zu Ende ist. Dafür könnte man natürlich den gedrückten „Repeat“-Button verantwortlich machen – aber ich habe kein Bedürfnis, das zu ändern.

Bewertung: 4 von 5.

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Haze St. Dub: A New Beginning

Es ist eine der Veröffentlichungen, über die man zufällig stolpert. Man hört kurz rein, etwas lässt aufhorchen. Noch kann man nicht sagen was, aber wiederholtes Hören legt Schicht um Schicht frei und letztlich eröffnet sich etwas Interessantes, Spezielles, Schönes. Etwas, das den Rezensenten zur Recherche herausfordert. Was er schlussendlich findet ist das Debut eines (vermeintlich) unbekannten Künstlers, von dem er mehr wissen möchte und mit dem er Kontakt aufnimmt. Es ist Andrew Stoch aka Drew Keys, der unter dem Pseudonym Haze St. Dub das Album „A New Beginning“ (Haze St. Studios) herausgebracht hat. Drew ist begeistert von der Idee, Teile eines Interviews in eine dubblog.de-Rezension einfließen zu lassen. Ich maile ihm am 12. Dezember 2020 die Fragen dafür – „… lass Dir Zeit und beantworte nur die, die Du interessant findest“.

Und hier sind wir nun – mit einem feinen Album, oder besser gesagt: einer feinen 7-Track EP, die bis auf den Track „Nebula“ wie aus einem Guss wirkt. Sicher, das sind Dub-Tracks, aber nicht von der althergebrachten Sorte: Die Arrangements und Instrumentierung sind dafür einen Tacken zu einfallsreich und erinnern, auch vom nicht sonderlich bass-lastigen Mixdown her, an Rock/Pop-Instrumentals im Reggae-Gewand. Das ist keineswegs despektierlich gemeint, zumal da offenkundig versierte Musiker*innen am Werk sind. Drew Keys selbst fährt Keyboard-Sounds auf, die man bislang selten oder gar nicht im Genre gehört hat; sie klingen zeitgemäß, angesagt und könnten genauso auf einem in den Billboard-Charts gelisteten Track auftauchen. Ähnliches könnte man von seinem Dub-Mix sagen – klassisch Echo und Hall: ja, aber da sind auch Effekte, die man eher einem Club-Remix zuordnen würde. Contemporary Dub? Nein, das wäre übertrieben; es ist vielmehr eine interessante Mixtur aus musikalischem Können, Klangfarben und unüblichen Effekten. Ist das noch Dub oder sind es schon Instrumentals? Manche Fragen stellen sich im Nachhinein als völlig unwichtig heraus. Es ist jedenfalls ein Album, dass den engen Horizont des klassischen Dubs etwas weiter nach hinten rückt. 

Drew Keys selbst ist versierter und gefragter Keyboarder und Posaunist; er arbeitet mit Shaggy, Arkaingelle, den Zion-I-Kings rund um Tippy Laurent, den Common Kings und vielen mehr auf der Bühne und im Studio. „A New Beginning“ ist sein Debut unter eigenem Label, aufgenommen im eigenen Studio und ein wichtiger Teil seines musikalischen Vermächtnisses. Er ist am 18. Dezember 2020 verstorben. 

Live Dub by Haze St Dub aka Drew Keys.

Bewertung: 4 von 5.