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Dub Vallila – Katakom Beat

Spoileralarm: 4,5 Sterne für ein sehr schönes, groovendes, Dub-geschwängertes Instrumental-Album, das sich seinen eigenen Weg zu uns gebannt hat aus – man lese und staune: aus Helsinki / Finnland. Warum auch nicht; Talente sind überall zu finden. Hier haben wir’s allerdings mit einer Anhäufung davon zu tun; Band und Dub Mixer ergänzen sich idealst:

Die Band nennt sich Dub Vallila und „Katakom Beat“ (Playground Music Oy) ihr gelungenes Debut-Album. Die Besetzung so simpel wie effektvoll: Klassischer Reggae-Hornsatz trifft auf ebensolche Band; allein der Einsatz einer Hang-Drum fällt etwas aus der Reihe. Aber warum nicht; die Hang wird in den feinen Arrangements ebenso passend wie unaufdringlich eingesetzt. Das Ganze funktioniert auch live sehr schön:

Letztlich gilt es noch, den Dub-Mixer vor den Vorhang zu zerren – ein gewisser Micho Dread, der den kongenialen Partner am Mixingboard gibt: Sehr schöne klassische wie moderne Effekte, die punktgenau passen aber niemals die Hauptrolle übernehmen. Wer seinen Stil mag, findet mehr davon auf „Dub by Studiored„.

Und das alles aus Finnland, wer hätte das gedacht. Man könnte jetzt spitzfindig sein und sich einen etwas wärmeren overall-Sound wünschen; aber der Rezensent will überraschenderweise mal nicht kleinlich sein und sich einfach nur an den Basslines, Bläsersätzen und Dub-Effekten erfreuen. Wird wohl sein Sommer-Soundtrack 2022!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Christos DC: Crisis 2.0 in Dub

Wo „I Grade“ drauf steht, ist Qualität drin – keine Frage: Bester Sound, Marke „sophisticated“. Siehe dazu die Rezension vom kürzlich erschienen Zion I Kings-Album „Future Oceans Echo„, das in erster Linie vom Konzept und nun ja, in zweiter Linie von den Riddims und den Effekten lebt. Wenn aber ersteres fehlt und zweites auch nicht das Gelbe vom Ei ist, dann hört sich das so an wie Christos DC’s neuer Dub Counterpart zu seinem „Crisis 2.0“ Album, das sich, no-na, „Crisis 2.0 in Dub“ (Honest Music) nennt – beides abgemischt von Laurent Alfred aka I Grade.

Um’s kurz zu machen: Hier steht „sophisticated“ für gepflegte Langeweile. Die Riddims plätschern ohne Spannungsbogen gepflegt dahin; es will sich mangels prägnanter Basslines kein Wiedererkennungswert einstellen. Selbes gilt für den Mix: Obwohl da nicht mit Effekten gegeizt wird, mag’s nicht recht zünden. Im Klangbild scheint alles mehr oder weniger gleich laut/leise zu sein, mutige Ausblendungen fehlen, akustische Gleichförmigkeit regiert, weniger wäre mehr. Eine Enttäuschung, da ist man von I Grade bessere Dubs gewohnt. Im Vergleich dazu schneidet das Vokal-Album „Crisis 2.0“ besser ab: Es ist Christos DC’s Stimme, die das Ganze zusammenhält und Orientierung bietet.

Das obige Beispiel mag nicht die eingängigste Melodieführung demonstrieren, ist aber, hands down, der beste Riddim des Albums. Und so kommt es letztlich, dass ich im vorliegendem Fall tatsächlich die Vokal-Tracks der Dub-Variante vorziehe, zumal auch dort Sound-Spielereien eingearbeitet wurden. Was zeigt: Manchmal hat man das Beste bereits abgeliefert und es Bedarf keiner weiteren Bearbeitung – und ja, man kann’s auch übertreiben mit der Perfektion.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Dubmatix Meets Future Dub Orchestra: Frontline Dub

Es war einmal das Future Dub Orchestra – ein loses Musiker-Kollektiv rund um den Briten J.T. Clarke – dass das ziemlich belanglose, vor sich hin dudelnde Album „Echoes“ veröffentlicht hat: Geeignet bestenfalls für Lounges, schlechtesten Falls für’n Aufzug, der hippe Scouts zum nächsten hitverdächtigen Startup katapultiert. Das war 2017; flashforward to 2022 und der genialen Idee, das Future Dub Orchestra mit Herrn Dubmatix zusammenzuspannen. Das macht was her, wie man auf dem eben veröffentlichten „Frontline Dub“ (Echo Beach) nachhören kann.

Beide Beteiligten profitieren vom neuen Album: Das Orchestra kriegt dank Dubmatix den Hintern hoch und der wiederum erweitert wohltuend seinen musikalischen Horizont: eine Win-Win-Situation, sozusagen. Und tatsächlich ist „Frontline Dub“ ein kurzweiliges Werk, das aus fünf Instrumentals plus deren Dub-Versions besteht und als solches perfekt in den Echo Beach-Katalog passt: Die tanzbare, knapp am Reggae vorbei rauschende Elektro-Variante von Hall & Echo. Fans dieser Genre-Mischung – für die es eigentlich schon lange eine benamste Schublade geben sollte – werden das Album lieben, keine Frage. Und tatsächlich: So far der beste Echo Beach-Release des Jahres, wobei wir ja quasi erst Halbzeit haben…

Bewertung: 4 von 5.
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Zion I Kings: Future Oceans Echo

Die Zion I Kings – ein Verbund von Musikern und Produzenten der drei Häuser Zion High Productions, I Grade Records und Lustre Kings Productions – haben ohne große Vorankündigung ihr mittlerweile fünftes Dub-Album auf den Markt gebracht: „Future Oceans Echo“ (Galactic Soul Music). Der Titel fasst schon sehr gut zusammen, worum es bei diesem Release geht: um die Ozeane unseres Planeten und ihren Bewohnern. Das Konzept ist nicht neu und auch im Reggae/Dub-Genre zu finden – etwa Sly & Robbie’s „Underwater Dub„, bei dem Producer Blackwood die Tracks durchgehend mit Unterwasser-Geräuschen auffettet – so stringent wie die Zion I Kings hat das allerdings noch kein Act durchgezogen. Dem entsprechend geht man hier auch noch einen Schritt weiter: Ein Teil der Erlöse aus Streaming-Diensten werden für den Erhalt der Korallenriffe in St. Croix (US Virgin Islands) gespendet, wo die Zion I Kings den Großteil ihrer Tracks aufnehmen. Im Dienst der Sache auch das Promo-Video zu „Red Gold & Green Dubmarine“:

Die Zion I Kings stehen heute für Qualität – wunderbare, handgefertigte Riddims, versehen mit feinen Basslines und einem ausgewogenen Sound, an dem es nichts zu mäkeln gibt. Allein die Dub-Effekte – die zwar vielfältig, zeitgemäß und großzügig gestreut eingesetzt werden – verabsäumen es, einen Spannungsbogen auszubauen, eine akustische Geschichte zu erzählen. Das ist freilich mosern auf höchstem Niveau, denn was unter dem Strich bleibt ist immer noch ein sehr gutes Dub-Album, das vorbehaltlos empfohlen werden kann.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub Boat: Dub Boat

Man möge mir verzeihen, dass diese Rezension ein Album featured, das bereits 2020 erschienen ist. Ich selbst bin erst kürzlich darüber gestolpert und fasziniert davon; es ist von atemberaubender musikalischer Brillanz, bietet herrlich weitläufige, durchgängig anspruchsvolle Arrangements und 1A Klangqualität. Ich sag’s offen heraus: Dub Boat, ein Quintett von der amerikanischen Ost-Küste, klingen mitunter wie ein Symphonieorchester – jeder Ton auf Ihrem titellosen, im Eigenverlag erschienenen Debuts zeugt von virtuosem Können – das gilt auch für die Arbeit des/der involvierten Tontechniker. Wohlgemerkt: Wir befinden uns immer noch im Reggae-Genre, und dort nahe am Dub-Bereich. Okay, wir wollen’s mal Instrumentals nennen:

An so einem Werk kann man sich natürlich herrlich aufreiben – denn mit den so vertrauten, schweren Riddims jamaikanischer Provenienz hat das Ganze herzlich wenig zu tun. Wer hier nach diesem typischen erdigem Vibe sucht, der auf Blut, Schweiß und Tränen aufgebaut scheint, wird ihn nicht finden. Es ist Reggae, wie er von Reggae nicht weiter entfernt sein könnte. Freilich lässt sich der  Bass auf ein paar wiederholende Notenfolgen ein – aber nur, um daraus wieder auszubrechen und den ausgefeilten Arrangements zu folgen. Drums, Gitarre, Keys und Trompete/Flügelhorn stehen dem in nichts nach und produzieren zusammen… ja, was eigentlich? Reggae goes Jazz-Rock-Funk’n‘Soul goes Tamtam? Reggae als Stadienrock oder Symphoniker-Freiluftkonzert? Chris Blackwell meets Jim Steinman meets Clive Hunt? Fahrstuhlmusik oder atemberaubende Darbietung?

Ich schlage vor, sich Zeit zu nehmen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Es gibt viel zu entdecken, unvorhergesehene musikalische Überraschungen und den einen oder anderen Dub-Effekt. Assoziationen und Einordnung fallen schwer – würden Dub Spencer & Trance Hill so klingen, wären sie Amerikaner und hauptberuflich mit dem Einspielen von Hollywood-Soundtracks beschäftigt? Oder vielleicht Marcus Urani’s Groundation sans Harrison Stafford, einmal frisch gestärkt und glattgebügelt?

Ein Album – oder besser gesagt: Eine Rezension, die mehr Fragen aufwirft als dass sie Antworten gibt. Ich rate wie immer zur Auseinandersetzung mit solchen Erscheinungen vom Rande des Reggae-Universums – es könnte sich lohnen.

Bewertung: 4 von 5.
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Super Natural Sound: Dub Tapes Volume 1

Manchmal erscheinen sie ganz einfach so – ohne Ankündigung, ohne Vorwarnung. Alben unbekannter Acts mit für das Reggae-Genre eher unüblicher Cover-Artwork; der Rezensent ist leider geneigt, solche Teile im Streaming-Universum ungehört vorbei ziehen zu lassen. Das sollte man freilich niemals machen, wie ich an Super Natural Sound’s „Dub Tapes Volume 1“ (Super Natural Sound) demonstrieren kann.

Erster Gedanke: woah… Lee Perry’s Black Ark-Studio? Schon der erste Track macht klar wo’s langgeht: Ehrliche, handgemachte Musik, versehen mit Instrumenten wie anno dunnemal. Dass das so weit geht, dass noch Tapes, entsprechende Aufnahmemaschinen und diverse Sound Gadgets wie selbstgebaute Sirenen verwendet werden, erfahre ich erst später im Austausch mit Aaron Sprague, dem Mann hinter Super Natural Sound. 

„ Lee Scratch Perry hat meine Herangehensweise, im traditionellen Stil auf Band mit analogem Equipment zu arbeiten, stark beeinflusst. Meine erste Veröffentlichung war eigentlich ein Track, den ich 2020 mit Lee Perry geschrieben und produziert habe. Als Bassist der New Yorker Roots-Reggae-Band „Mosaic Foundation“ spielte ich damals eine Show mit Perry und hatte das Glück, mit ihm gemeinsam den Song „Garvey Say“ aufnehmen zu können. Ich bin so sehr von Lee’s Stil, dem Black Ark-Sound und seiner spirituellen Herangehensweise beeinflusst worden, dass ich versuche, diese analoge Dub-Tradition weiter am Leben zu erhalten.“

Aaron‘s vorliegendes Debut „Dub Tapes Volume 1“ unter dem Moniker Super Natural Sound ist eine Sammlung von Dubs, die im vergangenen Jahr entstanden sind. Entgegen der ursprünglichen Absicht, zeitlose Musik zu machen, sind die Instrumental-Aufnahmen mit eher spärlich gesäten Dub-Effekten gänzlich im Sound der 70er Jahre verwurzelt. Mitstreiter sind hier Ranking Joe mit dem einzigen Vocal-Track und ein wunderbares Melodica- und Bongo-Duo aus Japan: Aki Mittoo und Goja Bongos. Mittoo’s wohlklingende Melodica unterscheidet sich stark von der Melodieführung und Spielweise eines Addis Pablo oder eines Art-X; wunderbar im Mix eingebettet wirkt das Instrument niemals aufdringlich. 

Dazu kommen noch zwei Schlagzeuger aus Los Angeles und Israel, wobei letzterer für eine extra Portion Punch sorgt und die Aufnahmen leicht in Richtung 1980er hievt. Den Rest der Instrumentierung erledigt Sprague selbst und vervollständigt damit eine Mischung aus vielen Kulturen und Stilen, die „durch die Liebe zum Reggae“ zusammengebracht wurde, wie er selbst sagt.

„Dub Tapes Volume 1“ soll nur das erste von vielen weiteren Alben von Super Natural Sound sein; auf die Veröffentlichung warten bereits fertig eingespielte Vokal-Tracks, die diverse Sängerinnen präsentieren werden. „Die Arbeit mit den unterschiedlichen Musikern treibt mich an und lässt mich immer Neues erschaffen.“, so Aaron Sprague. „Ich sorge dafür, dass die Musik von Super Natural Sound positiv, voller Liebe und guter Stimmung ist. Die analoge Aufnahmetechnik ist hier hilfreich und hilft, diese Vibes bestmöglich zu erhalten. Schliesslich ist Musik Medizin, und ich unterstütze den heilenden Effekt auch durch Klänge, für die ich eigene Instrumente baue. Mein gesamtes Equipment, das älter ist als ich – aus den 60er, 70er und 80er Jahren – spielt dabei eine große Rolle. Ich liebe den Sound von damals und will ihn mit meiner Arbeit verbreiten; ich will aber vor allem Musik machen, die ich selbst hören möchte. Die „Dub Tapes Volume 1“ sind dabei lediglich der Anfang – das Super Natural Sound-Studio hat noch so einiges in petto.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen; der Mann weiß was er tut und was er damit bezwecken will. Respekt für die handgemachte Musik nach alter Rezeptur und auch dafür, dass er das Ganze nicht allein als Ego-Trip durchzieht – ganz im Gegenteil: New York trifft Japan trifft Kalifornien trifft Israel, und trotzdem klingt’s wie aus einem Guss. LSP lebt weiter – in allen Musikern, die er inspiriert hat. „Dub Tapes Volume 1“ zeugt davon.

Bewertung: 4 von 5.
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Seanie T meets Aldubb: Armagideon Time (Remixes)

Nach einer „Punky Reggae Party“ kommt oft das böse Erwachen: „Armagideon Time (Remixes)“ (Echo Beach) ist laut Cover eine weitere Zusammenarbeit von Seanie T und Aldubb. Das kann nur gut werden, freut sich der Rezensent – bis er entdeckt, dass auch hier wieder Rob Smith bei einigen Tracks seine eiskalten Finger im Spiel hat. Tja… wo Licht, da Schatten.

Wie „Punky Reggae Party“ war Seanie T’s Version von „Armagideon Time“ erstmals auf Lee Groves „Dance a Dub“ zu hören; jetzt gibt’s die Neuaufnahme des Studio One/Willie Williams-Klassiker auf dem Real Rock-Riddim als Remix-Album. Aldubb liefert fünf wunderbare gemixte Versionen ab – darunter drei Dubs und den Vokal-Track, auf dem Seanie T brillieren kann. Das Ganze mit exzellentem Band-Backing, das dem Original sehr nahe kommt – inklusive dem typischen Snare-Roll und der prominenten Real Rock-Posaune:

Das Album macht also Freude, bis ab Track 6 Rob Smith aka RSD zuschlägt: Schon die ersten grell-nervenden Kindergarten-Keyboards, die steril-staccato-artige Synth-Bassline und das Flying Cymbal offenbaren das ganze Dilemma. Wo der Computer regiert, vertschüsst sich der Vibe (auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel). Da fragt man sich schon, warum das Echo Beach-Label immer wieder auf Rob Smith zurückgreift, wenn es etwas in Richtung Dance gehen soll. Sein Stil ist noch nicht mal mehr up-to-date, das können andere besser und zeitgemäßer, siehe Lee Groves & Konsorten. Mehr ist dazu auch nicht mehr zu sagen:

Wie bewertet man also dieses Remix-Album? Aldubb und Seanie T schrammen knapp an fünf Sternen vorbei, Rob Smith „war stets bemüht“. Macht summa summarum… 

Bewertung: 3 von 5.
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Seanie T / Aldubb / Rob Smith: Punky Reggae Party

So ein One Riddim-Album hat’s nicht leicht: Es gibt da die Besseren – etwa Ijahman Levi’s „On Track„, dessen Riddim zwar grottig ist, aber Ijahman’s Stimme und Songwriting machen dieses Manko locker wett. Oder etwa Seeed’s „Doctor’s Darling„-Riddim, der zwar unter mehr oder weniger schiefen Vocals und dem berüchtigten VP-Mastering leidet, aber der Riddim ist nun mal Killer: © Roots Radics, mit mächtig Druck neu eingespielt von Seeed. Dann gibt’s natürlich auch die Schlechteren – dafür braucht man sich nur einmal quer durch VP’s „Riddim Driven“-Katalog hören. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, siehe oben.

Wenn dann so ein Riddim-Album auch noch ausschliesslich mit Instrumentals oder Dubs bestückt ist, wird der Unterschied zwischen Gut und Schlecht noch deutlicher. Mickey Dread’s 1982’er „Jungle Signal„-Theme zur britischen TV-Doku „Deep Roots Music“ – verewigt in mehreren majestätischen Versionen auf dem gleichnamigen Album – gilt wohl als einer der besten Releases dieser Art (auch wenn dort, zugegebenermaßen, noch andere Dub-Versions zu hören sind).

Als negatives Gegengewicht nenne ich hier Adrian Donsome Hanson’s „Freedom Sound Riddim (Dub Mix)„. Der blasse, eintönige-platte Riddim bringt’s einfach nicht – auch wenn Herr Hanson meint, dass er ein 14 Track-Album wert ist. Letztlich muss das Erfolgsgeheimnis wohl ein gehaltvoller, eingängiger Riddim sein, der Schicht für Schicht neue Einblicke gewährt – beim zuvor erwähnten „Junge Signal“ funktioniert das prächtig; da braucht’s dann noch nicht mal mehr große Dub-Effekte.

Wie macht sich nun Seanie T/Aldubb/Rob Smiths‘ neuer „Punky Reggae Party (Remixes)„-Release (Echo Beach)? Bob Marley’s Originalversion wird wohl schwer zu toppen sein: Ein Killer Riddim mit mächtig Drive dahinter. Interessanterweise eine völlig untypisch klingende Lee Perry-Produktion, für die wohl eher Island Records verantwortlich ist – zumal der Track dort als B-Seite der „Jamming“- 7″ und 12″ erschienen ist. LSP’s Ur-Version mag wohl sehr anders geklungen haben:

Aber zurück zum neuen Material, zur Neuaufnahme mit Seanie T am Micro. Erstmals zu hören auf Lee Groves „Dance A Dub„-Album als flotter Dance-Groove mit mehr als überzeugenden Vocals, gefolgt von einer eher dem Island Records-Original entsprechenden Dub-Version auf dem „Dub for Fashion 1„-Sampler. Letztere stammt von Aldubb, der sie jetzt als Vocal-, Extended-, Riddim-Instrumental- und was-auch-immer-Version vorlegt. Einen guten Riddim kann man halt nicht killen, besonders wenn man wie Aldubb relativ nah am Original bleibt. Das gelingt noch nicht mal den notorischen-monotonen Arrangements von Rob Smith, der bei seinen Versionen wieder mal mit den ewig gleichen Sounds hantiert. Als Wiedergutmachung gibt’s dann noch einen Dub-Mix von Umberto Echo, der hier mit Abstand den schönsten Sound aus Aldubb’s Aufnahme heraus kitzelt:

Ob es sich bei den „Punky Reggae Party“-Remixes um Aldubb vs. Rob Smith, sprich: ein One- oder Two-Riddim-Album handelt, möge der Hörer entscheiden. Ich bleibe bei einem eindeutigen 1:0 für Aldubb’s Riddim; der Siegerpokal geht aber an Umberto Echo.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Ras Sparrow: Dub in Stone

Angesichts des zur Zeit kargen Angebots an frischen Dub-Abenteuern ist man froh, wenn ein neues, noch dazu gutes Album – oder vielmehr eine 5 Track-EP – erscheint. Ras Sparrow, ein hierzulande nicht sonderlich bekannter Venezolaner, hat sich als Sänger/Produzent/Engineer dem Roots Reggae verschrieben und bringt mit „Dub in Stone“ (Ras Sparrow Records) seinen ersten vollwertigen Dub-Release heraus. Die Promotion dazu erledigt kurzerhand ein animiertes Video zum „Atlantis Rising Dub“:

Multiinstrumentalist Ras Sparrow, auf früheren Releases hin- und hergerissen zwischen digitalen und analogen Klängen, zeichnet sich auf „Dub in Stone“ durch feine, großteils von ihm selbst live eingespielte, handgeklöppelte Roots-Riddims aus. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Bass-Drum und Rimshot harmonieren im Mix optimal und sind Grundlage für vier wunderbar dynamisch abgemischte One Drops – und einen gelungenen Steppers für die Freunde des 4-on-the-Floor:

Die klassisch gehaltenen Arrangements der 5 Tracks geben sich durchwegs gelungen: Langeweile oder die in Dubs mitunter zu befürchtende Leere haben hier keine Chance –  dafür sorgt der Einsatz von Leadinstrumenten wie einer (nicht nervenden) Melodica oder einer Gitarre. Den Rest erledigt ein grundsolider Dub-Mix – der zwar nicht der ganz große künstlerische Wurf ist, aber auch nicht – wie zuletzt leider häufiger gehört – zwanghaft einen auf King Tubby oder Scientist macht. Eine überraschend wohltuende Erfahrung auch die Kürze des Releases: Gegenüber den übersatten, mit Durchhängern, Ladenhütern und einem gewissen Gähn-Faktor ausgestatteten Abverkaufs-Monstern gibt sich die „Dub in Stone“-EP erfrischend kurzweilig und macht Lust auf mehr – ganz so wie in den guten, alten Vinyl-Zeiten. Also ab damit in die Playlist!

Bewertung: 4 von 5.
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Gregory Isaacs: Night Nurse Dub

Spoiler: „Night Nurse Dub“ (TABOU1) ist nicht der Dub-Counterpart zu Gregory Isaacs‘ bereits 40 (!) Jahre altem Meisterwerk „Night Nurse“ – selbst wenn uns das Cover des neuen Releases das auf den ersten Blick glauben machen möchte. Wär‘ ja auch eine mittlere Sensation im Reggaeland gewesen, wenn plötzlich eine Dub-Version des 1982er-Albums aufgetaucht wäre. Wir können heute nur erahnen wie es klingen würde, vermutlich aber so in etwa wie Godwin Lodge’s Extended Mix von Material Man (B-Seite der Night Nurse 10“):

Zurück zum neuen „Night Nurse Dub“: Auch hier haben wie im Original die (heutigen Restbestände der) Roots Radics alle Riddims eingespielt – nämlich ein zweites Mal im Jahr 2000, zusammen mit weiteren Tracks aus Isaacs‘ ausschweifendem Katalog. Die Absicht war ein Tribute-Album, dass sich allerdings erst einige Jahre später manifestieren sollte. Style Scott war schneller, hat sich die Bänder der Instrumentals geschnappt und 2001 auf seinem eigenen „Lion & Roots“-Label als „Style Scott & Flabba Holt: Nurse in Dub“ rausgebracht. Ich erinnere mich, dass es deswegen einigen Wirbel gab und gar von Diebstahl die Rede war. Wie auch immer, diese Bänder wurde in den On-U Sound Studios von Dub Syndicate’s live-Keyboarder und Samples-Abfeuerer Alon Adiri abgemischt – und das erschreckend lahm. Mit Dub Syndicate-Aufnahmen hatten diese Tracks herzlich wenig zu tun; Adrian Sherwood selbst war hörbar nicht involviert. Das Ergebnis war ein langweiliges, sparsam instrumentiertes und etwas leer klingendes „Dub-Album“ mit wenig wirksamen Effekten oder Samples – dafür aber mit einer störend dominanten Bass-Drum: 

Fast forward ins Jahr 2003: Das Tribute-Album ist fertig und erscheint unter dem Titel „We Sing Gregory“. Sänger wie Luciano, Don Carlos, Max Romeo, Sugar Minott, Bunny Rugs und nicht zuletzt Gregory Isaacs selbst interpretieren die Cool Ruler-Klassiker, darunter das gesamte Night Nurse-Album. Herausgekommen ist ein von Gaylord Bravo abgemischtes, etwas dumpf klingendes Album, das nicht zünden will – keineswegs überraschend, den Isaac’s Gesangsstil und Diktion sind nun mal einzigartig und bieten jeder Neuinterpretation die Stirn. 

2018 gab es einen Versuch, dieses Album digital als „We Sing Gregory (Deluxe Remix Edition)“ wiederzubeleben: Der 34-Track Megapack beinhaltet zahlreiche, von Dartanyan Winston abgemischte Discomixes plus die zuvor erschienen Gaylord Bravo-Mixes. Das hätte ein sattes Album werden können – sowohl vom Klang her als auch von der Spieldauer. Letztlich lag’s wieder am dumpfen Sound und den nicht wirklich aufregenden neuen Mixen, die zudem nicht im Einklang mit den älteren Mixes gemastert wurden. Das Teil kann man in seine Audiothek aufnehmen, einen triftigen Grund dafür gibt es allerdings nicht.

Womit wir endlich im Jahr 2022 und beim eigentlichen Gegenstand dieser Rezension angekommen sind. Es sind immer noch die Instrumental-Aufnahmen aus dem Jahr 2000 bzw. die 2003 mit Vocals versehenen Versionen, hier von Dartanyan Winston als reine Dubs abgemischt. Hat sich was gebessert? Nein, es sind immer noch diese schleppenden, dumpf klingenden Aufnahmen* – wohl besser als die öden 2001er-Mixes von Alon Adiri und durchaus mit mehr Effekten versehen, aber wenn’s nicht grooved, dann grooved’s halt nicht. Das Album hat es freilich auch nicht leicht, denn es wird immer mit dem 1982er Original verglichen werden – und an diesem Rubadub / Lovers Rock-Meilenstein kann man sich eigentlich nur die Zähne ausbeißen: Gregory Isaacs und die Roots Radics in Höchstform sind unschlagbar.

Bewertung: 2.5 von 5.

*Grundlage dieser Rezension ist der Stream von bandcamp.com, der – auch über ein gutes Sound System gehört – klanglich sehr zu wünschen übrig lässt.