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Dub Five Star

Dub Spencer & Trance Hill: Tumultus II

PINK FLOYD. Ein ganzes Album schreit Pink Floyd – und ich liebe es vom ersten bis zum letzten Track und zurück: „Tumultus II“ nennt sich der neue Release von Dub Spencer & Trance Hill, und ich bin mir gar nicht so sicher ob für ihn die Kategorien „Dub“ oder gar „Reggae“ passend sind – beide waren für die Schweizer immer schon zu eng gefasst. Die Release-Info verleiht das Prädikat „psychedelischer Dub“ – vermutlich mangels einer besseren Begrifflichkeit, und der Markt verlangt nun mal nach einer Schublade. Fest steht: Die Herren beherrschen ihre Instrumente (dazu zähle ich auch das „Instrument“ Dub) dermaßen gut, dass sie damit nicht nur simpel Musik, sondern epische Klanggemälde erschaffen können. Dazu braucht’s die Freiheit, sich nicht an übliche Musikstrukturen zu halten; sich nicht in der ewigen rhythmischen Wiederholungsschleife auszuruhen, den Klangideen Zeit und Raum zum Atmen zu geben, Konzepte nach Belieben zu erstellen oder aufzugreifen und letztlich gerade auch die Freiheit, sich keinen Deut darum zu scheren was am Markt gerade gang und gäbe ist. So entstand eine Reihe großer Alben und ein ausgezeichneter Ruf, dem selbst konzeptuelle Seltsamkeiten wie „Riding Strange Horses“ und „Christmas in Dub“ nichts anhaben konnten.

Hier also ein weiteres Konzeptalbum, dass sich mehr denn je jenseits jeglicher Dub-Gepflogenheiten bewegt und vielleicht gerade deshalb ein Meilenstein im bisherigen Oeuvre von Dub Spencer & Trance Hill ist: Tumultus II, dessen kurioses Konzept aus nichts Geringerem als dem Alltag in einem antiken römischen Legionslager besteht. Da marschieren Truppen auf, Rüstungen und Waffen klirren und scheppern, Fanfaren eröffnen den Kampf der Gladiatoren und wir hören was die alten Römer sonst noch so für Lärm drauf hatten, bevor sie mutmaßlich von Asterix & Obelix vermöbelt wurden. Das Schweizer Vindonissa Museum hat im Rahmen seiner Soundwerkstatt Tumultus all diese antiken Klänge reproduziert, aufgenommen und verbindet sie mit modernen Sounds – diesmal eben mit dem von Dub Spencer & Trance Hill.

Hausmusik: Dub Spencer & Trance Hill & die Römer (© Museum Aargau)

Das Konzept hätte auch gehörig schief gehen können – etwa in Form eines platten musikalischen Alberto Uderzo und René Goscinny-Comics. Die obgenannten Fanfaren kommen dem gefährliche nahe, aber der Rest der geschätzten Hundertschaft an Geräusch-Samples wurde verfremdet, in Loops gelegt, mit Dub-Effekten bearbeitet und perfekt in eine vom bandeigenen Keyboarder Philipp Greter tadellos produzierte musikalische Reise eingebettet, die über sämtliche Dub-Plattitüden erhaben ist. Mitunter drängt sich allerdings die Frage auf, inwieweit dem Albumkonzept Rechnung getragen wurde – zumal die manipulierte Geräuschkulisse auch losgelöst davon funktioniert und als Soundtrack für vielerlei Stories herhalten könnte. 

Musikalisch kann man „Tumultus II“ als ausschweifend im allerbesten Sinn bezeichnen: Die Herren Trance & Hill nehmen sich Zeit. Das merkt man nicht nur an der Dauer der Tracks, wo man schon mal nahezu 15 spannende Minuten lang eine musikalische Idee entwickelt und sie in den verschiedensten Klangfarben und rhythmischen Facetten darstellt. Die musikalischen Strukturen und Arrangements sind so fein verwoben, dass ich auch nach gefühlten hundert Mal Anhören nicht sicher sagen kann, wann ein Track endet und der andere beginnt – abgesehen von „Gladiator“, der mit seinem platten Fanfaren-Intro die Ausnahme darstellt. Wenn also im Beipacktext zum Album von „Kopfkino“ gesprochen wird, so kann man dem nur beipflichten: Es ist eine abenteuerliche, nahezu minutiös angelegte Reise zu unterschiedlichsten musikalischen Destinationen, die ich für mich nicht fix verorten möchte. 

Um wieder zurück zu Pink Floyd zu kommen: Sie haben viel vom hier Beschriebenen vorgelebt – freilich um Längen epischer und theatralischer, aber ich wage durchaus den Vergleich: Hervorragende Musiker, enormer Ideenreichtum, großartige Umsetzung bzw. Ausführung und exzellenter Sound da wie dort; auch mach(t)en beide Combos nur geringe Zugeständnisse an den Markt und an 03:30 Minuten Radio-Hörgewohnheiten. Das alles wird umso bemerkenswerter angesichts der Größenordnung der jeweils zur Verfügung stehenden Produktionsbudgets. Letzteres könnte sich noch als unvermutet positiv herausstellen, wenn im Gegensatz zu den soundmäßig aufgedonnerten state-of-the-art-high-tech-Hochglanz-Alben von Pink Floyd der relativ trockene und zeitlose Sound von Dub Spencer & Trance Hill einer wesentlich würdevolleren Alterung unterliegt.

Wenn „Tumultus II“ also nicht wirklich als Reggae oder Dub-Release fassbar ist, was ist es dann? Simpel eine hervorragende musikalische Arbeit, die – zur Beruhigung alles Dubheads – natürlich mit jeder Menge Dub-Effekte und laid-back Rhythmik á la One Drop aufwartet. Zugleich gibt es hier aber noch so viel mehr zu entdecken – andere Künstler würden mit all diesen Ideen vermutlich mehrere Alben auffetten. Nicht so Dub Spencer & Trance Hill, und auch deshalb beide Daumen hoch für diesen beeindruckenden Release. 

Bewertung: 5 von 5.
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Dub

The Elovaters: Defy Dub

The Elovaters – wieder eine dieser schablonenhaften West Coast-Reggae-Rock-Pop-Outfits möchte man meinen. Und in der Tat, zumindest musikalisch kommt das so ungefähr hin: Leichtfüßiger Reggae, der noch ein paar Mys mehr in Richtung elaboriertes Songwriting geht und mit etlichen Hooklines aufwarten kann. Das mag sich wie ein musikalisches Todesurteil im Dub-Universum lesen, wo Melodien geradezu vaporisiert werden und mitunter nur mehr in homöopathischen Dosen wie Geister durch den Klangraum schweben; wo die Bassline und nichts als die Bassline die Bühne bildet, auf der wir uns gerne ein multidimensionales Hörerlebnis vorgaukeln lassen. Ich warne allerdings vor vorschnellen Urteilen, die man durchaus fällen könnte, wenn man das Album „Defy Gravity“ und das Video zu Single-Auskoppelung „Meridian“ auf sich wirken lässt:

Penisprothesen, Skate- und Surfboards gibt’s also auch an der East Coast, wie die Bostoner Elovaters in ihren Promo-Videos betonen. Das scheint zu greifen und der Erfolg gibt ihnen recht: Langen und erfolgreichen Tourneen folgt die Einspielung des obgenannten Albums mit Produzent Danny Kalb, der eher für seine Arbeiten mit Beck oder Ben Harper geschätzt wird als für seine vereinzelten Reggae-Produktionen. Für die Band ist die Zusammenarbeit mit dem Produzenten-Kapazunder offenkundig ein Glücksfall; er legt den Fokus auf Melodie und Texte, straffe Arrangements und einen leicht bekömmlichen, hippen Sound. Dass der Sänger einst ein Stipendium für Operngesang hatte, merkt man vordergründig (gott-sei-dank) nicht; aber so eine Ausbildung ist zweifellos hilfreich um sich dermaßen leicht und treffsicher durch Höhen und Tiefen ausgefeilten mehrstimmigen Gesangs zu bewegen. Insgesamt ein rundes Album also, dass von der anvisierten Zielgruppe sehr gut aufgenommen wurde und die Elovaters in neue Popularitätshöhen katapultiert hat.

Und damit könnte diese Rezension schon zu Ende sein, wenn… ja wenn da nicht kürzlich der Dub-Counterpart zum Vocal-Album auf den Markt gekommen wäre: „Defy Dub“ (The Elovaters) erscheint erst satte zwei Jahre nach „Defy Gravity“ und überrascht tatsächlich mit Basslines, die im Dub-Mix ausgegraben und freigelegt wurden. Dazu braucht’s Spezialisten – das sind hier unter anderem Gaudi und Victor Rice, die dem leichtfüßigen Pop-Reggae eine gewisse Erdung verleihen. Den Vogel schießt aber ein gewisser E.N Young ab, der in seine Dub-Mixes aktuelle und angesagte Soundeffekte einbringt – so packt er die Vocals schon mal in die muffige Box um ihre Echos anschließend von den Hochtönern zerschneiden zu lassen. Den Jungen sollte man im Auge behalten – als Dub-Mixer, wohlgemerkt; seine eigenen Versuche als Interpret im Reggae-Genre sind noch… nun ja, entwicklungsfähig.

Insgesamt sechs Dub Mixer gestalten „Defy Dub“ abwechslungsreich und verpassen so dem Vocal-Album ein 2020er-Update – wobei die junge Generation eindeutig den Ton angibt und Haudegen wie Gaudi und Victor Rice etwas hinter sich lässt. Das Gesamtresultat ist frisch, eingängig und beißt sich im Rezensenten-Ohr fest – das mag am außergewöhnlichen Sommer 2020 liegen, an der unerfüllten Sehnsucht nach Sonne, Meer und lauen Abenden am Strand; vielleicht auch am Wunsch nach Leichtigkeit in fordernden Zeiten. Wer hätte gedacht, dass der Soundtrack dazu ausgerechnet ein Dub-Album sein könnte…

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub

Gaudi: 100 Years of Theremin – The Dub Chapter

Wer die Melodica für das nervigsten Instrument hält, das je in Reggae und Dub seinen Einzug gehalten hat, sei eines Besseren belehrt: Es geht noch einige Stockwerke tiefer, werte Freunde des gepflegten Dubs.

Womit ich das Theremin vor den Vorhang bitte. Als Musikinstrument ein Kuriosum, treibt es mittlerweile bereits seit 100 Jahren sein Unwesen. Es gilt als einziges Instrument, dass völlig berührungsfrei gespielt wird; die oberen Extremitäten steuern Tonhöhe und Lautstärke einzig und allein durch luftige Bewegungen im Spannungsfeld zweier Elektroden. Die daraus resultierenden Veränderungen im elektrischen Feld werden verstärkt und als Ton wiedergegeben. So steht’s im Wikipedia, dass für Interessierte weitaus mehr einschlägige Infos zum Thema Theremin bereit hält. 

Dieses vermutlich erste elektronische Instrument zeichnete sich vor allem durch seine Wiedergabemöglichkeiten aus – Glissando und Vibrato waren vor Erfindung des Theremins in dieser Form nicht möglich. Heute erledigt das Modulationsrad an den Keys diese Aufgabe mit links (im wahrsten Sinne des Wortes); es besteht also kein Bedarf das Teil ins Studio oder auf die Bühne zu hieven. Oder doch? Nun ja, es ist schon ein cooles Retro-Erlebnis einen Theremin-Spieler in Aktion zu sehen; die Klänge erinnern spontan an die Soundeffekte von Science Fiction-Trash Movies der 1960er und 70er… und unter uns: Wer kennt nicht das berühmteste Musikstück mit gewichtigem Theremin-Bezug?

Das Centennial ist jedenfalls Grund genug für Exil-Italiener Gaudi ein ganzes Album rauszubringen, dass sich diesem Instrument widmet und – no na – den Titel „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“ (Dubmission Records) trägt. Die merkwürdige Kombination Reggae/Dub und Theremin gab’s allerdings schon mal – wer erinnert sich noch mit Grauen an’s „Theremin in Dub“-Album, bei dem Gary Himmelfarb aka Dr. Dread feine Dubs aus dem RAS Records-Katalog mit jaulenden Toneffekten unterlegt hat. Warum, wieso… weiß wohl nur der Doctor selbst.

Bei der Gaudi-Produktion verhält es sich anders. Der renommierte Musiker, der sich mit seinem Output entlang der Schnittstelle von Electronica und World Music bewegt, beherrscht das Instrument Theremin hörbar einwandfrei und kreiert damit Melodien, die gut zu den Backing Tracks des Albums passen. Und die stammen nicht von irgendwem, sondern von Dub-Cracks wie Adrian Sherwood, Dennis Bovell, dem Mad Professor, Scientist und Prince Fatty. Keine Neuproduktionen, wohlgemerkt; vielmehr Juwelen aus dem Back-Katalog dieser Produzenten.

Ich muss gestehen, dass mich diese Wiederverwertung alter Tracks anfangs nicht interessiert hat – Gaudi hin, Gaudi her. Als Musikliebhaber und Rezensent bin ich immer auf der Suche nach neuen Klängen und Effekten, nach frischen musikalischen und technischen Möglichkeiten, nach dem nächsten Ohr- und Bauch-Orgasmus. Altes und Wiederaufgekochtes sehe ich als Reminiszenz und Ausdruck seiner Zeit, den man heute leider nicht mehr in seiner ursprünglichen Form erleben kann – aber auch als Benchmark, an dem sich aktuelle Produktionen messen lassen können. 

Und doch macht es große Freude, Style Scott auf klassischen On-U Tracks (wieder) zu hören. Auch der Rest der Backing Tracks des Albums hat durchwegs gute Qualität, das Dub-Mixing ist einwandfrei. Und wie macht sich Gaudi und sein Theremin auf den Aufnahmen? Nun ja… einerseits exzellent, schließlich spielt er das Instrument seit 18 Jahren. Andererseits kommt es ganz darauf an, welche Rolle dem Theremin im Mixing gegeben wurde. Wenn es sich im ausgeglichenem Verhältnis zur restlichen Instrumentierung befindet, verschmilzt es völlig mit dem Dub – siehe Scientist’s „Smokin Dub“. Bei den anderen Tracks wirkt es aufdringlich laut und nervt extrem mit seiner nicht sehr wandlungsfähigen Klangfarbe – Adrian Sherwood’s „Dub out of Theremin“ sei hier als Beispiel genannt. Genau das ist die Crux von „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“: Das Instrument sitzt fast immer „on top“ und drängt sich Diva-mäßig in den Vordergrund. Und wie es so mit Diven ist, hat man sie und ihre Manierismen schnell satt.

Wie viele Tracks des Albums kann man also hintereinander hören, ohne entnervt das Handtuch zu werfen? Wenn man sich auf die exzellente Dub-Arbeit konzentriert, schafft man es womöglich auf einmal durch’s ganze Album. Andernfalls liegt die RDA bei allerhöchstens drei Dosen; manch einer wird aber wesentlich empfindlicher reagieren, fürchte ich.

Bewertung: 2 von 5.

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Dub

Art-X meets The Roots Addict: Polarity

Gleich vorweggenommen: Art-X, der Musiker, hat so rein gar nichts mit der großen österreichischen Erotik-Supermarktkette gleichen Namens zu tun. Der Mann aus Tours hat sich Augustus Pablo-mäßig der Melodica angenommen und trötet seit einigen Jahren vor sich hin – wenn der Rezensent das mal etwas schnoddrig formulieren darf. Wobei „tröten“ durchaus das falsche Verb sein kann, zumal sich auch die Fachwelt nicht sicher sein dürfte, ob die Melodica ein Blas- oder Tasteninstrument ist. Das technische Prinzip gleicht jedenfalls dem der Harmonika. Der Name „Melodica“ und das Instrument selbst wurden vom alteingesessenen Hause Hohner im deutschen Trossingen ersonnen – oder in anderen Worten: vom Weltmarktführer für Mundharmonikas und Akkordeons. Augustus Pablo, Addis Pablo, Art-X: Sie alle spielen bzw. spielten Hohner Melodicas.

Gut, man könnte jetzt natürlich anmerken, dass so eine Melodica ein sehr einfach zu spielendes, für Kinder hervorragend geeignetes und noch dazu äußerst preisgünstiges Einstiegsinstrument ist. Stimmt, und nach meiner Recherche für diese Rezension bin ich stark versucht mir auch so ein Teil zuzulegen – vom Schlagzeuger zum Melodica-Spieler, warum nicht? Nie wieder Drum-Kit schleppen, einfach nur mehr mit stylischem Köfferchen antanzen und gepflegt ins Mundstück blasen. Musik-Machen kann so einfach sein …

… oder auch nicht: In eine Melodica zu blasen und zum rechten Zeitpunkt die richtige Notentaste zu drücken ist freilich nicht genug. Da wären noch die unterschiedlichsten Spielarten und Techniken um das Beste aus dem Instrument rauszuholen – wie Interessierte im Video von James Howard Young eindrucksvoll nachvollziehen können. Und dann gibt‘s da noch die Möglichkeit sich völlig der Schlichtheit des Instruments hinzugeben, damit die perfekte Stimmung in Moll einzufangen und das Ganze, getragen von einem exzellenten Riddim, in ein zeitloses Dub-Meisterwerk zu verwandeln – Beweisstück: Augustus Pablo‘s „King Tubby Meets the Rockers Uptown“ (aka „Cassava Piece“). Besser geht’s nicht, hands down. Pablo selbst war hörbar nicht der große Virtuose, aber er hatte ein untrügliches Gefühl für das Instrument und dessen Möglichkeiten im Genre – und hat so nahezu alle klassischen JA-Riddims mit der einen oder anderen Version veredelt. Seinem ebenfalls Melodica-spielendem Sohn, Addis Pablo, sind die Schuhe des Vaters noch ein paar Nummern zu groß – sein musikalischer Output wirkt orientierungslos, die Qualität mag sich nicht einpendeln und schwankt kräftig zwischen respektabel und miserabel. Die Zeit wird zeigen, ob er dem Vermächtnis seines Vaters gerecht werden kann.

Und dann wäre dann noch der oben erwähnte Art-X, derzeit sozusagen die personifizierte Frankreich-Dependance innerhalb der recht kleinen Reggae-Melodica-Welt. Als Mitbegründer von Ondubground und dem Weblabel ODGProd. längst kein Unbekannter in der Reggae-Electronica-Szene, zieht er seit 2014 sein eigenes Melodica-Ding durch. Die ersten Releases wirken etwas ungelenk; die Kombination von digitalen Backing-Tracks und Melodica will nicht so recht zünden: Wenn Kälte auf Wärme trifft ist das Ergebnis mitunter nur ein laues Lüftchen. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn sich Art-X auf das Abenteuer Live-Band einlässt – wie hier mit The Roots Addict:

Das passt, sitzt & hält; hat Energie, verströmt Vibes und lässt den Dubhead mit geschlossenen Augen zufrieden mitwippen. Wir alle kennen dieses tiefe Gefühl des Einsseins mit der Musik, dem Bass, mit Echo und Hall. Glücklicherweise macht sich das Gespann Art-X/The Roots Addict auch im Studio gut, wie man auf deren neuesten Release „Polarity“ (ODGprod.) nachhören kann. Klugerweise als 6 Track-EP konzipiert ist die Gefahr eines Melodica-Overkills recht gering. Die originären Riddims im klassischen Arrangement durften im Mixdown ihre natürliche Dynamik behalten, was sich vor allem in einer (mitunter fast zu) präsenten Kick Drum zeigt. Alles in allem ein grundsolider Release, über dem dank der Melodica stets ein Hauch von Melancholie schwebt; der sogar mit dem einen oder anderen überraschenden Audio-Snippet aufwartet, letztlich im Gesamteindruck aber doch etwas Abwechslung in den Band-Arrangements vermissen lässt. Dass das auch anders geht, zeigt Art-X‘ Vorgänger-Album „Nomad“: Hier stammen die Backing-Tracks von verschiedenen Bands, die mit ihren unterschiedlichen Arrangements und musikalischen Energien dafür sorgen, dass Eintönigkeit oder gar Langeweile keine Chance hat.

Wächst da also möglicherweise ein zweiter Augustus Pablo heran? Eher nicht, meint der Rezensent – es fehlt Art-X (noch) an musikalischer Persönlichkeit, an unverkennbarem Stil; an einer gewissen Mystik, die Pablos Spiel und seinen Aufnahmen diese besondere Stimmung verliehen haben. Und natürlich: Die Vibes der 1970er und die Kombi King Tubby/Augustus Pablo haben in JA Aufnahmen entstehen lassen, die sich durch ihre Einzigartigkeit sowieso jedem Vergleich entziehen. Insofern würde ein zweiter Augustus Pablo heute keinen Sinn machen – wohl aber einen originärer, sich eigenständig weiterentwickelnder Art-X.

Bewertung: 3 von 5.

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Dub

Rebelution: Dub Collection

Acts wie Rebelution, Stick Figure, Tribal Seeds und wie sie alle auch heißen mögen, scheinen auf dem Reißbrett entworfen zu sein: Die Musik ein Hybrid irgendwo zwischen Reggae, Rock und Ballade, die Texte ohne Referenzen zu jeglichen Dogmen, die Zielgruppen mit College Kids, Beach Bums, Surfer Dudes und Dopeheads eindeutig definiert – Marke weiße Mittelklasse mit Vorliebe für Bier und Canabis; mit nötigem Kleingeld, aber immer noch aufgeschlossen für soziale Themen. Der All American Boy mit seinem All American Girl sozusagen, Wohnsitz vorzugsweise in den Sunny States. Damit kann man Geld machen – weniger mit Releases, umso mehr mit Tourneen, Merchandise, Bier und Weed. Rebelution machen’s vor und haben Ihre Marke ins Brauerei- und Cannabis-Geschäft eingebracht und für deren 2021er-Tour gibt’s natürlich schon die Premium-Tickets samt Merchandise-Bundle zu erstehen – mit Rebelution-Stainless Steel Water Bottle, Rebelution-Gitarren Plektrum und vielen Rebelution-Dingens mehr – um wohlfeile +/- 115 Dollar. Bei Gigs in Kalifornien, Oregon, Colorado usw. wird das Merch-Angebot vorort einschlägig erweitert, keine Frage.

Rebelution & Konsorten haben anscheinend zielgenau geschafft, woran jamaikanische Acts kläglich gescheitert sind: Reggae wieder ins Bewusstsein einer kaufkräftigen Klientel zu bringen. Gut, vom puristischen Standpunkt hat das seinen Preis – dann gibt’s eben keinen One Drop, keinen Jah und kein Rasta-Patois; und wenn man sich mal gedankenloserweise „Soldiers of Jah Army“ benannt hat, tauft man sich kurzerhand ins unverfänglichere „SOJA“ um. Für die jamaikanischen Großväter bleiben immer noch die Tingel-Bühnen – oder man nimmt sie halt als Support-Act mit auf große Tour. Every nickle makes a muckle, Yardie!

Sarkasmus beiseite – ganz so ist es freilich nicht. Die genannten Bands sind keineswegs am Reißbrett entstanden, sondern haben sich einfach aus ihrem natürlichen Umfeld entwickelt: College-Dude raucht Weed, College-Dude hört Marley, College-Dude klimpert auf Gitarre & der Rest ist Band-Geschichte. Seiner ersten Fangemeinde ist er treu geblieben, auch wenn mittlerweile schon die nächste Generation Spring-Breaker in den Startlöchern scharrt. Aus der Nische ist ein mehr als passabler Markt geworden, denn Colleges gibt es in den Staaten landauf, landab. Good vibes, man!

Rebelution ist jedenfalls das Aushängeschild der einschlägigen kalifornischen Reggae-Bands und ein sehr erfolgreicher Tour-Act – nicht so sehr in Europa mangels… nuja, Colleges; aber als Support für Groundation reicht‘s dann doch auf heimischen Bühnen, wo sie tatsächlich ihr Geld wert sind. So ungefähr Roots Reggae, angetrieben von einem dreckigen Rock-Schlagzeug – das macht was her und kommt mit einiger Power aus den Lautsprechern. Erstaunlicherweise gelingt es Rebelution, diesen Drive und den typischen Live-Sound im Studio zu reproduzieren und auf allen ihren Alben beizubehalten. Das wirkt frisch und gleichzeitig schwergewichtig – ein wichtiger Gegenpol zu den oft übersimplifizierten Texten („Lazy Afternoon“) und einfachen Gesangslinien.

Text & Gesang sollten beim aktuellen Release „Dub Collection“ kein Problem sein. Das Album featured eine Auswahl an Tracks aller bisher erschienen Rebelution-Alben – und die haben mitunter schon 13 Jahre auf dem Buckel. Trotzdem passt alles soundtechnisch zusammen und wirkt wie aus einem Guss. Für den digitalen Dub-Mix zeigt sich ein gewisser Kyle Ahern verantwortlich – seines Zeichens Tour-Gitarrist von Rebelution. „Warum er?“ fragt sich der Rezensent nach dem ersten Hördurchgang; warum nicht Dubmatix, Prince Fatty, Roberto Sanchez, Paolo Baldini, warum nicht irgendwer der sein Handwerk versteht und Dub als spannende, aufregende und mit überraschenden Effekten gespickte Reise in unendliche Sound-Weiten versteht? Das Album lässt mich sprachlos zurück – so dröge, leb-, spaß- und spannungslose Dubs habe ich schon lange nicht mehr gehört. Wenn ein Dub-Mixer nicht kann, nicht will oder nicht wagt, dann entstehen solche Dubs. An den ausgewählten Tracks selbst kann‘s nicht liegen – die hätten allemal Potential zu etwas Großartigem gehabt, aber es sollte wohl nicht sein. Dann lieber noch mal das „Falling into Place“-Album in die Streaming-Pipeline hieven… Rebelution at their best, hands down.

Bewertung: 1.5 von 5.

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Dub

C Jones meets Ale X: Kalimba is my Telephone in Dub

Man sieht sich immer zweimal. Habe ich eben noch Robbie Ost von den Go East-Studios einen „nicht sonderlich beeindruckenden Mix“ unterstellt, biegt ein neues Album um die Ecke, dass mir die Ohren schlackern lässt – im allerpositivsten Sinn, wohlgemerkt. Ich habe selten einen so schön ausbalancierten Mixdown gehört – und das obwohl hier offensichtlich Soundschicht über Soundschicht gelegt und ein wunderbarer analoger Dub-Effekt dem anderen folgt. Das Ganze ergibt ein dicht verwobenes Netz an Klängen, dass auch nach dem x-ten Mal hören immer noch neues, Ungehörtes offenbart. Und ja, an diesem wirklich beeindruckenden Mix hat Robbie Ost mitgewirkt und er findet sich auf dem Album „C Jones meets Ale X: Kalimba is my Telephone in Dub“ (Echo Beach).

Ich habe vollstes Verständnis für alle, denen weder Artist noch Albumtitel etwas sagen; mir ging’s nicht anders. Deshalb hier ein Schnelldurchlauf: Ale X ist Ali Tersch, Drummer von Dubblestandart und Supermax, der auch mit Steel Pan-Musiker Courtney Jones und Flötistin Lore Grutschnig als Trio „Steel Pan meets Kalimba“ unterwegs war. Während die trinidadische Steel Pan allgemein bekannt sein dürfte, handelt es sich bei der Kalimba um das afrikanische “Daumenklavier“, das heute noch in Simbabwe zeremoniell benutzt wird um mit den Ahnen in Verbindung zu treten. Ali Tersch und Lore Grutschnig haben das Instrument weiterentwickelt und als elektrifizierte Versionen bei Auftritten eingesetzt: 

Fünf Jahre nach dem Tod von Courtney Jones hat Ali Tersch aka Ale X jetzt Studioaufnahmen des Trios finalisiert. Ursprünglich als regulärer Release geplant, entstand beim langwierigen Mischen der Tracks die Idee eines Dub-Albums. Dessen Titel „Kalimba is my Telephone in Dub“, so Ale X, steht metaphorisch für den Kontrast zwischen neuester digitaler und jahrtausendealter musikalischer Kommunikation – letztlich ist er aber auch Ausdruck der Verbundenheit mit dem verstorbenen Courtney Jones.

Electro Dub? World Dub? Ale X wehrt sich gegen die Schubladisierung – und in der Tat fällt eine Zuordnung der Musik schwer. Erinnerungen an die mittlerweile bereits 20 Jahre alte Howie B/Sly & Robbie Produktion „Drum & Bass Strip to the Bone“ werden geweckt – könnte man das neue Album als eine zeitgemäße Weiterentwicklung dieses Konzepts unter Einsatz der heutigen technischen Möglichkeiten begreifen? Ale X sieht den Vergleich als Kompliment; waren und sind Sly & Robbie für ihn nach wie vor federführend. Tatsächlich hat er nicht nur mit den ursprünglichen Studioaufnahmen gearbeitet, sondern auch mit Audio-Snippets und Field Recordings, die u.a. bei Reisen – etwa in Indien – entstanden sind. Die Hauptrollen kommen aber den Elektro-Kalimbas und der Steel Pan zu – beide waren für den Rezensenten mitunter erst nach oftmaligem Hören als solche erkennbar. Das macht auch den Reiz des Albums aus: Steel Pan, Flöte, Kalimbas, Percussions – alles mit an Bord; aber niemals „in your face!“, sondern diffizil im Mix integriert und verwoben, sodass sich immer wieder neue Nuancen offenbaren.

Deshalb dem Album eine naive-liebliche, vielleicht sogar belehrende Ethno-World Music-Mentalität zu unterstellen, wäre ein fataler Fehler: Ale X sorgt mit Loops und Beats für anständigen Groove und nutzt Dub-Techniken nicht nur für einzelne Effekte, sondern als Stilmittel – oder als eigenständiges Instrument, wenn man so will. Das Ganze ergibt zusammen ein wunderbares Klangpaket, das sich anfänglich vielleicht etwas spröde zeigt – nur um sich dann nach und nach zu öffnen und seine vielen Klanggeheimnisse preiszugeben. Letztlich kein Dub-Album im konservativsten Sinn – aber ein gehaltvolles, durch & durch gelungenes Debut eines versierten Musikers.

(…und für die extrem schöne Cover Art leg’ ich doch glatt noch einen halben Stern d’rauf)

Bewertung: 4.5 von 5.

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Dub

Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart

Letztlich kann ich Releases nur anhand der zeitlichen Entwicklung der Künstler halbwegs (!) objektiv einschätzen. So festigt sich meine Meinung zu einem Album tatsächlich erst dann, wenn ich auch dessen Vorgänger und dessen Nachfolger gehört habe. Ohne diesen Vorher-nachher-Vergleich erschließt sich mir lediglich ein spontaner Eindruck; nicht mehr als eine Momentaufnahme ohne Bezugspunkt – und ich stehe nicht an zu sagen, dass das mitunter die bescheidene Grundlage für meine Rezensionen im dubblog ist. Bei Debuts funktioniert diese vergleichende Kritik per se nicht; bei allen anderen stelle ich die Frage, was sich im Laufe von drei aufeinander folgenden Album-Releases geändert hat. Gab es einen Richtungswechsel, personelle Veränderungen, verschiedene Produzenten oder Mixing-Engineers? Bewegen sich die Alben in unterschiedlichen Klangwelten, gibt es divergierende Konzepte oder vielleicht gar Qualitätsschwankungen; in welchem Verhältnis steht das jeweilige Werk zur musikalischen Realität seiner Zeit? Kurzum: Ich lote aus, wie und in welchem Ausmaß eine durch verschiedene Umstände bedingte (Weiter-)Entwicklung stattgefunden hat. Schlussendlich beschäftigen wir uns mit einem kreativen Bereich, mit Kunst – und die ist per se nicht statisch.

Bei Paul Zasky und seinem Dubblestandart-Konglomerat konnte man unlängst durchaus eine künstlerische Entwicklung festzustellen, wenn auch leider eine rückläufige – gab es doch zuletzt mit dem Album „Dubblestandart & Firehouse Crew present Reggae Classics“ einen unerwarteten, veritablen Qualitätseinbruch. Wir erinnern uns: Weder Zasky noch die Firehouse Crew waren der Aufgabe gewachsen, Monumente der Reggae-Geschichte neu zu interpretieren. Auch Mixmeister Robbie Ost ist mit seinem nicht sonderlich beeindruckenden Mix mehr oder weniger gescheitert – vermutlich war aus den Aufnahmen, die im krassen Gegensatz zum feinen Vorgänger-Album „Dub Realistic“ stehen, nicht mehr rauszuholen. Ein Paolo Baldini hingegen, der wie Zasky Bassist ist und auf eine ähnlich lange Geschichte im Reggae-Business zurückblicken kann, entzieht sich meines Erachtens einem zeitlichen Vergleich: Seine Produktionen und Dub Mixes, von „Paolo Baldini Dubfiles at Song Embassy Papine Kingston 6“ über Mellow Moods „Large Dub“ bis hin zum „Dolomite Rockers“-Release zeichnen sich durch eine durchwegs gleichbleibend hohe Qualität aus – was sowohl die kreativen als auch soundtechnischen Aspekte betrifft.

Just die beiden hat das Echo Beach-Label jetzt für ein Albumlänge zusammengespannt: „Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart“ featured ältere und neuere Dubblestandart-Tracks, die Baldini mit Dub-Mixes überarbeitet hat. Nicht wirklich überraschend funktioniert diese Kombi ausnehmend gut und ich bin versucht, dem italienische Dub-Mixer den „Midas Touch“ anzudichten: Es scheint sich alles, was er in seinem Studio anfasst, zu musikalischem Edelmetall zu verwandeln. 

Wie macht der Kerl das? Ich kann nur vage Vermutungen anstellen; aber vor meinem geistigen Auge verteilt Baldini erst mal eine Handvoll Dreck auf die Tracks und nimmt damit der Musik die Dubblestandart-eigene Perfektion, die mitunter in Sterilität mündet. „Squeaky clean“ ist wohl der passende Anglizismus dafür. Als nächstes dürfte Baldini die Tracks auseinanderklamüsern um das Gute vom weniger Guten zu trennen – nur um dann den einen oder anderen neuen Sound wieder behutsam hinzuzufügen, ohne dass aus dem Musikstück ein nicht wiederzuerkennender Mutant wird. Das Resultat ist ein hörbar gut durchlüftetes Basismaterial, in das er seine Dub-Effekte bestens platzieren kann. 

Dieser Prozess – wie auch immer er in der Realität tatsächlich aussehen mag – wirkt wie eine Verjüngungskur, zumal Paolo Baldini beim Dub-Mixing mit einer gefühlten Portion Respektlosigkeit an die Sache herangeht: Das ist nichts vorsichtig oder mit Bedacht platziert; Echo und Hall drängen sich oft frech in den Vordergrund und erinnern ein wenig – wag‘ ich es zu sagen? – an die Dub-Techniken eines King Tubby, dessen größtes Asset ebenfalls eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber der Musik und der Studiotechnik war. Guter Dub muss auch heute noch vom Dub-Mixer mit Verve umgesetzt und mit Leben erfüllt werden; andernfalls es zu Studio-Totgeburten kommt, die an Langweile, Lustlosigkeit und kalter Sterilität nicht zu überbieten sind. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Baldini diese Dubs live erarbeitet hat: ganz old-school, sprich spontan und kreativ am analogen Board. 

Dass Dubblestandart ihre Tracks gern für Remixe aus der Hand geben, ist bekannt und wirkt sich oft wohltuend erfrischend auf ihre Musik aus. Man erinnere sich an die Remix-Schlacht rund um den Marcia Griffiths-Feature „Holding You Close“, der mit sage und schreibe 22 Versionen zu Buche schlägt, darunter der großartige Alpendub-Remix. In den großen Kreis der Dubblestandart-Kollaborateure reiht sich jetzt also auch Paolo Baldini ein und lässt es sich nicht nehmen, „Holding You Close“ einen weiteren Dub-Anstrich zu verpassen. Bei der restlichen Titel-Auswahl für „Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart“ beschränkt er sich auf Tracks der letzten vier regulären Dubblestandart-Releases – inklusive zwei der unglückseligen Aufnahmen mit der Firehouse Crew, die auch hier trotz offensichtlicher Bemühungen nur wie Wiedergänger wirken. Der Rest aber lebt auf, atmet sich frei und vibriert durch „Acres of Space“. Ein kleines, rettendes Dub-Wunder, dass die Messlatte für seinen Nachfolger hoch gelegt hat. 

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Dubvisionist presents PFL Dubsessions

Zugegeben, beim ersten Mal habe ich nur halbherzig und nebenbei via Notebook-Speaker zugehört. Größter denkbarer Fehler eines Rezensenten, keine Frage – Schande über mich. Unter Umständen kann ich ein wenig Verständnis heischen, wenn ich gestehe, dass mich Dubvisionist’s „Yoga in Dub“ ziemlich unberührt zurückgelassen hat. Ein Album, dass im Work-Life-Balance-Trend sicher seine Berechtigung hat und etwa bei einem Vinyasa-Flow gut einsetzbar ist – sofern man bei der Ausführung der Asanas keine Stille ertragen kann. Und doch: Ich habe die Annäherung von Reggae/Dub zur „New Age“-Musik im allerweitesten Sinn schon besser gehört. Tiefenentspannte Leser*innen mögen sich Deva Premal’s hervorragendes, von Maneesh de Moor produziertes Mantra-Chanting-Album „A Deeper Light“ zu Gemüte führen; oder Jay Uttal’s „Roots, Rock, Rama!“-Release, bei dem das Kirtan-Urgestein seine Chants mit handfesten Reggae-Grooves unterfüttert.

Tatsächlich geht’s hier aber um den Nachfolger von „Yoga in Dub“, der sich da „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ (Echo Beach) nennt. Felix Wolter aka Dubvisionist ist wohlbekannt und geschätzt in der Dub-Szene; der dubblog.de Rezension seiner feinen „King Size Dub Special“-Werkschau ist nichts mehr hinzuzufügen. PFL bzw. Pre Fade Listening als der heute eher unbekannte Part in der Gleichung würde ich als eine der musikalischen Inkarnationen Felix Wolters sehen: Ein Projekt, das mit seinen Lounge-Produktionen anno dunnemal durchaus von sich reden machte.

„Lounge“ als Bezeichnung für ein Sammelsurium unterschiedlichster Musikstile war mir allerdings immer schon ein rätselhaftes Phänomen – sicher, es ist meist richtig entspannter Downbeat; oft instrumental oder mit mehr oder weniger schleierhaften Ethno-Vocals und -Samples versehen. Irgendwo zwischen Alles und Nichts angesiedelt, dient er den Millenials als Hintergrundbeschallung in den coolen Bars und hippen Club-Lounges. Dort trifft man sich zum gepflegten chill out, hegt Freund- und Bekanntschaften und plant zusammen womöglich den weiteren Verlauf der Nacht. Kurzum: Dort wo man statt „schön“, „gut“ oder „fein“ das Wort „nice“ benutzt, ist die Wahrscheinlichkeit, Lounge zu hören sehr hoch. Das alles hat in erster Linie mit Kommunikation zu tun; Musik spielt eine untergeordnete Rolle: Nicht zu laut, nicht zu präsent, nicht zu aufdringlich oder im schlimmsten Fall gar das Gespräch störend. Passive Musik, die man eigentlich nicht hören, sondern bestenfalls als Hintergrundgesummse wahrnehmen möchte, sich jedoch hervorragend zum Überbrücken der Stille eignet – für den Fall, das man sich so gar nichts mehr zu sagen hat. Sarkasmus beiseite: Unter dem Label „Lounge Music“ wurde vor allem in den Nullerjahren eine ganze Menge Geld eingefahren; es war vermutlich der letzte Hype, bei dem physische Tonträger eine Rolle gespielt haben. Was bleibt ist ein Kuriosum: Musik, die man eigentlich nicht (bewusst) hören will.

Zurück zum Thema; zurück zu einem Album, das im richtigen Setting – sprich einer Subwoofer-mächtigen Musikanlage – zu einem veritablen Bassmonster gerät. Freilich haben wir hier keinen klassischen Reggae/Dub vor uns; Hardcore-Dubheads werden aber durchaus den einen oder anderen Snipet einer Reggae-Bassline identifizieren; etwa im Track „Going Underground“, in dem der Groove von The Tamlins‘ bzw. Sly & Robbie‘s „Baltimore“ zu erkennen ist. Oder wie wär’s gleich mit der ganzen “Drum Song“-Bassline im „Long Reasoning Dub“? Selbst Nyabinghi-Drums kommen zum Einsatz („Searching for the Magic Frequency“), und doch würde ich das Album eher unter Downbeat einordnen – auch, um den unglückseligen Begriff Lounge zu vermeiden. Dafür ist der Release einfach zu interessant, verlangt nach gebührender Aufmerksamkeit, um viele kleine und größere Sound-Gimmicks zu entdecken – wie Vocal-Samples, eine rockige Gitarre und wunderbare Percussions. 

Darf man „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ vielleicht gar mit dem Dub Syndicate zu besten On-U Sound-Zeiten vergleichen? Nun ja, ein Style Scott ist nicht ersetzbar, aber Adrian Sherwood experimentiert auch gerne mit allen möglichen Einflüssen und Stilen. Insofern kann man Parallelen ziehen; und würde man mir den Track „The Lone Ranger“ als verschollene Dub Syndicate-Aufnahme verkaufen wollen – ich würde es vermutlich nicht hinterfragen. Abgesehen vom Langweiler-Track „Yoga Secret“ ein interessantes Album also, dass mit Dub-Effekten nicht geizt. Soundmäßig ist es mit seinen eher zurückhaltenden Höhen in der Dubvisionist-spezifischen Klangwelt zuhause, die auf früheren Releases schon mal wesentlich dumpfer daherkam. Balsam für Hörer*innen wie den Rezensenten, dem schneidende, extreme Höhen blutende Ohren bescheren, der dafür aber Eingeweide-Massagen im unteren Hz-Bereich umso mehr feiert.

Letztlich empfehle ich den geneigten Leser*innen, sich nicht vom Album-Cover, dem Track-Titel „Skylarkin Lounge“ und der Lounge-Phobie des Rezensenten irritieren zu lassen. Alben der etwas anderen Art verlangen nach Offenheit und der Bereitschaft, sich auf sie einzulassen – insbesonders wenn sie nicht den gängigen Dub-Klischees entsprechen. Wer so auf „Dubvisionist presents PFL Dubsessions“ zugeht, wird belohnt werden.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub

Manasseh meets Praise

Ich will nicht lange herumdrücken und gleich vorweg gestehen: Das ist kein Dub Album. Da gibt’s keine Echos, kaum Hall oder sonstige Effekte. Das ist beileibe keine Reise durch’s Dub-Universum geschweige denn ein mehrdimensionaler Soundflash in Trip-Qualität. Aber es ist ein schönes, atmosphärisches Instrumental-Album der anderen Art – und ich stehe nicht an es als einen der bislang besten Releases des diesbezüglich dürren Jahres 2020 zu bezeichnen.

Die Rede ist von der neuen Produktion von Nick Manasseh, die er mit Praise eingespielt hat. Letzterer ist, soweit man der allwissenden Datenmüllhalde Google glauben möchte, ein versierter und gefragter Violinist, der schon mit diversen Größen im Studio und auf der Bühne zugange war. Damit wird klarer, in welche Richtung wir uns hier bewegen: Zum Clash der anderen Art – wenn Streichinstrumente auf Reggae treffen. Das ist per se keine Sensation und auch nicht neu, wie etwa Cat Coore, Ras Divarious oder zahlreiche Sherwood-Produktionen belegen. Bei „Manasseh Meets Praise“ (Roots Garden Records) gehen die beiden Komponenten allerdings eine nahezu perfekte Symbiose ein. 

Das mag einerseits am Produzenten Manasseh liegen, der hier seinen sanften aber unerschütterlichen, vom Earl Sixteen-Release „Gold Dust“ bekannten Stil weiterführt: Akustische Gitarren schweben über einem trägen Bassmonster. Hier kann sich Praise mit mehrschichtigen Streicher-Aufnahmen perfekt einbringen, sodaß mitunter der Eindruck entsteht als ob ein Streichquartett melancholische Musik zu einem ebensolchen Film einspielte – wie man auch im Video zum Track „Yes Mic“ nachvollziehen kann:

Warum man gerade dieses Stück für das Promo-Video ausgewählt hat, entzieht sich meiner Kenntnis; mein Verkaufsargument wäre jedenfalls „London Babylon“ gewesen, das mit seiner Melodieführung und seinem ausgeklügelten Arrangement mein Highlight des Albums ist. Vielleicht fiel die Auswahl schwer, weil die Tracks von „Mannasseh Meets Praise“ ein wunderbar abgestimmtes Potpourri ergeben und letztlich wie aus einem Guß wirken – und das obwohl die Aufnahmen über einen Zeitraum von nahezu zehn Jahren stattfanden.

Seinen größten Charme entfaltet das Album aber durch seinen wohltemperierten Klang. So wohlig weich, so tief und gleichzeitig mächtig hört man selten einen Reggae-Bass, auch die Höhen sind angenehm zurückhaltend. Im Mixdown sind die Violinen (und mitunter eine Querflöte) sanft eingebettet; da kreischt nichts, da ist kein Klang enervierend – und trotzdem ist man von „glattgebügelt“ meilenweit entfernt. Im rezensionsüblichen Selbstversuch habe ich auch diesen Release in Dauer-Schleife gehört; er war niemals langweilig oder hat durch die Wiederholungen genervt – aber er hat immer wieder neue Nuancen offenbart: Im Klangbild, im Arrangement, in der (imo klassischen) Melodieführung.

Wenn ich schlussendlich die Qualitäten des Albums in ein Wort zusammenfassen müsste, dann wäre es wohl „feinsinnig“. Diese Einschätzung wird nicht jedem behagen – Hardcore Dubheads könnte das alles zu lasch sein. Wer sich hingegen offen für nuancierte akustische Klänge zeigt, wird das Album und die Art, wie es latent ins Unterbewusstsein sickert, mögen. 

Bewertung: 4 von 5.

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Dub

Pyrotechnist: Fire Crackers

Langsam reicht’s dann auch wieder mit dem 70s Revival. Neuaufnahmen mit verklärten Blick auf die gute alte Zeit gab’s ja in letzter Zeit zuhauf: Hier ein Teil Roots, da ein Teil Lovers Rock, gewürzt mit einem Hauch Ska und/oder Rocksteady, das ganz wahlweise gerührt oder geschüttelt mit analogen Instrumenten und Dub-Effekten – fertig ist der neue, alte Cocktail wie er jetzt auf amerikanischen und europäischen Plattformen serviert wird. Dass der durchaus schmecken kann, haben vor allem die eher Roots-orientierten Produktionen von Roberto Sanchez bewiesen: Ihm ist es gelungen, die Essenz jamaikanischer Produktionen der späten 70er zu replizieren und ins heute zu verfrachten. Sanchez hat damit einen Meilenstein gesetzt, anhand dessen man andere Produktionen durchaus messen kann – auch wenn sie zeitlich eher ansetzen und Aufnahmen der frühen 70er als Referenz nehmen.

Man kann und sollte die Frage in den Raum stellen, ob so ein 70s Revival-Trend überhaupt Sinn macht: Warum einen Sound reproduzieren, von dem es dank Labels wie Pressure Sounds exzellente Originale zuhauf gibt? Wozu die alten Meister des Genres imitieren, wenn man nicht deren Ideenreichtum, Experimentierfreude, aber auch Unverfrorenheit und Respektlosigkeit gegenüber jeglichen technischen Standards und Gepflogenheiten aufbringen kann? Das waren damals keine bedachten, ausgewogenen Klänge die das Ohr umschmeichelt haben, sondern die volle Breitseite über den Anschlag hinaus: Einem King Tubby war es hörbar egal, ob ein Effekt völlig übersteuert und die PA bzw. die Studiomonitore über Grenzen hinaus belasten; allein das Ergebnis zählte. Dieser Wagemut fehlt den Replika völlig; mitunter kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass lediglich Mittoo-eske Hintergrundbeschallung für gediegene Einkaufstempel à la Galerie Lafayette aufgenommen wurde: Langweilig, belanglos. Und doch ist den Revival-Bands als Live-Act ein gewisser Stellenwert zu zusprechen; mit wesentlich druckvollerem Sound machen sie die Bühne zum Ort, wo die Arrangements á la 70s so richtig Spaß machen können. 

Ich gehe davon aus, dass es sich beim belgischen Band-Projekt Pyrotechnist ähnlich verhält. Deren Album „Fire Crackers“ (Badasonic Records) ist dieser Tage erschienen und bietet neben sauberem Sound gediegene Arrangements, die nicht zu knapp mit Dub-Effekten versetzt sind. Die frühen 70er stehen im Mittelpunkt; es werden Erinnerungen an Jackie Mittoo, Augustus Pablo, Dave Barker & Ansel Collins, aber auch Sly Dunbar bemüht. Das ergibt in summa eine eklektische und unspektakuläre Mischung aus Reggae und Rocksteady mit Ska-Anklängen. Spannend wird es lediglich dann, wenn Bläsersätze ins Spiel kommen; wenn Drums soweit in den Hintergrund gemixt werden, dass nur mehr Snare und Fills hörbar sind; wenn (endlich wieder einmal) das Clavinet eine Rolle spielt oder sich die mitunter hervorragenden Dub-Effekte in den Mittelpunkt drängen. 

Freilich kann man das Album in seiner Gesamtheit als Verbeugung vor den obgenannten Meister-Instrumentalisten verstehen; die Aufnahmen werden den Originalen aber nicht gerecht. Wer wird also Freude an „Fire Crackers“ haben? Vermutlich Nostalgiker und die Galerie Lafayette; allen anderen empfehle ich die entsprechenden Releases von Blood & Fire, Pressure Sounds & Co.

Bewertung: 2 von 5.