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Roots Makers: Dubbers EP

Die Roots Makers haben mich schon einmal mit Ihrem gleichnamigen Debut – einem Instrumental- plus zugehörigem Dub-Album – recht glücklich gemacht. Kollege Helmut Philipps hat die Roots Makers gar in seine Top 5 des Jahres 2021 aufgenommen, was ich nur zu gut nachvollziehen kann. Da hat alles gestimmt, und wenn der ewig nörgelnde Rezensent etwas zu bemängeln hatte, dann wäre es wohl das Fehlen von Vocals bzw. Vocal-Snippets gewesen. So klassisch Dub halt, wenn man das so ausdrücken möchte.

Jetzt ist es nun mal so, dass wir im dubblog.de üblicherweise keine EPs oder Singles rezensieren und uns auf Alben beschränken. Hier möchte ich aber ausnahmsweise eine EP in den Fokus rücken – wenn man’s nicht so genau nimmt, könnte man ja aus der „Dubbers“-EP (Eigenverlag) und dem zugehörigen Vocal-Counterpart, der „Summer Lovers“-EP, ein 8 Track-Album zaubern. Beides Releases allerhöchster Qualität – und wenn man schon so eine Vocal-Vorlage hat, kann im Dub-Bereich eigentlich nichts mehr schief gehen:

Und tatsächlich, die Dubs sind im klassischen Roots-Bereich das Beste, das ich seit längerem gehört habe. Da stimmt alles: schöner Mix, feine Effekte, mitsummbare Basslines und die Stimm-Sprengsel stellen den Bezug zu den Vocal-Versionen her. Hör ich da jemanden Roots Radics sagen? Aber ja doch, der Vergleich ist mehr als zulässig, der Vibe erinnert mich sogar leicht an Bunny Wailers feines „Rock’n’Groove“-Album, an den klassischen 80‘s Lovers-Rock und ein wenig Aswad-Backing Vocals höre ich auch raus.

Alles gut also? Aber ja doch – ein Album… äh… eine EP, der ich 5 Sterne nicht verweigern kann.

Bewertung: 5 von 5.
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Dactah Chando meets RSD: Guardians of Dub Vol. II

Nach Vol. I folgt bekanntlich Vol. II. und das ist auch bei Dactah Chando so. Ersteres wurde von Umberto Echo recht schön, aber recht brav (um das böse Wort „bieder“ zu vermeiden) abgemischt, wie Kollege Wynands in seiner Rezension für meinen Geschmack etwas zu dezent durchklingen lässt. Bei „Guardians of Dub Vol. II“ (Achinech Productions) sollte offensichtlich ein anderer Vibe her – und siehe da, Rob Smith aka RSD ist diesmal tonangebend dabei.

Gleich vorweggenommen: Die Dubs sind nicht neu, sondern entstanden – wie man der Info dazu entnehmen kann – bereits während der Aufnahmen zu „Sabiduria“ und seinem Counterpart „Sabiduria Roots“. Bei beiden Alben hatte Roberto Sanchez als Produzent seine Finger im Spiel – was überrascht, denn seine typische, musikalische Handschrift ist nicht zu erkennen. Rob Smith war ebenfalls in die damaligen Aufnahmen eingebunden – sein Sound ist vor allem auf den eher dancehall-lastigen „Sabiduria“-Tracks präsent; und er ist es auch, der für die Dub-Mixes von „Guardians of Dub Vol. II“ verantwortlich zeichnet.

Nun steht Rob Smith für eine eigene Klangwelt, die in Sachen Instrumentierung und Klangvielfalt ziemlich karg und eintönig daherkommt. Das bestätigt sich auch auf dem neuen Album – zumindest bei den ersten drei Tracks, die man getrost überspringen kann. Ab Nummer 4 kippt das Ganze in Richtung Roots mit Live-Instrumentierung und es entsteht plötzlich Raum für eine fantasievolle Klangreise mittels erstaunlicher Dub-Effekte. Aber nicht für Rob Smith; er nützt die Gelegenheit nicht und beschränkt sich mehr oder weniger auf eine knappe Dosis Hall und eher unauffällige Echos hier und da. Die Aufnahmen selbst bieten zwar Potential für ein akustisches Abenteuer – aber wenn der Mixer nicht will, dann gibt’s halt keines.

Was bleibt? 12 sehr sauber produzierte, beinahe steril klingende Tracks mit Dub-Anklängen, die ab Track 4 durchaus brauchbar sind, aber letztlich auch nach oftmaligem Hören (trotz ordentlichem Punch auf den Drums) flach klingen und keine neuen Nuancen offenbaren. Schade – es bleibt die Hoffnung auf ein Vol. III, für das ich Roberto Sanchez als Dub-Mixer nominiere.

Bewertung: 3 von 5.
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Zilla Dan meets Riwan Pruvot: Starlight Dub

Nach seinem 2020er-Debüt „Twin Souls Dub“ überrascht der französische Multiinstrumentalist und Tontechniker Zilla Dan mit einem Album, das sich zwar „Starlight Dub“ (Eigenverlag) nennt, tatsächlich aber eher eine Sammlung von atmosphärischen Instrumentals ist, die er mit dem Altsaxophonisten Riwan Pruvot aufgenommen hat.

„Ich war schon als kleines Kind ziemlich musikalisch und wollte später mit meinem besten Freund als Musiker Karriere machen. Aber nachdem er auf tragische Weise in Französisch-Guayana umkam, begann ich damit, eigene musikalische Projekte zu entwickeln“, erklärt Zilla Dan. „Ich traf Riwan Pruvot in Bordeaux. Er ist ein professioneller Altsaxophonist, französisch-algerischer Abstammung. Ich schlug ihm vor, ein Album im Stile von Bunny Lee & King Tubby Present Tommy McCook: Brass Rockers zu produzieren. Riwan war begeistert. Ich spielte Drums, Bass, Klavier und Percussions ein und Riwan zauberte seine Saxophon-Melodien dazu. Anschließend habe ich die Tracks auf analogem Equipment abgemischt, denn ich wollte den Sound von King Tubby, Scientist und Prince Jammy reproduzieren – meinen Heroen der goldenen Ära jamaikanischen Dubs.“

Was für alle mit vorbeugender Saxophon-Phobie abschreckend klingen mag (Kenny G und Dean Fraser lassen grüßen), offenbart sich hier als musikalische Wohltat wie sie im Reggae selten erlebt werden kann: So weich, voll und gefühlvoll war ein Saxophon seit Branford Marsalis‘ Arbeiten für Sting nicht mehr zu hören. Das liegt zum einen an der wunderbaren Spieltechnik von Privot – aber auch an Dan’s exzellenter Aufnahmetechnik bzw. Abmischung des Instruments. Fazit: Das Album hat  es zu Recht noch knapp vor Schluss in eine der dubblog.de-Top 5 geschafft: Die Rehabilitation des Saxophons, hurra! 

Dass Zilla Dan’s Produktion dabei etwas ungelenk wirkt und an frühe I-Grade Aufnahmen erinnert, tut dem Ganzen keinen Abbruch – ganz im Gegenteil, es trägt zum Charme von „Starlight Dub“ bei. Da passt auch das Album-Konzept – eine nicht zu ausschweifende musikalische Reise durch unser Sonnensystem, die Grafiker Matteo Anselmo in einer der schönsten Cover-Artworks des letzten Jahres umgesetzt hat. Alles in die Waagschale geworfen ergibt das summa summarum ein akustisches wie optisches Kleinod, dass den Hörer schon beim ersten Kontakt für sich gewinnen kann. 

Text: gtk und René Wynands

Bewertung: 4.5 von 5.
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El Natty Combo: Flores y Burbujas

Zur Zeit scheinen Instrumentals dem Dub die Schau zu stellen – in den letzten Monaten sind da einige erstaunliche Werke auf dem Markt gekommen, die so manchen Dub-Release locker in den Schatten stellen. Siehe Clive Hunt, Bost & Bim, Roots Organisation, Winds of Matterhorn, The Dub Chronicles – um nur die im dubblog.de Rezensierten zu erwähnen.

Neues Jahr, neues Glück, möchte man meinen: Die El Natty Combo schneit mit ihrem Album „Flores y Burbujas“ herein. Also fast: Das Album ist bereits Ende 2020 erschienen und mir schlichtweg durch die Finger gerutscht. Und weil’s so schön ist und Feiertags-bedingte Flaute im Dubland herrscht, pack‘ ich das alte Teil hier aus.

Von der El Natty Combo kann man durchaus schon mal gehört haben; ihre Diskographie kann sich sehen, besser noch: streamen lassen. Gelesen wird man von ihnen eher weniger haben – die Herrschaften parlieren selten, aber doch in gepflegtem Spanisch. Deshalb in aller gebotenen Kürze:

Die El Natty Combo ist eine 2003 gegründete, argentinische Roots-Reggae Band, Markenzeichen: Gepflegte Bläsersätze, verspielte Saxophon/Posaune/Trompeten-Solis auf gehaltvollem Reggae, der schon mal – no na – ins Lateinamerikanische abdriften kann. Das kann von der Melodieführung oder der Rhythmik herrühren und gibt dem Ganzen einen gewissen Kick. Wobei durchaus auch Erinnerungen an Rico und an Chris Hinze (erinnert sich noch jemand an das „Bamboo Reggae“ aka „Kings of Reggae“- Album“?) wach werden.

Daumen hoch also für „Flores y Burbujas“, das mir Google mal mit „Blumen und Bläschen“, mal mit „Blumen und Blasen“ übersetzt. Nun ja… das wird im Spanischen vermutlich besser rüberkommen. Letztlich ist es ein Album für Freunde der gepflegten Roots-Blasmusik, und mit etwas Glück wird’s davon auch ein Dub-Album geben. Es wär‘ nicht das erste der El Natty Combo.

Bewertung: 4 von 5.
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Lee „Scratch“ Perry meets Dubblestandart: Dub Cuts from Planet Dub

Dieser Release bedarf nur weniger Worte: „Lee Scratch Perry meets Dubblestandart: Dub Cuts from Planet Dub“ (Echo Beach) ist eine weitere Wiederverwertung der LSP-Tracks vom großartigen Dubblestandart-Album „Return from Planet Dub“ – erschienen samt Dubs 2009. Eine Bearbeitung der Tracks gab’s 2014 durch Robo Bass HiFi, 2020 hat Paolo Baldini ein wenig Hand angelegt und jetzt gibt’s also ein Album mit alternativen Dub-Versionen. Die sind mal weniger, mal noch weniger alternativ und dürften bereits vor 12 Jahren beim Abmischen der Originalbänder entstanden sein. Dieser Eindruck entsteht zumindest – denn die Zeit war nicht gerade gnädig mit den Aufnahmen: Die Sounds wirken veraltet; die dumpfe Abmischung erinnert an die Hiphop- und Jeep Beats von anno dunnemal. Eine Frischzellenkur sieht demnach anders aus; dessen ungeachtet sind die eben erschienenen Dub Cuts aber wie ihre Originale Meilensteine im Oeuvre von Dubblestandart

Und wiederum stellt sich die Frage, ob wir diesen Release, dessen klangtechnischer Zusatznutzen sich in engen Grenzen hält, wirklich brauchen. Der Newswert an und für sich ist eher spärlich und Überraschungsmomente bleiben aus – aber hier haben wir erstmals die Tracks von LSP auf einem Album konzentriert, sprich von der ausufernden Üppigkeit des Original-Releases befreit. Das ergibt dann lediglich acht etwas rauere Dubs (wobei „Blackboard Jungle – Dub Ruff Cut“ als Ausnahme mit extra-heftiger Fäkalsprache aufwartet), die von einer berührend-schönen, in schwarz-weißen gehaltenen Artwork begleitet werden. Zweifellos ein Erinnerungsstück, dass es hoffentlich auch als physischen Tonträger geben wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Lone Ark Riddim Force: Balance Dub

Jamaika, die goldene Ära des Reggaes, ca. 1977 bis 1982. Unzählige Klassiker sind während dieser Zeitspanne entstanden; die Welt hat vorwiegend dank der großen europäischen Labels und deren glattbügelnder studiotechnischen Übersetzungsarbeit endlich die moderne Musik der Insel im größtmöglichen Ausmaß wahrgenommen. Dafür steht ein auch heute noch einzigartiger Sound, der abseits der Marley-Klänge vorwiegend von den Revolutionaries und den Roots Radics geprägt wurde.

Dass dieser Sound oder vielmehr diese Soundtechnik keineswegs unwiederbringlich verloren gegangen ist und Enthusiasten heute gar nicht mehr so wehmütig auf diese Zeit zurückblicken müssen – dafür sorgen Acts und Produzenten wie Pachyman, Pura Vida, Prince Fatty, Rootz Lions und wie sie alle heißen mögen. Sie jagen ziemlich erfolgreich dem Ideal nach und liefern heute annähernd den Soundtrack von damals. Einer aber hat die die Kunst des mittlerweile gut und gern 40 Jahre alten original Rockers- und Steppers-Sound gemeistert: Roberto Sanchez mit seiner Lone Ark Riddim Force – nachzuhören auf dem eben erschienenen Album „Dub Balance“ (A-Lone Productions), dem Dub-Counterpart zu Ras Tweed’s „Balance“-Release.

Keine Frage, Roberto Sanchez hat hier wieder ein sehr schönes Werk abgeliefert – da passt fast alles, das ist eine nahezu perfekte Zeitreise in die 1970er und 80er, das könnte locker aus dem Katalog von Virgin Records stammen. Für vier Titel wurden originäre Drum-Tracks von Style Scott verwendet – dass das überhaupt nicht auffällt, ist Qualitätskriterium: So perfekt imitiert Sanchez Arrangements, Studiotechnik und Ambiente der Ära – und das mit größtmöglichem Respekt, wie ich meine.

Die Übung ist also mehr als gelungen und macht dem Rezensenten durchwegs Freude. Zugleich drängt sich jedoch eine Frage auf: Quo vadis, Roberto? Dass der gute Mann verblüffend ähnliche Nachbauten (Kopien?) von Reggae-Meilensteinen abliefern kann, wissen wir seit geraumer Zeit, sprich etlichen seiner Produktionen. Ich feiere, dass ich quasi neue „historische“ Musik ohne die klangtechnischen Limitierungen von damals hören kann – erwarte mir mittlerweile dennoch etwas mehr. Soll heißen: Ein paar Runden in der Zeitschleife sind fein – insbesondere, wenn die Reproduktionen den Originalen gefühlt in nichts nachstehen. Irgendwann darf es dann aber schon ein wenig kreativer werden.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Indy Boca: Many Roads

Einmal quer durch den Reggae-Gemischtwarenhandel, hier und da und dort zugegriffen, alles einmal grob durchgeschüttelt und fertig ist das Debut „Many Roads“ (Sweet Waters Music) von Indy Boca. Also eigentlich vom französischen Indy Boca Soundsystem, das hier in Zusammenarbeit mit dem SawaSound Studio das Album gestemmt hat. Ich hab’s ja nicht so mit Überraschungstüten, die jeden glücklich machen sollen – und tatsächlich, da gibt’s feine Roots-Riddims, rhythmisch dröge 4-on-the-floor Soundsystem-Tracks, mal instrumental und dann wieder mit Vocals, und zu guter Letzt doch noch zwei Dubs. Eine Mischung, die mir üblicherweise aufstößt, wenn nicht gar für eine gröbere musikalische Verstimmung sorgt. Dem ist hier erfreulicherweise nicht ganz so – denn es gibt etwas, dass die Tracks verbindet und quasi zu einer Familie werden lässt: Ein unglaublich schöner, satter, tiefer, druckvoller und doch ausgefeilter Sound. Wer auch immer das Album abgemischt hat – Chapeau, großartig, danke für den Ohr-Orgasmus.

Vor den Vorhang bitte auch der Verantwortliche für die vielen schönen Samples, die als solche für mich anfangs nicht zu erkennen waren – so scheinen etwa die Streicher live für die Tracks eingespielt worden zu sein, so perfekt fügen sie sich ins Arrangement und wiederum den Mix ein. Die Realität wird natürlich eine andere sein, denn die allerwenigsten Acts aus dem Reggaeland könnten sich ein Streichorchester im Studio leisten – und wenn doch, dann sicher nicht für‘s Debut-Album. Wie auch immer, das Ergebnis allein zählt – und da hilft es natürlich, dass die Samples den Stücken niemals als Gimmick aufgepfropft, sondern als integraler Bestandteil zu verstehen sind.

Wie bewertet man also dieses musikalisches Sammelsurium, insbesondere wenn der Rezensent es bekannterweise nicht so mit digitalem 120 bpm Soundsystem/UK Dub hat? Er drückt beide Augen zu, lässt sich in den warmen Bass der Roots-Tracks fallen und vergibt satte 4 Sterne – wobei ich gut nachvollziehen kann, dass der eine oder andere Hörer sich einen mehr gewünscht hätte.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubinator: Police in Helicopter

Regelmäßigen Leser*innen des dubblogs.de und Hörer*innen der „deep in dub“-Playlist auf Spotify gelte ich (hoffentlich) als Verfechter der klassischen Machart von Dubs, basierend auf möglichst in Moll gehaltenem Roots-Reggae. Damit sind weniger die wegweisenden Aufnahmen aus den 1970ern und 1980er gemeint; vielmehr liegen mir entsprechende Neuproduktionen am Herz – vor allem des besseren/weiterentwickelten Sounds und der neuen technischen und daraus resultierenden künstlerischen Möglichkeiten wegen. Und doch gibt es immer wieder mal Ausnahmen von meinem Lieblingsschema: Sound, Bassline und Dub-Technik stimmen, es gibt immer wieder musikalische „aha“-Erlebnisse und wunderbare Sample- und Sound-Überraschungen – aber es ist halt kein Roots-Reggae.

Um genau so ein Ausnahme-Album dreht sich diese Rezension: „Police in Helicopter“ (Echo Beach) vom bislang bis auf eine nicht ganz so gut gelungene EP kaum in Erscheinung getretenen Dubinator. Wer sich hinter diesem Moniker verbirgt und wie er musikalisch sozialisiert wurde wäre zwar interessant, entzieht sich aber jeglicher Recherche – auch das Label selbst hält sich bedeckt, darum soll’s auch uns nicht weiter interessieren. Im Mittelpunkt steht sowieso Dubinator‘s Musik, und die – wage ich es zu sagen? – erinnert mich durchaus an Arbeiten von Lee Scratch Perry und lässt Spekulationen zu, wie er wohl heute klingen könnte, hätte er seine Karriere als Produzent weitergeführt. 

So manchem Leser wird dieser Vergleich einem Sakrileg (wenn nicht gar einer Blasphemie!) gleichkommen – aber hört unvoreingenommen in das Album rein und Parallelen zu Perry’s obskureren Tracks – etwa von der feinen Kompilation „Arkology“ – offenbaren sich. Da wie dort ist der Einsatz von Audiosnippets als Effekt essentiell; was bei LSP etwa Motorengeräusch oder das Muhen eines Rinds ist, kommt beim Dubinator in einer unglaublichen Vielzahl an Samples daher. Für Unterhaltung ist also gesorgt; es gibt bei „Police in Helicopter“, auch nach oftmaligen Hören, viel zu entdecken: Da fliegt der Hubschrauber einmal quer durch den Gehörgang, Sirenen heulen, ein verfremdeter Orchester-Tusch blitzt immer wieder auf, ein Rainmaker rieselt sanft vor sich hin; stellenweise hält scheinbar ein Sopran-Chor einen einzelnen Ton, eine Frau doziert (vermutlich) über die Globalisierung, usw. usf. Wohlgemerkt: Das alles und mehr passiert allein schon im ersten, titelgebenden Track. 

Ein Album wie eine Wundertüte: Man fast gar nicht was da alles zum Vorschein kommt; musikalisch bewegt es sich durch eine Vielzahl an Stilen, die durch Reggae-Elemente und Dub-Techniken zusammengehalten werden. Darüber hinaus kann der Dubinator eine gewisse Neigung zum Dancefloor nicht abstreiten, obwohl er auch mit geistiger Nahrung – sprich literarischen Aufnahmen von Alan Moore, William S. Burroughs oder Yello’s Dieter Meier – aufwarten kann. Weitere Mitwirkende: Dub Pistols‘ Seanie T, Bass-Legende Doug Wimbish, Max Romeo, Dubmatix, Rob Smith, Sly & Robbie als auch die B-52’s in Form feiner Samples. 

Und so ist „Police in Helicopter“ ein erstaunlich vielfältiges Album geworden, für das sich der Dubinator einmal quer durch den Back-Katalog des Echo Beach-Labels gesampelt haben dürfte, inklusive Reminiszenzen an Dubblestandart, On-U Sound und Lee Scratch Perry. Wer also Interesse und Muße hat, dem schickt dieser Release auf eine wunderbar-erstaunliche Entdeckungsreise, die sich insbesondere für Reggae-Enthusiasten lohnt.

Bleibt schlussendlich noch die sehr gelungene Album-Illustration zu erwähnen – eine zeitgemäße Adaption des „They Harder They Come“-Covers, bei dem man schon genauer hinsehen darf um die vermeintlich subtilen Unterschiede wahrnehmen und geniessen zu können. Mir macht sowas Freude und ist sicher mit ein Grund, warum „Police in Helicopter“ als Gesamtpaket eine sehr gute Bewertung verdient hat.

Bewertung: 4.5 von 5.
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DJ Drez: Good Crush Dub Sessions

Dub, gefühlt langsamer als langsam, karg instrumentiert und dazwischen das Gefühl von viel leerem Raum. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich habe mich für’s erstere entschieden und DJ Drez‘ neues Album „Good Crush Dub Sessions“ (Nectar Drop) in Dauerschleife gehört – wobei ein einzelner Durchgang schon ziemlich lange dauert, zumal der letzte Track ein Continuous Live-Mix ist, der mit einer Länge von gut 48 Minuten aufwartet:

Ich habe seit dem Album „Jahta Beat: The Lotus Memoirs“ den Werdegang von DJ Drez verfolgt, ihn aber in eine mehr oder weniger obskure HipHop/Kirtan/Soundscape/Dub-Ecke gestellt. Und in der Tat, der Mann kommt ursprünglich aus dem HipHop, wie man den rumpelten Drums in vielen seiner Werken anhört. Irgendwann muss er sich in Richtung Yoga und Meditation begeben haben, wie Kirtan-Alben – auf denen seine Frau Marti Nikko die Mantras gibt – nachvollziehen lassen. Aber auch auf diesen kann er seine HipHop-Roots und bisweilen auch eine geheime Vorliebe für Reggae und Dub nicht verbergen.

Diese Vorliebe präsentiert er jetzt auf „Good Crush Dub Sessions“ sozusagen nahezu in Reinform. Klassische Instrumentierung, etwas spartanisch und holprig mit Anklängen von bekannteren Riddims eingespielt, trifft auf gemäßigte Dub-Effekte, alles ziemlich laid-back dargeboten. Mich lässt diese ruhige Gelassenheit mitunter ein wenig nervös werden, in Sinne von „dauert ganz schön lange bis die Snare den nächsten Beat setzt“. Das könnte aber gut zum Praktizieren von Yoga-Asanas passen.

Ich rate allen, sich unvoreingenommen mit diesem Release auseinanderzusetzen. Ich meine, dass er trotz aller traditioneller Machart etwas Spezielles zu bieten hat, wie seht ihr das?

Bewertung: 3.5 von 5.
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Roots of Creation: Dub Free or Die, Vol. 1

Manche Alben entziehen sich vehement der Schubladisierung, entziehen sich der eindeutigen Verortung im musikalischen Universum: Etwa wenn ein Konglomerat aus verschiedenen Musikrichtungen und Spielarten die eindeutige Zuordnung verweigert. Als aktuelles Beispiel dafür könnte „Dub Free or Die, Vol. 1“ (Bombshelter Records) von Roots of Creation dienen. Die Band aus New Hampshire war prä-Corona wohl ein gut gebuchter Live-Act, der sich ob seiner Reggae-Rock-Jam-Hybriden für Festivals mit der vorrangigen Zielgruppe Campus-Jungvolk bestens eignet. Insofern unterscheidet sie herzlich wenig von ihren erfolgreichen Reggae-Rock-Kollegen von der Westküste – Slightly Stupid, Iya Terra, Rebelution & Konsorten. Ob die allerdings auch so nah an ihrem Publikum sind, dass sie die mitgröhl-Basslinie schlechthin im Programm haben, wage ich zu bezweifeln:

So eine Reggae-Dampfhammer-Version von „Seven Nation Army“ funktioniert natürlich live am besten; für uns im direkten Vergleich aber interessanter die auf „Dub Free or Die, Vol. 1“ enthaltene Dub-Version mit markantem Melodica-Einsatz:

Der White Stripes-Titel ist sicher der augenfälligste Track des Albums – steht aber keineswegs stellvertretend für die restlichen Titel, deren Arrangements doch einen Ticken elaborierter sind. Wer also Fan von bombastischen, halsbrecherischen Bläsersätzen, ausufernden Gitarrensoli und mitunter rockigen Drum-Pattern ist, wird seine Freude am von Roots of Creation selbst produzierten Album haben – wird es aber möglicherweise eher als Instrumental-Werk denn als Dub-Release schätzen.

Ja, das hat schon was von Artrock, von Big Bands, von theatralischen Rock-Overtüren á la Jim Steinman – bleibt aber rhythmisch und produktionstechnisch meist im Reggae bzw. Dub verwurzelt. Diese Mischung macht’s wohl aus; sie läßt „Dub Free or Die, Vol. 1“ erfrischend anders klingen. Die Schublade „Außergewöhnliches“ würde sich dafür durchaus anbieten… der geneigte Hörer möge entscheiden.

Bewertung: 3.5 von 5.