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Haze St. Dub: A New Beginning

Es ist eine der Veröffentlichungen, über die man zufällig stolpert. Man hört kurz rein, etwas lässt aufhorchen. Noch kann man nicht sagen was, aber wiederholtes Hören legt Schicht um Schicht frei und letztlich eröffnet sich etwas Interessantes, Spezielles, Schönes. Etwas, das den Rezensenten zur Recherche herausfordert. Was er schlussendlich findet ist das Debut eines (vermeintlich) unbekannten Künstlers, von dem er mehr wissen möchte und mit dem er Kontakt aufnimmt. Es ist Andrew Stoch aka Drew Keys, der unter dem Pseudonym Haze St. Dub das Album „A New Beginning“ (Haze St. Studios) herausgebracht hat. Drew ist begeistert von der Idee, Teile eines Interviews in eine dubblog.de-Rezension einfließen zu lassen. Ich maile ihm am 12. Dezember 2020 die Fragen dafür – „… lass Dir Zeit und beantworte nur die, die Du interessant findest“.

Und hier sind wir nun – mit einem feinen Album, oder besser gesagt: einer feinen 7-Track EP, die bis auf den Track „Nebula“ wie aus einem Guss wirkt. Sicher, das sind Dub-Tracks, aber nicht von der althergebrachten Sorte: Die Arrangements und Instrumentierung sind dafür einen Tacken zu einfallsreich und erinnern, auch vom nicht sonderlich bass-lastigen Mixdown her, an Rock/Pop-Instrumentals im Reggae-Gewand. Das ist keineswegs despektierlich gemeint, zumal da offenkundig versierte Musiker*innen am Werk sind. Drew Keys selbst fährt Keyboard-Sounds auf, die man bislang selten oder gar nicht im Genre gehört hat; sie klingen zeitgemäß, angesagt und könnten genauso auf einem in den Billboard-Charts gelisteten Track auftauchen. Ähnliches könnte man von seinem Dub-Mix sagen – klassisch Echo und Hall: ja, aber da sind auch Effekte, die man eher einem Club-Remix zuordnen würde. Contemporary Dub? Nein, das wäre übertrieben; es ist vielmehr eine interessante Mixtur aus musikalischem Können, Klangfarben und unüblichen Effekten. Ist das noch Dub oder sind es schon Instrumentals? Manche Fragen stellen sich im Nachhinein als völlig unwichtig heraus. Es ist jedenfalls ein Album, dass den engen Horizont des klassischen Dubs etwas weiter nach hinten rückt. 

Drew Keys selbst ist versierter und gefragter Keyboarder und Posaunist; er arbeitet mit Shaggy, Arkaingelle, den Zion-I-Kings rund um Tippy Laurent, den Common Kings und vielen mehr auf der Bühne und im Studio. „A New Beginning“ ist sein Debut unter eigenem Label, aufgenommen im eigenen Studio und ein wichtiger Teil seines musikalischen Vermächtnisses. Er ist am 18. Dezember 2020 verstorben. 

Live Dub by Haze St Dub aka Drew Keys.

Bewertung: 4 von 5.

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Dubmatix: Riddim Full

This is not a Dub Album. Es ist noch nicht mal ein neues Album; Dubmatix‘ „Riddim Full“ (Renegade Recordings) erschien schon letzten November und wird als Nachfolger von „Riddim Driven Vol. 1“ (aka „Versions Vol. 1“) vermarktet. Der Titel ist Programm: 11 weitere Riddims aus dem Haus Dubmatix, wie sie so im Laufe der Zeit entstanden und in der Community mitunter als Vokal-Versionen bekannt geworden sind. 

So weit, so schlecht: Das ist nun mal dubblog.de und nicht riddimblog.de. Aber… warum nicht mal reinhören, wenn die Gelegenheit günstig ist? Um Stimmen erleichtert, eröffnen die einzelnen Tracks tiefe Einblicke in die Arrangements und Produktionstechnik von Dubmatix; überraschen hier mal mit schönen Bläser-Sätzen (Can’t Keep Us Down Riddim), enttäuschen da mal mit einfallslosen Loops (Rock N Hard Riddim). Verlässlich hingegen der typische Dubmatix-Sound: Der Offbeat drängt sich in den Vordergrund, der Bass hält sich etwas zurück, die Drums kann man auch schon mal mit einem Dampfhammer verwechseln. Richtig, da schielt jemand immer wieder mal in Richtung Dancefloor.

Im direkten Vergleich zieht „Riddim Full“ beim Rezensenten den kürzeren; der Vorgänger „Riddim Driven Vol. 1“ ist eine Spur abwechslungsreicher. Ärgerlich bei beiden Releases ist das Album-Mastering, so es überhaupt eines gegeben hat: Es kann doch nicht sooo schwer sein, 10 bzw. 11 Tracks ein halbwegs ähnliches Volume Level zu verpassen. Komm schon, Dubmatix… tu’s für mich.

Bewertung: 3 von 5.
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Joe Ariwa: The Next Generation of Dub!

Wie der Vater, so der Sohn – diese Befürchtung trifft auch auf Joe Ariwa zu. Während Papa Mad Professor wieder mal Jubiläum feiert, bringt der Sohnemann sein neues Album „The Next Generation of Dub!“ (Ariwa Sounds) unter die Leute. Mit so einem Titel steigt natürlich die Erwartungshaltung – was könnte das wohl sein, die nächste Dub-Generation, welche bahnbrechende Weiterentwicklung hat da stattgefunden, dass man gar den Generationen-Vergleich bemüht?

Ich mach’s kurz und schmerzlos: Nichts, nada, nothing, rien, zero hat sich da weiterentwickelt. Same-same and definitely not different. Joe Ariwa klingt, riecht, schmeckt und wirkt wie Mad Professor – er ist sozusagen das Ariwa-Generikum (kostet aber gleich viel). Da wie dort die gleichen Arrangements, Klänge und Effekte, sogar das Markenzeichen des verrückten Professors, der berühmte Bass-Furz (in Ermangelung einer passenderen Bezeichnung), findet ausgiebig Verwendung. Auch soundmäßig gibt’s nichts Neues zu vermelden: Die Ohren des Rezensenten bluten hüben wie drüben.

Wer also Fan von Mad Professor’s Dub-Ansichten ist, darf sich freuen: Es gibt jetzt mehr vom Gleichen! Wer sich Anderes oder eine Weiterentwicklung erwartet hat, wird enttäuscht sein: Stillstand ist die Devise. „The Next Generation of Dub“ muss anderswo stattfinden.

Bewertung: 2.5 von 5.
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Addis Records: Jamaica By Bus

Der Streaming-Dienst meiner Wahl kennt mich sehr gut; er weiß um meine wahnwitzige Liebe zum Dub und kann sie von meiner Wertschätzung für Reggae unterscheiden. Er versorgt mich freitags pünktlich um 00:00 Uhr mit den aktuellsten Releases – vermutlich wohlwissend, dass ich gläserner Mensch spätestens um 23:59 Uhr gespannt vor dem Notebook sitze um das Neueste vom Neuen in Sachen Dub präsentiert zu bekommen. Nein, nicht Minimal-Techno-Elektro-Steppers-Dub, der sich vorwiegend durch endlose Wiederholungen ein- und derselben Synth-Bassline bzw. ein- und desselben EDM-Patterns auszeichnet; auch nicht Dub der billigen Art irgendwo im Kämmerchen schnell zusammengeschustert und ganz sicher nicht Dub, der zum Selbstzweck produziert wurde. Es muss schon der klassisch angelegte Dub sein, der mutig die Gegenwart reflektiert; der bestenfalls der Counterpart eines Vokal-Albums ist oder sich als ausgefeiltes, Dub-inspiriertes Instrumental-Album präsentiert.

But then again… nobody is perfect. Mitunter spüle ich – selten aber doch – meine Gehörgänge bewusst mit völlig genrefremden Produktionen diverser aktueller Künstler*innen durch. Zum einen betteln die grauen Zellen von Zeit zu Zeit nach ansprechenden und/oder intelligenten Texten; zum anderen meine ich, dass klassischer Dub keine Insel der Seligen ist: Er kann und muss sich auf neue musikalische Strömungen und technische Entwicklungen einlassen, um im Rahmen seiner Möglichkeiten aktuell, lebendig und ja, auch konkurrenzfähig zu sein. Insofern ist mir ein Vergleich mit anderen Genres wichtig – ich gehe aber davon aus, dass mein Streaming-Dienst diesen Gedankengang (noch) nicht nachvollziehen kann und so das eine oder andere genrefremde Album sinnfrei in die geliebte Dub-Neuerscheinungsliste fehlleitet. Jedenfalls wird so nicht nur meine Lust am Entdecken neuer Dub Produktionen gestillt – ich erweitere gleichzeitig meinen Horizont und kann mich kritisch mit aktueller Musik auseinandersetzen. 

Das ist mitunter anstrengend, aber höchst befriedigend und beschert denn einen oder anderen Aha-Moment, was uns zum eigentlichen Thema dieser Rezension bringt: Spotify präsentiert mir ein brandneues Album, dessen knallbuntes Comic-Cover spontan auf den Soundtrack zu einem Sequel vom „Cool Runnings“-Film schließen lässt; der Titel „Jamaica By Bus“ weist trotz der Marley-Referenz eher auf ein Calypso- oder Mento-geschwängertes Touristen-Mitbringsel hin denn auf ein gehaltvolles Album; auch der Künstlername „Addis Records“ scheint seltsam… also Augen zu und durch. Erster Eindruck: woah… eine professionelle Produktion mit erdigem, sattem und dynamischem Sound, Marke Instrumental-Reggae. Zweiter Eindruck und Verdacht: oh no… Dean Fraser. Sein mitunter aggressives, oft x-mal gelayertes Saxophon will mir einfach nicht ins Ohr gehen. Um es deutlich zu sagen: Sein in Schichten eingespieltes Sopran-, Tenor-, Bariton- und Bass-Saxophon ist kein klassischer Bläsersatz wie er im Reggae/Dub zuhause ist und legt eher den Verdacht nahe, dass man sich Posaune und Trompete ersparen will. So mancher Dub-Enthusiast wird das anderes sehen; mir hingegen fällt es schwer, Fraser zu verzeihen, dass er Klassiker wie Black Uhuru’s „Shine Eye Gal“ gemeuchelt hat. Ich wünschte der Mann würde sich vermehrt den Backing-Vocals zuwenden, deren Arrangement er perfekt beherrscht – man erinnere sich nur an die grandiosen Harmonien, die er für diverse XTerminator-Produktionen kreiert hat.

Schon der überaus gelungene zweite Track von „Jamaica By Bus“ (Addis Records) zerstreut aber alle Bedenken: Posaune da, alles gut und noch mehr: Wenige, gut platzierte Dub-Effekte sorgen dafür, dass man am Instrumental-Album nicht wie trocken Brot würgt. Die Vielzahl der an der Produktion beteiligten, einschlägig bekannten Musikern spiegelt sich in der Vielfalt der nach neun der 14 jamaikanischen Parishes (Gemeindebezirken) benannten Titel – alles Handarbeit im allerbesten Sinn, aufgenommen über einen Zeitraum von sechs Jahren in Kingston, London, Paris, Genf und trotzdem: Ein Album wie aus einem Guss; ein Album mit starkem Bezug zu Aufnahmen aus den frühen 1980ern; ein Album, dass sich wie selbstverständlich einmal quer durch One Drop, Rockers, Steppers und retour spielt und so recht kurzweilig geraten ist.

Und wer hat’s produziert? Die Schweizer natürlich – das Duo Jil & Stuf, dass bereits unter dem Namen „Restless Mashaits“ zwei gute, wenn auch nicht optimal abgemischte Instrumental-Alben veröffentlicht hat. Dieses Manko wurde jetzt behoben; die Drum Machine ist endgültig entsorgt und musikalische Exzellenz steht im Mittelpunkt. „Jamaica By Bus ist kein Dub-Album, auch kein reines Instrumental-Album; es ist ein zu 100% live eingespieltes Version-Album“, so Produzent Jil. „Wir wollten damit die spezielle Atmosphäre einzelner Parishes einfangen – eine musikalische Entdeckungsreise sozusagen, in Anlehnung an unsere eigenen Erfahrungen bei der Erkundung der Insel.“ Mittlerweile scheint Jil sie sehr gut zu kennen – seit 1991 bereist er Jamaika. Er kennt die permanent angespannte, mitunter gefährliche Situation in Kingston; er weiß aber auch um die gänzlich anderen Szenerien in Gegenden fernab der Hauptstadt. So abwechslungsreich die Insel, so verschieden die Tracks – verbunden allein durch Instrumentierung, Arrangement und Mix.

Bleibt noch die Frage nach dem Künstler-Namen: „Addis Records ist eigentlich der Name unseres 1992 gegründeten Labels,“ so Jil, „wir wollen damit auf den Streaming-Plattformen leichter zu finden sein.“ Man wünscht Jil & Stuf, dass diese Rechnung aufgeht – denn das kunterbunte Cover, auf dem noch nicht mal den Albumtitel zu finden ist, macht die optische Orientierung schwer. Also Obacht und lasst Euch nicht verwirren: Das ist kein Album mit Kinderliedern, sondern erstklassig produzierter Instrumental-Reggae – zwar bei weitem nicht so ausgefeilt und Solo-lastig wie Clive Hunt’s aktueller „Blue Lizzard“-Release, aber es als bloßes „Version-Album“ zu bezeichnen ist stark untertrieben: Als solches wäre es wohl das Beste, dass mir je untergekommen ist.

Bewertung: 4 von 5.

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Nick Sefakis: Foundation In Dub

In letzter Zeit erscheinen immer wieder Releases, die sich in erster Linie durch Sänger*innen auszeichnen, deren Stimme man durchaus das Prädikat „charakterlos“ verleihen kann. Das mag äußerst despektierlich klingen, ist aber keineswegs so gemeint. Singen per se ist nicht jedermanns Sache; nicht jede Stimme ist universal einsetzbar und nur wenige haben diesen eindeutigen Wiedererkennungswert, den ich als „stimmlichen Charakter“ bezeichnen möchte. Es ist diese einzigartige Intonation, Diktion und Manier, die – wenn man das so ausdrücken möchte – einer Stimme ihren Charakter verleihen. Das Reggae-Genre war und ist reich an diesen stimmlichen Unikaten: Michael Rose, Winston Rodney, Marcia Griffiths, Peter Tosh, Gregory Isaacs, Eek-A-Mouse, Dennis Brown, U-Roy, Earl 16, Apple Gabriel, Don Carlos, Vaughn Benjamin, Leroy Sibbles, die Marleys, usw. usf. – jede und jeder Einzelne unverwechselbar und bereits beim ersten Ton augenblicklich erkennbar. Dabei ist es völlig unwichtig ob der Ton sitzt oder ziemlich daneben geht; im Reggae sieht man das nicht so eng und macht mitunter den leicht schiefen Ton – den zwischen den Noten sozusagen – zum Stilmittel: Winston Rodney aka Burning Spear weiß davon das eine oder andere Lied zu singen; für Anthony B. ist Intonation sowieso ein lebenslanger „Universal Struggle„.

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich im obigen Name-Dropping überwiegend die ganz Großen aus den 1970ern und 80ern wiederfinden – einer Zeit, als Major Labels dem Reggae noch großen Wert zugestanden haben – überwiegend dank Bob Marley, aber ebenso dem Hype, der nach seinem Tod entstand: Wer würde wohl den nächsten Reggae-Superstar unter Vertrag nehmen? Natürlich hat man auch schon zu Marley’s Zeiten mehr oder weniger erfolgreich andere Künstler des Genres aufgebaut; und wie das zu diesen Zeiten so war, haben die Majors eine rigorose Auswahl getroffen: nur die Besten der Besten im Sinne von Vermarktbarkeit, Wiedererkennungswert und… ja, auch Können. Ich unterstelle, dass Kriterien wie Naivität, Gefügigkeit und Manipulierbarkeit eine gewisse Rolle gespielt haben; das Investment musste sich bezahlt machen. Wenn dem nicht so war, fand man sich schnell bei kleinen und Kleinst-Labels wieder, die das Genre nach dem umsatzbedingten Desinteresse der Major Labels dankenswerterweise ins neue Jahrtausend getragen haben.

Die Musiklandschaft heute hat sich aufgrund der dahinsiechenden Musikindustrie und neuer technischer Möglichkeiten völlig verändert; die großen Umsatzfaktoren sind Live-Performance und Merchandise. Jeder – und das ist der springende Punkt – jeder, ob Musiker oder nicht, kann sich mit relativ geringem Kapitalaufwand in Eigenproduktion, -vertrieb, -vermarktung versuchen. Eine Vorauswahl der „Best of the Best“ findet nicht mehr statt und die Pyramide mit den Stufen des Erfolgs ist sehr, sehr flach geworden – im Genre Reggae, wohlgemerkt. Es bleibt der subjektiven Wertung überlassen, ob man das positiv oder negativ sehen möchte.

Kein Wunder also, dass wir uns heute mit einer erklecklichen Anzahl an Releases konfrontiert sehen, die ich als bestenfalls mittelmäßig werten möchte. Grund dafür könnte fehlende Expertise sein: Nicht jeder, der Pro Tools auf seinem Notebook installiert hat, kann produzieren. Nicht jeder, der ein Instrument besitzt, beherrscht es oder kann es dem Arrangement dienlich einsetzen. Nicht jeder, der eine Stimme hat, sollte singen – womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären und am Ende dieses kleinen Exkurses. Und dass alles wegen Nick Sefakis!

Entgegen dem vermuteten Fragezeichen im Gesicht des einen oder anderen Lesers ist Sefakis kein ganz Unbekannter: Der Mann ist Gitarrist beim kalifornischen Reggae-Rock-Pop-Konglomerat Iya Terra und verrichtet dort, wie man auf YouTube nachvollziehen kann, gute Arbeit:

Schuster, bleib‘ bei Deinem Leisten: Als begnadeter Saitenzupfer muss man nicht auch noch singen, schon gar nicht wenn’s die Stimme im Lead mangels des oben frech „Charakter“ Genannten nicht bringt. Dabei kann Nick Sefakis seine Stimmbänder durchaus sinnvoll einsetzen: Es finden sich traumhaft gelayerte, wunderbar harmonische old-school Background-Vocals auf seinem Solo-Debut „Foundation“ – und die lässt er zur großen Freude des Rezensenten auf den Dub-Counterpart „Foundation in Dub“ (Eigenverlag) so richtig zur Geltung kommen. Seidenweich setzen sie die Hook-Lines in Szene und wecken Erinnerungen an die großen Vocal-Trios á la Israel Vibration, The Viceroys / Paragons / Tamlins / Meditations / Heptones und wie sie alle heißen. Das und die Absenz bzw. die Reverb-Verarztung der Lead Vocals über weite Strecken zeichnen das Dub-Album aus, das man produktionstechnisch als gelungen bezeichnen kann: Klassische Arrangements und schöner, ausgewogener, wenn auch einen Ticken zu polierter Klang trifft auf zurückhaltenden, nichtsdestotrotz feinen Dub-Mix. Gut, ich hätte mir auf allen Tracks live-Drums gewünscht, aber man kann nun mal nicht alles haben und ich sehe die feinen, live eingespielten Bläsersätze als eine Art Wiedergutmachung. Ich will auch nicht kleinlich sein und winke selbst den AutoTune-Einsatz durch: Wenn’s passt, dann passt’s. Bei den vereinzelt eingesetzten HipHop-Beats hört’s dann wieder auf, die müssen nicht sein.

Kann man also „Foundation in Dub“ als gutes Dub-Album empfehlen? Durchaus, vor allem im Vergleich zum eher langweiligen Vocal-Album. Auch wenn Nick Sefakis das vermutlich nicht beabsichtigt hat: Die Dubs sind wie geschaffen für den Soundtrack zum Sundowner… am 7-Mile-Beach in Negril, im Alfred‘s Ocean Palace. „Life is surely what you make it so I made a dream of it“ – recht hat er, der Herr Sefakis.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Rapha Pico & The Noble Chanters: The Glory of Dub

Rapha Pico, Sänger aus den Niederlanden, fiel erstmals mit seiner EP „Continue The Glory“ auf. In erster Linie ob seiner Stimme, die irgendwo zwischen Ras Batch und Army einzuordnen wäre – sprich einer Stimme ohne Eigenschaften, quasi der Lebensgrundlage von Background-Sänger*innen schlechthin. In zweiter Linie ob der Texte, die mit ihrer Schlichtheit und dem Bemühen einfachster Bilder über die üblichen und hinlänglich bekannten Rasta-Befindlichkeiten nicht hinausgehen. So weit, so schlecht – wäre da nicht eine sattelfeste Backing Band, die sich „The Noble Chanters“ nennt; wäre da nicht eine äußerst gelungene Produktion, wie sie klassischer nicht sein könnte:

Gut, der bemühte Rezensent findet immer etwas zum mosern – und sei es nur der Drummer, der zwar sehr schön Carlton Barrett imitiert, aber mit der Zeit nervt’s dann doch: Es gibt nun mal nur einen Carlton Barrett mit seinem außergewöhnlichen Drum-Stil; Klone kommen an ihn nicht heran und sind überflüssig – natürlich mit Ausnahme der Drummer in den diversen Wailers-Inkarnationen post-Marley.

Wenden wir uns also dem frisch erschienen Dub-Counterpart der EP zu, trefflicherweise „The Glory of Dub“ (Noble Chanters Productions) betitelt. Klanglich rauer und nicht so poliert wie das Vokal Album, stehen Drums und Bass mit erstaunlicher Dynamik im Vordergrund. Die in den Stücken immer wieder mal auftauchenden Stimm-Sprengsel sind sehr gut gewählt und geben meist die Essenz der jeweiligen Lyrics wieder. Die Dub-Effekte könnten klassischer nicht sein: Unaufgeregtes Echo und Hall ziehen sich durch‘s ganze Album; die eine oder andere Tonspur wird sanft ein- und ausgeblendet. Und das war’s auch schon, mehr braucht’s auch nicht. Das trägt Hörerin & Hörer durch sechs Tracks, die zusammen erstaunliche 42 Minuten lang dauern – während es der Vokal-Counterpart mit ebenfalls sechs Tracks lediglich auf 28 Minuten bringt. Da hat wohl jemand große Freude an extra-langen Dub Versions gehabt, und die Freude ist ganz meinerseits:

Im Großen und Ganzen ist „The Glory of Dub“ also ein gelungenes, wenn auch kein experimentierfreudiges Dub-Album, das sich mit seiner ihm eigenen Unaufdringlichkeit vortrefflich als Backgroundmusik zum Arbeiten, Lesen oder Dösen eignet. Dem Rezensenten wäre das eine glatte 4-Sterne-Bewertung wert, wenn… ja wenn es da nicht am Anfang und Ende jedes einzelnen Tracks unerklärliche und sinnlose sekundenlange Stille geben würde. Die dauert mal 5 Sekunden, mal sage und schreibe 20 Sekunden. Das ist äußerst ärgerlich, trübt das Hörvergnügen massiv und kann m.E. nicht als Stilmittel zu rechtfertigen sein. Warum hier nicht editiert wurde, bleibt wohl ein Rätsel, das vielleicht die Leser*innen dieser Rezension klären können. Bis dahin ziehe ich mit Bedauern zwei Sterne in der Bewertung ab.

Bewertung: 2 von 5.

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Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew

Das Echo Beach-Label versteht es, seine veröffentlichten Produktionen ein- oder mehrmals wiederzuverwerten. Das kann man mit einigem good will als nachhaltiges Upcyclen oder gar als Weiterforschen am musikalischen Mikrobiom interpretieren; in vorliegendem Fall sehe ich es aber eher als Wiederbelebungsmaßnahme für ein… nun ja, suboptimal gelungenes Album. Kurzum, Dubblestandart’s „Reggae Classics“-Kollaboration mit der Firehouse Crew hat einen kräftigen neuen Anstrich erhalten. Nachdem Paolo Baldini für sein feines Dubblestandart-Remix Album bereits zwei Tracks aufgemischt und entrümpelt hat, nimmt sich jetzt Felix Wolter aka The Dubvisionist dankenswerterweise des gesamten Albums an, dass soeben unter dem Titel „Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew“ (Echo Beach) erschienen ist.

Der Dubvisionist erledigt dabei seinen Job recht forsch, um nicht zu sagen: rücksichtslos, und er denkt nicht daran, Gefangene zu machen: So fliegen Paul Zasky’s steife Vocals komplett aus dem Mix und dürfen, wenn überhaupt, nur mehr als hochgradig verfremdete Schnipsel zurückkehren. So gelingt es tatsächlich erstmals, Bruchstücke der Stimme in den Dienst der Sache zu stellen und damit ein großes Manko des Original-Albums zu beheben. Auch mit anderen Tonspuren geht Felix Wolter nicht zimperlich um; Gitarren- oder Drum-Parts müssen schon mal dran glauben, um Raum für die der beabsichtigten Stimmung zuträglicheren Synths zu schaffen. Als Klangteppich spielen sie eine gewichtige Rolle im Mix und verbreiten eine getragene, mitunter mystisch-melancholische Atmosphäre, die den Grundtenor des Albums prägt.

Mir ringt diese resolute, kompromisslose Herangehensweise des Dubvisionisten einigen Respekt ab; was er aus den gegebenen Klängen noch rausholt, ist erstaunlich: Tänzelten die Originale noch allzu leichtfüßig daher, bekommt sie jetzt von ihm ein ordentliches Fundament verpasst – ein Stück wie „Hypocrite“ gerät so zum stampfenden Furiosum. Andere Tracks scheinen hingegen ätherisch zu schweben; der Opener „I’m No Robot“ beschwört schon mal mehr als eine Minute die Grundstimmung des Albums herbei – bevor mit Einsetzen der Drums Anleihe an der Hookline von Joy Division’s „Love Will Tear Us Apart“ genommen wird. Ein dramaturgischer Glanzgriff, keine Frage. Ebenso gelungen die neue, spacigere Version von Burning Spear’s „Fly Me To The Moon“ – erstaunlich, wie der neue Mix das Material belebt und eindrucksvoll demonstriert, wie zwei Dub-Mixer – Felix Wolter und Robbie Ost – ein und das selbe Material unterschiedlich interpretieren.

Nun ist es wohl so, dass zwei Herzen in Felix Wolter’s Brust pochen – da gibt’s den geschätzten Dubvisionisten, aber auch das Projekt PFL (Pre Fade Listening), dass sich mehr oder weniger der Lounge-Musik verschrieben hat. Beide beeinflussen und befruchten sich zu einem gewissen Grad gegenseitig, was zweifellos anhand von „Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew“ nachvollziehbar ist. Diese Mischung macht bisweilen den Reiz von Wolter’s Mixes aus, wird aber für den Dubhead spätestens dann zum Problem, wenn PFL dann doch mal das Kommando an sich reißt und einen Track wie „Babylon The Bandit“ in seichtere Lounge-Gewässer führt. Ein einmaliger Ausrutscher, der gerade noch von einer dominanten Bassline aufgefangen wird.

Soundtechnisch bewegen wir uns hier in den typischen Dubvisionist-Dimensionen: Markanter, eher mittig angelegter Bass; die Höhen zurückhaltend. Wer sich kristallklar-glitzernde Trebbles erwartet, wird enttäuscht werden. Alle anderen wissen, dass eine klangliche Hochglanzpolitur hier falsch am Platz wäre – Dub ist nun mal mehr Dampfwalze als Windspiel, mehr Gefühl denn Intellekt. Unter dieser Prämisse verwandelt der Dubvisionist einen ehemals hölzern-steifen Release in ein gefühlvolles, getragen-melancholisches, letztlich aber doch auch in ein Album mit positivem Ausblick.

P.S.: Klangtechnisch Interessierten empfehle ich, die Mixes von Robbie Ost, Paolo Baldini und vom Dubvisionisten back-to-back anzuhören; die Unterschiede sind ebenso eklatant wie erstaunlich: eine kleine Reise durch drei unterschiedliche Klangwelten.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Dub Spencer & Trance Hill: Tumultus II

PINK FLOYD. Ein ganzes Album schreit Pink Floyd – und ich liebe es vom ersten bis zum letzten Track und zurück: „Tumultus II“ nennt sich der neue Release von Dub Spencer & Trance Hill, und ich bin mir gar nicht so sicher ob für ihn die Kategorien „Dub“ oder gar „Reggae“ passend sind – beide waren für die Schweizer immer schon zu eng gefasst. Die Release-Info verleiht das Prädikat „psychedelischer Dub“ – vermutlich mangels einer besseren Begrifflichkeit, und der Markt verlangt nun mal nach einer Schublade. Fest steht: Die Herren beherrschen ihre Instrumente (dazu zähle ich auch das „Instrument“ Dub) dermaßen gut, dass sie damit nicht nur simpel Musik, sondern epische Klanggemälde erschaffen können. Dazu braucht’s die Freiheit, sich nicht an übliche Musikstrukturen zu halten; sich nicht in der ewigen rhythmischen Wiederholungsschleife auszuruhen, den Klangideen Zeit und Raum zum Atmen zu geben, Konzepte nach Belieben zu erstellen oder aufzugreifen und letztlich gerade auch die Freiheit, sich keinen Deut darum zu scheren was am Markt gerade gang und gäbe ist. So entstand eine Reihe großer Alben und ein ausgezeichneter Ruf, dem selbst konzeptuelle Seltsamkeiten wie „Riding Strange Horses“ und „Christmas in Dub“ nichts anhaben konnten.

Hier also ein weiteres Konzeptalbum, dass sich mehr denn je jenseits jeglicher Dub-Gepflogenheiten bewegt und vielleicht gerade deshalb ein Meilenstein im bisherigen Oeuvre von Dub Spencer & Trance Hill ist: Tumultus II, dessen kurioses Konzept aus nichts Geringerem als dem Alltag in einem antiken römischen Legionslager besteht. Da marschieren Truppen auf, Rüstungen und Waffen klirren und scheppern, Fanfaren eröffnen den Kampf der Gladiatoren und wir hören was die alten Römer sonst noch so für Lärm drauf hatten, bevor sie mutmaßlich von Asterix & Obelix vermöbelt wurden. Das Schweizer Vindonissa Museum hat im Rahmen seiner Soundwerkstatt Tumultus all diese antiken Klänge reproduziert, aufgenommen und verbindet sie mit modernen Sounds – diesmal eben mit dem von Dub Spencer & Trance Hill.

Hausmusik: Dub Spencer & Trance Hill & die Römer (© Museum Aargau)

Das Konzept hätte auch gehörig schief gehen können – etwa in Form eines platten musikalischen Alberto Uderzo und René Goscinny-Comics. Die obgenannten Fanfaren kommen dem gefährliche nahe, aber der Rest der geschätzten Hundertschaft an Geräusch-Samples wurde verfremdet, in Loops gelegt, mit Dub-Effekten bearbeitet und perfekt in eine vom bandeigenen Keyboarder Philipp Greter tadellos produzierte musikalische Reise eingebettet, die über sämtliche Dub-Plattitüden erhaben ist. Mitunter drängt sich allerdings die Frage auf, inwieweit dem Albumkonzept Rechnung getragen wurde – zumal die manipulierte Geräuschkulisse auch losgelöst davon funktioniert und als Soundtrack für vielerlei Stories herhalten könnte. 

Musikalisch kann man „Tumultus II“ als ausschweifend im allerbesten Sinn bezeichnen: Die Herren Trance & Hill nehmen sich Zeit. Das merkt man nicht nur an der Dauer der Tracks, wo man schon mal nahezu 15 spannende Minuten lang eine musikalische Idee entwickelt und sie in den verschiedensten Klangfarben und rhythmischen Facetten darstellt. Die musikalischen Strukturen und Arrangements sind so fein verwoben, dass ich auch nach gefühlten hundert Mal Anhören nicht sicher sagen kann, wann ein Track endet und der andere beginnt – abgesehen von „Gladiator“, der mit seinem platten Fanfaren-Intro die Ausnahme darstellt. Wenn also im Beipacktext zum Album von „Kopfkino“ gesprochen wird, so kann man dem nur beipflichten: Es ist eine abenteuerliche, nahezu minutiös angelegte Reise zu unterschiedlichsten musikalischen Destinationen, die ich für mich nicht fix verorten möchte. 

Um wieder zurück zu Pink Floyd zu kommen: Sie haben viel vom hier Beschriebenen vorgelebt – freilich um Längen epischer und theatralischer, aber ich wage durchaus den Vergleich: Hervorragende Musiker, enormer Ideenreichtum, großartige Umsetzung bzw. Ausführung und exzellenter Sound da wie dort; auch mach(t)en beide Combos nur geringe Zugeständnisse an den Markt und an 03:30 Minuten Radio-Hörgewohnheiten. Das alles wird umso bemerkenswerter angesichts der Größenordnung der jeweils zur Verfügung stehenden Produktionsbudgets. Letzteres könnte sich noch als unvermutet positiv herausstellen, wenn im Gegensatz zu den soundmäßig aufgedonnerten state-of-the-art-high-tech-Hochglanz-Alben von Pink Floyd der relativ trockene und zeitlose Sound von Dub Spencer & Trance Hill einer wesentlich würdevolleren Alterung unterliegt.

Wenn „Tumultus II“ also nicht wirklich als Reggae oder Dub-Release fassbar ist, was ist es dann? Simpel eine hervorragende musikalische Arbeit, die – zur Beruhigung alles Dubheads – natürlich mit jeder Menge Dub-Effekte und laid-back Rhythmik á la One Drop aufwartet. Zugleich gibt es hier aber noch so viel mehr zu entdecken – andere Künstler würden mit all diesen Ideen vermutlich mehrere Alben auffetten. Nicht so Dub Spencer & Trance Hill, und auch deshalb beide Daumen hoch für diesen beeindruckenden Release. 

Bewertung: 5 von 5.
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The Elovaters: Defy Dub

The Elovaters – wieder eine dieser schablonenhaften West Coast-Reggae-Rock-Pop-Outfits möchte man meinen. Und in der Tat, zumindest musikalisch kommt das so ungefähr hin: Leichtfüßiger Reggae, der noch ein paar Mys mehr in Richtung elaboriertes Songwriting geht und mit etlichen Hooklines aufwarten kann. Das mag sich wie ein musikalisches Todesurteil im Dub-Universum lesen, wo Melodien geradezu vaporisiert werden und mitunter nur mehr in homöopathischen Dosen wie Geister durch den Klangraum schweben; wo die Bassline und nichts als die Bassline die Bühne bildet, auf der wir uns gerne ein multidimensionales Hörerlebnis vorgaukeln lassen. Ich warne allerdings vor vorschnellen Urteilen, die man durchaus fällen könnte, wenn man das Album „Defy Gravity“ und das Video zu Single-Auskoppelung „Meridian“ auf sich wirken lässt:

Penisprothesen, Skate- und Surfboards gibt’s also auch an der East Coast, wie die Bostoner Elovaters in ihren Promo-Videos betonen. Das scheint zu greifen und der Erfolg gibt ihnen recht: Langen und erfolgreichen Tourneen folgt die Einspielung des obgenannten Albums mit Produzent Danny Kalb, der eher für seine Arbeiten mit Beck oder Ben Harper geschätzt wird als für seine vereinzelten Reggae-Produktionen. Für die Band ist die Zusammenarbeit mit dem Produzenten-Kapazunder offenkundig ein Glücksfall; er legt den Fokus auf Melodie und Texte, straffe Arrangements und einen leicht bekömmlichen, hippen Sound. Dass der Sänger einst ein Stipendium für Operngesang hatte, merkt man vordergründig (gott-sei-dank) nicht; aber so eine Ausbildung ist zweifellos hilfreich um sich dermaßen leicht und treffsicher durch Höhen und Tiefen ausgefeilten mehrstimmigen Gesangs zu bewegen. Insgesamt ein rundes Album also, dass von der anvisierten Zielgruppe sehr gut aufgenommen wurde und die Elovaters in neue Popularitätshöhen katapultiert hat.

Und damit könnte diese Rezension schon zu Ende sein, wenn… ja wenn da nicht kürzlich der Dub-Counterpart zum Vocal-Album auf den Markt gekommen wäre: „Defy Dub“ (The Elovaters) erscheint erst satte zwei Jahre nach „Defy Gravity“ und überrascht tatsächlich mit Basslines, die im Dub-Mix ausgegraben und freigelegt wurden. Dazu braucht’s Spezialisten – das sind hier unter anderem Gaudi und Victor Rice, die dem leichtfüßigen Pop-Reggae eine gewisse Erdung verleihen. Den Vogel schießt aber ein gewisser E.N Young ab, der in seine Dub-Mixes aktuelle und angesagte Soundeffekte einbringt – so packt er die Vocals schon mal in die muffige Box um ihre Echos anschließend von den Hochtönern zerschneiden zu lassen. Den Jungen sollte man im Auge behalten – als Dub-Mixer, wohlgemerkt; seine eigenen Versuche als Interpret im Reggae-Genre sind noch… nun ja, entwicklungsfähig.

Insgesamt sechs Dub Mixer gestalten „Defy Dub“ abwechslungsreich und verpassen so dem Vocal-Album ein 2020er-Update – wobei die junge Generation eindeutig den Ton angibt und Haudegen wie Gaudi und Victor Rice etwas hinter sich lässt. Das Gesamtresultat ist frisch, eingängig und beißt sich im Rezensenten-Ohr fest – das mag am außergewöhnlichen Sommer 2020 liegen, an der unerfüllten Sehnsucht nach Sonne, Meer und lauen Abenden am Strand; vielleicht auch am Wunsch nach Leichtigkeit in fordernden Zeiten. Wer hätte gedacht, dass der Soundtrack dazu ausgerechnet ein Dub-Album sein könnte…

Bewertung: 3.5 von 5.

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Gaudi: 100 Years of Theremin – The Dub Chapter

Wer die Melodica für das nervigsten Instrument hält, das je in Reggae und Dub seinen Einzug gehalten hat, sei eines Besseren belehrt: Es geht noch einige Stockwerke tiefer, werte Freunde des gepflegten Dubs.

Womit ich das Theremin vor den Vorhang bitte. Als Musikinstrument ein Kuriosum, treibt es mittlerweile bereits seit 100 Jahren sein Unwesen. Es gilt als einziges Instrument, dass völlig berührungsfrei gespielt wird; die oberen Extremitäten steuern Tonhöhe und Lautstärke einzig und allein durch luftige Bewegungen im Spannungsfeld zweier Elektroden. Die daraus resultierenden Veränderungen im elektrischen Feld werden verstärkt und als Ton wiedergegeben. So steht’s im Wikipedia, dass für Interessierte weitaus mehr einschlägige Infos zum Thema Theremin bereit hält. 

Dieses vermutlich erste elektronische Instrument zeichnete sich vor allem durch seine Wiedergabemöglichkeiten aus – Glissando und Vibrato waren vor Erfindung des Theremins in dieser Form nicht möglich. Heute erledigt das Modulationsrad an den Keys diese Aufgabe mit links (im wahrsten Sinne des Wortes); es besteht also kein Bedarf das Teil ins Studio oder auf die Bühne zu hieven. Oder doch? Nun ja, es ist schon ein cooles Retro-Erlebnis einen Theremin-Spieler in Aktion zu sehen; die Klänge erinnern spontan an die Soundeffekte von Science Fiction-Trash Movies der 1960er und 70er… und unter uns: Wer kennt nicht das berühmteste Musikstück mit gewichtigem Theremin-Bezug?

Das Centennial ist jedenfalls Grund genug für Exil-Italiener Gaudi ein ganzes Album rauszubringen, dass sich diesem Instrument widmet und – no na – den Titel „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“ (Dubmission Records) trägt. Die merkwürdige Kombination Reggae/Dub und Theremin gab’s allerdings schon mal – wer erinnert sich noch mit Grauen an’s „Theremin in Dub“-Album, bei dem Gary Himmelfarb aka Dr. Dread feine Dubs aus dem RAS Records-Katalog mit jaulenden Toneffekten unterlegt hat. Warum, wieso… weiß wohl nur der Doctor selbst.

Bei der Gaudi-Produktion verhält es sich anders. Der renommierte Musiker, der sich mit seinem Output entlang der Schnittstelle von Electronica und World Music bewegt, beherrscht das Instrument Theremin hörbar einwandfrei und kreiert damit Melodien, die gut zu den Backing Tracks des Albums passen. Und die stammen nicht von irgendwem, sondern von Dub-Cracks wie Adrian Sherwood, Dennis Bovell, dem Mad Professor, Scientist und Prince Fatty. Keine Neuproduktionen, wohlgemerkt; vielmehr Juwelen aus dem Back-Katalog dieser Produzenten.

Ich muss gestehen, dass mich diese Wiederverwertung alter Tracks anfangs nicht interessiert hat – Gaudi hin, Gaudi her. Als Musikliebhaber und Rezensent bin ich immer auf der Suche nach neuen Klängen und Effekten, nach frischen musikalischen und technischen Möglichkeiten, nach dem nächsten Ohr- und Bauch-Orgasmus. Altes und Wiederaufgekochtes sehe ich als Reminiszenz und Ausdruck seiner Zeit, den man heute leider nicht mehr in seiner ursprünglichen Form erleben kann – aber auch als Benchmark, an dem sich aktuelle Produktionen messen lassen können. 

Und doch macht es große Freude, Style Scott auf klassischen On-U Tracks (wieder) zu hören. Auch der Rest der Backing Tracks des Albums hat durchwegs gute Qualität, das Dub-Mixing ist einwandfrei. Und wie macht sich Gaudi und sein Theremin auf den Aufnahmen? Nun ja… einerseits exzellent, schließlich spielt er das Instrument seit 18 Jahren. Andererseits kommt es ganz darauf an, welche Rolle dem Theremin im Mixing gegeben wurde. Wenn es sich im ausgeglichenem Verhältnis zur restlichen Instrumentierung befindet, verschmilzt es völlig mit dem Dub – siehe Scientist’s „Smokin Dub“. Bei den anderen Tracks wirkt es aufdringlich laut und nervt extrem mit seiner nicht sehr wandlungsfähigen Klangfarbe – Adrian Sherwood’s „Dub out of Theremin“ sei hier als Beispiel genannt. Genau das ist die Crux von „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“: Das Instrument sitzt fast immer „on top“ und drängt sich Diva-mäßig in den Vordergrund. Und wie es so mit Diven ist, hat man sie und ihre Manierismen schnell satt.

Wie viele Tracks des Albums kann man also hintereinander hören, ohne entnervt das Handtuch zu werfen? Wenn man sich auf die exzellente Dub-Arbeit konzentriert, schafft man es womöglich auf einmal durch’s ganze Album. Andernfalls liegt die RDA bei allerhöchstens drei Dosen; manch einer wird aber wesentlich empfindlicher reagieren, fürchte ich.

Bewertung: 2 von 5.