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Bunny Wailer: Dub D’sco Vol. 1

Eine sehr traurige Nachricht erschüttert gerade die Reggae/Dub-Welt. Der letzte noch lebende Wailer aus dem Triumvirat der Wailing Wailers, Bunny Wailer, ist gestern (02.03.2021) 73-jährig im Kingstoner Krankenhaus gestorben. Aus diesem traurigen Anlass möchte ich nochmal die „Dub D’sco Vol. 1“ in Erinnerung bringen. Ein Album, das Bunny Wailer 1977 auf seinem Solomonic-Label veröffentliche und das von mir damals wie heute abgefeiert wird. Bunny Wailers erstes Dub-Album enthält (nur) sieben Tracks, die laut Bunny Wailer speziell für die Dancehall Massive ausgewählt wurden.
Das Album wird perfekt mit „Roots Raddics“ (aus Roots, Raddics, Rockers, Reggae) eröffnet. Ein heute immer noch unglaublicher und richtig packender Dub. Darauf folgt das mäandernde „Battering Down“ (aus Blackheart Man), das eine großartige Dub-Stimmung verbreitet, die träge und auf faszinierende Weise dahinfließt. Es ist immer wieder eine wahre Freude, die andere Dimension des Original-Gesangsstücks zu hören. Als Nächstes kommt „Armagedon“ (aus Blackheart Man), eine atemberaubende, mit Nyahbinghi Drumming verfeinerte, räumliche Klanglandschaft. Eine weitere großartige Version ist „Fig Tree“, die viele Vocals im Mix enthält. „Love Fire“ (aus Love Fire) erinnert ein wenig an „Dub Of Parliament“, Lee Perrys Dub-Version des Meditations Klassikers „House Of Parliament“. Die Hymne „Rasta Man“ (aus Blackheart Man) ist eine fantastische Dub-Version mit einer schillernden Atmosphäre. Sehr schön, wie gerade da Carly Barretts Drumming herauszuhören ist. Abgerundet wird dieses unglaubliche Meisterwerk durch „Dream Land“ (aus Blackheart Man), das ein paar herrlich kitschige Weltraum-Synthie-Klänge enthält.
Die meisten der auf Dub D’sco Vol. 1 enthaltenen Songs werden den Reggae-Fans mehr als geläufig sein, dennoch ist es immer wieder eine aufregende Erfahrung, sie in einem anderen, hier Dubwise-Stil zu hören. Die Art und Weise wie alle Songs von den weniger bekannten Dub-Meistern Sylvan Morris und Karl Pitterson im Kontrollraum eine inspiriert klingende Dub-Behandlung erhalten haben, kann als Sternstunde des Dub bezeichnet werden. Selten wurden der Instrumentierung und vor allem Bunny Wailers Stimme in Dub-Mixes so viel Raum gelassen. Es mag sein, dass Dub D’sco mit seinen Spezialeffekten etwas überproduziert daherkommt, aber letztendlich macht die Stärke der Songs und die exquisiten Darbietungen der Musiker dieses Album zu einem absoluten Muss für den Die-Heart-Dub-Fan.
R.I.P. Neville O’Riley Livingston aka Bunny Wailer

Bewertung: 5 von 5.
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R-Juna: Rockers Dub

Vom zyprischen Dubophonic Label gibt es wieder etwas Neues zu vermelden. Ein Jahr nach seiner Reggae/Dub-Debütveröffentlichung „Dubs And Praises“ ist der US-amerikanische Produzent aus Indiana Roy Waterford alias R-Juna mit seinem zweiten Dub-Album „Rockers Dub“ (Dubophonic Records) zurück. Und was soll ich euch sagen? Da geht einem alten Deadhead wie mir das Herz auf, wenn sich ein Dub-Künstler über 25 Jahre nach Jerry Garcias plötzlichem Tod (1995) und der offiziellen Auflösung der Grateful Dead zwei absolute Klassiker der Band: „Franklin’s Tower“ und „Fire On The Mountain“ vornimmt, sie einer Dubbehandlung unterzieht und durch die Echokammer jagt. Natürlich sind die beiden Titel auch Beleg dafür, welch außerordentlichen Stellenwert Grateful Dead – *die „amerikanischste“ aller Bands – in den USA innehat(te). Und was gibt’s noch auf der Neuerscheinung zu entdecken? In der Sammlung der zehn neuen Produktionen finden sich außerdem eine schöne Dubinterpretation des Red Stripes all-time Krachers „Seven Nation Army“ und des Doors Klassikers „Riders On The Storm“ mit Samples von Jim Morrisons Originalstimme. Die verbleibenden sechs Titel sind ordentliche Eigenkompositionen im herkömmlichen Roots-Dub-Style, die R-Juna elegant zwischen die Klassiker positioniert hat. Produziert, gemischt und gemastert wurde das Album wieder von Roy Waterford im Alleingang. Lediglich für die Dubbearbeitung der Grateful Dead Tracks wurde Colton Lantz an der Gitarre als Unterstützung angeheuert. Als kleinen Wermutstropfen muss ich konstatieren, dass Colton Lantz noch nicht einmal im Entferntesten an den glasklaren Gitarrensound eines Jerry Garcias herankommt. Wobei es ihm beim „Fire on the (Mountain) Dub“ etwas besser gelingt. Sei’s drum, denn das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie bereits R-Junas erstes Dub-Album „Dubs & Praises“ kostet auch „Rockers Dub“ wieder nur das, was du zu zahlen gewillt bist.

*Die „amerikanischste“ aller Bands deshalb, weil sie es verstanden, mühelos fast alle amerikanischen Musikstile in ihren einzigartigen Band-Sound zu adaptieren.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Tor.Ma In Dub: I Dub You! Vol. 1

Heutzutage gibt es verdammt gute aber auch viele sehr gleichförmige Dubs. Wenige davon sind wirklich schlecht. Trotzdem sind die meisten davon nicht so faszinierend und beeindruckend, dass sie nicht nach zwei- bis dreimaligem Hören auf lange Zeit oder sogar für immer im Archiv verschwinden. Eine dieser positiven Überraschungen ist der Mexikaner Rafael Hernandez aka Tor.Ma In Dub mit seinem neuen Album: „I Dub You! Vol. 1“. Tor.Ma In Dub ist Musiker, Produzent und DJ, der große Begeisterung für die meisten Formen elektronischer Musik: Psytrance, Goa, Progressive & Ethnic Trance, Dub, Ambient, Jazz und Reggae hegt. Viele dieser Genres werden auch auf der aktuellen EP „I Dub You! Vol. 1“ mit unterschiedlicher Gewichtung verwendet. Wobei der Schwerpunkt zweifelsfrei auf der Dub-Reggae-Seite und der elektronischen Tanzmusik liegt. Die Idee hinter „I Dub You! Vol. 1“ ist so genial wie simpel. Tor.Ma In Dub setzte sich ans Mischpult und fertigte aus purem Vergnügen Remixe oder Versions von Tracks der Künstler und Genres, die seinen Musikgeschmack nachdrücklich beeinflussten. Herausgekommen ist eine wahrlich wilde, ich möchte eher sagen, gewagte Mischung: Gorillaz, 2Pac feat. Dr. Dre, The Doors, Rage against the Maschine, Chemical Bros und Sublime. Boah, geht das zusammen? Für meinen Geschmack schon. Solch eine abgefahrene Mischung finde ich einfach nur weltklasse. Alleine den Gorillaz: „Clint Eastwood“ Track habe ich damals im Original schon richtig abgefeiert. Als Dub ist er geradezu phänomenal. Über die Dub-Veredelung des all time Klassikers der Doors: „Riders on the Storm“ – Jim Morrisons allerletzter Song zu Lebzeiten – freue ich mich ganz besonders. Insgesamt ist diese EP eine völlig ausgeflippte Mischung mit zum Teil sehr rhythmisch treibenden Kompositionen, die sowohl ideal für die Tanzfläche sind, als auch das trippige Kopfhörer-Erlebnis garantieren. Wer so etwas zustande bringt, hat wie Adrian Sherwood auch keinerlei Berührungsängste und schaut ganz weit über den Tellerrand. Meines Erachtens entwickeln gerade Künstler wie Sherwood (sowieso), Kutiman, DubRajah, Dreadzone oder jetzt Tor.Ma In Dub das Genre entscheidend weiter und geben ihm neue, frische Impulse. Insgesamt eine sehr positive, vor allem kreative Weiterentwicklung des Dub. Freue mich jetzt schon auf Vol. 2!

Bewertung: 4.5 von 5.

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Kutiman: Wachaga In Dub

Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende entgegen und pünktlich finde ich noch einen passenden Abschluss. Eine Kuriosität, eines dieser Dubious-Music-Alben, die ich so sehr liebe, rotiert bei mir seit zwei Wochen Minimum zweimal täglich. Im ersten Moment klingt das Album, als hätten sich die ON-U Sound Legenden Adrian Sherwood, African Head Charge und Strange Parcels zusammengetan und veröffentlichten jetzt ein Seitenprojekt unter dem Künstlernamen „Kutiman“. Aber weit gefehlt, der israelische Kibbuznik, Produzent, Filmemacher und Multiinstrumentalist Ophir „Kutiman“ Kutiel steckt hinter dem Ganzen. Musikalisch ist Kutiman in ganz unterschiedlichen Genres wie Funk, Afrobeat, Worldmusik, Jazz, Psychedelic Rock und Alternative zu Hause. Ganze sechs Jahre hat er sich nun Zeit gelassen, um „Kutiman: Wachaga In Dub“ zu veröffentlichen.
Mit großer Ausrüstung (Mikrofone, Videoaufzeichnungsgeräte) flog Kutiman, den in Israel beinahe jedes Kind auf der Straße erkennt, 2014 nach Tansania, Afrika. Dort arbeitete er mit Stämmen der Massai und der Wachaga, einer Gruppe indigener Völker zusammen, die am Fuße des Kilimandscharo leben. Basierend auf den dort entstandenen Feldaufnahmen lokaler Musiker, Stammesgesängen und singenden Schulkindern aus Arusha, stellte er dann im heimischen Studio akribisch „Wachaga“ zusammen. Aus fünf der neun Originaltitel seines vierten Studioalbums schuf er jetzt „Wachaga In Dub“. Im Geiste klassischer Dub-Alben nimmt Kutiman Teile des ursprünglichen Ausgangsmaterials, ordnet sie neu, fügt Delay, Reverb und Phaser hinzu, um seine Musik in neue halluzinogene Höhen zu pushen. Entstanden ist ein wahrlich einzigartiges Konzept, das traditionelle afrikanische Gesänge und Rhythmen mit spirituellem Jazz und frisch klingender Elektronik kombiniert. Die Rhythmusmuster, Gesänge und die sich wiederholenden Passagen bieten die perfekte Plattform für Kutimans bewusstseinserweiternde Erkundungen. Das psychedelische „Awake In Dub“ klingt, als hätte Doug Wimbish die satten Bass-Lines eingespielt. „Maasai In Dub“ ist ein akustisch-afrikanischer Trip – (m)ein Killertrack. Das Mini-Album ist eine Tour de Force, die mitten ins Schwarze trifft, weil sich durch die Verschmelzung von Sampling, Electronica, Jazz und extrem vielen Dub-Effekten eine Exotik offenbart, die man in der Art sehr selten zu hören bekommt. Bitte mehr davon, Kutiman.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Super Hi-Fi: Yule Analog Vol. 2

Sonntag haben wir den ersten Advent. Eines kann ich heute schon sagen: Es wird wegen Corona ein Advent, wie ihn bisher niemand von uns kennt.
Was bietet sich mehr an, als eine Sammlung klassischer Weihnachtslieder im Reggae-Rhythmus und ordentlicher Dub-Behandlung zu besprechen?
Beim Gedanken an Weihnachten habe ich Visionen unserer Familienfeiern mit Tante, Onkel, Cousinen, Cousins und dem von mir so verhassten Weihnachtsliedersingen mit Blockflöte, Klarinette und dem ganzen Schmus. Mit fortschreitender Dauer des Abends wurden dann die Erwachsenen, dank Mums selbstgemachtem Eierlikör für die Damen und dem Punsch mit reichlich Rum für die Herren, immer breiter und dichter. Dann war die Stimmung auf dem Siedepunkt und das Ganze kaum noch zu ertragen. Was hätte ich aus heutiger Sicht dafür gegeben, wenn es mal eine Platte wie die von „Super Hi-Fi: Yule Analog Vol. 2“ auf den Plattenteller geschafft hätte? Aber so etwas geiles gabs vor über 50 Jahren leider noch nicht.
In medias res: Bassist Ezra Gale hat sich mit seinen Hi-Fiers ein weiteres Mal zehn Weihnachtslieder vorgeknöpft und eine schräge, Gebläse-lastige, jazzige Mischung aus Weihnachtsstandards mit tiefen Dubs und Remixes gebastelt. Ezra Gale und Schlagzeuger Madhu Siddappa beherrschen die Kunst, sirupartige Grooves aus den Weihnachtsklassikern herauszukitzeln. Für mich sind die zwei Posaunen das Markenzeichen der Band. Eine ziemlich coole Mischung aus schnoddrigem und auch keckem „Gebläse“, gemischt mit einem stellenweise etwas weicheren Posaunenspiel à la Rico Rodriguez. Das Album beginnt mit einer „Stille Nacht“ Version, wie könnte es anders sein? Eine sehr schöne, eigenwillige Version von Pyotr Ilych Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“ aus der Nussknacker-Suite ist auch vertreten, gefolgt von Bob Browns interaktivem White Board Song, hier: „Santa bring me an Echoplex“ im Ska-Rhythmus. Sehr witzig! Die Dubs wurden, wie bereits „Yule Analog Vol. 1“, von Prince Polo gemixt- siehe auch dazu „Destroy Babylon„.
Mein Fazit: Die jazzige Horn-Section bietet uns die Essenz alter Standards in neuem Gewandt und ist für meine Ohren wie geschaffen, um diese dunkle Zeit der kommenden Rauhnächte (25. Dezember bis 06. Januar) gut zu überstehen. Prince Polo macht „Yule Analog Vol. 2“ erneut zu einem sehr angenehmen Hörerlebnis. Wer Lust auf feine Hörner im Reggae-Stil mit Dub-Magie hat, ist hier bestens beraten.

Bewertung: 4 von 5.

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Laguna Pai: Resiliencia Dubs

Die kleine Weltreise geht weiter. Wie wär’s mit Reggae/Dub made in Peru? Ich muss gestehen, bis vor ein paar Monaten war Peru ein schwarzer Fleck auf meiner Reggae-Landkarte. Dabei wurde Laguna Pai bereits 2008 in Lima gegründet. Die siebenköpfige Truppe spielte 2017 in Berlin und 2018 auf dem Rototom in Italien. Die Band präsentiert eine ungewöhnliche Mischung aus Reggae und Rock. Mit zwei Gitarren, Synthesizern, klassischen Keyboards und soliden Reggae-Rock-Rhythmen wurde neben Cumbia und Folklore ein neues Genre in der peruanischen Musikszene geboren. Einflüsse von Bob Marley & The Wailers, Pink Floyd, Manu Chao und auch die Wurzeln ethnisch peruanischer Musik sind in ihren Arrangements und Kompositionen zu hören. Gelegentlich gibt es auch recht fetzige Gitarrenriffs, die aber wenig mit David Gilmours (Pink Floyd) atmosphärisch getragenem Fender Stratocaster Gitarren-Sound gemein haben. Darauf folgen dann wieder sehr schöne Soundscape-lastige Synthiepassagen. Die Themen, der sowohl in Englisch als auch Spanisch gesungenen Texte drehen sich um: Umweltschutz, Gerechtigkeit, soziale Eingliederung, Selbstreflexion und Spiritualität.

Ende 2015 hatten Laguna Pai die Aufnahmen ihres dritten Albums „Resiliencia“ abgeschlossen. „Wir haben das Album „Resiliencia“ genannt, weil die Welt momentan an vielen Traumata leidet, die es gilt zu überwinden. Die Menschheit muss sich selbst transformieren. Es ist von enormer Wichtigkeit, sich nicht nur anzupassen, sondern sich auch zu verändern und sowohl aus guten als auch schlechten Erfahrungen seine Lehren zu ziehen. Wenn wir dies nicht tun, werden wir den falschen Weg gehen.“ Die Aussage der Band aus 2015 ist momentan aktueller denn je.

Ok, zurück zum Thema: Nachdem die Band also mit Jim Fox in Kontakt gekommen war, wurde „Resiliencia“ in den Lion and Fox Studios in Washington, DC aufgenommen, gemixt und coproduziert. Die Zusammenarbeit mit Jim Fox sieht die Band selbst als einen Glücksfall, denn für die Band war besonders wichtig, den Sound zu finden, nachdem sie schon lange suchte. Unter der Ägide von Jim Fox hat Laguna Pai nach eigenem Bekunden endlich diesen Sound gefunden. Dass Jim Fox eine herausragende Persönlichkeit für Reggae und Dub ist, muss man hier sicherlich nicht ausdrücklich hervorheben. Jim Fox’s 40-jähriger Erfahrung sei es lt. Laguna Pai auch zu verdanken, dass es gelungen sei, die Spiritualität und Magie ihres Reggaes einzufangen. Zu meiner Freude hat sich Jim Fox 2017 nochmals ans Mischpult gesetzt und für uns Dubheads die „Resiliencia Dubs“ gemixt. Mit diesen Dubs erreichen Laguna Pai nun ganz neue Ufer. Jim Fox erforscht in den elf „Resiliencia Dubs“ meisterlich Harmonien und musikalische Arrangements, ohne die wahre Essenz der Tracks aus den Augen zu verlieren. Es erwartet uns lediglich hervorragender, relaxter Dub aber kein akustisches Feuerwerk. Jim Fox spielt hier seine ganze Erfahrung aus, die er im Laufe seiner langen Tätigkeit als Soundengineer und Studiobetreiber bei Aufnahmen mit: Groundation, Scientist, Black Uhuru, Israel Vibration, Culture und so vielen anderen gesammelt hat. Speziell unter Jim Fox’s Mitwirkung erhielt Laguna Pai einen wesentlich tieferen Sound. Gerade, weil die sphärischen Synthesizerklänge, langen Gitarren- und Keyboard-Soli, kraftvollen Basslines und Drum-Patterns teilweise aus verschiedenen Musik-Genres stammen, bewahren sie der Band eine einzigartige Persönlichkeit.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubrakadubra: Dubrakadubra

Schlagzeuger scheinen zum Dubmaster prädestiniert zu sein: Ludovic Daquin (LD Dub), Aldubb, Felix Wolter (Dubvisionist), Ben McKone (General Roots), Nelson Miller (Burning Spear) sind nur ein paar, die mir spontan einfallen. Ergo, der gelernte Drummer Gianluca Ferrara befindet sich mit seinem Projekt „Dubrakadubra“ in allerbester Gesellschaft. Ursprünglich spielte er Schlagzeug in einer Bob Marley-Coverband. Als ihn das alles nicht mehr so richtig begeisterte, verließ Gianluca „Dubrakadubra“ Ferrara bald die Band, um im Fonoprint Studio in Bologna das Handwerk des Tontechnikers zu erlernen. Einige Jahre später zog er nach Mailand, um am C.P.M. (ein Musikberufszentrum) sein erlerntes Wissen zu vertiefen. Parallel dazu war er zum gleichen Zeitraum auch als Mitarbeiter bei der Computermusik-Fachzeitschrift „Cubase Magazine“ beschäftigt. Aber auch das scheint für „Dubrakadubra“ nicht die absolute Erfüllung gewesen zu sein. Denn nach einer Zeit des Rückzugs, der Selbstreflexion und einer kurzen Unterbrechung als Postproduktionstechniker beim Rundfunk, wendete er sich seiner eigenen Musikproduktion zu. Unter dem Pseudonym „Dubrakadubra“ veröffentlichte er ursprünglich als Komponist, Arrangeur, Tontechniker und Dub-Master seine ersten eigenen Produktionen nur im Web. Die sieben, jetzt als Gesamtwerkschau, versammelten Tracks sind ein sehr schönes Konglomerat geworden. Ein Gewitter von Reverb- und Echo-Effekten erwartet uns nicht, aber ein sehr entspanntes Album, das Dub, Trip-Hop, Downtempo, Toasting, Acid Jazz, Klassik-Anleihen à la Matthias Arfmann und vieles mehr aufbieten kann. Für mich eine tolle Entdeckung.
Heute ist Gianluca Ferrara auch unter dem Pseudonym „DubMatter“ am Start. Auf seiner „Live Dub Session E.P.“ – auch nicht übel – erweist er vier (potenten) Hanfsorten die Ehre.

Bewertung: 4 von 5.
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Dreadlock Tales: Years 2000-2006

Heute gibt es Dub aus dem hohen Norden, genauer aus Finnland. Die Aufnahmen sind, wie der Titel bereits verrät, nicht brandaktuell. Dennoch lohnt es sich, in diese (kostenlose) Werkschau einmal intensiver reinzuhören. Dreadlock Tales ist (heute) ein Dub-Projekt von Kimmo Ilmari Tyni, einem Musiker und Soundengineer aus Helsinki. Zusammen mit Kasper Philström hat er 1999 „Dreadlock Tales“ als Studioprojekt gegründet, um Reggae und bevorzugt Dub aufzunehmen. Das Projekt kann bereits auf über 20-Jahre musikalische Entwicklung und Geschichte zurückschauen. Möglicherweise lag es auch wegen des Jubiläums nahe, die allerersten Dubs aus den Anfangsjahren, „Dreadlock Tales: Years 2000–2006“, als über 40-minütiges Gesamtwerk zu veröffentlichen. Zu Ohren bekommen wir eine exemplarische Zusammenstellung ganz früher „Dreadlock Tales” Titel, einschließlich des allerersten Tracks, der jemals von den zwei Musikern aufgenommen wurde. Die meisten der hier versammelten Dubs wurden noch analog eingespielt. Doch schon in den Anfangszeiten hatte Kimmo Ilmari Tyni dieses „Analog- vs. Digital-Ding“ am Laufen, bei dem er gerne zwei unterschiedliche Dub-Versionen anfertigte. Zuerst eine analog mit Instrumenten eingespielte Version, der dann die digitale mit „Maschinen” erzeugte Version folgte. Exemplarisch sehr schön bei „AmBush Dub #1 & #2″ herauszuhören. Die hier versammelten Dubs wurden noch zusammen mit Kasper Philström eingespielt und gemixt. Kaspar Philström saß am Schlagzeug und übernahm etliche andere Instrumente. Kimmo Tyni widmete sich Gitarre, Bass und Tasteninstrumenten. Eingespielt und gemixt wurden die melodischen Basslines und dynamischen Riddims analog im Old-School-Stil. Verweise auf die alten Dub-Meister sind auch hier nicht zu überhören. Was man ganz besonders als Kuriosum im Dub hervorheben muss, ist bei einigen Tracks der Einsatz eines Didgeridoos oder der Mundharmonika. Die Melodika wurde nur bei einem Track relativ sparsam eingesetzt. Sehr gespannt war ich im Vorfeld auf die Dubversion von „Wild Child“, einem Doors-Cover aus dem 1969 erschienenen „Soft Parade“ Album. Am Titelende bekommen wir ein fettes Pfund rockig-fetziger Gitarrenriffs auf die Ohren, die leider nix mit Robbie Kriegers Gitarrensound gemein haben und deshalb auf mich eher (ver)störend wirken. Darum können sich vor allem Dubheads die letzten zwei Minuten von „Wildubchild“ getrost schenken.
Trotzdem können wir aber insgesamt positiv vermerken: Auch wenn diese Tracks möglicherweise während des pechschwarzen finnischen Winters entstanden sind, verströmen sie dennoch genug Wärme, um das Studio zum einzigen Zufluchtsort werden zu lassen, an dem man sich vor dem Frost und den Stimmungsschwankungen einer Winterdepression schützen konnte.
Fazit: Mir persönlich gefallen die Aufnahmen der frühen Jahre bedeutend besser, als die heutigen Werke von Dreadlock Tales.

Info: Kasper Philström, der zu Beginn von Dreadlock Tales auch als Koproduzent und an den Reglern in Erscheinung trat, verließ nach den Aufnahmen zur „SynchroniCity” (2007) das Projekt, welches seither von Kimmo Tyni alleine weitergeführt wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Burning Spear: Living Dub Vol. 2

Die nächste Hiobsbotschaft: Nach Frederick „Toots“ Hibbert hat Corona leider den Nächsten erwischt und viel zu früh ins Grab gebracht. Der bekannte Soundengineer Barry O’Hare verstarb Ende September im Alter von 56 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und zwei Kinder. Berichten zufolge starb er nur wenige Tage nachdem er positiv auf COVID-19 getestet worden war im Universitäts-Krankenhaus der West Indies in Kingston. Barry O’Hare könnte vielleicht doch Einigen relativ unbekannt sein, obwohl er auch für Burning Spears Grammy-preisgekröntes Album „Calling Rastafari“ aus dem Jahr 2000 am Mischpult saß. Erst 2018 wurde er von der Jamaica Reggae Industry Association (JaRIA) für seine bedeutende Rolle in der Entwicklung und dem Fortbestand des Reggae geehrt.
Das größte Werk, das Barry O’Hare in meinen Augen der Fangemeinde hinterlässt, ist der Remix von „Burning Spear: Living Dub Vol. 2“ aus dem Jahr 1992. „Living Dub Vol. 2“ wurde ursprünglich 1980 als Dub-Version zu Burning Spears epochaler „Hail H.I.M.“ im Mix von Sylvan Morris auf LP veröffentlicht. Das vorliegende Album ist keine Neuauflage des Original-Dub-Albums, sondern ein völlig neuer Dub-Mix von Barry O’Hare und Nelson Miller (Drummer bei Burning Spear). Die „Hail H.I.M.“ ist für mich das letzte klassische Burning Spear Werk, wenn nicht sein definitives Meisterwerk. Die Backing Band stellte damals ein großer Teil der „arbeitslosen“ Wailers. Bob Marley war gerade sehr schwer erkrankt und befand sich in ärztlicher Behandlung in Dr. Issels Klinik in Bad Wiessee. Also ergriff Burning Spear die Gelegenheit und produzierte zusammen mit Aston „Familyman“ Barrett dieses Glanzstück. Auch das Remix-Album hat keine einzige Schwachstelle. Das Album beginnt mit „Cry Africa“ (Cry Blood Africans) und Burning Spears ein- und ausgeblendeter, klagender Gesang haut mich wieder um, wie bereits beim ersten Kontakt mit diesem Album geschehen. Eigentlich ist „Living Dub Vol. 2“ so homogen, dass es keinen Track gibt, den es lohnt, ausdrücklich hervorzuheben. Jeder Titel hat den perfekten Flow. Die Wailers liefern großartige Musik und Barry O’Hares kongeniale Dubs mit vielen Sound-Effekten sind traumhaft schön. Aus dem Dunst von Echo und Reverb tauchen immer wieder fantastisches „Gebläse“, fließende Keyboards, satte Basslines, komplexes Nyahbinghi-Drumming und Burning Spears klagende Stimme auf. Auch wenn ihr mich vielleicht für verrückt haltet, „Burning Spear: Living Dub Vol. 2“ ist immer noch eines der besten klassischen Dub-Alben aus der Blütezeit. Ein absolutes Muss für jeden Dub-/Reggae Fan. Really well done, Barry! (R.I.P.)

Bewertung: 5 von 5.
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King Pong Dub System: Dub Brut

Jakob Rehlinger ist ein Deutscher, der in Kanada lebt oder ein deutschstämmiger Kanadier. Sei’s drum, das ist jetzt auch nicht von wesentlicher Bedeutung. Auf jeden Fall würde ich Jakob Rehlinger als einen „kosmischen“ Musikkomponisten und Improvisator bezeichnen, der in Etobicoke, Ontario, lebt. Er veröffentlichte bisher eine große Anzahl an Alben, die nicht nur unter seinem bürgerlichen Namen, sondern auch mit zig Synonymen: King Pong Dub System, BABEL, Moonwood, Heavy Moon, TRANZMIT und in verschiedensten Genres aufgenommen wurden. Von Dub, Chillout, Funk, Krautrock, Psychedelic, Berliner- bis Düsseldorfer Schule ist alles vertreten.

Wir legen hier unseren Schwerpunkt natürlich auf Dub – was sonst? Bereits bei seiner ersten offiziellen Veröffentlichung als „King Pong Dub System: Islington West“ hatte er lt. eigenen Aussagen ein gewisses Unbehagen. Ein „weißer“ Mann, produziert Musik, die stark vom Dub inspiriert ist, ohne dass schwarze Musiker oder Musiker jamaikanischer Herkunft involviert sind. Obwohl King Pong vor allem diese Musik aus Wertschätzung und Respekt macht, ist es doch unvermeidlich, sich auch kulturelle Elemente der Musik anzueignen. Im Laufe der Zeit hat es King Pong dennoch geschafft, seinen völlig eigenen Sound zu erschaffen. Seine von ihm komplett in Personalunion eingespielten Alben, sind mittlerweile etwas weniger von authentischen Dub-Reggae-Rhythmen und -Sounds „inspiriert“. Trotzdem muss King Pong immer wieder anerkennend zur Kenntnis nehmen, dass er auf den hohen Schultern „schwarzer“ Riesen steht: King Tubby, Lee Scratch Perry, Scientist, Mad Professor, Sly & Robbie, Bonjo Iyabinghi Noah, Augustus Pablo und viele andere, von denen er Klänge, Ästhetik und sogar Elemente seines Spitznamens entlehnte. In diesem Jahr hat er sich nochmals das bereits im Sommer 2017 veröffentlichte Album „King Pong Dub System: Dub Brut“ vorgeknöpft und remixed. Herausgekommen ist ein Dub aus der langen Post-Punk-Tradition mit unüberhörbaren Anleihen bei „weißen“ Männern wie The Clash, Mark Stewart und Adrian Maxwell Sherwood. „Dub Brut“ sind improvisierte Drum-Machine-Jams und Live-Loop-Sessions, die von Jakob Rehlinger aka King Pong beinahe komplett live aufgenommen und gedubbt wurden. Mit jedem weiteren Hören offenbart das Album neue Sound-Effekte.

Bewertung: 3.5 von 5.