Es passiert nicht oft, dass man ein Dub-Album hört und sofort merkt: Hier öffnet sich gerade eine Tür, von der man bis eben gar nicht wusste, dass sie existiert. „The Alien Dub Orchestra Plays the Breadminster Songbook“ (Alien Transistor) ist genau so ein Moment. Für mich ist es die schrägste, ungewöhnlichste und dabei wohl innovativste Dub-Veröffentlichung der letzten Jahre – und ein beeindruckender Beweis dafür, wie weit Dub gehen kann, wenn man sich frei macht von Traditionen, Produktionsdogmen und Erwartungshaltungen.
Das Projekt selbst ist schon außergewöhnlich. Das Alien Dub Orchestra ist ein zusammengesetzter Haufen bayerischer Musiker*innen – unter anderem aus dem Umfeld von The Notwist und G.Rag y los hermanos Patchekos. Ihr Ansatz: die Songs des britischen Dub-Exzentrikers Elijah Minnelli aus dessen sogenanntem Breadminster Songbook als komplette Band einzuspielen. Minnelli, der seine „fransigen, melancholischen Hymnen an seine Heimat“ sonst – nach eigener Aussage – in einem feuchte Keller am Computer zusammenschraubt, wurde selbst von der Idee überrumpelt. „Echte Profis spielen etwas, das man selbst zusammengepuzzelt hat – das ist überwältigend“, sagt er. Und tatsächlich: Seine schräge Musik klingt plötzlich so, wie sie vielleicht schon immer von ihm intendiert war.
Das Album arbeitet sich durch Minnellis cumbia-infizierten Dub-Reggae – aber statt digitaler Loops und Rough-Mix-Atmosphäre gibt es hier eine voll instrumentierte, fast schon anarchisch bunte Bandbesetzung: Guiro, Akkordeon, Melodica, Sousaphon, Trompete, allerlei Percussion. Es klingt, als hätte man in einem Münchner Hinterhof-Kollektiv alte Studio-One-Aufnahmen, europäische Folk-Tradition und südamerikanische Rhythmen gleichzeitig wiederentdeckt und kurzerhand miteinander verschraubt. Schräg? Ja. Aber vor allem mind blowing.
Stücke wie „Vine and Fig Tree“ zeigen, was passiert, wenn man Minnellis rätselhaft schöne Melodien plötzlich aus Holz und Blech statt aus Bits und Bytes formt: Die Harmonien werden greifbar, der Bass (diesmal als johlende Sousaphon-Line!) bekommt diese körperliche Wärme, die man nur mit echten Luftsäulen und echten Händen bekommt. Bei anderen Nummern – etwa „Slats“ – fragt man sich beinahe, ob Minnellis Original nicht unbewusst für diese Band gedacht war. So natürlich, so eigen, so rund klingt das.
Und dann kommt der zweite Teil des Albums – der eigentliche Mindfuck: die Dub-Versions! Eine kreisrunde Metamorphose, die das Projekt endgültig in den Experimentalraum jenseits von Dub-Konventionen katapultiert. Für diese Dubs holte Minnelli den Soundkünstler Raimund Wong dazu, der mit einem anarchischen Setup aus Tape-Maschinen und Effektketten arbeitet. Alles wurde One-Take gemischt: Minnelli an den Fadern, Wong mit Filtern und Effekten, die den Dub zerlegen, verzerren, verflüssigen.
„Pundit Dub“ ist dabei vielleicht das beste Beispiel – ein hypnotischer, droniger Trip, der sich in psychedelische Schwaden auflöst und klingt, als würde das gesamte Album durch ein Portal in eine fremde Dimension gleiten. Es ist kein klassischer Dub und will auch keiner sein. Es ist Dub als Idee, als Kollaps, als radikale Öffnung der Form.
Am Ende ist „Play the Breadminster Songbook“ nichts weniger als eine Liebeserklärung an Dub als lebendiges Prinzip. Folk, Cumbia, Dub, Avantgarde – alles kollidiert, überschneidet sich, verschmilzt miteinander, ohne je beliebig zu werden. Die Musik wirkt wie eine dauernde Transformation, ein offener Dialog zwischen Minnellis digitaler Intimität und dem analogen Überschwang einer Band, die sichtbar Freude daran hat, Regeln zu missachten.
Ich würde bilanzieren: Dieses Album zeigt, wie weit Dub seit King Tubby gekommen ist – und dass es immer noch möglich ist, ihn zu dehnen, zu verbiegen und trotzdem seinen Kern strahlen zu lassen. „Play the Breadminster Songbook“ ist schräg, mutig, verspielt und visionär. Für mich das innovativste Dub-Projekt der letzten Jahre. Ein Meisterwerk des Unkonventionellen.

6 Antworten auf „The Alien Dub Orchestra: Play the Breadminster Songbook“
Kann dir nur beipflichten, lieber René!
Auch für mich das Dub Album des Jahres! Habe ihm seinerzeit auch eine kleine Sendung gewidmet. Kann man hier reinhören: https://www.nrwision.de/mediathek/jamaican-flavours-the-alien-dub-orchestra-plays-the-breadminster-songbook-250923/
Irie Grüße, eekakraus
Ach ja, die Playlist: https://www.jamaicanflavours.de/jamaican-flavours-19-09-25-playlist/
Ja ! Lasst uns Regeln missachten ! Macht immer wieder Spaß !Vorausgesetzt es schadet niemandem.
Das ist hier ja wieder mal so ein richtiger Snack für DubConnaisseure.
Um die ganze DubKunst zu erfassen, muss ich mir bei solchen Alben immer alles bereit legen, damit ich nicht durch unnötige Bewegungen oder gar überflüssigen Wegen vom Thema abgelenkt werde. Und so würde ich dieses Album niemals auflegen, wenn ich gerade in der Küche oder sonstwo aufräumen muss. Wenn so eine Musik bei mir läuft, dann ist volle Konzentration angesagt. Wobei ich eigentlich nicht dafür bekannt bin, mich in igendeiner Form konzentrieren zu können. Aber bei dieser Musik, geht das von ganz allein, bzw. automatisch. Ich habe ja auch schon in das Album vom Minnelli reingehört und dachte mir auch da schon, „schön schräg“ aber irgendwie auch zu schroff bzw. vielleicht auch ein Bisschen zu elektronisch. Elektronisch ist eigentlich auch kein Aussch(l)usskriterium aber wenn es zu sehr nach z.B. KeyboardBass klingt und auch die Effekte nicht so richtig „swingen“ dann isses auch nicht mehr so wichtig.
Auch dieses Album muss ich wieder irgendwie mit dem On .U Sound Cosmus in Verbindung bringen. Mit dem „Collapse Of Everything“ von Adrian Sherwood existiert diese experimentelle Musik aber durchaus nicht als einzige „schräge, mutige, verspielt und visionäre“ Variante der globalen DubMusic. Mir fällt da z.B. auch gleich noch Jeff The Brotherhood mit Blanc du Blanc ein. Ebenfalls „schräg, mutig, visionär und verspielt“. Es gibt kaum ein Album, wo ich nicht doch ganz gern über den Einen oder Anderen Tune hinwegskippen möchte oder manchmal auch muss. Und so ist es auch hier wi(e)der. Ich muss bei „Vine and Fig Tree“ nicht unbedingt skippen aber unbedingt nochmal hören muss ich es auch nicht. Gesang und Groove packen mich da gar nicht. „Bike Black“ ist auch nicht so mein Ding. „Kissing Circles“ packt mich mit seinen Percussions und seiner treibenden BassLine. „Pruning Hooks“ ! Das Akkordeon stimmt mich hier sehr froh und die Percussion(s) machen besonders in der zweiten Hälfte des DubTunes zusammen mit der tief blubbernden BassLine, schon fast ein instrumentales Reasoning aus dem ganzen Tune.
Der Gesang müsste auch hier nicht unbedingt dabei sein, stört mich aber nicht wirklich. Vieleicht wird er sogar bei mehreren Umläufen noch richtig gut. „Caprinae Subfamily“ nimmt mich auf ähnliche Weise mit. Mehr schreibe ich dazu jetzt nicht mehr, denn ich möchte endlich meine Begeisterung für den „Pundit Dub“ loswerden. BassLine, Percussion, Akkordeon und hypnotisierende „special Effects“ schicken mich hier wirklich auf eine Art Trip in „fremde“ Dimensionen. Wobei ich dazu sagen muss, dass diese Dimensionen für die meisten DubConnaisseure wohl nicht mehr fremd sind. Denn im Prinzip ist das – zumindest für mich – der Grund, warum ich immer wieder sehr gern DubMusik höre. „Slats“ ist hier auf dem Album ebenfalls einer meiner Topfavoriten. Eigentlich aus dem selben Grund wie „Pundit Dub“.
Nun, diese Dubs hier sind wirklich ungewöhnlich und wenn ich sie nicht so mögen würde, würde ich sagen, mir fehlen ein paar richtige Drums und vor allem auch dieser Schlag auf die Snare – Drum, der für DubAddicts quasi zwingend mit ordentlich Hall versehen und mit einem tiefen Echo verziert wird. Ja, die Drums sind da aber sie werden hier doch ziemlich „jazzig unterkühlt“ gespielt, wenn ich mich nicht irre. Aber auch wenn ich hier das Wort „Jazz“ mit einfließen lasse, so soll das nix schlechtes heißen. „Jazz“ kann mich zwar oft richtig nerven aber deshalb ist es für mich noch lange kein Schimpfwort.
„Who let the Jazz out ?“ ………………….. lemmi
„Das ist hier ja wieder mal so ein richtiger Snack für DubConnaisseure.“ ——— ääääääähm — nein !
It is wonderful to see innovations with Dub music in 2025. This album from Alien Dub Orchestra is a great example.