Milton Henry ist mit absoluter Sicherheit nicht der bekannteste jamaikanische Sänger, aber sicherlich nicht der untalentierteste. Das vorliegende Album „Milton Henry: Branches And Leafs“ (A-Lone Productions) ist weder ein altes Bullwackies Album noch ein brandneues Release. Es ist das dritte Album, des 2022 verstorbenen Sängers, Gitarristen und Arrangeurs aus dem Jahr 2013.
In den sechziger Jahren war Milton Henry in verschiedenen Musikgruppen aktiv. Zusammen mit Keith Blake, der besser als Prince Alla bekannt ist, und Roy Palmer gründete er 1966 „The Leaders“. Dieses Trio nahm 1968 zusammen mit der Lynn Taitt Band für Joe Gibbs den Song „Hope Some Day“ auf. Da war Milton Henry gerade 18 Jahre alt. Nach zwei weiteren Aufnahmen für Gibbs wandte er sich anderen musikalischen Projekten zu. Danach ging er zu Lee Perry, um sein Glück als Solokünstler zu versuchen. Für Lee „Scratch“ Perry nahm er seine Debütsingle „No Bread And Butter“ auf, die fälschlicherweise Milton Morris zugeschrieben wurde. Darüber hinaus existieren noch ein paar Klassiker, die in Lee Perrys Black Ark Studio entstanden, wie z. B. eine Interpretation des Impressions Klassikers „Gypsy Woman“ oder seine ersten Songs „This World“ und „Follow Fashion“ als King Medious über dem „Fever“ Riddim der Upsetters.
1979 folgte der Umzug nach New York, wo bereits eine große Gemeinde jamaikanischer Musiker in der Diaspora lebte. Gleich nach seiner Umsiedelung zeigte Milton Henry erst einmal kein weiteres Interesse, noch als Sänger unterwegs zu sein. Als Verkäufer von Vinylschallplatten, der zwischen New York und Jamaika pendelte, lernte er zwangsläufig Lloyd „Bullwackie” Barnes kennen, und bereits kurze Zeit später war er tief in die täglichen Abläufe von Wackie’s eingebunden. Milton Henry leitete den Verkauf, und das gesamte Marketing und hatte sogar Ersatzschlüssel für das Studio, falls „Bullwackie“ persönlich mal nicht am Platz war. Natürlich führten seine Talente unweigerlich dazu, dass er wieder selbst Musik machte, und 1985 wurde schließlich sein lang ersehntes Album „Who Do You Think I Am?“ veröffentlicht. Tatsächlich sagen schon ein paar Namen, die an diesem Album arbeiteten, bereits über die Qualität alles aus: Sugar Minott, Max Romeo – Backing Vocals; Sly Dunbar; Jackie Mittoo und die Bullwackie Posse selbstverständlich. Zwei Jahre später folgte dem Debütalbum noch das weniger beachtete „Babylon Loot“ Album.
Mehr als 25 Jahre vergingen, bis Milton Henry zusammen mit Roberto Sanchez das Showcase-Album „Branches And Leaves“ veröffentlichte. Der spanische Produzent begann im Jahr 2013 mit der Zusammenarbeit und zauberte in seinem A-Lone-Ark-Muzik-Studio die passenden organischen Roots-Riddims, die Henry dann in Bullwackies Studio in New York einsang. Das dritte Album von Milton Henry enthält sechs eigene Songs sowie deren Dubs mit Titeln wie „Rastafari Cannot Die” und „Let Go The Ego”. Diese beiden Songs wurden bereits im Juni 2013 auf einer 12″-Platte von Iroko Records veröffentlicht. Weitere Songs wie „Crisis”, „Rastaman Beware” und „Gimme Gimme” runden dieses außergewöhnliche Album ab, das voller positiver, zur Reflexion anregender Botschaften ist. Milton Henry beeindruckt mich mit seiner ruhigen, tiefen und souligen Stimme, die von den kraftvollen Riddims der Lone Ark Riddim Force untermalt wird. Ein erstklassiges Roots-Album voller Poesie, das die gegenwärtige globale Situation mit ihren wirtschaftlichen und spirituellen Problemen ideal widerspiegelt.
Eines muss man Roberto Sanchez wirklich lassen: Er hat ein gutes Gespür und ein sicheres Händchen dafür, alte Foundation-Veteranen mit einem gelungenen Album wieder in Erinnerung zu bringen. Außerdem beweist er uns immer wieder, dass er ein hervorragender europäischer Dub-Master par excellence ist, der es versteht, völlig unaufgeregte, entspannte Dubs aus einer längst vergangenen Zeit zu zaubern.

Eine Antwort auf „Milton Henry: Branches And Leaves“
Ich hab das Album auch schon ne ganze Weile als CD zuhause und lege es immer wieder gerne auf. Als es hier im Radar erschien, habe ich trotzdem nochmal bei BandCamp reingehört und ich konnte es echt nicht fassen, dass es eine Roberto Sanchez Produktion ist. Das war wohl aufm Cover wieder zu klein geschrieben. Ich mag ja Roberto Sanchez aber sowas Gutes hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Da war unter vielen Anderen auch noch sone Scheibe von den Vice Roys, die ich auch noch ganz gut fand. Seine Dubs erzeugen bei mir leider keine so große psychodelische Wirkung. Was ja kein Wunder ist, wenn seine Dubs „völlig unaufgeregt und entspannt“ daherkommen. Manchmal lässt er es gewaltig piepen, was dann allerdings extreme Spannungen in mir erzeugt, worüber ich mich masslos aufregen kann. Für mich ein klares Zeichen, dass er auch nur mit Wasser kocht. Aber mit Wasser kochen is ja nix schlimmes. Is ja ganz normal. Und genau dieses „Normale“ ist mir sehr oft zu langweilig. Nicht langweilig, sondern wirklich „kraftvoll“ empfinde auch ich die Riddims, die ihm hier zusammen mit Lone Ark Riddim Force gelungen sind. Da fällt der Mangel an psychodelischen DubEffekten gar nicht mehr so ins Gewicht. Ich liebe diese Scheibe aber in erster Linie wegen den VocalTunes. Wie Ras Vorbei es genau richtig auf den Punkt bringt, bin ich auch von seinem „ruhigen, tiefen und souligen“ Gesang voll und ganz überzeugt. Da nervt nicht ein einziger Ton und auch die Lautstärke des Gesangs kann ich nur als SOUVERÄN (!) bezeichnen. Das ist mir sehr sympathisch. Das komplette Gegenteil zu Sängern wie z.B. Chezidek oder Grölern wie Capleton und Sizzla. Nix für Ungut. Ich habe auch so einiges von den Trubaduren, die wohl ihr lautes Auftreten für notwendig halten und ja, da sind richtige HighLights dabei aber ich habe wesentlich mehr respekt für Sänger, die mich nicht so anschreien, angrölen oder sogar vollplärren, wie z.B Duane Stephenson. Jemand, der souveräne Argumente, bzw. Texte mit Tiefgang hat, brauch nicht so laut zu sein. Aber auch, wenn ich das hier so schreibe, heißt das nicht, dass ich im Moment weiß, worüber Milton Henry so singt. Ich bin mir aber sicher, daß ich beim nächsten Umlauf der Scheibe auch wieder durch die „positiven Botschaften zur Reflexion angeregt“ werde.
Für mich sind die DubVersions auch gut. Aber nicht, weil Roberto Sanchez so ein „hervorragender europäischer Dub-Master par excellence ist“, sondern weil die Riddims voll und ganz nach meinem Geschmack sind.
Ich möchte aber auch gar nicht abstreiten, dass er ein hervorragender, europäischer Dubmaster ist. Von mir aus gern. Aber ich habs halt noch lieber, wenn die Effekte in meinem Kopf Purzelbäume machen. Das muss richtig „blubbern“ …… if you know, what I mean …. lemmi