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Dub Dub (R)evolution

Dub Evolution, November 2007

Reggae gedeiht mittlerweile ganz gut im Licht der Öffentlichkeit. Die zarten Dub-Pflänzchen jedoch wachsen weitgehend unbemerkt im Schatten. Wer sie finden will, muss schon mit geübtem Kennerblick auf die Suche gehen. Dann kann es passieren, dass man in einer Bodensenke oder einer versteckten Felsspalte eine seltene, wunderschöne Blume entdeckt, die alle Mühe des Suchens entlohnt. So erging es mir mit „Ticklah Vs. Axelrod“ (Easy Star Records/Import), einer wahren Dub-Offenbarung, die letztens meinen Klickpfad im iTunes-Store kreuzte. Was zunächst so frappierend nach klassischen Tubby- oder Perry-Aufnahmen aus den 70er Jahren klang, entpuppte sich beim genaueren Hinhören als top-aktuelle Produktionen, die den Tubby-Sound in den Dienst akribisch durchkomponierter und komplex arrangierter Stücke stellen. Das Ergebnis dieser Fusion sind eingängige, überraschende und regelrecht spannende Tracks, die wie ein Tarrantino-Film funktionieren: formal ein postmodernes Spiel mit historischen Zitaten, inhaltlich jedoch komplette, faszinierende Neuschöpfungen. Hinter diesem virtuosen Spiel steht eine Person, die hier gegen sich selbst antritt: Ticklah und Victor Axelrod sind beides Namen ein und des selben jungen Musikers (er spielt fast alle Instrumente auf dem Album) und Produzenten aus Brooklyn, dessen musikalisches Werk Höhepunkte wie die Produktion von „High Fidelity Dub Sessions Presents: Roots Combination“, aber auch Tiefpunkte wie die Co-Produktion von „Dub Side Of The Moon“ (mit Dub-Cover-Versionen von Pink Floyd-Songs) umfasst. „Ticklah Vs. Axelrod“ ist sein Solo-Debut-Album, auf dem, neben reinen Dub-Aufnahmen, auch ein paar Vocalisten zu hören sind wie z. B. Mikey General oder Mayra Vega. Letztere singt auf zwei Cover-Versionen von Eddie Palmieri-Salsa-Klassikern, denen Axelrod ein waschechtes Dub-Treatment hat zu Teil werden lassen. Einfach nur cool.

Auch eine Entdeckung, die fast an mir vorbei gezogen wäre, ist das „neue“ Album von Dreadzone: „Once Upon A Time“ (Funktional Breaks/Import). Bereits 2005 erschienen, habe ich es erst jetzt bemerkt – und das, obwohl ich ein großer Fan von Dreadzone bin! Für alle, die das nur in England erhältliche Album ebenfalls verpasst haben: alles klingt wie gewohnt: Schnelle Beats, Leftfield-Sound, kräftige House- und Techno-Beimischungen, Earl 16-Gesang und gnadenlose Ohrwurm-Melodien. Letztes Jahr erschien außerdem das Live-Album „Dreadzone Live At Sunrise“ (Funktional Breaks/Import) und dieses Jahr: „Dreadzone: The Remixes“ (Virgin UK/iTunes – da „digital release only“). Hierauf sind 22 Remixe von Dreadzone-Stücken aus den frühen Virgin-Jahren zu hören. Remixed wurden zwar nur 6 Songs, diese aber gleich mehrfach. Mit von der Partie sind u. a. More Rockers, Underworld, Black Star Liner und Asian Dub Foundation – ja, das waren Zeiten!

Wo wir gerade bei Entdeckungen sind: Eines meiner All-Time-Favorite-Dub-Alben gibt es doch tatsächlich als remasterten Download zu kaufen: „Jah Shaka Meets Aswad in Addis Ababa Studio“ (Greensleeves/iTunes).

Und noch eine Entdeckung: „New(dub)Excursion“ (Sounds Around/Import), ein Doppel-CD-Dub-Sampler zwischen Steppers und Elektronik. Er hält eine perfekte Balance zwischen beiden Genres: genau die richtige Dosis Experiment, die Dub braucht, um spannend zu sein. Ein bisschen Dubstep, ein bisschen Orient, ein bisschen atonale Knister-Elektronik, und dagegen die so wunderschön strukturierten Reggae-Offbeats – und natürlich: viel, viel Bass. Die bekannteren, hier vertretenen Namen wären: Fedayi Pacha, Improvisators Dub, Manutension, Vibronic und Disciples. Erstaunlich, dass das großartige, in Frankreich ansässige Label Sounds Around keinen deutschen Vertrieb hat. Da es seine Veröffentlichungen scheinbar auch nirgendwo als Download zu kaufen gibt, sind die Freunde experimenteller Sounds wohl auf einen (der wenigen überlebenden) gut sortierten Reggae-Importeure angewiesen.

Up, Bustle & Out sind ja bekanntlich gern gesehene Gäste in dieser Kolumne. Und immer stellt sich die Frage, ob sie hier überhaupt richtig sind, denn was die beiden Briten so intonieren ist nicht wirklich Dub und oft noch nicht einmal Reggae. Im Fall des vorliegenden Albums „Istanbul‘s Secrets“ (Collision/Groove Attack) wirken diverse ethnische Musikstile zusammen: Flamenco, Latin, nordafrikanische Klänge, viel Trip Hop und natürlich türkische Musik. Letztere ist naheliegend, da die erste Hälfte der Doppel-CD wird von der türkischen Sängerin Sevval Sam bestritten wird – allerdings mit tatkräftigem Beistand verschiedener männlicher Kollegen wie Rob Garza, Benjamin Escoriza oder Kalaf. Die zweite CD – und jetzt sind wir wieder beim Thema – bietet die Dub-Versionen der 15 Songs von CD1. Steppers und One-Drop darf man hier nicht erwarten, faszinierende, ausgefeilte und komplexe Klangreisen  zum bewussten Zuhören aber ganz sicher.

Gute Neuigkeiten kommen aus dem Hause VP-Records. Dort hat man nämlich vor kurzem ein neues Sub-Label mit dem Namen „17 North Parade“ gegründet, eine Hommage an Vincent Chins legendären Record-Store „Randy‘s Record Mart“ in Kingston. Gedacht ist das Label als Plattform für die Wiederveröffentlichung bedeutender historischer Reggae-Produktionen wie beispielsweise der wegweisenden Dub-Alben „African Dub All Mighty – Chapter 1 – 4“ (VP/Groove Attack) von Joe Gibbs & The Professionals. Diese kleine von Joe Gibbs produzierte und von Errol Thompson gemischte Albenserie aus den 1970er Jahren gehört zu den großen Klassikern der Dub-Geschichte. Eigentlich erstaunlich, da hier Musiker wie Sly Dunbar, Lloyd Parks, Bobby Ellis und Tommy McCook lediglich die bekannten Studio One-Riddims nachspielen. Aber wie sie es tun, war einzigartig: Voller Druck und Energie im neuen Rockers-Style – garniert vom kongenialen Mix Errol Thompsons, der Lee Perry bei der Verwendung verrückter Samples übrigens in nichts nachstand. Im Vergleich zu früheren CD-Releases der African Dub-Alben, ist die Soundqualität (den Umständen entsprechend) gut. Ergänzt um informative Liner Notes und den Reprint des originalen Cover-Artwork, sind die Rereleases nur zu empfehlen.

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