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The Senior Allstars: What Next?

Vor rund zwei Jahren schwärmte ich an dieser Stelle von „In Dub“, dem damals neusten Werk der Senior Allstars und zugleich dem ersten „richtigen“ Dub-Album der Instrumentalband. Damals hatten sie diverse Dub-Mixer eingeladen, vorhandenes Allstars-Material in schöne, klassische Dubs zu verwandeln. Was im Studio so gut gelang, sollte nun auch auf der Live-Bühne funktionieren. Doch wie spielt man Dub vor Publikum, ohne die Musiker zu reinen Material-Zulieferern für den Nerd hinterm Mischpult zu degradieren? Ganz abgesehen davon, dass die Live-Performance eines Tontechnikers grundsätzlich wenig unterhaltsam ist. Die von den Senior Allstars gefundene Lösung für dieses Dilemma ist so einfach, wie genial: Jeder Musiker mixt sein eigenes Instrument. Ausgestattet mit Mixer und Effekten, entsteht so im Zusammenspiel der eigentliche Dub-Mix – live & direct. Ein Konzept, das sich auf den Tourneen der Band in den letzten zwei Jahre dermaßen gut bewährte, dass die Allstars die Frage nach dem nächsten großen Album („what next?“) damit beantworteten, auf diese gleiche Weise ein ganzes Studio-Dub-Album einzuspielen – ohne Overdubs oder nachträglichen Dub-Mix. Das Ergebnis liegt nun vor und trägt den passenden Titel: „What Next?“ (Skycap). Die Frage könnte auch lauten: „Does it work?“. „Yes Sir!“ ist man versucht auszurufen, so sehr überzeugt das neue Werk. Live-Atmosphäre und schöne, kreative Dub-Mixes verbinden sich hier auf ideale Weise. Das Album entwickelt einen wunderbaren Flow, in den man sich als Zuhörer fallen lassen kann, um mal diesem oder jenem Instrument zu lauschen, um dem Groove nachzuspüren oder einem Echo durch Raum und Zeit zu folgen. Doch was ist die Form ohne den Inhalt? Die eigentlichen Stars des Albums sind weder Live-Atmosphäre noch Dub-Effekte – es sind vielmehr die ungemein schönen Kompositionen, die regelrechte Song-Strukturen entwickeln und weit über die „Loops“ hinaus gehen, auf denen manch anderes Dub- (oder gar Dubstep-) Album aufgebaut ist. Fast bekommt man den Eindruck, als seien auch diese Kompositionen live entstanden, als würden sie sich erst in dem Moment formen, indem der Ton das Instrument verlässt. Alles greift hier organisch ineinander, verbunden durch den roten Faden des Dub. Das, was hinterher als konkrete Aufnahme vorliegt, ist einmalig und unwiederholbar. Man könnte sagen, dass bei den Senior Allstars Dub zu Jazz wird, indem Dub wie ein eigenes Instrument funktioniert, das die Performance der Musiker improvisierend umspielt und alle Einzelteile eines Stücks zu einem großen, starken Groove verbindet.

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