Fünf Tracks, fünf Remixer, drei Kontinente. Wer wissen will, wie global Dub inzwischen aufgestellt ist, muss nur diese EP hören.
Der Ausgangspunkt liegt fast zwanzig Jahre zurück. „Walkin‘ Target“ war 2007 das Debütalbum des Bassisten Ashtech, erschienen auf dem kanadischen Label Interchill, produziert und mitgeschrieben von Gaudi. Ashtech spielte Bass, Gitarre und Keyboards, Gaudi steuerte Synthesizer, Rhodes und Melodica bei, auf mehreren Stücken sang Cheshire Cat von Leftfield. Ashtech war zuvor Bassist bei Almamegretta, jener neapolitanischen Band, die Dub in den Neunzigern in den Mittelmeerraum verpflanzte. Das Album verschwand irgendwann aus dem Handel und war lange auf keiner Plattform mehr zu finden, bis Ashtech die Originaldateien wieder hervorholte und das Label Dubmission es 2025 erstmals auf Vinyl herausbrachte.
„Dub Target“ (Dubmission) ist nun nicht die Dub-Version dieses Albums, wie der Titel nahelegen könnte, sondern etwas Interessanteres: Jeder der fünf Tracks wurde von einem anderen Artist neu bearbeitet. Gaudi nimmt sich als ursprünglicher Produzent den Titeltrack noch einmal vor. Vibronics aus Leicester schickt „Beat Da Drum, Gringo“ Richtung Sound System. Der Melbourner Junglist LQ und Midnight Dubs reduzieren „Earthforce“ auf einen Old-School-Breakbeat mit schwerer Bassline, über der Cheshire Cats Stimme liegt. Tor.ma in Dub aus Mexiko versieht „Essential Credential“ mit psychedelischer Würze. Und Misled Convoy aus Aotearoa – Mike von Pitch Black – zerlegt „Walkin‘ Target“ ein zweites Mal, diesmal ins Downtempo.
Italien, England, Australien, Mexiko, Neuseeland: An dieser Liste lässt sich die Weltkarte des zeitgenössischen Dub ablesen. Und mit ihr die stilistische Bandbreite, die diese Musik längst kennzeichnet – UK Steppers, Jungle, Psy-Dub, Downtempo, alles unter einem Dach. Was vor zwanzig Jahren noch als Auflösungserscheinung gedeutet worden wäre, ist heute schlicht der Normalzustand: Dub ist ein großes, umfassendes musikalisches Prinzip, gehört niemandem exklusiv und funktioniert überall.
Das Erstaunliche ist, dass die EP darüber nicht auseinanderfällt. Sie ist vielfältig und klingt dennoch geschlossen, wie aus einem Guss. Das mag am gemeinsamen Ausgangsmaterial liegen, an Ashtechs Basslines, die durch alle Bearbeitungen hindurch erkennbar bleiben. Es liegt aber auch daran, dass alle fünf Remixer offenbar dasselbe verstanden haben: Der Bass ist hier nicht Begleitung, sondern Substanz. Er ist schlicht überragend. Diese Tracks sind für eine Sound-System-Session gemacht, nicht für Kopfhörer – auch wenn sie dort ebenfalls funktionieren.
Insgesamt ein Paradebeispiel für modernen Dub. Nicht weil hier etwas Neues erfunden würde, sondern weil das alte Prinzip – ein Stück Musik immer wieder neu zusammensetzen – hier von fünf Leuten aus fünf Ecken der Welt gleichzeitig praktiziert wird. So muss Dub!
