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Dub Dub (R)evolution

Dub Revolution, Juli 2006

Richard H. Kirk ist wohl am besten bekannt als Gründer der Punkband Cabaret Voltaire. Obwohl sich Punk und Reggae in den 1970er Jahren nahe standen, dauerte es rund drei Jahrzehnte, bis der talentierte und experimentierfreudige Kirk Reggae und Dub für sich entdeckte. 2002 erschien unter dem Namen Sandoz sein Dub-Debut „Chant To Jah“ auf dem – eigentlich den Rare Grooves verschriebenen – Label Soul Jazz, das jedem Studio One-Liebhaber als zurzeit profiliertestes Reissue-Label ein Begriff sein dürfte. Doch „Chant To Jah“ war – trotz des prestigeträchtigen Labels – kein gutes Dub-Album. Die Tracks waren zu vertrackt, der Bass geriet permanent ins stocken und die Beats wollten einfach nicht grooven. Irgendwie steckte darin noch zuviel „Industrial“ (wie es auch bei manchen Produktionen von Adrian Sherwood der Fall ist) – wahrscheinlich das Erbe früherer musikalischer Vorlieben Kirks. Inzwischen hatte Kirk vier lange Jahre Zeit, um viele klassische Dub-Platten zu hören, um das britische Dub-Revival der 1990er Jahre aufzuarbeiten und nicht zuletzt, um an eigenen Basslines zu werkeln, Rasta-Vocals zu sampeln und die Synthies zu tunen. Nun liegt sein neues Dub-Album, “Live In The Earth” (Soul Jazz/Indigo) vor und es lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Lektionen gut gelernt hat. „Live In The Earth“ ist ein faszinierendes Dub-Album geworden, mit starken, hypnotischen Tracks, die den Hörer förmlich in sich aufsaugen. Endlose Loops des immer gleichen Vocal-Samples, der stoisch durchlaufende, stark betonte Offbeat und die warmen, pulsierenden Bass-Frequenzen steigern das repetetive Moment des Dubs in bisher nur von Mark Ernestus und Moritz von Oswald erreichte Dimensionen. Dabei ist sein Sound keineswegs karg oder verkopft. Im Gegenteil: die Beats stecken voller Wärme und Leben. Jedes Detail in ihnen dient dazu, den Hörer zu vereinnahmen, seinen Rhythmus mit dem der Musik zu synchronisieren, mit ihr zu schwingen und sich schließlich in ihr zu verlieren. „Live In The Earth“ ist daher zweifellos als akustische Droge einzustufen und jeder, der die Platte auflegt, sollte sich der Gefahr bewusst sein, als Dub-Addict zu enden. Ein Risiko, das man jedoch gerne eingeht.

Hoffnungslose Dub-Adddicts sind auch die beiden Berliner Produzenten Mark Ernestus und Moritz von Oswald (aka Rhtyhm & Sound). Daher war zu erwarten, dass sie ihrem One-Rhythm-Album „See Mi Yah“ eine Dub-Version folgen lassen würden. Diese ist nun unter dem Titel „See Mi Yah Remixes“ (Burial Mix/Indigo) erschienen. Da ein reines One-Rhythm-DUB(!)-Album sogar die Geduld des härtesten Minimal-Dub-Liebhabers auf die Probe stellen würde, entschloss sich das Produzententeam, eine ausgewählte Schar weitgehend Dub-fremder Musiker um Remix-Versionen zu bitten und sich damit ein schönes Spektrum aktueller Club-Sounds zu erschließen. Folgerichtig griffen Minimal-Elektroniker, Disco-House-Vertreter und Techno-Prouzenten wie Carl Craig, Villalobos, Vladislav Delay oder Hallucinator in die Tastaturen und kreierten oft gänzlich neue und sehr spannende, Club-taugliche Stücke. Nicht selten blieben dabei neben Instrumentierung und Genre, auch die Vocals auf der Strecke. So stellt sich die berechtigte (wenn auch nicht sonderlich sinnvolle) Frage, was die Remixes denn eigentlich noch mit dem Original zu tun haben? Streng genommen ist das verbindende Element meist nur noch die dunkle Atmosphäre und der konsequente Minimalismus – und natürlich das Prinzip des Dub, das die unterschiedlichen Genres unter dem Primat des Sound vereint.

Bleiben wir noch ein wenig in Club-Gefilden, auch wenn sich der Sound jetzt radikal ändert: „Schön, dass du mal wieder reinhörst“ (Pingipung/Kompakt) heißt das Debutalbum von Peter Presto aka Nils Dittbrenner und bietet die wohl verrückteste Sound-Mixtur, die je in dieser – an Ungewöhnlichem nicht armen – Kolumne Erwähnung gefunden hat. Und das ganz unspektakulär und lässig im Gewand eines durchweg entspannten Sommer-Soundtracks voller sympathischer Synthie-Hooklines und Ohrwurm-Melodien. Es ist ein Album voller Sonnenwärme, das unschuldig zwischen Schunkelstimmung und Albernheit hin- und herspringt. Ein Album, das zu gleichen Teilen Club-Elektronik, Pop-Kitsch, Reggae und Dub sowie unverkennbar Schlager ist. Es ist unentscheidbar, ob dieses Album pure Ironie, Reggae-Verarsche, eine ultracoole Rückbesinnung auf die Werte des Kitsch oder schlicht ein schönes Elektronik-Album ist, gewissermaßen die konsequente Dub-Fortsetzung von 2Raumwohnung. Doch wer braucht Gewissheit, wenn die Musik macht einfach richtigen Spaß macht. Eigentlich wollen wir doch alle schöne Melodien und einen groovenden Reggae-Soundtrack. Wenn dazu die Sonne scheint, wie diesen Sommer, dann ist das kleine Lauben-Glück doch perfekt.

Dennis Bovell ist vielleicht die einflussreichste Reggae-Größe Englands. In den frühen 1970ern gehörte er mit seiner Band Matumbi zu den Pionieren des britischen Reggae und begann Mitte des Jahrzehnts als erster britischer Musiker mit Dub zu experimentieren. Später erfand er im Alleingang den Lovers Rock und verhalf Dub-Poet Linton Kwesi Johnson zu internationaler Bekanntheit. Anfang dieses Jahres hat er sein – bei uns komplett übersehenes – Vocal-Album „All Over The World“ beim Major EMI veröffentlicht. EMI/Virgin-Recods hat das zum Anlass genommen, auch einige alte Werke des Meisters aus den 1970er und 1980er Jahren wieder zu Gehör zu bringen. Die Wahl fiel auf folgende sieben Alben: „Strickty Dub Wize“ von 1978, „Brain Damage“ von 1981, „Audio Active“ von 1986 sowie die vier Alben, die Bovell unter dem Namen „The 4th Street Orchester“ in den 1970er Jahren aufgenommen hat: „Scientific, Higher Ranking Dubb“, „Yuh Learn!“, „Ah Who Seh? Go Deh!“, sowie „Leggo! Ah-Fi-We-Dis“. Die beiden Letzteren beiden wurden tatsächlich von Matumbi eingespielt, was Bovell jedoch verschwieg, weil er sie als „Jamaika-Importe“ an den Markt bringen wollte. Da britischer Reggae damals noch nicht viel galt, war dies eine geschickte Marketingstrategie, deren Erfolg im Übrigen auch viel über die authentische Qualität der Bovell-Produktionen aussagt. Auch heute noch macht es viel Spaß, diese klassischen Old-School-Dubs zu hören, die problemlos als Tubby-Mixe durchgehen könnten. Präzise gespielt, sehr inspiriert arrangiert und gemischt, sind diese Aufnahmen die Highlights der Reissue-Serie. Sehr schön sind aber auch die Dubs auf  „Scientific, Higher Ranking Dubb“/ „Yuh Learn!“, die auf Bovellschen Lovers-Rock-Produktionen basieren und seinerzeit hoch im Kurs der britischen Soundsystem standen. Bovells Leistung bestand darin, die soften Lovers-Rock-Arrangements mit dem Roots-Rückgrat des Reggaes abzustimmen, was ihm sehr gut gelungen ist. „Strictly Dub Wize“ – das Bovell unter dem Pseudonym „Blackbeard“ veröffentlicht hatte –  featured ebenfalls Dub-Versionen von Matumbi-Aufnahmen. Hier wurden sie jedoch trockener und puristischer abgemischt. Die verbleibenden zwei Alben, „Audio Active“ und „Brain Damage“, bieten vorwiegend Vocal-Stücke. Richtige Hits wie „Dub Master“ oder „Pow Wow“ finden sich auf ersterem. Obwohl „Brain Damage“ das bekanntere Album ist, kann es im Vergleich nicht überzeugen. Hier sind schlicht die Konzessionen an den Mainstream-Pop der Zeit zu groß, weshalb das Album neben Reggae auch Afro-Pop, Rhythm & Blues, Jazz und Soul bietet. Leider etwas zuviel des Guten.

Passend zum Thema hören wir kurz in „King Tubby & Friends: Motion Dub Special“ (Motion/Import) hinein, eine Sammlung von 14 Dubs aus den Jahren 1974 bis 1978. Die Stärke dieses Samplers liegt in der großen Unterschiedlichkeit der hier zusammengetragenen Stücke, die weitestgehend dem Releasekatalog des kleinen Motion-Labels entstammen. Wer Tubby vorwiegend von den unzähligen, stilistisch sehr einheitlichen Bunny Lee-Produktionen kennt, wird hier ganz andere Seiten aus Tubbys Schaffen kennen und lieben lernen.

Nucleus Roots haben ein neues, ziemlich beeindruckendes Dub-Album vorgelegt: „Heart Of Dub“ (Hammerbass/Import). Der Sound passt perfekt zum Labelnamen, denn mit aller Wucht schleudern die Franzosen ihren Hörern die Basslines entgegen und schlagen ihnen die Bassdrum in den Magen. Uff, das ist wahrlich physisch spürbare Musik. Steppers in Reinkultur – und trotzdem nicht uninspiriert oder langweilig, was schlicht an den guten Gesangsmelodien liegt, die fragmentarisch das musikalische Echo-Inferno durchdringen. Aber auch die Basslines rollen schön melodiös aus der Box. Natürlich wird es für so ein konsequent klassisches Steppers-Album keinen Innovationspreis geben, doch auf den Publikumspreis könnte das Album durchaus hoffen.

Weniger hart, ja geradezu versöhnlich und entspannt kommt die Musik auf dem neuen Alien Dread-Album „Kortonic Dub – Remixed & Remastered“ (www.acl2000ltd.co.uk) daher. Die sanften Bässe werden hier von sphärischen Flötenklängen und Synthie-Sternenglitzer begleitet. Was nicht heißt, dass wir es hier mit einem Ambient-Dub-Album zu tun hätten. Ganz und gar nicht! Der Groove ist absolut geerdet, äußerst solide und tight. Der fremde Dread versteht sein Handwerk zweifellos. 

Ebenso die Jungs von Johnstone. Mit „Eyes Open – Dub“ (John Stone/Import) liefern die Amerikaner ein beachtenswertes Dub-Album ab, das auf schnelle und leichte Beats gebaut ist. Wie für amerikanischen Reggae ist Musik handgespielt, was ja immer einen ganz eigenen Charme besitzt. Der Mix ist nicht sonderlich aufregend, aber die Rhythms sind sehr kraftvoll und solide. Der Sound ist deutlich trockener, als bei den beiden französischen und britischen Produktionen (s.o.), die Arrangements hingegen – trotz der Minimalbesetzung der Band – abwechslungsreicher.

Ein interessantes Projekt haben die beiden Engländer Garry Hughes und Andrew T. MacKay unter dem Pseudonym „Bombay Dub Orchestra“ (Exil/Indigo) realisiert. Hughes und MacKay haben in Indien ein 28-köpfiges Streichorchester für sich spielen lassen und die Aufnahmen im britischen Heimstudio dann schichtweise übereinander getürmt, bis sie den gewünschten „cinematografisch-symphonischen Panoramaklang“ der Superlative auf Band hatten. Dazu noch schnell ein paar Sitar-, Sarangi-, Tabla- und Bansuri-Solisten und fertig war das musikalische Ambient-Triphop-Dub-Curry. Für uns ist vor allem die Bonus-CD mit den Dub-Mixen interessant. Doch obwohl hier eigentlich alle Ingredienzien stimmen, entwickelt das Curry nicht die nötige Schärfe. Man schafft es maximal fünf Minuten lang konzentriert hinzuhören, dann sind die Gedanken schon woanders und die Musik nur noch Background-Muzak. Schade.

Ein Album, das uns wieder versöhnt, ist der „Showcase“ (Wibbly Wobbly) von den Abassi All Stars. Hinter den All Stars steht tatsächlich nur eine Person, nämlich Neil Perch, Labelchef von Universal Egg, Deep Root und Kopf von Zion Train. Dass er seit den frühen Zion-Train-Meisterwerken nicht verlernt hat, kraftvolle, inspirierte und schön melodiöse Tracks zu produzieren, zeigt dieses spannende Album. Anders als der Titel vermuten lässt, werden hier ausschließlich Vocal-Tracks präsentiert, von überwiegend unbekannten UK-Artists. Lediglich Earl 16, Luciano und Dubdadda sind einem größeren Publikum bekannt. Alle beteiligten Artists liefern äußerst schöne, prägnante und hervorragend gesungene Tunes ab. Earl 16s Opener „Stem the Tide“ legt die Latte bereits sehr hoch, doch der Höhepunkt ist wohl Sis Sanaes Track „Suffering“, in dem die Sängerin ihre sanfte aber starke Melodie selbstbewusst dem brachial treibenden Beat entgegenstellt. Lucianos Tune „What We Gonna Do“ ist ungewohnt düster und schwer, während Fitta Warri seine Interpretation von Sizzla über einem bemerkenswerten Uptempo-Steppers abliefert. Zwei Tracks weiter meldet er sich nochmals mit „Never Sell My Soul“ zu Wort und präsentiert einen weiteren herausragenden Track des Albums. Hier hat Perch wieder ein kleines Meisterwerk geschaffen. Es ist kaum zu glauben, dass er nach rund 15 Jahren im Geschäft noch immer geradezu übersprudelt vor Ideen. Dafür ist es andererseits umso enttäuschender, dass es nur einen MP3-Release (iTunes) des Albums geben wird. Times are changing. 

Zum Abschluss noch ein Dub-Album aus hiesigen Gefilden: Die drei Stuttgarter Musiker Wolfram Göz, Michael Friedler und Gabriel Schütz haben unter dem Bandnamen Tokyo Tower ihr Debutalbum „The Meaning“ (www.mutan.de) vorgelegt. Es ist ein ruhiges, verhalten experimentelles Dub-Album, das sich deutlich am Sound von Leftfield, Dreadzone und Terranova orientiert. Dabei steckt es voller interessanter Ideen wie etwa der musikalischen Umsetzung der Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Doch, obwohl alle Songs schön entwickelt und detailbewusst umgesetzt sind, fehlt es an der einen oder anderen Stelle vielleicht noch etwas am Timing.

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